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Wanderjahre in Italien

Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleWanderjahre in Italien
authorFerdinand Gregorovius
year1997
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
isbn3-406-42803-7
titleWanderjahre in Italien
created19990121
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Die Fülle der Weinreben ist hier erstaunlich groß. Sie bedecken, soweit das Auge reicht, alle die anmutigten Hügel dieser Campagna. In langen Reihen ziehen sie sich in die Täler hinab, entweder an Stäben und dem starken italienischen Rohr, oder über kleine gegabelte Ahornbäume (ornello) und Ulmen sich rankend. Der Freund des Virgil wird wissen, daß schon der römische Landbau die Weinberge in solche zwei Gattungen unterschied. Es ist ein hoher Genuß, mitten in den Vignen des heutigen Menschengeschlechts das Georgikon Virgils zu lesen, das herrlichste Denkmal der lateinischen Poesie, nicht in bezug auf die Kunst der Komposition, welche mittelmäßig ist, sondern auf die reine, prägnante und ganz unnachahmliche Sprache. Ich las dieses Gedicht wieder und wieder unter den Reben in Genazzano und überzeugte mich, daß alle seine Bemerkungen, Regeln und Lehren so durchaus gültig sind, daß sie für die heutige Bodenkultur der Campagna geschrieben zu sein scheinen.

Albaner See

Der Weinberg ist hier alles in allem; er vereinigt die drei Götter des Feldes, Bacchus, Ceres und Pomona. Denn zwischen den Reben wird das Weizenkorn gesäet, zwischen ihnen erhebt sich anmutig der schlanke Mandelbaum, die Lärche unter den südlichen Bäumen, weil er mit dem ersten leisesten West des Frühlings zu blühen beginnt; ihn verherrlicht sinnreich eine der «Cento novelle antiche», die ihn von Amor als sympathischen Baum der Liebe am Grabe des Narcissus gepflanzt sein läßt. Sodann taucht zwischen den Reben der nicht minder graziöse Ölbaum auf, mit feingefaserter, kunstvoll geflochtener Rinde von silbernem Grau und den feinen Blättern, die in dem wechselnden Licht bald wie Silber, bald wie dunkles Erz glänzen; und gern sieht man ihn über dem Korn hervorragen, für dessen schmackhaftes Brot er das Öl verheißt. Da steht auch der Pfirsich-, der Apfel- und Birnbaum und der feurige Granatbaum, der Walnußbaum, die Kastanie und der Feigenbaum mit seinen honigsüßen Früchten. Und alle diese Bäume bilden eine segensreiche Kette der Jahreszeiten, so daß, wenn der eine seine Früchte dargegeben hat, der andere sie anbietet, und der dritte sie verspricht. Da ich den ganzen Sommer auf der Campagna zugebracht habe, so haben sie mir, mit alleiniger Ausnahme des spätesten der Bäume, der Olive, alle ihren Tribut der Reihe nach dargebracht, und es ist mein Nachtisch nie von wechselnden Gaben leer gewesen.

