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Gutenberg > Willibald Alexis >

Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.

Wer war es?
Yoriks empfindsame Reisen.

Die Sonne senkte sich dem Meere zu, und ein anderer Theil der östlichen Küste trat wieder deutlicher hervor, als das Schiff merklich langsamer ging und endlich scheinbar ganz stille stand. Der Passagier hörte in der Abendstille unter sich in einiger Entfernung Rudergeplätscher, und als er den Bord des Schiffes bestiegen hatte, sah er unter demselben eine Barke eben im Anlegen begriffen.

Es war ziemlich munteres Leben auf dem Schiffe; die herangeruderten Bootsleute stiegen herauf und andere hinab; man trug Waaren aufwärts und hinunter, jedoch nur in geringer Zahl. In dem Augenblicke, wo unser Held mit den Bootsleuten reden und sich einen Platz in ihrer Barke ausbedingen wollte, wurde er zum Capitain an das entgegengesetzte Ende des Schiffes gerufen. Er fand den beleibten Mann auf einer Kanone sitzend und im Begriff sein Vesperbrod zu verzehren, d. h., es standen zwei noch volle Burgunderflaschen zu seinen beiden Seiten. Ziemlich fröhlich redete er den jungen Mann an:

Ging's so, Patron, auf Deinem Dampfboote zu, wie auf meinen trois fleurs de lys? – Mort de ma vie, ich kenne meine Jungen besser als Dein verdammter Capitain seinen Dampf. Meine Jungen springen, wenn ich will, Old Nick zum Trotz und der – gebenedeit sei die Jungfrau – aber solch eine verwetterte Maschine springt, und eine ehrliche Seele fliegt auf, eh' man sich's versieht, in's vierfach verwetterte Höllenbad. –

Ich muß gestehn, Herr Capitain, selten eine solche Ordnung und Geschicklichkeit auf Schiffen bemerkt zu haben. –

Will der Bursch Schiffsjunge werden, kann er hier bleiben. –

Mein Körper würde sich nicht für die schwere Arbeit schicken. –

Drei Tage in den Mastkorb gehängt, und Zwieback und Rum, ist er perfect qualificirt. –

Herr Capitain, meinen Dank für die menschenfreundliche Aufnahme –

Der Seemann unterbrach ihn: – Keinen Dank, brauch' nichts dergleichen. – Sechzig Franken auf's Brett gezahlt für Ration, Wohnung, Fracht, und dann marsch ab, und dem Galgen, oder sonst wo, zu. –

Herr Capitain, ich glaubte, es wäre der strengste Befehl Ihrer Admiralität, Schiffbrüchige ohne Kostenrechnung zu retten. – –

Will der Lumpenhund nicht bezahlen? – Ist das für die Mildthätigkeit? –

Sie selbst erwähnten, Herr Capitain, daß sie Verunglückte nur aus Mildthätigkeit, der Jungfrau Maria, willen in Ihrem Schiffe aufnähmen. –

Will die Jungfrau Maria für Ihn bezahlen, ist's gut, aber baar muß es geschehn, – Bürgschaft und Assignation auf den Himmel nehm' ich nicht an, – sonst zahlt der Passagier sechzig Franken, oder ich weise Ihm oben am Mastbaum ein Plätzchen an. –

Sechzig Franken, Herr Capitain? – Kaum eine Tagefahrt, ich lag oben auf dem Verdecke, und erhielt den ganzen Tag nur einen Zwieback und eine Erbsenration! –

Sechzig Franken, oder den Mastbaum! –

Mit seiner eisernen Miene wandte sich der Capitain vom Passagiere zur Burgunderflasche, that einen tüchtigen Zug und trillerte sich ein Liedchen. Der junge Mann sah wohl ein, daß bei einem solchen Manne weder Verhandlung, Trotz noch Bitte fruchten könne, er zahlte das verlangte Geld und stieg von den trois fleurs de lys hinab in die kleine Barke, welche, bereits zum Abstoßen fertig, nur auf ihn noch zu warten schien.

Obgleich es ein Wintertag war, hatte doch die Sonne, welche vom Morgen bis Abend aus dem wolkenlosen Blau des Himmels auf den glatten Meeresspiegel geschienen, die Luft und das Wasser so erwärmt, daß es ein Vergnügen war, auf einem Kahne über die ruhige Fläche dahin zu fahren. Da, wie wir sahen, der junge Mann gern mit sich selbst Betrachtungen anstellte, konnte er heut' von Glück sagen, indem ihn weder hier, noch auf seiner frühern Ueberfahrt, der Ausbruch des frohen Uebermuthes der Schiffer in denselben störte. Mit großem Vergnügen horchte er dagegen der Musik des Ruderschlages zu, indem er selbst in die äußerste Spitze des Kahnes sich gesetzt hatte. Das Wasser war so still und klar, daß er den Ringeln des von den Rudern aufgerührten Wassers bis in die weiteste Ferne mit dem Auge folgen und dem bunten Spiel der Fische bis in eine beträchtliche Tiefe zusehn konnte. Seine Gedanken führten ihn wieder auf die Betrachtungen an jenem schrecklichen Morgen vor der Hütte; doch wurden sie heute durch den Einfluß der freundlichen Szenerie auch milder:

Spiegelglatt liegt der große, furchtbare Ocean da, und ein armseliger Ruderschlag vermag ihm eine veränderte Gestalt zu geben, ihm, der, vom Sturme bewegt, in wenigen Minuten vielleicht himmelhoch seine Wogen erhebt, der die Grundfesten der Ufer erschüttert, und auf seinem Rücken den Reichthum und das Wohl und Weh von Millionen trägt. Das Meer, welches in der grauen Urwelt vielleicht unsern Erdball gestaltet hat, welches ihn noch umgiebt und tief in den Busen der Länder dringt, daß es scheint, als wolle es sie mit seinen Krallen zerreißen oder festhalten, dasselbe Meer ist unterthänig geworden dem Menschen! Ist nicht die spiegelglatte Fluth, ist nicht das wogende Meer ein Bild unseres Schicksals? Trügerisch ist die spiegelglatte Fläche, denn drunter ist die unbegrenzte Tiefe, welche beim Sturmeshauche sich aufthut, um uns in ihren jähnenden Rachen zu verschlingen. Wenn der Weg unseres Lebens im Sonnenscheine lacht, ziehn sich schon hinter den Bergen die Gewitter zusammen. Gleichen nicht auch die Stürme auf der See unserm Schicksal? – Zerrissen ist Leben, Zukunft, Vergangenheit, ja die Brust selbst; aber einmal kehrt die Hoffnung, der Friede, so wie das wogende Meer, zur Ruhe zurück. –

Seine Schiffsgenossen gaben dem jungen Manne eben keinen besondern Stoff zur Betrachtung. Vier Ruderer schlugen ohne Aufhalt in das Meer und rauchten dabei ihre kurzen Pfeifen; der Steuermann sprach kein Wort, ein Arbeitsmann lag in einem schlechten Mantel eingehüllt auf dem Boden des Kahns, und schlief so fest, daß sein Schnarchen zuweilen mit dem Ruderschlage Takt hielt; und einige Weiber und Mäkler saßen bei ihren Kisten und Kasten, und schienen auch mehr zum Schlaf als zu einer Unterhaltung geneigt. Dagegen traten dem Jünglinge immer deutlicher die Ufer, denen sie zusteuerten, entgegen. Die steilen, hohen Porphyrwände, aus deren Spalten selten ein Dornbusch oder das Gestrüpp des wilden Birnbaumes hervorblickte und mit den Wurzeln kümmerlich Haltung und Nahrung suchte, waren nur von Meerschwalben und Seemöven besucht, welche letztere in dichten Schwärmen aus den tieferen Buchten aufstiegen, dem Kahne entgegen flogen und ihn, wie Bienen ihren Stock, umschwärmten. Gewohnt, daß die fischenden Anwohner der Küste von Wales aus ihren Kähnen die todten und schlechten Fische auswerfen, umschwärmen sie, wie ein zahmes Gefolge der Menschen, die Böte und scheinen um ihren Antheil zu bitten, wenn der Auswurf nicht erfolgt. Die Fischer haben ein günstiges Vorurtheil für die friedlichen Thiere, und halten es für Unglück bringend, sie durch Schüsse vom Kahne aus zu erlegen. Der junge Mann aber sah unverwandten Blickes durch die Schwärme dieser begehrenden Vögel hindurch nach den hohen Ufern. Die letzten Strahlen der Sonne rötheten die steilen Felsen, deren Porphyradern schon an sich einen röthlichen Schein von sich warfen. Er sprach bei sich selbst:

Wie friedlich stehn heute noch diese Felsenmauern, welche einst die Stürme gewaltiger Zeiten sahen! Die Geschlechter, selbst die Völker sind hingegangen im Sturme der Zeiten, und die Granitpfeiler der Erde stehen so fest und unverändert als je. – Hier aber haben die alten Brittischen Stämme in grauer Urwelt um kindliches Besitzthum sich geschlagen; von diesen Mauern mochte die Faust Römischer Legionarien den eingebornen Insulaner herabstoßen; von diesen Felsenwänden floß das Blut der Britten und Sachsen zwei Jahrhunderte lang wie Gebirgsbäche in das Meer hinab; mancher kühne Däne mochte hier seinen Tod finden, mancher zu kühn in die Gebirgsschluchten vorgedrungene Norman von den ergrimmten Welschen in's Meer gestürzt werden: und von allem dem trägt die Natur auch nicht die leiseste Spur; das Meer ist nicht geröthet, und an den Felsen ward jeder Flecken Blutes durch den Regen der Jahrtausende verlöscht. Nur die Erinnerung lebt, nur geistig wächst die Natur. –

Ein ältlicher Mann unter den Schiffern, welcher dem Jünglinge grade gegenüber saß, betrachtete ihn sehr aufmerksam, lächelte zuweilen, legte endlich seine Pfeife beiseite, und redete ihn in schlechtem Englisch endlich so an:

Master Wasserhose Der Spottname für einen in's Wasser gefallenen, vorzüglich aber für den erretteten Schiffbrüchigen. – A. d. Ü. scheint sein Zeug unten bei Old Nick gelassen zu haben, aber seinen Witz hat Old Nick nicht gemocht. Mein Lebtag sah ich keinen Pfarrer und keinen Advocaten, die so viel in einem Tage zusammen geschrieben hätten, als der Herr in der einen Stunde, daß wir zusammen fahren. Scheint's doch beinahe wahr, was alte Leute sagen, daß Zauberer Merlin hier an die Felsen mit großen Buchstaben vor Alters die Geschichte von Alt-England geschrieben hätte, und, wer's nur verstünde, lesen könnte, wie's kommen würde bis an's jüngste Gericht; denn der Master sieht immer nach den Felsen rauf, als wär' er ein Schmuggler und säh' auf's Signal, und schreibt dann immer so emsig in seine Tafel, sei, als ging's sonst verloren. –

Ein Andrer erwiederte.

