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Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Teil: Havelland

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Teil: Havelland - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
booktitleWanderungen durch die Mark Brandenburg
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5291-X
titleWanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Teil: Havelland
created19990616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1880
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Wer war er?

Ein Kapitel in Briefen aus aller Welt Enden

In dem vorstehenden Bornstedt-Kapitel ist auf Seite 255 des verstorbenen Professor Samuel Rösels Erwähnung geschehen und an die Nennung seines Namens die Frage geknüpft worden: Wer war er?

Diese Frage, sowenig passend sie sein mochte, namentlich um des Tones willen, in dem ich sie stellte, hat wenigstens das eine Gute gehabt, mir eine Fülle von Zuschriften einzutragen, aus denen ich nunmehr imstande bin ein Lebensbild Rösels zusammenzustellen.

Den Reigen dieser Zuschriften eröffnete ein »Hinterwäldler«, wie er sich selber am Schlusse seines, den Poststempel Saint Louis (am Mississippi) tragenden Briefes nennt. Es heißt darin wörtlich:

»Oh, mein lieber Herr F., röten sich nicht Ihre Wangen über solche Unwissenheit? Professor Rösel war ein hervorragender Mann der Berliner Akademie, eine wohlbekannte, sehr beliebte Persönlichkeit, Anfang der dreißiger Jahre in den Familien Schadow, Spener, Link gern gesehen, wo er durch Satire, Komik und ausgezeichnete Geselligkeit alles zu erheitern wußte. Und nun fragen Sie: Wer war er? Sie haben sich durch diese Frage eine arge Blöße gegeben, und wenn ich Sie nicht um Ihrer im letzten Kriege bewiesenen Vaterlandsliebe willen schätzte, so würden Sie sich eine öffentliche Rüge zugezogen haben. Nehmen Sie das nicht übel Ihrem Sie hochschätzenden

Hinterwäldler

 

Ich nahm diesen Brief anfänglich leicht und glaubte mich mit meinem »Wer war er?« immer noch in gutem Recht. Aber allmählich sollt ich doch meines Irrtums gewahr werden. Der Saint-Louis-Brief kam durch mich selber in die Öffentlichkeit, und ich mußte mich alsbald überzeugen, daß alle Welt auf die Seite Rösels und seines hinterwäldlerischen Advokaten und nicht auf die meinige trat. In der »National-Zeitung« erschien ein kleiner Artikel Adolf Stahrs, dem ich nachstehendes entnehme.

»Der Tadel vom Mississippi her ist doch nicht ganz unberechtigt. F. hätte die Pflicht gehabt, sich besser umzutun und nach einem Manne zu forschen, der noch zu Anfang der vierziger Jahre eine sehr bekannte Berliner Persönlichkeit war. Gottlob Samuel Rösel, Landschaftsmaler und Professor an der Zeichenakademie in Berlin, zählte zu seiner Zeit unter den tüchtigsten Künstlern seines Fachs, und Zelter nennt seine drei im Jahre 1804 ausgestellten Landschaften in dem über die Ausstellung jenes Jahres an Goethe berichtenden Briefe, neben den Landschaften von Hackert, Lütke, Genelli und Weitsch, mit großem Lobe. Der kleine, etwas verwachsene, aber sehr geistreiche und sarkastische Mann war ein intimer Genosse des Zelterschen Kreises, war mit Hegel befreundet und vor allen Dingen ein großer Verehrer Goethes. Es hätte F. nicht unbekannt sein dürfen, daß der größte deutsche Dichter das Andenken des Künstlers Rösel durch zwei seiner anmutigen kleinen Gedichte der Nachwelt zu überliefern für wert gehalten hat. Der Künstler hatte den Großmeister der deutschen Dichtung zu dessen Geburtstage wiederholt mit sinnigen Zeichnungen, unter denen Götz von Berlichingens Burg Jaxthausen, Tassos Geburtshaus in Sorrent und eine Zeichnung des Hofes von Goethes Vaterhause in Frankfurt, beschenkt, und Goethe dankte ihm dafür in mehreren Gedichten, von denen das eine: ›An Professor Rösel‹, mit den Worten beginnt:

Rösels Pinsel, Rösels Kiel
Sollen wir mit Lorbeer kränzen;
Denn er tat von je so viel,
Zeit und Raum uns zu ergänzen.

Näheres über die Beziehungen Rösels zu Goethe findet man an verschiedenen Stellen des Goethe-Zelterschen Briefwechsels sowie in den Anmerkungen, welche Herr Geheimrat von Loeper und Dr. Strehlke ihrer vortrefflichen Ausgabe Goethes an den betreffenden Stellen (Teil III, Seite 169, 170 bis 171) beigegeben haben.«

Und nun war das Eis gebrochen, und Rösel-Briefe kamen von allen Seiten.