Meine Wirtin besaß drei Weinberge, einen bei Palestrina, die andern in der Bergwildnis Olevanos, drei Millien weit von Genazzano. Dort steht auf einem Hügel ein einsames Winzerhaus mit offener, blumengeschmückter Veranda, von Feigenbäumen und Kastanien beschattet, und ringsumher den Blick auf die majestätischen Berge der Serra und die Saccoebene freilassend. Dort lohnt es wohl tagelang hinzubringen in einer reinen, aromatischen Luft und sich von den Früchten zu nähren. Welche zuerst brechen, und von welchem der Bäume, das bringt uns in Verlegenheit, denn ihre Menge ist groß, und ihrer Früchte sind unzählbare und gleich herrliche. Was soll ich gar von den Trauben sagen? Denn keine Weinkrankheit hat diese in der ganzen Gegend berühmte Vigna versehrt; die Reben sinken unter der Last, sie sind hie und da gestützt, und die Trauben mit starken Fäden aufgebunden – Trauben, deren Gewicht, und Beeren, deren Größe ich nicht angeben werde, weil man mich der Unwahrheit beschuldigen könnte. Hier sind goldig-helle Muskatellertrauben, die in der Sonne durchsichtig funkeln, dort die Gattung der buntfarbigen, hier die weißlich klare Traube, buon vino genannt, dort die blauschwarze schwere Traube, welche den starken blutdunkeln Wein gibt. Also genährt und gelabt, setzen wir uns in den Kastanienhain am Fuß des Hügels nieder, zwischen hohen Myrtengebüschen, unter dem Farrenkraut des Virgil, angeduftet von der Menthe und dem Serpyllum, welches überall wuchert, und dort lesen wir den Horaz oder was wir sonst mit uns genommen haben. Die Menthe ist das wahre Campagnakraut; das ganze Gefilde Roms duftet von ihr. Wenn ich fern bin in Toskana, oder in Oberitalien, und irgendwo auf dem Feld Menthe finde, so erweckt mir ihr Duft immer die heißeste Sehnsucht nach der Campagna von Rom.

Sollte man glauben, daß mitten unter der Fülle der Erzeugnisse das Landvolk arm ist? Überblickt man diese Natur, so scheint sie ein Eldorado glücklicher Bewohner zu sein; aber lebt man mit diesen, so tritt uns aus dem Paradiese hier nur zu oft der hungerleidende Mensch entgegen. Alle diese Früchte (man kauft hier 20 Feigen wie 20 Walnüsse für einen Bajocco, und in guten Jahren für dasselbe Geld eine Flasche Wein) nähren den Landmann nicht; er würde verhungern, hätte er nicht das Mehl des türkischen Korns, das seine einzige Nahrung ausmacht. Die Schuld dieses Mißverhältnisses liegt an den agrarischen Zuständen. Von vornherein muß man wissen, daß der dortige Landbesitzer den vierten Teil des Ertrages dem Prinzen Colonna als Zins schuldig ist. Es ist der alte Fluch der Latifundien, welcher das Volk verarmen läßt; zwar gibt es wenige Landleute, die nicht einen kleinen Weinberg besitzen, aber er genügt nicht, die Familie zu erhalten. Der Wucher ist unbeschränkt; selbst vom Ärmsten werden zehn Prozent genommen. Bei dem geringsten Unglück, bei Mißernten, wie sie schon seit Jahren aufeinander folgen, verschuldet er. Borgt er Geld oder Getreide, so erdrücken ihn die Prozente; der habgierige Reiche wartet auf den Augenblick der Not, um dem kleinen Besitzer sein Landeigentum für einen Spottpreis zu entreißen. Barone und Klöster werden reich, der Bauer wird ihr Vasall und ihr Winzer. Ich habe diese Zustände viel zu beobachten Gelegenheit gehabt. In der Regel geschieht dies so: erst verkauft der Verschuldete nur den Boden allein; die Bäume (gli alberi, worunter man auch die Rebstöcke begreift) bleiben sein, und indem er fortfährt, den Weinberg zu bauen, genießt er für sich entweder die Hälfte oder auch drei Viertel des Ertrags. Kaum vergeht ein Jahr, so erscheint derselbe Winzer vor dem Käufer seines Bodens und bietet auch die Bäume zum Verkaufe an. Er wird nun zum Kolonen seines Herrn, bewohnt mit seiner Familie den Weinberg und hat für dessen Kultur weiterzusorgen, indem er einen Anteil der Produkte empfängt. Ist dieser auch gleich jenem des nunmehrigen Besitzers, oder selbst größer, so wird er doch fort und fort sich in der Verschuldung befinden und einen nicht geringen Teil seines Gewinns dem Herrn vorweg abliefern müssen.

