Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Ein Adlicher aus Wales und ein Ritter aus Cales
    Und aus dem Norden ein Laird,
Doch die jährliche Rent' eines Bauern aus Kent
    Ist mehr als alle drei werth.
Volksspruch Der Graf von Essex schlug nach der Eroberung von Cadix viele Soldaten, welche sich ausgezeichnet hatten, zu Rittern. Die Edelleute aus Wales und Schottland galten bekanntlich für arm. Cadix heißt in dem corrumpirten Volksdialekt Cales. .

Um dies fünfte Kapitel unserer wahrhaftigen Geschichte zu Papier zu bringen, wünschte der Autor, statt seiner Novellistenfeder, den Pinsel eines Hogarth führen zu können.

Wenn wir sagen, daß in dem geräumigen Wirthszimmer eine Gesellschaft Schauspieler versammelt und im Begriff war, die Kleider zu tauschen, wer denkt dabei nicht unwillkührlich an des Meisters auszeichnete Tafel: Wandernde Schauspieler. Wenn es auch in unserer Schenkstube nicht so bunt herging als dort in der Scheune, wenn auch Jupiters Adler keine säugenden Kleinen mit dem Papplöffel fütterte, wenn sich auch Juno kein Schminkpflästerchen ließ auflegen, und Niemand des Menschenblutes wegen die Katze um den Schwanz verkürzte, – denn das Phantastische sollte nicht erst erschaffen wenden, sondern wurde abgethan, und die Elementar- und magischen Werkzeuge lagen in den Winkeln aufgethürmt, – so gab doch eben diese Zerstörungsscene ein lebendiges und eigentümliches Gemählde. Ueberdies waren die Schauspieler, obgleich der Wirth ihnen die Schenkstube zu ihrem gemeinschaftlichen Schlaf-, Wohn- und Garderobe-Zimmer angewiesen hatte, doch nicht die alleinigen Bewohner desselben geworden, sondern verschiedene Bürger, und, wie es schien, auch Fremde, benutzten es als Unterhaltungs-, Speise- und Krönungssaal, so daß die buntesten Gruppen sich gebildet hatten, welche durch den Tabacksdampf, den besonders die am Kaminfeuer sitzenden Fremden verursachten, theilweise ganz verhüllt wurden.

Auf dem Tische und an der Thüre konnte man zerrissene Komödienzettel lesen, deren Inhalt dahin lautete:

»Heute – – wird mit Licenz des Friedensrichters hiesiger Grafschaft, so wie einer ehrenwerthen Stadtbehörde, von der Walter Löllischen Gesellschaft zum letzten Male, vor Eintritt des Verbotes, das errettete Venedig, Trauerspiel von Otway, gegeben u. s. w.«

Nur noch zum Theil sah man die Kleidung der Venetianischen Nobili; die meisten Herren und Damen hatten bereits das edle Schwarz, um es vor Staub und Tabacksdampf zu schützen, in die großen Schubsäcke in den Winkeln eingepackt, und aus den stolzen Damen und Edlen waren Passagiere von der Art geworden, welche die Landkutschen gemeiniglich erst, wenn sie aus den Thoren ausgefahren sind, auf freiem Felde besteigen, in den Wirthshäusern aber sich in die Ecken mit ihrem Bündelchen drücken und nach dem Preise der Ale fragen, ehe sie sich bedenken, ob sie eine Kanne fordern sollen. Wie der Tyrann und König sich in einen Schemmel geworfen, oder, mit beiden Armen auf den Tisch gestützt, da er kein Zeichen seiner Würde weiter an sich trug, diese zu erkennen geben wollen; wie die erste Liebhaberin, ohne Flittergold und Liebreiz, doch mit zerrissenen Zügen beide erheucheln wollen; wie der lustige Clown hier zu einem gemeinen vierschrötigen Kärrner herabgesunken: alles dies, so wie die Beschreibung etwa verfänglicher Blicke der Theater-Prinzessinnen mit anwesenden Kunstfreunden, Händedrücke des ersten Liebhabers mit der beliebten Wirthin, übergehen wir, da wir uns theils nicht für berechtigt halten, das schon von so vielen ehrenwerthen Vorgängern Aufgezählte zu wiederholen, etwas Neues aufzufinden unmöglich ist, und wir nichts mehr als Uebertreibung fürchten, theils aber auch die Phantasie unserer Leser wohl reich und geübt genug ist, um das Gemählde nach den von uns entworfenen Skizzen weiter auszuführen.

Den gewichtigsten Mittelpunkt bildete der Direktor der Truppe, welcher mit einer Brille auf der Nase und im Schweiß seines Angesichts, die heutige Einnahme auf dem Tische zählte. Die Rechnung schien nicht zu stimmen, und er fing immer wieder von neuem an zu zählen, und die Schillinge in Pfund Sterlinge zu verwandeln; eine Arbeit, welche indessen das Aussehn hatte, als mache er sie mehr für eine hinter und neben ihm stehende Person, und wenigstens unter deren Controlle, als für sich selbst ab. Diese Person war Niemand anders als der Wirth, der sich hinter den Stuhl des unglücklichen Direktors in der Art postirt hatte, daß er mit seinen beiden, vermittelst der gewaltigen Fäuste auf den Tisch gestemmten, Armen ihn so umschloß, daß weder an ein Entkommen, noch an ein Unterschlagen zu denken war. Man konnte auf den ersten Blick bemerken, daß der Wirth ohne Brille bei weitem besser, fester und sicherer sah, als der Direktor, und auch keinen Pence aus dem Auge verlor. Es war eine jener festen Gestalten, von denen einer unserer älteren Dichter sagt:

Von Kiesel war sein Leib, und seine Glieder Erz,
Sein Auge, das war Blei, und von Asbest sein Herz;
Ich kann nicht sagen, was die Seele mochte sein,
Doch war der ganze Mann, das weiß ich, nur ein Stein.

Er machte auch nicht die geringste Bewegung, den Direktor aus seinen Nöthen zu helfen, selbst wenn dieser in seiner Bestürzung nur einen offenbaren Rechenfehler gemacht hatte. Was haben wir nöthig, die äußere Erscheinung eines solchen Mannes genauer zu schildern, wenn wir wissen, daß er ein Gastwirth ist? – Mahlt ihn nicht Jeder unserer geneigten Leser sich als einen corpulenten, ziemlich großen Mann mit einer kahlen Glatze, wenn es der Anstand erlaubt in einer Weste und Hemdsärmeln, sonst in einer kurzen braunen Jacke oder dergleichen Rocke, aus? In der einen Hand hält er die Kreide, und mit den Augen, wenn sie auch von Stein sind, fliegt er doch im Zimmer umher, auf seine Gäste zu achten. Nur etwas müssen wir bemerken, weniger zur Charakterisirung unseres Gastwirthes, als zur Berichtigung der Generalcharakteristik dieser ehrenwerthen Classe. Es ist die Sitte von unsern ältern Novellisten auf die unserer Tage übergekommen, die Gastwirthe als die zuvorkommensten, freundlichsten, knechtisch-kriechende Wesen, welche ihre Waaren mehr als der Marktschreier ausbieten, zu schildern, – wo aber findet man noch dergleichen Geschöpfe? Treten uns nicht im Gegentheil häufiger sehr grobe Männer an den Thüren entgegen, als höfliche? Der Autor hat bei seinen Reisen, in den ersten Hotels, wie in den schlechten Dorfschenken, im Durchschnitt mehr geldstolze, ärgerliche, als solche Wirthe gefunden, wie er verlangt und als Muster aufstellen möchte, die nämlich nichts anbieten, nichts anpreisen, aber auf jeden Wink des Reisenden, dessen Bedürfnissen entgegen kommen; solche Wirthe dagegen, welche sich an den Wagen drängen, den Pferden den Vorrang ablaufen möchten, ihren Rücken als Wagentritt anbieten, hat er kaum ein oder zwei Mal gefunden. Fragt man nach der Ursach dieser Veränderung, – denn daß auch die Wirthe ehemals in der letzten Art aufgetreten sind, verbürgt uns die bekannte Wahrheitsliebe unserer classischen Novellisten, – so geben Einige vor, der Stand der caupones der zu der Römer Zeiten, als halb unehrlicher, mit einem gesetzlichen Makel behaftet gewesen und noch von Cervantes und Le Sage als sehr anrüchtig aufgeführt wird, habe sich mit der allgemeinen Civilisation auch gehoben, und mit der Niedrigkeit und Verachtung sei auch die knechtische Demuth verschwunden. Andere behaupten, die Französische Revolution habe durch die Aufstellung der Idee einer allgemeinen Gleichheit auch auf die Gastwirthe gewirkt; welcher Meinung wir indessen nicht beistimmen können, da wir aus eigener Erfahrung uns nicht erinnern, daß die Wirthe vor dieser Umwälzung weder auf dem Continent noch unserer Insel höflicher gewesen als jetzt. Weiter nach dem Grunde dieser Veränderung zu forschen, liegt uns nicht ob; ja wir würden vielleicht scheele Blicke von unsern Lesern, noch mehr aber von unsern Leserinnen einerndten, ließen wir uns weiter aus über dergleichen für sie verlegene Dinge; es war aber unsere Pflicht, – welche jedem wahrheitsliebenden Novellisten obliegt, – die zeitgemäße Veränderung auszusprechen, besonders da unser Wirth in keiner Art zu den höflichen der guten alten Zeit zu rechnen ist. Noch müssen wir bemerken, daß, wenn auch die Sitte der demüthigen Zuvorkommenheit längst aufgehört hat, die des Schreibens der Rechnung mit doppelter Kreide, – eine uralte – überall, trotz Revolution und Restauration, geblieben ist.

