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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Teil: Die Grafschaft Ruppin

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Teil: Die Grafschaft Ruppin - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Teil: Die Grafschaft Ruppin
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Das Dosse-Bruch

»Ihr habt mir nichts zu danken,
Denn davor bin ich da.«
H. von Blomberg

Eine halbe Meile westwärts von Garz treten wir in eine fruchtbare Niederung ein, die hier durch den Zusammenfluß des Rhins und der Dosse gebildet wird und seit Jahrhunderten den Namen des Dosse-Bruches führt.

Die Dosse (in alten Urkunden Doxa oder Dossia) entspringt an der Grenze von Prignitz und Mecklenburg und geht, an Wittstock, Wusterhausen und Neustadt vorüber, in fast ununterbrochen südlicher Richtung in Rhin und Havel. An ihrem Ufer hin, das trotz vorherrschender Öde manchen schönen Punkt aufweist (so zum Beispiel Amt Fretzdorf, alte Dosse-Burg, seit lange Besitztum der Freiherrn von Karstedt), wohnte der vielgenannte Stamm der Dossaner, die das Grenzland zwischen den wilzischen und obotritischen Wenden innehatten. Auf den Feldmarken von Brunn und Trieplatz, Dörfer, auf die wir weiterhin zurückkommen, finden sich noch Spuren alter, dreifacher Wälle, deren Ursprung sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf jene Zeit der Kämpfe zwischen den Sachsen und Slawen zurückführen läßt.

Etwa bei Wusterhausen, wenn wir dem Lauf des Flusses folgen, beginnt das Dosse-Bruch. Es hatte vordem so ziemlich denselben Sumpfcharakter wie das Oder-Bruch; alles lag wüst und befand sich in einem Urzustande. Werftweiden, Elsen und anderes Gebüsch bedeckten den größten Teil der Niederung, und nur hier und da lagen Stellen über dem Wasser, die nun als Wiesen und Weide dienten. Dreetz und Sieversdorf, mitten im Bruch auf zwei Sandschollen erbaut, hatten ungeheure Feldmarken, ohne sie recht benutzen zu können, weil das Vieh im Sumpfe steckenblieb. Schon die Namen der einzelnen Örtlichkeiten hatten schlimmen Klang: Dolenbusch, Brand und der Tarterwinkel.

Kolonisationsversuche wurden ziemlich früh gemacht. Bereits der Landgraf von Hessen-Homburg begann Abzugsgräben zu ziehen; später suchte König Friedrich Wilhelm I. (und zwar nach Entwässerung des Havelländischen Luches) auch hier die Kanalisierung in ein System zu bringen. Aber erst unter dem großen Könige kamen die Dosse-Bruch-Arbeiten zu verhältnismäßigem Abschluß. An Widerstand hatten's die Nächstbeteiligten nicht fehlen lassen; ihrer Auflehnungen indes war man bald Herr geworden. Wo nicht freier Wille zu Hülfe kam, erfolgte Zwang.

1778 endigten die Vorarbeiten: 15 000 Morgen Land waren gewonnen, 25 neue Dörfer und Ortschaften gegründet, 1500 Ansiedler angesetzt. Der König wollte nunmehr mit eignen Augen sehen, was hier geschaffen worden sei.

Den 23. Juli 1779 brach er zu diesem Behufe fünf Uhr morgens von Potsdam auf und ging zunächst über Fahrland, Dyrotz, Wustermark, Nauen und Königshorst bis Seelenhorst.

Hier, in Seelenhorst, trat der König in den Fehrbelliner Amtsbezirk ein, und statt des Königshorster Amtsrats, der auf der Fahrt durchs Havelländische Luch den Führer gemacht hatte, erschien nunmehr der Oberamtmann Fromme neben dem Wagen des Königs, um Seine Majestät durch das Fehrbelliner Revier hin zu geleiten. Der König fand Wohlgefallen an ihm, stellte viele Fragen und behielt ihn mehrere Stunden lang an seiner Seite.

Fromme hat in einem Schreiben an den alten Vater Gleim, der sein Onkel war, alles aufgezeichnet, was er in diesen denkwürdigen Stunden erlebt oder aus dem Munde des Königs vernommen hat, und es ist nunmehr Fromme, den ich in nachstehendem sprechen lasse.

Friedrichs II. Besuch im Rhin- und Dosse-Bruch

Um acht Uhr morgens kamen Ihro Majestät auf Seelenhorst an und hatten den Herrn General Grafen von Görtz im Wagen bei sich. Ihro Majestät sprachen bei der Umspannung mit den Zietenschen Husarenoffiziers, die auf den umliegenden Dörfern auf Grasung standen, und bemerkten mich nicht. Weil die Dämme zu schmal sind, konnt ich neben dem Wagen nicht reiten. (Fromme ritt also vorauf oder hinterher.) In Dechtow bekamen Ihro Majestät den Herrn Rittmeister von Zieten, dem Dechtow gehört, zu sehen und behielten ihn – der Weg war hier breiter – neben sich, bis dahin, wo die Dechtowsche Feldmark zu Ende geht. Hier wurde wieder umgespannt und Hauptmann von Rathenow auf Karwesee, ein alter Liebling des Königs, trat an den Wagen heran.

