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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 73
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Idyllen vom lateinischen Ufer

1854

Das lateinische Meeresufer liegt nur fünf Stunden von Rom entfernt; dreimal in der Woche führt ein Omnibus Gäste dahin, welche sich einige Tage in Porto d'Anzio oder in Nettuno vergnügen wollen, oder solche, die dort Bäder nehmen oder sich nach Neapel einschiffen. Wie zu den Zeiten der Kaiser sind noch heute jene Ufer Vergnügungsorte der Römer, und es gehört zum römischen Leben, einmal nach Antium zu fahren, wie nach Frascati, Tivoli und Albano, um für eine Zeit Rom zu vergessen. Denn selbst die herrlichste Stadt der Erde kann ermüden.

Ich fühlte das recht gegen Ende des Frühjahrs 1854, nachdem der Schirokko, der Plagegeist Roms, fast acht Wochen lang auf der Stadt gelegen hatte, und als ich nun am 24. Juni früh um 5 Uhr aus Rom mich aufmachte, hatte ich das heiterste Gefühl wirklicher Befreiung. Es war ein sonniger Morgen, das Volk schon auf den Straßen; Blumen in den Händen, zogen sie nach dem Lateran, wo der schöne Platz einem Blumenmarkt glich. Denn heute war das Fest Sankt Johann, eins der lebhaftesten Roms.

Draußen aber auf der Campagna wehte die weichste Luft über die schimmernde Grasebene und die jüngst gesichelten Weizenfelder, welche dieses Jahr zwanzigfältig getragen haben.

Die Fahrt geht fünf Stunden lang meerwärts unterhalb des Albaner Gebirges hin. In Fontana di Papa wird gehalten. Dies ist eine einsame Schenke zwischen Weinbergen und heißt so von einem von Innocenz XII. angelegten Brunnen. Auch pflegt der Papst dort zu rasten, wenn er im Monat Mai an den lateinischen Strand zieht, in seiner Villa zu Porto d'Anzio die Meereskühle zu genießen.

Da herrscht nun das bunteste Leben. Man sitzt an den Tischen umher und verspeist Makkaroni oder vortreffliche Eierkuchen und trinkt den schlechtesten Wein dazu. Alle Augenblicke kommt eine Karosse oder ein Reiter, ein Trupp Sbirren, welcher den Wald durchstreift hat, und von denen der eine sich laut rühmt, gestern einen Räuber erschossen zu haben. Eben langt von Anzio ein Zug Galeerensklaven an; sie sitzen paarweise gefesselt auf einem Karren, mitunter schöne junge Leute, sauber gekleidet, mit einem Strohhut, weißem Hemdkragen und flatterndem seidenen Halstuch, denn diese Galeoten werden in Rom losgesprochen. Man bringt ihnen Wein und Zigarren, die Sbirren stehen mit geschultertem Gewehr neben ihnen und lassen sich gleichfalls einschenken. Dies sind die Szenen aus Fontana di Papa.

Nun geht es zwei Stunden lang durch den Buschwald fort, welcher die Pontinischen Sümpfe bis gegen Terracina begleitet, meerentlang die Küste bedeckt, und bevölkert wird vom Eber, vom Stachelschwein, vom Büffel und Stier, vom Fieber und vom Räuber, der aus dem Wald auf die Appische Straße streift, den Reisenden bei Cisterna oder bei Forappio oder unter dem Felsen von Terracina auszuplündern.

Apollo vom Belvedere

Apollo vom Belvedere

Endlich blitzt das blaue Meer auf, und wir grüßen alle freudig die azurnen Wellen von Antium, jener alten Volskerstadt, wo der verbannte Coriolan seinen Tod gefunden hatte, und auf dessen Küste einst das weltberühmte Kunstwerk, der Gipfel aller auf uns gekommenen Skulptur, in seiner Tempelnische stand, der Apollo vom Belvedere.

