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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Jenseits der Oder

Küstrin

Die Wasser grau und schwer,
Und Wolken drüber her,
Und über den Mauern
Liegt es wie Trauern.

Jenseits der Oder, wo zwischen Werft und Weiden die Warthe rechtwinkelig einmündet, liegt Küstrin, ein durch die Jahrhunderte hin in den Geschichten unseres Landes oft genannter Name. Oft, aber selten freudig. Etwas Finster-Unheimliches ist um ihn her, und in meiner Erinnerung seh ich den Ort, der ihn trägt, unter einem ewigen Novemberhimmel.

Über die Bedeutung des Namens fabeln die Chronisten in gelehrten Streitigkeiten; ich meinerseits begnüge mich mit dem Tatsächlichen, daß Küstrin um die Wende des Jahrtausends ein slawisches Fischerdorf, um 1200 ein oppidum oder Flecken und um 1300 eine civitas oder Stadt war. 1317 wird es zuerst als solche genannt. Ist dies sein Geburtsjahr als Stadt, so war es in eine schwere Zeit hineingeboren. Wenig später (1319) trat mit Markgraf Waldemar das askanische Haus vom Schauplatz ab, und jenes bayerisch-luxemburgische Interregnum folgte, das gerade lange genug währte, die bis dahin blühende Mark in eine Wüste zu verwandeln. Von dem allgemeinen Elend ward auch Küstrin betroffen, und die Blätter seiner Chronik erzählen ausgiebig von Ereignissen, wie sie damals in allen märkischen Städten, groß oder klein, so ziemlich dieselben waren: Fehden unter- und gegeneinander, Fehden mit den Pommern und Polen, Fehden mit Adel und Bischöfen und dazwischen Überschwemmungen und Feuersbrünste, Mißernten und schwarzer Tod. Jedes Blatt ein Klageschrei. Und doch verklingt er an unserem Ohr, weil der statistisch-trockenen Aufzählung aller dieser Notstände die menschlich-erschütternden Züge fehlen. Und nur sie haben Wert, nur sie stimmen uns zu Lust oder Schmerz, und der scherzhaft zugespitzte Satz: »daß ein rauhes Wort Reinharts an Lorle uns mehr rühre als der Untergang einer Dynastie«, birgt einen Kern ernster und tiefer Wahrheit.

Schreckensvoll und doch inhaltsleer verging unseren Marken das vierzehnte Jahrhundert.

Das ihm folgende fünfzehnte schien endlich eine Wandelung zum Bessern bringen zu sollen: die Nürnberger Burggrafen kamen ins Land. Aber die Wandlung, die mit ihnen kam, reichte nur bis an die Oder, und alles, was »drüben« lag: die Neumark und das mit ihr dem Deutschen Ritterorden zugefallene Küstriner Land, hatte noch lange hin auf die Segnungen eines starken und wohlwollenden Regiments zu warten.

Erst als um die Mitte des Jahrhunderts Kurfürst Friedrich Eisenzahn alles jenseits der Oder gelegene Land für sich und seine Kurmark rückerwarb, zogen auch für diese Landesteile glücklichere Zeiten herauf, Zeiten, die nach abermals achtzig Jahren in » Küstrins Glanzperiode« gipfelten.

Das war unter Markgraf Hans.

Unter Markgraf Hans
(1535–1571)

Markgraf Hans war der zweite Sohn Joachims I. (Nestor) und der der Lehre Luthers eifrig zugetanen Elisabeth von Dänemark. Als Joachim starb, erfolgte jene Landesteilung, die dem älteren Bruder, Joachim II. (Hektor), die Kurmark, dem jüngeren, Johann, die Neumark und die lausitzischen Besitzungen zusicherte.

Johann wurde den 3. August 1513 »zwischen drei und vier Uhr nachmittags« geboren. So genau diese Zeitbestimmung ist, so schwankend ist die Ortsangabe. Leuthinger sagt Angermünde, Angelus sagt Tangermünde, Hänfler sagt Peitz, Rentsch sagt Küstrin, und Kaspar Sagittarius stimmt dem letzteren bei. Es darf aber als jetzt feststehend angesehen werden, daß Markgraf Hans auf Schloß Tangermünde geboren wurde.

Er war seiner Mutter Liebling, die sich denn auch eifrig beflissen zeigte, seiner Erziehung, allen gegenteiligen Bestrebungen zum Trotz, eine protestantische Richtung zu geben. Leuthinger erzählt, »daß sich der Prinz weggeschlichen habe, wenn er mit seinem Vater in die Messe gehen sollte«, und fügt hinzu, »daß er der Überfülle von Symbolen und Zeremonien in der katholischen Kirche von Jugend auf abgeneigt gewesen sei«. In Sprachen und Wissenschaften, besonders in der Mathematik, empfing er einen vorzüglichen Unterricht und erwies sich früh als ein Erbe der väterlichen Wohlredenheit. Um ihn für seinen fürstlichen Beruf vorzubereiten, nahm ihn der Vater bei sich darbietenden Gelegenheiten mit außer Landes. 1521 war er mit in Worms, 1528 in Grimmen (bei Beilegung eines Streites mit dem Pommernherzoge), 1530 in Augsburg. Wenigstens nach Ansicht einiger. Eine gleiche Sorgfalt wurde seiner Ausbildung in den ritterlichen Künsten gewidmet, und er galt später, in seinen Mannesjahren, für einen glänzenden Turnierer. Einzelheiten aus seiner Jugend werden im übrigen wenig berichtet.

So kam das Jahr 1535, und beide Söhne leisteten am Sterbebette des Vaters das Versprechen, der alten Lehre treu bleiben zu wollen. In ihren Herzen aber stand es bereits fest, dieses Versprechen einer höhern Pflicht zu opfern. Ihr Übertritt zum Protestantismus durfte lediglich als eine Frage der Zeit angesehen werden. Johann, der entschiedenere der beiden Brüder, wartete nur seine Vermählung mit Katharina, Tochter des streng-katholisch gebliebenen Herzogs Heinrich von Braunschweig, ab und nahm dann in der Schloßkirche zu Küstrin das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Das war im Jahre 1538, »als am Neujahrstage die Blumen blühten«, und bald darauf reiste der Markgraf nach Wittenberg, um sich von Luther selbst eine Kirchenordnung für seine Neumark zu erbitten. Dieser schlug ihm zwei Prediger zu Superintendenten vor, einen gelehrten und einen bibelfesten, unter denen sich Johann ohne weiteres für den letzteren entschied. »Ein Zeichen«, sagt der Chronist, »daß er wohl wußte, worauf es ankam.«

So waren Haus und Kirche durch ihn bestellt, und wenn das Wort von der »christlichen Ehe« jemalen eine Wahrheit war, so war es in dem Bunde, den Markgraf Hans und seine Käthe geschlossen hatten. Ihr Ansehen war so groß, daß ein junger Herzog von Lüneburg an den Küstriner Hof kam, um »an einem rechten Tugendhofe selber Tugend zu lernen«, und der Hofprediger Buchholtzer schrieb in einer Vorrede: »daß Seines Durchlauchtigen Herrn Ehe denen Potentaten und Regenten ein sonderlich Exempel sein müsse, den Ehestand zu lieben«.

Markgraf Hans war ein geborener Regierer, und ordnen und aufbauen entsprach so recht dem innersten Zuge seiner Natur. Er fand – wiewohlen das Schlimmste bereits zurücklag – immer noch recht- und gesetzlose Zustände vor, und sein erstes Trachten, nachdem die kirchlichen Fragen im Lande geregelt waren, war darauf gerichtet, ein festes Recht zu gründen und zu handhaben. Zu diesem Behufe schuf er ein neumärkisches » Hof- und Kammergericht«, das lange Zeit in Segen wirkte und auch nach der Wiedervereinigung der Neumark mit der Kurmark als besonderer Gerichtshof fortbestehen blieb. Er widmete diesem Hof- und Kammergericht seine ganz besondere Aufmerksamkeit, wohnte den Versammlungen der Räte bei und zog in schwierigen und wichtigen Fällen auswärtige Rechtsgelehrte hinzu. Von ähnlicher Bedeutung waren seine Polizeiverordnungen, in denen er das bürgerliche Leben in die richtigen Bahnen lenkte, natürlich alles vom Standpunkt eines patriarchalischen Regimentes aus. Ähnlich wie König Friedrich Wilhelm I., an den er überhaupt, in seinen Tugenden und Fehlern, lebhaft erinnert, griff er in Großes und Kleines ein, bestimmte die Preise der Lebensmittel, verbot den Handwerkern, werkeltags in Bierhäusern zu frühstücken, und ordnete die Zahl der Gerichte bei Hochzeiten und Kindtaufen. Selbst die Tafelstunden wurden bestimmt. Daneben war er um alles, was krank, elend und bedürftig war, aufs sorglichste und liebevollste bemüht, und die Armen hatten ein Recht, ihn ihren »Vater« zu nennen.

Er war aber nicht nur ein glänzender Verweser und Verwalter seines Landes, er war auch ein Politiker und beherrschte die nach außen hin liegenden Fragen mit absonderem Geschick. Unter diesen Fragen standen einerseits die Beziehungen zu seinem Bruder, dem Kurfürsten, andererseits die zu dem Bischofe von Lebus und dem innerhalb der Neumark reich begüterten Johanniterorden obenan.

Was die Beziehungen zu seinem Bruder, dem Kurfürsten, angeht, so waren und blieben sie, soweit das Herz in Betracht kam, immer die besten, während es da, wo die Landes- und beinahe mehr noch die Privatinteressen mitsprachen, an ernsten Zerwürfnissen nicht fehlte. Dies war namentlich auf dem diffizilen Gebiete der Zölle, ganz besonders aber der Oder-Zölle, der Fall, in betreff deren oft schwer festzustellen war, ob der Kurmark oder der Neumark das größere Recht zur Seite stehe. An Nachgiebigkeit war nicht zu denken, weil diese Zolleinnahmen für beide Brüder den allerempfindlichsten Punkt bildeten: für den verschwenderischen Joachim, weil er das Geld beständig gebrauchte, für den sparsamen und geizigen Johann, weil er es beständig vermehren wollte.

Ungleich schwieriger noch lagen die Beziehungen zum Orden und zum Bischof, freilich durch eigene Schuld, insofern er von Anfang an bestrebt war, nicht bloß die Macht, sondern vor allem auch den Besitzstand beider zu schmälern. Es sind ihm, was hier gesagt werden muß, all diese Schritte, weil sie nicht nur von einem protestantischen Fürsten ausgingen, sondern zum Teil auch im direkten Interesse des Protestantismus geschahen, in der Geschichtschreibung seiner Zeit eher zum Guten als zum Schlimmen gedeutet worden; ein unparteiisches Urteil aber, das an dem Satze festhält, daß »Rechtsfragen nicht nach jeweiligen Tendenzen gemodelt werden dürfen«, wird nicht umhinkönnen, des Markgrafen Vorgehen gegen Orden und Bischof mit Mißbilligung zu nennen. Um so mehr (und wir kommen darauf zurück), je rücksichtsloser er in der Wahl seiner Mittel war. Rücksichtslos, aber klug.

Und diese Klugheit bewies er auch, als sich aus dem Schmalkaldischen Bunde, dem er zugehörte, der Schmalkaldische Krieg zu entwickeln begann. Norddeutschland, das in ihm einen Hort des Protestantismus sah, erwartete, daß er als der ersten einer auf die Seite der Bündler treten und einer ihrer Führer werden würde, ja seine damals noch lebende Mutter beschwor ihn, »die protestantische Sache nicht im Stiche zu lassen«. Aber vergebens. Er entschied sich für den Kaiser und führte diesem unter der Fahneninschrift: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist«, 700 Reiter zu, die denn auch den blutigen Strauß bei Mühlberg mit ausfechten halfen. Den ihn für dieses Verhalten treffenden Tadel hat er durch die Versicherung zu beseitigen gesucht, »daß er das bündlerische Vorgehen nicht als einen Glaubens-, sondern als einen Illoyalitätskampf angesehen habe«, Worte, die sein späteres ruhmvolles Verhalten auf dem Reichstage zu Augsburg rechtfertigen zu wollen scheinen. Nichtsdestoweniger möchte ich die größere Hälfte seiner Handlungsweise einer klugen Berechnung zuschreiben. Er war eben eine durch Mein-und-Dein-Fragen auch in seinen Prinzipien stark beeinflußte Natur, und wenn neuerdings, und zwar im Lager der Konservativen selbst, der Satz aufgestellt worden ist, »daß auch das konservativste Blatt immer noch mehr › Blatt‹ als ›konservativ‹ sei«, so wird sich von Markgraf Hans, als dem protestantischsten Fürsten seiner Zeit, vielleicht sagen lassen, »daß er immer noch mehr › Fürst‹ als Protestant gewesen sei«. Einzelne Züge, deren ich noch weiterhin erwähnen werde, sprechen – mit Ausnahme eines, des freilich wichtigsten – dafür.

Er stand ganz in der großen Kontroverse, die den Inhalt seines Jahrhunderts ausmachte, und nahm in Wort und Schrift vielfach daran teil. Mit Bibellesen begann er seinen Tag, und mit Disputationen über die schwebenden Fragen beschloß er ihn. Was ihn nebenher beschäftigte, waren Mathematik und Astrologie. Er hielt zwei Hofastrologen, unter ihnen den durch seine reformatorische Tätigkeit später so berühmt gewordenen Martin Chemnitz, und ließ täglich die Veränderungen im Stand der Gestirne beobachten, um daraus die Gesinnungen der fremden Fürsten gegen ihn kennenzulernen. Seine der Erholung gewidmeten Stunden gehörten der Musik, dem Brettspiel und nur ausnahmsweise der Jagd. Dabei war er von einer ausgesprochenen Neigung, kleine Reisen unerkannt ins Land hinein zu machen, um bei dieser Gelegenheit die Lage des Volkes und seine Stimmung kennenzulernen. Auch wohl, sich von der Zuverlässigkeit seiner Diener, höherer wie niederer, zu überzeugen. So trat er auf der ihm zugehörigen Quartschener Feldmark an einen seiner eigenen Schäfer heran und drang in ihn, ihm heimlich einen Hammel aus seiner Herde zu verkaufen. Und als der Angeredete dies weigerte, begann er nicht nur mit ihm zu zanken, sondern griff auch nach dem Hammel, bis der Schäfer endlich mit seiner Barte so gut und sicher nach ihm warf, daß der Spieß im Sattel des Markgrafen hängenblieb. Damit ritt dieser heim und ließ den Sattel mitsamt dem Bartenspieß in seinem Marstall aufbewahren.

Er kam, wie die meisten unserer früheren Hohenzollern, nicht hoch zu Jahren. Allerlei Krankheit trübte seinen Ausgang, und ein offener Wundschaden am Fuß, den er gegen den Rat seiner Ärzte zuheilen ließ, verschlimmerte seine Leiden. Er suchte Heilung, erst in Hirschberg, dann in Karlsbad, und an letzterem Orte war es, daß noch viele Jahre später ein Stein mit der Inschrift »Markgraf Hans von Küstrin« gezeigt wurde. Aber alle diese Quellen verschafften ihm kaum Linderung, geschweige Besserung, und als er in der ersten Januarwoche 1571 die Nachricht empfing, daß sein Bruder, der Kurfürst, auf seinem Jagdschlosse zu Köpenick plötzlich gestorben sei, mochte er das Herannahen seines eigenen Endes fühlen. Eine Ohnmacht überfiel ihn, und als er aus ihr erwachte, ließ er seinen Hofprediger und Generalsuperintendenten Dr. Cölestinus zu sich rufen. Dieser kam und setzte sich mit an den Tisch, auf dem Speisen aufgetragen waren, und als das Gebet gesprochen, sagte der Markgraf: »Hilf Gott! Wie arme Leute sind wir! Wär ich doch schier in einer Ohnmacht dahingegangen. Ach, was ist das Leben. Dolor et labor. Lieber Gott, gib, daß wir seliglich sterben.«

Das war am 12. Januar. Die Nacht darauf schied er aus dieser Zeitlichkeit. Schon fünfzehn Jahre vorher hatte er sich unter dem Marmoraltar seiner Küstriner Schloßkirche ein Grabgewölbe herrichten und demselben auch eine Inschrift geben lassen. Und zwar standen an einer in die Wand eingelassenen Messingtafel die folgenden Worte: »Johannes, Markgraf zu Brandenburg, ein Sohn Markgraf Joachims I., Kurfürsten zu Brandenburg, hat durch Gottes Vorsehung im Jahre 1536 angefangen, die reine Lehre des Evangelii und Wortes Gottes, inhalts Augsburgischer Konfession, nach prophetischer und apostolischer Schrift allhier zu Küstrin öffentlich lehren zu lassen, und ist in solchem Bekenntnis, Er und die Seinigen, aus Gnaden des Allmächtigen beständig geblieben. Solus spes mea Christus.«

In dieser Gruft wurde Markgraf Hans in feierlicher Weise beigesetzt, und die Chronisten geben eine Beschreibung davon, nicht viel kürzer als die Beschreibung seines Lebens. Er war ohne männliche Deszendenz gestorben, und so fiel die Neumark, nach einer verhältnismäßig kurzen Trennung von der Kurmark, wieder an diese zurück.