»Es wäre leicht gewesen«, schrieb mir ein Unbekannter, »Sich über R. zu informieren, und der Hinterwäldler hat es mit seinem Vorwurf doch eigentlich getroffen. Rösel war geistreich, witzig, spöttisch, von gediegenem Wissen und vor allem ein kreuzbraver Mann.

Friedrich Wilhelm IV., welcher ihn lange gekannt und geliebt hatte, nahm den alten, alleinstehenden und schließlich etwas geistesschwach gewordenen Mann nach Charlottenhof hinüber und ließ ihn daselbst mehrere Jahre lang in der Familie des Hofgärtners oder des Kastellans verpflegen. Dies gereicht dem Könige um so mehr zur Ehre, als Rösel, ein echter Sohn der Aufklärungszeit, seine Ansichten, ja, seine Spöttereien niemals verhohlen hatte.«

Diese Zeilen werden durch eine Stelle bei Varnhagen, Tagebücher II, Seite 75, bestätigt. Es heißt daselbst: »Sonnabend, den 4. Juni 1842. Der Maler Rösel ist sehr krank. Der König hat ihn nach Charlottenhof eingeladen, die Königin selbst wollte ihn pflegen – zu spät kommt dem armen Manne so viel Huld!« Soweit Varnhagen. Irrtümlich an dieser Notiz ist wohl nur das leis anklagende »zu spät«. Es scheint Rösel zu keiner Zeit an »Huld« und herzlichsten Freundschaftsbeweisen gefehlt zu haben. Einem Sterbenden war nur eben schwer zu helfen.

Beinah gleichzeitig mit den vorstehenden Zeilen empfing ich die folgenden.

»Sie werden Ad. Stahrs kleinen Artikel in der ›National-Zeitung‹ gelesen haben. Auch ich entsinne mich Rösels sehr wohl. Er war ein Meister in der Sepiamalerei und hat eine Anzahl seiner Blätter publiziert. Alte Berliner Familien, ich nenne nur Deckers, bewahren manches davon als Andenken, und Rauchs Tochter, Broses, Brendels, Marianne Mendelssohn und die Solmar müssen von ihm zu erzählen wissen. Er war sehr gefürchtet, weil er einen scharfen Witz hatte. Seine Herzensgüte glich es aber wieder aus. Mal wurde für ein armes Künstlerhaus eine Lotterie veranstaltet. Auch Rösel hatte beigesteuert und erschien endlich zur Ziehung: klein, krumm und in schwarzem Frack. Er sah dabei aus, als ob er nie etwas andres trage als einen schwarzen Frack. Ich seh den kleinen Mann noch durch die Stube schreiten. Stahr spricht von einem Blatte ›Goethes Hof‹. Das trifft nicht völlig zu. Was Rösel gezeichnet hat, ist der Brunnen auf Goethes Hof in Frankfurt. Ihr

W. Hertz«

 

Und noch ein Brief. Er lautete:

 

»Wiesbaden, 4. März 1873

... Sie fragen in Ihrem Buche: ›Wer war Rösel?‹ Diese Frage war mir wieder einmal ein rechter Beweis für die Vergänglichkeit alles Irdischen. Denn zu meiner Zeit war Rösel eine bei alt und jung, bei hoch und niedrig bekannte und beliebte Persönlichkeit. Ohne mich auf seinen Lebensgang und seine Leistungen hier einzulassen, will ich Ihnen doch wenigstens einige Notizen mitteilen. R. war Professor an der Kunstakademie und gab auch in Privatkreisen Unterricht im Landschaftzeichnen mit der Feder. Er hatte darin eine ganz eigene kräftige Manier, wie ich sie nie wieder gesehen habe. Die höchsten Herrschaften, die vornehmsten Familien nannten ihn ihren Lehrer, und alle liebten ihn, seiner Heiterkeit, seines Witzes und seiner unermüdlichen Gefälligkeit wegen.

