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Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.

Königin Ellinor war ein krankes Weib
    Und zitterte schon vor'm Tod.
Holt zwei Betbrüder aus Frankreich mir,
    Sie ihren Dienern gebot.
       
Königin Ellinors Bekenntniß.
Alte Ballade.            

Nachdem die Hütte leer geworden, und auch der Nachhall der Tritte von denen, welche sie eben verlassen hatten, verschwunden war, wagte der Gast sich vom Lager emporzuheben, und indem er die Rolle eines eben Erwachenden spielte, forderte er jähnend nach einem Trunk und Speise. Die Alte brummte, brachte ihm doch den Rest einer Kanne Whisky, so wie eine Flunder und etwas Schiffszwieback, ohne sich weiter um seinen Appetit oder die Würze des Mahls, eine angenehme Unterhaltung, zu bekümmern. Der Gast aß und trank, wie es von einem wiedererwachten Schiffbrüchigen zu erwarten war, und wagte, so gestärkt, eine neue Frage an seine Wirthin:

Mütterchen, ich weiß nicht, ob mir träumte, oder ich die Leute halb wachend wirklich sah – aber ich glaube, es waren hier Fischer in der Hütte, und was ich eben verzehre, scheint von ihnen zurückgelassen zu sein.

Die Alte erwiederte ganz trocken: Man träumt viel, man sieht viel und man glaubt viel, aber man thut doch wenig. –

Er fuhr fort: Gern würde ich viel thun, wenn ich es nur könnte. Ein armer Schiffbrüchiger muß aber sehn, wo es für ihn Arbeit giebt. Kann man hier bei Euch, Mütterchen, Beschäftigung bekommen?

Die Alte schüttelte den Kopf, ohne zu sprechen.

Nun wenn hier nichts ist, so verschafft Ihr mir wohl Gelegenheit, dahin zu kommen, wo ich vor meinem Unglück hin wollte.

Wohin?

Nach England, nach der Küste von Wales. –

Es laufen da schon viele schlechte Menschen umher. –

Deshalb wird man mir doch nicht verwehren, nach Wales zu reisen? –

Die Alte sah sich bei diesen Worten langsam nach dem Sprecher um, betrachtete ihn angestrengt und schüttelte dann den Kopf.

War't Ihr schon früher in Wales?

Niemals. –

So mögt Ihr Euch hüten.

Weshalb?

Die Galgen sind hoch, und 's werden nicht viel Umstände gemacht. –

Haltet Ihr mich denn für einen Dieb, Räuber, Beutelschneider? –

Habt viel Aehnlichkeit mit Einem, dem der Galgen bestimmt ist. –

Die Alte blieb einsylbig, wie immer, und da der Fremde keine Hoffnung hatte, mehrere Auskunft ihr zu entlocken, das Gespräch auch eben nicht zu seiner Zufriedenheit sich zu wenden schien, brach er ab, und begnügte sich, seine Wirthin zu bitten, sobald eine Gelegenheit sich zeige, ihm Nachricht von derselben zu geben. Sie brummte einige Worte vor sich hin, welche man aber so gut als abschlägige wie als zusagende betrachten konnte; und der Fremde ergab sich seinem Schicksal, das Beste was er beginnen konnte, wickelte sich in seine Matten und überließ sich der Betrachtung über sein früheres Leben und die mögliche Aussicht der Zukunft.