Es erübrigt uns noch ein Blick auf seinen Charakter, den anzudeuten schon die vorstehende Schilderung seines äußeren Lebensganges Gelegenheit bot, weshalb einige Aussprüche sich an dieser Stelle wiederholen werden. Er war klug und scharfblickend, ein Mann der Ordnung und des Gesetzes, ein glänzender Haushalter und ein unermüdlicher Begründer eigenen und fremden Wohlstandes. Das machte ihn volkstümlich. Aber alle diese Tugenden grenzten an ebenso viele Fehler. Sein Scharfblick, in Argwohn und Mißtrauen ausartend, ließ ihn den Spruch:

Unter Tausenden trau einem recht,
Bis du erkennst ihn treu oder schlecht,

zu seinem Lieblingsspruche wählen, und die Handhabung des Gesetzes trieb er mit einer eisernen Strenge und Unnachsichtigkeit, daß er den Beinamen Severus erhielt und verdiente. Es war zu rühmen, daß er sich beflissen zeigte, das Räuber- und Mordbrennerwesen, das an der Tagesordnung war, mit Stumpf und Stiel auszurotten, aber es war zu streng, zu streng auch aus dem Geiste seiner Zeit heraus, Flucher, die schon wiederholentlich wegen Fluchens bestraft worden waren, schließlich hinrichten zu lassen. Sooft er Todesurteile zu bestätigen hatte, tat er es mit dem Worte: »Auferas malum e medio populi tui«, und wer für Verbrecher zu bitten kam, erhielt einfach die Antwort: »Fiat justitia et pereat mundus.«

Sein Kardinalfehler war der Geiz, in den seine weise Sparsamkeit beständig ausartete. Wenn sein Kanzler Barthold von Mandelsloh in seidenen Strümpfen vor ihm erschien und er ihm zurief: »Bartholde, ich hab auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur sonn- und festtags«, so mag das als ein humoristisch anklingender Zug lächelnd und dankbar hingenommen werden, wenn er aber, nach Art mancher modernen Adeligen, das Prinzip verfolgte, Rechnungen auf lange Zeit hin unbezahlt zu lassen, so wird ihm dies schwerlich als Zierde angerechnet werden können. Sein Nürnberger Büchsenmacher kannte diese Sonderbarkeit des hohen Herrn und richtete deshalb folgendes Schreiben an ihn: »Guten Tag, Herr Markgraf. Eure Büchse ist fertig. Schickt Ihr mir Geld, so schick ich Euch die Büchse. Schickt Ihr mir das Geld nicht, so schick ich auch die Büchse nicht. Hiermit Gott befohlen.«

Er war von Kopf zu Fuß ein Finanz- und Börsenmann und lieh Geld auf Zinsen. Niedere und hohe, je nachdem. Innerhalb seines eigenen Landes wurd er dabei sehr wahrscheinlich von der nicht unlöblichen Absicht geleitet, Bedrängten Hülfe zu leisten, ohne geradezu schenken zu müssen, nach außen hin aber fielen diese Rücksichtsnahmen fort und entschied nichts als der eigene Vorteil. Und diesem Vorteile hing er derart energisch nach, daß es ihn unter Umständen nicht kümmerte, mit seinen sonstigen Rechtsanschauungen in den sichtlichsten Widerspruch zu geraten. Auch darin ganz wie Friedrich Wilhelm I., der kein furchtbareres Verbrechen kannte als Desertion und dennoch seine Werber beständig anhielt, in fremden Ländern dazu zu verführen. Alles nur um seiner dominierenden Leidenschaft, der Leidenschaft für große Soldaten, ein Genüge zu tun. Markgraf Hans, in sehr ähnlicher Weise, verpflichtete sich, wenn auch unter gewissen Reservationen, gegen ein Jahrgehalt von 5000 Talern in Philipps II. und des katholischen Spaniens Dienste zu treten. Seine dominierende Leidenschaft: der Hang nach dem Gelde, war eben stärker als sein Protestantismus.

Am häßlichsten erwies sich diese seine Leidenschaft in seinem Verhältnisse zum Johanniterorden, weil sie sich in diesem speziellen Falle bis zu Rachsucht und Grausamkeit steigerte. Es ist unerläßlich, bei diesen Vorgängen, deren Opfer der Herrenmeister Franz Neumann und sein Anhang war, einen Augenblick zu verweilen.

Franz Neumann war Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zu Sagan in Schlesien geboren. Er kam nach Krossen, wurde Rektor daselbst und wußte, bei Gelegenheit eines festlichen Redeakts, den Markgrafen durch glänzende Beredsamkeit derartig hinzureißen, daß er ihn nicht nur zu seinem Küstriner Rat und Kanzler ernannte, sondern auch seine Wahl und Ernennung zum Herrenmeister des hochadeligen Johanniterordens durchsetzte. Eine hohe Stellung, die nie vorher von einem Bürgerlichen bekleidet worden war. Und so läßt sich denn mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit annehmen, daß all dies nur auf bestimmte Versprechungen hin erfolgte, die zu halten der kaum ernannte Herrenmeister sofort ein Widerstreben zeigte. Die Herausgabe von Ordensländereien, vielleicht auch viel anderes noch, unterblieb und führte schließlich, bei fortgesetzter Weigerung, zu einer allerheftigsten Erzürnung des Markgrafen. Er begann, dem Herrenmeister – in dem er vielleicht eine bloße Kreatur, gewiß einen durch Amts- und Lehnseid an sich geketteten Diener sah – nach Freiheit und Leben zu trachten, und ließ ihn bei sich bald darbietender Gelegenheit durch einige seiner Mannschaften aufheben und auf das Sonnenburger Schloß bringen. Hier gedachte er ihn seine Rache fühlen zu lassen. Als es aber dem kaum gefänglich Eingebrachten glückte, seine Flucht zu bewerkstelligen, richtete sich des Markgrafen Zorn gegen alle diejenigen, die sich zwischen ihn und den angeblich Schuldigen gestellt hatten. Zunächst gegen den Sonnenburger Schloßhauptmann von Winning. Dieser wurde angeklagt, die Flucht begünstigt zu haben, und als von Winning leugnete, ward er auf die Folter gelegt, an deren Folgen er starb. Aber des erzürnten Markgrafen Rachegelüst ging weiter, und als ihm bald darauf die Meldung kam, daß Christoph von Döberitz, ein Schwiegersohn Franz Neumanns, harte Worte gegen ihn gebraucht habe, ließ er demselben den Prozeß machen und ihn hinrichten. Dies das Tatsächliche. Zeitgenössische Geschichtschreiber haben auch hier die Handlungsweise des Markgrafen erklären beziehungsweise entschuldigen wollen, einige, weil der Wortbruch seines ehemaligen Kanzlers und Günstlings, andere, weil die landesverräterischen Umtriebe desselben (Auslieferung von Ordensbesitz an den Kaiser) ihn aufs äußerste gereizt hätten, aber was immer auch die Schuld Franz Neumanns selbst, eines mutmaßlich zweideutigen Mannes, gewesen sein möge, die Tortur des von Winning und die Hinrichtung des von Döberitz werden schwerlich jemals gerechtfertigt werden können. Der Groll, sich in seinen Plänen gehemmt, in seinen Interessen geschädigt zu sehen, trübte sein Urteil und riß ihn zu jähzornigen Entscheidungen fort.

All dieser seiner Fehler unerachtet war der Markgraf ein bedeutender Fürst und ein Mann voll mutiger Überzeugung, wovon er, vor eine letzte Entscheidung gestellt, ein vollgültiges und ihm zu ewigem Ruhme gereichendes Zeugnis ablegte. Das war 1548 in Augsburg, als auf dem Reichstage daselbst die für Katholiken und Protestanten bestimmte Vereinigungsformel: das »Augsburger Interim«, zur Vorlage kam. Keinem gefiel die Vorlage. Aber der Kaiser bestand auf ihrer Annahme, und die besiegten protestantischen Fürsten schwiegen und – unterschrieben. Nicht so Markgraf Hans. Er las das Schriftstück; dann erhob er sich und erklärte vor Kaiser und Reich, »daß er dies verführerische Gemisch von Wahrheit und Trug nicht annehmen wolle. Lieber Beil als Feder, lieber Blut als Tinte«, und damit schob er das Schriftstück zurück. Der Kaiser sah ihn zornig an und gebot ihm, den Reichstag zu verlassen – eine Verbannung, der er gern gehorchte. Und heimgekehrt in seine Stadt Küstrin, schrieb er über die Tür seines Arbeitszimmers:

Hast du Feind' und fehlt dir Glück,
Hab guten Mut, weich nicht zurück.
In steter Hoffnung leb und trag,
Was dir auf Erden begegnen mag.

Um dieser seiner Standhaftigkeit willen ward er damals als ein Hort und Retter jener Glaubensbefreiung angesehen, der er in der Tat sein Leben gewidmet hatte, und dem Urteil eines seiner Biographen wird auch heute noch zuzustimmen sein: »daß sein Einfluß auf das Schicksal des Protestantismus in Deutschland ein sehr bedeutender gewesen sei, viel bedeutender, als selbst unsere märkischen Spezialgeschichten hervorzuheben pflegen«.

In dem neumärkischen Lande aber, das er ein Menschenalter lang regiert, lebt sein Andenken fort bis diesen Tag, freilich nicht in seiner Eigenschaft als Führer und Beschützer der protestantischen Sache! Was er nach dieser Seite hin getan, konnte nicht Wurzel fassen in den Gemütern eines Stammes, von dem in Lob und Tadel gesagt worden ist, »daß er keine Heiligen hervorgebracht, aber auch keine Ketzer verbrannt habe«. Er lebt fort in dem, was diesem tüchtigen, aber durchaus nüchternen Mischvolk zu beiden Seiten der Oder allezeit das Wichtigste war, in Fragen der Ordnung und der Vorsorge, des Häuslichen und des Wirtschaftlichen. Und das spiegelt sich in den Sagen, die bis heute von ihm umgehen. »In den Kasematten von Küstrin«, so heißt es, »steht sein Bett, das hängt in Ketten, und ein altes Mütterchen ist ausdrücklich gehalten, es jeden Tag aufs sorglichste zu machen. Des Morgens aber ist eine Grube darin und eine warme Stelle, als hätte wer darin gelegen.« – »Und fremdes Volk«, so plaudert die Sage weiter, »mag er in seiner Stadt nicht leiden, am wenigsten einen Feind. Das hat manche französische Schildwacht erfahren müssen, und ging sie zu nah am Rande des Wallgangs, der zwischen Bastion König und Bastion Brandenburg läuft, so war er bald neben ihr und sprach mit ihr und stieß sie hinunter.«

Und mit diesen Sagen gemeinschaftlich werden die Geschichten erzählt von dem Quartschner Schäfer und dem Nürnberger Büchsenschmied, und Markgraf Hans ist noch jetzt der »Regente« des Landes, das er streng, aber segensreich regiert.

Die Festung Küstrin und ihre Belagerungen

Einer Reihe von Schöpfungen des Markgrafen Hans habe ich in vorstehendem gedacht, über die bedeutendste aber bin ich bis hierher hinweggegangen: über die Befestigung Küstrins.

Was ihn dazu bestimmte, den offenen Ort in eine Festung zu verwandeln, darüber ist hin und her gestritten worden. Nach den einen geschah es, weil ihn der Schmalkaldische Krieg über den Wert stark befestigter Plätze belehrt habe, nach anderen, weil er es für geboten ansah, »sich gegen das Papsttum zu schützen«. Beide Angaben unterliegen aber gerechten Zweifeln, ja sind mit Hülfe historischer Zahlen zu widerlegen. Als Markgraf Hans, bereits um 1536, mit den Befestigungen begann, stand der Schmalkaldische Krieg noch weit in Sicht, und von einer Furcht »vor dem Papsttum« konnte für ihn, der damals selber noch im »Papsttume« stand, am allerwenigsten die Rede sein. Und so dürfen wir denn die Gründe zur Befestigung des Orts nicht in einer besonderen politischen Veranlassung, sondern einzig und allein in dem allgemeinen Zuge der Zeit suchen, der allerorten dahin ging, an die Stelle mittelalterlicher, durchaus unausreichend gewordener Stadtbefestigungen wirkliche Festungen treten zu lassen.

Einen Augenblick scheint der Markgraf geschwankt zu haben, welche seiner Städte zu bevorzugen sei (so kam beispielsweise Königsberg in der Neumark ernstlich in Betracht); aber die Vorteile, die Küstrin bot, konnten auf die Dauer nicht übersehen werden. Gewährte schon der rechtwinklige Zusammenfluß von Oder und Warthe nach zwei Seiten hin einen natürlichen Schutz, so wuchs dieser durch die Beschaffenheit des beiden Flüssen vorgelegenen Terrains. Dieses Terrain war nach Süden und Südosten hin ein anderthalb Meilen breiter, mit Schilf und Gesträuch bewachsener, weder zur Winter- noch Sommerzeit passierbarer Morast, während alles andere Vorland aus Wiesengrund bestand, der bei hohem Wasserstande völlig überschwemmt wurde. Nur zwei Dämme, der Lange und der Kurze Damm, führten von Westen und Nordosten her durch diese Küstriner Sumpf- und Wasserwildnis, in der nunmehr – etwa nach dem Vorbilde von Mantua – eine » Sumpffestung« anzulegen der italienische Baumeister Giromella berufen wurde. Dieser, sehr wahrscheinlich durch die Sparsamkeit seines Bauherrn dazu bestimmt, beschränkte sich zunächst auf Herstellung von Erd- und Torfwällen, die, fortifikatorisch gegliedert, die Stadt nach vier Seiten hin einzuschließen hatten; als sich aber herausstellte, daß die großen Frühjahrswasser der Oder und Warthe diese Wälle wieder fortspülten, schritt man dazu, dieselben mit Mauersteinen zu bekleiden.

Plan der Festung Küstrin

Schon 1543 waren die Befestigungen so weit gediehen, daß sie mit Geschützen armiert werden konnten, aber erst 1557 erfolgte jene vorerwähnte Bekleidung. Bis dahin waren, nach Angabe der Chronisten, etwa 160 000 Gulden verausgabt worden.

Die Festung hatte damals (und in ihrem Kernstück auch jetzt noch) die Form eines länglichen, unregelmäßigen Vierecks. Dieses Oblong war mit vier Eckbastionen versehen, zwischen denen sich, und zwar an den zwei Langseiten des Oblongs, zwei weitere Mittelbastionen erhoben. Im ganzen also sechs. Diese sechs Bastionen hatten anfänglich andere Namen als heute. Gegenwärtig heißen sie:

Eckbastionen.
    Bastion König
Bastion Königin
Bastion Kronprinzessin
Bastion Philipp
Mittelbastionen.
Bastion Kronprinz
Bastion Brandenburg

Auf Bastion »Kronprinz« erhob sich und erhebt sich noch der sogenannte »Hohe Kavalier«, ein besonders fester Punkt, der eine vierfache Verteidigung gestattet. Auf Bastion »Brandenburg« oder in seiner unmittelbaren Nähe vollendete sich die Katte-Tragödie.

An den Schmalseiten des länglichen Vierecks befanden sich die zwei Festungstore: das Lange-Damm- und das Kurze-Damm-Tor (jetzt Berliner und Zorndorfer Tor), die den auf den vorgenannten beiden Dämmen sich bewegenden Verkehr der Landschaft mit der Stadt einzig und allein vermittelten. Auf dem Langen-Damm-Tore stand ein Torhäuschen, in dessen einziger Stube Katte seine letzte Nacht vor der Hinrichtung zubrachte. Auf vorstehender Zeichnung ist das Häuschen mit einem Quadrat bezeichnet.

Innerhalb der Festungswerke lag die Stadt mit Marktplatz, Kirche, Schloß, letzteres hart an den Wall gelehnt, und zwar zwischen Bastion König und Bastion Brandenburg. Auf den Wällen selbst befand sich alles, was eine Festung an Magazinen, an Gieß- und Zeughäusern, an Pulver- und Getreidemühlen erforderte. Unter seiner Armatur waren auch einzelne aus der Küstriner Gießerei hervorgegangene berühmte Geschütze, die nach damaliger Sitte besondere Namen hatten. Das eine derselben hieß »Der wilde Mann«, ein anderes »Das Rebhuhn«. Dem »wilden Mann« war folgende Inschrift gegeben:

Der Papst, das ist der »wilde Mann«,
Er hat all' Unglück richtet an,
Das Gott und Mensch nicht leiden kann.

Und bei dem »Rebhuhn« heißt es:

Das Rebhuhn mit seinem Schnabel pickt,
Daß mancher drob zu Tod erschrickt.

So war Festung Küstrin. Sie galt für »unüberwindlich«. Daß sie sich nicht jederzeit als solche bewährte, lag an anderem als an dem Mangel oder der Unzureichendheit ihrer Befestigungen.

Dies führt uns, mit Übergehung seiner nicht bedeutenden Erlebnisse während des Dreißigjährigen Krieges, auf seine zwei Belagerungen von 1758 und 1806.


Das Bombardement vom 15. August 1758

Die langsam heranziehenden russischen Kolonnen unter General Fermor waren am 14. August in unmittelbarer Nähe von Küstrin eingetroffen. In diesem kommandierte Oberst Schack von Wuthenow, ein braver Mann, aber von geringer militärischer Begabung. Er hatte nur vier Bataillone zu seiner Verfügung. So schwach diese lebendige Verteidigung war, so stark war die tote: zahlreiche Geschütze standen gut placiert auf den Wällen, und aller Tadel, der nachträglich, und nicht unverdient, den Obersten und Kommandanten getroffen hat, läuft darauf hinaus, daß er es versäumt habe, von dieser starken artilleristischen Ausrüstung einen richtigen und namentlich rechtzeitigen Gebrauch zu machen.

Am 15. früh etablierten die Russen – und zwar unbehelligt durch irgendein diesseitiges Feuer, das, im rechten Moment, den Anmarsch mit Leichtigkeit hätte hindern können – ihre Batterien zur Seite der Kurzen-Damm-Vorstadt und begannen die Stadt aus allerhand kleinerem Geschütz, insonderheit aber aus zwei Schuwalowschen Haubitzen und vier »Einhörnern«, zu bombardieren. Aus den »Einhörnern« wurden sechsundneunzig Pfund schwere Kugeln geworfen. Gleich eine der ersten Granaten, die der Feind warf, zündete; um neun Uhr standen mehrere Straßen in Flammen, und am Nachmittag war alles bis auf die Garnisonkirche und das mit Quadrat bezeichnete Torhäuschen in einen Aschenhaufen verwandelt. Besonders nachteilig für die Neumark wurde der Umstand, daß die Gefangenen, die sich in der Festung befanden, nicht nur umherliefen und plünderten, sondern auch alle Anordnungen zum Dämpfen des Feuers zu hintertreiben wußten. So ging ein großer Teil neumärkischen Landesvermögens, das man vor den heranrückenden Russen hierher geflüchtet hatte, verloren. Gegen die Festung wurde kein Schuß abgefeuert; nur auf Zerstörung der Stadt hatte man es abgesehen und fuhr mit dem Werfen von Brandraketen noch fort, als schon längst nichts mehr zu zerstören war.