Den Gegensatz zu dem gepeinigten Direktor bildete ein Holländer – wer könnte einen solchen auch nur auf den ersten Blick verkennen, – welcher dicht am Kaminfeuer seine Pfeife schweigend rauchte, und wie laut auch hier die Schauspieler über die Trefflichkeit der heutigen Vorstellung, dort einige Liebhaber über den Vorzug des Spieles zweier Heldinnen, am Fenster ein Paar Bürger über das Sinken der Stocks und den Sinkingfond stritten, wie hoch auch die Angst des Direktors und die boshafte Kälte des Wirthes stieg, nicht einmal den Kopf wendete, oder die Ohren spitzte, und in jeder Muskelbewegung, oder, richtiger zu sprechen, jeder Muskelruhe seine gänzliche Theilnahmlosigkeit bekundete. Wem, der ein Gemählde, sei es von Tenier, Netscher, Mieris, Gerard Dow, oder sonst einem Niederländer, gesehn hat, steht nicht in lebendiger Erinnerung ein solcher am Feuer bedächtig rauchender Minheer vor Augen, dem die ganze Welt über die eine Pfeife verschwunden scheint. Die Pfeife bedeutet aber doch mehr als – eine Pfeife. In dem aufsteigenden Qualme erblickt der Minheer die schönsten Zahlenbildungen, Rechenexempel, Additionen, Multiplicationen, Gesellschaftsrechnungen. Von Allem aber sieht der bedürftige Mann mit innigem Wohlbehagen in dem langsam und breit aufsteigenden Dampfe seine Speculationen, und niemals wird man einen Holländer bemerkt haben, seine Dampfwolken wegblasen. Nichts stört seinen ruhigen scharfen Blick, und wenn ein Zufall ihm die schönen Rauchbildungen wegscheucht, kann auch dies ihn nicht ärgern, sondern er schmaucht von neuem seine Glücksbilder sich empor.

Dem Holländer gegenüber saß ein ältlicher Mann, von untersetzter Figur, mehr stark als mager. Er trug einen hellgrauen schlechten Ueberrock, Stiefeln über den Hosen und auf dem Kopfe einen weißen Hut. In seinem, sonst durch keinen charakteristischen Zug markirten Gesichte, trat nur eine Leidenschaft recht lebendig hervor, und wer ihm gegenüber sitzend einen Tag lang den Mann beobachtet hätte, würde wenig mehr aus ihm entziffert haben, als daß er sich über Alles, was irgend vorgefallen, ärgere. Auch er schien, gleich dem Holländer, keinen Antheil am Treiben der Gesellschaft zu nehmen, denn er hatte seinen Stuhl so gerückt, daß er allen Anwesenden den Rücken kehrte und nur das Feuer ansah. Diese Theilnahmlosigkeit war aber deutlich eine mehr affectirte als wirkliche, und ganz das Gegentheil von der, welche den Holländer beherrschte. Während der Minheer auf seinem Sessel mit unverwandtem Gesichte auch dann sitzen blieb, wenn ihm Jemand zu nahe kam, ohne in seiner Ruhe gestört zu werden, wurde der Andere von jeder Bewegung belästigt. Es war unmöglich, daß er in einem so vollen Zimmer ganz ohne Berührung mit den übrigen Anwesenden hätte bleiben können; sobald aber Jemand sich ihm näherte, oder von einer Seite lauter als bisher gesprochen wurde, wandte er sich mit dem Anzeichen des höchsten Aergers auf die andere Seite, und blieb auf diese Art, – um entweder sich selbst oder den Andern seine Nichttheilnahme an ihrem Treiben zu zeigen, – in beständiger Bewegung, und bewies in der That, daß er auf Alles, was vorging, mehr als Jedermann im Zimmer Acht gebe. Auch er schien seine Absonderung von der ihn umgebenden kleinen Welt durch Rauchen ausdrücken zu wollen; aber wie die ruhigen Dampfwolken des Holländers dessen Leidenschaftlosigkeit ausdrückten, so zeigte das plötzliche und heftige Aufqualmen, das öftere Ausgehn der Pfeife, wenn Jener sie minutenlang aus dem Munde genommen, um einem Gespräche zuzuhören, von dem Affecte ihres Herrn. In der einen Hand hielt er ein Zeitungsblatt, in welchem er eifrig zu lesen schien, denn bald knitterte er es zusammen, ließ es fallen, hob es dann wieder auf, schien einige Stellen zu durchfliegen, andere zu buchstabieren, murmelte auch wohl zuweilen ein Liedchen zwischen den Zähnen, und gab sich dennoch alle Mühe zu erkennen zu geben, daß er gar keinen Antheil an demjenigen nähme, was in der Zeitung enthalten sei.

Nicht weit vom Kamine, aber in einem dunkleren Winkel des Zimmers, saß, ebenfalls rauchend, ein Mann, scheinbar etwas über seine besten Jahre hinaus. Er war nicht elegant, aber doch so gekleidet, daß sich Wohlhabenheit in seinem Anzuge aussprach. – Seine Stellung war von der Art, daß er weniger bemerkt werden konnte, dafür selbst eine desto bessere Aussicht auf die Anwesenden hatte. Da er gerade im Augenblicke, wo unser Reisender in's Zimmer trat, aufstand, um eine Kohle vom Feuer zu holen, konnte ihn dieser genauer betrachten. Er war von mittlerer Größe, nicht grade schön gewachsen, hinkte etwas, und doch lag eine gewisse Würde in seinem Auftritt. Er hatte einen schwarzen Leibrock an und darüber einen ziemlich weiten Ueberrock gezogen, welcher bis über die Knie gehend, seinen ganzen Körper bedeckte und nur erkennen ließ, daß er hohe Stiefeln trug. Aus dieser dunkeln Kleidung blickte aber die feinste Wäsche hervor, und ein feiner Castorhut lag auf dem Seitentische, an welchem der Mann saß. Sein Gesicht war keineswegs ausgezeichnet, und ein flüchtiger Beobachter hätte in den verwischten, fleischigen Zügen nur freundliche Einfalt oder gar Dummheit lesen mögen. Wer aber genauer die Züge betrachtete, und auf die ironische Zusammenziehung der Lachmuskeln und die charakteristische Bewegung des Mundes, so wie die dunkeln Augenbrauen, achtete, mußte schon einen bessern Begriff von dem Manne bekommen. Wollte aber ein Physiognomiker sich noch genauer mit ihm beschäftigen, und ihn stundenlang nicht aus dem Auge lassen, so würde er zuweilen die unter den Brauen gewöhnlich zusammengepreßten Augen weit offen, und Blicke aus denselben vorschießen gesehn haben, welche ein innewohnendes Feuer und zugleich den Willen und die Kraft verriethen, alles was sichtbar um ihn her vorging, in seiner schärfsten Skizzirung aufzufassen.

Außer einem Gesichte, welches durch seine gekrümmte Nase, schwarzen Haare, feurigen Blicke und gelbe Colorirung sich sogleich als Französisches zu erkennen gab, und dessen Herr beschäftigt war, eine der Schauspielerinnen abzukonterfeien, war keine in der Gesellschaft besonders hervortretende Figur, als unser Held, mit seinem Führer hinter sich, in das Gastzimmer trat. Er begrüßte den Wirth und die Versammelten, ohne jedoch weder von jenem noch diesen besonders beachtet zu werden. Der Franzose blickte einen Augenblick in die Höhe; der Weißhut wandte sich nach ihm um, brachte aber seinen Kopf eben so schnell in die vorige Positur, als wolle er damit aussprechen, wie leid es ihm thue, des Eintretenden willen ihn im geringsten aus seiner Ruhe gebracht zu haben; und der Wirth hob erst dann ein wenig den seinigen, um die Natur des Ankommenden zu erfahren, als dieser eine Kanne Porter verlangt hatte. Ein geschickter Gastwirth kann mit wenigen Blicken erkennen, ob ein Gast aufzunehmen oder abzuweisen sei; unser steinerner Mann verlängerte aber seine Bedenkzeit durch eine lang gedehnte Frage.

Zu Fuß? –

Ja im Augenblicke zu Fuß, und früher zu Schiffe. –

Die ganze Equipage, – die der Mann da trägt? –

Gegenwärtig. – Ich habe Schiffbruch gelitten. –

So, so! – Ja, Master Lolly, da fehlen zehn Pence am Schilling, und da sechs Schilling am Pfund. – Ein Glas Porter! Hm, hm! – Der Porter ist aufgeschlagen! – Jeanny eine kleine Kanne Porter. –

Ohne sich weiter um den Gast zu kümmern, rechnete er mit dem Direktor fort, und der junge Mann suchte anderwärts nach einem Platze, welchen er, mit dem einzigen leeren Schemmel, sehr natürlich in der Nähe des Feuers, einnahm, da das Feuer ihm eine wärmere Unterhaltung als die lebendige Gesellschaft versprach. Ein Reisender, welcher lange des Umgangs mit gleichgebildeten Wesen entbehrt hat, pflegt, wenn er zum ersten Male wieder solche findet, wäre er auch sonst ein Misanthrop, nicht schweigsam zu sein. Der uns'rige suchte daher, obgleich ihm der Eintritt in das Zimmer wenig Muth gemacht hatte, alsbald ein Gespräch anzufangen, und wandte sich deshalb zuerst an seinen Nachbar den Holländer:

Wie ich sehe, ist heut hier Schauspiel gewesen? –

Der Minheer, ohne von seiner Pfeife aufzublicken, erwiederte.