Nun sind es neun Jahre, daß mich jeden Sommer das Meer erquickt hat. Die schönsten Stunden meines Lebens und die heitersten Wanderungen sind an Meeresstrand und Welle geknüpft gewesen. Unzählige Bilder und Erinnerungen tauchten mir jetzt bei jenem ersehnten Anblick des Lateinermeeres wieder auf. Aber indem hell und heller vor meine Phantasie traten die elysischen Küsten von Korsika und von Campanien, die schönen Golfe von Palermo und Cefalù, von Syrakus und vom Ätnastrand, stimmte mich der Anblick der lateinischen Küste ganz herab. An jenen Meeren stehen herrliche Felsenufer und Vorgebirge in den edelsten Formen, dort erheben sich Burgen und Städte kühn auf den Ufern, und Ölbäume, Orangengärten und blühende Granaten hängen ihre Zweige fast in die Wellen nieder. Wer kann im Anblick des Meeres die Zauberwelt von Sorrento vergessen, die Gärten von Palermo oder den rebenumschlungenen, sagenvollen Strand von Aci reale am Ionischen Meer? Daß ich es also gestehe, der Eindruck dieser Ufer und des darauf stehenden kleinen Anzio enttäuschte mich. So weit nur der Blick gegen Ostia reicht, sah ich nichts als öde Heide, ein niedriges Ufer aus Ton und Sand, eine kleine Schanze darauf und Herden, welche weideten. Das Städtchen ist ein Gemisch von Villen im römischen Palaststil, von steinernen Häusern und von strohbedeckten Campagnahütten, welche sich um einen kleinen Golf hinziehen, auf dessen Strand eine Reihe von Barken und in dessen Hafen einige Segelboote sich bemerklich machen.

In seinem Zimmer der kleinen Locanda saß ein talentvoller Landschaftler an der Staffel, und frisch gemalte Seestücke an den Wänden bewiesen mir, wie reich seine Ausbeute gewesen war. Ich verschwieg ihm meine Enttäuschung nicht. Er aber zeigte zum Fenster hinaus auf das spiegelnde Meer und die blauen Volskergebirge im Hintergrunde. Und kaum war der Tag vergangen, als jene Erinnerungen schönerer Küsten zur Ruhe kamen, und der ganz neue Zauber dieser einsamen und heimlichen Ufer von Antium mich gefangen hatte. Sie sind anmutig wie der baltische Strand meiner Heimat, und wenn auch unendlich schöner und von feinerem Wesen, so doch ihm manchmal ähnlich, und mehr als einmal habe ich an diesen gelben felsenlosen Küsten verwandter Form und Bildung ausgerufen: Das ist ja leibhaftig Neukuhren, Wangen und Sassau! Die baltische Küste und die lateinische verhalten sich so zueinander wie ein schönes, naturfrisches Volkslied zu einer klassischen Idylle des Theokrit.

Weder Poussin, noch Claude, noch Salvator Rosa würden hierher kommen, eine Meerlandschaft zu malen. Es gibt hier nichts Episches oder Heroisches von grandiosem Stil, nichts Gewagtes oder Bizarr-Phantastisches. Hier ist alles weite, atmende, sagenvolle Ferne, Stille und Anmut, im eigentlichen Sinn Meeridylle. Weit und breit sind diese Ufer von einer durchaus lyrischen Stimmung. Nun begreife ich recht, was dieses Meer von Antium für das weltgeschichtlich bewegte Rom sein mußte. Jene Römer zur Zeit des Augustus, des Caligula und Nero (und dieser wurde in Antium geboren) liebten es, sich aus der großen Welt zu flüchten, einen müßigen Sommermonat in Antium zu verleben, wie es ja noch heute der Papst tut.

