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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil: Das Oderland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Gusow

Und das Gold schwamm auf den Feldern,
Und des Segens war kein Ende
Im gelobten Hamyar.
Chr. Friedr. Scherenberg

Eine Nachtfahrt hat uns an Rüdersdorf und Müncheberg vorbei bis in das Städtchen Seelow geführt. Wir gönnen uns eine Stunde Rast und fahren nun, in nördlicher Richtung, bei Morgenlicht und Lerchenjubel in das tief vor uns gelegene Bruch hinein. Halben Weges, ebenda, wo das Plateau abzufallen beginnt und eine Pappelallee ihre Vorposten hoch hinaufschickt, halten wir, um uns an dem Landschaftsbilde zu freuen, das sich jetzt in überraschender Schönheit vor uns ausbreitet. Der Gottessegen berührt hier das Herz mit einem ganz eigentümlichen Zauber, mit einer fromm gestimmten Freude, wie sie die Patriarchen empfinden mochten, wenn sie inmitten menschenleerer Gegenden den gottgeschenkten Segen ihres Hauses und den Reichtum ihrer Herden zählten. Wo die Hand des Menschen in harter, nie rastender Arbeit der ärmlichen Scholle ein paar ärmliche Halme abgewinnt, da kann die Vorstellung in ihm Platz greifen, als sei er es, der diesen armen Segen geschaffen habe; wo aber die Erde hundertfältige Frucht trägt und aus jedem eingestreuten Korne einen Reichtum schafft, da fühlt sich das Menschenherz der Gnade Gottes direkt gegenüber und begibt sich aller Selbstgenügsamkeit. Ein Blick von dieser Seelower Höhe läßt uns in solchen Gottessegen schauen. Die ohnehin dicht gelegenen Dörfer rücken in dem endlosen Coulissenbilde immer dichter zusammen, und alles verschmilzt zu einer weitläufig gebauten Riesenstadt, zwischen deren einzelnen Quartieren die Fruchtfelder wie üppige Gärten blühen. Wer hier um die Sommerzeit seines Weges kommt, wenn die Rapsfelder in Blüte stehn und ihr Gold und ihren Duft über das Bruchland hin ausstreuen, der glaubt sich wie durch Zauberschlag in ferne Wunderländer versetzt, von denen er als Kind geträumt und gelesen. Unvergeßlich aber wird der Eindruck für den, den ein glückliches Ohngefähr an einem Pfingstheiligabend an diesen Höhenrand führt. Die Feuchte des Bruches liegt dann wie ein Schleier über der Landschaft, alles Friede, Farbe, Duft, und der ferne, halb ersterbende Klang von dreißig Kirchtürmen klingt in der Luft zusammen, als läute der Himmel selber die Pfingsten des nächsten Morgens ein.

Die Pappelallee geleitet uns bergab und macht erst am Fuße des Hügels einem breiten Kastanienwege Platz, der uns bis an den Eingang des Dorfes führt. Dieses Dorf ist Gusow, eins der größten und vornehmsten jener alten Wendendörfer, die, lange vor der Urbarmachung, die sumpfige Niederung des Bruches in weitem Zirkel umspannten. Schon um die Mitte des funfzehnten Jahrhunderts, unter Kurfürst Friedrich Eisenzahn, saßen hier die reichbegüterten Schapelows und verblieben im Besitze bis 1649, wo die beiden minderjährigen Söhne des von einem seiner Knechte erschlagenen Maximilian Wilhelm von Schapelow das verschuldete Gut nicht länger zu behaupten vermochten. Gusow kam zu gerichtlicher Versteigerung und wurde von dem bis kurz zuvor in schwedischen Diensten gestandenen Obersten Georg von Derfflinger, der sich schon drei Jahre früher mit einer von Schapelow vermählt hatte, teils sub hasta erstanden, teils freihändig angenommen.

Der alte Derfflinger

Die Stettiner hatten sich unterfangen,
Eine Schere ausgehangen
Dem Feldmarschall nur zum Hohn.
»Wart', ich will euch auf der Stelle
Nehmen Maß mit meiner Elle,
Kreuzmillionenschockschwernot.«
Lied vom Derfflinger

Georg Freiherr von Derfflinger wurde den 10. März 1606 zu Neuhofen in Oberösterreich geboren. Die Bedrückungen, denen sich die der neuen Lehre zugetanen Eltern um ihres Glaubens willen ausgesetzt sahen, führten zu einer Übersiedelung nach Böhmen, dem damaligen »Protestantenlande«.

Wie hier die Jugend des jungen Derfflinger verlief, ist nur zu mutmaßen. »Er wuchs auf in Gottesfurcht und Redlichkeit, und sein Vater, um niemanden zu beschweren, ließ ihn Schneider werden.« So berichtet Pauli in seinem »Leben großer Helden«, und aller entrüsteten Gelehrsamkeit zum Trotz ist es im Herzen des Volkes dabei geblieben. Und warum uns auch gewaltsam um jeden hübschen poetischen Zug in unseren Überlieferungen bringen!

