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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 68
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Von den Ufern des Liris

1859

Eine friedliche Wanderung durch das lateinische Grenzland von Veroli über Casamari, Isola und Sora, Arpino, Arce und Aquino nach S. Germano und Monte Cassino, dies ist es, wozu die Leser eingeladen werden, während Mittelitalien in Waffen steht, die Romagna sich von der päpstlichen Herrschaft losgerissen hat und die «question romaine» die Gemüter bewegt.

Jenes Grenzland ist die Fortsetzung Latiums; der Liris sondert nämlich Kampanien in zwei natürliche Hälften; die römische wird vom Sacco durchzogen, bis er unterhalb Ceprano in jenen Strom fällt. Dies ist die eigentliche römische Campagna. Die andere Hälfte, eine Ebene zwischen dem Apennin und dem Volskergebirge, an welchem der Liris hinströmt, ist das neapolitanische Kampanien. Es setzt sich zwar bis über Capua fort, aber die Berge gegenüber S. Germano umstellen dieses Gefilde und sondern es von dem «glücklichen Kampanien» ab. In Monte Cassino zeigte man mir eines Tages auf jenen Bergen das Kastell S. Pietro in Fine und erklärte mir diesen Zusatz durch «in fine Latii»; freilich bemerkte der gelehrte Don Sebastiano Kalefati: er argwöhnen das «in fine» bedeute im Grunde nur das Ende der Diözese Monte Cassinos. Doch wir wollen uns darüber keinen geographischen Kummer zuziehen, sondern vor der Weinschenke in Veroli aufs Pferd steigen, um nach den Ufern des Liris hinunterzureiten – an einem lateinischen Oktobernachmittag, während der warme Sonnenschein auf dem Gefilde liegt, die Berge im Farbenspiel des Herbstes strahlen, die klassische Campagna vor uns sich verbreitet, durchströmt vom grünen Liris, dessen Name, der schönste unter den Flüssen, das Gemüt mit lyrischem Wohllaut füllt, indem er durch diese Fluren weit und breit einen poetischen Hauch ergießt.

Als ich aus dem Tor der hohen Felsenstadt Veroli an den zerfetzten Stadtmauern entlangritt, um dann hinabzusteigen, hatte ich den ersten vollen Anblick des Landes, welches ich durchziehen sollte: rechts in der Tiefe die Gefilde von Ceprano, an dessen Brücke König Manfred verraten ward, darüber hinaus die Volskerberge, eine lange Kette blauer Höhen; links die majestätischen Berge von Sora, die, von den Abruzzen herangedrängt, den Liris oberhalb umstellen. Indes wurde mein Blick besonders von dem breiten Bergzuge vor mir gefesselt, oder vielmehr von einer deutlich auf ihm sichtbaren weißen Stadt. Das ist Arpinum! Da wurden Cicero und Marius geboren!

Es hat einen großen Reiz, zum erstenmal und in noch geheimnisvoller Ferne einen Ort vor sich zu sehen, dem zwei weltberühmte, Epochen bezeichnende und seit der Kindheit bekannte Namen angehören. Da kommen selbst kleine Erinnerungen aus der Jugendzeit herbei und sind geschäftig, den Eindruck zu verstärken – Szenen von der Schulbank, da Cicero erklärt wurde, selbst die Gestalt des zerlesenen Schulbuchs auf grauem Papier mit Ciceros Reden, obenan das donnernde und unvergeßliche «Quousque tandem Catilina». Und da liegt denn vor mir Ciceros Vaterstadt, die einmal im Leben zu sehen ich schwerlich geträumt oder gehofft hatte.

Ich mußte vom Pferde steigen, um über den steilen Kalkfelsen Verolis hinunterzugelangen: denn eine fahrbare Straße gibt es hier nicht, außer weiter unten gegen Casamari zu, und überhaupt besitzt dieses römische Grenzland nur einen einzigen großen Verbindungsweg mit dem Nachbarstaat, die Via Latina, die nach Capua geht.