Wohl möglich. Es sollen Komödianten hier sein. – Damit hörte das Gespräch auf, der junge Mann aber ging, davon nicht abgeschreckt, nun seinen Nachbar zur Rechten, den Zeitungsleser und Weißhut, an:

Sie, mein Herr, haben vermutlich das Schauspiel besucht?

Um dergleichen unnütze Künste, die das Geld dem Volk aus der Tasche locken, ohne wieder einzubringen, bekümmere ich mich nicht, erwiederte der Aergerliche; und die Unterhaltung wäre abermals abgebrochen worden, wenn er nicht zugleich, etwas unsanft den Arm des Reisenden berührend, ihn gegen die Seite, wo die Schauspieler saßen, gestoßen hätte, und zwar mit den Worten:

Von denen da kann der Herr Erkundigung einziehn. Ich, – und jeder ehrliche Britte – wird von den brodlosen Geschichten eher nichts wissen, als bis es den erleuchteten Herrlichkeiten im Ministerium einst gefällt, in dem unbestechlichen Parlamente eine neue Taxe durchgehn zu lassen, daß die Armen monatlich ein Pfund zum Vergnügen der Reichen zahlen sollen. Für Bibliotheken, Antiquar- und Gemähldesammlungen müssen wir schon zahlen, das Theater wird nun zunächst dran kommen, und dann werden wir auch die Dichter zu besolden haben, welche auf die Oekonomie von Herrn Castlereagh und Canning Lobgedichte schrieben. Armes Alt-England!

Noch hatte der Reisende Muth, und kehrte sich zu einem Schauspieler, der ihm zunächst, obgleich mit dem Rücken zugewandt, saß:

Es thut mir leid, nicht früher hier angekommen zu sein. Sie gaben heut' das errettete Venedig, mein Herr? –

Sie können sich glücklich schätzen, – sagte der Schauspieler, indem er grade nur so viel den Kopf umbog, damit der Fragende auch die böse Miene sehn konnte, mit welcher er die verdrießliche Antwort gab, – denn der da hatte die Thorheit, noch den Pietro zu geben. (Er zeigte auf den Direktor.) Mich wundert, daß das Publikum bei solchem egoistischen Verkennen wahrer Talente das errettete Venedig nicht schon längst von der Bühne verwiesen hat, bis endlich die Polizei der Kritik in's Handwerk greifen mußte.

Hier stieß der Direktor einen Seufzer aus und blickte aus seinem Käfig wehmüthig nach der Gegend der Sprecher.

Das arme errettete Venedig! Es fing grade in diesen Zeitläuften an, Epoche zu machen und ein Cassenstück zu werden, – man pochte, man klatschte bei den Scenen, daß der Künstler sich erholen konnte, und wenn er nur deutlich sprach, war er des Beifalls gewiß; und da kommt der geheime Cabinetsbefehl: binnen Jahresfrist es nicht aufzuführen. Ich gäbe lieber in fünf Jahren kein Shakespearsches Stück, könnt' ich noch zwölf Mal mein armes Venedig agiren!

Was? schrie der Weißhut, ballte die rechte Faust und drehte sich nach dem Direktor zu, – Was? – Verboten? – Das errettete Venedig verboten! Durch einen Cabinetsbefehl verboten, nicht durch eine Bill, die beide Hauser passirt hat, sogar mit Verletzung der Form? – Und haben Sie nicht dagegen protestirt? – O armes Alt-England, wo begräbt man deine gemordeten Freiheiten?

Mein armes errettetes Venedig! fuhr der Direktor fort. Der Andere aber fragte:

Ein so treffliches Stück! Aber was hat es begangen? Steht etwa drinnen eine Proposition zur Dividende des Nationalreichthums? –

Nicht im geringsten Herr Dulberry! Ich möchte sagen, das Stück ist loyal. Sonst wenigstens galt es dafür, und was man jetzt republikanische Ideen nennt, hieß damals gut königlich und hannöversch. – Kein Mensch ist unglücklicher und gleicht mehr einer Wetterfahne, die auf den leisesten Windzug achten muß, als ein unglücklicher Schauspieldirektor. Er muß, wenn der Feind draußen geschlagen ist, patriotische Stücke geben, sonst schlägt Jan Hagel ihm die Fenster ein; er muß, wenn das Volk agitirt ist, freiheitathmende Dramen spielen, sonst ist das Theater leer; er muß aber auch loyal bleiben, sonst schließt ihm die Polizei die Thore; er muß Cassenstücke geben, wenn er klassische geben will, und er wird von allen Zeitungsblättern herunter gerissen, wenn er Cassenstücke giebt. Sonst war das anders. –

Sonst war's anders, Herr Lolly, – fuhr der Aergerliche fort. Jedes Stück durfte gegeben werden, als noch das fremde Gold nicht in unsers Ministerii Taschen gewandert war, und die Tage von 1688 und 1715 und 1745 noch im Gedächtniß lebten. Armes Alt-England!

Hierbei ergriff der Mann wieder eifrig seine Zeitungen, schmauchte einige Züge, stampfte auf den Boden und gab seinen Aerger zu erkennen, sich in das Gespräch der Wirthsstube gemischt zu haben. Der Direktor wurde von neuem durch den unbarmherzigen Wirth auf seine Rechnung verwiesen, und das kaum und mit Mühe angeknüpfte Gespräch war abermals ausgegangen. Doch entspann sich bald ein neues über die streitige Rechnung. Der Wirth hatte so viel gegen die Rechnungslegung auszusetzen, daß der Direktor endlich die Geduld verlor. Er sprang plötzlich auf, indem er bei der raschen Bewegung seinen Gefangenwärter beinahe umgestoßen hätte, setzte den Hut auf und trat ihm, ähnlich dem eingeschlossenen Hirsche, wenn er kehrt gegen den Jäger macht, mit den Worten entgegen:

Sir! Sie gaben mir Ihre Rechnung und ich mache keine Ausstellungen dagegen, außer wenn ich bezahlen soll, was ich nicht empfangen habe. Dies hier ist meine Rechnung, die ich für mich anstelle, und beim – ich möchte wissen, wer sich darum zu kümmern hat, ob sie richtig ist oder nicht! –

Der Ihnen und Ihrer Truppe Logis, Speise und Trank schon seit drei Wochen vorgeschossen hat, und wenn nächsten Sonnabend nicht die Rechnung abgetragen ist, Arrest auf sämmtliche Habseligkeiten legen wird. –

Der aber, – fiel der Direktor heftig in's Wort – nicht jeden Abend auf meine Casse Beschlag legen und mich zwingen kann, ihm Schilling für Schilling Einnahme und Auslage zu berechnen. –

Der aber der Ordnung wegen täglich revidirt und ein gesetzliches Pfandrecht auf Alles hat, was in sein Haus gebracht wird, und drum –

Das wäre eine Verspottung aller Gesetze, des geheiligten Eigentumsrechtes, meiner Freiheit! Eine so thörige Anforderung, als wenn jeder lumpige Reformer, weil er etwa für gelieferte Krämerwaaren eine Forderung an die Krone hat, vom Kanzler der Schatzkammer eine Rechnungslegung aller Einkünfte der vereinigten Königreiche verlangte. –

Der Schauspieler hatte ein übles Gleichniß im Eifer der Verteidigung gewählt, denn Master Dulberry wurde hierdurch abermals aus seiner philosophischen Ruhe am Kamine erweckt, und wider Willen in das Gespräch gezogen, diesmal aber nicht zur Vertheidigung des Direktors, sondern um ihn von einer andern Seite anzugreifen.

Thörig, Herr Lolly? Wer berechnet uns denn unsere Taxen? wer sieht nach, daß das Blut, was sie den armen Leuten aus den Adern pressen, für das ganze Land verwendet wird? Etwa das Parlament, wo zwanzig feiste Herren, die sich Opposition, oder Whigs, oder wie's ihnen sonst beliebt, nennen, so lange gegen ihre Herrlichkeiten sprechen, bis es denen beliebt, eine Sinecure ihnen an den Hals zu werfen, und andere junge Leute in die Stelle treten, um nach Aemtern ihre Redejagd anzustellen? – Mein Herr Lolly, wenn's nicht noch ehrliche, rechtliche Leute, von altenglischer Einfalt gäbe, die den Ministern, wo es ist, entgegen träten und die Rechnungen über den Staatshaushalt drucken ließen, dann gäbe es bald keinen Staatshaushalt mehr, und wir könnten uns nur alle in die Sclaverei verkaufen, um die Taxen zu bezahlen. Jeder Patriot, der rechnen kann, muß dem Staate nachrechnen, und weder Husarensäbel noch die Schlangenworte der Schriftgelehrten fürchten.

Der erhitzte Direktor fühlte sich stark genug, auch gegen den Reformer die Offensive zu ergreifen.