Indessen, Schneider oder nicht, keinenfalls war er es lange. Der Held steckte drin und wollte heraus. Dazu waren denn die damaligen Tage die besten Tage. Alles stand in Krieg, und Böhmen war sein eigentlichster Schauplatz. Wenigstens zu Beginn der Verwickelungen. Derfflinger trat als Gemeiner unter die Freischaren des Matthias von Thurn, machte alle Streifzüge mit und war mutmaßlich unter denen, die sich, nach Zersprengung des Corps, mit dem Führer desselben nach Ostpreußen wandten, um daselbst unter schwedischer Fahne weiterzukämpfen. Einzelheiten über diesen Abschnitt seines Lebens fehlen, ebenso über seine Teilnahme an den großen Kämpfen, die, nach der Landung Gustav Adolfs, in Sachsen und Mitteldeutschland folgten. Nichts verlautet über Lützen, Nördlingen, Wittstock, doch muß seine Stellung bereits um 1637 eine derartig befestigte gewesen sein, daß ein arger Échec, den er um ebendiese Zeit erfuhr, sein Ansehn im schwedischen Heere nicht mehr erschüttern konnte. Im genannten Jahre nämlich befand er sich mit einer Armeeabteilung in Thüringen, und Banér ließ ihn auf seinem Weiterzuge zurück, um die Brandschatzungsgelder daselbst einzutreiben. Er lag in Hettstedt, eine Meile von Mansfeld, und hier war es, wo er von einem kaiserlichen Obersten namens Druckmüller mit 1000 Kroaten und 1500 Reitern überfallen wurde. Der Échec war ein totaler: 400 Mann wurden niedergehauen, 500 Mann gefangen, und nur mit Mühe gelang es ihm, sich mit etwa 60 Pferden durchzuschlagen. »Aber«, wie Pauli metaphorisch hervorhebt, »Unglücksfälle sind zuweilen einem Wasserdurchbruche gleich, wodurch ein Stein mit fortgeschwemmt wird, der auf einem Samenkorne lag. Und nun geht das Samenkorn auf und bestaudet sich nur um so stärker.« Jedenfalls wurde der Ausgang dieser Affaire, wie schon angedeutet, unserem Derfflinger nicht zum Übeln angerechnet, und als zwei Jahre später Leonhard Torstenson an die Spitze des Heeres trat, erfolgten besondre Vertrauensstellungen, darunter eine Mission an den siebenbürgischen Fürsten Georg Rákóczi, der in das Bündnis gegen den Kaiser hineingezogen und zu einer Diversion bestimmt werden sollte. Das Jahr drauf, unmittelbar nach der zweiten Leipziger Schlacht gegen Piccolomini, wurde Derfflinger nach Stockholm hin abgeschickt, um der Königin Christine mündlich die Siegesnachricht zu bringen, und dies mochte der Zeitpunkt sein, den Pauli, zu seinem Lieblingsbilde zurückgreifend, in folgenden Worten geschildert hat: »Bis dahin war Derfflinger einer Staude gleich gewesen, die neben unzähligen andern unbeobachtet fortwächset. Endlich aber kommt die Zeit, wo man gar besonderer Umstände an ihr gewahr wird. Denn sobald an einer Staude nicht nur ungewöhnlich viel Halme zu schießen beginnen, sondern jeder Halm auch Ähren von ungewöhnlicher Zahl und Länge treibt, pflegen wir unsere Freunde hinzuzuführen, und auch Fremde kommen, um die völlige Reife dieser vorzüglichen Staude zu beobachten und zu bewundern.« So Pauli. Wo indessen viel Preis ist, ist auch viel Neid, und von diesem Augenblicke höchster Auszeichnung an scheint sich Derfflinger, wo nicht in seiner Stellung, so doch jedenfalls in seinem Behagen, erschüttert gefühlt zu haben. So kam es denn, daß er unmittelbar nach dem Friedensschlusse seinen Abschied nahm und 1654 als ältester Generalwachtmeister und Regimentsinhaber in die Dienste Kurbrandenburgs trat, dem er, wie schon erwähnt, um diese Zeit ohnehin bereits durch seine Gemahlin und seine Besitzungen angehörte.

Und es sollt ihm alsbald nicht an Gelegenheit fehlen, sich auch in seinem neuen Dienste geltend zu machen. Der Kurfürst – mit in den Krieg verwickelt, der damals zwischen König Karl Gustav X. von Schweden und dem Könige Johann Kasimir von Polen geführt wurde – fand es seinen politischen Zwecken entsprechend, auf die Seite Schwedens zu treten, und schlug mit ihm gemeinschaftlich die dreitägige, siegreiche Schlacht bei Warschau. Über den Anteil Derfflingers an diesem Siege liegen keine direkten Mitteilungen vor, doch wird über kleinere Aktionen: Erstürmung des Klosters Prement und des Städtchens Bomst, berichtet, die wahrscheinlich unter seiner speziellen Leitung ausgeführt wurden. Der Kurfürst erhob ihn zum Generallieutenant und Wirklichen Geheimen Kriegsrat, zugleich unter der Zusicherung, »daß ihm im Kommando nur der Feldmarschall Sparr und der General Graf Waldeck vorangehen, sonst aber keiner ihm vorgezogen werden solle«.

Dies war 1656.

Die politische Lage verschob sich indessen rasch, und schon das Jahr darauf war aus dem Bündnisse mit Schweden gegen Polen ein Bündnis mit Polen gegen Schweden geworden. Die machiavellistische Politik jener Zeit gestattete solche Sprünge, die wir heute verwerfen oder mindestens mehr verkleiden würden. Der Krieg wurde wechselsweis in Pommern und Dänemark geführt, Derfflinger war mit vor Alsen und Tönningen, auch wohl vor Fünen, und schickte sich eben zu weiteren Operationen an, als der Friede zu Oliva 1660 den Feindseligkeiten ein Ende machte.

Es folgten nun vierzehn Friedensjahre Eine kurze Kriegführung, die durch den Frieden zu Vossem 1673 beigelegt wurde, hab ich in vorstehendem unerwähnt gelassen. , bis 1674 das mit immer neuen Ansprüchen an Kaiser und Reich hervortretende Frankreich den Kurfürsten abermals zu Felde rief. Er brach mit 16 000 Mann an den Oberrhein auf und vereinigte sich bei Straßburg mit dem Kaiserlichen Oberfeldherrn Herzog von Bournonville. Mit ihm war Derfflinger. Beider Truppen bezogen ein Lager bei Blaesheim. Am 8. Oktober ging man über den Breusch-Fluß und nahm hier, angesichts des gelagerten Feindes, eine Stellung. Bournonville befehligte den rechten, der Kurfürst den linken Flügel. Der Feind war nicht stark, und diesseitig erwartete man den Befehl zum Angriff. Ja mehr, man drang darauf. Aber Bournonville suchte Ausflüchte und hob insonderheit hervor, daß ein breiter und tiefer Graben vor der Front des Feindes läge. Der Kurfürst ließ nun Brücken über den Graben schlagen und leitete seinerseits das Gefecht durch ein paar Stückkugeln ein, ohne jedoch den Oberfeldherrn durch ein solches Vorgehen umstimmen zu können. Es wurde vielmehr ein Kriegsrat einberufen, der erst die Frage: »Angriff oder nicht«, entscheiden sollte. Derfflinger war zugegen und nahm das Wort. »Er habe den Feind zweimal rekognosziert, und eine bessere Gelegenheit, ihn anzugreifen, sei nicht denkbar.« Aber Bournonville beharrte bei seiner entgegengesetzten Ansicht. Im Zorn erhob sich jetzt der Alte und erklärte, dem Kriegsrat nicht länger beiwohnen zu wollen. Unter ähnlichen Streitigkeiten vergingen Wochen und Monate, bis endlich, am 4. Januar 1675, der Kurfürst aufbrach, um in Franken die Winterquartiere zu beziehen.

Hier lag er noch in Nähe von Schweinfurt, als ihm in der letzten Maiwoche die Nachricht kam, daß die Schweden, als Verbündete Frankreichs, in die Kurmark eingebrochen seien und schlimmer als in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges darin hausten. Sofort brach der Kurfürst auf, um seinem bedrängten Lande zu Hülfe zu eilen. Mit ihm Derfflinger, der am 14. Juni vor Rathenow erschien und am 15. die vom Obersten Wangelin verteidigte Stadt im Sturme nahm. Unverzüglich ging es weiter, quer durch das Luch auf Kremmen und Linum und zuletzt auf Fehrbellin zu. Die sich nun entspannende Schlacht, in der sich namentlich auch Derfflinger durch Scharfblick und Selbständigkeit des Urteils auszeichnete, geb ich nach den Aufzeichnungen, die der kurfürstliche Kammerjunker Dietrich Sigismund von Buch in seinem Tagebuche darüber gemacht hat.