Alle jene Campagnaorte, die wir ringsum bemerken, größtenteils älter als Rom, ja noch der saturnischen Epoche angehörend, stehen schwarz und finster auf ihren Felsenhügeln und befinden sich seit Jahrhunderten in demselben Zustande. Die Grafen und Feudalherren des Mittelalters haben in jedem ihr Schloß gebaut, und ein jedes steht nun verödet als ein Nest für Eulen da. Der Kolone baut nach wie vor, einem römischen Fürsten oder einem Kloster pflichtig, im Schweiße seines Angesichts Wein oder Öl oder Türkischkorn, und seine Lage bleibt im Grunde wie sie war, obwohl er nicht mehr leibeigen ist. Wenn man die agrarische Verödung der nächsten Umgebung Roms mit einigem, doch nicht allem Grunde den Einflüssen der Malaria zuschreiben darf, so findet diese Ursache in dem gesunden Latium nicht statt. Es ist sehr befremdend, ein Land zu durchziehen, welches sich von fern wie ein Elysium dem Blicke darstellt, und wenig mehr in ihm zu finden, als eine malerische, spärlich mit Mais bebaute Wüste, über deren öden, von Ginster und Asphodelos starrenden Feldern wilde Falken kreisen. Man wundert sich, hier nicht ein tätiges und erfinderisches Volk in blühenden Städten zu sehen, während man nur hie und da einen Häuserklumpen auf einer Anhöhe zusammengedrängt erblickt. Die Bewohner von Latium, ein starkes, gutherziges und schönes Menschengeschlecht, sind ganz primitiv geblieben; ihre Lebensweise, ihr Kultus, ihre Bedürfnisse sind unverändert, und käme einer ihrer Vorfahren wieder in seinen Ort zurück, so würde er darin wenig mehr Neues entdecken, als etwa den Gebrauch des Tabaks, des Zündhölzchens und des Pulvers. Fast alle jene Kastelle, welche Namen sie immer haben, Veroli, Pofi, Arnara, Bauco (Babucum), Ripi, dauern seit Urzeiten. Man findet sie in Diplomen des neunten und zehnten Jahrhunderts mit ihren heutigen Namen, mit ihren selben Kirchen, mit ihren ehemaligen Grafen und Judices meist langobardischen Stammes erwähnt; aber ich weiß hier keinen Ort zu nennen, der in späterer Zeit neu entstanden wäre.

Die Nachmittagssonne brannte noch heiß auf dem dürren Felde, als ich auf entsetzlichen Wegen, auf einem kaum bereitbaren Felsenboden unterwärts weiterzog, Casamari zu erreichen. Ich kam an einem einsamen Gehöft vorbei, wo sich eine Gesellschaft von Einwohnern Verolis vergnügte; der Anblick wohlgekleideter Mädchen, welche mitten in dieser Einöde ländliche Spiele spielten, war eine erfreuliche Überraschung. Sie glichen einer Schar von Singvögeln, die sich in der Wildnis zusammen niedergelassen hatten.

Ein guter Fahrweg führte sodann weiter, und ein wohlgepflegter Wein- und Olivenbau zu beiden Seiten kündigte ein größeres wirtschaftliches System an, welches irgendwo in der Nähe seinen Sitz mußte aufgeschlagen haben. Dieses belebende Prinzip enthüllte sich alsbald: Wallfahrer kamen mir entgegen, die Pilgerstäbe in der Hand, die Frauen ihre schwerbelasteten Körbe auf dem Kopf, die Männer unbeschwert daneben schreitend, alle in der bunten Tracht des lateinischen Berglandes. Sie kamen von dem weit und breit berühmten Casamari.

Ich hatte dieses Kloster so oft nennen hören; man sagte mir, daß es nebst Fossanova das schönste in ganz Latium und ein vereinzeltes Wunderwerk gotischer Baukunst sei, und nun sah ich es vor mir liegen, einsam, bedeutend und beherrschend in der Hochebene, eine Masse großer grauer Gebäude, über denen sich der Giebel der Klosterkirche erhebt. All dies umschlossen von einem Hof mit mächtigem römischen Portal, eine Arkade darauf hinführend, als Rest jener arcus deambulatorii der reichen Mönche des Mittelalters; daneben ein fließendes Wasser, die Amasena, mit melancholischen Pappelgruppen ringsum eine schweigende, sonnverbrannte Wüste.