Ja, diese Meereseinsamkeit überschleicht unversehens das Gemüt! Jene feinen, sanften Uferlinien, welche in Meilenweite sich im Duft verlieren, jener weiche und schimmernde Sand, dieses wohlig rauschende Meer in seinem Farbenspiel, das märchenhafte Kap der Circe drüben, welches als Insel wie ein großer Saphir herüberfunkelt, die fernen kleinen Ponza-Eilande, die ihre blauen Gipfel wie Blumenglocken kaum aus den Wellen erheben, hundert weiße Segel, welche kommen, gehen und dahinschwinden, der melancholische Gesang der Fischer, Flöten- und Harfenklänge – wahrlich! die ganze Welt draußen dürfte mit glühenden Bomben und Raketen beschossen werden, hier spürte man es nimmer. In Rom konnte ich noch vor wenig Tagen die Stunde kaum erwarten, wo die Zeitungen ins Café gebracht wurden, und über den «Monitore di Toscana», die «Gazetta di Genova» oder die Augsburger «Allgemeine» fiel ich daher, sobald sie sich nur zeigten. Hierher gelangt keine Zeitung: nicht einmal das «Giornale di Roma», ein Tagesblatt, das so harmlos ist wie eine Ekloge des Virgil, wird hier gehalten, und wenn man die Leute fragt: Was macht Omèr Pasciá, wie steht es mit dem großen Admiral Napieri, und hält sich noch Silistria? so zucken sie die Achseln und verstehen es nicht.

Wenn ich im Fenster meines Zimmers liege, vor welchem die neapolitanischen Fischer auf dem weißen Sande sitzen und die Netze ausbessern, tut sich der ganze herrliche Golf vor mir auf, und ich sehe das liebliche Ufer vor mir bis zum Circeischen Kap. Auf der Küste erhebt sich nahe bei Anzio die edelgeformte Villa des Fürsten Borghese in einem wilden Park von Steineichen und Olivenbäumen, weiterhin Kastell und Stadt Nettuno, braun und pittoresk ins Meer gebaut, und in aller Welt berühmt durch die Schönheit der Frauen und ihre herrliche Tracht. Die Linie der Ufer wird nun immer sanfter, feiner und länger ausgezogen; an ihrem Ende steht in traumhafter Ferne ein kleines weißschimmerndes Schloß. Dies Kastell breitet um Küste und Meer eine melancholische Stimmung aus, wie das Kap der Circe homerische Poesie verbreitet. Die Blicke jedes Deutschen zieht es magisch an und rührt sein Herz zur Wehmut und Trauer; denn es bezeichnet einen der größten Abschnitte in der Geschichte unseres Vaterlandes. Ist es doch jener einsame Turm Astura, wo der letzte Hohenstaufe, Konradin, nach der verlorenen Schlacht von Tagliacozzo hinüberfloh, und wo der Verräter Frangipani ihn festnahm und in die Hände des blutgierigen Karl von Anjou auslieferte. An jenem Turm sank die Sonne der Hohenstaufen in das Meer. Nun blickt das Schloß Astura zu mir herüber in mein Fenster, gemahnt mich wie ein sehnsuchtsvoller Klang des fernen Vaterlandes und mehrt mir die heimatliche Stimmung, in die mich die Küste schon an sich versetzt. Es hat mir nicht Ruhe gelassen, bis ich eines Tages hinüberwanderte und sein altes Gemäuer durchsuchte, und nun kann ich die blinkenden Zinnen wieder beruhigt ansehen. Und auch dahin wollen wir gehen; denn überall streifen wir hier umher, weil uns doch die Götter diese Muße geschenkt haben.

Als noch die römischen Herren nach dem alten Antium gingen, um dort ihre Villeggiatur zu halten, war die Stadt groß und ein blühender Hafen. Nero hatte ihn prächtig ausgebaut, und noch heute sieht man die Reste des steinernen Molo in den Wellen; sie sehen fast so aus wie die sogenannte Brücke des Caligula im Golf von Pozzuoli. Schon im frühen Mittelalter verfiel und versandete der Hafen; die Stadt selbst, den Sarazenen zur Beute überlassen, verschwand vom Erdboden, und auch heute ist Anzio nur ein Dorf zu nennen. Im Jahre 1700 hatte Innocenz XII. den Hafen erneuert, die Wege verbessert, einige Häuser und einen Brunnen gebaut. Seitdem sind die Päpste ab und zu hierher gekommen, um in dieser Stille zu wohnen, ehe die Fieberluft aus den Pontinischen Sümpfen aufsteigt. Pius IX. hat gegenwärtig die ansehnliche Villa gekauft, welche der berühmte Kardinal Alexander Albani im Jahre 1710 erbauen ließ, und wo Winckelmann manchen Tag in seiner und der Prinzessin Albani Gesellschaft zubrachte. Mit den Ausgrabungen, die der Kardinal hier veranstalten ließ, trieb er nicht allein überhaupt ein ansehnliches Geschäft, sondern er versorgte auch seine eigene Villa in Rom mit Statuen auf das reichste.