Es gab kein Familienfest, kein Liebhabertheater, keine lebenden Bilder, bei denen er nicht Ratgeber und Helfer war. Es kam ihm gar nicht darauf an, Coulissen zu malen und Gelegenheitsgedichte zu machen. Ich selbst habe manchmal seine Güte in Anspruch genommen. Seine ganze Erscheinung hatte etwas Drolliges, Gnomenhaftes. Er war klein und verwachsen, der Kopf aber groß, mit dunklen, ins Graue spielenden langen Locken. Sein sehr markiertes Profil hatte etwas Orientalisches. Sie werden ihn leicht auf dem bekannten Krügerschen Huldigungsbilde in der Künstlergruppe auf der Estrade rechts erkennen. Wenn ich nicht irre, sind Zeichnungen von ihm im Kupferstichcabinet, doch bin ich dessen nicht gewiß. Er hat lange Jahre in der Friedrichsstraße gewohnt, Ecke der Mohrenstraße, unendlich einfach eingerichtet, ein echter Künstler-Junggeselle.

von Roeder Generallieutenant von Roeder kommandierte im dänischen Kriege 1864 die »Düppel-Brigade«, Regimenter 24 und 64, und war unter den ersten, die auf Alsen landeten. Auf dem bekannten Bleibtreuschen Bilde »Übergang nach Alsen« (Nationalgalerie) steht er, ein großer schöner Mann, in einem der vordersten Boote. Während meines Militärjahres war er Offizier in der Compagnie des Kaiser-Franz-Regiments, in dem ich diente, und bewahrte mir seitdem sein Wohlwollen. ,
Generallieutenant z. D.«

 

Das waren die Zuschriften, die ich ohne mein Zutun erhielt. Um andre bemühte ich mich, indem ich bei Personen anfragte, von deren früheren Beziehungen zu Rösel ich inzwischen erfahren hatte. Einen aus der Reihe dieser Briefe, der das reichste Material gibt, lasse ich in nachstehendem folgen.

 

»Rom, 21. Januar 1880
Piazza Campitelli, Palazzo Capizucchi

Ihren lieben Brief mit der Rösel-Anfrage habe ich gestern erhalten, und ich beeile mich, Ihnen darauf zu antworten.

Rösel wurde um 1770 in Breslau geboren. Und zwar am 9. Oktober. Sonderbarerweise bin ich über das Jahr unsicher, desto sicherer aber über den Tag. Ich weiß nämlich, daß es der Tag vor meines Vaters Geburtstag war. Er malte Landschaften, aber nicht in Öl, sondern in Sepia, hatte eine besondere Vortrags- und Behandlungsart, die er ›knackern‹ nannte. Was es bedeuten sollte, weiß ich nicht. Er war eine der bekanntesten Persönlichkeiten, und es gab kaum einen Abend im Jahr, an dem er nicht in Gesellschaft gewesen wäre. In besonders freundlichen Beziehungen stand er zur Familie Mendelssohn. Er hatte die Eigentümlichkeit, sich überall anzusagen, gewöhnlich zu einem Karpfenkopf. Bei meinem Großvater Feilner war er, dreißig Jahre lang, jeden Dienstag zur Whistpartie, sehr heftig beim Spiel und der jedesmalige Schrecken seines Partners. Ich sehe noch das große rote Kissen, mit dem darauf gestickten Röselchen, das ihm auf den Stuhl gelegt wurde. Denn Sie wissen, daß er sehr klein und bucklig war. Zu jedem Geburtstage meines Großvaters erschien er mit einem paar pompejanischen Scherben und obligatem Gedicht, das dann bei Tische vorgelesen wurde. Seine Handschrift war sehr charakteristisch, und jeden von ihm geschriebenen Brief bezog er am Rande mit einem rotgetuschten Strich. Seine Korrespondenz war die umfangreichste von der Welt, und ein paar alte Weiber dienten ihm dabei als Briefboten. Sie hatten verschiedene Namen. Eine nannte er ›Iris‹, doch waren die Namen, die wir ihnen beilegten, minder poetischen Klanges. Sie waren alle sehr häßlich und wahre Unholde. Seine Beziehungen zu Goethe sind bekannt. Er war auch Freimaurer. Ich habe ihn nie anders gesehen als in schwarzem Frack und weißer Krawatte. Seine letzten Jahre waren nicht die glücklichsten. Er wurde immer bärbeißiger, seine äußerliche Lage verschlechterte sich, und er hielt sich zuletzt zur Flasche, sogar zur Likörflasche. ›Iris‹ und ihre Kameradinnen bekamen ihn ganz in ihre Gewalt. Um ihn daraus zu befreien, wurd ihm, seitens seiner näheren Bekannten, ein Diener gehalten. Aber die Sache wurde hierdurch nicht gebessert. Im Gegenteil. Als er bald darauf, durch die Gnade Friedrich Wilhelms IV., eine Pension und eine Wohnung in Bornstedt empfing, begleitete ihn der Diener, der nun bald ›um die Wette mit ihm die Fahne hochhielt‹. Soll ihn auch schlecht behandelt haben. Endlich starb er, einsam und vergessen, und so schloß in Freudlosigkeit ein Dasein, das, durch ein halbes Jahrhundert hin, immer nur bemüht gewesen war, Gutes zu tun und Freude zu schaffen. Ihr

H. W.«

 

Soviel von Briefen.