Hauptmann von Rathenow: »Untertänigster Knecht, Ihro Majestät!«

König: »Wer seid Ihr?«

Hauptmann: »Ich bin der Hauptmann von Rathenow Von Rathenow stand 1732 und die folgenden Jahre als Lieutenant beim kronprinzlichen Regiment in Neuruppin und war einer aus dem näheren Umgangskreise des Prinzen. Überhaupt werden wir im Verlauf des Aufsatzes sehen, daß der König überall alte Bekanntschaften erneuert und die fast ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Ruppiner Tage wieder lebendig werden fühlt. aus Karwesee.«

König: (die Hände faltend): »Mein Gott! lieber Rathenow, lebt Er noch? Ich dacht, Er wäre längst tot. Wie geht es Ihm? Ist Er gesund?«

Hauptmann: »O ja, Ihro Majestät.«

König: »Aber, mein Gott! wie dick ist Er geworden.«

Hauptmann: »Ja, Ihro Majestät, Essen und Trinken schmeckt immer noch; nur die Füße wollen nicht fort.«

König: »Ja! das geht mir auch so. Ist Er verheiratet?«

Hauptmann: Ja, Ihro Majestät!«

König: »Ist Seine Frau mit unter den Damen dort?«

Hauptmann: »Ja, Ihro Majestät!«

König: »Laß Er sie doch herkommen!« (Sogleich den Hut ab.) »Ich find an Ihrem Herrn Gemahl einen guten alten Freund.«

Frau von Rathenow: »Sehr viel Gnade für meinen Mann.«

König: »Was sind Sie für eine geborene?«

Frau von Rathenow. »Ein Fräulein von Kröcher!«

König: »Haha! eine Tochter vom General von Kröcher!«

Frau von Rathenow: »Ja, Ihro Majestät.«

König: »Oh, den hab ich recht gut gekannt. – Hat Er auch Kinder, Rathenow?«

Hauptmann: »Ja, Ihro Majestät! Meine Söhne sind in Diensten, und dies sind meine Töchter!«

König: »Na! das freut mich. Leb Er wohl, mein lieber Rathenow! Leb Er wohl!«

Nun ging der Weg nach Fehrbellin, und Förster Brand ritt als Forstbedienter mit. Als wir an einen Fleck von Sandschellen kamen, die vor Fehrbellin liegen, sagten Ihro Majestät: »Förster, warum sind die Sandschellen nicht besäet?«

Förster: »Ihro Majestät sie gehören nicht zur königlichen Forst; sie gehören mit zum Acker. Zum Teil besäen die Leute sie mit allerlei Getreide. Hier, rechter Hand, haben sie Kienäpfel gesäet!«

König: »Wer hat die gesäet?«

Förster: »Hier der Oberamtmann!«

König (zu mir): »Na! sagt es meinem Geheimden Rat Michaelis, daß die Sandschellen besäet werden sollen.« – (Zum Förster:) »Wißt Ihr aber auch, wie Kienäpfel gesäet werden müssen?«

Förster: »O ja, Ihro Majestät!«

König: »Na! wie werden sie gesäet? von Morgen gegen Abend oder von Abend gegen Morgen?«

Förster: »Von Abend gegen Morgen.«

König: »Das ist recht; aber warum?«

Förster: »Weil aus dem Abend die meisten Winde kommen.«

König: »Das ist recht!«

Nun kamen Ihro Majestät zu Fehrbellin an, sprachen daselbst mit dem Lieutenant Probst vom Zietenschen Husarenregiment (schon sein Vater stand als Rittmeister bei den Zietenschen) und mit dem fehrbellinischen Postmeister, Hauptmann von Mosch. Als angespannt war, wurde die Reise fortgesetzt, und da Ihro Majestät gleich danach an meinen Gräben, die im Fehrbellinschen Luch auf königliche Kosten gemacht sind, vorbeifuhren, so ritt ich an den Wagen und sagte: »Ihro Majestät, das sind schon zwei neue Gräben, die wir durch Ihro Majestät Gnade hier erhalten haben und die das Luch uns trocken erhalten.«

König: »Soso; das ist mir lieb! Wer seid Ihr?«

Fromme: »Ihro Majestät, ich bin der Beamte hier von Fehrbellin.«

König,: »Wie heißt Ihr?«

Fromme: »Fromme.«

König: »Haha! Ihr seid ein Sohn von dem Landrat Fromme.«

Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden, mein Vater ist Amtsrat im Amte Lähme gewesen.«

König: »Amtsrat! Amtsrat! Das ist nicht wahr! Euer Vater ist Landrat gewesen. Ich habe ihn recht gut gekannt. Sagt mir einmal, hat Euch die Abgrabung des Luchs hier viel geholfen?«

Fromme: »O ja, Ihro Majestät!«

König: »Haltet Ihr mehr Vieh als Euer Vorfahr?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät! Auf diesem Vorwerk halt ich vierzig, auf allen Vorwerken siebenzig Kühe mehr!«

König,: »Das ist gut. Die Viehseuche ist doch nicht hier in der Gegend?«

Fromme. »Nein, Ihro Majestät.«

König: »Habt Ihr die Viehseuche hier gehabt?«

Fromme: »Ja!«

König: »Braucht nur fein fleißig Steinsalz, dann werdet Ihr die Viehseuche nicht wieder bekommen.«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät, das brauch ich auch; aber Küchensalz tut beinah ebendie Dienste.«

König: »Nein, das glaubt nicht! Ihr müßt das Steinsalz nicht kleinstoßen, sondern es dem Vieh so hinhängen, daß es dran lecken kann.«

Fromme: »Ja, es soll geschehen.«

König: »Sind sonst hier noch Verbesserungen zu machen?«

Fromme: »O ja, Ihro Majestät. Hier liegt die Kremmen-See. Wenn selbige abgegraben würde, so bekämen Ihro Majestät an achtzehnhundert Morgen Wiesenwachs, wo Kolonisten könnten angesetzt werden, und würde dadurch die ganze Gegend hier schiffbar, welches dem Städtchen Fehrbellin und der Stadt Ruppin ungemein aufhelfen würde; auch könnte vieles aus Mecklenburg zu Wasser nach Berlin kommen.«

König: »Das glaub ich! Euch wird aber wohl bei der Sache sehr geholfen, viele dabei ruiniert, wenigstens die Gutsherren des Terrains; nicht wahr?«

Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden: das Terrain gehört zum königlichen Forst, und stehen nur Birken darauf.«

König: »Oh, wenn weiter nichts ist wie Birkenholz, so kann's geschehen! Allein, Ihr müßt auch nicht die Rechnung ohne den Wirt machen, daß nicht die Kosten den Nutzen übersteigen.«