Der 16. verging ruhig. Am 17. erschien ein Parlamentär, um den Obersten von Schack zur Übergabe der Festung aufzufordern, widrigenfalls die ganze Garnison über die Klinge springen müsse.

Von Schack, der von dem Heranziehen des Königs Kunde hatte, überhaupt mehr unfähig als mutlos war, wies das Ansinnen zurück.

Am 21. erschien der König und begab sich von der linken Oderseite her, von der er anrückte, nach Küstrin hinein, einesteils um die russischen Stellungen zu rekognoszieren, anderenteils um die Festung selbst in Augenschein zu nehmen. Diese war noch im besten Zustande, aber der Anblick der eingeäscherten Stadt erfüllte ihn mit Wehmut. Als sich von Schack wegen seiner bei der Verteidigung begangenen Fehler entschuldigen wollte, sagte der König: »Schweig Er; ich bin selbst schuld. Warum habe ich Ihn zum Kommandanten gemacht.«

Tags darauf führte der König seine Regimenter über die Oder und stand am 24. zwischen Darmitzel und der Neudammschen Mühle dem Feinde gegenüber. »Mit solchem Kroop muß ich mich schlagen«, waren seine berühmt gewordenen Worte, als man ihm die ersten gefangenen Kosaken vorführte.

Der 25. war der »Tag von Zorndorf«, und die russische Flut, die wochenlang die Neumark überschwemmt hatte, staute nun wieder zurück. Aber Küstrin lag in Trümmern, und das Land war eine Wüste. Der Marquis Montalembert schrieb nach Paris: »Alles ist eingeäschert, tot, geflohen; man findet keine Menschen, kein Pferd, kein Herdenvieh mehr«, und dem neumärkischen Landrat von Wobeser, der um Vergütigung des erlittenen Brandschadens eingekommen war, antwortete der König selbst in jenem grimmen Humor, zu dem er nur zu sehr berechtigt war: »Am Jüngsten Tage kriegt jeder alles wieder.«

Bald nach dem Kriege wurde mit dem Wiederaufbau der Stadt begonnen. Er vollzog sich von 1768 bis 1770, so daß das gegenwärtige Küstrin, mit alleiniger Ausnahme des Schlosses, das während des Bombardements nur partiell zerstört wurde, als eine verhältnismäßig neue Stadt angesehen werden kann.


Küstrin am 1. November 1806

Jena war geschlagen; flüchtig und in Auflösung begriffen, ging die preußische Armee über die Elbe, und nur einzelne Trümmer derselben erreichten noch die Oder. In die Flucht hineingerissen ward auch der Hof. Am 19. trafen König und Königin in Küstrin zusammen und bezogen Quartier in einem am Markte belegenen Gasthof (»Goldener Hirsch«). Am Tore der Festung waren sie von dem Obersten und Kommandanten von Ingersleben empfangen worden. Unter den unrühmlichen Festungskommandanten jener Epoche der unrühmlichste, weil der zweideutigste. Von dem, was den Soldaten macht und ehrt, besaß er nichts.

»Ingersleben« – so schreibt General von der Marwitz, eine Quelle, deren Zuverlässigkeit niemand beargwöhnen wird – »war seit dem Champagne-Feldzug von 1792 Ritter des Pour le mérite. Aber wie hatte er den Orden erhalten? Der König legte großen Wert darauf, kein Geschütz in dem aufgeweichten Kalkboden stehenzulassen. Eines Tages quälten sich die Artilleristen mit einer solchen Kanone, als das Regiment, bei welchem Ingersleben stand, vorüberzog. Dieser saß auf einem seiner gewaltigen Gestalt angemessenen riesigen Braunen, der, aller Kriegsstrapazen unerachtet, noch sehr wohl im Stande war. Ingersleben hatte den König kaum gesehen, als er vom Pferde sprang und seinen Braunen in eines der Geschirre steckte. Wohlweislich aber ließ er den Sattel mit Pistolenhalfter und der großen goldgestickten Paradeschabracke auf dem Rücken des Pferdes. Und nun tat er sehr geschäftig, schrie, legte selbst Hand an und trieb so, daß die Kanone richtig aus dem Schlamm herauskam. Der König fragt' sogleich, wem das Pferd gehöre, und gab ihm den Orden. Ingersleben aber, als der König weit genug fort war, spannte seinen Braunen wieder aus, setzte sich auf und ließ die Kanone stehen. Später wurde er wegen üblen Betragens vor dem Feinde vom Regimente entfernt, bis ihn höfische Fürsprache zum Kommandanten von Küstrin machte.«

Sein Adlatus war der Oberst von Weyher, ein hochmütiger, die Bürger und Soldaten gleichmäßig maltraitierender Bramarbas, dem die gesamte Festungsgarnison unterstellt war. Diese bestand aus den Depotbataillonen dreier berühmter Regimenter: Prinz Heinrich, Prinz von Oranien (früher Markgraf Karl) und von Zenge. Dazu 500 Mann von der Festungsartillerie.

König Friedrich Wilhelm der Dritte, der sich auf Menschenbeurteilung sehr wohl verstand und nur die bis zur Schwäche gehende Bescheidenheit hatte, sich dem Urteil anderer, öfter als gut war, unterzuordnen, scheint der Tüchtigkeit oder dem guten Willen Ingerslebens von Anfang an mißtraut zu haben. Er ließ sich von ihm auf den Festungswällen umherführen und stellte bei dieser Gelegenheit die Frage: »Ob er sich's auch wirklich getraue«, worauf Ingersleben die berühmte Antwort gab: »er werde die Festung halten, bis ihm das Schnupftuch in der Tasche brenne«.

Von einzelnen Interpreten ist der bald darauf zutage tretende Verrat Ingerslebens auf dieses Gespräch zwischen ihm und dem Könige zurückgeführt und aus einem durch obige Frage, »ob er sich's auch getraue«, beleidigten Ehrgefühl erklärt, die Tat selbst also als ein Racheakt hingestellt worden. Aber dies ist falsch, weil viel zu tief und ernsthaft genommen. Ein Mann, der eine Komödie wie die, die von der Marwitz erzählt, aufführen konnte, entbehrte solchen Ehrgefühls durchaus, und die Triebfedern seiner Handlungsweise sind entweder in Feigheit und Bestechlichkeit oder günstigstenfalls in einer Art von Apathie zu suchen. Denn er gehörte zu den Leuten, die jeden Glauben an die Widerstands- oder auch nur an die Lebensfähigkeit Preußens verloren hatten. Sie spöttelten und freuten sich eigentlich dessen, was geschah. In den »Vertrauten Briefen« heißt es von Ingersleben, »daß er nichts als einen Magen gehabt habe«. Und dessen sollte das Land bald gewahr werden.

Am 24. Oktober verließen König und Königin Küstrin, und am 31. erschienen 250 Franzosen an der Torschreiberbrücke, von der aus sie mit einem in der Nähe stehenden preußischen Piquet zu plänkeln begannen. Als der Kommandierende dieses Piquets um Verstärkung bat, erhielt er die Antwort: »er (Ingersleben) könne keine Leute aus der Festung lassen, weil sie alle davonlaufen würden«. So ging denn das Piquet zurück und beschränkte sich darauf, die Brückenpfeiler in Brand zu stecken. Von den Wällen aus sah man die Franzosen am anderen Ufer promenieren, lachen und scherzen, wobei sie, wie zur Verspottung ihrer Gegner, die Finger in große Honigtöpfe tauchten, deren sie sich in den Kellern einiger vorstädtischer Bienenzüchter bemächtigt hatten.

Inzwischen rückte die feindliche Hauptkolonne nach, und schon um zwölf Uhr nachts schloß Oberst Ingersleben, ohne daß auch nur ein einziger Schuß gefallen wäre, in einem außerhalb der Stadt gelegenen Hause die Kapitulation ab. Da derselbe kein Amtssiegel mitgebracht hatte, so wurde das Siegel der Färberinnung, das sich am raschesten beschaffen ließ, herbeigeholt und auf diese burleske Weise der Kapitulationsvertrag vollgültig gemacht.

Damit war der Verrat geübt. Es handelte sich aber noch darum, diese Felonie den alten berühmten Bataillonen auch annehmbar zu machen. Und das war nicht leicht, denn Ingersleben kannte sehr wohl die Gesinnungen des gemeinen Mannes. In der Tat rebellierte das Bataillon Oranien, als ihm die Kapitulation endlich mitgeteilt wurde, so daß Ingersleben in die Lage kam, zu seinem eigenen persönlichen Schutz den Feind in Kähnen über die Oder herbeiholen zu müssen. Auch jetzt noch stand die Sache mißlich genug, denn ein am Geschütz postierter Artillerist hob, als er die heranschwimmenden Kähne sah, bereits die Lunte; aber ein Offizier von der Kapitulationspartei hieb ihn mit dem Degen über die Hand und rief: »Kerl, bist du des Teufels.« So landete denn der Feind unangefochten, und Ingersleben selbst ordnete die Waffenstreckung an. Wütend zerschlugen die Soldaten ihre Musketen und wurden dann in die Kriegsgefangenschaft geführt. Viele ranzionierten sich übrigens und waren später mit unter den Verteidigern von Kolberg.

Als dem Kaiser Napoleon einige Tage später die Kapitulation zur Gutheißung vorgelegt wurde, strich er eigenhändig den Paragraphen, der dem von Ingersleben den Eintritt in die französische Armee zusagte. »Er könne einen Mann nicht brauchen, der seinen Herrn verraten habe.« Durch ein preußisches Kriegsgericht wurde der Unwürdige später »zum Arquebusieren« verurteilt, entzog sich aber der Urteilsvollstreckung durch Flucht und lebte noch jahrelang in einem Winkel Deutschlands. Arm und ehrlos, meidend und gemieden – das Los aller, die damals »versagt« hatten. Ob durch Schuld oder Schicksal, war gleich.

Küstrin blieb länger als sieben Jahre in den Händen der Franzosen; erst am 20. März 1814 wurde es an ein preußisches Blockadecorps übergeben.

Manches hat es seitdem erfahren, auch als Festung. Der Warthe, die vordem rechtwinkelig einmündete, hat man einen zweckentsprechenderen Lauf gegeben, und ein Zirkel von Schanzen und Forts umspannt jetzt das alte Festungsviereck. Was sich aber dem Auge des Laien auch heute noch als »Festung Küstrin« darstellt, das sind nach wie vor die sechs alten Bastionen aus Markgraf Hansens Tagen her, mit deren einer (»Bastion Brandenburg«) und ihrer nächsten Umgebung wir uns in dem zweiten Abschnitt dieses Kapitels zu beschäftigen haben werden.

Die Katte-Tragödie

Stadt und Festung Küstrin haben eine fünfhundertjährige Geschichte, die zu skizzieren ich in vorstehendem bemüht gewesen bin. Nur über einen Tag innerhalb dieses langen Zeitabschnitts: über den 6. November 1730, an dem das Haupt Kattes auf Bastion Brandenburg fiel, bin ich hinweggegangen. Und doch wiegt dieser Tag schwerer als die Gesamtsumme dessen, was vorher und nachher an dieser Stelle geschah, und mag als das Gegenstück zu dem 18. Juni 1675 gelten, zu dem »Tage von Fehrbellin«. Mit diesen beiden Tagen, dem heiteren 18. Juni und dem finsteren 6. November, beginnt unsere Großgeschichte. Aber der 6. November ist der größere Tag, denn er veranschaulicht in erschütternder Weise jene moralische Kraft, aus der dieses Land, dieses gleich sehr zu hassende und zu liebende Preußen, erwuchs.

Es gibt kaum einen Abschnitt in unserer Historie, der öfter behandelt worden wäre als die Katte-Tragödie. Aber so viele Schilderungen mir vorschweben, das Ereignis selbst ist bisher immer nur auf den Kronprinzen Friedrich hin angesehen worden. Oder wenigstens vorzugsweise. Und doch ist der eigentliche Mittelpunkt dieser Tragödie nicht Friedrich, sondern Katte. Er ist der Held, und er bezahlt die Schuld.

Es ist meine Absicht, in nachstehendem dem die Ehre zu geben, dem sie gebührt.

Und hierin wird sich meine Darstellung von der anderer nicht unwesentlich unterscheiden, indem sie sich eigens vorsetzt, von allem, was auf den Kronprinzen Fritz Bezug nimmt, nur das Unerläßliche zu geben, nur soviel, wie zum Verständnis des Ganzen überhaupt erforderlich ist. Das ist zunächst, als Grundlage der ganzen Tragödie:


Der Fluchtversuch des Kronprinzen

Schon im November 1729 hatte der Kronprinz vorgehabt, »weil Dero Herr Vater immer ungnädiger auf ihn geworden«, außer Landes zu gehen, und seitens des ins Vertrauen gezogenen Lieutenants von Keith, der damals Pagendienste beim Könige tat, waren einleitende Schritte geschehen, um die Flucht ins Werk zu setzen. Aber man stand schließlich von der Ausführung ab und nahm den Plan erst, nachdem auch ein Entweichen aus dem sächsischen Lager bei Mühlberg im Mai 1730 gescheitert war, im Juli letztgenannten Jahres wieder auf.

Um diese Zeit hatte der König eine Reise nach dem Ansbachschen hin angetreten, die bis an den Ober- und Unterrhein ausgedehnt werden sollte. In seiner Begleitung befand sich wie gewöhnlich der Kronprinz, dem noch im Momente der Abreise, seitens des inzwischen als Günstling an die Stelle des von Keith getretenen Lieutenants von Katte, aufs dringendste angeraten worden war: seine Flucht nicht von Süddeutschland, sondern lieber erst von Wesel aus zu bewerkstelligen, von welcher Grenzfestung aus er am leichtesten und schnellsten über Holland nach England gelangen könne. Diese Mahnung wurde später schriftlich wiederholt, und zwar in einem Briefe, den der in Berlin zurückgebliebene von Katte nach Ansbach hin richtete. Aber dem Kronprinzen brannte bereits der Boden unter den Füßen, und er antwortete: »daß er so lange nicht zu warten, vielmehr von Sinsheim aus (bei Mannheim) fortzugehen gedenke. Katte solle nachkommen und ihn, den Kronprinzen, im Haag unter dem Namen Comte d'Alberville erfragen. Mißlänge die Flucht, so wolle er in einem Kloster Zuflucht suchen, wo man unter Skapulier und Kutte den argen Ketzer nicht entdecken werde.« Dieser der Post anvertraute Brief wurde verhängnisvoll. Auf seiner Adresse, die »An den Lieutenant von Katte, über Erlangen, Berlin« hätte lauten sollen, vergaß der in begreiflicher Hast und Erregung schreibende Kronprinz die Hinzufügung des Wortes » Berlin«, und so gelangte das Schreiben nur bis Erlangen, wo der Postmeister in Verlegenheit geriet, was damit anzufangen sei. Da sich zufällig ein Rittmeister von Katte, ein Vetter des Lieutenants, als Werbeoffizier am Orte befand, so hielt er es für das Geratenste, diesem den Brief einzuhändigen. Der Rittmeister von Katte aber, als er von dem Inhalte Kenntnis genommen, konnte sich seinerseits nicht der Pflicht entziehen, den Brief durch einen Courier an den König zu schicken. Die Köpenicker Kriegsgerichtsakten erzählen diesen Hergang anders. Danach schickte der Lieutenant von Katte seinen an den Kronprinzen gerichteten Brief nicht direkt an diesen, sondern an seinen Vetter, ebenden im Text genannten, auf Werbung in Erlangen liegenden Rittmeister von Katte, mit der Bitte, den Brief, seiner Adresse gemäß, weiter nach Ansbach an den Kronprinzen gelangen zu lassen. Der Rittmeister aber, der den Brief »suspekt« finden mochte, scheint ihn entweder geöffnet und gelesen oder vielleicht auch uneröffnet auf bloßen Argwohn hin, per Courier an den König geschickt zu haben. Die Differenz ist erheblich. In dem einen Falle würde der kronprinzliche Brief an Katte, in dem anderen der Kattesche Brief an den Kronprinzen die Katastrophe herbeigeführt haben.

Dieser war mittlerweile (am 31.) von Ansbach aufgebrochen und ging über Öttingen, Ludwigsburg und Heilbronn auf Sinsheim zu. Da letzterer Ort, sehr gegen den Wunsch und Willen des Königs, am 4. August nicht mehr erreicht werden konnte, so bequemte man sich, in dem zwei Stunden vorher gelegenen Dorfe Steinsfurth die Nacht in einer Scheune zuzubringen. Für die Pläne des Kronprinzen indes machte Steinsfurth oder Sinsheim keinen Unterschied, und so beschloß er, in selbiger Nacht noch seine Flucht von diesem Dorf aus ins Werk zu setzen. Um zwei Uhr erhob er sich, kleidete sich in einen roten Roquelaure, der zu diesem Behuf eigens angefertigt war, und ging auf die Dorfstraße hinaus, wohin er den Pagen Keith (einen jüngeren Bruder des früher genannten) mit Pferden bestellt hatte.