 

Ich ließ es aber bei brieflichen Anfragen nicht bewenden und bemühte mich, auch in Familien Zutritt zu gewinnen, in denen Rösel seinerzeit verkehrt hatte. Dort hoffte ich nicht nur von ihm zu hören, sondern auch das eine oder das andere von ihm zu sehen. Ein glücklicher Zufall führte mich, gleich zuerst, in das Haus der seitdem verstorbenen Frau Geheimrätin Zimmermann, gebornen Palis, wo ich, zu meiner freudigsten Überraschung, ein ganzes Museum von Röselianas vorfand: Bilder, pompejanische Scherben und Briefe.

Die Ausbeute war so reich, daß ich, aus Furcht vor einem embarras de richesse, meine Bemühungen nicht weiter fortsetzte. Denn ähnlich intime Beziehungen wie zum Hause Zimmermann Rösels Beziehungen zum Hause Zimmermann waren schon Erbstück, zweite Generation. Eigentlich befreundet war er mit den Pflegeeltern der Geheimrätin Zimmermann, der Familie Jordan, die das große, schöne Haus am Gensdarmenmarkt, Ecke der Französischen- und Markgrafenstraße bewohnte. Die weiterhin mitzuteilenden Röselschen Briefe sind denn auch fast alle an Fräulein Fanny Jordan gerichtet die später den Steuerrat Hedemann heiratete. Frau Geheimrätin Z., geborne Palis, war eine Pflegeschwester der letztgenannten Dame. unterhielt Rösel zu vielleicht zwanzig andern Häusern, unter denen hier nur die Häuser Mendelssohn, Brose, Feilner, Hotho, Decker und Hofzimmermeister Glatz genannt werden mögen.

Auf diese Röseliana des Hauses Zimmermann geh ich nunmehr näher ein.

 

I. Bilder
Eingerahmt und alle in Sepia

  1. Kloster oberhalb Subiaco im Sabinergebirge.
  2. Kloster San Cosimato ohnweit Tivoli, an welcher Stelle der heilige Benedikt längere Zeit lebte, eh er das erste Kloster auf Monte Cassino erbaute.
  3. Die Kirche der heiligen Constantia (früher Bacchus-Tempel) vor der Porta Pia in Rom.
  4. Ein Teil des alten Schlosses zu Mansfeld, der »Mittelort« genannt, in welchem Martin Luther kurz vor seinem Tode die gräflich Mansfeldsche Familie zur Eintracht ermahnte und Frieden stiftete.
  5. Ein Blick vom südwestlichen Abhange des Schloßberges zu Wernigerode auf den Kirchhof und die Sankt-Theobalds-Kirche zu Nöschenrode. Das älteste Kirchlein im Harzgebirge; Sankt Theobald eines Köhlers Sohn.
  6. Die Bäder von Gastein im Salzburgischen.
    Dies letztgenannte ist das Hauptbild, größer als die andern und mit besondrer Liebe ausgeführt. Ich glaube, daß es auch jetzt noch vor Künstleraugen bestehen kann. Es war zum 10. Oktober 1831 als Geburtstagsgeschenk für den alten Jordan bestimmt, leider aber nur halb fertig geworden. Um diesen unfertigen Zustand zu entschuldigen, begleitete er das Bild mit einem Gedichte, das folgendermaßen lautete:
Der Kritiker                
Nun, das ist wahr, mein Herr Rösèll,
Ihre Zeichnung ist wirklich höchst originell,
Man möchte schwören, 's wär leeres Papier,
So schrecklich klar ist Ihre Manier.
Solch Angebinde kein Kind begehrt,
Am wenigsten ist es den Rahmen wert.

Der Zeichner                
Geh zu, Sie treiben mich in die Eng',
Aber sind doch viel zu streng.
Diese Zeichnung erkennen bloß Kinder des Lichts,
Sie sind aber keins, drum sehen Sie nichts.
Ich laß Ihnen noch acht Tage Ruh,
Dann sehn Sie mal wieder nach oder zu.

Der Kritiker                
Nun merk ich, wie's zusammenhängt:
So geht es, wenn man zu spät anfängt.

Diese Verse sind auf die Rückseite geklebt, passen aber in soweit nicht mehr, als das Bild jetzt in allen Stücken fertig ist.