Wer das lesen will, muß erst das Moos von den Steinen abreißen, denn da steht's eingeschrieben. Der alte Merlin hat's bloß mit dem Zeigefinger geschrieben, aber 's ist tief eingedrückt, als wär's mit Hammer und Meißel eingehauen. Bei Mondenschein aber nur, und nur vom Sonntagskinde, kann's gelesen werden. –

Wer's glaubt! – sagte der Erste. – Ich halte nicht viel vom Schreiben. Was hat man da zu schreiben, wenn man's Meer und 'nen Stein ansieht? – Ich führte oft schon Reisende von Bristol und Bath aus in unsern Bergen umher, und mußte jedesmal lachen, wenn Herr und Frau, wo nur ein Tropfen Wasser vom Felsen heruntersikert, still standen, und die Hände über'n Kopf zusammenschlugen, und dann schrieben und schrieben so lange, daß sie während der Zeit eine Meile hätten geh'n können. – Sie meinen, was sie geschrieben haben, könnten sie nicht vergessen; aber was hilft's ihnen denn, wenn sie's doch nicht mehr vor Augen seh'n. Aus 'nem Brunnen, wenn er mir auch noch so gut beschrieben ist, kann ich nicht trinken, und auf 'nem Meer von Papier weder fischen noch fahren. –

Es taugt auch überhaupt für uns nichts, sagte der Andere, – das Schreiben. Wäre das Schreiben nicht erfunden, und das Papier da wo der Pfeffer wächst, ging's uns wohl besser vor Gericht. Wenn sie erst damit anfangen und die Geschwornen auch schreiben lassen, wie die Richter, dann ist's mit der Ehrlichkeit aus und die Gerechtigkeit nicht mehr in der Welt.

Als sie merkten, daß der Fremde lebhaften Antheil an ihrer Unterhaltung nahm, mischten sich auch die andern beiden Ruderer in dieselbe; man vertauschte aber die Englische Sprache mit einer ganz fremd klingenden, wohl ohne Zweifel der uralten Cymrischen, welche einst von allen Britten, jetzt nur noch in den Winkeln von Kornwallis und hier und dort oberhalb des Bristoler Kanales in Nord-Wales gesprochen wird. Hierdurch nur aufmerksamer gemacht, horchte der junge Mann begierig dem Gespräche zu; wiewohl er indessen auch sich früher schon mit der Cymrischen Sprache beschäftigt und dieselbe aus Büchern zu studiren bemüht hatte, so konnte er aus dem ganzen eifrigen Gespräche doch kein anderes als das Wort Gavelkind verstehen, dessen Echtheit überdies der gelehrte William Sumner aus nicht unwahrscheinlichen Gründen bezweifelt, indem er seine Wurzeln in der Angelsächsischen Sprache auffinden will, was wir, als ungelehrte Novellisten, aber dahingestellt sein lassen Der Deutsche Ursprung des Wortes scheint wohl keinem Zweifel unterworfen, wenn man bedenkt, daß in Nieder-Deutschland Cavel eine abgeheilte Wiese ist, und Kind häufiger für den Sohn als für die Tochter gebraucht wird, das Institut das Gavelkind aber nichts weiter bedeutet, als daß die männliche Deszendenz sich in den Grundbesitz des Vaters theilte. . So viel jedoch ist gewiß, daß, als der Kahn an's Land stieß, der junge Mann auch nicht das Mindeste von der ganzen Unterhaltung errathen, geschweige denn verstanden hatte.

Die Schiffer landeten in einer versteckten Bucht, welche ein aus dem Lande seewärts fließendes Bächlein gebildet hatte. Sein Weiterfluß war so unbeträchtlich, daß er sich kaum bemerkbar durch den Ufersand bis in's Meer hinschlängelte, und dennoch hatte derselbe Bach sich durch Porphyr- und Kieswände ein so tiefes und langes Bette gearbeitet, daß der Wanderer erschrak, wenn er durch die gespaltenen Felsen in die unabsehbare Schlucht hinaufblickte. Der junge Mann war so in die Betrachtung der Wunder dieser Natur vertieft, und von einer langen Erwartung ergriffen, daß er nicht bemerkt hatte, wie allmälig alle seine Schiffsgefährten ausgestiegen, und rechte und links ihren Weg eingeschlagen hatten, und schon so weit entfernt waren, daß sein Auge sie nicht mehr erreichen konnte. Aus diesem Starrsinn wurde er durch die Anrede eines Schiffers erweckt:

Beliebt dem Herrn aufzustehen, oder will Er wieder mit uns in See stechen? –

Sogleich, aber wo ist mein Felleisen? –

Schon herausgetragen, und liegt dort auf dem großen Stein. –

Wie heißt, ihr guten Leute, die nächste Stadt? – denn Ihr müßt wissen, ich bin ganz fremd hier – wo liegt sie, wie weit ist sie von hier, und wo führt der nächste Weg hin? –

Das sind mit einem Male vier Fragen, alles Landfragen, und 's war accordirt, wir sollten bloß auf der See zurecht führen. –

Ich bitte Euch. Es ist wohl jetzt nicht Zeit zum Scherzen. –

Nun, so wollen wir auf kurze Antworten uns ein andermal besinnen; bis dahin ist M*** die nächste Stadt, liegt im Thale, drei Meilen von hier, und der nächste Weg geht durch die Schlucht. –

Ich danke Euch. Aber kann mich, da es dunkel wird, Niemand durch die Schlucht führen, und mir mein Felleisen tragen? –

O ja! Wer den Weg weiß und will, der kann. Wir wissen das Eine, aber wollen das Andere nicht, und können darum nicht.