»... Seine Kurfürstliche Durchlaucht sagten mir am 17., ich solle ihn in der Schlacht nicht verlassen, sondern immer bei seiner Person bleiben, und ich füge hinzu, daß dies Vertrauen, welches er mir zeigte, mich mehr verpflichtete, als hätte er mir 1000 Taler geschenkt. Er sagte auch, ich solle aufmerksam sein, wenn jemand in der Hitze des Kampfes sich an ihn schliche, so daß sich niemand nähern könne, ohne daß ich acht darauf hätte. Ich antwortete ihm, daß ich alles tun würde, was ein anständiger Mann tun könne. Da sagte Seine Kurfürstliche Durchlaucht: ›Ja, ich weiß es, daß Ihr es tut, und Ihr habt es bis jetzt immer getan.‹

Nachdem wir noch eine gute Stunde marschiert waren, ließ uns Generalmajor Lüdecke – der an diesem Tage die Avantgarde führte – sagen, daß der Feind zum größten Teil den Paß überschritten habe. Andere hielten noch in der geschlossenen Stadt; er bäte Seine Kurfürstliche Durchlaucht, ihm Dragoner zu senden...« (Dies geschah. Generalmajor Lüdecke warf den Feind aus der Stadt hinaus und empfing von dem nachrückenden Kurfürsten Befehl, statt bloßer weiterer Verfolgung eine Tournierung und Überholung zu versuchen, um so die Flüchtigen zwischen zwei Feuer nehmen zu können. Dieses in Erwägung der Terrainbeschaffenheit sehr schwierige Manöver führte Generalmajor Lüdecke auch aus, ohne jedoch den vorgedachten Zweck zu erreichen. Das Tagebuch erwähnt dieses Scheiterns in aller Kürze. Und zwar wie folgt:)

»Anderen Tages, am 18., brachen wir von dem Städtchen Kremmen her auf. Unterwegs stießen wir auf den uns entgegenkommenden Generalmajor Lüdecke, der den sich eilig zurückziehenden Feind nicht mehr zu überflügeln vermocht hatte. Jetzt bat der Prinz von Homburg um die Avantgarde, und nachdem er sie erhalten, folgte derselbige dem Feinde in gutem Trabe. Unterdessen beriet sich Seine Kurfürstliche Durchlaucht mit Herrn Derfflinger, was unter diesen Umständen zu tun sei. Derfflinger war der Meinung, alle Brücken und Dämme zu zerstören, dadurch dem Feinde jeden Sukkurs, aber zugleich auch jeden Rückzug abzuschneiden und ihn auf diese Weise zu zwingen, in spätestens zwei Tagen um sein Leben zu bitten.

Das war ein guter Plan; aber Seine Kurfürstliche Durchlaucht meinte, da man so nah am Feinde sei, müsse derselbe Fell oder Federn lassen, worauf der Feldmarschall Derfflinger antwortete: ›Wohlan, Monseigneur, ich glaubte, als General verbunden zu sein, meine Meinung zu sagen, welcher Art ich es für am vorteilhaftesten und sichersten hielte; aber wenn es Eure Hoheit gefällt, die andre Meinung zu wählen, so hält mich dies nicht ab, dem Feinde allen Schaden zu tun, wenn dies auch mit mehr Gefahr und größerem Wagnis verbunden ist.‹

Der Feind hatte mittlerweile, durch den Prinzen von Homburg gedrängt, seinen Rückzug immer weiter fortgesetzt und stand jetzt bei dem Dorfe Hakenberg, zwischen Linum und Fehrbellin. Er sperrte den über das Plateau führenden Weg und hatte das Luch zur linken, ein Gehölz zur rechten Hand. In Nähe dieses Gehölzes befand sich ein kleiner Sumpf, daneben ein paar Sandhügel, auf deren Höhe Strauchwerk wuchs. An dieser Stelle drangen wir vor, postierten auf die Höhe der Sandhügel unsre Geschütze und gaben ihnen, da wir keine Infanterie zur Hand hatten, das Regiment Derfflinger-Dragoner zur Bedeckung, das an diesem Tage, da sein Oberstlieutenant bei Rathenow getötet worden war, vom Capitain von Kottwitz geführt wurde. Bei jedem Geschütze standen 50 bis 100 Mann, einigermaßen durch die Büsche geschützt. Gleichzeitig stellten wir noch vier Schwadronen auf: eine von den Trabanten und drei vom Regiment Anhalt. Sie waren nicht gut placiert; aber wir mußten es, da das Fußvolk fehlte und wir die Geschütze nicht ohne Deckung lassen durften.

Der Prinz von Hessen-Homburg stand dem feindlichen linken Flügel gegenüber, also dem Luche zu.

Nun begannen wir, unsere Geschütze spielen zu lassen. Der Feind indessen, als er wahrnahm, daß wir kein Fußvolk hatten, avancierte mit einem Infanterieregiment gegen unsere Hügelposition. Dies wurde von G. E. Das Tagebuch, wie sehr oft, gibt auch hier nur Buchstaben statt des Namens. Wahrscheinlich soll es heißen: General d'Espence. Dieser war Oberstallmeister und Kommandeur der hier mit einer Eskadron engagierten Trabantengarde. In dieser Doppelstellung mocht er glauben, dem alten Feldmarschall gegenüber eine freiere Sprache führen zu dürfen. bemerkt. Er eilte sofort zum Generalfeldmarschall Derfflinger und sagte ihm: ›wenn er nicht schnell die vier Eskadrons von den Trabanten und dem Regiment Anhalt unterstütze, würden die Geschütze verlorengehen‹. Da er sich dabei ein gewisses Ansehen gab, welches dem Generalfeldmarschall Derfflinger nicht gefiel, so sagte dieser: ›er solle sich keine Sorgen machen, sondern nur tuen, was seine Schuldigkeit sei‹. Da ich mittlerweile sah, daß die Not wirklich drängte, so sagte ich dem Feldmarschall, während ich zugleich um der Freiheit willen, die ich mir nahm, um Entschuldigung bat, ›daß die Feinde schon mit gefällten Piken vorrückten und daß es sich vielleicht empfehlen würde, zwei oder drei weitere Eskadrons durch das kleine, ganz unbesetzte Holz vorrücken zu lassen, um die vier gefährdeten Eskadrons sowie die seines eigenen Regiments zu soutenieren‹. Dies fand er gut. Er sagte mir also: ›Mein Herr, da Sie heute die Gegend rekognosziert haben, kennen Sie die Situation; und so bitte ich Sie, drei Eskadrons, die Sie zuerst finden, durch das lichte Holz zu führen und die Geschütze dadurch besser zu decken.‹ Als ich drei Eskadrons zur Hand hatte, begegnete ich dem Prinzen von Homburg. Er fragte mich, ›wohin ich wolle‹, und als ich ihm die erhaltenen Befehle mitteilte, antwortete er mir, ›er wolle mitgehen‹. Und so nahm er das Kommando. Es war die höchste Zeit. Denn die vier Eskadrons von den Trabanten und dem Regiment Anhalt flohen bereits und schrien die Derfflinger-Dragoner um Hülfe an. Diese aber, die gewillt waren, sich bei den Geschützen niederhauen zu lassen, konnten ihnen keine Hülfe gewähren. In diesem Augenblicke war der Prinz von Homburg heran und attackierte das schwedische Fußvolk. Es war das Infanterieregiment Dalwigk, früher Königsmarck, und nachdem der Kampf eine Weile hin und her geschwankt hatte, wurde der Feind in Stücke gehauen. Nicht zwanzig Mann entkamen; sechzig oder siebzig wurden gefangengenommen, der Rest war getötet. Unter ihnen der Kommandeur, Oberstlieutenant von Maltzahn. Er fiel an der Tête des Regiments. Dies war ein sehr tapferer Mann, der in großer Achtung bei den Schweden stand. Er starb ja auch gut.«