Alles dieses war aber von dem Kammerdiener Gummersbach bemerkt worden, der nicht säumte, den mit der Beobachtung des Kronprinzen speziell betrauten Oberstlieutenant von Rochow zu wecken. Dieser sowie Generalmajor von Buddenbrock und die Obersten von Waldow und von Derschau folgten dem Kronprinzen auf die Dorfgasse und fanden ihn hier an eine Wagendeichsel gelehnt, immer noch auf Keith Zwei Brüder von Keith spielen in der Fluchtgeschichte des Kronprinzen eine Rolle. Es ist nötig, dies gegenwärtig zu haben, wenn man sich nicht in Angaben, die mehr als einmal wie Widersprüche wirken, verwirren soll. Der eigentliche Freund des Kronprinzen war der ältere von Keith. In seiner Eigenschaft als Page des Königs erfuhr er vieles und konnte mehr als einmal den Kronprinzen vor ihn bedrohenden Gefahren warnen. Es geschah dies alles, wie durchaus hervorgehoben werden muß, nicht aus Hang zur Intrigue oder auch nur aus besonderer Eitelkeit, sondern aus wirklicher Liebe zum Prinzen, jedenfalls aus Mitgefühl. Endlich entdeckt, schickte ihn der König zur Strafe nach Wesel in das dort stehende von Dossowsche Infanterieregiment und ließ den jüngeren von Keith in die Pagenstelle einrücken. Aber dieser jüngere Bruder erwies sich nicht viel anders als der ältere, bis er endlich, »gerührt von der ängstlichen Gemütsstimmung des Königs, diesem in Mannheim alles reumütig bekannte«. Er scheint denn auch mit einer geringen Strafe davongekommen zu sein. Der ältere Bruder, als er von den Vorgängen in Steinsfurth hörte, floh klugerweise von Wesel nach England und konnte daselbst in den Zeitungen lesen, daß er nach kriegsrechtlichem Spruch » in effigie gehenkt worden sei«. Bald darauf nahm er portugiesische Dienste, aus denen er später (nach 1740), übrigens ohne sonderliche Karriere zu machen, in preußische Dienste zurück trat. und die Pferde wartend. Die Obersten, über seine Kleidung erstaunt, baten ihn, die Uniform wieder anzulegen, ehe ihn der König in diesem Aufzuge sähe. Aber eben jetzt brachte Keith die Pferde, und Friedrich schickte sich ohne weiteres an, sich in den Sattel zu werfen und davonzureiten. Nur mit Mühe gelang es den Obersten, ihn in die Scheune zurückzunötigen.

Derschau hinterbrachte das Vorgefallene dem Könige, der sich zunächst – weil es noch an eigentlichen Schuldbeweisen fehlte – gegen den Kronprinzen wie gewöhnlich zeigte. Auch in den folgenden Tagen noch, während welcher die Reise sich über Mannheim und Darmstadt fortsetzte. Nur in Darmstadt, am 6. August, konnte der König mit einer spöttischen Bemerkung gegen den Prinzen nicht zurückhalten. »Er wundre sich, ihn noch hier zu sehen; er habe ihn bereits in Paris vermutet.«

Und so blieb es bis zum 8. früh.

Am Abend vorher hatte man Frankfurt am Main erreicht, allwo der vom Rittmeister von Katte nachgesandte Courier dem Könige den vorerwähnten kompromittierenden Brief einhändigte. Durch diesen Brief war der Schuldbeweis gegeben, und der lange zurückgehaltene Zorn brach jetzt hervor. Das erste Zusammentreffen zwischen Vater und Sohn fand am Morgen des 8. auf einem Rheinboot statt, das für die Stromfahrt nach Wesel bestimmt war. Als der Kronprinz das Schiff betrat, stürzte sich der König auf ihn und schlug ihn, bis ihn der Oberst von Waldow durch sein Zwischentreten befreite und auf ein anderes bereitliegendes Schiff brachte.

Die Reise ging nun rheinabwärts. Am 10. war man in Bonn, am 11. in Wesel. Der »Arrestant« ward am Ufer von dem Oberstlieutenant von Borcke mit einem starken Kommando in Empfang genommen und in die Festung gebracht. Am anderen Morgen, den 12., erfolgte seine Vorführung vor den König.

»Warum habt Ihr entweichen wollen?«

»Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, sondern wie einen gemeinen Sklaven behandelt haben.«

»Ihr seid nichts als ein feiger Deserteur, der keine Ehre hat.«

»Ich habe soviel Ehre wie Sie, und ich habe nichts getan, was Sie an meiner Stelle nicht auch getan hätten.«

Bei diesen Worten zog der König den Degen und wollte den Prinzen erstechen. Aber der tapfere Kommandant, Generalmajor von der Mosel, warf sich dazwischen und sagte: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes.«

Einige Tage nachher empfingen die mehrgenannten Obersten den Befehl, den Kronprinzen unter sicherer Bedeckung von Wesel nach Treuenbrietzen zu schaffen. Schon vorher (ebenfalls am 12.) hatte der König folgende Zeilen an die Oberhofmeisterin der Königin gerichtet: »Meine liebe Frau von Kameke. Fritz hat desertieren wollen. Ich habe mich genötigt gesehen, ihn arretieren zu lassen; ich bitte Sie, auf eine gute Art meine Frau davon zu unterrichten, damit solche Neuigkeit dieselbe nicht erschrecke. Übrigens beklagen Sie einen unglücklichen Vater. F. W.«

Die Überführung des Kronprinzen erfolgte der Ordre des Königs gemäß. Wann er in Treuenbrietzen eintraf, ist nicht genau ersichtlich. Am 29. August wurde Generalmajor von Buddenbrock angewiesen, ihn von Treuenbrietzen nach Mittenwalde zu schaffen.

Aber auch Mittenwalde war nur Etappe, von der aus sein Weitertransport nach Küstrin am 4. September erfolgte. Tags darauf (am 5.) bezog er ein Arrestzimmer im zweiten Stocke des alten Küstriner Schlosses.


Von Katte vor dem König

Am 15. August wußte der in Berlin zurückgebliebene Grumbkow von dem Fluchtversuche des Kronprinzen, und am folgenden Tage war es in der Stadt herum. Gleichzeitig mit der Nachricht an Grumbkow war auch bei dem Feldmarschall von Natzmer der Befehl eingetroffen: »den Lieutenant von Katte vom Regiment Gensdarmes verhaften und auf die Wache seines Regiments abführen zu lassen«.

Kein Zweifel, daß Katte, wenn er nur für seine Person besorgt gewesen wäre, vollauf Zeit gehabt hätte, sich zu retten; das ergibt sich aus den verschiedensten Angaben. Alles befleißigte sich, ihn zu warnen, und ein von Asseburg, der ihm begegnete, rief ihm zu: »Was, Katte, Sie noch hier!« Ja, man ging weiter und schob seine Verhaftung um mehrere Stunden hinaus. So wenigstens stellt es die Prinzessin Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth, in ihren Memoiren dar. »Der uns zugetane dänische Gesandte von Löwenör«, so schreibt sie, »hatte gehört, was sich gegen Katte vorbereitete. Sofort schrieb er an ihn und riet ihm, aufs schnellste abzureisen, weil er unstreitig arretiert werden würde. Katte bat sich infolge dieser Benachrichtigung einen ›kurzen Urlaub‹ aus, der ihm – da sein Regimentskommandeur, Oberst von Pannewitz, von den umlaufenden Gerüchten zu jener Stunde noch nichts gehört haben mochte – auch ohne weiteres bewilligt wurde. Und so war denn eine vorzügliche Gelegenheit zur Flucht gegeben. Aber Katte sah sich verhindert, unmittelbaren Gebrauch davon zu machen, weil ein Sattel, in dem er Geld und Wertsachen zu verbergen vorhatte, leider noch nicht fertig war. So verging Zeit. Diese wandte er an, um alle Papiere zu verbrennen. Das war gut. Und nun endlich kam das Pferd, der Sattel war da, und er wollt es eben besteigen, als der Feldmarschall von Natzmer (in Wahrheit war es der vorgenannte Oberst von Pannewitz) erschien, um ihn im Namen des Königs zu verhaften. Katte übergab ihm, ohne die Farbe zu wechseln, den Degen und wurde sogleich auf die Wache des Regiments abgeführt. Man legte all seine Sachen in Gegenwart des Feldmarschalls – der betretener als sein Gefangener schien – unter Siegel. Der alte Herr hatte länger als drei Stunden mit Ausführung des königlichen Befehls gezögert und war sehr böse, Katten noch vorzufinden.«

So die Markgräfin in einer durch die ganzen Memoiren sich hinziehenden Mischung von Falschem und Richtigem. Übrigens wird, von Namensverwechselungen und ähnlichen kleinen Irrtümern ganz abgesehen, auch das, was Katte den rechten Augenblick zur Flucht versäumen ließ, von verschiedenen Personen sehr verschieden angegeben. Friedrich II. selbst soll später zu dem englischen Gesandten Sir Andrew Mitchell von einem »Liebesverhältnis« gesprochen und dieses als Grund der Versäumnis bezeichnet haben. Mir, offen gestanden, noch unwahrscheinlicher als der »verspätete Sattel«. Nach dem Bilde, das ich aus der Lektüre der zeitgenössischen Aufzeichnungen gewonnen habe, liegen die Dinge viel natürlicher und namentlich viel ehrenvoller für Katte. Er war einfach mit Aufträgen und Verpflichtungen überbürdet, indem er, wie schon angedeutet, nicht bloß an sich, sondern vor allem auch an den Kronprinzen, an die Königin und die Prinzessin Wilhelmine zu denken hatte. Und so glaube ich ihm nur gerecht zu werden, wenn ich ihn als ein Opfer seiner ritterlichen Gesinnung hinstelle, der er denn auch – was im übrigen immer seine Fehler gewesen sein mögen – bis zum letzten Atemzuge treu geblieben ist.

Aber kehren wir zu den Ereignissen selbst zurück.

Am 27. war der König von Wesel her in Berlin eingetroffen und hatte schon zwei Stunden später den Arrestanten von Katte vorfordern lassen. Es war ein schwerer Gang. Die Prinzessin Wilhelmine stand an einem der hohen Fenster und sah den Unglücklichen über den Schloßplatz führen. »Er war bleich und entstellt«, so schreibt sie, »nahm aber doch den Hut ab, um mich zu grüßen. Hinter ihm trug man die Koffer meines Bruders und die seinen, welche man weggenommen und versiegelt hatte. Gleich darauf erfuhr der König, dessen Empörung bis dahin sich gegen uns gerichtet hatte, daß Katte da sei. Und er verließ uns nun, um den Ausbrüchen seines Zorns ein neues Ziel zu geben.«

Als Katte den Gefürchteten eintreten sah, warf er sich vor ihm nieder. Der König aber riß ihm das Johanniterkreuz vom Halse, mißhandelte ihn mit dem Stock und trat ihn mit Füßen. Alsdann befahl er dem schon vorher herbeigerufenen Generalauditeur Mylius, unverzüglich mit dem Verhör zu beginnen. Katte bewies eine Standhaftigkeit, die den König in Verwunderung setzte, und gestand nur ein, von der Flucht des Kronprinzen gewußt und die Absicht, ihm zu folgen, gehabt zu haben. Auf die Frage jedoch, »an welchen Hof der Prinz sich habe begeben wollen«, antwortete er, »das wisse er nicht«. Und danach wurde er in die Gensdarmenwache zurückgebracht.

Während der Septemberwochen – auch noch bis in den Oktober hinein – folgte nunmehr Verhör auf Verhör, und als endlich mit Hülfe derselben ein ausgiebiges Material zur Anstrengung eines prozessualischen Verfahrens gesammelt war, wurde die Voruntersuchung geschlossen und ein Kriegsgericht, das über fünf Angeklagte, in erster Reihe aber über den Kronprinzen Fritz und den Lieutenant von Katte, zu befinden hatte, zusammenberufen.

Das Kriegsgericht zu Köpenick

Über dies Kriegsgericht und das durch dasselbe gefällte Urteil finden sich infolge regelmäßiger und oft ausschließlicher Benutzung der als Quelle dienenden Memoiren des Freiherrn von Pöllnitz und der Markgräfin von Bayreuth Diese Memoiren der Markgräfin sind nichtsdestoweniger, wie nicht genug anerkannt werden kann, von einem unschätzbaren Wert. Im einzelnen haben sie beständig unrecht, im ganzen haben sie beständig recht. Handelt es sich darum, ob etwas an diesem oder jenem Tage geschah, soll über Personen und Namen Endgültiges festgestellt werden, so lassen sie einen im Stich. Mitunter auch dann noch, wenn sie Selbsterlebtes erzählen. Aber das Gesamtbild, vor allem die Stimmung jener Tage, ist in unübertrefflicher Weise wiedergegeben. Selbst die Charakteristik der Personen – einige wenige ausgenommen, wo der Groll über erlittene Unbill ihr Urteil trübte – halte ich im wesentlichen für zutreffend. Wenn es heißt daß sie den König zu streng beurteilt habe, so ist das nur halb richtig. Das Große, was unzweifelhaft in ihm steckte, können wir leicht bewundern; seiner Umgebung aber, die vor ihm zitterte, war es mindestens schwer gemacht, dies Große jeden Augenblick gegenwärtig zu haben. immer noch Irrtümer verbreitet, die den Ergebnissen einer strengeren historischen Forschung bis diesen Tag getrotzt haben. Es wird nötig sein, die betreffenden irrtümlichen Stellen aus den Memoiren der beiden Vorgenannten zunächst zu zitieren. So schreibt die Markgräfin: »Dönhoff und Linger stimmten für Pardon, aber die anderen, um dem Könige zu Willen zu sein, verurteilten den Kronprinzen und Katte zur Enthauptung.« Und in Übereinstimmung damit heißt es bei Pöllnitz: »Weder der Kronprinz noch Katte waren persönlich zugegen. Nichtsdestoweniger wurden sie von dem Kriegsgerichte gerichtet und verurteilt, den Kopf zu verlieren.« Diese beiden Stellen sind in unzählige volkstümliche Geschichts- und Nachschlagebücher übergegangen, während umgekehrt das Wort »Tod« von seiten des Kriegsgerichts nicht gesprochen worden ist. Die dasselbe bildenden oder, richtiger, die innerhalb desselben den Ausschlag gebenden Männer fällten vielmehr über den Kronprinzen, »weil er jenseits ihrer Kompetenz läge«, gar kein Urteil und verurteilten Katte zu lebenslänglicher Festungsstrafe. Dies ist kurz das Tatsächliche.

Foerster und Preuß, unter Benutzung reicher und zuverlässigerer Quellen, haben in ihren epochemachenden Werken die Dinge so gegeben, wie sie realiter liegen; aber auch ihnen scheint ein voller Einblick in die Details des Verfahrens gefehlt zu haben, und erst eine verhältnismäßig sehr neue Veröffentlichung (1861) ermöglicht einen solchen Einblick. Diese Veröffentlichung führt den Titel: »Vollständige Protokolle des Köpenicker Kriegsgerichts« und wurde durch Professor Danneil, den Vorstand des in der Propstei zu Salzwedel befindlichen Schulenburgschen Familienarchivs, veranstaltet. In einem kurzen Vorworte gibt der Herausgeber (Danneil) zunächst Auskunft darüber, wie dieser Protokollenschatz in das ihm unterstellte Familienarchiv gelangte. Einfach dadurch, daß ein Schulenburg, und zwar der Generallieutenant Achaz von der Schulenburg, der Vorsitzende des Köpenicker Kriegsgerichts war. »Alle diese Protokolle«, heißt es dann weiter, »finden sich in Abschrift vor. Die Originale wurden dem König überreicht. Sämtliche Abschriften sind sehr sorgfältig und sicherlich auf Veranlassung des Generallieutenants von der Schulenburg selbst angefertigt worden. Ihre Orthographie, weil man sich an die Originale hielt, weicht hier und dort untereinander ab. Die von diesen Verhandlungen bisher allein bekannt gewordene Cabinetsordre vom 1. November 1730 (in der der König das nicht auf Tod lautende Urteil des Kriegsgerichts umstößt, um es seinerseits zu verschärfen) stimmt mit dem Abdruck derselben bei Preuß bis auf wenige unwesentliche Punkte überein.«

Soweit Professor Danneil. Seiner wichtigen Veröffentlichung entnehme ich nunmehr das unmittelbar Folgende. Zunächst einige Daten, die, namentlich auch, was die abweichenden Zahlenangaben betrifft, auf Zuverlässigkeit Anspruch haben.

Unterm 22. Oktober wurde das Kriegsgericht von seiten des Königs ernannt. Es bestand aus fünfzehn Offizieren, die sich in fünf Ranggruppen sonderten.

Und zwar:

Generalmajor von Schwerin
Generalmajor von Dönhoff
Generalmajor von Linger

Oberst von Derschau
Oberst von Stedingk
Oberst von Wacholtz

Oberstlieutenant von Weyher
Oberstlieutenant von Schenck
Oberstlieutenant von Milagsheim

Major von Einsiedel
Major von Lestwitz
Major von Lüderitz

Capitain von Itzenplitz
Capitain von Pudewels Von Pudewels ist von Podewils. – Die Namensschreibungen wechseln überhaupt im Laufe der Zeit, dies gilt auch von Katt und Katte, die im Text beide, und zwar abwechselnd, wiederkehren. Die Familie nennt und schreibt sich jetzt von Katte, damals aber von Katt. Verschiedene später mitzuteilende Briefe fuhren diese letztere Unterschrift ( Katt).
Capitain von Jeetze.

Am 27. Oktober traten diese fünfzehn Offiziere, aber zunächst noch in Gruppen gesondert, zu einer Vorberatung zusammen, um fünf schriftliche Separatvota abzugeben. Daran schloß sich als sechstes Separatvotum das des Vorsitzenden Achaz von der Schulenburg.

Der 28. war der Tag des eigentlichen Kriegsgerichts, an dem das Endurteil gefällt werden sollte und auch wirklich gefällt wurde. Dies Urteil in seiner ganzen weitgedehnten Motivierung hier zu bringen, verbietet der Raum, weshalb ich mich auf Wiedergabe des vorerwähnten Achaz von der Schulenburgschen Separatvotums beschränke. Dieses Separatvotum deckt sich inhaltlich mit dem kriegsgerichtlichen Spruch und mag deshalb in Vertretung desselben hier seine Stelle finden. Es lautete:

»Nach fleißiger und genauer Erwägung sämmtlicher dem General-Kriegs-Gericht vorgelegenen Akten finde ich, Praeses dieses Gerichtes, nach meinem Gewissen und abgestatteten Eyde mich verbunden

1. Was den Cron-Printzen betrifft, denen sämmtlichen dahin gehenden Votis beyzufallen, daß deßelben jetzige Sache nach ihren Umständen von einem Krieges-Recht nicht gesprochen werden könne, sondern Sr. K. M. zu überlassen sey, welchergestalt Sie deßen wiederholte wehmüthige Reu-Bezeugung, submission und Bitte als König und Vater in Gnaden anzusehen geruhen mögten.