Fromme: »Die Kosten werden den Nutzen gewiß nicht übersteigen! Denn erstlich können Ihro Majestät sicher darauf rechnen, daß achtzehnhundert Morgen von dem See gewonnen werden; das wären sechsunddreißig Kolonisten, jeder zu funfzig Morgen. Wird nun ein kleiner, leidlicher Zoll auf das Floßholz gelegt und auf die Schiffe, die den neuen Kanal passieren, so wird das Kapital sich gut verzinsen.«

König: »Na! sagt es meinem Geheimden Rat Michaelis! Der Mann versteht's, und ich will Euch raten, daß Ihr Euch an den Mann wenden sollt in allen Stücken und wenn Ihr wißt, wo Kolonisten anzusetzen sind. Ich verlange nicht gleich ganze Kolonien; sondern wenn's nur zwo oder drei Familien sind, so könnt Ihr's immer mit dem Mann abmachen!«

Fromme: »Es soll geschehen, Ihro Majestät.«

König: »Kann ich hier nicht Wustrau liegen sehen?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät; hier rechts, das ist's.«

König: »Ist der General zu Hause?«

Fromme: »Ja!«

König: »Woher wißt Ihr das?«

Fromme: »Ihro Majestät, der Rittmeister von L'Estocq liegt in meinem Dorf auf Grasung, und da schickten der Herr General gestern einen Brief durch den Reitknecht an ihn. Da erfuhr ich's.«

König: »Hat der General von Zieten auch bei der Abgrabung des Luchs gewonnen?«

Fromme: »O ja; die Meierei hier rechts hat er gebaut und eine Kuhmolkerei angelegt, welches er nicht gekonnt hätte, wenn das Luch nicht abgegraben wäre.«

König: »Das ist mir lieb! Wie heißt der Beamte zu Alten-Ruppin?«

Fromme: »Honig!«

König: »Wie lang ist er da?«

Fromme: »Seit Trinitatis.«

König: »Seit Trinitatis? Was ist er vorher gewesen?«

Fromme: »Canonicus.«

König: »Canonicus? Canonicus? Wie führt der Teufel zum Beamten den Canonicus?«

Fromme: »Ihro Majestät, er ist ein junger Mensch, der Geld hat und gern die Ehre haben will, Beamter von Ihro Majestät zu sein.«

König: »Warum ist aber der alte nicht geblieben?«

Fromme: »Ist gestorben.«

König: »So hätte doch die Witwe das Amt behalten können.«

Fromme: »Ist in Armut geraten!«

König: »Durch Frauenwirtschaft?«

Fromme: »Ihro Majestät verzeihen, sie wirtschaftete gut, allein die vielen Unglücksfälle haben sie zugrunde gerichtet; die können den besten Wirt zurücksetzen. Ich selber habe vor zwei Jahren das Viehsterben gehabt und habe keine Remission erhalten; ich kann auch nicht wieder vorwärtskommen.«

König: »Mein Sohn, heut hab ich Schaden am linken Ohr, ich kann nicht gut hören.«

Fromme: »Das ist schon eben ein Unglück, daß der Geheimde Rat Michaelis den Schaden auch hat!« (Nun blieb ich ein wenig vom Wagen zurück: ich glaubte, Ihro Majestät würden die Antwort ungnädig nehmen.)

König: »Na! Amtmann, vorwärts! Bleibt beim Wagen, aber nehmt Euch in acht, daß Ihr nicht unglücklich seid. Sprecht nur laut, ich verstehe recht gut.« (Diese mit kursiven Lettern gedruckten Worte wiederholten Ihro Majestät wenigstens zehnmal auf der Reise.) »Sagt mir mal: wie heißt das Dorf da? rechts.«

Fromme: »Langen.«

König: »Wem gehört's?«

Fromme: »Ein Drittel Ihro Majestät, unter dem Amte Alten-Ruppin; ein Drittel dem Herrn von Hagen; und dann hat der Dom zu Berlin auch Untertanen darin.«

König: »Ihr irrt Euch, der Dom zu Magdeburg!«

Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin.«

König,: »Es ist aber nicht wahr, der Dom zu Berlin hat keine Untertanen.«

Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden, der Dom zu Berlin hat in meinem Amtsdorfe Karwesee drei Untertanen.«

König: »Ihr irrt Euch, das ist der Dom zu Magdeburg.«

Fromme: »Ihro Majestät, ich müßte ein schlechter Beamter sein, wenn ich nicht wüßte, was in meinen Amtsdörfern für Obrigkeiten sind.«

König: »Ja, dann habt Ihr recht! Sagt mir einmal: hier rechts muß ein Gut liegen, ich kann mich nicht auf den Namen besinnen; nennt mir die Güter, die hier rechts liegen.«

Fromme: »Buskow, Radensleben, Sommerfeld, Beetz, Karwe.«

König: »Recht! Karwe. Wem gehört das Gut?«

Fromme: »Dem Herrn von Knesebeck.«

König: »Ist er in Diensten gewesen?«

Fromme: »Ja! Lieutenant oder Fähnrich unter der Garde.«

König: »Unter der Garde?« (An den Fingern zählend.) »Ihr habt recht, er ist Lieutenant unter der Garde gewesen! Das freut mich sehr, daß das Gut noch in Knesebeckschen Händen ist. – Na! sagt mir einmal: der Weg, so hier den Berg hinaufgeht, geht nach Ruppin, und hier links ist die große Straße nach Hamburg?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät!«

König: »Wißt Ihr, wie lang es ist, daß ich nicht bin hier gewesen?«

Fromme: »Nein!«

König: »Das sind dreiundvierzig Jahr! Kann ich Ruppin liegen sehen?«

Fromme: »ja, Ihro Majestät, der Turm, so hier rechts über die Tannen herübersieht, ist Ruppin!«

König (mit dem Glase aus dem Wagen lehnend): »Ja, ja, das ist er, ich kenn ihn noch. – Kann ich Tramnitz liegen sehen?«