Ich breche hier die Mitteilungen aus »von Buchs Tagebuch« ab, da mir nur daran lag, aus jenen Mitteilungen das herauszugreifen, was in nähere Beziehung zu Derfflinger tritt.

Fehrbellin war geschlagen, aber der Krieg nicht beendet. Zur Strafe für den tückischen Angriff sollten die Schweden jetzt in ihren eigenen pommerschen Besitzungen angegriffen werden. Und in der Tat, am 9. November selbigen Jahres ward ihnen Wolgast entrissen, damals der »Schlüssel zu Stettin«. Der schwedische Feldmarschall Mardefeld versuchte zwar eine Wiedereroberung und drang auch, da der Frost alle Gräben mit Eis bedeckt hatte, mit stürmender Hand bis an die Festungswälle vor, als er jedoch zur Wiederholung des Sturmes schritt, erschien Derfflinger und entsetzte die Stadt.

So blieb Wolgast unser.

Freilich, Anklam, Demmin und Stettin, dazu Rügen, Stralsund und Greifswald waren nach wie vor in Händen des Feindes, und es bedurfte noch einer beinah dreijährigen Kriegführung, ihnen auch diese Punkte zu entreißen.

Besonders bemerkenswert war die Eroberung von Rügen und Stralsund. Dabei wirkte die holländische Flotte mit. Auf einer Flotte von 210 Schiffen und 140 Booten – so schreibt Pauli – befand sich die kurfürstliche Macht. Den Oberbefehl führte Derfflinger. Der holländische Seeheld Tromp befand sich ebenfalls an Bord. Drüben auf Rügen befehligte Graf Königsmarck die feindlichen Streitkräfte. Am 13. September setzten sich die diesseitigen Boote auf die Insel zu in Bewegung. Königsmarck ließ sie mit acht Kanonen angreifen, aber sie landeten, und ihre Mannschaften erstiegen das Ufer. Zuletzt war auch Reiterei drüben. Derfflinger setzte sich an die Spitze derselben, nahm den Schweden eine Standarte und 200 Gefangene ab und vertrieb den Rest von der Insel. An diese Wegnahme Rügens schloß sich die von Stralsund. Ende September erfolgte die Zernierung, und am 10. Oktober eröffnete der berühmte Artillerieoberst Ernst Weiler das Bombardement. Und zwar aus achtzig Halbkartaunen, zweiundzwanzig Mörsern und fünfzig Haubitzen. Schon mit anbrechendem Morgen stand die Stadt in Flammen, und man sah alsbald drei weiße Fahnen auf Mauern und Türmen. Derfflinger ritt mit einem Trompeter heran, um die Meinung der Stadt zu hören, aber man wollte von Kapitulation nichts wissen, und so begann um neun Uhr die Beschießung von neuem. Und nun erschienen Abgesandte der Stadt. Die Verhandlungen wurden eingeleitet, und am 20. hielt der Kurfürst seinen sieghaften Einzug.

Diesem pommerschen Kriege, der von 1675 bis 1678 gedauert hatte, folgte wenige Monate später der so berühmt gewordene Feldzug in Ostpreußen. General Horn war von Livland aus über den Njemen gegangen und bedrohte Königsberg, und wie der Kurfürst im Mai 1675 in fliegender Eile von Schweinfurt aufgebrochen war, um die Schweden aus der Kurmark zu jagen, so brach er jetzt im Januar 1679 von Berlin her auf, um denselben Feind aus Ostpreußen hinauszuwerfen. »Der Schrecken ging vor ihm her, und der Sieg war sein Begleiter.« Die Schweden retirierten, und Derfflinger, ihnen den Rückzug abzuschneiden, ging in Schlitten über das Kurische Haff. Aber es gelang nur, ihren Nachtrab einzuholen. Daß sie nichtsdestoweniger beinah völlig vernichtet wurden, war den Strapazen und der Kälte zuzuschreiben. Ausführlicher über diesen Feldzug hab ich weiterhin in dem Kapitel »Tamsel« berichtet.

Endlich war wieder Frieden, und eine Reihe stiller Jahre begann, bis abermalige Zerwürfnisse mit Frankreich auch abermals an den Rhein und im Laufe des Feldzuges zur Belagerung von Bonn führten. Das war 1689. »Dieser Tage«, so heißt es in dem Belagerungsjournal, »ist der alte Feldmarschall Derfflinger angekommen«, und andern Aufzeichnungen entnehmen wir, »daß nach Ankunft des Feldmarschalls dann und wann eine Kriegskonferenz gehalten wurde«. Bald darauf ergab sich die Stadt. Am 10. Oktober.

Dies alles war wie der Nachklang eines kriegerischen Lebens, und der nun dreiundachtzigjährige Derfflinger zog sich, »des Treibens müde«, in sein ihm immer lieber gewordenes Gusow zurück. Er lebte hier ganz seinen nächsten Interessen, vor allem aber der Verschönerung und Pflege seines Parkes. Hof und Haus waren seine Welt geworden. Am 4. Februar 1695 starb er und wurde, seinem Letzten Willen gemäß, in dem schon fünfundzwanzig Jahre vorher von ihm erbauten Erbbegräbnisse beigesetzt, »ohne Gepränge und ohne Lobrede auf sein Leben und seine Taten«. Der Geistliche – Salomon Sannovius – hatte sich in seiner Predigt auf den Ausspruch zu beschränken, »Gott habe den Entschlafenen in fast fünfundsiebzigjährigen Kriegsdiensten von der niedrigsten bis zur höchsten Stufe gelangen lassen«.