Der Reisende stieg aus, und drückte ein Silberstück dem einen Schiffer in die Hand, um sich nach der Stelle zu begeben, wo sein Felleisen lag. Er wurde aber noch ein Mal durch die absichtlich komische Stellung des Schiffers aufgehalten. Dieser wog langsam das Geldstück, anfänglich mit einer scheinbaren Anstrengung an's Werk gehend; dann, als er zu fühlen schien, daß es nur leicht sei, hob er immer schneller den Arm in die Höhe, und schnellte ihn endlich über den Kopf mit dem Ausdruck:

Leichte Waare! – Werden dadurch nicht reicher werden, Cameraden! Dann musterte er den Reisenden mit einigen komischen Blicken und sagte:

Ist denn der Herr ehrlich? –

Das will ich meinen – entgegnete dieser entrüstet.

Ja, das ist eine andere Sache – fuhr kaltblütig der Schiffer fort; – hätte der Herr das vorausgesagt, – hätten wir Ihn nicht mitgenommen. Ehrlich zahlt ordinair, das ist wahr, aber wir fahren nur extraordinair – und wer hätte denken mögen, daß Einer, der von Jaksons Schiff kommt, ehrlich und ordinair wäre. Na Gott befohlen. Wir wünschen gute Geschäfte und gute Verrichtung; und ein andermal, wenn's Glück gut ist, und der Herr nicht mehr ehrlich, wollen wir ihn wieder zum dicken Jakson rudern.

Damit stießen sie vom Lande ab, und der Reisende sah sich in die traurige Verlegenheit gesetzt, allein, bei einbrechender Nacht, in einem ganz fremden Lande, und durch einen Weg, der in mehr als einer Beziehung gefährlich schien, weiter zu wandern, um ein Unterkommen in der Nacht zu finden, welches ihm nach den Sitten dieses Landes schon um deshalb schwer werden durfte, weil er zu Fuß ankam und nicht einmal einen Träger seines Felleisens mit sich brachte. Er trat den mühseligen Weg an. Kaum aber war er einige Schritte auf dem Pfade, der sich neben dem Bache, oft dem Auge kaum bemerkbar, hinschlängelte, fortgegangen, als er fast schon die Hoffnung aufgab, sein Ende zu finden. Denn, da es schon am Strande, bei der weiten Aussicht auf das offene Meer, anfing dunkel zu werden, hatte sich in der tiefen und nicht breiten Schlucht, deren Wände den Eintritt des Lichtes hinderten, bereits völlige Nacht gelagert. Wenn auch der Bach nicht reißend war, so zeigten sich doch überall gefährliche Abgründe, und ein Fehltritt von den großen Feldsteinen, welche an mehreren Stellen allein den Weg bildeten, konnte lebensgefährlich werden. Der Wanderer sah sich noch ein Mal, aber vergebens, nach einem menschlichen Wesen um, welches ihm hier die Dienste eines Führers hätte leisten können; und da auch sein lautes Rufen unbeantwortet blieb, mußte er sich selbst, so gut er vermochte, diesen Dienst leisten, und schritt mit Behutsamkeit auf den Steinen weiter. Er mochte indessen kaum hundert Schritte gegangen sein, als ihm dünkte, es riefe hinter ihm her:

Pst!

Da er jedoch Niemand zu seinen Seiten beim Wandern stehen gesehn hatte, und ihm wohl Niemand bei seiner Eile nachkommen konnte, hielt er es für Täuschung seiner vielleicht aufgeregten Sinne, und setzte den Weg fort. Das Geräusch hörte indessen nicht auf, sondern er glaubte jetzt die Tritte eines Laufenden hinter sich zu vernehmen; und ehe er noch den Entschluß faßte, sich umzublicken, faßte ihn etwas am Rockschoß, mit jenem verstärkten Ausruf:

Pst!

Es galt jetzt keine Wahl, er stand stille, sah sich um, und erblickte dicht hinter sich noch einen im Mantel eingehüllten Fußgänger, von ärmlichem Ansehn, und mit einem starken Knüttel bewaffnet. So erwünscht ihm vor einigen Minuten die Erscheinung eines zuverlässigen Führers gewesen wäre, so unfreundlich war ihm jetzt diese unerwartete Erscheinung. Sind doch die großen Landstraßen, – freilich jetzt mehr dem Rufe nach als in der Wirklichkeit – in unserem Vaterlande mit einer ehrenwerthen Classe von Faustrittern besetzt, um wie viel eher lassen sich verwandte Gentlemen in finstern Uferschluchten bei nächtlicher Weile vermuthen. Aus Furcht vor der Besorgniß wird oft der Mensch so keck, gradezu auf dasjenige loszugehn, welches die Besorgniß erregt, und meistentheils trägt hier die Unerschrockenheit den Sieg davon. Der Wanderer stand still, und schrie mit möglichst fester und lauter Stimme dem Andern entgegen:

Warum habt Ihr nicht geantwortet, als ich vor wenigen Minuten rief? Ihr müßt es gehört haben. –

Gleich als wäre er schon durch die Stimme bezwungen, trat jener einen Schritt zurück, und antwortete dann mit leiser, aber doch ganz fester Stimme:

Ich hab's ganz gut gehört, denn ich stand nur sechs Schritte von Euch seitwärts, aber wer schreit denn Nachts an der Gränze, als wollt' er Hunde und Menschen wecken? –

Wer ein gut Gewissen hat, braucht weder bei Tage noch bei Nacht die Menschen zu fürchten. –

Wer's hat! – Wollt' Ihm aber doch lieber rathen, wenn Er aus Jaksons Schiff kommt, ganz still zu gehn und nicht auf die Ehrlichkeit zu pochen. Hier zu Lande geben sie wenig drauf, wenn man's sagt; man muß es beweisen; und weil's ehrlichen Leuten an den Zeugen haperte, hat schon Mancher den Strick gekostet, wie laut er auch auf der letzten Staffel schrie und protestirte.

Man muß mir beweisen, – sagte der junge Mann – daß ich ein Verbrechen begangen, und so lange dies nicht geschehen, spricht doch wohl bei allen Richtern für Jedermann die Vermuthung, daß er ehrlich sei. –

Mag so wohl in Büchern stehn; wenn sie aber 'nen ehrlichen Mann vor ihrem Messer haben, und die Kreuz- und Querfragen aus den Perücken kommen, und man warm und roth wird, man weiß nicht wie, dann heißt's anders. –

Wer sich vor jeder Verführung hütet, wird auch hier durchkommen –

Mag sein, auch nicht. Freilich, wer sich in den Großvaterstuhl legen kann, und – mag, und bei Pudding und Portwein den Schlagfluß oder sein selig Ende abwartet, kommt nicht in Versuchung; wer sich aber durch die Welt durcharbeitet, stößt überall auf Klippen. Ihr kennt ja die Schifffahrt. Auch den geschickten Schiffer faßt der Sturm und führt ihn auf Klippen, und seine Arbeit ist's, sich durchzuschlagen und abzubringen, dazu hat er Segel und Ruder, Verstand und Kraft: und so mag's auch sonst im Leben sein. Die Klippen stehn überall im Wege, und 's möchte wenige geben, die sich durchgearbeitet haben, ohne auf Constablers, Friedensrichter, Advocaten und Geschwornen zu stoßen.

Ihr sprecht besser, als Euer Anzug ist.

Wer sich schon viel durch die Welt durchreiben müssen, und hier und da eine Ecke sitzen lassen, bringt auch was mit nach Haus. –

Woher wißt Ihr, daß ich von dem Schiffe dort komme?

Wenn Ihr's nicht gesehn habt, braucht' ich's nicht zu verrathen, daß ich im Kahne lag, während der Herr allerhand in sein Portefeuille schrieb. – Still da –

Er hielt plötzlich inne, stand still und sah sich überall um, dann fuhrt er fort:

Es war nichts. Wir können weiter gehn, müssen aber leiser sprechen, denn in diesen bösen Zeiten hat jeder Stein Ohren. – Jetzt geht's über den Bach, dann links um den Felsen. –

Er ließ den Jüngling vorausgehn, und fragte, einige Schritte zurückbleibend. Ihr seht doch Niemand? – Erst als jener dies verneinte, ging auch er um den Vorbug, und hub hier wieder an:

Ihr wollt nach M*** und bedürft einen Führer, der Euch den Weg zeigt und das Felleisen trägt. An mir sollt Ihr einen wohlfeilen haben, denn für beide Dienste will ich nicht mehr fordern, als daß Ihr bis in's Nachtquartier Euch für meinen Herrn, und mich für Euren Diener ausgebt, den Ihr über's Meer gebracht habt. Gefällt Euch der Handel? –

Eure Moral, guter Freund, scheint nach dem, was Ihr eben sagtet, ziemlich locker zu sein, und Ihr müßt selbst gestehn, bei aller Achtung vor Eurer Ehrlichkeit, daß es gewagt wäre, Euch mein Felleisen anzuvertrauen, da ich Euch nicht kenne, und Ihr in jedem Momente hier mit meiner ganzen Habe entspringen könnt, ohne daß ich nur ein Zeichen anzugeben wüßte, um Euch verfolgen zu lassen. –

Kommt es darauf an, will ich dem Herrn beweisen, daß er gar nichts wagt.

Könnt Ihr mich überzeugen, oder Bürgschaft stellen, wohlan!

Eine von besonderer Art, guter Herr! – Seht mich ein Mal genau an, so viel das Sternenlicht erlaubt. Haltet Ihr mich nicht für einen stärkern Mann, für stärker als Ihr seid?

Ohne Zweifel. –

Seht Ihr ferner diesen starken Knüttel? Könnte ich Euch, der Ihr ohne Waffe seid, nicht leicht damit zu Boden schlagen, hinterwärts oder von vorn, könnte ich denn nicht mit dem Felleisen über alle Berge laufen, ohne daß ein Hahn darum kräht? –

Ich muß es zugeben, wiewohl –

Der Mann schlug seinen Mantel auseinander, und zeigte auf einen verborgenen, an seiner Seite steckenden, Hirschfänger.