Aber wie es zu gehen pflegt, wenn ein Philosoph, oder, – um aus der eigenen Zunft das Bild zu entnehmen, – ein Novellist, kurz ein Schriftsteller über sein Thema nachdenkt, und das Silberfischlein seiner Wahrnehmung und Erfahrung mit dem Goldfischlein seiner Phantasie zu verbinden sucht, wenn er, mit schlichten Worten gesprochen, den logischen Zusammenhang seiner in ihm lebendigen Bilder mit Anstrengung aufzusuchen bemüht ist; dann fliegen ihm zuweilen alle diese lieblichen Kinder seiner Phantasie, wie dem Vogelsteller die bunten Vögel aus dem Käfig, auf und davon, und, indem er nacheilt, sie in den verschiedenen Regionen ihrer Heimath wieder zu haschen, stößt er auf andere Gegenstände und Bilder, welche ihn für den Augenblick interessiren, so daß er, bei diesen verweilend, seine eigentliche Jagd ganz vergißt, und sich nur mit den momentanen Erscheinungen beschäftigt. So ging es auch unserm Helden, – denn daß der junge, dem Wassertode kaum entronnene, Mann diesen Charakter führen werde, hat der geneigte Leser wohl schon selbst errathen. – Indem er ernstlich über sein ganzes unsichtbares Leben nachdenken wollte, blieb sein Auge bei den sichtbaren Bildern der Gegenwart haften: er sah die zerbrechliche Hütte, er sah das alte Weib an, er lachte, da der Whisky seinem erschöpften Körper neue Kraft gegeben hatte, über seine frühere Furcht, und dachte nach, ob ein Entkommen aus diesem gefährlichen Orte nicht allenfalls durch Gewalt zu bewerkstelligen sei? Er traute sich jetzt vollkommene Kraft zu, die alte Frau niederzuwerfen; er sah sich nach einer Waffe um, die beiden Packans, und im Nothfall den versteckten Hinterhalt der stämmigen Seeleute von sich abzuhalten. Aber wie sehr er seinen Geist auch wappnete mit dem Gedanken an die Gesetze Alt-Englands, welche die physische Freiheit jedes Eingebornen so würdig vertheidigen, so blieb »der Hinterhalt der stämmigen Seeleute,« welche, bevor noch ein neu zu erwerbender Freund dem Fremden ein habeas corpus auswirken dürfte, ihn über Hals und Kopf ins offene Meer stoßen könnten, wo ihm alsdann im Reich der Seehunde und Haifische, wenn auch innerhalb Englands Seeterritorium, die Habeas corpus-Akte wenig Dienste leisten möchte, – ihm demnach ein solcher Stein des Anstoßes, daß er, wenn ihm dazu noch die Unbekanntschaft des Landes und die Möglichkeit, daß er auf irgend eine Pirateninsel verschlagen sei, einfiel, für den Augenblick die Ausführung des Vorsatzes hinaus, und den Vorsatz selbst bei Seite schob. Wer aber mit geschlossenen Augen über unausführbare Dinge brütet, geräth bald, wenn sonst nichts dazwischen kommt, nicht allein in einen geistigen, sondern auch in einen physischen Schlaf; und daher kam es denn, daß ihn nach einigen Stunden wiederum Jemand, und zwar die Alte, aus demselben wecken konnte.

Sie stand vor seinem Lager, und rüttelte den Verdrossenen.

Steh auf, sonst geht die Zeit vorüber. Draussen liegt ein Französischer Seecapitain, und ladet Trinkwasser. Er wird Dich mitnehmen und absetzen.

Der Jüngling sprang im Augenblick in die Höhe, und stand fertig zum Aufbruch da. Schlaftrunkene und plötzlich Ueberraschte springen gern über alle Vorbereitungen zur Handlung selbst, von der sie geistig oder physisch träumten, hinüber. So wollte auch der junge Mann sogleich in das Schiff steigen und absegeln, und rief deshalb:

Wo ist es? Wo? Ich komme gleich? und eilte nach der Thüre, an welchem Vorhaben aber die Alte ihn hinderte, indem sie ihn rückzog.

Ho ho! So eilig ist's nicht. In's Verderben rennt Jedermann nicht schnell genug, und aus der Schenke, eh' er die Zeche bezahlt hat. Aber die Rechnung kommt nach, hat man sie ohne den Wirth gemacht, und an jedem Kreuzweg lauert der Scherge. Erst bezahlt das Herrchen, dann wird's geführt, aber erst in's Boot, und dann in's Schiff, und dann in's Meer, und dann in den Wind, – hussa lustig, da flattert so Manches.

Der Gast bezahlte die kleine Zeche, aber in dem Augenblicke des Rechnens, wo ja der trockenste Verstand alle farbigen Traumbilder verscheucht, erwachte in ihm ein neuer und nicht kleiner Grund der Besorgniß. Er fragte sich: Wer ist dieser Capitain? Wer sind die Leute, welche für mich mit ihm unterhandeln? Waren nicht noch vor Kurzem in Antwerpen jene furchtbaren Seelenverkäufer, welche am hellen Tage auf offenem Markte angesehene Personen aus dieser großen Stadt in die Sklaverei führten? Giebt es nicht noch jetzt in den volkreichen Städten Englands Matrosenpressen? Wer schützt, wer rettet hier den ganz Fremden, Verlassenen?

Es waren in der That begründete Zweifel, welche in diesem Augenblicke ihn ängstigten; wo aber keine andere Aussicht ist, folgt der verirrte Wanderer in der Nacht auch dem Irrlichte, weil es möglich ist, daß es eine Laterne sei, welche ihn auf den rechten, oder doch wenigstens auf einen Weg führe. Er hatte nicht lange Zeit sich zu besinnen, denn, nachdem kaum die Zeche bezahlt war, traten zwei Schiffer an die Hüttenthür mit der Aufforderung, ihnen zu folgen, indem die Ladung bereit sei.