Ein ausgedörrter Reformer, so ein aus Abstractionen zusammengesetztes fleisch- und saftloses Gerippe, ein ganzer Mensch, welcher nichts weiter als ein Rechenexempel ist, der, während er Ordnung und Freiheit predigt, gegen alle Freiheit streitet, der kann wohl gegen Staat und Kunst und gegen das Eigentum losziehen und Narrheit wie die Gewaltstreiche lieben. Die Reformer gleichen den verbrannten Schwärmern der Rebellion, die auch den Staat und die Kirche nicht achteten, und – nie das Theater besuchten.

Man hätte erwarten sollen, Herr Dulberry, den früher jeder, ihn auch nicht im entferntesten betreffende Umstand aufreizte, werde bei dieser offenbaren, und nur durch das erhitzte Gemüth des Direktors zu entschuldigenden, Beleidigung in Feuer und Flammen gerathen, und seinem Ingrimm vollen Lauf lassen; im Gegentheil aber blieb er ganz ruhig, denn ihn, der nur in Gedanken lebte, konnte auch nur der Gedanke reizen. Gegen persönliche Beleidigungen, gegen Spott und Hohn war er abgestorben. Er erwiederte nur wenige Worte und fuhr dann ruhig fort zu rufen:

Immer hab' ich's gesagt, daß Komödianten und alle unnützen Brodesser Torys sind, und gegen die Nation. –

Der Schauspieldirektor wurde, vielleicht schon früher durch Wein aufgeregt, durch die kaltblütige Bosheit des Wirthes aber aufs äußerste gereizt, immer heftiger; und, wie es zu gehen pflegt, daß der Zornige seine ganze Wuth nicht auf den, welcher sie erregt hat, sondern auf den Gegenstand, welcher sich ihm zuerst darbietet, ausläßt, so wandte er auch jetzt seinen Ingrimm vom Wirthe ab, und gegen den unschuldigen Master Dulberry, der doch bei der Unterbrechung des Gespräches nichts weiter bezweckt hatte, als seine bekannten Grundsätze über Staats-Form und Reform, welche er bei jedem Thema anzubringen wußte, auch hier auszukramen.

Unnütze Brodesser ist eine Injurie. Ich habe Zeugen und will die Klage gegen einen solchen gefährlichen, schädlichen, unnützen Unterthanen anstellen.

Unnützer Unterthan ist eine Injurie. Injurie gegen Injurie hebt sich.

Man sollte nicht dulden, daß solche Landstreicher, welche Unzufriedenheit im Lande erregen, frei umherziehn. Was hindert unsern Squire, diesen gefährlichen Menschen über die Gränze zu schaffen! –

Die Gesetze, Master Lolly! – sagte der Reformer, der immer mehr in eine Ruhe versank, welche den Andern außer sich brachte. Er fuhr fort:

Sie verführen nicht allein die Jugend, sondern auch bejahrte und wohlhabende Männer, sich nicht mehr den erlaubten und gesetzlichen Vergnügungen hinzugeben. Es ist ein Aergerniß, in den Städten, wo ihre Clubbs regieren, die leeren Theater zu sehen. Verkehr und Industrie hören auf. –

Desto besser werden sie einst wiederkommen, wenn die Noth die Reichen zur Vernunft zwingt.

Reiche sind ohne Vernunft? – Das könnte zum Majestätsverbrechen gegen den Vagabunden werden.

Dulberry wandte sich, ohne zu antworten, an den Wirth, und sagte:

Herr Evan, wenn Sie nicht bald den Herrn dort zum Schweigen oder ihn zur Thür hinaus bringen, werde ich gegen Sie bei der letzten Viertel-Session Klage anheben: Wegen culposer Zulassung gefährlicher Consultationen und Störung des quasi-Hausfriedens.

Ich habe gehört – sagte der Direktor – einem Reformer gingen nie die Gründe aus; aber hier scheint es der Fall zu sein, da er zum allerletzten – ihm fremden Mittel greift, zum Gesetze.

Ein Freund der Nation redet da, und so lange als guter Boden ist, wenn auch täglich die Sperlinge den hingestreuten Saamen verzehrten; wo aber gar kein Grund und Boden ist, schweigt er, denn es heißt: Vor Narren predigen Narren.

Der Wirth war Herr über Aerger und Zorn, und verlor seinen wahren Vortheil nie aus den Augen. In diesem Augenblicke wäre der politische Streit beider Ehrenmänner vielleicht weit schädlicher geworden, als die unordentliche Rechnung des Direktors; er stand daher von der weitern Verfolgung des letztern ab, und beeiferte sich nur, die Eintracht wieder herzustellen.

Was, meine Herren? Habe ich meine Wirthsstube als Boxplatz vermiethet? Wer von Politik sprechen will, der kann hinaus auf das Feld gehn, und dem Winde predigen, oder nach London in die privilegirten Tavernen; hier aber muß Friede und Ordnung sein, wie ich es dem Squire versprochen habe. Alles dulde ich hier, Jedermann darf bei mir einkehren, was für ein Gewerbe er auch treibt, wenn er's bei sich verantworten mag, denn unsere Stadt ist ein Markt und Handels-Flecken am Meere, und ich dulde alles hier, alles, nur nicht Politik; denn wo Politik ist, ist auch die Polizei, und wenn die Polizei erst visitirt, ist es aus mit Handel und Wandel, und ich will als ein ehrlicher Wirth Handel und Wandel aufrecht halten.

Das ist recht gehandelt! – scholl es von allen Seiten, und es schien selbst, als bewege der Holländer freundlich einstimmend seinen Kopf. Dulberry hatte schon vorher gezeigt, daß es ihm nicht darauf ankomme, den Kampf fortzusetzen, und der Direktor war froh, bei diesem politischen Streit seinen ökonomischen Gegner für heut vom Halse geschafft zu sehn. Er räusperte sich, nahm den Hut ab und setzte sich nieder; dann aber, bedenkend, daß er durch einige wohlgefällige Worte dem Wirthe zugleich seinen Dank abstatten und sich ihn geneigt machen könne, begann er von neuem in ruhigerm Tone:

Ganz recht, Herr Wirth! Ich würde an Ihrer Stelle auch niemals Politik dulden. – Solche Streitigkeiten tragen keine Früchte, außer heisere Kehlen den Zänkern; und Ihre Wirtschaft ist wohl besser basirt, als daß Sie darauf, wie andere Knauser von Spekulanten, rechnen, daß heisere Kehlen mehr trinken als gesunde. – Zudem sind ja unsere Reformer keine Freunde der Gastwirthe, da sie nicht Wein trinken, nicht Kaffee, Thee, nicht Bier, ja nicht einmal gebranntes Wasser, nach welchem doch oft die Begeisterung ihrer Redner schmeckt.

Master Dulberry verhielt sich ganz ruhig, als höre er diesen Angriff nicht, und der Wirth nahm seine Partie:

Keine Beleidigung gegen irgend Jemand. Jedermann lasse ich seinen Willen, er mag trinken oder nicht. Die Reformer mögen auch gute und ehrbare Leute sein, wie denn Niemandes Gewissen einen Andern angeht, am allerwenigsten den Wirth. –

Dem Reisenden war die Unterhaltung nicht erwünscht. Kaum, daß es ihm gelungen, ein Gespräch anzuknüpfen, so erhielt es eine politische Wendung und schloß mit einer Erbitterung, deren Ausbruch zur offenbaren Feindseligkeit nur durch die Umstände verhindert zu werden schien. Er hätte gern ein Gespräch angefangen, welches ihn mit den Merkwürdigkeiten von Wales, und besonders denen der nächsten Umgegend, bekannt gemacht hätte; bei dieser Stimmung der Gemüther mußte er indessen die Hoffnung aufgeben, und wartete beim Porter ruhig die Gelegenheit ab, wo ohne sein Zuthun das Gespräch eine günstigere Wendung nehmen dürfte. Das Glück begünstigte ihn gewissermaßen, indem er nicht lange zu warten brauchte, bis er selbst die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zog. Er hatte eben einen Zug Porter getrunken, als eine helle hohe Flamme vor ihm aufstieg, gleich als würde plötzlich das Zimmer von einem Blitze erleuchtet. Als er sich umblickte, sah er seinen reformirenden Nachbar zur Salzsäule verwandele auf dem Stuhle sitzen. Der Mund war geöffnet, das Auge starrte weit vor sich, die eine Hand war geballt und die andere mit dem Arme niedergesunken. Ihm war das große Zeitungsblatt entfallen und, von den Kohlen des Kamines angezündet, aufgelodert, so daß man nur noch die glimmende Asche bemerkte.

Um Himmelswillen, Herr Dulberry, was giebt es? – ertönte es von allen Seiten. Der Mann schien aber auch für einige Secunden seine Sprache verloren zu haben, denn er mußte erst aufstehn, seinen Hut hastig abnehmen und wieder aufsetzen, ehe er einen Laut von sich geben konnte.

Was giebt es, Herr Dulberry? schrie abermals die von allen Seiten sich erhebende Gesellschaft. – Ist die Silberflotte versunken? Hat Bolivar die Royalisten geschlagen? Wird die Oesterreichische Anleihe gezahlt? Ist Napoleon entsprungen? –

Weit wichtigeres, weit himmelschreienderes, meine Herren! Ein Engländer ist in Frankreich gefangen und der Regierung ausgeliefert worden. Meine Herren, ein Engländer – ein Engländer!