Kurfürst Friedrich III. ließ seinem Feldmarschall zu Ehren eine Gedächtnismünze prägen, die auf der einen Seite Derfflingers Portrait, auf der andern sein Wappen zeigt. Darunter ein Mars und ein Herkules mit der Umschrift: »His Majoribus.« – »Durch diese Ahnen.«

 

Derfflinger war rüstig und stark, und die Natur schien ihn zum Krieger gebildet zu haben. Unter einer breiten Stirn eine römische Nase; dazu volles krauses Haar und starke Augenbrauen, aber nur wenig Bart über der Oberlippe und etwas verstutztes Haar am Kinn.

Soviel über seine äußere Erscheinung.

Was seinen Charakter angeht, so leuchtet sein großer Mut hervor, oder, wie sein ältester Biograph im Stile seiner Zeit sich ausdrückt: »Der Mut war sein Vater und die Schlacht seine Mutter, während sein Zelt dem eisernen Bette des Riesen Og von Basan glich.«

Es war ihm ein Stolz, sich aus allerniedrigster Lebenssphäre zur höchsten emporgearbeitet zu haben, und wohl durft er – dazu herausgefordert – dem französischen Gesandten Grafen Rebenac antworten: »Ja, Herr, der Schneider bin ich. Und hier die Elle, womit er alle feigen Seelen der Läng und Breite nach zu messen pflegt.« Der Hergang wird verschieden erzählt, aber im wesentlichen läuft er in all seinen Versionen auf dasselbe hinaus.

Durch und durch ein »Charakter«, scheint er all sein Leben lang zu den spezifisch Unbequemen gehört zu haben, obschon der Italiener Leti von ihm rühmt, »daß er sich bei Hofe in angemessener Sanftheit und Feinheit bewegt habe«. Aber wenn dies auch zutreffen sollte, so wird doch sein Auftreten »im Dienst« von seinem Auftreten bei Hofe sehr verschieden gewesen sein. »Tuen wir unsere Schuldigkeit als Generals«, rief er in einem Kriegsrat am 25. Dezember 1674 dem kaiserlichen Obergeneral Herzog von Bournonville zu, »und sitzen wir hier nicht still wie alte Weiber.« An solchen und ähnlichen Aussprüchen ist kein Mangel. Ohne Menschenfurcht, war er in seiner Rede voller Freimut. Es scheint aber doch, als ob er nicht nur freimütig, sondern auch in hohem Grade erregbar gewesen sei. Wir finden ihn immer unzufrieden, immer verletzt, eine Gemütsstimmung, der er denn auch in einem Reime Ausdruck gab, den er dem sächsischen Feldmarschall Grafen Baudissin in das Stammbuch schrieb:

Wind und Regen
Ist mir oft entgegen,
Ducke mich, laß es vorübergan,
Das Wedder will seinen Willen han.

Und dieses alles richtete sich im wesentlichen gegen seinen »gnädigen Herrn, den Kurfürsten«, der seinerseits, bei sonst hitzigem Temperament, seinem Feldmarschall-Murrkopf gegenüber eine wahrhaft bewundernswerte Nachsicht und Langmut an den Tag legte. Meist waren es Rangfragen, die den Unmut des alten »Grognard« erregten, und ähnliche Szenen, wie sie schon 1670 gespielt haben, als er sich dem Fürsten Johann Georg von Anhalt-Dessau (Vater des »alten Dessauers«) nachgestellt glaubte Bei dieser Gelegenheit zog er sich, um seinem Unmut Ausdruck zu geben, einfach nach Gusow zurück und wartete hier das Weitere ab. Der Kurfürst lenkte wirklich wieder ein und ließ ein Promemoria veröffentlichen, in dem es hieß: »Daß dem ›Herrn Derfflinger‹ im Kommando kein Tort geschehen solle, sei demselben durch Seine Kurfürstliche Durchlaucht versichert worden. Dies hätte jedoch bei dem Herrn Feldmarschall nicht gewirkt, da derselbe mit höchster Hartnäckigkeit darauf bestanden, daß, wenn er mit ins Feld ziehen sollte, der Fürst von Anhalt zurückbleiben müsse. Dieser Ungehorsam sei eigentlich sträflich, dennoch wolle Seine Kurfürstliche Durchlaucht es dabei bewenden lassen, daß Derfflinger sich auf seine Güter begeben habe«. – Viel bitterer noch war ein andrer zwischen Herr und Diener geführter Streit. Derfflinger verlangte mitten im Kriege, 1678, den Abschied, worauf es der Kurfürst seinem (Derfflingers) eigenen Ermessen anheimstellte, » ob er hierdurch nicht seine wohlerworbene Ehre beflecken würde«, hinzufügend, er müsse bleiben und ausharren, schon weil er viel Saures und Süßes in seinem Dienste gekostet habe«. Der Alte war durch solche Worte schwer getroffen und betonte, » daß er seiner Ehre zuwider nie etwas in der Welt vorgenommen habe«, was aber das Saure und Süße anginge, so sei des Sauren viel mehr gewesen«. , wiederholten sich, als der Große Kurfürst siebzehn Jahre später dem Grafen von Schomberg das Kommando der brandenburgischen Armee übertrug. Es entspann sich ein sehr gereizter Briefwechsel, aus dem zur Charakterisierung beider Briefschreiber, des Kurfürsten und seines Feldmarschalls, folgende Stellen hier einen Platz finden mögen.

 

» Wollgeborner besonders lieber General-Feldmarschall.

Es ist Euch annoch außer Zweifel erinnerlich, was ich mit Euch zum öftern wegen eines tüchtigen und capablen Generals, den ich meine Armee und Militz en Chef zu kommandiren anvertrauen könnte, in gnädigstem Vertrauen geredet, weßgestalt Ihr auch jedesmal dafür gehalten, daß unter andern Qualitäten, die zu einer so vornehmen Charge erfordert werden, Ich insonderheit darauf zu reflektiren hätte, daß er ein Teutscher, der teutschen Sprache kundig sein müsse. Nachdem ich nun von Tag zu Tage mehr wahrnehme und spüre, wie nützlich und nöthig mir eine solche Person sei, auf die Ich mich verlassen und welche allemahl bei mir gegenwärtig sein könne, umb bei allerhand vorfallenden wichtigen Angelegenheiten mir mit raht und taht an Hand zu gehen, zumahlen da Ihr nach Gottes Verhängniß nun eine so geraume Zeit hero unpäßlich und nicht im stunde gewesen Eure Dienste bei mir zu versehen, als hat es sich neulicher Tagen also gefüget, daß der Maréchal Graf von Schomberg, welcher der Religion halber Frankreich und Portugal verlassen müssen, sich allhier bei Mir eingefunden und sich nicht abgeneigt gezeiget, meine Dienste allen anderen zu präferiren, ungeachtet Ihm vom Kayser, Engelland und Prinz von Oranien allerhand stattliche und vortheilhafte Conditions offeriret worden. Ich habe mich solchem nach in Gottes Namen resolviret, denselben in Meinen Diensten zu accomodiren, und ihm die Stadthalterschaft in Preußen, wie auch das Generalat über meine Truppen zu conferiren... Und gleichwie Ich der Zuversicht lebe, daß er Mir und Meinem kurfürstlichen Hause gute und nützliche Dienste werde leisten können, also bin ich auch versichert, Ihr werdet als einer meiner liebsten ältesten und treuesten Diener diese meine gefaßte Resolution und Wahl allerdings in unterthänigkeit approbiren

 

Dem alten Feldmarschall aber, der sich einfach zurückgesetzt fühlte (er war einundachtzig), genügten diese huldvollen Ausdrücke keineswegs, und er antwortete:

 

»Durchlauchtigster Churfürst, Gnädigster Herr.