Fromme: »Nein, Ihro Majestät, Tramnitz liegt zu weit links, dicht an Kyritz.«

König: »Werden wir's nicht sehen, wenn wir besser hinkommen?«

Fromme: »Es könnte sein, bei Neustadt, aber ich zweifle.«

König: »Das ist schade! Kann ich Bechlin liegen sehn?«

Fromme: »Jetzt nicht, Ihro Majestät; es liegt zu sehr im Grunde. Wer weiß, ob es Ihro Majestät gar werden sehen können?«

König: »Na! gebt Achtung, und wenn Ihr's seht, so sagt's! – Wo ist der Beamte von Alten-Ruppin?«

Fromme: »In Protzen beim Vorspann wird er sein!«

König: »Können wir noch nicht Bechlin Bechlin liegt nur eine Viertelmeile von Ruppin und war oft der Schauplatz der ausgelassenen Späße, die zur »kronprinzlichen Zeit« beim Regiment im Schwange waren. – Ein noch bevorzugterer Ort war das unmittelbar vorher genannte Tramnitz (vergleiche weiterhin das). liegen sehn?«

Fromme: »Nein!«

König.: »Wem gehört's itzo?«

Fromme: »Einem gewissen Schönermark.«

König: »Ist er von Adel?«

Fromme: »Nein!«

König: »Wer hat's vor ihm gehabt?«

Fromme: »Der Feldjäger Ahrens; der hat's von seinem Vater ererbt. Das Gut ist immer in bürgerlicher Familie gewesen.«

König: »Das weiß ich! Wie heißt das Dorf hier vor uns?«

Fromme: »Walchow.«

König: »Wem gehört's?«

Fromme: »Ihnen, Ihro Majestät, unter dem Amte Alten-Ruppin.«

König: »Wie heißt das Dorf hier vor uns?«

Fromme: »Protzen.«

König: »Wem gehört's?«

Fromme: »Dem Herrn von Kleist.«

König: »Was ist das für ein Kleist?«

Fromme: »Ein Sohn vom General Kleist.«

König: »Von welchem General Kleist?«

Fromme: »Der Bruder von ihm ist Flügeladjutant bei Ihro Majestät gewesen und steht itzt zu Magdeburg beim Kalcksteinschen Regiment, als Obristlieutenant.«

König: »Haha! von dem? Die Kleiste kenn ich recht gut. Ist dieser Kleist auch in Diensten gewesen?«

Fromme: »ja, Ihro Majestät; er ist Fähnrich gewesen unter dem Prinz Ferdinandschen Regiment.«

König: » Warum hat der Mann seinen Abschied genommen?«

Fromme: » Das weiß ich nicht!«

König: »Ihr könnt's mir sagen; ich suche nichts darunter. Warum hat der Mann seinen Abschied genommen?«

Fromme: »Ihro Majestät, ich kann's wirklich nicht sagen.«

Nun waren wir an Protzen heran. Ich wurde gewahr, daß der alte General von Zieten in Protzen vor dem Edelhofe stand. Ich ritt an den Wagen heran und sagte: »Ihro Majestät, der Herr General von Zieten sind auch hier.«

König: »Wo? wo? O reitet vor und sagt's den Leuten, sie sollen stillhalten; ich will aussteigen.«

Nun stiegen Ihro Majestät hier aus und freuten sich außerordentlich über die Anwesenheit des Herrn Generals von Zieten, sprachen mit ihm und dem Herrn von Kleist über mancherlei Sachen, ob ihm die Abgrabung des Luchs geholfen, ob er die Viehseuche gehabt, und empfahl das Steinsalz gegen die Viehseuche. Mit einemmal gingen Ihro Majestät beiseite, kamen wieder und riefen: »Amtmann!« (Dicht am Ohr:) »Wer ist der dicke Mann da mit dem weißen Rock?« (Ich ebenfalls dicht am Ohr:) »Ihro Majestät, es ist der Landrat von Quast auf Radensleben vom ruppinischen Kreise.«

König: »Schon gut!«

Nun gingen Ihro Majestät wieder zum General von Zieten und Herrn von Kleist und sprachen von verschiedenen Sachen. Herr von Kleist präsentierte Seiner Majestät sehr schöne Früchte. Sie bedankten sich; mit einemmal drehten Sie sich um und sagten: »Serviteur, Herr Landrat!« Als nun selbiger auf Ihro Majestät zugehen wollte, sagten Ihro Majestät: »Bleib Er nur da, ich kenn Ihn, Er ist der Landrat von Quast!«

Nun war angespannt. Ihro Majestät nahmen recht zärtlichen Abschied von dem alten General von Zieten, empfahlen sich den übrigen und fuhren fort. Ob nun wohl Ihro Majestät in Protzen die Früchte nicht annahmen, so nahmen doch Dieselben, sowie wir aus Protzen waren, ein Butterbrot für sich und für den Herrn General Grafen von Görtz aus der Wagentasche und aßen während des Fahrens immer Pfirsich. Beim Wegfahren glaubten Ihro Majestät, ich würde zurückbleiben, und riefen aus dem Wagen: »Amtmann, kommt mit!«

König: »Wo ist der Beamte von Alten-Ruppin?«

Fromme: »Er wird vermutlich krank sein, sonst wär er in Protzen beim Vorspann gewesen.«

König: »Na! sagt mir einmal: wißt Ihr wirklich nicht, warum der Kleist zu Protzen seinen Abschied genommen?«

Fromme: »Nein, Ihro Majestät, ich weiß es wahrhaftig nicht.«

König: »Wie heißt das Dorf hier vor uns?«

Fromme: »Manker.«

König: »Wem gehört's?«

Fromme: »Ihnen, Ihro Majestät, unter dem Amt Alten-Ruppin.«

König: »Hört einmal, wie seid Ihr mit der Ernte zufrieden?«

Fromme: »Sehr gut, Ihro Majestät!«

König: »Sehr gut? Und mir haben sie gesagt, sehr schlecht!«

Fromme: »Ihro Majestät, das Wintergetreide ist etwas erfroren; aber das Sommergetreide steht dafür so schön, daß es den Schaden beim Wintergetreide reichlich ersetzt.«

(Nun sahen Ihro Majestät auf den Feldern Mandel an Mandel.)