Und hier habe ich ein scharfes Messer, mit dem es mir bei meiner Moral ein Leichtes werden dürfte, Euch, wenn's mir drauf ankäme, zu durchstoßen, und in irgend eine dieser vielen Schluchten zu werfen, wo keine Seele sich drum kümmern würde, wenn man nach Wochen den vermoderten Leichnam eines fremden Menschen herauszöge. – Genügt Euch der Beweis? –

Allerdings glaube ich bei diesen Umständen nichts zu wagen; aber erlaubt noch eine Frage. Was liegt Euch daran, ohne Führerlohn mich und mein Felleisen nach M*** zu bringen? – Ein so billiges Anerbieten muß immer Verdacht erregen. –

Es ist nicht so billig, als Ihr glaubt. – Denkt Euch, ich würde Schulden halber verfolgt und dürfte nicht in mein Vaterland kommen. Wenn ich nun keinen Paß hätte, und für diese Nacht kein Unterkommen wüßte, so konnte ein solcher Dienst für mich ja sehr wichtig sein. Ihr könnt Euch aber auch denken, was Ihr wollt, weil mir das ganz gleichgültig ist; nur hütet Euch es laut auszusprechen, weil es niemals Heil bringt, sich in anderer Leute Geschäfte zu mischen.

Nun wohl, mein Freund! Nur so viel erlaubt mir zu glauben, daß Ihr eben nicht aus Menschenfreundlichkeit oder besonderer Liebe für mich, mein Felleisen tragt. Hier habt Ihr's. Aber nehmt es sorgsam um, und laßt nicht die Papiere in der Seitentasche herausfallen. –

Der Mann schwang das Felleisen leicht um die Schulter, murmelte etwas, das wie:

'S könnte doch sein, daß ich's aus Freundschaft thäte!

klang, vor sich hin, sprang jetzt als Führer seinem Herrn vor, und stieg mit sicherm Schritte die Felsschlucht hinauf. Während auf diese Art beide schweigend mit einander gingen, und die Nacht so stumm war, daß des Baches scharfes Rieseln als ein sehr lautes Geräusch erschien, beschäftigten mancherlei Gedanken den jungen Mann. Zwar hatte er die Furcht überwunden, dennoch konnte er sich der Besorgniß nicht erwehren, daß, wenn sein Führer schneller als gewöhnlich ging, er die Absicht habe, ihm mit seiner Habe durchzugehn, wenn er aber still stand um frischen Athen zu schöpfen, sich bereite, ihn mörderisch anzufallen. Schon nach seinem eigenen Zugeständniß war es kein unverdächtiger Charakter; was ihn aber in den Augen seines Begleiters noch weit verdächtiger machte, war seine abwechselnde Sprache. Er schien den gewöhnlichen breiten Dialekt des gemeinen Volkes, gewürzt mit der halb derben, halb humoristischen Darstellungsart der Schiffer, auch als seine eigene gewöhnliche Sprache wollen gelten zu lassen; dennoch blitzten mitten in der Rede, besonders wenn er in eine Art von Affect gerieth, oder einen gewissen Ingrimm gegen die Anordnungen und Verhältnisse in der bestehenden Ordnung ausließ, edlere Ausdrücke, eine gebildetere Sprache und eine mehr finstere als launige Auffassungsart hervor, und verriethen, daß der Mann vielleicht eine andere Bildung genossen, als sie der Umgang mit dem Auswurf des Volkes aller Länder ihm geben konnte. Es leuchtete daher ein, daß er, entweder wenn er gemein sprach, sich verstelle, oder wenn er in Leidenschaft gerieth, als Schauspieler Ausdrücke gebrauche, welche weit über seinen Bildungskreis lagen, ein Betrug, der feiner war, aber auch zugleich auf sträfliche Absichten deutete. Demungeachtet mischte sich in seine Besorgniß vor dem Manne ein wohlwollendes Gefühl für denselben, mochte es nun im Mitleiden, da auch er übel verfolgt vom Schicksale schien, oder sonst wo seinen Grund haben.

Als der Weg sich über eine Höhe wand, rief der Führer seinen Gefährten zu sich, und zeigte ihm links in der Ferne einige Lichter, welche aus der weiten Dunkelheit allein hervorblickten:

Dort ist M***, wenn wir dahin wollen. Geht aber der Weg des Herrn weiter, so bin ich bereit, Ihn um den Flecken herumzuführen. Mein Auge ist scharf, und ich kann auch in der Nacht die Stege und Wege finden.

Es ist schon spät und wird sehr kalt, weshalb sollte ich nicht in M*** bleiben wollen? –

Es hat so jeder seine Gedanken, und es ist sehr recht, wenn Niemand dem Anderen, den er nicht kennt, mehr sagt, als grade nöthig ist. – Ich kann es auch nicht billigen, wenn Einer den Anderen ausfragt nach Namen, Stand, den Ort, wo er hingeht, die Absicht seiner Reise, und dergleichen mehr, denn das sind drückende Kenntnisse, und es ist gut, wenn kein Mensch mehr weiß, als er gerade nöthig hat. Denn was hilft's, wenn man vor Gericht steht, und nun auf die Bibel gegen eine arme Seele aussagen muß, die einem nie was gethan hat. –

Auch für den Reisenden ist's nicht räthlich – fuhr der junge Mann fort, – Jedermann, der ihm in den Weg läuft, Absicht und Richtung seiner Reise zu entdecken, denn er kann nicht voraussehen, in welchem Hohlwege er den unbekannten Freund wieder antrifft. – Obgleich für einen Mann, mit so wenig Gepäck, wie ich, eine solche Vorsicht unnöthig wäre. –