Ein solches weltabgeschiedenes Kloster zu betrachten, erregt heute ein eigentümliches Gefühl. Denn nirgends ist die Vergangenheit so ganz wirklich und fast greifbar. Die Zeit scheint hier in Wahrheit stillegestanden, die moralische Atmosphäre eines lange verflossenen Jahrhunderts und Menschengeschlechts hier versammelt geblieben zu sein. Womit die Mönche sich damals beschäftigten, singen, beten, schweigen, arbeiten, das tun sie noch heute in gleichen Kutten, in denselben Räumen mit derselben monotonen Geschäftigkeit. Die Weltgeschichte hat sich draußen verwandelt, sie aber nehmen daran nicht Anteil; es genügt, daß die Kirche, die Bischöfe, der Papst in Rom dauern wie zuvor. Ihre nächste Umgebung ist unverändert geblieben, denn noch stehen Veroli, Pofi und S. Giovanni mit ihren Kirchen und Heiligen wie zuvor, und die Wallfahrer pochen an die Klosterpforte wie zuvor. Die Furcht vor den Sarazenen, vor Raubgrafen und Condottieri quält sie nicht mehr, doch hat sie der Angst vor der Revolution Platz gemacht, die am Ende unerbittlicher sein wird als Raubgraf und Sarazen. Denn ehemals galt es nur Plünderung und Verwüstung mit Feuer und Schwert, aber heute gilt es Sein oder Nichtsein überhaupt. Außerdem: die Klostergüter sind geschmälert und der Kirche dadurch ihr Wirken nach außen verengt. In der Tat, solch ein Kloster ist wie eine pergamentene Chronik, worauf die alten Miniaturen, als ein Schattenspiel, lebendig werden.

Man hat den Namen Casamari fälschlich durch «casa amara» erklärt, wie noch Westphal in seiner römischen Campagna tat, als wäre dieses Kloster «Bitteres Haus» genannt wegen des furchtbaren Schweigens, zu dem die Brüder von der Trappe dort verdammt sind. Aber in Wahrheit heißt der Name Casae Marii, die Häuser des Marius, weil die Abtei auf dem fundus Marii, einer alten Besitzung des berühmten Helden von Arpino, erbaut worden ist. So berichtet die Tradition und Rondinini, der die Geschichte des Klosters schrieb: «Monasterii S. Mariae et Sanctorum Johannis et Pauli de Casaemarii brevis historia, Romae 1707.» Fromme Bürger Verolis haben dasselbe im Jahre 1036 gestiftet. Seine ersten Bewohner waren Benediktiner. Als ihre Zucht verfiel, führte Eugen III. im Jahre 1152 Zisterzienser ein, die auch das benachbarte Trisulti besitzen. Friedrich II. bestätigte im Jahre 1221 die Güter Casamaris in einem aus Veroli datierten Diplom, welches wir noch lesen; aber seine Kriegsvölker zerstörten die Abtei, als er Rom belagerte.

Die Geschichte Casamaris bietet sonst nichts Außerordentliches dar, nur die Wechselfälle von Krieg, Zerstörung, Wiederherstellung, denen alle Klöster ausgesetzt gewesen sind. Kein berühmter Mann ist von dort hervorgegangen. Casamari hat keine eigenen Annalen aufgezeichnet wie das benachbarte Fossanova, dessen Chronik Muratori herausgegeben hat. Es war niemals reich wie Trisulti, doch besitzt es noch einige Güter in der Campagna. Sein größter Ruhm ist die herrliche Kirche, deren Grundstein im Jahre 1203 gelegt wurde, also in der Zeit, da man in Italien anfing, gotisch zu bauen.