Wie, woher, unter welchen Umständen? schrie es von allen Seiten. – Die Französische Regierung hat ihn gefangen?

Nein, die Englische! Das Blutbad von Manchester, wo die Husaren, ohne daß die Aufruhrakte gelesen wurde, in das ruhig versammelte Volk einhieben, wo Hunderte meiner freien Mitbürger bluteten unter den Säbeln der Rothröcke und unter den Hufschlägen ihrer Pferde, das Blutbad von Manchester, meine Mitbürger, ist, sage ich, nichts gegen den neuen Frevel gegen unsere Gesetze, gegen die Freiheit, gegen die habeas corpus-Akte.

Und auf Französischem Grund und Boden hat ihn unsere Regierung ergreifen lassen, das wäre ja eine Beleidigung der Französischen Autorität? –

Ja, in Frankreich ist er ergriffen.

Wie aber ging das zu?

Als er eben auf der Insel Wight in den Kahn gesprungen, um nach Frankreich überzuschiffen, packte man ihn von hinten und zog ihn auf's Land zurück.

Dann hat man ihn aber nicht in Frankreich, sondern noch in England ergriffen. –

Mit nichten, Ihr Herren, sobald der Engländer seine Absicht ausdrückt, nach Frankreich zu gehn, und sie in der Art in's Werk gesetzt hat, daß er von der Englischen Küste in's Schiff gestiegen ist, so ist er nicht mehr in England, sondern in Frankreich, es wäre denn, daß er einen Protest dagegen aufnehmen lassen.

Nicht also, Herr Dulberry, schrie es von mehreren Seiten. So weit die Englischen Kanonen reichen, eine Meile in's Meer, ist Engländischer Grund und Boden noch.

Mit nichten, ihr Herren. England ist nur wo Land ist, wie der Name besagt, und wo Meer ist, ist kein Grund und Boden. Zum Besitz gehört, – wie Blackstone sagt – der Wille zu besitzen und der Besitz selbst; zum Aufenthaltsort eines Menschen aber desgleichen der Wille, sich dort aufzuhalten, und der Aufenthalt selbst. Da nun der Engländer sich in England nicht mehr aufhalten wollte, so war England auch nicht mehr sein Aufenthaltsort, und wo Jemand sich nicht aufhält, kann er auch nicht ergriffen werden, darum ist er mit völligem und himmelschreiendem Unrechte in Wight ergriffen worden.

Aber ich kann, – sagte ein Anderer, – auf den nächtlichen Dieb, auch wenn er schon aus meinem Hause hinaus ist, aus meinem Hause heraus doch schießen?

Der Gerichtsdiener darf aber nicht in Euer Haus treten um Euch zu verhaften, und ständen auch alle Thüren offen, wenn Ihr nicht: »Herein« ruft, oder sonst Euren Willen, daß er herein komme, zu erkennen gebt; woraus klar erhellet, daß allein in Eurem Willen Euer Hausfrieden und Recht und Euer Aufenthaltsort liegt, und Englands alte Gesetze himmelschreiend durch die Verhaftung verletzt sind.

Es ging ein Murmeln durch das Zimmer, welches ausdrückte, daß die Menge zweifelhaft war, ob sie dem Vortrage Dulberrys beistimmen solle oder nicht. Diesen günstigen Augenblick benutzte der letztere, trat plötzlich auf seinen Stuhl, schwenkte den Hut und sprach:

Gentlemen! Es ist wohl Niemand unter uns, der diesen neuen unerhörten Eingriff in die Privatrechte Alt-Englands nicht auf's höchste misbilligt. Ich werfe meine Augen umher und erblicke im Zimmer so manchen Freund der Regierung, so manchen unbesonnenen Vertheidiger ihrer angemaßten Vorrechte; aber auch diese Herren schlagen ihre Blicke nieder, im Bewußtsein, daß diesesmal ihre Vertheidigung schlecht ausfallen dürfte. Ja, Gentlemen, unsere Minister haben durch die Alien-Bill England vor den hülfsbedürftigen Fremden verschlossen, sie haben Alt-Englands hochgerühmte Gastfreiheit, – weil sie alle Freiheit verfolgen, – durch einen Machtschlag vernichtet. Sollen wir es dulden, daß sie auch noch das weite Ausland dem Engländer verschließen, daß sie ihre Enterhaken bis in die weite Ferne nach unglücklichem Englischen Blute auswerfen? Nein, meine Herren, hier steht vor Ihnen ein Englisches Herz. – Alt-England für immer! rufe ich, auch in meiner Todesstunde noch – und ich stimme dafür, eine Adresse an den Regenten hier aufzusetzen, und Unterschriften zu sammeln:

daß Se. Königl. Hoh. geruhen möge, wegen der letzten gesetzwidrigen Gewaltthat ihr Ministerium zu ent- und aus patriotischen Männern ein neues bilden zu lassen. –

Der Redner stieg vom Stuhle herunter, und erwartete, daß ein Freund oder Feind seinen Platz einnehmen werde; es schien aber Niemand Lust zu haben für das Vaterlandswohl seine Bequemlichkeit aufzuopfern. Man murmelte; Einige waren durchaus abgeneigt, unter denen besonders der Wirth sich hervorthat; Andere schienen geneigt, wenn auch bloß aus dem Grunde, weil das Stimmensammeln zu Adressen einmal zur Hauptunterhaltung aller unserer Tavernengesellschaften gehört; ehe indessen etwas geschah, rief man:

Wer ist denn der Verhaftete?

Dulberry antwortete: Thut der Name, thut der Stand etwas zur Sache? Ist es nicht genug, wenn wir hören, daß ein Engländer auf solche Weise verhaftet worden? –

Wie aber – sprach der dunkle Mann aus der Ecke – wenn der Verhaftete ein Ehrenmann gewesen, der seinen Wächtern aus dem Tollhause entsprungen und in's Meer gelaufen? –

Hat die Regierung kein Recht, ihn wieder zu ergreifen – fiel ihm Dulberry in's Wort. Das allgemeine Gelächter zeigte ihm indessen bald, wie er in seinem Eifer zu weit gegangen sei. Von allen Seiten rief man jetzt lauter als zuvor:

Wer ist der Verhaftete? –

und der Redner sah sich genöthigt, um nicht alle Popularität zu verlieren, von der Strenge seiner Grundsätze und Regeln abzulassen, und sich zur Nennung des Namens zu bequemen.

Es ist Einer der unglücklichen Verfolgten, James Nichols, meine Herren, ist ergriffen.

James Nichols! – schrie man von allen Seiten. – James Nichols von Catostreet!

Ja, meine Herren, auch er wird bald das Schicksal Arthur Thistlewoods und der andern Unglücklichen, die mit ihm sterben, erfahren. So lange es ihm geglückt ist, sich den Nachforschungen seiner grimmigen Feinde zu entziehn, um so bitterer wird der Tod ihm nahen. Ja, meine Freunde, wir werden ihn sehen mit dem Stricke um den Hals die Leiter besteigen, wir werden den Henker sehn, den verhüllten Henker, das Beil erheben, um mit furchtbarer Grausamkeit dem hingewürgten Leichnam den Kopf abzuschneiden. –

Er wollte weiter fortfahren, durch eine Rede, welche das Mitleiden erweckte, die Menge zu haranguiren, der bessere Sinn in derselben widersetzte sich aber diesen Künsten, indem viele Stimmen den Redner kurzweg unterbrachen:

Für einen Verschwörer von Catostreet unterschreibe ich keine Adresse. Wer sich mit Arthur Thistlewood einließ, ist ein Verbrecher.

Meine Herren! unterbrach Dulberry – die Stimmen aber überschrieen ihn. Ein Bürger sagte:

Es gab viele Wege, die Minister fortzuschaffen. Wer aber, wie die Catostreetverschwörer, beabsichtigte, die Minister nächtlich bei der Abendtafel umzubringen, ist ein gemeiner Mörder, um den kein Altenglisch Herz eine Adresse unterschreibt.

Gentlemen! Die Gesetze reden von der Nothwehr, und wie Billingham den Percewal einst erschoß, so giebt es Fälle –

Nichts davon! tobte die Menge. – Mörder bleiben Mörder! –

Noch gab der geschlagene Redner den Muth nicht auf. Er bestieg von neuem den Stuhl und sprach mit sehr freundlicher und gelassener Stimme:

Gentlemen! Ist wohl Jemand unter dieser geehrten Menge, der den hingemordeten Arthur Thistlewood, der Preston, der alle seine Gefährten einer solchen Mordabsicht, wegen welcher sie angeklagt, verurtheilt und hingerichtet werden, für fähig hält? – Ist wohl Jemand von so beschränkten Ansichten, daß er nicht in das Spiel unseres Ministeriums hineinschaut, daß er nicht klar sieht, wie die ganze Verschwörung nirgends anders als in dem Kopfe eines Castlereagh, eines Canning, Liverpool existirt hat, wie nicht die in Catostreet Versammelten das versammelt Ministerium an Lord Harrowbys Hause überrumpeln, sondern die bei Lord Harrowby versammelten Minister die unschuldige Versammlung der Freunde des Volks in der Catostraße unversehens gefangen nehmen wollen, um Sündböcke ihrer Schuld zu finden? Meine Herren, es ist ein arges Spiel mit uns gespielt worden, aber – Alt-Englands Wächter sind noch nicht eingeschlafen. Wir sehn durch die Netze und Blendspiegel, wir wissen, daß die ganze Catostreetverschwörung eine Fiction der Minister war, um die Freunde des Volks in's Verderben zu locken; wir wollen uns nicht in's Verderben locken lassen; und wer ruft nicht mit mir: – Wir wollen keinen Betrug, wir wollen kein bestochenes Parlament, wir wollen –

Der Redner sah sich um, aber kein Mund war geöffnet, um seine Wünsche nachzusprechen.