Auf dem Weinberg meiner Padrona, einer durch ihre Rechtlichkeit geachteten Venezianerin, lebte unter ähnlichen Verhältnissen eine Winzerfamilie von acht Personen. Wie sie mir sagte, hatte sie diese Menschen, verarmt und im elendesten Zustand, in ihren Weinberg als Pächter gesetzt, ihnen Vorschuß zur Bekleidung und zur Beschaffung des Hausrats gegeben und sie in den Stand gebracht, sich zu erhalten. Aber sie lebten in so bitterer Armut, waren endlich durch Anstrengung und schlechte Nahrung sämtlich fieberkrank geworden, daß wir ihnen die Lebensmittel aus dem Ort beschaffen mußten. Erst nach der Weinlese haben sie Aussicht, sich für eine kleine Zeit Erleichterung zu geben, solange nämlich das Geld hinreicht, welches sie aus dem Verkauf des Weines gewonnen haben.

Der Wein spannt die Nerventätigkeit an, aber er nährt nicht die Muskeln. Der Landmann trinkt ihn von der schlechtesten Art, einen Wein vom zweiten Aufguß; nun muß er Brot haben. Der Weizen ist zu kostbar; er pflanzt oder kauft die Polenta, das Mehl des türkischen Korns. Wie in der Lombardei und in den Marken bedeckt die Campagna von Latium die schöne Pflanze des orientalischen Korns, deren große goldgelbe Kolben die Natur wie ein köstliches Juwel zu betrachten scheint, denn sie hat dieselbe mit neunfacher Einhülle umwickelt. Alles Landvolk genießt die Polenta, entweder als Brei oder als Kuchen, Pizza genannt. Wenn ich jemand auf dem Wege fragte: Was hast du heute zum Frühstück gegessen?, so antwortete er: La pizza – was wirst du des Abends essen? La pizza. Ich habe sie selbst am Herde des Volkes gegessen. Man bereitet sie so: Der gelbe Mehlbrei wird zu einem Fladen geformt und dann auf einem platten Stein über Kohlenfeuer gebacken. Glühend heiß wird der Kuchen verschlungen. Die ganze Familie sitzt um ihn her und genießt in ihm ihre Mahlzeit. Abends gibt es einen Salat vom Felde mit Öl dazu, bisweilen eine Wassersuppe aus Zichorien und andern Kräutern oder Gemüsen bestehend. Oft fehlt das Öl, wie es in diesem Jahre fehlen wird, wo die Ölbäume, nachdem sie im verwichenen überreich getragen hatten, auch die geringste Frucht versagen – ein Bild menschlicher Tätigkeit, oder auch des Glücks und aller Freude, welche flutet und ebbt. Man kann sich denken, mit welcher Aufregung das Landvolk der Ernte des türkischen Korns entgegensieht. Am Ende des Julius wölbt sich der Kolben an der Pflanze, dann verlangt sie Regen. Es fiel keiner; eine glühend heiße Luft lag auf den Feldern. Das Volk geriet in Angst; man beschloß, den Himmel um Regen anzuflehen. Tägliche Prozessionen am Nachmittag; indem sie mich an die heidnischen Gebräuche erinnerten, an jene Rubigalischen Feste, an den Regenstein des alten Rom, den man auf der Via Appia umhertrug, an das «votisque vocabitis imbrem», konnte ich sie nicht ohne Erstaunen betrachten. Es ist wahrhaft befremdend, sich unter einem Volke zu befinden, welches noch in unserer Zeit den naiven Glauben hegt, daß die unerschütterlichen Gesetze der Natur durch Gebet und Geschrei um Gnade können aufgehoben, verändert oder beschleunigt werden. Jeden Abend zogen die Frauen Genazzanos durch den Ort, paarweise, mit ihren roten Kopftüchern, welche schleierartig herabfallen und stets getragen werden, wenn das Weib die Kirche betreten will; vor ihnen die Geistlichkeit mit einem Heiligenbild. Erreichten sie murmelnd und singend den Hauptplatz, so riefen sie mit einer an Raserei grenzenden Inbrunst drei- und mehrmal: «Grazie, Grazie, Maria!», und dieser Schrei, von hundert und aber hundert hellen Stimmen zugleich ausgestoßen, hallte in den Lüften wider. «Et Cererem clamore vocant in tecta» (bei Virgil). Jeden Tag ein anderer Heiliger: aber einer war tauber oder trockener als der andere. Meine Wirtin – sie war bis zu einem gewissen Grade aufgeklärt und besaß obendrein kein mit Mais bepflanztes Ackerland – sagte eines Abends, da wir am Tisch saßen und plötzlich vor unserer Türe jenes rasende Geschrei «Grazie, Grazie, Madonna!» erschallte: «Warum quälen sie doch die Heiligen im Himmel? Sie werden das so lange tun, bis sie böse werden und gar nicht regnen lassen!» Ich selbst war von dieser fieberhaften Aufregung angesteckt und wünschte sehnlich den Regen herbei; ja, ich besuchte die Maisfelder alle Tage; sie waren dem Verschmachten nahe. Endlich trug man Sankt Antonius von Padua in Prozession umher; indem man ihn nach jenem Kloster San Pio brachte, predigte ein Augustiner von der Treppe desselben, unter Fackelschein, während alles Volk die Straße bedeckte, und Zuhörer selbst auf die Bäume geklettert waren – eine sonderbare Szene: Der gestikulierende Mönch, das Heiligenbild, die schwarzen Kreuze, die weißen Soutanen der Chorknaben, die roten Schleier der Weiber, grelle Streiflichter der Fackeln, dunkle Bäume und die herrlichste Bläue über so mächtiger Landschaft,- und alles dies, um Regen vom Himmel herabzuziehen. Endlich bewölkte sich am dritten Tag der Himmel; es donnerte und ein tropischer Regen entstürzte mit heftiger Gewalt.