Außer diesen eingerahmten Bildern besitzt die Familie Z. noch eine ganze Anzahl von Zeichnungen, die als Vorlegeblätter benutzt werden. Wenn mich nicht alles täuscht, stehen sie, in ihrer saubren Einfachheit, künstlerisch höher als die sorglich ausgeführten großen Landschaften.

Hierher gehört auch ein Kästchen, auf dessen Deckel er eine kleine Niedlichkeit gezeichnet hat. Dies Kästchen, als er es schenkte, war von folgenden vier Zeilen begleitet:

Hölzern ist die Gabe
Und leer im Innern; drum habe
Den Inhalt ich mit gutem Bedacht
Gleich von außen angebracht.


II. Kuriositäten

Alle diese Dinge sind heute, wo jeder dritte Mensch in Rom und Neapel war, zu wertlosem Trödelkram geworden. Vor fünfzig Jahren hatten sie noch einigermaßen eine Bedeutung. Es sind das die »Scherben«, von denen der vorstehende, aus Rom mitgeteilte Brief H. W.'s spricht. Ich leiste deshalb auch Verzicht darauf, die einzelnen Stücke hier namentlich aufzuführen.

III. Briefe

Dies ist der Hauptschatz, und sie geben nicht nur ein vollkommenes und, wie ich meine, sehr liebenswürdiges Bild des Mannes, sondern auch seiner Zeit. Alte Berliner werden diese kleinen Schnitzel nicht ohne Freude, manche nicht ohne Bewegung lesen. Die etwa zwanzig, die ich mitteile, sind aus ein paar hundert ähnlicher ausgewählt. Meistens sind sie auf Papier in Duodezformat geschrieben, einige auf Karten, wie sie jetzt wieder Mode sind, und alle haben sie den rotgetuschten Hand, dessen H. W. in seinem Briefe Erwähnung tut. Nur wenige sind gesiegelt und zeigen dann ein Efeublatt mit den Initialen S. R. Und nun mögen die Briefe selber sprechen.

Den 4. Mai 1826

Wär's vielleicht um zwei?
Wär's vielleicht um drei?
Jedenfalls dabei.

Euer R.


Sonntag Rogate 1826

Wo seid Ihr heute,
Lieben Leute?
An der Panke?
Ich danke.
An der Spree?
Da käm ich. Juchhe!


Dienstag, 23. Januar 1827

Für den Seume schick ich hier den H. von Kleist. Ich bitte, später daraus vorlesen zu dürfen. Was macht der Onkel? Besser? Ich werd es sonst bei Barez bestellen!


23. April 1827

Gestern war Sonntag Quasimodo, und ich war quasi modo dicht am Sterben. O diese höllische Migräne! Das einzige Mittel ist Ruhe. »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«, sagte schon Minister von der Schulenburg. Aber an Migränetagen dürfen es sich auch Hochadlige gesagt sein lassen. Und dann natürlich auch Kamillentee. Anbei sende ich den ersten Teil von H. von Kleist zurück. Darf ich mir dafür den Teil erbitten, in dem die Novelle » Hans Kohlhaas« steht? Auch nehme ich mit dem » Käthchen von Heilbronn« oder dem » Prinzen von Homburg« vorlieb.


Donnerstag, den 14. Juni 1827. Am Tage Sankt Modesti, des modestesten Heiligen.

In Ermangelung von etwas Besserem schicke ich das beifolgende Bildchen, das ich, je nachdem es die Größe des Kästchens verlangt, bei a oder bei b abzuschneiden bitte. Wird bei b abgeschnitten, so fällt der alte Herr auf dem Baume weg, und die Birnen fallen dann, wie vom Himmel, in die Schürze der Sammlerin. – Unbekleidetes könnt ich in Menge liefern, aber das könnte Sankt Modestus übelnehmen, und mit Heiligen darf man's nicht verderben. Wir haben's hier unendlich heiß, und ich verkoche ganz allmählich, wobei mich nur die Krebse trösten, die längst gewohnt sind, lebendig gesotten zu werden. Haltet Euch tapfer in Pankow!


Donnerstag, den 6. Dezember 1827, am Tage des heiligen Nikolas, der den frommen und fleißigen Kindern goldne Äpfel bringt.

Und auch ich komme nicht mit leeren Händen und schicke endlich das versprochene Buch. Trotz allem Ungewissen steckt doch viel Wissen darin. Ein eigentliches Urteil darüber habe ich nicht, weil ich es nicht ganz verstehe; doch habe ich Meinungen, die einem Urteil beinah gleichkommen. Selbst Professor Hegel sprach mit großer Achtung und Schonung einige Worte über den jugendlichen Autor aus.