Wir wollen Kammerlaquaien des Marquis Londonderry werden! rief er ärgerlich aus, setzte den Hut auf und sprang vom Sessel herunter.

Master Dulberry! – sagte der Wirth zu ihm – so geht's nicht. Wer bringt denn Toasts ohne Porter und Wein aus, und wer spricht sie nüchtern nach? – In meiner Jugend war ich zwar auch ein Narr, der sich in alles mischte; politische Gesundheiten habe ich aber nie getrunken, wenn ich nicht vorher ein wenig betrunken gemacht war.

Also der Nichols ist ergriffen? sagte Master Bloodingstone, der Schlächter. – Ich glaubte nicht, daß der sich so würde fassen lassen wie ein Lamm. Er kannte, wie die Blindschleich und Feldmaus, jede Ritze und jedes Loch am Ufer, und wenn's zum Stehn kam, war er ein Wälscher Ochs, der vier Reiter umrennt.

Posito – erwiederte der Aldermann Gravesand – indem er in bedeutungsvollem Takte seine Tabacksdose zuklopfte – vor den Gesetzen und deren Handhaben wird auch das wilde Schwein zum Kaninchen, wie ich mich dessen aus den neunziger Jahren erinnere. Wenn der Constabler den Stab schwingt, posito, das ist eine Bewegung als wie Josua befahl der Sonne still zu stehn.

Sie stand aber nicht stille! sagte Dulberry.

Das sind die verruchten Lehren von Payne und Carlisle, sagte die ärgerliche Gerichtsperson – posito sie wäre wirklich weitergegangen, so hat sie doch auf Josuas Befehl scheinbar stille gestanden. So steht auch der Pöbel stille, und wäre er toll wie das Meer, wenn der Constabler vortritt, und so mußte sich der Nichols auch wohl ergeben.

Ich kann's nur nicht begreifen – sagte der Wirth – wie ein so kluger und gewitzigter Kopf, als Nichols, sich in die politischen Händel gemengt hat, die nichts einbringen als blutige Köpfe und ein Bischen Ruf, der auch eine Kirchenmaus nicht satt macht. Wär' er ehrlich geblieben und hätte sich mit den verfänglichen Dingen nicht abgegeben, konnte er in ein Paar Jahren ein reicher Mann geworden sein, denn er hatte Credit bei den besten Kaufleuten in Amsterdam und Antwerpen, und von andern will ich nicht reden.

Der Franzose fragte: ob Nichols ein angesehener Kaufmann in dieser Gegend gewesen sei, und erhielt vom Wirthe zuerst nur eine schweigende Antwort durch Lächeln und schlaues Kopfschütteln, welche er zuletzt näher mit Worten erklärte:

Angesessen war er wohl weder hier noch sonst irgendwo; und die Leute sagen sogar von ihm, er hätte sich, so lange er am Lande war, niemals hingesetzt und hingelegt, was ich aber nicht glauben kann, denn in meiner eigenen Stube mag er an zehn Mal gesessen haben, und grade auf dem Schemmel, wo der Herr da sitzt, saß er mehrmals, wie ich nachher erfuhr, als Handwerksbursch, und stritt mit mir um Heller und Pfennig für eine halbe Kanne Ale.

Die Anwesenden blickten hierbei neugierig auf den jungen Mann, der Wirth aber fuhr fort:

Eben so wenig als angesessen kann man ihn einen Kaufmann nennen, denn er hat niemals die geringsten Waaren besessen, sondern er trieb so gewissermaßen einen Speditionshandel im Großen, aber einen gefährlichen, einen sehr gefährlichen, wo's an den Hals ging, wenn's ihm mislang. Indessen er konnte sicher sein, denn solch einen schlauen Kaufmann hat's seit Owen Owalys Zeiten Vermuthlich ein Schleichhändler an den Küsten von Wales. Die Geschichte schweigt von ihm. nicht gegeben, und er hat unser Land mit vieler wohlfeiler Waare versorgt, weshalb ich ihm nicht die ewige Verdammniß wünschen will, wenn der Strick ihm umgeschnürt wird.

Ihr habt ihn also näher gekannt, Gevatter Evan? fragte der Schlächter.

Gekannt, Meister Bloodingstone, und nicht gekannt. Zehn Mal hat er in meiner Stube gesessen, und nie habe ich es eher gewußt, als wenn er längst wieder fort war. Einmal als Bettler, der sich in den Winkel verkriecht; einmal als Handwerksbursch, der den Pfennig dreimal umdreht, ehe er ihn ausgiebt; dann als Lord, der die Guineen mir um den Kopf warf; und ein Mal als Dragonerofficier, der mich ausprügeln wollte, weil ich den schurkischen Nichols früher nicht festgehalten hätte. Er riß mich an der Gurgel und machte einen Lärmen, daß alle Nachbarsleute und die Wächter in die Stube stürzten; derweil hatten seine Leute bei hellem Mittage die Wagen über den Markt gefahren.

Ja, er hat tüchtige Leute, sagte Alderman Gravesand – starke Kerle, Verächter des Gesetzes, aber sie bezahlen und essen gut. Wetter noch einmal; nach der großen Getreideexpedition Anno 14 waren's reiche Leute! Meinen ganzen Bäckerladen räumten sie in zehn Minuten aus, und Ihr, Meister Wirth, habt auch nicht dabei gelitten.

Nicht doch, Alderman Gravesand, ich halte es immer mit ehrlichen Leuten, und bekümmere mich um nichts. Aber der Herr war doch noch klüger als seine Leute. Wißt Ihr noch, wie er bei mir den Wirth agirte?

Ich war damals in Portsmouth.

Nun Ihr wißt, ich war auf's Land gegangen. Als ich langsam zurückkehre, stürzt ein Mensch athemlos bei mir vorüber; viele Zoll- und Accisereiter ihm nach. Während sie mich nach dem Flüchtling fragen, ist der durch Kreuz- und Querwege in meine Wohnung gestürzt, macht hier meine Schürze um, und spielt, als die Reiter eintreten, meine eigene Person, schenkt Bier und Brandtewein, flucht auf den Nichols, und derweil die ihm durch die Gärten nachzogen, geht er über den Markt zum Thore hinaus und auf und davon. – So oft ich ihn nun gesehn habe, würde ich ihn doch nicht wieder erkennen, denn immer ist es ein fremdes Gesicht und ein fremder Mann.

Der Schauspieldirektor ergriff hier das Wort, und sagte:

Wenn Jedermann hier von dem merkwürdigen Manne zu sprechen weiß, so kann ich vielleicht die besten Schlüssel über seine chamäleontische Natur ertheilen. Nichols war früher in meiner Truppe, und während Jedermann ihn zum Tyrannen für geboren hielt, und er ihn auch recht gut spielte, übte er sich in der Stille ganz im entgegengesehen Felde, und trat unversehens als der beste Komiker auf. So setzte er sein Studium fort, bis er alle Rollen spielte und selbst kaum mehr zu wissen schien, welches seine eigene im Leben sei. Als aber alles durchgemacht war, hielt er's nicht mehr aus, und fing das gefährliche Leben wieder an.

Seht Ihr Gevatter Wirth, – sagte der Schlächter, – das ist der Grund, weshalb er sich angeschlossen hat an Thistlewood und Preston. Nehmt mal einen ordentlichen Stier aus Carnarvon und spannt ihn in den Pflug: er stößt, und reißt und geht Euch durch. Sein heißes Blut macht ihm solche gewöhnliche Beschäftigung bald zuwider, und er muß stürzen und stoßen, bis er dem Meister mit dem Messer in die Hand läuft, – dann läufts heiße Blut raus, und mit dem Menschen ist's aus.

Ich kann mir denken, – sagte der Schauspieldirektor – daß ihm das Einschwärzen von Ballen Leinewand, Getreide und Weinfässern bald langweilig geworden, und sein Geist, wenn er's auch im Großen trieb und viel Gefahr dabei war, doch nach noch größern und gewagtern Unternehmungen verlangte.

Man sagt – fiel der Wirth ein – er habe sich hier auf dem Lande verliebt, und das hätte ihn ganz toll gemacht. Ich habe gehört, daß ein Antwerpner Kaufmann eine große Expedition, die er ihm übertragen wollen, aus dem Grunde zurückgenommen; denn er soll mitunter verkehrtes Zeug darüber sprechen, und unter andern geäußert haben: »Einmal die Schöne zu sehn, wäre ihm mehr werth als tausend Guineen.« Wenn das wahr ist, läßt sich's wohl denken, daß der ganze Antwerpner Handelsstand seine Hand von ihm abzieht; und wenn das wahr ist, erklärt sich's, warum er unter die Rebellen gegangen ist. –

Viele lachten hierbei laut auf, und riefen im Tone des Zweifels und der Verwunderung: Nichols verliebt! Der Reformer aber sagte:

Wenn Nichols solche thörige Worte geäußert hat, so werden sie noch aus den Zeiten seiner Thorheit – dem Schauspielerstande – sich herschreiben.