Es scheint, daß die Götter oder die Heiligen, welche nun ihre Stelle vertreten, nichts schenken, ohne ein Opfer zu verlangen. So geschah es hier; mit dem Regen kam eine Wolkentromba, ein herrliches Phänomen, welches ich reitend beobachtete; es zog von den Volskergebirgen, blauschwarz, über das Tal, und indem es zerplatzte, verwüstete es durch Hagelgüsse einen Strich der Weinberge. Alle Nachmittage Gewitter, Wolkenbrüche, Donnerschläge und Blitze. Dann läutet man mit allen Kirchenglocken, aus Angst. Eines Tages bewegte sich der Ort, alles Volk strömte auf die Gassen; es hieß, vier Personen seien vom Blitz erschlagen worden. Das Gerücht bestätigte sich. Man brachte die Toten in ein Winzerhaus, wo die Polizei durch 24 Stunden lang Wache hielt. Am folgenden Tag stieg das wohllöbliche Gericht auf die Esel, der medichino, der kleine Doktor, und der Chirurg mit ihm, die Leichenschau zu vollziehen. Diese Toten waren zweifellos vom Blitz erschlagen worden. Gegen die Nacht holte man sie herein; sie lagen auf einem Karren, bedeckt mit schwarzen Teppichen; ihnen vorauf ging die Geistlichkeit mit Kerzen, und es begleitete sie die Totenbrüderschaft in schwarzen Mänteln, Windfackeln in den Händen. Der Anblick war ergreifend. Das Volk harrte draußen vor dem Tor. Als der feierliche Zug mit dem Gesang des Totenpsalms heraufkam und das Tor erreichte, streckten alle in unsäglicher Aufregung die Hände empor und stießen ein Klagegeheul aus, so wild, furchtbar und ängstigend, daß es auch das härteste Gemüt würde erschüttert haben. Die vom Blitz Erschlagenen werden nämlich mit Scheu betrachtet, als von Gott hingeraffte Wesen, von denen man nicht weiß, ob sie zur Verdammnis bestimmt seien. Da rissen sich Verwandte, Frauen und Kinder aus der Menge los; ein Weib rang in verzweifelter Anstrengung mit den Umstehenden, welche es festhielten, willens, sich auf die Bahre zu stürzen. Als nun die Leichen einzeln nach der Kirche gebracht wurden, wo sie auf dem Boden die Nacht durch liegen blieben, dieselben Szenen und dasselbe Klagegeschrei. Dies finstere Bild kann ich nicht mehr vergessen.