Der Führer lächelte und sagte:

Der Herr scheint auch die Sache zu verstehn. – Aber eben deshalb, da doch die Reise wohl weiter führt, würde ich nicht rathen, zuerst nach M*** zu gehn. –

Weshalb nicht? – Ist die Stadt unsicher, ein Nest für Diebsgesindel? –

Bewahre, lauter ehrliche Leute, die in ihrer Ehrlichkeit andern armen Schluckern noch abgeben könnten. Quäker, Methodisten, Leute, die zum Himmel blicken und sich kreuzigen, wenn sie mehr als funfzig Prozent nehmen, die alle Sonntag in die Kirche gehn und einen Sixpence Allmosen geben, Leute, die sehr wenig sprechen, viel beten, viel arbeiten und viel gewinnen.

Nun und weshalb sollen wir diese ehrliche Stadt meiden? –

Weil in der Nähe ein gewaltig strenger Friedensrichter wohnt, der so für den Frieden und die Ordnung und die Gesetze ist, daß er jährlich wenigstens zwölf Burschen, die heißeres Blut als er haben, an den Galgen bringt. Er hat Hunde zum Stöbern, Spione zum Horchen, und die alten Weiber sagen, er könne in den Sternen und im Kaffee lesen, wo verbotene Waare ankommt. –

Mein Freund, wofür haltet Ihr mich denn? –

Der Führer wendete sich um, drückte seinem Begleiter langsam die Hand, und als er seinen Druck nicht erwidert fand, lächelte er und begann mit aushohlender Stimme:

Ich halte den Herrn für einen so ehrlichen Mann, als je einer in diesem Königreiche auf den Straßen Nachts umhergereist ist. – Ihr kommt aus der Fremde, seid auf Schulen gewesen, und habt von diesem Lande und seinen Bewohnern viel Gutes – Rühmliches, – Lockendes gelesen; das wollt Ihr nun mal in der Wirklichkeit betrachten, und habt deshalb den weiten Weg nicht gescheut; was für einen jungen Mann sehr lobenswerth ist.

Weiter, weiter!

Euer sehr gefüllter Beutel ist aber kurz vor der Abreise im Bade durch falsche Spieler, oder wer weiß sonst wie, da es in der Welt viele Arten giebt sein Geld zu verlieren, – ausgeleert worden, und nun wollt Ihr in dem reichen England zusehn, wie Ihr ihn wieder füllen könnt. – Das ist recht. wer etwas im Spiel verloren hat, wagt wieder ein Spiel. – 'S giebt mancherlei Arten hier. – Einige machen reiche Heirathen, lassen sich adoptiren; Einer curirt zum Tode, Einer erschleicht Erbschaften, Einer handelt, wird bankerott und – ein reicher Mann –

Ihr haltet mich also für einen Avanturier, einen Glücksritter? –

Ich halte Niemanden für etwas, was ihm nicht lieb ist; aber 's geht Jedermann in dieser Welt seinem Glücke nach. Einer sucht solche friedliche Wege, wo wenig Gefahr und viel Gewinnst ist; Andere (hier warf sich der Mann in die Brust und verließ seinen bisherigen ruhigen Ton) – Andere suchen auch um Wenig die Gefahr auf, weil's ihnen lieber ist zu wagen, als zu schleichen und kriechen; und sie wagen wohl zuletzt auch da, wo nichts zu gewinnen ist, wo es vielleicht bloß gilt, solche lächelnde, freundliche Bösewichter, die gesetzlich sündigen, und von den Gesetzen geschützt werden, solche Bösewichter zu –

Er schwieg hier, machte aber mit der Faust eine ziemlich deutliche Bewegung nach vorn, welche als symbolischer Gedankenstrich dem Zuschauer das fehlende Wort ersetzte. Dieser hatte keine Lust, ein solches Gespräch fortzusetzen, und lenkte daher auf ein früheres Thema ein.

Ich komme besonders nach Wales, um alle die Merkwürdigkeiten aufzusuchen, welche dieses Land aus seiner Geschichte uns überliefert. Die Trümmer des alten Volksstammes, der gegen so viele Unterdrücker sich heldenmüthig vertheidigte, bis er mit seiner Poesie zugleich fast ausgerottet wurde; die Riesenbauten der Vorzeit, das ungeheure Kloster Bangor, die Ruhestätte der Riesenglieder des mythischen Arthur, alle die Plätze, welche sein Name, vielleicht seine Gegenwart einst verherrlichte. –

Der Andere lächelte:

Ich kenne sie alle, und könnte einen guten Wegweiser abgeben. Da ist Arthurs Schanze in Cairwarnak – Arthurs Tafel, – der Kiesbach bei Drumwaller, wo er durchwadete, ohne naß zu werden; alle die Höhlen und die Schluchten, über welche seine Ritter sprangen. Auch den Baum zeige ich neugierigen Reisenden, unter welchem der König verblutete und dann auf immer verschwand. –

So lebtet Ihr früher als Führer für die Reisenden in diesem Lande? –

Ich habe Manchen hier im Lande herumgeführt, hergeführt, kurz auf alle Weise – geführt, und mit lustigen Leuten in den tiefsten Höhlen bei Mitternacht geschlafen, gezecht und gelacht, ohne daß uns der alte Merlin, oder einer von den Drachen und bärbeißigen Rittern erschienen wäre. Sie mochten wohl ihre Leute kennen.