2. So viel den Hans Hermann Katten anlanget, muß ich denjenigen Votis beistimmen, welche ewigen Vestungs-Arrest erkannt haben, Allermaaßen desselben sonst böser Raht und Anschläge, auch seine dem Cron-Printzen zur Flucht so offt versprochene und abgeredete Hülffe dennoch zu keinem Effect und Würcklichkeit gelanget. Aus meiner gesunden Vernunfft aber und vor mich ich nicht anders begreifen kann, als daß auch in denen größten Verbrechen ein sonderbahrer Unterschied zwischen wirklicher Vollziehung der vorgenommenen bösen That und zwischen denen dazu allererst genommenen Mesures seyn müsse, und eine Lebens Straffe zwar bey jener, nicht aber bey diesen stattfinden könne. Und da es in diesem Falle noch zu keiner wirklichen Desertion gekommen, so kann ich nach meinem besten Wißen und Gewißen, auch dem theuer geleisteten Richter-Eyde gemäß, den Katten mit keiner Lebens-Straffe, sondern mit ewigem Gefängniß zu belegen mich entschließen.«

Am selbigen, spätestens an dem darauffolgenden Tage wurde das Urteil – wahrscheinlich unter Beischluß der Separatvota – dem zu Schloß Wusterhausen in finsterer Ungeduld wartenden König eingehändigt. Er war nicht befriedigt und sandte folgende Bemerkung zurück: »Sie sollen Recht sprechen und nit mit dem Flederwisch darübergehen. Das Kriegsgericht soll wieder zusammenkommen und anders sprechen.«

Auf der Rückseite des Blattes stand von der Hand des Königs: »5. Buch Mose, Kap. 17, Vers 8 bis 12. Zweites Buch Samuelis, Kap. 18, Vers 10 bis 12. Zweites Buch Chronika, Kap. 19, Vers 5 bis 7.« Im 5. Buch Moses heißt es an der Hauptstelle: »Und du sollst dich halten nach dem Gesetz, das sie dich lehren, und nach dem Recht, das sie dir sagen, daß du von demselben nicht abweichest, weder zur Rechten noch zur Linken.«

Aber alle diese Mahnungen zu größerer Strenge waren vergeblich. Das Kriegsgericht blieb bei seinem Spruch, und Achaz von der Schulenburg, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender, antwortete unterm 31. Oktober: »Nachdem er nochmals reiflich erwogen und wohl überleget, finde er sich in seinem Gewissen überzeuget, daß es dabei bleiben müsse und solches zu ändern ohne Verletzung seines Gewissens nicht geschehen könne noch in seinem Vermögen stehe.«

Worauf nun, de dato Wusterhausen am 1. November 1730, jener königliche Machtspruch erfolgte, der den durch Kriegsgericht lediglich zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilten Katte mit dem Tode bestrafte. Unter Fortlassung einiger weniger, die drei mitangeklagten Lieutenants von Keith, von Spaën und von Ingersleben Von Keith, wie schon in einer früheren Anmerkung hervorgehoben, war durch das Kriegsgericht zum Strang, von Spaën zu Kassation, von Ingersleben zu sechsmonatiger Festungshaft verurteilt worden. Da von Keith bereits flüchtig geworden war, ward er »in effigie« gehenkt. betreffenden Sätze, lautete diese berühmt gewordene » Cabinetsordre« wie folgt:

»Se. Königliche Majestät in Preußen, Unser allergnädigster König und Herr, haben das Denenselben eingesandte Kriegesrecht durchlesen, und sind mit demselben in allen Stücken sehr wohl zufrieden.« (Folgt die Zustimmung zu dem über die Lieutenants von Keith, von Spaën und von Ingersleben gefällten Urteile.)

»Was aber den Lieutenant v. Katt und dessen Verbrechen, auch die vom Kriegsrecht deshalb gefällte Sentenz anlanget, so sind S. K. M. zwar nicht gewohnt, die Kriegsrechte zu schärfen, sondern vielmehr, wo es möglich, zu mindern, dieser Katt aber ist nicht nur in meinen Diensten Offizier bey der Armee, sondern auch bey der Garde Gens D'Armes, und da bey der ganzen Armee meine Offiziers mir getreu und hold sein müssen, so muß solches um so mehr geschehen von den Offiziers von solchen Regimentern, indem bey solchen ein großer Unterschied ist, denn Sie immediatement Sr. Königl. Majestät und Dero Königlichem Hause attachirt seyn, um Schaden und Nachtheil zu verhüten, vermöge eines Eides.

Da aber dieser Katt mit der künftigen Sonne tramiret, zur Desertion mit fremden Ministern und Gesandten allemal durch einander gestecket, und er nicht davor gesetzet worden, mit dem Kronprinzen zu complottiren, au contraire es Sr. Königlichen Majestät und dem Herrn General-Feldmarschall v. Natzmer hätte angeben sollen, so wüßten S. K. M. nicht, was vor kahle Raisons das Kriegsrecht genommen, und ihm das Leben nicht abgesprochen hätten. S. K. M. werden auf die Art sich auf keinen Offizier noch Diener, die in Eid und Pflicht stehen, verlassen können. Denn solche Sachen, die einmal in der Welt geschehen, können öfters geschehen. Es würden aber dann alle Thäter den Prätext nehmen, wie es Katten wäre ergangen, und weil der so leicht und gut durchgekommen wäre, ihnen desgleichen geschehen müßte. S. K. M. seynd in Dero Jugend auch durch die Schule geloffen, und haben das lateinische Sprüchwort gelernet: Fiat Justitia et pereat mundus! Also wollen Sie hiermit, und zwar von Rechtswegen, daß der Katte, ob er schon nach denen Rechten verdient gehabt, wegen des begangenen Crimen Laesae Majestatis mit glühenden Zangen gerissen und aufgehenket zu werden, Er dennoch nur, in Consideration seiner Familie, mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht werden solle. Wenn das Kriegsrecht dem Katten die Sentence publicirt, soll ihm gesagt werden, daß es Sr. K. M. leid thäte, es wäre aber besser, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.

F. Wilhelm.«

Von Kattes letzter Tag in Berlin

Katte war all die Zeit über in seinem Arrestlokal auf der Wache des Regiments Gensdarmes verblieben. Endlich, am 2. November, ward er nach dem »Neuen Markt« auf die daselbst befindliche Auditoriatsstube gebracht, wo jene fünfzehn Offiziere, die das Kriegsgericht gebildet hatten, bereits versammelt waren, um ihm durch den Vorsitzenden, Achaz von der Schulenburg, erst das ihrerseits gefällte Urteil, danach aber die verschärfte, auf Tod lautende Sentenz des Königs mitzuteilen. Katte bewahrte gute Haltung. »Ich bin«, sagte er, »völlig in die Fügungen der Vorsehung und den Willen des Königs ergeben. Ich habe keine schlechte Handlung verübt, und wenn ich sterbe, so ist es um einer guten Sache willen.«

Gleich darnach ward er vom Neuen Markt aus in sein Arrestzimmer zurückgeführt, das noch durch viele Jahre hin, bis zu seinem Abbruch, in einer seiner Fensterscheiben eine Reminiszenz an diesen seinen so berühmt gewordenen Gefangenen aufbewahrte. Es war dies ein Vers, den er während der langen Untersuchungshaft mit dem Stein seines Ringes ins Glas gekritzelt hatte. Der Vers lautete:

Mit der Zeit (geduldbeflissen)
Wird uns auch ein gut Gewissen.
Wenn du fragst wer dies geschrieben hier,
Wird der Name Katt es sagen dir.
Hoffnung läßt Zufriedenheit nicht missen.

Darunter standen die Worte: »Derjenige, den die Neugier treiben wird, diese Schrift zu lesen, wird erfahren, daß der Schreiber auf Befehl Seiner Majestät den 16. August des Jahres 1730 in Arrest gekommen ist nicht ohne Hoffnung, die Freiheit wiederzuerhalten, obgleich die Art, wie er bewacht wird, ihn etwas Unglückseliges ahnen läßt.«

Bald nach seiner Rückkehr bat er um Tinte und Feder. Als ihm beides gebracht war, schrieb er an den König: ein Bekenntnis seiner Schuld und zugleich ein Gnadengesuch. Der Brief lautete:

»Nicht mich zu rechtfertigen, nicht meine bisherige Aufführung zu entschuldigen noch durch viele Rechtsgründe meine Unschuld zu bezeugen, nein, sondern die wahre Reue und Leid, Ew. Königliche Majestät beleidigt zu haben, verpflichten mich in aller Untertänigkeit, mich Denenselben zu Füßen zu legen. Meiner Jugend Irrtum, Schwachheit, Unbedachtsamkeit, mein nichts Böses meinender Sinn, mein durch Liebe und Mitleid eingenommenes Herz, ein eitler Wahn der Jugend, der keine verborgene Tücke im Schilde geführt, sind es, mein König!, die demütigst um Gnade, Erbarmen, Mitleiden, Barmherzigkeit und Erhörung bitten und flehen! Gott, als der König und Herr aller Herren, läßt Gnade vor Recht ergehen und bringet durch Erbarmen und Gnade den auf irrigem Wege gehenden Sünder und Missetäter wiederum zu seiner Pflicht: Also, mein König! Sie, als ein Gott auf Erden, lassen mir doch dieselbe Gnade, als einem gegen Ew. Königliche Majestät mißhandelnden Sünder und Missetäter, zufließen. Die Hoffnung der Wiedererholung schonet noch des verdorreten Baums und erhält ihn vor der Glut des Feuers. Warum soll denn mein Baum, der schon wiederum neue Sprossen neuer Treue und Untertänigkeit zeiget, nicht Gnade vor Ew. Königlichen Majestät finden? Warum soll er sich schon in seiner Blüte neigen und nicht noch vorher Ew. Königlichen Majestät Gnade und Barmherzigkeit für unverfälschte Treue und Gehorsam erwirken? Ich habe gefehlet, mein König! ich erkenne es mit treuem Herzen, also verzeihen Sie es dem redlichen Gesteher und gewähren mir, was auch Gott dem größten Sünder nicht versaget. Manasse vermehrte ja, so gottlos er war, die Zahl seiner Fürsten; Saul konnte nicht so sehr in Ungehorsam verfallen und David nach Unrecht dürsten, als aufrichtig hernach ihre Bekehrung war. So viele Tropfen Blut in meinen Adern fließen, so viele sollen es Zeugen sein der neuen Treue und Gehorsams, die Dero Gnade und Huld würket; Gottes Gnade und Liebe lässet mich auch seiner Gnade hoffen; so verzweifle denn auch nicht, der darum flehet und bittet, als Ew. Majestät ungehorsam gewesener, nunmehr aber durch Reu und Leid zu seiner Pflicht getriebener Vasall und Untertan

Katt.«

 

So der Brief an den König.

Gleichzeitig schrieb er an seinen Großvater mütterlicherseits, den Generalfeldmarschall von Wartensleben. In diesem Briefe bezieht er sich auf sein eben an den König gerichtetes Gnadengesuch und schreibt wörtlich: »Ihm (Gott) ist nichts unmöglich, es sind ihm noch Mittel genug bekannt, um zu helfen; denn er kann das Herz des Königs noch regieren und lenken, daß er sich so zur Gnade wiederum kehrt, als er sich zur Schärfe bezeiget. Ist es sein Wille nicht, so sei er auch dafür gelobet; denn er kann es nicht anders als gut mit uns meinen; darum gebe mich in Geduld und erwarte, was Dero und andrer Vorsprache bei Ihro Majestät für Würkung tun werden.«

Aber alle »Vorsprache« war umsonst das Gnadengesuch selbst blieb unbeantwortet, und am 3. November früh erschien Major von Schack von den Gensdarmes mit einem starken Kommando selbigen Regiments vor dem Wachtlokal, um den Delinquenten nach Küstrin zu schaffen, wo derselbe »vor den Augen des Kronprinzen« enthauptet werden sollte.

Von Schack war tief erschüttert. »Ich habe Befehl von Seiner Majestät«, so wandte er sich an Katte, »bei Ihrer Hinrichtung zugegen zu sein. Zweimal habe ich mich geweigert, aber ich habe zu gehorchen; Gott weiß es, was es mich kostet. Gebe der Himmel, daß das Herz des Königs sich noch wenden und ich in letzter Stunde noch die Freude haben möchte, Ihnen Ihre Begnadigung anzukündigen.«

»Sie sind zu gütig«, antwortete Katte, »aber ich bin mit meinem Schicksal zufrieden. Ich sterbe für einen Herrn, den ich liebe, und habe den Trost, ihm durch meinen Tod den stärksten Beweis der Anhänglichkeit zu geben.«

Und danach bestieg er den Wagen, der vor dem Wachtlokale hielt, und der Zug setzte sich, durch das Landsberger Tor hin, auf Küstrin zu in Bewegung.


Von Kattes Überführung nach Küstrin

Das Kommando unter Major von Schack bestand aus dreißig Pferden, einem Rittmeister, einem Lieutenant und zwei Unteroffizieren, die den Wagen in ihre Mitte nahmen. In diesem selbst saßen außer Katte der Major von Schack, der Feldprediger Müller vom Regiment Gensdarmes und ein Unteroffizier. Als sie bis an den Wasserlauf der »Landwehr« gekommen, begann der Feldprediger ein Singen und Beten, und besonders war es das Lied: »Weg, mein Herz, mit den Gedanken«, was eines Eindrucks auf Katte nicht verfehlte. Zu guter Stunde kamen sie ins Quartier (nur Dörfer wurden gewählt), und hier sprach Katte den Wunsch aus, einen Abschiedsbrief an seinen »Herrn Vater schreiben zu dürfen, den er so sehr betrübet habe«. Dies wurde ihm bewilligt, und man ließ ihn allein, um sich zu sammeln. Aber es wollte ihm nicht gelingen, und als Major von Schack nach einiger Zeit wieder bei ihm eintrat, fand er ihn noch auf und ab gehend. Und dabei klagte er, »daß es so diffizil wäre und daß er vor Betrübnis keinen Anfang finden könne«. Von Schack sprach ihm zu, und er setzte sich nun hin und schrieb. Dieser Brief aber war folgenden Inhalts:

»In Tränen, mein Vater, möcht ich zerrinnen, wenn ich daran gedenke, daß dieses Blatt Ihnen die größte Betrübnis, so ein treues Vaterherze empfinden kann, verursachen soll; daß die gehabte Hoffnung meiner zeitlichen Wohlfahrt und Ihres Trostes im Alter mit einmal verschwinden muß, daß Ihre angewendete Mühe und Fleiß in meiner Erziehung zu der Reife des gewünschten Glücks sogar umsonst gewesen, ja daß ich schon in der Blüte meiner Jahre mich neigen muß, ohne vorher Ihnen in der Welt die Früchte Ihrer Bemühungen und meiner erlangten Wissenschaften zeigen zu können. Wie dachte ich nicht, mich in der Welt emporzuschwingen und Ihrer gefaßten Hoffnung ein Genüge zu leisten; wie glaubte ich nicht, daß es mir an meinem zeitlichen Glück und Wohlfahrt nicht fehlen könnte; wie war ich nicht eingenommen von der Gewißheit meines großen Ansehens! Aber alles umsonst! Wie nichtig sind nicht der Menschen Gedanken: mit einmal fällt alles über einen Haufen, und wie traurig endiget sich nicht die Szene meines Lebens, und wie gar unterschieden ist mein jetziger Stand von dem, womit meine Gedanken schwanger gegangen; ich muß, anstatt den Weg zu Ehren und Ansehen, den Weg der Schmach und eines schändlichen Todes wandeln. Aber wie unbegreiflich, o Herr, sind deine Wege und unerforschlich deine Gerichte. Wohl recht heißet es: ›Gottes Wege sind nicht der Menschen Wege, und der Menschen Wege sind nicht Gottes Wege.‹ Würd ich nicht etwan in der Sicherheit fortgegangen, bei allem Glück und Wohlleben Gott vergessen und ihn hintenangesetzt haben? Würd ich nicht bei den guten Tagen den Weg des Fleisches, der Sünden und der Wollust dem Wege zu Gott vorgezogen haben? Ja gewiß hätte mich solches viel mehr von Gott ab- als zu ihm geführt.

Die verdammte Ambition, die einem von der Kindheit auf, ohne den rechten Begriff davon zu geben, eingeflößet wird, würde immer weitergegangen sein und zuletzt dem eitlen Verstande zugeschrieben haben, was doch einzig und allein von Gott kommt. Solchem hat der gütige und gerechte Gott wollen zuvorkommen und – da ich seiner öftern und vielfältigen Regung nicht Gehör gegeben – auf solche Art mich fassen müssen, daß ich mich nicht weiter ins Verderben stürzte und gar die ewige Verdammnis mir zuzöge. Darum sei er auch dafür gelobet! Fassen Sie sich demnach, mein Vater, und glauben Sie sicherlich, daß Gott mit mir im Spiel, ohne dessen Willen nichts geschehen, auch nicht einmal ein Sperling auf die Erde fallen kann! Er ist es ja, der alles regieret und leitet durch sein heiliges Wort; darum kommt auch dieses mein Verhältnis von ihm her. Ist gleich die Art des Todes bitter und herbe, so ist die Hoffnung und die Gewißheit der künftigen Seligkeit desto süßer und angenehmer! Ist es gleich mit Schimpf und Schmach verknüpfet, so ist es doch nicht im Vergleich der künftigen Herrlichkeit! Trösten Sie sich, mein Vater! Hat Ihnen doch Gott mehr Söhne gegeben, denen er vielleicht mehr Glück in dieser Welt geben wird, und Ihnen, mein Vater, die Freude in denenselben erleben lassen, die Sie vergebens an mir gehoffet. Welches ich Ihnen von Grund meiner Seele wünsche. Unterdessen danke mit kindlichem Respekt für alle mir erwiesene Vatertreue, von meiner Kindheit an bis zur jetzigen Stunde. Gott der Allerhöchste vergelte Ihnen tausendfach die mir erzeigte Liebe und ersetze Ihnen durch meine Brüder, was bei mir rückständig geblieben. Er erhalte und bewahre Sie bis in Ihr hohes und graues Alter und speise Sie mit Wohlergehen und tränke Sie mit der Gnade seines Geistes.

Ihr bis in den Tod getreuer Sohn Hans Hermann von Katt.