Master Bloodingstone aber meinte:

Nichols verliebt, heißt grade soviel als wenn Ihr sagtet, Robin, mein Bullenbeißer, habe eine zarte Neigung zu dem Ochsen, den ich heute aus Strawdoue eintrieb. Warum hat er denn sein früheres einträgliches Geschäft – und auch ein ehrenvolles – aufgegeben? Er war gewiß ein Kaperhauptmann wie Einer, und hat mit seinem Kaperbrief von Artigas Ein Abenteurer, welcher sich wahrend der Südamerikanischen Bürgerkriege eine bedeutende, unabhängige Macht erworben hatte, und den Portugiesen und der neuen Republik Buenos Ayres gleich furchtbar war, seit einigen Jahren aber verschollen ist. – A. d. Ü. den Spaniern mehr Schaden gethan als Elliot, seligen Andenkens. Der Invalide, der am Thor die Feuersteine verkauft, hat unter ihm gedient, und erzählt gern davon, wie Nichols, oder wie ihn das Spanische Gesindel damals nannte, das Spanische Silberschiff, die Sennora dos Ricos, geentert und alle Spanier über Bord oder über die Klinge springen lassen. Wetter noch mal, da gabs noch mehr zu verdienen, als wenn er mit Minheer van der Vansen handelt, wieviel Procente er vom Paket Taback erhalten soll! Es ist ein unruhiger Kopf, und das ist die Lösung vom Räthsel; und wenn es den Leuten aus Catostreet auch gelungen wäre, Ihro Herrlichkeiten in Grosvenor Square zu fricassiren, und Nichols von John Bull und allen Weißhüten und Rothmützen aus der City und Westminster wäre auf Händen getragen worden, er hätte es doch bald satt bekommen, und mit Hunt und Watson von Neuem angebunden. –

Nun wird wohl unser Richard der Dritte, unser Shewa und Shylock durch den Strick zur ewigen Ruhe kommen – sagte der Direktor.

Meldet die Zeitung schon, mit welchem Schiffe er nach England gebracht wird? fragte der Alderman den Reformer.

Mit dem Dampfboot Halcyon. Möchte das Meer es verschlingen oder ein Columbischer Corsar es aufbringen, um den armen Nichols aus Henkershänden zu retten!

Jetzt fand der Reisende Gelegenheit, seine eigne Person gelten zu lassen. Welcher meiner jüngeren Leser hat nicht schon eine ähnliche Freude empfunden? Wenn ein dem Knaben-Alter kaum Entwachsener in der Gesellschaft älterer Leute zum erstenmale nach langer schweigender Aufmerksamkeit ein schüchternes Wort dazwischen zu reden wagt, überfliegt ihn dann nicht eine hohe Röthe, welche dieselben Gefühle der Schaam und der Freude ausdrückt, die unsern jungen Parlamentsredner, wenn er seine Maidenspeech Jungfernrede. So nennt man die erste Rede eines neu erwählten Parlamentsgliedes. – A. d. Ü. gesprochen und den Kopf bedeckt und sich niedersetzt, bewegen? Warum tadeln unsere Moralisten so sehr diese Eitelkeit? Ist es nicht ein unschuldiges und zugleich erhebendes Gefühl, welches dem jungen Manne seinen Werth in dem ersten Siege über die Verhältnisse zeigt? Dieses Anstreben nach Anerkennung des inneren Werthes ist der menschlichen Natur angeboren, und nur ein reiner Engel oder der zum Thiere herabgesunkene Mensch kennt es nicht.

Ihr Wunsch, Herr Dulberry, ist erfüllt. Der Halcyon ist an dem Bristoler Kanal gescheitert, und Mann und Maus untergegangen.

Woher wißt Ihr das? rief man von allen Seiten.

Weil ich selbst als Passagier auf ihm fuhr und nur durch besondere Fügung dem Wellen-Tode entronnen bin. –

Man kann leicht denken, wie der junge Mann jetzt von allen Seiten mit Fragen bestürmt wurde. Scheint es doch oft, als wollte das Londoner Publikum, wenn Neuigkeiten in Lloyds Kaffeehause angeschlagen sind, von dem todten Pfeiler, an welchem das Papier haftet, Auskunft erpressen; um wie viel stärker läßt sich ein solcher Trieb bei dem neugierigen Publikum einer kleinen Gränzstadt erwarten, wenn kein Pfeiler, sondern ein lebendiger Mensch vor ihm steht. Der junge Mann erzählte, was wir bereits von dem Schiffbruche wissen, konnte oder wollte aber eben so wenig über die ertrunkenen Passagiere, als den in Wight gefangenen Verbrecher, Auskunft geben. Uns kümmern weniger die verschiedenartigen Ausbrüche der Verwunderung, des Mitleids oder anderer Theilnahme der Menge an dem Schicksal des Schiffes und seiner Bemannung, als die neu erweckte Theilnahme für die Person des Erzählenden. Der Schlächter stieß auf seine Gesundheit an, der Alderman nöthigte ihn, ein Gläschen Lebenswasser mitzutrinken, und der Holländer schielte nach ihm hin, als er seine Pfeife ausklopfte; am meisten angeregt aber fühlte sich Master Dulberry. Er fragte:

Also zersprengt ist die Dampfröhre, und dadurch sind so viele Engländer verunglückt?

Ja, die Dampfröhre sprang, und vermuthlich mit ihr zugleich die Pulverkammer, so daß Jeder, der nicht zuvor schon über Bord gestoßen und gesprungen war, schon allein durch das Springen und Auffliegen den Tod finden mußte.

Also zersprengt und aufgeflogen, rief Dulberry aus – sind unsre Englischen Landsleute, und durch wessen Schuld? Wem, Gentlemen, leuchtet nicht ein, daß allein die Minister und das Parlament diese tragen? Als vor einem Jahre Herr Bennet den Antrag machte: »kein Dampfschiff solle vom Stapel laufen, ohne vorher durch Ingenieure geprüft zu sein,« war das Haus nicht gleichgültig und lau gesinnt, und lachte nicht Lord Sidmouth und Herr Vansittart über den Eifer des ehrenwerthen Herrn? – Tausende sind gespendet worden, um die verkohlten Manuscripte von Pompeji und Herculanum aufzurollen; man hat deutsche Professoren herüber gerufen und für Englische Faullenzer Sinecuren gestiftet. Ist in einem der Manuskripte eine neue Magna Charta, eine neue Bill of Rights enthalten? Nein. Etwa eine neue Anweisung, die Wolle zu kratzen? Keinesweges. Ist sonst etwas darin zum Nutzen und Vortheil und zur Freiheit des Brittischen Volkes? Mit nichten. Warum schabt man die werthlosen Kalbshäute ab, nachdem man das Brittische Volk geschunden hat? Um Sinecuren zu stiften. Gentlemen, man läßt das arme Volk darben, um das reiche reicher zu machen, man hofirt den Europäischen Hochgelehrten, und läßt Engländer wider Recht und Gesetz in die Luft fliegen. Gentlemen, ich stimme für eine Adresse an das Parlament –

Nichts von Adresse – schrie die Mehrzahl – keine Adresse!

Das Abendessen ist fertig, meine Herren! rief der Wirth, und schon öffnete sich die Thüre, durch welche ein freundlicher warmer Pudding-, Rostbeef- und Fisch-Geruch in die Stube drang, welcher besonders für unsern erstarrten und lange der stärkenden und gesunden Kost entwöhnten Reisenden willkommen war. Es folgten Aufwärter und Mägde, welche die Speisen hereintrugen und kleine Tische für die verschiedenen Gruppen der Gäste deckten. Auch unser Held wollte sich nach einem Platze umsehen und berechnen, welche Speise für ihn die angemessenste sei, als er einen freundlichen Druck auf der Schulter fühlte und beim Umblicken den Herrn aus der Ecke ihm zuflüstere hörte:

Fürchten Sie nicht den Platz im Winkel, so hoffe ich, Sie werden mein Gast beim frugalen Nachtmahl sein. Ein wenig Wärme nach der Erstarrung und dann gute Laune würzt jedes Mahl, Herr Bertram, wenn ich anders Ihren Namen recht gehört habe.

Der junge Mann zögerte nicht, die freundliche Einladung anzunehmen. Der Aufwärter hatte bereits einen kleinen Tisch für zwei Personen, in dem Winkel des dunklen Herrn gedeckt, aber in der Art, daß die eine Kante des Tischchens ein rechtwinkliches Dreick mit dem Winkel des Zimmers bildete, und in diesem Winkel ein kleiner Schemmel eingezwängt stand. Diesen Platz nahm ohne weitere Komplimente der heutige Gastgeber ein und nöthigte den Fremden zu dem ihm grade gegenüber liegenden Couvert. Auf diese Weise drehte der Gast dem ganzen Zimmer den Rücken, und sah Niemanden von den Anwesenden als den dunklen Herrn; dieser dagegen sah seinen Gast, und hatte eine freie Aussicht auf das ganze Zimmer, und seine Blicke verriethen, daß ihm nichts von allem, was vorfiel, und selbst vielleicht nicht einmal das Mienenspiel der Gäste entging.