Montag, den 3. November 1828. Am Tage Gottlieb.

So hört denn: Alle, die Gott lieben,
In Wohltun nie zurückgeblieben,
Hungrige speisen, Durstige tränken,
Arme zum Geburtstag beschenken,
Beschenken in Gnad und Überfluß –
Euch, Ihr Lieben, herzlichen Gruß!


Den 5. März 1829. (Mit einigen Fragmenten aus dem Äskulap-Tempel in Pompeji.)

Gestohlen? So haben wir nicht gewettet.
Ich hab es gefunden und – gerettet.


Den 26. Dezember 1829. Am Tage des heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers.

Ich komme bestimmt noch, aber leider erst spät, da ich noch notwendig zu dem Silberpärchen Mendelssohn Bartholdy muß.


Montag, den 19. September 1831

Cholera her, Cholera hin,
Leben, leben ist Gewinn,
Und könnt Ihr mir morgen 'ne Suppe geben,
So möcht ich morgen wohl noch leben.


Mittwoch, den 2. November 1831

Als ich vor zweiundvierzig Jahren nach Berlin kam, gab es eine Gesellschaft, welche sich »la Société du mercredi« nannte und immer donnerstags zusammenkam. Warum sollte es der gütigen Madam Jordan nicht erlaubt sein, ihren Donnerstag auf den Freitag zu verlegen?


Sonntag, den 6. November 1831, am Tage Sankt Leonhard oder Löwenherz.

Am heutigen Tage muß ich mir ein Löwenherz fassen und Dir schreiben, daß ich beim besten Willen nicht kommen kann, da heute zwei ehrenfeste Geburtstagskinder: der alte Hofzimmermeister Glatz und Fräulein Luise Hotho, befeiert werden müssen. Morgen bin ich bei Feilners. In einem sehr viel späteren Briefe (27. Januar 1841) heißt es: »Es war gestern, trotz der kalten Witterung, ein schwüler Tag für mich. Der Abschied aus dem alten, ehrwürdigen Hause Feilner hatte mich windelweich gemacht. Ich hätte stundenlang wie ein Kind weinen können!«


Freitag, den 18. November 1831

Hier, meine teure Fanny, sende ich Ihnen den verheißenen Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, oder, wenn es die gute Tante so will, zwischen Schiller und Goethe. Strenggenommen gebührt aber diesem letzteren der Vorrang, dieweil durch seine früheren unsterblichen und höchst genialischen Werke der viel jüngere Schiller zum Schreiben und Dichten erst angeregt wurde, Goethe aber die weite Bahn sich selbst eröffnete. Vielleicht söhnt sich Tantchen durch diese Briefe mit dem verhaßten Goethe aus. Ich würde mich über solche Bekehrung herzlich freuen, denn jedes überwundene Vorurteil gewährt einen Triumph.


23. Juni 1832

Ich kann leider nicht kommen. Am Sankt-Johannis-Tage gehöre ich dem Orden an und muß diesen Tag feiern helfen, wie eben jeder gute Christ tun sollte. Denn Johannes der Täufer wurde von oben gewürdigt und berufen, dem Messias den Weg zu bahnen, auf daß der von Gott Gesandte die Menschen zur ewigen Glückseligkeit, das heißt zum Leben in Gott, zurückführe.


Freitag, 4. Januar 1833. Am Tage Methusalem oder Methusalah, der sich bekanntlich schämte, tausend Jahr alt zu werden, und schon im 969sten, in der Blüte des reiferen Mannesalters, das Zeitliche segnete.

Sie fragen, liebe Fanny, was coq-à-l'âne bedeutet? Soviel wie ungereimtes Zeug oder Durcheinander oder Quodlibet. Denn wenn Hahn und Esel sich in die Rede fallen, so kommt nicht viel Gescheites heraus.


13. April 1833

Bin leider immer noch krank. Und hätte doch geglaubt, einen bequemeren Posten verdient zu haben als den eines Nachtwächters. der die Stunden abhusten muß.


Sonntag, den 14. April 1833

Die Grippe nimmt schweren Abschied von mir. Ich kann es ihr nicht verdenken; es ging ihr so gut bei mir. Aber sie muß fort.


Dienstag, 16. April 1833

Es geht endlich besser. Schickt nun nichts mehr für den Kranken. Heute wird Gräfin Sophie Schwerin für mich sorgen und morgen Mendelssohns in der Jägerstraße. Donnerstag komm ich selbst.