Nachschrift. Was soll ich aber ihnen, liebwerteste Mama, die ich so sehr, als hätte uns das Band der Natur verbunden« (sie war seine Stiefmutter), »geliebet, und Euch, liebwerteste Geschwister, wie soll ich mein Andenken bei Euch stiften? Mein Zustand läßt nicht zu, alles, was ich auf dem Herzen habe, Euch vorzustellen; ich stehe vor der Pforte des Todes, muß also bedacht sein, mit einer gereinigten und geheiligten Seele einzugehen, kann also keine Zeit versäumen.

H. H. v. K.«

 

Als Katte mit diesem flüchtig und auf bloße Zettel niedergeschriebenen Briefe geendigt hatte, wollte er an eine Abschrift desselben gehen, aber der Prediger riet ihm ab: »seine Zeit wäre zu edel, und er möcht es nur lassen; sein Herr Vater sähe ja doch seine Meinung«. So begab er sich und bat den von Schack, den Brief späterhin rein abschreiben zu lassen. Danach aß er ein weniges, trank ein Glas korsikanischen Wein und nahm die geistlichen Unterredungen wieder auf, bei welcher Gelegenheit er ebenso große Fassung und Ergebung wie Kenntnis und Geistesschärfe zeigte. »Er gehe mit Freuden in den Tod«, so sagte er, »und wenn er die Wahl zu leben oder sterben hätte, so woll er das letztere wählen, denn es möchte ihm nicht immer die Zeit werden, sich so gut vorzubereiten wie jetzt.« Unter solchen Gesprächen verging der Abend. Gegen zehn Uhr bat ihn von Schack, sich niederzulegen, was er anfänglich nicht mochte. Zuletzt aber tat er es und genoß eines festen Schlafes.

Am anderen Morgen ging es weiter. Er war mitteilsam wie den Tag zuvor und sprach viel darüber, daß man ihn für einen Atheisten gehalten. Das sei er nie gewesen, ja er dürfe vielmehr versichern, daß er vor atheistischen Büchern allezeit einen wahren Abscheu gehabt habe. Andererseits könne er nicht leugnen, daß er öfters »eine Thesin maintenieret«, aber bloß, um seinen Verstand sehen zu lassen. Denn er habe gefunden, daß solches in belebten Gesellschaften »vor sehr artig passieret wäre«. Und so hätte er es mitgemacht.

Auch an diesem Tage – die jedesmalige Tagesfahrt war nur vier Meilen – kamen sie früh ins Quartier, und er erquickte sich an Kaffee, »der überhaupt sein bestes Labsal war«. Sowohl abends wie morgens.

Der dritte Tag war ein Regentag. Als er gegen Mittag Küstrin erkannte, das er immer nur bei Gelegenheit des in Sonnenburg (eine Meile östlich von Küstrin) stattfindenden Johanniter-Ritterschlages gesehen haben mochte, erinnerte er sich des Markgrafen Albrecht, damaligen Herrenmeisters, und hat von Schack, dem Markgrafen seinen untertänigsten Respekt vermelden, demselben auch danken zu wollen, daß er ihn in den Johanniterorden aufgenommen habe. Dieses sei die höchste Ehre gewesen, die ihm diese Welt erwiesen, und er wolle in schuldiger Dankbarkeit dafür bei Gott bitten, den hohen Herrn in seinen himmlischen Orden aufzunehmen.

Während dieses Gespräches waren sie bis an die große Oderbrücke gekommen; der Regen ließ nach, und die Sonne trat hervor. »Das ist mir ein gutes Zeichen«, sagte er, »hier wird meine Gnadensonne anfangen zu scheinen.«

Gleich danach hielten sie vor dem Tor und wurden von dem Platzkommandanten von Reichmann empfangen, der den Delinquenten in eine dicht über dem Tor gelegene Stube führte.

Von hier aus trat er den anderen Morgen seinen letzten Gang an.

Der 6. November 1730

Der nächste Morgen war für die Hinrichtung bestimmt. Eine Relation des Majors von Schack, die derselbe dienstlich an den Feldmarschall von Natzmer richtete, enthält eine genaue Schilderung aller Vorgänge von dem Augenblick an, wo Katte am 5. nachmittags am Küstriner Tore eintraf. Es ist aus dieser Relation, daß ich nachstehendes entnehme.

»... Als wir um zwei Uhr«, so schreibt von Schack, »an das Tor kamen, fanden wir daselbst den Kommandanten. Er hielt uns an und ließ uns aussteigen. Danach nahm er den seligen Herrn von Katt bei der Hand und führte ihn die Treppe zum Wall hinauf, allwo über dem Tor« (es ist das Tor zwischen Bastion König und Bastion Königin; vergleiche die Festungsskizze) »eine Stube mit zwei Betten, eines für Katt und das andere für den Feldprediger, präparieret war. Der Kommandant sagte mir danach, daß wir den Herrn von Katt auch an dieser Stelle noch in Verwahrung zu halten hätten, und zeigte mir die Punkte, wo unsre Posten am besten auszusetzen wären. Gleicherzeit wies er mir die königliche Ordre, aus der ich ersah, daß die Hinrichtung am andern Morgen um sieben Uhr stattfinden und mein ganzes Kommando (aber zu Fuß) den Herrn von Katt in einen durch 150 Mann von der Küstriner Garnison zu bildenden Kreis hineinführen solle.

Als ich alles dieses erfahren, ging ich zu dem seligen Herrn von Katt, nicht ohne Wehmut und Betrübnis des Herzens, und sagte ihm, ›daß sein Ende näher sei, als er vielleicht vermute‹. Er fragte auch unerschrocken, ›wann und um welche Zeit?‹ Da ich ihm solches hinterbracht, antwortete er mir: ›Es ist mir lieb; je eher, je lieber.‹

Darauf hat ihm der Gouverneur von Lepel Essen, Wein und Bier geschickt, wovon er auch gegessen und getrunken.

Etwas später schickte der Herr Präsident von Münchow auch Essen und ungarischen Wein, wovon er auch genossen. Dann aber nahm unser Feldprediger Müller den dasigen Garnisonprediger Besser mit zur Hülfe und blieb in beständiger Arbeit mit ihm. Von acht bis neun Uhr war ich mit den anderen Offiziers bei ihm, und wir sangen und beteten mit. Weil aber die Prediger gern mit ihm allein sein wollten, gingen wir weg. Um zehn Uhr ließ man ihm Kaffee machen, davon er nachgehende drei Tassen getrunken; meinen Kerl (Burschen) ließ ich die ganze Nacht bei ihm, ihm an die Hand zu gehen.

Um elf Uhr ging ich wieder zu ihm; ich konnte nicht schlafen; aber wenn ich noch so bekümmert und beängstet war und sah ihn nur, so richtete und munterte seine Standhaftigkeit mich wieder auf. Und ich betete und sang mit bis um ein Uhr morgens. Von zwei bis drei Uhr sah man an der Couleur des Gesichts wohl einen harten Kampf des Fleisches und Blutes. Um diese Zeit hat der Prediger ihn gebeten, sich ein wenig aufs Bette zu legen, um für sein Gemüt neue Kräfte zu erlangen, welches er auch getan und von drei bis fünf Uhr geschlafen, wo ihn das Ablösen des Postens aufgewecket. Darauf er kommunizieret. Wie das vorbei, ging ich wieder zu ihm. Da sagte er mir, sein Zeug, so er bei sich hätte, sollte mein Kerl haben, seine Bibel schenkte er dem Korporal, welcher sehr fleißig mit ihm gesungen und gebetet, insonderheit das oben benannte Lied, sooft er ohne den Prediger allein gewesen.

Wie kurz vor sieben das Kommando der Gensdarmes da war, fragte er mich: ›ob es Zeit wäre‹. Wie ich solches mit Ja beantwortet, nahm er Abschied von mir, ging hinaus, und das Kommando nahm ihn in die Mitte; der eine Prediger ging zur Rechten, der andre zur Linken und beteten und sprachen ihm immer vor. Er ging ganz frei und munter, den Hut unter dem Arm, nicht gezwungen noch affektiert, sondern ganz naturell weg.

Er war ein paar hundert Schritte längs dem Wall geführet und waren die Zugänge des Walles militärisch besetzt, so daß wenig Menschen oben waren. Im Kreise ward ihm nochmals die Sentenz vorgelesen, ich kann aber hoch versichern, daß ich vor Betrübnis nichts gehöret habe, und wußt auch nicht drei Worte zusammenzubringen. Bei Vorlesung der Sentenz stund er ganz frei; wie solches vorbei, fragte er nach den Offiziers von den Gensdarmes, ging ihnen entgegen und nahm Abschied. Hernach ward er eingesegnet. Darauf gab er die Perruque an meinen Kerl, der ihm eine Mütze darreichte, ließ sich den Rock ausziehen und die Halsbinde aufmachen, riß sich selbst das Hemd herunter, ganz frei und munter, als wenn er sich sonsten zu einer sérieusen Affaire präparieren sollen, ging hin, kniete auf den Sand nieder, rückte sich die Mütze in die Augen und fing laut selbst an zu beten: ›Herr Jesu! dir leb ich‹ etc. Weil er aber meinem Kerl gesagt, er sollt ihm die Augen verbinden, sich aber hernach resolvieret, die Mütze in die Augen zu ziehen, so wollte der Kerl, der schrecklich konsternieret, ihm immer noch die Augen verbinden, bis von Katt ihm mit der Hand winkte und den Kopf schüttelte.

Darauf fing er nochmalen an zu beten: ›Herr Jesu!‹, welches noch nicht aus war, so flog der Kopf weg, welchen mein Kerl aufnahm und wieder an seinen Ort setzte.

Seine présence d'esprit bis auf die letzte Minute kann nicht genug admirieren. Seine Standhaftigkeit und Unerschrockenheit werde mein Tage nicht vergessen, und durch seine Zubereitung zum Tode habe vieles gelernet, so noch weniger zu vergessen wünsche.«

Außer dieser Relation des Majors von Schack liegt auch ein Bericht des Garnisonpredigers Besser vor, der, wie vorerwähnt, in Assistenz des Feldpredigers Müller, den von Katt auf seinem letzten Gange begleitete. Auf die Angaben dieser beiden »Augenzeugen« (von Schack und Besser) werden wir auch in der Folge bei Lösung schwebender Fragen in allen Hauptpunkten angewiesen sein. Alles andere steht erst in zweiter Reihe. Hier zunächst der Schluß des Besserschen Berichts im Wortlaut.

»... So trat er seinen letzten Gang zum Vater an mit solcher freimütigen Herzhaftigkeit, die jeder bewundern mußte. Seine Augen waren meistens zu Gott gerichtet und wir erhielten sein Herz unterwegens immer himmelwärts durch Vorhaltung der Exempel solcher, die im Herrn verschieden, als des Sohnes Gottes selbst und des Sankt Stephanus wie auch des Schächers am Kreuz, bis wir uns unter solchen Reden dem hiesigen Schlosse näherten. An andern, die solchen Gang gehen, habe ich sonst wohl Alteration und Betrübnis ihrer Sinne gemerket, wenn sie dem entsetzlichen Gerichtsplatz nahe kamen, daß ihnen auch öfters der freudige Mut entfallen ist. Ich hatte daher auch meine Obacht, ob der Wohlselige auch etwa eine verborgene Hoffnung in seinem Herzen hege wegen Linderung seines auszustehenden Urteils, wenn solche aber fehlschlagen möchte, daß ja nicht Kleinmütigkeit und schüchterne Blödigkeit entständen. Allein Gott sei gedanket, der ihn mit seinem Freudengeist in seiner letzten Stunde stärkte und unsträflich behielt. Er erblickte endlich, nach langem sehnlichen Umhersehen, seinen geliebtesten Jonathan, Ihro Königliche Hoheit den Kronprinzen, am Fenster des Schlosses, von selbigem er mit höflichen und verbindlichen Worten in französischer Sprache Abschied nahm, mit nicht geringer Wehmut. »Mon cher Katte«, rief ihm der Kronprinz zu, nachdem er ihm mit der Hand einen Kuß zugeworfen, »je vous demande mille pardons.« Worauf Katte mit Reverenz antwortete: »Point de pardon, mon prince; je meurs avec mille plaisirs pour vous.« Er hörte ferner seine abgefaßte Todessentenz durch den Herrn Geheimrat Gerbett unerschrocken vorlesen. Da solche geendiget, nahm er vollends Abschied von denen Herren Offiziers, besonders von dem von Asseburg, von Holzendorf, und dem ganzen Kreise, empfing die letzte Absolution und die priesterliche Einsegnung mit großer Devotion, entkleidete sich selber bis aufs Hemd, entblößte sich den Hals, nahm seine Haartour vom Haupte, bedeckte sich mit einer weißen Mütze, welche er zuvor zu dem Ende bei sich gesteckt hatte, kniete nieder auf den Sandhaufen und rief: ›Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!‹ Und als er solchergestalt seine Seele in die Hände seines Vaters befohlen, ward das erlösete Haupt mit einem glücklich geratenen Streich durch die Hand und Schwert des Scharfrichters Coblentz vom Leibe abgesondert; ein Viertel auf acht Uhr, den 6. November 1730. Dabei mir einfiel, was stehet 2. Makkabäer 7, Vers 40: ›Also ist dieser fein dahingestorben und hat seinen Trost allein auf Gott gestellt.‹ Ich nahm ferner nichts mehr wahr als einige Zuckungen des Körpers, so vom frischen Geblüt und Leben herrührten. Wenig zusammengelaufene Leute sah man außer dem Kreise, auf dem Walle und in denen Fenstern, und noch weniger von Extraktion waren zugegen, weil viele teils solches nicht geglaubet, teils nicht gewußt, teils es anzusehen Bedenken getragen.

Der Körper und Haupt ward mit einem schwarzen Tuch bedecket, bis er von denen besten und vornehmsten Bürgern dieser Stadt aufgehoben, in einen beschlagenen Sarg geleget und auf hiesigem Gottesacker in der sogenannten ›Kurzen Vorstadt‹ neben einen andern Offizier von hiesiger Garnison, so nicht lange vorher beerdigt ward, eingesenket wurde. Nachmittags um zwei Uhr.«

Dieser Gottesacker, vom »Hohen Kavalier« aus sichtbar, liegt in erheblicher Entfernung von der Stadt, jenseits der Warthe. Hier ruhte der Tote, bis der Familie zugestanden war, ihn wieder ausgraben und auf dem Rittergute Wust, in der Nähe von Jerichow, bestatten zu lassen. Wann dies geschah, ist nicht bestimmt ersichtlich. Der Sarg aber wurde nach dem genannten Gute (Wust) hinübergeführt und steht daselbst bis diesen Tag in der Familiengruft der Kattes.

Über diese Gruft selbst habe ich an anderer Stelle berichtet.

 

Wo stand Kronprinz Friedrich?

Wo fiel Kattes Haupt?

Diese Fragen, hundertfältig erhoben, sind bis in die neueste Zeit hinein keineswegs auch nur mit annähernder Sicherheit beantwortet worden. Erst Divisionsprediger Hoffbauer zu Küstrin ist in einer 1867 erschienenen Publikation diesen zwei Fragen gründlich nähergetreten, gründlicher als irgendwer vor ihm, und glaubt, auf die Frage 1: »Wo stand der Kronprinz?«, eine fast absolut richtige, auf die Frage 2 aber: »Wo fiel Kattes Haupt?«, eine wenigstens mit hoher Wahrscheinlichkeit richtige Antwort gefunden zu haben.

 

Wo stand der Kronprinz? An dem letzten Hochparterrefenster der Schloßfront, wenn man von Bastion König auf Bastion Brandenburg zuschreitet. Diese große »Front des Schlosses«, immer am Wasser hin, ist aber ein ziemlich kompliziertes Ding und besteht aus einer eigentlichen und uneigentlichen Front. Die eigentliche Front gehört dem corps de logis an. Und in dieser eigentlichen Front oder dem corps de logis befindet sich das historische Fenster nicht.

An das corps de logis lehnt sich indessen rechtwinkelig noch ein architektonisch unvermittelter Seitenflügel, dessen Giebel nunmehr den Eindruck macht, als gehöre er mit in die große Wall- und Wasserfront des Schlosses hinein. Dieser Eindruck würde noch entschiedener sein, wenn erwähnter Seitenflügelgiebel nicht um ein paar Schritte zurückträte, so daß wir, in ein paar Linien ausgedrückt, nebenstehendes Bild gewinnen.

An der offengelassenen und mit einem F. (Fenster) bezeichneten Stelle dieses Seitenflügelgiebels oder, was dasselbe sagen will, dieses uneigentlichen Teiles der gesamten Schloßfront stand der Kronprinz.

Dafür, daß es gerade dieses Zimmer und kein anderes war, sprechen – neben der in Küstrin lebendig gebliebenen Tradition – einerseits die Angaben des Generals von Münchow ( Sohnes des vorgenannten Kammerpräsidenten), der als etwa siebenjähriger Knabe jene Schreckenstage miterlebte, andererseits, wenn auch nur mittelbar, die Worte des Prediger Besserschen Berichtes: »Er erblickte endlich, nach langem sehnlichen Umhersehen, seinen geliebtesten Jonathan am Fenster des Schlosses.« Hieraus ergibt sich mit einiger Gewißheit daß er an einem der letzten Fenster gestanden haben muß. Es war aber das allerletzte.

Das Zimmer selbst wurde später in eine Kasernenstube, noch später, unter Hinzulegung eines Nachbarraumes, in den Offizierspeisesaal der Küstriner Garnison verwandelt.

Jetzt ist es Casinosaal. Eine Inschrift fehlt ihm noch. Dafür aber ist als historisches Erinnerungsstück ein aus der Neudammschen Mühle stammender Lehnstuhl aufgestellt worden, derselbe, auf dem König Friedrich, achtundzwanzig Jahre später, die Nacht vor der Schlacht bei Zorndorf zubrachte.

 

Wo fiel Kattes Haupt?

Diese Frage bietet viel größere Schwierigkeiten, denn es streiten sich sieben Plätze darum. Ich schicke auch hier ein Bild der Lokalität voraus. Es ist dasselbe wie das schon vorstehend gegebene, nur erweitert.