Eure Kurfürstliche Durchlaucht gnädigstes Rescript unterm Dato Cölln an der Spree den 16. April habe ich heute mit unterthänigstem Respekt erhalten und mit mehreren daraus verstanden, wie Eure Churfürstl. Durchlaucht gnädigst resolviret, den Herrn Marschall Grafen von Schomberg das Generalat über Dero Truppen zu conferiren. Ob ich nun zwar woll gemeinet, daß Ew. Churfürstl. Durchlaucht meine denenselben treu geleisteten unterthänigsten, langwierigsten Dienste, wozu ich auch den Rest meines Lebens gänzlich gewidmet gehabt, hätten gnädigst consideriren wollen, insonderheit da mir Gott nunmehro einen guten Anfang zu meiner Besserung verliehen hat, so habe ich doch Ew. Churfürstl. Durchlaucht gefaßte anderweite gnädigste Resolution (die mir in meinem hohen Alter niemand vermuthet) vernehmen müssen.«

Und so klagt er weiter und schließt damit, daß er persönlich »vorstellig« werden wolle.

Der Kurfürst gab auch diesmal wieder, soweit er konnte, der Empfindlichkeit seines Dieners nach und ernannte den Duc nicht zum Feldmarschall, sondern beließ ihm nur seinen Titel als »Maréchal«, den er bereits in französischen Diensten geführt hatte.

Aber neben dieser Empfindlichkeit her ging ein sehr feines Pflicht- und Ehrgefühl, so daß Pöllnitz mit allem Rechte von ihm schreiben durfte: »Das elende Handwerk eines Hofmannes war ihm fremd; Eigennutz und Prachtliebe haßte er gleich stark«, Äußerungen, die lebhaft an die Worte erinnern, die Prinz Heinrich dem alten Zieten widmete: »Was ihn mehr auszeichnete als sein rascher Blick und sein hoher Mut, das waren seine Rechtschaffenheit und Uninteressiertheit und seine Verachtung gegen alle diejenigen, die sich auf Kosten unterdrückter Völker bereicherten.« Überhaupt zeigen diese beiden, neben Blücher und Seydlitz populärsten preußischen Reiterführer eine große Übereinstimmung: Frömmigkeit, Ehrlichkeit, Derbheit. Daneben eine bevorzugte Stellung zu den zwei größten Hohenzollern und das Aussterben ihrer Familie in der nächsten Generation. Auch darin sind sie sich ähnlich, daß beide gute Landwirte, überhaupt gute Wirte waren und etwas vor sich brachten.

Dies führt uns auf Derfflingers Besitzverhältnisse. Diese waren die glänzendsten, und Graf Lippe, in seiner trefflichen, an mehr als einer Stelle von mir benutzten Biographie des Helden, durfte von ihm sagen, »daß er zu den märkischen Granden erster Klasse« gehört habe. Seine bloßen jährlichen Gehälter beliefen sich auf etwa 18 000 Taler, die er aus seinen hohen Stellungen als Generalfeldmarschall, Geheimer Kriegsrat, Statthalter von Hinterpommern, Obergouverneur aller Festungen und Oberster dreier Regimenter Diese drei Regimenter waren die folgenden: Infanterieregiment Derfflinger, 1200 Mann stark, in Küstrin und Kolberg; Kürassierregiment Derfflinger, 600 Mann stark, in der Neumark; Dragonerregiment Derfflinger, 720 Mann stark, in Pommern. Das letztgenannte Regiment »Derfflinger-Dragoner« wurde 1683, wohl aus Courtoisie gegen den Alten, nach Berlin gezogen und erhielt seine Stallungen in Nähe des Schönhauser Tores. Daraus entstand später die Dragonerstraße. zog. Zu diesen Gehältern kam ein bedeutendes Barvermögen und die Revenue von sechs märkischen und vierzehn ostpreußischen Gütern, den sogenannten »Quittainenschen«. Die sechs märkischen Güter waren: Gusow, Platkow, Wulkow, Hermsdorf, Klessin und Schildberg, letzteres 1684 käuflich erstanden. Die ostpreußischen oder »quittainenschen« waren: Quittainen selbst, Grünhagen, Mäcken, Skollmen, Matzweissen, Pergusen, Weinings, Groß-Thierbach, Klein-Thierbach, Krönau, Köllming, Greissings, Lägs, Trauten. Dazu kamen zwei Häuser: eins in Königsberg, eins in Berlin, an welch letzterem Ort er auch einen Garten: »Derfflings Weinberg«, vor dem Landsberger Tore, besaß. Auf diesem Weinberge steht jetzt die Bartholomäuskirche. Das Königsberger Haus kam mit anderem Derfflinger-Besitz an den Feldmarschall Hans Albrecht von Barfus. Das vorerwähnte Berliner Haus steht noch, und zwar am Cöllnischen Fischmarkt Nummer 4. Es ist das sogenannte d'Heureusesche Haus am Abschluß der Breiten Straße. Derfflinger erhielt es 1683 als Entschädigung für die während des Schwedenkrieges in Holstein rückständig gebliebene Besoldung. Er ließ das alte Gebäude, das er vorfand, niederreißen und das jetzige, seinem hohen Range entsprechend, durch Nering, den Erbauer des Zeughauses, aufführen. Diesem Hause, Cöllnischer Fischmarkt 4, war es vorbehalten, am 18. März 1848 noch einmal eine historische Rolle zu spielen, freilich keine, die dem alten Derfflinger gefallen haben würde. Hier sowohl wie in dem gegenüberliegenden Rathause hatten sich die Aufständischen verschanzt und wurden erst nach hartnäckigem Kampf überwunden. Die Verteidiger des Rathauses wurden alle niedergemacht, bis auf den Führer, den sein Mut und seine Geistesgegenwart rettete. Er trat dem Offizier mit offner Brust entgegen und wurde von diesem sofort niedergehauen; so kam er mit dem Leben davon, weil man Anstand nahm, einen Schwerverwundeten zu töten. Im d'Heureuseschen Hause selbst kommandierte der Blousenmann Siegrist, dem die Ernennung des »Mr. Albert ouvrier« zum Minister der öffentlichen Arbeiten zu Kopf gestiegen war. Er bewies viel Mut, taugte aber nichts und verschwand bald vom Schauplatz.