Die Villa in Antium ist ein Palast im Luxusgeschmack jener Zeit, in einem großen, doch verwilderten Garten, welcher an Blumen und Zierbäumen arm ist, aber an Orangen Überfluß hat. Hier kann der Papst in einer ländlicheren Einsamkeit leben als in Castel Gandolfo; er muß selbst den Anblick der elenden Strohhütten ertragen, in welchen arme Fischerfamilien wohnen, und einen noch schlimmern. Denn hart am Molo liegt der Bagno, ein großes, vom Kastell auf der einen und von einer Kirche auf der anderen Seite umschlossenes Haus, worin die Galeerensklaven bewacht werden. Sie arbeiten alle Tage auf dem Bagger, der den Hafen reinigt; aber verschämt tragen sie ihre Ketten unter den Kleidern, welche meist auch keine Abzeichen haben. Man sieht viele junge Räuber unter ihnen. Diese Galeoten lassen die Industrie in Porto d'Anzio nicht aufkommen, weil sie jedes Handwerk betreiben, dem unbescholtenen Handwerker also das Brot nehmen. Sie sammeln sich ein Ersparnis, leben gut, wissen die Wächter zu bestechen und mancher Freude zu genießen; wenn sie entlassen werden, bleiben sie meistens im Ort und heiraten ihre Liebschaft. Ein Bagno und ein idyllischer Sommeraufenthalt des Heiligen Vaters scheint wenig zusammenzustimmen; doch das ist echt römisch, denn irgendein Widerspruch und Mißton muß sich in dem römischen Leben und mitten in der paradiesischen Natur offenbar machen. Der Papst will übrigens Antium wieder emporheben; er läßt viele Häuser bauen; er hat gesagt, er wolle den Anblick der schimpflichen Strohhütten nicht länger dulden.

Auch der Hafen wird mit jedem Jahre lebhafter. Seine Lage ist so ausgezeichnet, daß er einen großen Verkehrspunkt abgeben würde, weil er näher an Neapel liegt als Ostia und Civitavecchia. Eine römische Gesellschaft hat bereits ein Dampfschiff gebaut, welches nun zwischen hier und Neapel zweimal in der Woche fährt und mit der Post in Verbindung steht, die an diesen Tagen Reisende von Rom bringt. Man kann in 13 Stunden das schöne Neapel erreichen und zahlt den Spottpreis von 5 Skudi für die Fahrt. Dieser Verkehr zieht einiges Leben und die Anfänge der Industrie nach Anzio; und auf diese allein sind die Bewohner angewiesen, weil sie das Land fast gar nicht bauen. Es gibt hier weder Weinberge noch Olivenpflanzungen, nur Herden weiden auf der Küste; die Lebensmittel kommen landwärts herein; Nettuno schickt Wein und täglich sogar das frische Brot, Genzano Öl und Früchte, und selbst vom Volskergebirge kommen aus Cori her Kirschen und Feigen.

Die Gasthäuser sind klein und mangelhaft. Man zahlt hier für ein Zimmer täglich 25 Bajocci und kann auf römische Art nach der Karte essen; oder man gibt für die ganze Verköstigung täglich 7 Paul, einen Taler preußisches Geld. Dafür hat man vier Schüsseln zu Mittag und drei Schüsseln zu Abend. Es sind meist die deutschen Maler, welche das Gasthausleben in den kleinen Küsten- und Gebirgsörtern auf solchen Fuß bringen, und vielfach kann man sie als Missionäre der Gasthauskultur betrachten.

