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Walpurga, die taufrische Amme

Berthold Auerbach: Walpurga, die taufrische Amme - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorBerthold Auerbach
booktitleJahrscalender auf das Jahr 1867
titleWalpurga, die taufrische Amme
publisherHeimathverlag Freyburg im Breissgau
correctorreuters@abc.de
senderwww.welcker-online.de
created20071126
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Berthold Auerbach

Walpurga, die taufrische Amme

Der Bauer nieste.

Die Bäuerin blickte stolz auf ihre stattliche Tochter Walpurga, als wollte sie sagen: Welch ein weltkluger Mann.

Der Bauer schien befriedigt von dem Eindrucke seiner Äußerung. Er fügte hinzu: »Und noch ein gutes Wort will ich dir für deine Reise schenken: Du sollst nicht stehlen!«

Die Bäuerin glättete ihre blütenweiße Schürze; ihr war es, als hätte sie den Geist ihres Mannes niemals genug gewürdigt. Nun wünschte sie, alle Nachbarn könnten es hören, wie warmherzig und neudenkend der Bauer gesprochen.

Jetzt ergriff Walpurga ihr Bündel und das Wort: »Lebt wohl, ihr Lieben, Guten! Und ich möchte es, was mein Herz so voll macht, noch anders ausdrücken. Also: Auf Wiedersehen. Oder noch anders: Behüt' euch Gott. Oder noch anders: Adieu!«

Die Bäuerin blickte auf ihren Mann, als meinte sie: »Was sagst du zu solchem Sinnreichtum?« Doch der Bauer verwies ihr das Vielreden. Walpurga verließ die wohnhafte Stube, nachdem sie noch ihrem Muttersmann und ihrer Vatersgattin einige herzfrohe Bemerkungen zurückgelassen hatte. Sie ging starkgeistigen Schrittes zwischen Hühnern und Gänsen die düngerduftige Dorfstraße hinab und zum Dorfe hinaus. Alle Leute grüßten das taufrische Mädchen; denn sie war fürstliche Amme geworden.

Draußen, unter der alten Linde, erwartete sie einer. Es war der Joseph vom Breunerhof. Dessen Jacke war schwarz vom Kohlenruß, und auch sein Gesicht zeigte, um die Augen herum Streifen von Kohlenruß. Walpurga schloß scharfsinnig, daß er geweint und sich mit den Ärmeln der Jacke die Augen gewischt habe. Übrigens hatte sie es gesehen.

»Mädle«, rief er aus tiefster Brust, »fühlst du denn kei' Reu' in deinem Herze?«

Walpurga blieb stehen. Joseph sah aus dem feuchten Glanze ihrer Augen, daß ein schöner Gedanke in ihr neu entstanden war. Noch suchte sie vergebens, ihn zu formen. Jetzt zuckte es um ihre Lippen, jetzt röteten sich vor Freude ihre Wangen. Sie hatte die Form gefunden und sprach: »Guten Morgen, Joseph.«

Joseph rieb die Handflächen zusammen, um sich Mut zu machen; dann sprach er: »Ich geh' ins Wasser, wenn du fürstliche Amme wirst! Schau, Mädle, ich glaube ja an dich und deine Reinheit, aber die bösen anderen, besonders der Gruber mit der platten Nase, die hänseln mich und sagen: Ein rechter Bub soll keine Amme lieben. Gelt, du tust mir die Lieb' und wirst nit Amme?«

Walpurga blickte erst sanft und still auf sich Selbst, auf ihre kindlich schlanke Gestalt, dann hob sie die Augen gegen ihn und schaute zu ihm empor so keusch, daß er erschrak.

»Du Stürmischer«, sprach sie, »du Wilder und doch Guter, Reiner! Sie haben dich betört. Ich nenne sie die Pessimisten. Sie haben dein reines Herz gefangengenommen. Sie haben dir gesagt, daß ich deiner nicht wert sei.«

Walpurga warf ihren blonden Zopf nach rückwärts, als wollte sie sagen: So verachte ich euch! Dann fuhr sie fort: »Dir allein will ich sagen, wie ich es zur fürstlichen Amme gebracht habe. Der Fürst wollte für seinen zu erwartenden hohen Sprößling eine Amme, deren kindliches Gemüt noch durch keinen Schatten von Leidenschaft getrübt war, damit der Säugling rein erhalten bleibe. Es wurde also ein braves Mädchen gesucht, das noch nie einen Fehltritt begangen, noch nie seine Eltern gekränkt hatte. Sie durfte noch nie krank gewesen sein und mußte die besten Schulzeugnisse aufzuweisen haben. Du kennst mich, Joseph, ich war immer die beste Schülerin im Schönschreiben: darum muß ich als Amme gehen.«

Joseph schaute bewundernd zur Sprecherin hinunter; Walpurga freute sich, daß er sie weitersprechen ließ, und fuhr fort. »Hätte ich etwa die hohe Ehre ausschlagen sollen? Nein, Joseph, auch ich fühle etwas vom Hauche der neuen Zeit in meinem Herzen. Des neuen deutschen Reiches Herrlichkeit ist mir aufgegangen, als mein Vater zu mir sagte: Geh und nähre die Zukunft deines Landes! Hätte ich vielleicht das hohe Amt von mir weisen sollen? Nein, Joseph, du wirst nicht verlangen, daß ich des Vaterlandes nur einen Augenblick lang vergesse, um einem Einzelnen zu genügen! Ich fühle mich in diesem Augenblicke alleins mit dem Ganzen, ich fühle die Ganzheit in mir. O mein Spinoza! Joseph, völlig verstehst du mich nicht!«

»Da hast du ein schönes Wort gesprochen«, sprach Joseph traurig. »Wenn du mich aber nicht zum Optimisten machst, so daß ich deinen Worten glauben kann, so bleibt mir doch nichts übrig, als ins Wasser zu geben.«

Joseph hatte noch einen guten Einfall. Aber derselbe klärte sich zu keinem festen Gedanken. Darum ging Joseph seiner Wege, um ein Wasser zu suchen, darin zu ertrinken ...