Beide gingen schweigend eine Weile neben einander, dann hub der Eingeborne wieder an:

Liebt Ihr vielleicht alte Kirchen im Mondenschein zu sehn, – so altes Gemäuer? –

Gewiß, und ich habe von mehreren Ruinen gehört, und verschiedene aus diesem Lande bei einer solchen Beleuchtung gemahlt gesehen. –

Aber sicher nicht das Kloster Griffith ap Gauvon. Es liegt versteckt in den östlichen Schluchten des Snowdons, und weil's gefährlich ist, Klipp' auf, Klipp' ab zu steigen, und man die Hände sich ritzen kann beim Wegbahnen durch Hecken und Dornen, und weil so mancherlei in den Weg laufen kann, als: Zigeuner, liederlich Gesindel – nun da fürchten denn solche zartsinnige Herrchen die Nachtluft, die Dornen und was weiter. – Aber Ihr solltet sehen, wie die Ruinen auf nackten Felssäulen majestätisch sich erheben und die spitzen Bogen über den tiefsten Schlünden hoch oben in der blauen Luft sich vereinigen. Wenn man da von unten hinauf schaut und die mondweißen Pfeiler so kerzengrade oben in der blauen Nachtluft stolz emporragen sieht, muß der kühnste Sinn schwindeln, oder er denkt auch daran, ein Mal so der Gefahr zu trotzen und sich so schroff an den Rand eines Abgrundes, mit ausgebreiteten Armen nach dem Himmel zu, hinzustellen.

Ihr macht mich selbst durch Eure Beschreibung schwindeln.

Aber jetzt schwindelt nicht, denn es geht über einen schmalen Steg, und drunter ist's tief. – Gebt mir Eure Hand – so – tretet jetzt rechts, nun ein Paar Stufen hinauf. – Nun um die Mauer herum, es ist so dunkel zwischen den hohen Wänden, daß Ihr mich anfassen müßt, wenn Ihr nicht stoßen oder fallen wollt. –

Beide gingen auf diese Weise noch einige hundert Schritte, als plötzlich der Führer stille stand, und sagte:

Beliebt dem Herrn noch sonst etwas? Hier bin ich meines Wortes ledig. Wir stehn vor dem gewiß besten Gasthofe der Stadt, weil es der einzige ist. –

Wenn vielleicht einer von den geneigten Lesern in der Blüthenzeit seines Lebens, und in der des Jahres, zu Fuß eine Wanderung durch uns're nördlichen oder westlichen Gebirgsländer unternommen und ausgeführt hat, so wird er wissen, welche Freude es gewährt, wenn nach einem heißen und ermüdenden Tagemarsche der Führer am Abende an die Thüre eines Hauses klopft und spricht: Hier sind wir am Ziele. Dieses Gefühl der Lust und Befriedigung kann aber nur gering gegen dasjenige sein, welches ein Fußgänger, wie unser Held, empfindet, wenn er an einem Wintertage, unter mancherlei Besorgnissen, und nach solchen Unfällen, als wir sie erfahren haben, seine Reise unerwartet beendet sieht. Es mischte sich indessen noch ein anderes Gefühl der Besorgniß in diese Freude. Der junge Mann war in dem Lande, welches er als Ziel und als Belohnung seiner Beschwerden ansah, ganz fremd, und Reisebeschreiber des Continents warfen ihm vor, – ob mit Recht oder Unrecht? wollen wir dahingestellt sein lassen, – es übe gegen Fremde, als solche, wenig Gastlichkeit aus. Mit einer gewissen bangen Erwartung ergriff er daher die Thürklinke und betrat die Schwelle des Hauses. Vielleicht mochte sein Begleiter, beim Schein der großen Laterne auf dem Hausflur, dieses Gefühl im Gesichte seines Gastes lesen, oder er ahnete es, vermöge der Menschenkenntnis, welche der Umgang mit der Welt und mannigfache Erfahrungen ihm verliehen hatten. Er zog deshalb seinen Herrn noch einige Schritte zurück und sagte ihm alsdann:

Noch einen Rath auf den Weg; auch einer aus dem Munde des Dieners kann dem Herrn nicht schaden. Der Wirt drinnen gehört nicht zu denen, welche man höflich nennt, und der Herr, mit Erlaubniß zu sagen, nicht zu denen, welche mit vier Pferden, ja nicht einmal mit der Landkutsche ankommen. Reisende zu Fuß, – besonders im Winter – werden hier wenig geachtet. Darum, wenn Ihr sogleich ein Nachtquartier fordert, wette ich zehn gegen eins – es wird kein Platz mehr vorhanden sein, auch wenn's drinnen so mäuschenstill wäre, als es jetzt laut ist. Aber fordert Euch erst Ale oder Porter, oder Wein. Je höher die Forderung des Gastes steigt, und jemehr das Getränk Euren erfrornen Körper erwärmt, um so mehr weicht auch der Frost aus dem Herzen des Wirthes. Macht Ihr's anders, so stehe ich Euch nicht dafür, daß wir irgendwo unter einer Straßenlaterne ein Bette suchen müssen.

Achtsam auf diesen Rath ergriff der Reisende nochmals die Klinke und öffnete die Thür, durch welche schon früher ein starker Lärm gedrungen war, aus welcher aber jetzt Dampfwolken ihm entgegen quollen.

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