Weißkopf: Etwas über mannshoher Unterbau eines ehemaligen Rundturmes. Auf demselben jetzt ein Pavillon. – Steinwürfel: Nicht mehr vorhanden. Befand sich unmittelbar rechts neben einer von der Stadt beziehungsweise von der »Mühlenpforte« her auf den Wall hinaufführenden Treppe. – Mühlenpforte: Läuft noch jetzt unter dem Wallgang hin und von der Stadt auf den Fluß zu. Ein gewölbtes Tor. Ein Tunnel. Hat Bedeutung für die Ortsbestimmung. – Kanzlei: Hart am Wall gelegenes Haus, aber noch innerhalb der Stadt. Seine oberen Stockwerke ermöglichten »von denen Fenstern« aus, von denen der Bessersche Bericht spricht, einen bequemen Blick auf den Wall. Jetzt stehen da, wo 1730 die » Kanzlei« stand, das »Blockhaus« (Gefängnis) und das Salzmagazin. – F.: Fenster, wo der Kronprinz stand. – † v. K.: Stelle, wo (nach Hoffbauer) Kattes Haupt fiel.

 

Nach dieser Lokalbeschreibung lasse ich nunmehr die sieben rivalisierenden Plätze beziehungsweise Hypothesen folgen:

1. Die Hinrichtung fand statt an der Stelle, wo jetzt der »Weißkopf« steht.

2. Die Hinrichtung fand auf dem »Weißkopf« statt, und zwar auf dem zum Schafott hergerichteten Turmunterbau, der damals (1730) noch keinen Pavillon trug.

3. Die Hinrichtung fand statt auf dem schmalen Raume, der zwischen dem »Weißkopf« und dem »historischen Fenster« liegt.

4. Die Hinrichtung fand statt auf einem »innerhalb des Festungs- oder Schloßhofes errichteten schwarzen Schafott«. So schreiben Pöllnitz und die Markgräfin.

5. Die Hinrichtung fand statt auf dem Hof von Bastion Brandenburg.

6. Die Hinrichtung fand statt (von der Stadt aus gerechnet) rechts neben der Treppe, die von der Mühlenpforte aus auf den Wallgang hinaufführt. Also da, wo früher der Steinwürfel stand.

7. Die Hinrichtung fand statt links neben der ebengenannten Treppe, unmittelbar – wieder von der Stadt aus gerechnet – hinter der »Kanzlei«, an der mit † v. K. bezeichneten Stelle.

Die vier ersten Ansprüche sind leicht zu beseitigen.

Ad 1. Von einer bloßen Weißkopf- Stelle zu sprechen ist untunlich. Der Weißkopf stand dort schon 150 Jahre, als die Hinrichtung stattfand.

Ad 2. Von einem Schafott auf dem Weißkopf kann ebensowenig die Rede sein, denn von Schack erzählt: »Er kniete auf einen Sandhaufen nieder.« Also nichts von Schafott.

Ad 3. Der Raum zwischen »Weißkopf« und »historischem Fenster« hat nur ungefähr sechs Schritt im Durchmesser und bot keinen Raum zur Aufstellung von 200 Menschen. Auch hätte der Prinz den Hergang nicht vor dem Auge gehabt, sondern auf diesen Hergang von oben her hinuntersehen müssen, wie in einen Topf hinein.

Ad 4. »Schloßhof« und »mit schwarzem Tuch ausgeschlagenes Schafott« ist ganz unstichhaltig und konnte nur von Personen aufgestellt werden, die, wie Pöllnitz und die Markgräfin, die Lokalität nie gesehen hatten.

Ad 5. und 6. räumt Prediger Hoffbauer ein, daß beide Hypothesen etwas für sich haben, ist aber nichtsdestoweniger der Ansicht, daß nur seiner

Ad 7. angegebenen Stelle († v. K.) alle gleichzeitigen Angaben, will sagen die Angaben Major von Schacks, Prediger Bessers, General von Münchows und Konrektor Georg Thiemes, unterstützend zur Seite stehen. Und zwar ist diese unter 7. näher bezeichnete Stelle:

erstens von dem »historischen Fenster« aus sichtbar; bietet

zweitens Raum genug zur Kreisaufstellung von 200 Mann; liegt

drittens ungefähr dreißig bis fünfzig Schritt, wie von Münchow schreibt, hinter dem »historischen Fenster«; und liegt

viertens, wie die handschriftlichen Aufsätze Georg Thiemes angeben, unmittelbar »hinter der Kanzlei«.

Niemand, der sich mit dieser Frage längere Zeit beschäftigt und gleichzeitig, was ganz unerläßlich, in Küstrin selbst Kenntnis von der Lokalität genommen hat, wird der Hoffbauerschen Beweisführung Gründlichkeit und Berücksichtigung aller in Betracht kommenden Punkte absprechen können. Dennoch bin ich persönlich geneigt, mich mehr für Annahme 5, will sagen für »Bastion Brandenburg«, zu erklären. Allerdings beträgt die Entfernung bis dahin nicht dreißig oder fünfzig, sondern achtzig Schritt, aber auch »Bastion Brandenburg« liegt noch »hinter der Kanzlei«, und jedenfalls war nur hier Raum und Gelegenheit zu bequemer Aufstellung von 200 Mann gegeben. Dies ist nicht unwichtig, denn der von Hoffbauer bevorzugte Platz 7 ist noch immer sehr eng und zu solcher Aufstellung nur gerade notdürftig ausreichend.

Unter allen Umständen bleibt die Wahl nur zwischen 5, 6 und 7 oder irgendeinem anderen zwischen dem Kreuz († v. K.) und »Bastion Brandenburg« gelegenen Punkt.

Und so darf man denn, wie eingangs bemerkt, auch diese Frage als wenigstens annähernd entschieden ansehen. Absolute Sicherheit wird freilich auch dann nicht gewonnen werden, wenn das Staatsarchiv die den Katte-Prozeß behandelnden Aktenstücke jemals zu freier und ganzer Verfügung stellen sollte. Denn Lokalfragen pflegen in amtlichen Verhandlungen, wenn nicht die Lokalität selbst den Gegenstand des Prozesses bildet, immer als etwas Nebensächliches angesehen zu werden.

Biographisches
über Hans Hermann von Katte

Hans Hermann von Katte wurde den 21. Februar 1704 zu Berlin geboren. Diese Zahlen sind zuverlässig. Auf dem Familiengute Wust findet sich folgende, bald nach der Geburt Hans Hermann von Kattes in das dortige Kirchenbuch eingetragene Notiz: »Anno 1704 den 21. Februar ist des Herrn Obristwachtmeisters (von Katte) Söhnlein zu Berlin geboren und den 22. getauft und mit Namen Hans Hermann benennet worden. Dessen Paten waren der hochgräfliche Herr Feldmarschall von Wartensleben und dessen Frau und Sohn.«

Über die Jugend Hans Hermanns ist nur weniges und nur ganz Allgemeines bekannt geworden. Daß er seine Schulzeit in Königsberg – allwo sein Vater bald nach Abschluß des Spanischen Erbfolgekrieges ein höheres Kommando antrat – zugebracht haben muß, dafür spricht folgende Stelle eines weiterhin im Wortlaute mitzuteilenden Briefes: »Sein Portrait«, so schreibt der Vater im Dezember 1730, »haben hier in Königsberg zwei Leute, eines davon der Maler, wo er zeichnen lernte.« – Welcher Art im übrigen sein Unterricht war, kann nur gemutmaßt werden. Er war sehr begabt, weshalb ihn denn auch der Vater für den Zivildienst, und zwar für die Justizcarrière, bestimmte. Reisen unterstützten früh seine wissenschaftlichen Studien. Der König sah aber den Eintritt in den Zivildienst nicht allzu gern, und da seine Gnade nur für diejenigen zu hoffen war, die Militärs wurden, so kam Hans Hermann von Katte schließlich zur Armee. Wann dies war und ob er gleich anfangs bei den »Gensdarmes« oder vielleicht erst in ein Königsberger beziehungsweise ostpreußisches Kavallerieregiment eintrat, alle diese Dinge sind in Dunkel gehüllt und werden es mutmaßlich bleiben. Als er 1729, damals fünfundzwanzig Jahr alt, zuerst genannt wird, scheint er bereits geraume Zeit hindurch der Berliner Garnison angehört zu haben.

Von seiner äußeren Erscheinung, wie zugleich von seinem Charakter, gibt Pöllnitz folgendes Bild: »Er war klein und sonnenverbrannt und hatte von den Blattern außerordentlich gelitten. Dazu dicht zusammengewachsene Augenbrauen, was ihm ein finsteres Ansehen gab. Er besaß Geist, aber wenig Urteil und war ehrgeizig und dünkelhaft. Die Gunst des Kronprinzen verrückte ihm vollends den Kopf, und er betrug sich dabei wie ein indiskreter Liebhaber in Ansehung seiner Geliebten. Überall zeigte er die Briefe des Prinzen vor, erhob ihn bis in die Wolken und tadelte dagegen jegliches, was der König tat. Seine Sitten waren nicht regelmäßiger als sein Verstand; er debauchierte und brüstete sich, gar keine Religion zu haben. Vielleicht, daß ihn reifere Jahre geändert hätten. Um diese Zeit aber (1730) war er so, wie die vorstehende Schilderung ihn gibt. Er war es hauptsächlich, der die Unzufriedenheit des Prinzen nährte, denn er ward von demselben in allen Stücken zu Rate gezogen. Nichts geschah, ohne daß Katte befragt worden wäre, und dabei war er klug genug, dem Prinzen immer nur das anzuraten, was dieser wünschte. Es wäre für beide gut gewesen, wenn sie einander nie kennengelernt hätten.«

Mit dieser Schilderung stimmt überein, was die Prinzessin Wilhelmine (Markgräfin) von ihm schreibt: »Sein Gesicht war mehr abstoßend als einnehmend; ein Paar schwarze Augenbrauen hingen ihm fast über die Augen. Sein Blick hatte etwas Unheimliches, etwas, was ihm sein Schicksal prophezeite. Eine dunkle, von den Blattern bezeichnete Hautfarbe vermehrte seine Häßlichkeit. Er spielte den esprit fort und trieb die Liederlichkeit bis zum Exzeß. Viel Ehrgeiz und Keckheit begleiteten dieses Laster. Zugleich aber«, so fährt sie fort, »besaß er Geist, Belesenheit und Welt. Die gute Gesellschaft, in der er sich ausschließlich bewegte – so namentlich auch im Hause des französischen Gesandten Grafen Rothenburg –, hatte seine Sitten gebildet, was damals in Berlin sehr selten war.«

Wann die Prinzessin ihn kennenlernte, ist nicht bestimmt ersichtlich, wahrscheinlich im Herbst 1729, als der König von einer nach Lübbenau hin unternommenen Reise zurückkehrte. Vom Mai 1730 an sahen sie sich jedenfalls häufig. Er überbrachte schriftliche und mündliche Botschaften hüben und drüben und nahm an den Aufführungen und literarisch-musikalischen Abenden teil, die, wenn der König in Potsdam oder Wusterhausen war, im königlichen Schloß oder in Schloß Monbijou stattzufinden pflegten. Einmal wurden sie überrascht. »Katte ergriff Flöte und Noten und sprang mit Quantz beiseit, um sich zu verstecken.«

Daß er der Prinzessin jemals mehr gewesen wäre als der Freund und Vertraute ihres Bruders, ist aus nichts ersichtlich; ihre eigenen Schilderungen sprechen dagegen. Katte seinerseits scheint sich freilich in jener grenzenlosen Eitelkeit, die sein hervorstechendster Charakterzug war, vor aller Welt das Ansehen gegeben zu haben, als ob ihr Verhältnis ein intimes gewesen sei. Die Prinzessin erfuhr davon, und vertraut mit der Tatsache, daß der Berliner Hof damals so recht eigentlich ein Klatschhof war, verhielt sie sich ablehnend gegen ihn und seine Huldigungen. Es handelte sich dabei ganz besonders um ein Medaillon- oder Dosenportrait, das er von ihr besaß, trug und zeigte. Sie verwies es ihm und wollte es zurückhaben. Aber er weigerte sich dessen. Der Charakter Kattes tritt einem in diesem eigentümlichen Verhalten am frappantesten entgegen. »Eines Tages«, so schreibt die Markgräfin, »benachrichtigte mich die Bülow, daß Katte, anderer Unbesonnenheiten zu geschweigen, auch mit einer Dose prunke, in der sich das Portrait des Kronprinzen und das meine befände. In der Tat war durch dies und ähnliches in seinem Benehmen unsere Verlegenheit auf den höchsten Grad gestiegen, weshalb ich es für notwendig hielt, der Königin Mitteilung davon zu machen. Diese zeigte sich denn auch sehr aufgebracht und gab meiner Gouvernante, dem Fräulein von Sonsfeld, Befehl, bei dem Herrn von Katte mein Portrait in aller Verbindlichkeit zurückzufordern. Und die Sonsfeld unterzog sich diesem Auftrage noch am selben Abend. Katte entschuldigte sich, so gut er konnte, aber wie viele Vorstellungen ihm meine Gouvernante auch machen mochte, das Portrait selber wollte er ihr nicht einhändigen, versicherte sie vielmehr seiner Diskretion für die Zukunft und bat sie, die Königin zu beruhigen. Dies geschah auch. Indessen, die abschlägige Erklärung verstimmte uns doch so, daß wir längere Zeit nicht mit ihm sprachen.

Aber«, so fährt die Prinzessin fort, »dies währte nicht lange. Am 11. August hatten wir Konzert in Monbijou. Auch Katte, der nie fehlte, war zugegen. Als ich in ein Nebenzimmer ging, folgte er mir dorthin und beschwor mich um meines Bruders willen, ihm einen Augenblick Gehör zu schenken. Und so hatten wir denn wieder ein längeres Gespräch.

›Ich bin in Verzweiflung‹, sagte er, ›über Eurer Königlichen Hoheit Ungnade. Man hat Ihnen falsche Nachrichten über mich gebracht. Man beschuldigt mich, den Kronprinzen in seinen Fluchtplänen zu bestärken. Umgekehrt, ich hab es ihm abgeschlagen, ihm zu folgen. Und ich stehe Ew. Königlichen Hoheit mit meinem Kopf dafür, daß er diesen Schritt nicht ohne mich unternehmen wird.‹

›Ich sehe Ihren Kopf schon zwischen Ihren Schultern wackeln‹, replizierte ich. ›Und wenn Sie nicht bald Ihr Benehmen ändern, so werd ich ihn leicht vor Ihren Füßen sehen.‹ Er wollte antworten, aber ich fuhr fort: ›Ich leugne Ihnen nicht, daß wir, die Königin und ich, sehr unzufrieden mit Ihnen sind, weil Sie die Pläne meines Bruders ausschwatzen; vor allem aber ziemt es sich nicht für Sie, mein Portrait zu besitzen und damit zu prunken. Die Königin hat es Ihnen abfordern lassen, und Sie hätten die Pflicht gehabt, ihr zu gehorchen und es uns wieder zuzustellen.‹

Er wußte sich jedoch geschickt herauszureden und versicherte nur immer wieder, daß er das Portrait lediglich als eine Probe seiner Arbeit gezeigt habe, es auch härter als den Tod empfinden würde, wenn er sich davon trennen müsse.

›Sie spielen ein großes Spiel‹, schloß ich, ›und ich fürchte sehr, daß ich in allem, was ich Ihnen gesagt habe, nur ein allzu guter Prophet gewesen bin.‹

›Wenn ich den Kopf verliere‹, antwortete er, ›so geschieht es um einer schönen Sache willen. Aber der Prinz wird mich nicht im Stiche lassen.‹

Nach dieser Unterredung« – so schließt die Prinzessin – »trennten wir uns. Es war das letzte Mal, daß ich ihn sah, und ich glaubte damals nicht, daß sich meine Voraussagungen so bald erfüllen würden.«

Dies Zwiegespräch fand am 11. August statt. Am 16. ward er verhaftet. Was danach folgte, ist in den voraufgegangenen Abschnitten dieses Kapitels erzählt worden.

Es erübrigt nur noch die Frage: Welche Dinge sind vorhanden, die den Namen Kattes in der einen oder anderen Weise bis diesen Tag festhalten: Baulichkeiten, Hausgerät, Bilder.

Briefe (wenn nicht das Staatsarchiv einiges davon bei den Akten hat) scheinen originaliter nicht mehr zu existieren; das »Wachtlokal« in der Kaserne des Regiments Gensdarmes ist, wie die Kaserne selbst, längst vom Schauplatz verschwunden, und das Küstriner Torhäuschen, in dem er die Nacht vor seinem Tode zubrachte, wurde neuerdings bei Wegräumung des Tores mit niedergerissen. Auf Schloß Retzin dagegen befindet sich noch eine silberne, das Kattesche Wappen tragende Zuckerdose, die der Gefangene mit in sein Gefängnis genommen haben soll, und drei Bilder sind noch vorhanden – an übrigens sehr verschiedenen Stellen –, die den Anspruch erheben, Bildnisse Hans Hermann von Kattes zu sein.

Das erste Katte-Portrait ist königliches Eigentum und befindet sich zu Schloß Charlottenburg in dem, soviel ich weiß, bis diesen Augenblick unberührt erhaltenen Arbeitscabinette König Friedrich Wilhelms des Vierten. Es hing, als ich es vor einer Reihe von Jahren zum ersten Male sah, über der Eingangstür.

Das zweite Katte-Portrait ist im Besitz von Gustav zu Putlitz auf Schloß Retzin in der Prignitz. Er schreibt darüber folgendes: »Kattes Halbschwester war meine Urgroßmutter, und aus der Nachlassenschaft einer Tochter derselben (meiner Großtante) kam dieses Bildnis in unser Haus. Ich entsinne mich deutlich noch des Tages, als es mit vielem anderen uralten Hausgerät ausgepackt wurde. Es machte einen großen Eindruck auf mich, trotzdem ich noch ein Kind war, denn ich kannte die Geschichte Kattes, die mir von der alten Tante als eine Familientradition oft erzählt worden war. Das einsame, abgeschlossene und meist ereignislose Leben jener Zeit erhielt die Familiengeschichten durch Generationen hin lebendig und gab ihnen besondere Wichtigkeit.«

Das dritte Katte-Portrait befindet sich inmitten anderer Familienportraits aus jener Zeit in dem großen Empfangssaale des Herrenhauses zu Wust.