Walpurga aber gefiel bei Hofe gar herzlich. Sie kannte die Welt nicht, sie wußte nichts von Liebe, nichts von Luxus, nichts von Anstand. Sie war eine taufrische Amme.

Der hohe Säugling und seine Amme konnten miteinander zufrieden sein. Er lachte über alles, was sie ihm erzählte, und sie hörte nicht auf, derb und kräftig mit ihm zu schwatzen. Manches gute Wort hörte er da von seiner zweiten Mutter.

Wenn er aber schlief und ihr dann verboten war zu schwatzen, da schlich sie sich hinaus, setzte sich in das tragfeste Gezweig eines alten fürstlichen Birnbaumes und schrieb so ihre besten Einfälle nieder.

Aus dem Tagebuch Walpurgas.

Zweimal zwei ist vier. Bei uns! Ob auch anderswo?

Es gibt arme Leute und reiche Leute auf Gottes allfreier Welt. Wohl dem, der es nicht ist.

Es ist eine Ähnlichkeit zwischen dem Boden der fürstlichen Säle und dem winterlichen Eise auf dem Dorfteich. Wer ausgleitet, fällt hin. Es gibt auch einen Unterschied. Welchen aber?

Wir sind alleins, ich und jedes. Selbst ein Floh hat teil an mir, und wenn man ihn quält, so tut es mir weh, als geschähe mir selbst ein Leid. Freili nit so stark.

Mein hoher Säugling war heute sehr durstig. Ich aber sage: Gut und Milch für König und Vaterland! Ein gutes Wort, das ich einst meinen Kindern hinterlassen will.

Ich wollte, ich hätte Papier genug, um all die warmquellenden, schönen Worte aufzuschreiben, die mir einfallen.

Alles hat mich hier lieb, um meiner Naivität willen. Um mir dieselbe zu erhalten, lese ich täglich gute Dorfgeschichten oder gediegene Werke über die naive Volksseele.

Heute bewunderte der Herr Hofdichter meine Bemerkung: »Alte Liebe rostet nicht.« Ein schönes Wort; ich schenkte es ihm.

Ich habe Heimweh. Heute sah ich auf der Spazierfahrt ein Ochsengespann vor einem Heuwagen. Ich mußte an Joseph denken und sein Mißtrauen.

Was war in der langen Zeit aus Joseph geworden?
Kaum hatte Walpurga von ihm Abschied genommen, als er daran ging, den Tod in den Wellen zu suchen. Er ging zum Dorfteich. Da fiel ihm ein, daß dort die Pferde zur Tränke gingen, und er wollte ihnen ihr Wasser nicht verunreinigen.

Er ging zum Forellenbach. »Die waltende Nemesis«, rief er. »Die Fische sollen mich verzehren, die ich mit solcher Lust vernichtet habe.« Und er legte sich in den Bach und hielt den Kopf unters Wasser. Als aber sein Atem zu stocken begann, stieg er wieder ans Land.

Er folgte dem Bach bis zum nächsten Fluß. Da fiel ihm ein, man würde glauben, er habe geglaubt, man würde ihn wieder aus dem Wasser ziehen; denn der Fluß war sehr belebt. Er aber wollte nicht als verunglückter Selbstmörder sein Leben verbringen und folgte dem Flusse bis zur Hauptstadt.

Dort steht er auf der Brücke und nimmt bereits die schickliche Stellung ein, um hineinzutauchen in die feuchte Urmutter des Lebens. Da naht ein fürstlicher Wagen. Es ist Walpurgas letzte Ausfahrt mit dem hohen Säugling, der morgen schon seiner Amme vom Busen gerissen werden soll. Walpurga blickt in eine freudenlose Zukunft. Dabei ist ihre Erscheinung so unschuldig, so ungeboren-rein, daß der Hofdichter ihr den Übernamen »Walpurga, die taufrische Amme« auferfunden hat. Da erschaut sie ihren Joseph, der zum letztenmal die kleine Barschaft nachzählt, die er in das Reich der All-Einheit mitnehmen will.

»Joseph!« ruft sie. »Hier ist dei Mädle!«

Joseph blickte sich um. Er sah den hohen Säugling an dem zarten Busen des taufrischen Mädchens, er sah die Zukunft des Vaterlandes eins geworden mit dem jungfräulichen Ziele seiner selbstischen Sehnsucht, er sah sich begnadigt, verwandt zu werden den höchsten Gefühlen des Patrioten durch seinen Glauben an Walpurga. Er konnte sein trunkenes Auge nicht trennen von dem hohen Säugling und seinem zaghaft wogenden Lager. Auf die Knie stürzte er hin, und es rief aus ihm: »Mädle, Mädle, du bischt die reinste Amme meines ganze Lebens!«

Der hohe Säugling lächelte den Glücklichen, Seligen huldvoll zu. Langsam ließ er sein zukunftsreiches Händchen von dem zart knospenden Pfühl heruntergleiten, auf welchem es geruht, zweimal wischte er sich mit dem Rücken des Händchens den feingeschnittenen Mund und sagte: »Es ist doch ein tüchtiges Volk.« Das war ein gutes Wort.








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