Es gibt hier eins vollauf, das sind Fische, die feinsten Seefische und Hummern, welche der Golf täglich spendet. Aber nicht die Bewohner von Anzio fischen hier, denn wie sollten sie sich bis zum Besitz einer Barke emporschwingen, sondern es kommen die beweglichen Neapolitaner auf ihren zierlichen Barken von Pozzuoli, von Bajä, von Portici und von Torre del Greco, rings von allen Küsten ihres herrlichen Golfs, und viele Monate des Jahres bleiben sie hier und schlafen auf ihren Barken. Andere bewohnen die Strohhütten, und es sind dies meist solche Neapolitaner, welche vor der Konskription geflüchtet sind und ihr Vaterland aufgegeben haben. Weithin an den Küsten des Mittelmeers kann man diese Marinari Neapels, die Fischer aller Fischer, finden, selbst an den spanischen Inseln, selbst an den Ufern Afrikas, wo sie den Korallenfang betreiben; und so durchschneiden ihre bunten, graziös geformten Barken nach allen Richtungen dieses ausgedehnte Meer.

Es war mir eine große Freude, die alten Bekannten hier wiederzufinden. Wie erinnerten sie mich durch ihre lebhafte Gestikulation, ihre Mimik, ihren Dialekt, ihr Kostüm an ihre Fischerszenen, die man an den Küsten Neapels sieht. Sie sind bis zum Überdruß gemalt worden, in der Natur aber, am Meer selbst bleiben sie ewig neu. Drei Schritte weit vor meinem Fenster stehen ihre Barken, gegen zwanzig an der Zahl; eine jede ist zum mindesten mit fünf Mann besetzt und hat einen Führer.

In der Regel gehen die Fischer gegen Ave Maria in See und fischen die Nacht durch. Der Fang wird des Morgens in die strohbedachten Verschließe getragen, abends aber verpackt, um nachts auf Karren nach Rom gebracht zu werden. Da gibt es nun eine sehr belebte Szene. Die Schreiber sitzen am Tisch bei einer Laterne und registrieren; ringsumher sind die Fischer beschäftigt, ihren Fang in Körben herbeizubringen, während andere Eisstücke zerschaben und die Fische auf diesen Eisgrus legen. Die Mannigfaltigkeit und wunderliche Form dieser Meertiere ist erstaunlich. Da gibt es den langen Grongo, den großen und prächtigen Palombo, die schön gefleckte Murena, den flunderähnlichen stachlichten Rochen, die große Menge von glitzernden Triglien und von Sardinen, und den Merluzzo. Bisweilen kommt auch ein Delphin mit herauf, und an einem Abend sah ich im Fischlager zwei Haifische («pesce cane»), welche man eben gefangen hatte. Sie waren 8 bis 10 Fuß lang; ihre schwärzlich-stahlblaue Farbe hat etwas Widerliches. Man fängt sie mit dem Köder, und wenn der Hai angebissen hat, zieht man ihn herauf und erschlägt ihn mit einer Keule. Sein Fleisch, weißlich wie das des Störs, wird gegessen, doch ist es ziemlich hart.

So treiben es die armen Fischer Tag für Tag und führen ein rauhgewöhntes Leben der Entbehrung, welches nur demjenigen reizend erscheint, der, wie wir, müßig am schönsten Meer dahinschlendert und den tanzenden Barken und schwebenden Lichtern auf dem Wasser zuschaut. Wir kennen es ja auch von unserm baltischen Ufer her. Aber hier zeigt sich der Unterschied des nebelfeuchten Nordens und des sonnigen Südens. Der neapolitanische Fischer, so armselig er ist, halbnackt, im aufgeschürzten Beinkleid von Linnen und im bloßen Hemd, die rote Beutelkappe auf dem Kopf, lebendig, beweglich, übersprudelnd von Laune, von Witz und gutmütigem Geschwätz, immer sangesfroh und zu Schwänken aufgelegt, macht neben unserm stummen und einfältigen baltischen Fischer eine theatralische, ja selbst ideale Figur. Ich möchte sie gern einmal in einen Kahn nebeneinander setzen, den baltischen und den neapolitanischen Fischer, und möchte sie zwingen, miteinander einen Tag lang zu verkehren; ich glaube, einer würde vor dem anderen ins Wasser laufen. Man wird es nicht möglich finden, daß baltische Fischer je eine geschichtliche Rolle spielen könnten wie die neapolitanischen, welche auf Masaniello stolz sein dürfen.

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