Die Gefühle dieses Landvolks drücken sich in primitiver Weise aus, und vielfach sind die ältesten Naturzustände hier bestehengeblieben.

Auffallend war mir stets die fast an den Orient erinnernde Zurückhaltung beider Geschlechter von einander. Es gilt dort der Grundsatz: Männer haben mit Männern, Frauen mit Frauen zu verkehren. Man findet es lächerlich, wenn der Ehemann seine Frau am Arm führt, und das Mädchen hält seinen Ruf für gefährdet, wenn es von einem jungen Mann auf öffentlicher Straße angesprochen oder gar von ihm des Wegs begleitet wird. Dem Geliebten wird nur der «discorso» gestattet, das heißt das Zwiegespräch am Fenster oder an der Haustür, jenes alte Liebesgeschwätz, die «lenes sub noctem susurri» des Horaz. Man bringt Serenaden auf der Gitarre; und oft hörte ich Schäferständchen von Gesang und klagenden Tönen der Sackpfeife, welche des Nachts melodisch und trauervoll die Luft durchschweben. In schönen Weisen singt das Volk hier die einfachen, langausgedehnten Ritornelli, und es ist angenehm, im Weinberg Frage und Antwort zweier Liebenden zu hören, welche unermüdlich, wie die Zikaden des Sommers, sich singend zurufen.

Man heiratet hier sehr früh, der junge Mann von 21 Jahren nimmt ein Weib, das oft nicht mehr als 15 Jahre zählt. Ein wirkliches Liebesverhältnis und Verkehr längerer Zeit (was man überall far amore nennt) ist eher bei dem gemeinen Manne als bei den wohlhabenden und höhern Ständen zu finden, wo die Heirat gewöhnlich ein Geschäft ist. Ich erlebte davon ein Beispiel. Ein junger Abbate von 21 Jahren, Sohn einer begüterten Familie des Orts, ging mit dem Gedanken um, in den weltlichen Stand zurückzutreten. Eines Tages kam ein Franziskanermönch von Civitella (die Franziskaner sind hier die Mittler in allen Familienangelegenheiten) zur Mutter desselben und sagte ihr: In dem Ort Pisciano befinde sich ein Mädchen von ungefähr achtundzwanzig Jahren, welches einen Mann suche: Es habe 1000 Skudi Mitgift und sei aus der besten Familie. Wenn nun sie, die Mutter, zu dieser Partie zustimme, möge sie den Sohn befragen. Der junge Mensch ging auf den Vorschlag ohne Besinnung ein; er setzte sich am folgenden Tag in seiner geistlichen Kleidung aufs Pferd und ritt nach dem Wohnort des Mädchens. Nach geschlossener Verlobung wurde der Schneider gerufen, aus dem geistlichen Rock einen weltlichen zu machen; die Schwester nähte in Eile ein Paar graue heiratsfähige, weltliche Hosen, und weil dem jungen Mann eine Weste fehlte, so schickte dessen Mutter in der Heimlichkeit zu mir, mich um eine solche für ihren Sohn zu ersuchen. Also ausgerüstet, präsentierte er sich zum zweitenmal seiner Braut in einem Winzerhaus, wo der Ehekontrakt gezeichnet wurde. Nach Verfluß von drei Wochen kam sie in einem Wagen angefahren, zwei große Säcke voll von Kupfermünzen mit sich führend, und die Trauung wurde auf der Stelle vollzogen. Der junge Ehemann hatte seine Lebensgefährtin vor dieser Zeit nur zweimal, und zwar nur auf Stunden, gesehen. Ein Stübchen im Hause der Eltern war dem Paar eingerichtet, oder vielmehr nur ein kolossales Ehebett darin aufgestellt worden, sonst aber hatte dieses Ereignis keine Veränderung hervorgebracht.

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