König: »Es ist eine gute Ernte, Ihr habt recht; es steht ja Mandel bei Mandel hier!«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät; und hier setzen die Leute noch dazu Stiege.«

König: »Was ist das, Stiege?«

Fromme: »Das sind zwanzig Garben zusammengesetzt!«

König: »Oh, es ist unstreitig eine gute Ernte. – Aber sagt mir doch, warum hat der Kleist aus Protzen seinen Abschied genommen?«

Fromme: »Ihro Majestät, ich weiß es nicht! Mir deucht er hat vom Vater müssen die Güter annehmen. Eine andre Ursach weiß ich nicht.«

König: »Wie heißt das Dorf hier vor uns?«

Fromme: »Garz.«

König: »Wem gehört's?«

Fromme: »Dem Kriegsrat von Quast.«

König: »Wem gehört's?«

Fromme: »Dem Kriegsrat von Quast.«

König: »Ei was! Ich will von keinem Kriegsrat was wissen! Wem gehört das Gut?«

Fromme: »Dem Herrn von Quast.«

König: »Na! das ist recht geantwortet!«

Nun kamen Ihro Majestät in Garz an! Die Umspannung besorgte Herr von Lüderitz aus Nackel, als erster Deputierter des ruppinschen Kreises. Dieser hatte einen Hut auf mit einer weißen Feder! Als nun die Anspannung geschehen war, ging die Reise gleich fort.

König: »Wem gehört das Gut hier links?«

Fromme: »Dem Herrn von Lüderitz; es heißt Nackel.«

König: »Was ist das für ein Lüderitz?«

Fromme: »Ihro Majestät, der in Garz beim Vorspann war.«

König: »Haha! der Herr mit der weißen Feder. – Säet Ihr auch Weizen?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät.«

König: »Wieviel habt Ihr ausgesäet?«

Fromme: »Drei Wispel, zwölf Scheffel.«

König: »Wieviel hat Euer Vorfahr ausgesäet?«

Fromme: »Vier Scheffel.«

König: »Wie geht das zu, daß Ihr soviel mehr säet als Euer Vorfahr?«

Fromme: »Wie ich schon die Gnade gehabt, Ihro Majestät zu sagen, daß ich siebenzig Stück Kühe mehr halte als mein Vorfahr, mithin meinen Acker besser instand setzen und Weizen säen kann!«

König: »Aber warum bauet Ihr keinen Hanf?«

Fromme: »Er gerät hier nicht. In kaltem Klima gerät er besser. Unsere Seiler können den russischen Hanf in Lübeck wohlfeiler kaufen, und besser, als ich ihn bauen kann.«

König: »Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr sonst Hanf hinsäet?«

Fromme: »Weizen!«

König: »Warum bauet Ihr aber kein Färbekraut, keinen Krapp?«

Fromme: »Er will nicht fort; der Boden ist nicht gut genug.«

König: »Das sagt Ihr nur so; Ihr hättet sollen die Probe machen.«

Fromme: »Das hab ich getan; allein, sie ist mir fehlgeschlagen, und als Beamter kann ich viel Proben nicht machen; denn wenn sie fehlschlagen, muß doch die Pacht bezahlt sein.«

König: »Was säet Ihr denn dahin, wo Ihr würdet Färbekraut hinbringen?«

Fromme: »Weizen!«

König: »Na! so bleibt beim Weizen! Eure Untertanen müssen recht gut im Stande sein?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät! Ich kann aus dem Hypothekenbuche beweisen, daß sie an funfzigtausend Taler Kapital haben.«

König: »Das ist gut!«

Fromme: »Vor drei Jahren starb ein Bauer, der hatte eilftausend Taler in der Bank.«

König: »Wieviel?«

Fromme: »Eilftausend Taler.«

König: »So müßt Ihr sie auch immer erhalten!«

Fromme: »Ja! es ist recht gut, Ihro Majestät, daß der Untertan Geld hat; aber er wird auch übermütig, wie die hiesigen Untertanen, welche mich schon siebenmal bei Ihro Majestät verklagt haben, um vom Hofedienst frei zu sein.«

König: »Sie werden auch wohl Ursach dazu gehabt haben.«

Fromme: »Sie werden gnädigst verzeihen: es ist eine Untersuchung gewesen und ist befunden, daß ich die Untertanen nicht gedrückt, sondern immer recht gehabt und sie nur zu ihrer Schuldigkeit angehalten habe! Dennoch bleibt die Sache, wie sie ist: die Bauern werden nicht bestraft; Ihro Majestät geben den Untertanen immer recht, und der arme Beamte muß unrecht haben!«

König: »Ja! daß Ihr recht bekommt, mein Sohn, das glaub ich wohl: Ihr werdet Euerm Departementsrat brav viel Butter, Kapaunen und Puters schicken.«

Fromme: »Nein, Ihro Majestät, das kann man nicht; das Getreide gilt nichts. Wenn man für andre Sachen nicht einen Groschen Geld einnähme, wovon sollte man die Pacht bezahlen?«

König: »Wohin verkauft Ihr Eure Butter, Kapaunen und Puters?«

Fromme: »Nach Berlin.«

König: »Warum nicht nach Ruppin?«

Fromme: »Die mehrsten Bürger halten Kühe, soviel, als sie zu ihrem Aufwand brauchen! Der Soldat ißt alte Butter; der kann die frische nicht bezahlen!«

König: »Was bekommt Ihr für die Butter in Berlin?«

Fromme: »Vier Groschen für das Pfund. Der ruppinische Soldat aber kauft die alte Butter für zwei das Pfund.«

König: »Aber Eure Kapaunen und Puter könnt Ihr doch nach Ruppin bringen?«

Fromme: »Beim ganzen Regiment sind nur vier Stabsoffiziere, die gebrauchen nicht viel; und die Bürger leben nicht delikat; die danken Gott, wenn sie Schweinefleisch haben.«

König: »Ja, da habt Ihr recht! Die Berliner essen gern was Delikates. – Na! macht mit den Untertanen, was Ihr wollt; nur drückt sie nicht!«

Fromme: »Ihro Majestät, das wird mir nicht einfallen und keinem rechtschaffnen Beamten.«

König: »Sagt mir einmal: wo liegt hier Stölln?«

Fromme: »Stölln können Ihro Majestät nicht sehen. Die großen Berge dort links sind die Berge bei Stölln, auf welchen Ihro Majestät alle Kolonien übersehen können!«

König: »So? das ist gut! Dann reitet mit bis dahin.«

Nun kamen Ihro Majestät an eine Menge Bauern, die Roggen mäheten, zwei Glieder machten, die Sensen strichen und Ihro Majestät so durchfahren ließen!