Derfflinger war zweimal verheiratet, und zwar in erster Ehe, wie bereits eingangs erwähnt, mit Margareta Tugendreich von Schapelow, Erbanwärterin auf das Lehn Gusow, in zweiter Ehe mit Barbara Rosina von Beeren, auf Kleinbeeren und Wilmersdorf.

Aus seiner ersten Ehe mit der Schapelow, die nur von kurzer Dauer gewesen sein kann, ward ihm eine Tochter, aus seiner zweiten Ehe mit der Beeren eine Reihe von Kindern geboren: zwei Söhne und vier Töchter.

Die Namen aller sieben Kinder waren, nach Pauli, die folgenden:

1. Beate Luise (Tochter erster Ehe), geboren 1647. Sie vermählte sich 1674 »der Kriegstroublen halber« ziviliter und erst 1677 kirchlich als dritte Gemahlin an Kurt Hildebrand von der Marwitz, der 1700 als Generallieutenant zu Küstrin verstarb.

2. Friedrich Freiherr von Derfflinger, geboren 1662, vermählt mit Ursula Johanna von Osterhausen, erbte den reichen väterlichen Besitz und starb kinderlos 1724 als Generallieutenant.

3. Karl Freiherr von Derfflinger, machte als Volontair den Feldzug gegen die Türken mit und fiel am 25. Juni 1686 vor Ofen.

4. Luise Freiin von Derfflinger. Vermählt mit Joachim Balthasar von Dewitz, brandenburgischem Generallieutenant, Gouverneur der Festung Kolberg, Obersten zu Roß und Fuß.

5. Ämilia Freiin von Derfflinger. Vermählt mit Hans Otto von der Marwitz, brandenburgischem Obersten zu Pferde, Johanniterritter und designiertem Komtur zu Wietersheim.

6. Charlotte Freiin von Derfflinger. Vermählt mit Johann von Zieten, brandenburgischem Generalmajor, Gouverneur der Festung Minden.

7. Dorothea Freiin von Derfflinger. Blieb unvermählt.

Da von den zwei Söhnen Derfflingers der eine vor Ofen blieb, der andere kinderlos starb, so ging Gusow samt Platkow in den Besitz von Seitenverwandten über. General von der Marwitz, Sohn von Kurt Hildebrand von der Marwitz und Enkel des Feldmarschalls Derfflinger, erkaufte dasselbe 1724 aus der Erbschaftsmasse für 130 000 Taler und vererbte es auf eine seiner Nichten, die Frau des Ministers Grafen von Podewils. Durch weitere Vererbung kam Gusow 1804 an die Grafen von Schönburg. Graf Clemens von Schönburg ist der gegenwärtige Besitzer.

Gusow jetzt

Alles in Gusow, oder doch alles Beste, was es hat, erinnert an den alten Derfflinger: Schloß, Park, Kirche.

Das Schloß, architektonisch weder schön noch eigentümlich, besteht aus einem corps de logis und zwei langen, rechtwinklig vorspringenden Flügeln, die nun einen Schloßhof bilden. Ein breiter Graben umgibt den Bau nach allen vier Seiten hin, der, mit Hülfe dieser Wassereinfassung, wie auf einer künstlichen Insel liegt. Zwei Brücken führen hinüber. Die Hinterfront gewährt einen Blick in die weiten Anlagen des Parks.

Das Innere, soviel ich in Erfahrung bringen konnte, bietet nichts, was in die Derfflinger-Zeit zurückreichte, vielleicht mit Ausnahme zweier in der Vorhalle postierten Falkonetts. Ein Portrait des Feldmarschalls ist neueren Datums und aus der kunstgeübten Hand eines Mitgliedes der Schönburgschen Familie hervorgegangen. Es ist ein Derfflinger zu Pferde, als Pendant zu einem Friedrich von Derfflingerschen Reiterbilde, das sich noch aus alter Zeit her im Schlosse vorfand. Derfflinger-Portraits befinden sich im Potsdamer Stadtschloß, im Feldmarschallssaal des Kadettenhauses und im Besitz Seiner Kaiserlich-Königlichen Hoheit des Kronprinzen. Ein viertes (ebenfalls ein Derfflinger zu Pferde) befand sich in der Spandauer Straße, im »Pötterschen Hause«, Ecke der Parochialstraße. Graf Lippe, dem ich diese Notiz entnehme, spricht die Vermutung aus, daß es aus dem Stadtschlosse des Feldmarschalls Freiherrn von Sparr, der in der genannten Straße ein jetzt zum Hauptpostamt gehöriges Haus besaß, hierher gelangt sein könne. Neben diesen Ölbildern kommen ein im Kupferstichcabinet befindlicher Stich und eine vom kurfürstlichen Medailleur Höhn herrührende, schon erwähnte Medaille in Betracht. Sie wird in der Königlichen Medaillensammlung aufbewahrt und wurde vom Historienmaler Professor Kretschmer für sein bekanntes Ölgemälde »Landung des Großen Kurfürsten auf Rügen« benutzt. Der weiße Dragonerrock Derfflingers befindet sich im Königlichen Zeughause.

Der Park ist ungewöhnlich groß und neben den schönsten Baumpartien auch reich an jenen gepflegten Rasenplätzen, die die Engländer »Lawn« nennen. Der alte Derfflinger, dem Gusow, wie so vieles andere, auch diesen Park verdankt, war besonders darauf aus, südliche Bäume, Zedern und Zypressen, großzuziehen. Die Zedern, wohl zwanzig an der Zahl, bilden eine Parkpartie für sich, die den Namen »Libanon« führt. Die Hauptzierde aber ist eine mehr denn sechzig Fuß hohe Zypresse, von der es heißt, daß sie der schönste derartige Baum in den Marken sei, ein Prachtstück, das König Friedrich Wilhelm IV. vergeblich bemüht war für Sanssouci zu erwerben. Nach meiner botanischen Kenntnis ist es übrigens keine Zypresse, sondern ein Taxodium.