Sind diese Bildnisse zuverlässig? Keines stimmt mit der charakteristischen Personalbeschreibung, die sowohl Pöllnitz wie die Markgräfin von von Katte gegeben haben. »Häßlich, blatternarbig, mit breiten, buschigen Augenbrauen« und infolge davon »finster, melancholisch, unheimlich«. Vergleichen wir damit die Portraits, so zeigen uns dieselben einen eher hübschen als häßlichen, eher fröhlichen als finsteren, eher anheimelnden als unheimlichen jungen Mann. Wenn wir, trotz der daraus entstehenden Zweifel, auf diese Bilder hingewiesen haben, so geschah es, um an einem glänzenden Beispiele zu zeigen, wie viel oder wenig es mit derartigen Echtheitsversicherungen König Friedrich Wilhelm IV. soll das Charlottenburger Katte-Bild, als er es erwarb, für echt, später aber für unecht gehalten haben. Geheimer Hofrat Bußler in Berlin, dem alle diese Dinge unterstehen, hält es für unecht. Schon um der Uniform willen, die er etwas später setzt. auf sich zu haben pflegt.

Der Strom der Tradition, solang er ununterbrochen fließt, kann unter Umständen ebenso wertvoll, ja wertvoller sein als das verbürgteste Aktenstück. Aber nichts ist seltener als solche Kontinuität der Überlieferung. Und nur einen Tag unterbrochen, bemächtigten sich Willkür und Einbildungskraft des Gegenstandes, und das Chaos der Meinungen beginnt.

Der König und die Kattes

Der König hatte für den Sohn nur die Strenge des Gesetzes gehabt; anders für den Vater. Das Füllhorn seiner Gnade war über ihm. Er wußte wohl, was er dem Herzen und Namen desselben an Schmerz und Kränkung angetan hatte, und alle seine Bemühungen – Bemühungen, die sich zeitweilig in die Form von Zartheiten kleideten – gingen zehn Jahre lang unausgesetzt dahin, das Geschehene vergessen zu machen oder wenigstens nach Kräften auszugleichen. Freilich nur mit halbem Erfolg. Der alte Katte nahm alle diese Gnadenbezeugungen hin und dankte dafür und küßte seines gnädigen Königs Hand; aber die Freude des Daseins war aus seinem Leben gewichen, und eine Reihe von Briefen, die durchzusehen mir gestattet war, gibt in rührender Weise Zeugnis davon.

Aus der Reihe dieser Briefe will ich in nachstehendem zwei mitteilen, die, noch unter dem ersten Eindruck geschrieben, seitens des Generallieutenants an seinen Bruder, den Kammerpräsidenten von Katte zu Magdeburg, gerichtet wurden. Der erste dieser Briefe an die Gemahlin des Kammerpräsidenten lautet:

»Hochwohlgeborne Frau, sehr werteste Frau Schwester! Die betrübten Umstände, darin ich nach Gottes heiligem, unbegreiflichem Willen gesetzet worden bin, sind wohl mit keiner Feder zu beschreiben, und wenn ich nicht auf Gott sähe, so müßte ich vergehen.

Meine liebe Frau Schwester, considerieren Sie mein Elend. Ist es möglich, es auszustehen! Anfänglich wußte ich nicht, wo ich war. Keine Träne ist aus meinen Augen gekommen... Bei meiner Frau war Doktor, Priester und Feldscher. Bedenken Sie das Elend in meinem Hause. Wäre nicht die Herzogin und Prinzessin gekommen, meine Frau wäre uns unter den Händen geblieben. Gott vergelte es ihnen.

Ich möchte vor Trauer vergehen, wenn ich an meinen Sohn gedenke. Mein Sohn hat es vergeben; ich muß es auch tun. Man hat dem Könige die Sache größer gemacht; ihr Ende ist noch nicht da. Mein Sohn stehet vor dem gerechten Richter, und tröstet mich sein schönes Ende. Aber morgens und abends quälet mich sein Tod. Des Königs gnädige Briefe können ihn mir nicht wiedergeben.

Mein Sohn hat dem Major von Schack (der mit kommandiert gewesen) in seine Schreibtafel seinen Letzten Willen diktieret. Unter anderem soll der Kriegsrat Katt seine güldene Tabatière und einen Schimmel mit dem roten Sattel haben... Ich will soviel als möglich in allem seinen Letzten Willen erfüllen. Es ist seine letzte Bitte gewesen: ich wolle doch ja seine Schulden bezahlen, damit niemand über ihn seufze. Da dies nun aus einer noblen Seele kommt, werde ich nach Möglichkeit alles tun.

Meine liebe Frau Schwester, haben Sie doch Mitleid mit mir. Ich möchte vergehen, wenn ich an meinen Sohn gedenke. Gott hat mir gar zu schweres Kreuz auferlegt. Mein Gott, wie ist mir zumute. Der arme Wurm hat kaum vier Tage Zeit gehabt, sich zu präparieren; aber der barmherzige Gott hat Wunder an ihm erwiesen. Der sei gepreiset! Aber welche harte Wege führt mich mein Gott. Engels-Frau Schwester, grüßen Sie meinen Bruder und schicken Sie mir cito die Namen aller derer, so man es notifizieren muß. Ich kenne unsere Freundschaft nicht... Ich bin, meine Engels-Frau Schwester, anitzo in Tränen Ihr getreuer Diener H. H. Katt. Königsberg, 23. November 1730. Nachschrift: Lassen Sie sich doch von Herrn von Platen den Abschiedsbrief zeigen, den das arme Wurm unterwegs im Wirtshause auf Zettelpapier geschrieben hat.«

Der Brief, von dem der alte Generallieutenant hier spricht, ist der, den Katte am 3. November auf seiner Fahrt nach Küstrin im ersten Nachtquartier niederschrieb und den ich an betreffender Stelle mitgeteilt habe. Dem hier Vorstehenden nach scheint es fast, daß der Vater am 23. November das Abschiedsschreiben noch nicht in Händen hatte, wohl aber durch andere briefliche Mitteilungen aus Berlin von seiner Existenz unterrichtet war.

Der zweite Brief – wie der erste mit Trauerrand – ist vier Wochen später an den Kammerpräsidenten selbst gerichtet.

»Hochwohlgeborener Herr, wertester Herr Bruder! Ich bin Euch unendlich obligieret für Euer herzlich bezeugtes Mitleiden. Ja, mein lieber Bruder, Trost ist mir bei diesen betrübten Umständen höchst nötig; und obwohl der barmherzige Gott mir viel Gnade getan und bei meinem schweren Kreuz so viel Tröstliches gegeben hat, so will doch die natürliche Liebe sich noch nicht brechen, kann sich auch so bald nicht geben!

Ich weiß nicht, wie Gott mir alles solchergestalt zuführet, daß es mir zum Trost und Soulagement dienen muß.

1. Mein lieber Bruder, ist es nicht tröstlich, dieses schöne und exempelwürdige Ende?

2. Ist es nicht tröstlich, daß die Exekution in Küstrin hat geschehen müssen, um allen Leuten begreiflich zu machen, warum er ein Sacrifice?!

3. Ebenso, daß das Kriegsgericht ihm nicht das Leben abgesprochen, sondern des Königs Machtspruch.

4. Daß mein Sohn so généralement von aller Welt beklaget und bedauert wird. (Es ist étonnant was man hier für ihn tut. Die Menschen sprechen nur von ihm. Sein Portrait haben hier zwei Leute, eines davon der Maler, wo er zeichnen lernte. Dies Bildnis wird oft abgeholet, um kopiert zu werden. Der Maler hat noch einige Studienblätter, auf denen der Name meines Sohnes steht. Sie kaufen alles weg und zahlen, was er haben will. In den größten Häusern wird er bedauert, als ob ihnen ein Verwandter gestorben wäre.)

Der Kronprinz soll so wehmütig Abschied von ihm genommen haben.

Endlich schreibt mir der König so viel gnädige Briefe und bittet mich recht, mich zufriedenzugeben. Aber, mein lieber Bruder, hart ist es für einen Vater, sein Kind auf solche Art zu verlieren. Der König hat mir eine Information aus den Akten schicken lassen. Anfänglich habe ich sie nicht lesen wollen, aber nun möchte ich um nichts in der Welt, daß ich diese Information nicht hätte. Mein Herz möchte manchen Morgen vor Tränen vergehen, wenn ich an meinen lieben Sohn gedenke. Manche Zeit geht es, aber dann kommt wieder ein Stoß, so daß ich mich nicht fassen kann. Und doch, mein lieber Bruder, lasset uns den barmherzigen Gott und seine Zornrute in Demut küssen... Gott wird uns nicht verlassen. Was wir nicht erleben, wird er unsere Kinder genießen lassen. Mein Sohn hat mich einige Stunden vor seinem Ableben gebeten, unseren Albrecht nach Halle zu schicken und im Pädagogio in Gottesfurcht erziehen zu lassen. Er hätte Freylinghausens ›Theologia‹ viermal durchgehöret; die täte ihm an seinem Ende wohl. Ich möchte mich nicht so sehr betrüben über seinen Abschied. Er versicherte mir, daß er gewiß selig werde, und hat dem Prediger zum Zeugnis seines Glaubens die Hand gegeben. Nun, mein lieber Bruder, lebet wohl... Ich bin Euer getreuer Diener H. H. Katt. Königsberg, den 19. Dezember 1730. Nachschrift: Schreibet mir doch, ob Ihr meines Sohnes Brief an den König, an den Feldmarschall (von Wartensleben) und an mich habet. Auch die königliche Reprimande an das Kriegsgericht und seine eigene Sentenz.«


Das Recht und das Schwert

Die Hinrichtung Kattes, abgesehen von ihrer geschichtlichen Bedeutung, ist auch in ihrer Eigenschaft als Rechtsfall immer als eine cause célèbre betrachtet worden. War es Gesetz oder Willkür? War es Gerechtigkeit oder Grausamkeit? So steht die Frage. Unsere Zeit, einerseits in Verweichlichung, andererseits in Oberflächlichkeit, die nicht tief genug in den Fall eindringt, hat in dem Geschehenen einen Fleck auf dem blanken Schilde der Hohenzollern erkennen wollen. Ich meinerseits erkenne darin einen Schmuck, einen Edelstein. Daß es ein Blutkarneol ist, ändert nichts.

Entscheidend für die Beurteilung des Katte-Falles erscheint mir in erster Reihe die Frage: »Wie hat sich die damalige Zeit dazu gestellt?«

Lesen wir die zeitgenössischen Berichte, so kommt uns freilich der Eindruck, daß ein Zittern durch die halbe Welt gegangen sei. Sind wir aber aus dem »Sensationellen« der Erzählung erst heraus, beginnen wir zu sichten und zu sondern, so werden wir sehr bald gewahr, daß die tiefgehende, ganz unzweifelhaft vorhandene Bewegung der Gemüter nicht dem Katte-Fall, sondern dem begleitenden Kronprinzen-Falle gilt und daß man in solch ungeheurer Aufregung war nicht um des Geschehenen, sondern um des vielleicht noch zu Geschehenden willen. Wird das Schwert, das den Lieutenant von Katte traf, auch den Kronprinzen treffen? Das war es, was alle Schichten der Gesellschaft in Schrecken setzte. Von dem Augenblick an, wo diese Furcht aus den Gemütern gewichen war, war der Schrecken überhaupt dahin, und nur dem Umstande, daß die Schicksale Kattes und des Kronprinzen viele Wochen lang Hand in Hand gingen und fast identisch erschienen, nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß die Vorstellung: die Hinrichtung sei als etwas Außerordentliches oder gar Unerhörtes angesehen worden, jemals hat Platz greifen können.

Es liegt vielmehr umgekehrt, und weder in den Pöllnitzschen Memoiren noch in denen der Markgräfin findet sich, bei schärferer Prüfung, auch nur ein einziges dahin lautendes Wort. Es findet sich nicht und kann sich nicht finden: denn Hof, Adel, Armee Wie die Armee über den Fall dachte, darüber geben die » Kriegsgerichtsprotokolle«, über die ich weiter oben ausführlich gesprochen, den besten Aufschluß. Das »Kriegsgericht« als Ganzes entschied in seiner Schlußsitzung am 28. Oktober allerdings für lebenslängliche Festungsstrafe. Liest man aber die einzelnen Protokolle, will sagen die Separatvota der fünf Ranggruppen durch, so ergibt sich, daß eine Majorität von neun Stimmen (die Majore, die Oberstlieutenants und die Obersten) für Tod und eine Minorität von sieben Stimmen (die Capitaine und die Generalmajore, dazu der Vorsitzende selbst) für lebenslängliche Festung stimmten. Der König, als er das Urteil schärfte, stieß also nur das Schlußurteil um, das unter dem hohen moralischen Ansehen der mildesten und vornehmsten: Achaz von der Schulenburg, General Graf Schwerin und General Graf Dönhoff, sich gebildet hatte, und griff auf die vorher dagewesene Majorität der Einzelstimmen zurück. fanden eben alles, was geschah, zwar streng, sehr streng vielleicht, aber schließlich doch nur in der Ordnung. Jedenfalls statthaft, zulässig. Ja, die Familie selbst, so tief erschüttert sie war (vergleiche die zwei vorstehenden Briefe), so bestimmt sie Begnadigung erwartet haben mochte, scheint den auf Tod lautenden Machtspruch des Königs in seinem Rechte keinen Augenblick angezweifelt zu haben.

 

Es ist nötig, so sagte ich, den Fall aus der damaligen Zeit heraus zu beurteilen, aber er besteht auch vor dem Urteil der unserigen, vorausgesetzt, daß unsere Zeit sich Zeit nimmt, auf die Spezialien des Falles einzugehen. Denn die Wandlung der Gesamtanschauungsweise, die die Weit seit 150 Jahren erfahren hat, ist doch nicht so groß und stark, als manche glauben möchten, und wenn nicht alle Zeichen trügen, so stehen wir eben jetzt wieder auf dem Punkt, uns einer zurückliegenden und schon überwunden geglaubten Strenge mehr zu nähern als immer weiter von ihr zu entfernen. Und ich setze hinzu: »Gott sei Dank«, ohne damit die Segnungen, die wir einer anderthalbhundertjährigen freiheitlichen Entwickelung verdanken, anzweifeln oder verkennen zu wollen.

Und so denn noch einmal: auch von unserem Standpunkt aus angesehen, war Katte nicht das Opfer einer Willkür oder Laune, sondern einer schweren selbsteigenen Schuld, indem er unter chevaleresken und in gewissem Sinne selbst unter loyalen Allüren (denn er diente seinem künftigen Herrn) in naiv-frivoler Weise durch alle Stadien des Hoch- und Landesverrates ging. Er war, um seines Kriegs- und Landesherrn eigene Worte zu zitieren, »dazu da, seinem Könige getreu und hold zu sein«, doppelt in seiner Eigenschaft als Offizier der Garde-Gensdarmes, die des Vorzugs genossen, »immadiatement an Seine Majestät Allerhöchste Person attachieret zu sein« – und was finden wir tatsächlich?

Der Kronprinz steckt in Schulden; Katte tut das Seine, diese Schulden zu mehren.

Der Kronprinz steckt in Debauchen; Katte geht ihm dabei mit Rat und Tat zur Hand.

Der Kronprinz steckt im Unglauben; Katte bestärkt ihn darin.

Der Kronprinz steckt in Komplotten mit seiner Mutter und seiner Schwester, mit fremden Höfen und Gesandten Diese Komplotte waren nichts weniger als harmloser Natur und nahmen auf die Lage des Königs und des Landes nicht die geringste Rücksicht. England (um nur einen Fall herauszugreifen) sollte helfen, und der englische Legationssekretär Guy Dickens ward ins Vertrauen gezogen. Er übernahm es auch, seinem Hofe Vorstellungen zu machen, brachte jedoch einen Refus zurück, »weil ein Sicheinmischen das Feuer an allen Ecken in Europa anzünden und die Brouillerien mit England nur noch stärker machen würde«. Man erkennt in dieser englischen Antwort sehr gut den starken und ernsten politischen Hintergrund, den der ganze Hergang hatte. , und Katte macht den Zwischenträger und zuletzt gar den Liebhaber.

Der Kronprinz will desertieren; Katte nimmt es in die Hand und hält ihm einen Vortrag »über die beste Weise des Gelingens«. Endlich rüstet er sich selber zur Desertion.

Das sind so einige der »species facti«; nur einige, aber gerade genug, um seinen König und Herrn mit allem Fug und Recht aussprechen zu lassen: »Und da denn dieser Katte mit der künftigen Sonne tramieret, auch mit fremden Ministern und Gesandten allemal durcheinandergestecket, er aber nicht davor gesetzet worden, mit dem Kronprinzen zu komplottieren, au contraire es Seiner Königlichen Majestät hätte angeben sollen, so wissen Seine Majestät nicht, was vor kahle Raisons das Kriegsrecht genommen und ihm das Leben nicht abgesprochen hat.«

Es ist nur eines, was uns in diesem Schreckensschauspiel – denn ein solches bleibt es – widerstrebt und widersteht: der König wechselt hier die Rolle mit dem Richter. Er läßt das Recht über die Gnade gehen. Und das soll nicht sein.

Wenn aber etwas damit versöhnen kann, so ist es das, daß er dies im eigenen Herzen empfunden hat. Hören wir noch einmal ihn selbst: »Wenn das Kriegsrecht dem Katten die Sentenz publizieret, so soll ihm gesagt werden, daß es Seiner Königlichen Majestät leid täte; es wäre aber besser, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme.« Ein großartiges Wort, das ich nie gelesen habe (und ich habe es oft gelesen), ohne davon im Innersten erschüttert zu werden. Wer will nach dem noch von Biegung des Rechtes sprechen!

Es war ein grades Recht, freilich auch ein scharfes. Und das Schwert, das zuletzt diese Schärfe besiegelte – es existiert noch. Die Familie Katte selbst besitzt es, und auf dem alten Katten-Gute Vieritz, eine Meile von Wust, wird es bis diese Stunde aufbewahrt. Dreimal wurd es gebraucht, und drei Namen sind eingekritzelt. Der dritte und letzte aber heißt: Hans Hermann von Katte.

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