König: »Was Teufel wollen die Leute? Die wollen wohl gar Geld von mir haben?«

Fromme: »O nein, Ihro Majestät! Sie sind voll Freuden, daß Sie so gnädig sind und die hiesige Gegend bereisen.«

König: »Ich werd ihnen auch nichts geben! Wie heißt das Dorf hier vorn?«

Fromme: »Barsikow.«

König: »Wem gehört's?«

Fromme: »Dem Herrn von Mütschefall.«

König: »Was ist das für ein Mütschefall?«

Fromme: »Er ist Major gewesen unter dem Regiment, das Ihro Majestät als Kronprinz gehabt haben.«

König: »Mein Gott! lebt er noch?«

Fromme: »Nein; er ist tot, die Tochter hat das Gut.«

Nun kamen wir ins Dorf Barsikow, wo der Edelhof eingefallen ist.

König: »Hört! Ist das der Edelhof?«

Fromme: »Ja!«

König: »Das sieht ja elend aus! – Hört einmal: den Leuten geht's hier wohl nicht gut?«

Fromme: »Recht schlecht, Ihro Majestät! Es ist die größte Armut.«

König: »Das ist mir leid! – Sagt mir doch: es wohnte hier vor diesem ein Landrat. Er hatte viel Kinder; könnt Ihr Euch nicht auf ihn besinnen?«

Fromme: »Es wird der Landrat von Jürgaß zu Ganzer gewesen sein.«

König: »Ja, ja! der ist's gewesen. Ist er schon tot?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät. Er ist 1771 gestorben, und es war was Besondres damit: in vierzehn Tagen starb er, seine Frau, die Fräulein und vier Söhne. Die andern vier Söhne mußten dieselbe Krankheit ausstehen, die wie ein hitzig Fieber war, und obwohl die Söhne, weil sie in Diensten waren, in verschiedenen Garnisonen standen und kein Bruder zum andern kam, so bekamen sie alle viere doch dieselbe Krankheit und kamen nur so eben mit dem Leben davon.«

König: »Das ist ein verzweifelter Umstand gewesen! Wo sind die noch lebenden vier Söhne?«

Fromme: »Einer unter Zieten-Husaren, einer unter den Gensdarmes! Einer ist unter dem Prinz Ferdinandschen Regiment gewesen und wohnt auf dem Gute Dessow. Der vierte ist der Schwiegersohn vom Herrn General von Zieten. Er war Lieutenant beim Zietenschen Regiment; Ihro Majestät haben ihm aber in diesem letzten Kriege, wegen seiner Kränklichkeit, den Abschied gegeben; nun wohnt er in Ganzer.«

König: »So?... Macht Ihr sonst noch Proben mit ausländischem Getreide?«

Fromme: »O ja! Dieses Jahr habe ich spanische Gerste gesäet. Allein sie will nicht recht einschlagen; ich gehe wieder ab. Aber den holsteinischen Staudenroggen find ich gut!«

König: »Was ist das für Roggen?«

Fromme: »Er wächst im Holsteinischen in der Niederung. Unterm zehnten Korn hab ich ihn noch nie gehabt!«

König: »Nu, nu! nicht gleich das zehnte Korn!«

Fromme: »Das ist nicht viel! Belieben Ihro Majestät, den Herrn General von Görtz zu fragen, die werden Ihnen sagen, daß dies im Holsteinischen nicht viel ist.«

Nun sprachen sie in dem Wagen eine Weile von dem Roggen. Mit einem Male riefen Ihro Majestät aus dem Wagen: »Na! so bleibt bei dem holsteinischen Staudenroggen und gebt den Untertanen auch welchen.«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät!«

König: »Aber macht mir einmal eine Idee: Wie hat das Luch ausgesehen, ehe es abgegraben war?«

Fromme: »Es waren lauter hohe Hüllen, dazwischen setzte sich das Wasser. Bei den trockensten Jahren konnten wir das Heu nicht herausfahren, sondern wir mußten's in großen Mieten setzen. Im Winter nur, wenn's scharf gefroren hatte, konnten wir's herausfahren. Nun aber haben wir die Hüllen herausgehauen, und die Gräben, die Ihro Majestät machen lassen, ziehen das Wasser ab. Nun ist das Luch so trocken, wie Ihro Majestät sehen, und wir können unser Heu herausfahren, wann wir wollen.«

König: »Das ist gut! Halten Eure Untertanen auch mehr Vieh wie sonst?«

Fromme: »Ja!«

König: »Wieviel wohl mehr?«

Fromme: »Mancher eine Kuh, mancher zwo, nachdem es sein Vermögen verstattet.«

König: »Aber wieviel halten sie wohl sämtlich mehr? Ohngefähr nur!«

Fromme: »Bis einhundertundzwanzig Stück!«

Nun mußten Ihro Majestät wohl den Herrn General von Görtz gefragt haben, woher ich ihn kennte, weil ich wegen des holsteinischen Roggens zu Ihro Majestät sagte: Sie möchten nur den General nach dem Roggen fragen; und hat der Herr General vermutlich, der Wahrheit gemäß, geantwortet: »daß er mich im Holsteinischen kennengelernt und daß ich daselbst Pferde gekauft hätte, auch in Potsdam mit Pferden gewesen wäre«. Mit einemmal sagten Ihro Majestät:

» Hört! Ich weiß, Ihr seid ein Liebhaber von Pferden. Geht aber ab davon und zieht Euch Kühe dafür; Ihr werdet Eure Rechnung besser dabei finden.«

Fromme: »Ihro Majestät ich handle nicht mehr mit Pferden. Ich ziehe mir nur etliche Füllen alle Jahr.«

König,: »Zieht Euch Kälber dafür, das ist besser!«

Fromme: »Oh, Ihro Majestät, wenn man sich Mühe gibt, ist kein Schade bei der Pferdezucht. Ich kenne jemand, welcher vor zwei Jahren tausend Taler für einen Hengst von seinem Zuwachs bekam.«

König: »Der ist ein Narr gewesen, der sie gegeben hat!«

Fromme: »Ihro Majestät, es war ein mecklenburgischer Edelmann.«

König: »Er ist aber doch ein Narr gewesen.«

Nun kamen wir auf das Territorium des Amts Neustadt, wo der Amtsrat Klausius, der das Amt in Pacht hat, auf der Grenze hielt und Ihro Majestät vorbeireisen ließ. Weil mir aber das Sprechen schon sehr sauer wurde, Ihro Majestät immer nach den Dörfern fragte, so hier in Menge sind, und ich immer den Gutsbesitzer mit nennen und sagen mußte, welche von ihnen Söhne im königlichen Dienst hätten, so holt ich den Herrn Amtsrat Klausius an den Wagen heran und sagte: »Ihro Majestät, das ist der Amtsrat Klausius vom Amt Neustadt, unter dessen Jurisdiktion die Kolonien stehen.«

König: »So, so! das ist mir lieb! Laßt ihn herkommen! »Von hier an«, so bemerkt Fromme, »sprach der König meist mit dem Amtsrat Klausius, und ich (Fromme) schreibe nur, was ich selbst noch so nebenbei gehört habe.« – Wie heißt Ihr?«

Amtsrat: »Klausius!«

König: »Klau-si-us. Na, habt Ihr viel Vieh hier auf den Kolonien?«

Amtsrat: »Achtzehnhundertsiebenundachtzig Stück Kühe, Ihro Majestät! Es würden weit über dreitausend sein, wenn nicht die Viehseuche gewesen wäre.«

König: »Vermehren sich auch die Menschen gut? Gibt's brav Kinder?«

Amtsrat: »O ja, Ihro Majestät; es sind itzt funfzehnhundertsechsundsiebenzig Seelen auf den Kolonien!«

König: »Seid Ihr auch verheiratet?«

Amtsrat: »Ja, Ihro Majestät!«

König: »Habt Ihr auch Kinder?«

Amtsrat: »Stiefkinder, Ihro Majestät!«

König: »Warum nicht eigene?«

Amtsrat: »Das weiß ich nicht, Ihro Majestät, wie das zugeht.«

König (zu mir): »Hört: ist die mecklenburgische Grenze noch weit von hier?«

Fromme: »Nur eine kleine Meile. Es sind aber nur etliche Dörfer, die mitten im Brandenburgischen liegen. Sie heißen Netzeband und Rossow.«

König: »Ja, ja! sie sind mir bekannt. Das hätt ich aber doch nicht geglaubt, daß wir so nah am Mecklenburgischen wären.« (Zum Herrn Amtsrat Klausius:) »Wo seid Ihr geboren?«

Amtsrat: »Zu Neustadt an der Dosse.«

König: »Was ist Euer Vater gewesen?«

Amtsrat: »Prediger.«

König: »Sind's gute Leute, die Kolonisten? Die erste Generation pflegt nicht viel zu taugen!«

Amtsrat: »Es geht noch an.«

König: »Wirtschaften sie gut?«

Amtsrat: »O ja, Ihro Majestät! Ihro Exzellenz, der Minister von Derschau, haben mir auch eine Kolonie von fünfundsiebenzig Morgen gegeben, um den andern Kolonisten mit gutem Exempel vorzugehen.«

König (lächelnd): »Haha! mit gutem Exempel! Aber sagt mir: ich sehe ja hier kein Holz; wo holen die Kolonisten ihr Holz her?«

Amtsrat: »Aus dem Ruppinischen.«

König: »Wie weit ist das?«

Amtsrat: »Drei Meilen.«

König: »Das ist doch sehr weit! Da hätte müssen gesorgt werden, daß sie's näher hätten!« (Zu mir:) »Was ist das für ein Mensch, der da rechts?«

Fromme: »Der Bauinspektor Menzelius, der hier die Bauten in Aufsicht gehabt hat.«

König: »Bin ich denn hier in Rom? Es sind ja lauter lateinische Namen! Warum ist das hier so hoch eingezäunt?«

Fromme: »Es ist das Maultiergestüte.«

König: »Wie heißt die Kolonie?«

Fromme: »Klausiushof.«

Amtsrat: »Ihro Majestät sie kann auch Klaushof heißen.«

König: »Sie heißt Klau-si-ushof. Wie heißt da die andere Kolonie?«

Fromme: »Brenkenhof.«

König: »So heißt sie nicht.«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät; ich weiß es nicht anders!«

König: »Sie heißt Bren-ken-ho-fi-ushof! – Sind das die Stöllnschen Berge, die da vor uns liegen?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät!«

König: »Muß ich durchs Dorf fahren?«

Fromme: »Es ist eben nicht nötig; aber der Vorspann steht drin. Wenn Ihro Majestät befehlen, so will ich vorreiten und den Vorspann aus dem Dorf herausnehmen und hinter die Berge legen.«

König : »O ja, das tut! Nehmt Euch einen von meinen Pagen mit.«

Nun besorgte ich den Vorspann, richtete mich aber doch so ein, daß, sobald als Ihro Majestät auf den Bergen waren, ich auch da war. Als Ihro Majestät ausstiegen aus dem Wagen, ließen Sie sich einen Tubum geben und besahen die ganze Gegend und sagten dann: »Das ist wahr, das ist wider meine Erwartung! Das ist schön! Ich muß Euch das sagen, alle, die Ihr daran gearbeitet habt! Ihr seid ehrliche Leute gewesen!« (Zu mir:) »Sagt mir mal: Ist die Elbe weit von hier?«