Die Kirche geht in ihren Anfängen weit zurück, Derfflinger aber erweiterte und renovierte sie, und zwar von 1666 bis 1670, nach dem Tode seiner zweiten Frau, »seiner seligen, hochadligen, herzliebsten Barbara Rosine von Beeren«, wie wir einer hinter dem Altar befindlichen Inschrift entnehmen können. Diese Inschrift lautet:

»Der Fürstlichen Durchlaucht von Brandenburg Geheimer Kriegsrat, Statthalter in Pommern, Generalfeldmarschall, Obergouverneur über alle Dero Festungen und Oberster zu Roß und Fuß, ich, George Freiherr von Derfflinger, Herr auf Gusow, Platkow usw., als Patronus dieser Kirche, habe dem lieben Gott zu Ehren Anno 1666 angefangen, nach dem Tode meiner seligen hochadligen Ehehälfte Barbara Rosina von Beeren, diese Kirche, welche vor diesem sehr klein, unsauber und unordentlich war, aus meinen eigenen Mitteln zwanzig Schuh ins Best So find ich in dem Derfflinger-Aufsatze Graf Lippes, der seinerseits eine beglaubigte Kopie Pastor Baltzers in Gusow benutzte. Weshalb ich mir auch keine Änderung erlaubt habe. Täuscht mich indessen mein Gedächtnis nicht, so muß es heißen: zwanzig Schuh ins Licht zu verlängern.. Ein Gebäude hat soundso viel Fuß »im Lichten«, im Gegensatz zu dem Gebäudebrutto, wo die Dicke der Mauer mitgerechnet wird. zu verlängern, und ein Begräbnisgewölbe, neuen Altar, Kanzel, Chöre, Fenster, Türen, Leichenhalle und Stühle, alles neu verfertigen lassen, und ist solcher Kirchenbau mit der Malerei vollends Anno 1670 geendigt worden. Pfarrer ist zu dieser Zeit Salomon Sannovius, aus Münchberg bürtig. Gott erhalte diese Kirche und behüte sie vor Krieg und Feuersbrunst, und gebe, daß sein heiliges Wort darin lauter und unverfälscht gepredigt und die heiligen Sakramente nach Christi Einsetzung administrieret werden bis zum lieben Jüngsten Tag.«

Rechts und links vom Altar befinden sich Kirchenstühle mit den Wappen folgender Familien: von Schapelow, von Berfelde, von Rilicher, von Promnitzer, von Stosch, von Haubitz, von Loeben, von Hacke, von Redern, von Schulenburg, von Roebel, von Wenkstern. An andrer Stelle die Kriegs- und Gedenktafeln.

Von eigentlichen Sehenswürdigkeiten innerhalb der Kirche verbleiben noch das Grabmonument und das Grabgewölbe.

Das Grabmonument – ein trophäenartig aufgebautes Epitaphium – wurde durch Friedrich von Derfflinger dem Andenken seines Vaters errichtet. Es hebt sich von einer gemalten Wappendecke ab und muß ehedem sehr prächtig gewesen sein. Den Mittelpunkt bildet ein Steinsarkophag, in dessen flacher Vertiefung der Derfflingersche Feldmarschallsstab liegt. Er ist, wurmstichig, in zwei Teile zerfallen; an beiden Teilen der Sammet abgerissen und nur die vergoldeten Nägel noch sichtbar, die früher den Sammet hielten. Über dem Sarkophag erhebt sich die schon erwähnte Derfflinger-Büste: ausdrucksvolles Gesicht; ziemlich mager; die einzelnen Teile, mit Ausnahme der prononcierten Nase, eher klein als groß. Dazu langes, lockiges Haar und kleiner Schnurr- und Kinnbart. Einiges, das hierin von Paulis auf Seite 197 gegebener Schilderung abweicht, ist auf den Unterschied der Jahre zurückzuführen. Über der Büste ein schwebender Engel, dessen rechte Hand leider abgebrochen ist. Unter dem Sarkophage die Grabschrift, die neben Namen, Titel, Würden und Besitzungen zugleich auch Zeit und Ort seiner Geburt und seines Todes gibt. – Dies ist das eigentliche Epitaphium. Zu seiner weiteren Dekoration dienen zwei Standarten, die, divergierend gestellt, nach rechts und links hin über den Sarkophag hinausragen. Beide sind von gleicher Beschaffenheit: die blauseidenen Fahnentücher mit Fransen und Quasten geschmückt. Ihr Emblem besteht in einem nach außen gerichteten Arm, der ein Schwert führt, und darunter eine Flamme. Am oberen und rechtsseitigen Rande liest man in großen lateinischen Buchstaben: »Agere aut pati fortiora.« Nach allem ist anzunehmen, daß es Dragonerstandarten waren, vielleicht von Derfflingers eigenem Regiment. Über ihre brandenburgische Zugehörigkeit lassen die metallenen Fahnenspitzen keinen Zweifel. Die eine zeigt in zierlich durchbrochener Arbeit einen einköpfigen Adler mit der kurfürstlichen Krone, die andre die Chiffre F. III. (Friedrich III.) und darüber die gleiche Krone.

Das Grabgewölbe Derfflingers befindet sich unter dem Altar. Eine Falltür führt hinab, aber sie pflegt sich keinem Besucher mehr zu öffnen. Diese Maßregel wurde nötig infolge von Unbilden, denen die irdischen Überreste des alten Helden durch viele Jahre hin ausgesetzt waren. Er lag, so hört ich, ein volles Jahrhundert lang in seiner Gruft, ohne daß sich Freund oder Feind um ihn gekümmert hätte. Erst als vor vierzig oder fünfzig Jahren der Sinn für das Heimische lebendig zu werden begann, kamen Reisende von nah und fern, die den alten Derfflinger sehen wollten. Ja, mit der Zeit wurd es Mode, neben dem schönen Gusower Park auch die Gruft des alten Feldmarschalls zu besuchen. Eine Mischung von Frivolität und Kuriositätenkrämerei fing an ihr Spiel zu treiben, und eh ein Dutzend Jahre um war, lag der alte Feldmarschall, wie von Kroaten geplündert, in seinem halb erbrochenen Sarge, nur noch mit zwei großen Reiterstiefeln angetan, die man ihm wohl oder übel gelassen hatte. Dagegen mußte schließlich Remedur geschafft und der Sarg vor profaner Neugier oder Schlimmerem geborgen werden. So wurde denn der Tote samt der zerbrochenen Sargkiste, darin er lag, in einen schweren Eichensarg gesetzt und der Deckel ein für allemal geschlossen. (Nach Aussagen solcher übrigens, die bei dieser Umbettung ihn sahen, wäre seine frühere Kleidung: einfaches Wams und schwarze Hosen, noch sehr wohl erkennbar gewesen.)

Mit Worten Paulis aber, des ersten Derfflingerschen Biographen, nehmen wir Abschied von unsrem Helden: »Er erreichte das höchste Alter in höchsten Ehren. Das Alter allein hat keinen Anspruch auf unsere Ehrerbietung, aber wo wir Weisheit und den Sieg der Vernunft über Leidenschaft und Vorurteil mit ihm gepaart finden, da wird es uns ehrwürdig und liebenswert. Alles dies verband Derfflinger mit einer ungeheuchelten Gottesfurcht. Er unterhielt dieselbe durch Johann Arnds ›Wahres Christentum‹, das er sich fleißig vorlesen ließ. Unschuld und fromme Sitte bereiteten ihn sein Leben lang auf jenen Augenblick des Todes vor, der ein Schrecken der Gottlosen, aber die Zuversicht und der Frieden der Frommen ist.«

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