 

In demselben Jahre (1833) machte er eine Sommer-, Studien- und Erholungsreise bis nach Hessen und Westfalen, und im August nach Berlin zurückgekehrt, schrieb er einen langen Reisebrief an seine Freundin Fanny Jordan, die mittlerweile Frau Steuerrätin Hedemann zu Demmin in Pommern geworden war. Der Brief lautet:


»Berlin, 18. August 1833

Mit fast noch größerm Recht als der muskauwitische Fürst Pückler könnte ich seit dem fünften Juli dieses Jahres meine Episteln › Briefe eines Verstorbenen‹ titulieren, denn an jenem Tage stand mein Leben still, und alle meine Sinne versagten mir den Dienst. Zwar wäre diese Todesart eine ganz exzellente zu nennen gewesen, denn ich verschied in den Armen zweier Exzellenzen: Minister von Klewitz und Generallieutenant Graf von Hacke, auf des letztern Hausflur zu Magdeburg, aber ich bin nicht so eitel und ziehe ein bescheidenes Leben einer glänzenden Todesart vor. Mein alter Freund, der Medizinalrat Dr. Schulz, trat zur rechten Zeit ins Haus, denn der entscheidende Augenblick war nahe, und nur ein Aderlaß konnte mich retten. Die Herren Homöopathen mögen dagegen sagen, was sie wollen, denn alle ihre niedlichen Riechfläschchen und Millionteilchen hätten mich nicht wieder ins Leben gerufen. Mir gelang es besser wie jenem armen Sünder, der auf dem Wege zum Galgen, gefragt: ›ob er etwas zu seiner Erquickung begehre, etwa einen Schluck Wein‹, um einen Aderlaß bat und auf die Frage: ›Warum gerade das?‹ antwortete: ›man hab ihm immer gesagt, der erste Aderlaß könne vom Tode retten‹.

Mir hat's geholfen, dem armen Jungen aber nicht, trotzdem ich in Städten und Schlössern viel mehr eingesteckt habe als er. Aber so geht es in der Welt: Die kleinen Diebe henkt man, und die großen läßt man laufen.

Sorgfältiger und liebevoller kann kein Bruder vom andern gepflegt und gewartet werden als ich im gräflich von Hackeschen Hause, und so ward es mir möglich, nach acht Tagen meine Reise langsam fortzusetzen. Die Krisis war glücklich überstanden, und ich gehörte endlich wieder zu der uralten Familie A-Grippa, das heißt zu der, welche die Grippe nicht hat.

Leider trat mit der Sonnenfinsternis am 17. Juli erst Nebel, dann Regen und Kälte ein, so daß ich meinem Skizzenbuche nur schmale Kost reichen konnte. Ein Fremder an der table d'hôte in Hildesheim nannte den feinen Nebelregen ›Luftschweiß‹; er ist aber dem kalten Todesschweiße noch ähnlicher, der allen zarten Pflänzchen den Garaus macht. Zu meinem Glücke reise ich nicht bloß auf schöne Gegenden, Kirchen, Schlösser und Altertümer, sondern vor allem auf Menschen. Papa Goethe hat wohl recht, wenn er sagt: ›Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darinnen sich denkt; aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Paradiesgärtlein.‹

Da mochte es denn regnen und kalt sein, ich sonnte mich an den vielen, des unverhofften Wiedersehens sich freuenden Augen alter Freunde und Bekannte, die mir fast an jedem Orte entgegenleuchteten und mich alles Ungemach der Witterung vergessen ließen. Und so schied ich denn auch von jedem Orte viel reicher an Freunden und interessanten Bekanntschaften, als ich kam. Der Herzenskalender füllte sich zusehends mit neuen Geburtstagen und Lebensfesten, und solches tut auch not, denn in der letzten Zeit war der Abgang stärker als der Zuwachs. –

Den Geburtstag unsres teuren Königs feierte ich, trotz Sturm und Drang, auf einem höchst klassischen Boden, und zwar im arnsbergschen Regierungsbezirk, auf den Grundmauern der Burg Karls des Großen, wo er Reichsversammlungen und Zehntgerichte hielt, wo ihn die Päpste Hadrian I. und Leo III. besuchten und allwo er die widerspenstigen und ungläubigen Sachsen ziemlich unsanft bekehrte. Dies war auch der weiteste Punkt meines Streifzuges, denn da ich durch mein Sterben und Auferstehn in Magdeburg zwölf Tage von der Urlaubszeit eingebüßt hatte und nur kleine Reisen wagen durfte, um nicht zum zweiten und vielleicht letzten Male zu verscheiden, so mußt ich kehrtmachen, ohne den alten Vater Rhein begrüßt zu haben. Und so bin ich denn über Arolsen, Kassel, Heiligenstadt, Nordhausen, Eisleben, Halle, Wittenberg am 8. August wieder heimgekehrt. Noch zu guter Letzt feierte ich in Halle ein beseligendes Fest des Wiedersehens, und zwar im Gasthofe am Zeitungstisch. Da saß ein eifriger Zeitungsleser, in den ›Hamburger Korrespondenten‹ ganz und gar versunken; plötzlich sah er auf und schrie: ›Sind Sie's wirklich, lieber Rösel?‹ – ›Ja, ich bin's, Exzellenz.‹ Es war mein alter Freund und Gönner, der Chefpräsident von Vincke aus Münster. Seine Umarmung bei meinem Einsteigen in die Extrapost-Chaise gab mir in den Augen der Umstehenden ein gewaltiges ›Basrelief‹, wie General Elsner zu sagen pflegte.