Fromme: »Ihro Majestät, sie ist zwo Meilen von hier! Da liegt Werben in der Altenmark, dicht an der Elbe.«

König: »Das kann nicht sein! Gebt mir den Tubum noch einmal her. – Ja, ja; es ist doch wahr! Aber was ist das andre für ein Turm?«

Fromme: »Ihro Majestät, es ist Havelberg.«

König: »Na! Kommt alle her!« (Es waren der Amtsrat Klausius, der Bauinspektor Menzelius und ich.) »Hört einmal: der Fleck Bruch, hier links, soll auch noch urbar gemacht werden und, was hier rechts liegt ebenfalls, so weit als der Bruch geht. Was steht für Holz drauf?«

Fromme: »Elsen und Eichen, Ihro Majestät!«

König: »Na! die Elsen können gerodet werden, und die Eichen, die können stehen bleiben; die können die Leute verkaufen oder sonst nutzen! Wenn's urbar ist, dann rechne ich so dreihundert Familien und fünfhundert Stück Kühe; nicht wahr?«

Nun antwortete keiner; zuletzt fing ich an und sagte: »Ja, Ihro Majestät; vielleicht!«

König: »Hört mal, Ihr könnt mir sicher antworten: Es werden mehr oder weniger Familien! Das weiß ich wohl, daß man das so ganz genau sogleich nicht sagen kann. Ich bin nicht da gewesen, kenne das Terrain nicht; sonst versteh ich's so gut wie Ihr, wieviel Familien angesetzt werden können.«

Bauinspektor: »Ihro Majestät, das Luch ist aber noch in großer Gemeinschaft.«

König: »Das schadet nicht! Man muß eine Vertauschung machen oder ein Äquivalent dafür geben, wie sich's tun läßt am besten. Umsonst verlang ich's nicht.« (Zum Amtsrat Klausius:) »Na! hört mal: Ihr könnt's an meine Kammer schreiben, was ich urbar will gemacht haben; das Geld dazu geb ich!« (Zu mir:) »Und Ihr geht nach Berlin und sagt es meinem Geheimen Rat Michaelis mündlich, was ich noch will urbar gemacht haben.«

Nun setzten Ihro Majestät sich in den Wagen und fuhren den Berg hinunter; es wurd umgespannt. Weil nun Ihro Majestät befohlen hatten, daß ich bis an die Stöllnschen Berge Sie begleiten sollte, so ging ich an den Wagen und fragte: »Befehlen Ihro Majestät, daß ich noch weiter mit soll?«

König: »Nein, mein Sohn; reitet in Gottes Namen nach Hause!«

Soweit die Unterredung, die Fromme großenteils direkt mit dem Könige geführt. Er fügt aber seinem Bericht noch einiges hinzu, was er nachträglich über den Verlauf der Reise erfahren hat. Dies lautet in Frommes Aufzeichnungen (an Gleim) wie folgt:

Herr Amtsrat Klausius brachte sodann Ihro Majestät bis nach Rathenow, wo Sie im Posthause logiert haben. In Rathenow sind Ihro Majestät über Tafel ungemein vergnügt gewesen, haben mit dem Herrn Obristlieutenant von Backhoff von den Carabiniers gespeist, und haben der Herr Obristlieutenant von Backhoff selbst erzählt, daß Ihro Majestät gesagt hätten:

»Mein lieber Backhoff! ist Er lange nicht in der Gegend von Fehrbellin gewesen, so reise Er hin! Die Gegend hat sich ungemein verbessert. Ich hab in langer Zeit mit solch einem Vergnügen nicht gereist. Ich nahm die Reise mir vor, weil ich keine Revue hatte, und es hat mir so sehr gefallen, daß ich gewiß wieder künftig solch eine Reise vornehmen werde! – Hör Er mal: Wie ist es Ihm gegangen im letzten Kriege? Vermutlich schlecht! Ihr habt in Sachsen auch nichts ausgerichtet... Ich hätte können was ausrichten; allein ich hätte mehr als die Hälfte meiner Armee aufgeopfert und unschuldig Menschenblut vergossen. Aber dann wär ich wert gewesen, daß man mich vor die Fähndelwache gelegt und mir einen öffentlichen Produkt gegeben hätte. Die Kriege werden fürchterlich zu führen.«

Nachher haben Ihro Majestät gesagt:

»Von der Schlacht bei Fehrbellin bin ich so orientiert, als wenn ich selbst dabeigewesen wäre! Als ich noch Kronprinz war und in Ruppin stand, da war ein alter Bürger – der Mann war schon sehr alt! –, der wußte die ganze Bataille zu beschreiben und kannte den Walplatz sehr gut! Einmal setzt ich mich in den Wagen, nahm meinen alten Bürger mit, welcher dann mir alles zeigte, so genau, daß ich sehr zufrieden war mit ihm. Als ich nun wieder nach Hause reiste, dacht ich, du mußt doch deinen Spaß mit dem Alten haben! Da fragte ich ihn: ›Vater, wißt Ihr denn nicht, warum die beiden Herren sich miteinander gestritten haben?‹ – ›O jo, Ihro Königliche Hoheiten, dat will ick Se wohl seggen. As unse Chorförst is jung west, hat he in Utrecht studeert, und doa is de König von Schweden as Prinz ok west. Doa hebben nu de beede Herrn sich vertörnt un hebben sich bi de Hoar kricht. Un dat is nu de Pike davon!‹«

Ihro Majestät haben wirklich so plattdeutsch gesprochen.

Weiter kann ich von der Reise keine Beschreibung machen. Denn Ihro Majestät haben zwar noch viel gesagt und gefragt, es würd aber wohl schwer sein, es alles zu Papier zu bringen.

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