Als ich in den Klosterhof und vor die Kirche trat, glaubte ich mich enttäuscht; denn die Fassade, zu der eine breite Steintreppe führt, und das Vestibulum mit Bogenöffnungen versprachen nicht viel. In dieser Vorhalle fand ich eine Statue Pius' VI. und eine Gedenktafel für Pius IX., zum Gedächtnis dessen, daß er dem Kloster das Patrimonium hergestellt hat. Nun ins Innere der Kirche tretend, wurde ich lebhaft überrascht; ein dreischiffiger hoher Bau in den reinsten Verhältnissen, von vollendeter Einheit, in den wohlgefälligsten Spitzbogenwölbungen, der Chor nur durch ein Gitter abgetrennt, öffnete sich vor mir. Die Harmonie der Architektur, die Einfachheit des Baues, der sanfte Travertin, die vaterländische Gotik brachten einen tiefen Eindruck hervor. Wenn das Auge seit Jahren nur an die römische Basilikenform mit ihrer platten Decke, oder an den späteren Luxusstil der Kuppelkirchen gewöhnt ward, stellt sich ihm plötzlich die Gotik als ein neues, lebhaft und kühn nach oben strebendes System dar und imponiert durch die Verbindung des Reichtums mit der Einfachheit, der Kühnheit mit der Grazie, der Stärke mit der Leichtigkeit, da das Massenhafte durch ein überall fortgesetztes, geteiltes, dennoch sich bindendes Leben einer und derselben Grundidee überwunden wird. Sonst gewohnt, die Kirchen mit Skulpturwerk, mit barockem und schwerem Schmuck, mit Gemälden und Inschriften oder mit Grabmälern und Altären überladen zu finden, sah ich hier nichts dergleichen, sondern diese Kirche erschien mir als reiner und schöner Tempel, einem reinen und bildlosen Gottesdienst geweiht.

Keine Bilder, keine Nischen, keine Kapellen, nur ein einziger Hauptaltar unter einem gekuppelten Tabernakel; so sehen protestantisch gewordene Dome in Deutschland aus. Casamari ist in der Tat sehenswert. Eine gleiche Einfachheit gotischen Stils erinnere ich mich nicht in Italien angetroffen zu haben. Das Mittelschiff hat je sieben Spitzbogen auf zusammengesetzten Säulenschäften; am fünften beginnen die Schranken, die den saubersten Chor abschließen. Darin war nichts von bizarrem Wesen, nichts von Figuren zu sehen, sondern hinter dem Gitter standen zu seiten des Altars zwei hohe, vollblühende Amaranten in großen Vasen. Man denke sich, wie gut diese Naturerscheinung in einem herrlichen und einfachen Raum wirken mußte.

Die reinere Gotik ist übrigens nur in der Kirche selbst zur Anwendung gekommen; denn im Kloster wird der Stil schon stark romanisch. Der Hof ist ein geräumiges Quadrat, welches halbgotische Öffnungen mit je zwei Doppelsäulen in ihrer Mitte durchbrechen. Er ist nicht besonders schön. Der Kapitelsaal neben ihm macht einen fremdartigen Eindruck. Seine Gotik geht ins Moreske über; seine Decke tragen vier Säulenbündel, aus je acht Säulen zusammengestellt, auf deren achteckigen Platten dann die Spitzbogen ansetzen, um sich von der Decke bis in die Mitte der Wand zu ziehen, wo sie in einem phantastischen Knauf endigen. Die abwechselnde Schichtung des weißen und braunen Steins bringt ein buntes Wesen hervor.

Ich sah nur wenige Mönche im Kloster still und schweigend hin und her gehen, und sie nahmen keine Notiz von mir. Ein Laienbruder reichte mir einen Krug Wassers, und da er hörte, daß ich aus Rom komme, fragte er mich, wie es dort aussehe, und wo Garibaldi gegenwärtig sei. Der langobardische Name dieses tapferen Bandenführers schwebt an der Grenze Neapels von Mund zu Mund, wie vor langen Jahrhunderten derselbe Name des Dux Garibald oder der Herzöge Grimoald, Romoald und Gisulfus von Benevent. Seine Figur, populär auch, wo sie statt Hoffnung Furcht erregt, scheint dort auf das Vorstellen wie etwas Dämonisches zu wirken. Dessen sollte ich bald im Neapolitanischen noch mehr gewahr werden. Im Mittelalter gingen so aufregend durch die Campagna die Namen Niccolo Piccinino, Fortebraccio von Montone, Sforza d'Attendolo und anderer Kapitäne, welche durch hundert Märsche, Schlachten und kühne Städteeroberungen ihren Ruf sich verdient hatten. Sie waren indes nur kühne Räuber, ihr Waffenhandwerk die schändlichste Pest Italiens, während der Volksheld Garibaldi sein Schwert und sein Leben der Freiheit des Vaterlandes geweiht hat.

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