An der nächsten Station hielt gleichzeitig mit meinem Postwägelchen ein stattlicher Reisewagen. Ein elegant gekleideter Reisender stieg aus, und siehe, es war der Hofbuchdrucker Rudolf Decker. Bald darauf kuckte mich auch sein Schätzellchen gar freundlich an. Da gab's etwas zu erzählen, vom schönen Musikfeste in Düsseldorf, von den trefflichen jungen Künstlern daselbst usw. So plauderten wir von Station zu Station bis Wittenberg, wo wir noch miteinander zu Abend speiseten und uns ein: ›auf Wiedersehn in Berlin‹ zutranken. Denn ich wollte in Wittenberg übernachten, das junge Paar aber in einem Striche weiterrollen.

Seit dem Wiederaufleben in Magdeburg esse und trinke ich mit gesundem Appetite, schlafe wie ein Murmeltier und fühle mich gesund und heiter wie ein Fisch im Wasser...«

 

Am 8. Juli 1843 starb Rösel und wurde auf dem Bornstedter Kirchhof begraben. Die Chronik der Königlichen Akademie der Künste brachte das Jahr darauf folgenden kurzen Nekrolog: »Johann Gottlob Samuel Rösel, geboren zu Breslau den 9. Oktober 1768 (die Grabinschrift sagt 1769), wurde am 14. Februar 1824 zum ordentlichen Mitgliede der Akademie gewählt. Schon vorher war er königlicher Professor und Zeichenlehrer an der Bauschule. Als geistreicher Landschaftszeichner geschätzt, bis ins Alter von unverwüstlicher Heiterkeit und bei beschränkten Mitteln unermüdlich im Wohltun, folgt ihm das ehrende Andenken zahlreicher Freunde. Von königlicher Huld in den Gartenschlössern bei Potsdam bis an sein Ende gepflegt, starb er ebendaselbst.«

Auch noch in seiner letzten Krankheit war er durch Geheimrat Dr. Zimmermann ärztlich behandelt worden. An sogenannten »Erlebnissen« hat sein Leben wohl wenig aufzuweisen. Er gehörte ganz und gar einer gemütlichen Form gesellschaftlichen Daseins an; darin ging er auf, und man würde sagen müssen, auch unter, wenn sein Talent und seine Bedeutung ein so feierlich klingendes Wort überhaupt gestattete. Denn alles an ihm war Dilettantismus. Er erinnert in vielen Stücken an Wilhelm Hensel, der den besten Teil seines Lebens auch an vornehmen Umgang, an Einsammeln von Zelebritätsköpfen für seine Portraitmappe und an Briefchen und Gedichtchen setzte. Nichtsdestoweniger war ein Unterschied, und einer unsrer gegenwärtigen Altmeister, der beide noch gekannt hat, brach, als ich auf die vorstehende Parallele hinwies, unter herzlichem Lachen in die Worte aus: »Um Gottes willen nicht! Mit Hensel war es nicht viel, aber gegen Rösel war er ein Gott.«

Mit zwei Anekdoten will ich schließen. Schleiermacher und Rösel, beide Breslauer, beide klein und verwachsen, trafen sich in einer Gesellschaft und erinnerten sich, auf derselben Schulbank gesessen zu haben. »Wir waren damals halbwachsen«, sagte Rösel. »Im Grunde genommen«, lachte Schleiermacher, »sind wir's auch geblieben.«

In der zweiten Anekdote spielt Rösel seinerseits die Hauptrolle. Er saß in Sanssouci mit bei Tisch, und Friedrich Wilhelm IV. stieß aus Versehen ein Glas Portwein um. »Was sagen Sie nun?« fragte der König. »Gott, Majestät«, antwortete Rösel, »eben war es noch Portwein, und jetzt ist es bloß Tischwein.«

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