Herr Bertram wundert sich vielleicht über die Positur meiner Tafel. Aber ich liebe es, wenn mein Gast mir ganz allein gehört. Es ist unter den Rechtslehrern viel Streit, wem die freie Jagd und Fischerei zukomme; das aber ist gewiß, hat jemand sie gepachtet, so zieht der Pächter allen Nutzen allein daraus und läßt Niemanden zum Mitgenuß. So streitig sind auch die Rechte auf den freien Menschen; ich meine aber, der Wirth kann seinen Gast als eine Pachtung ansehn, und so lange die Pacht dauert – das heißt, so lange die Tafel dasteht – hat er alleiniges Recht auf ihn; und Sie sind nun einmal in die Hände eines solchen Geizhalses gefallen, der aus seinem Gaste alle mögliche Nutzung ziehen und Niemanden zum Mitgenuß lassen will. –

Aber, aus Ihren Blicken zu schließen, haben Sie nicht mich allein, sondern auch die ganze ehrenwerthe Versammlung gepachtet.

Nicht doch. So reich bin ich nicht. Ich übe nur seit rechtsverjährter Zeit eine servitus inspiciendi, observandi, oder wie der Römische Jurist sagen mag, auf alle Gesichter, die mir begegnen, aus; und da ich ein Freund von allem bin, was den Stempel des Alters an sich trägt, so werde ich mich dieses Rechtes sobald nicht begeben.

Sie destilliren gleichsam die Gesichter, um daraus ein Normalaquavit zu gewinnen.

Nein, ich liebe eben so wenig die Universal-Curen und Normal-Constitutionen, als die Normal-Gesichter. Ich braue gern aus jedem Gesichte die eigentümliche Essenz und hebe sie in besondern Flaschen auf, bin aber kein solcher Geizhals, um die Essenz dann für mich allein zu behalten.

Sie bereiten daraus einen Punsch für fröhliche Gesellschaften.

Für die fröhlichste, bunteste, gemischteste von allen, Herr Bertram. Diese Wirthsstube ist unbezahlbar. Ich erlaube Ihnen, sich umzusehen und die Gesichter zu betrachten. Ist hier ein einziges jener faden, regelrechten Alltagsgesichter zu erblicken, an denen man vorübergeht, ohne den geringsten Eindruck von ihnen zu behalten? Sehen Sie die eiserne Stirn und den eisernen Blick des Wirthes, sein Auge ist ein Probierstein für Gold und Silber. Dort der ehrenwerthe Bäckermeister und Alderman, der füglich doppelt bezahlen müßte, weil sein überwichtiges Fleisch außer dem accordirten Knochen- und Fleisch-Maaß noch Tisch und Bank belästigt. Dort der handfeste Schlächter, der heute eben so geschickt das große Stück Rindfleisch zerlegt, als er morgen das Rind selbst zerlegen, und übermorgen, wenn's Rebellion gäbe, an die Menschen-Schlachtbank gehen würde. Welche Natur spricht sich nicht in den zerfahrenen Zügen und durch die angelernte Kunst dieser Schauspieler aus? Aber vor Allen sehe ich auf unsern Redner. Welche Runzeln hat der Aerger auf sein Gesicht gegraben! Wie rastlos rollen seine todten Augen hin und her, um überall Acht zu haben! Und welche Qual verursacht ihm dabei das lügenhafte Bestreben, gleichgültig gegen Alles zu erscheinen! Es würzt mein Essen jeden Abend doppelt, wenn ich Master Dulberrys magere Kost und begehrenden Blicke ansehe. Er ißt harte Eier und Forellen, eine Speise, welche auch für den Gesundesten einen starken Trunk wünschenswert macht, und man sieht es ihm auch an, wie sauer für ihn das Wassertrinken wird, wie beredt er auch, auf eine Anfrage, den Vortheil desselben vertheidigen würde.

Ist der Mann in so schlechten Umständen, daß er nicht einmal eine Kanne Dünnbier erschwingen kann?

Verwundert rief der dunkle Herr: Fürwahr, Sie kennen noch keinen Reformer! Das sind Leute, welche die furchtbarste Verschwörung gegen die Regierung angestiftet haben, eine Verschwörung, die nichts anders bezweckt, als durch Verkürzung der Steuern die Krone in die Noth zu bringen, sich ihnen zu Füßen zu werfen. Darum trinken sie keinen Wein, kein Bier, keinen Liqueur, kurz nichts, was versteuert ist, und werden vermuthlich auch noch verdursten lernen, wenn etwa eine Accise auf das Wasser gelegt wird. Aber bemerken Sie die durstigen Blicke des ehrlichen Hrn. Dulberry, welche er über sein klares gesundes Wasser auf unsern Portwein herüber wirft; doch ich wette, er hat unter seinem Bette eine Flasche besserer Herzensstärkung selbst versteckt. Aber, Herr Bertram, Sie sprechen meinem Portwein so wenig zu, als wären Sie auch ein Reformer, und kein aus dem Wasser gezogener Schiffbrüchiger. Doch es ist meine Schuld. Ich hatte vergessen, daß die Herren vom Festlande weniger Freunde dieses edlen Rebensaftes sind, als wir. Herr Wirth! eine Flasche Madera!

Der Gastgeber nöthigte jetzt so zum Essen und Trinken, daß, wäre unser Held auch kein Schiffbrüchiger, und wären die Speisen auch nicht so schmackhaft bereitet gewesen, als das der Fall war, er dennoch tüchtig hätte zusprechen müssen. Nach einem kräftigen Rostbeef, wurde eine Schüssel Wildprett-Ragout aufgetragen, und als Bertram an dieser seine ganze Kraft aufgewandt zu haben glaubte, kam ein kleiner Pudding, und Forellen beschlossen das Mahl. Der dunkle Herr aß weniger, schien aber mit wahrer Lust dem Hunger des Reisenden zuzusehen, und schenkte besonders Glas um Glas den Madera ein. Hätte ein rechtskundiger Mann dem Gespräch der beiden Tischgenossen zugehört, wäre ihm bange für den jüngern Mann geworden; denn obwohl der Aeltere mit aller Höflichkeit und scheinbarer Bescheidenheit seine Fragen an den andern richtete, so trugen sie doch, ihrem Wesen und der Reihefolge nach, ganz die Natur der Kreuz- und Quer-Fragen an sich. Bei jedem kleinen Widerspruche verfolgte der Aeltere die falsche Richtung, sprang dann zu Fragen über frühere entgegen gesetzte Behauptungen Bertrams zurück, jedoch so, daß dieser, wäre er auch nicht vom Wein erhitzt gewesen, keinen Argwohn hätte vermuthen können. Kurz, als der Gastgeber die Serviette auf den Tisch warf, und mit einer leichten Verbeugung und verbindlichem Wunsche sich entfernte, glaubte der junge Mann, mit dem freundlichsten, offensten Wirthe sich unterhalten zu haben; ein Rechtsgelehrter aber würde der Meinung gewesen sein, der inquirirende Richter habe gerade so viel durch ein höfliches Verhör erfahren, um dem jungen Mann einen an den Hals gehenden Prozeß zu machen.

Ein Theil der Gesellschaft war nach beendigtem Abendbrote um den Wirth versammelt und rechnete mit ihm ab. Unter diesen drängte sich auch Dulberry vor. Herr Evan! Herr Evan! meine Rechnung! Ich habe Eil! –

Der Wirth lächelte und fragte:

Reisen Sie morgen fort, Herr Dulberry?

Ja.

Wir werden ja morgen früh noch Zeit zum Berechnen haben.

Ich werde keine Zeit haben.

Nun, Sie werden doch wiederkommen.

Ich werde nie, nie wiederkommen. Der müßte wohl ein Thor sein, der in Alt-England bliebe, um abzuwarten, bis er im neuen Blutbade von Manchester den Tod fände.

Nun Sie wissen ja Ihre Rechnung von sechs Monaten her, Master Dulberry! Täglich drei Schilling und sechs Pence. –

Ich will ordentliche Rechnungslegung haben – fuhr Dulberry heftig auf – ordentliche Rechnungslegung bei Heller und Pfennig.

Gehn Sie in die Küche. Sie steht mit Kreide an der Tafel, wie Ihnen bekannt ist.

Alles ist Betrug! schrie der Reformer, stülpte den Hut auf, und verließ das Zimmer, ohne Gruß und Wunsch. Die Umstehenden lächelten und sahen ihm, aber nur einen Augenblick, nach, als wäre für sie der Vorfall ein zwar belustigendes, aber schon bekanntes Schauspiel. Jetzt näherte sich auch der Jüngling dem Wirthe, und forderte – denn er hatte gelernt, daß Fordern hier mehr wirke, als Bitten – ein Zimmer für die Nacht. Der Wirth musterte ihn noch einmal von Kopf bis Fuß, ergriff sein Felleisen, wog es prüfend einige Sekunden, und that dann zum harrenden Aufwärter den Ausspruch:

Oben Nummer 13, wie's liegt und steht.

Der Aufwärter ergriff ein Licht und das Felleisen, und erst in diesem Augenblicke fiel es Bertram ein, daß er seinen Führer, seit beide in das Zimmer getreten, aus den Augen verloren habe. Er konnte ihn auch jetzt nicht entdecken, und eingedenk des von jenem geäußerten Wunsches, erkundigte er sich auch nicht weiter nach demselben, sondern folgte dem schon ungeduldigen Aufwärter.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.