Da er keinen erheblichen Grund wußte, weshalb er die Aufforderung öffentlich hätte ablehnen sollen, befahl er seine Seele dem, welcher ihn schon aus so manchen Fährlichkeiten errettet hatte, und trat beherzt den Führern entgegen. Er sagte seiner Wirthin mit wenigen Worten Dank, worauf sie indessen nur mit Murmeln unverständlicher Worte antwortete, und ohne sich um ihn zu bekümmern, in ihre gewohnte Stellung zurückkehrte. Es war noch tiefe Nacht, als er aus dem Gestrüpp sich hinausgearbeitet und, gestützt von zwei Matrosen, den Strand des Meeres erreicht hatte. Das Wetter schien ruhig, hie und da blickten die Sterne durch die Wolken, und die See zu seinen Füßen rauschte nur wie gewöhnlich. Mir Hülfe der geübten Seemänner war er bald die Lehm- und Kalkwand an einer niedrigen Stelle hinabgerutscht, und bestieg nun das mit sechs Ruderern und einigen andern Leuten bemannte Boot. Es lagen noch mehrere Tonnen und Paquete in demselben; merkwürdiger war aber die tiefe Stille, welche auf ihm herrschte, indem gewöhnlich ein vom Lande stoßendes Boot unter lautem Jauchzen der am Strande stehenden Zuschauer und frohen Gesängen der Schiffsleute zum Schiffe stößt.

Während nur der einförmige Ruderschlag die Ruhe der Nacht unterbrach, und das Boot die an das Ufer treibenden Wogen durchschnitt, hatte der Jüngling Zeit und Muße, die Betrachtungen über seine Zukunft fortzusetzen. Wie aber ein geringfügiger Umstand dem phantasiereichen Sinne Furcht und Besorgniß weit hinaus erregen kann, so wirkt umgekehrt die unbedeutendste Gunst des Zufalls oft als Balsam für den tief und gerecht Betrübten. Es rauschte ein kalter Nachtwind über das Meer, und unser Held hatte aus seinem Schiffbruche nur den leichten Ueberrock mitgebracht, welchen er im Augenblicke der Explosion auf dem Leibe trug. Es war daher natürlich, daß er die ganze Gewalt der Kälte empfand, welche, in Vereinigung mit der trügen Aussicht, ein Frostschaudern erzeugte. Sobald die zu seiner Seiten sitzenden Matrosen diese Symptome bemerkten, holte der Eine unaufgefordert eine wollene Decke und umhüllte den Frierenden dergestalt, daß man, wenn er auch nicht gänzlich hierdurch vor dem Nachtfroste geschützt blieb, doch die sorgsame und wohlwollende Absicht des Schiffsmannes erkennen mußte. Es war dies eine Handlung, deren auch wohl ein Seelenverkäufer und Sklavenhändler fähig gewesen wäre, ja die sich aus der, für ihn selbst vortheilhaftesten Erhaltung des erkauften Sklaven am besten erklärt hätte; dennoch wirkte sie so wohlthuend auf den jungen Mann, daß er aus diesem wohlwollenden Benehmen des Einzelnen auf die gute Gesinnung der übrigen Leute im Boote, ja endlich der ganzen Schiffsmannschaft schloß, und sogar die freundlichsten Hoffnungen für die Zukunft baute. Laßt uns nicht mit Verachtung oder Bedauern auf diesen Wankelmuth im menschlichen Sinne herabsehen: der Schöpfer hat ihn den Sterblichen geschenkt, damit unser Pygmäengeschlecht im Kampfe mit den Elementen und Naturkräften, noch mehr aber mit den Hindernissen, welche wir selbst unsern Bestrebungen einander entgegensetzen, nicht unterliege, und immer einen Quell finde, aus welchem es im heißen Mittage nach der gänzlichen Ermattung neue Kraft schöpfen könne. Die Biene findet in jedem Blumenkelche Nahrung, der menschliche Geist aber hat stärkere Flügel als der Körper der Biene, er kann Nahrung, Erholung, Freude, ja Taumel und Entzücken aus Blüthenkelchen trinken, welche so fern sind, daß nicht einmal sein fleischliches Auge sie je erreichen kann.

Obgleich das Boot durch die Kraft der Ruderer schnell weiter getrieben wurde, dauerte es doch fast eine Stunde, ehe sie das große Schiff erreichten. Es steckte nur eine einzige, schwache Laterne aus, und als sie herangekommen waren, rief auch die Schiffswacht nur mit gedämpfter Stimme ihnen das Werda? zu. Auf das in gleichem Tone zurückschallende Losungswort: pêcheurs du roi et de la sainte vierge! wurden die Strickleitern vom Bord herabgelassen, und die Matrosen fingen an das Schiff zu besteigen. Ehe man jedoch den Passagier dazu ließ, wurden die für das Schiff nothwendigern Sachen durch Seile emporgehoben. Der junge Mann fand hier Gelegenheit, die Geschicklichkeit der Bootsleute zu bewundern. Mit einer Schnelligkeit und Umsicht, wie er sie selten oder nie früher bemerkt, holten sie Fässer und Kisten aus dem Grunde des Bootes, ohne auch nur mit dem einen an das andere zu stoßen, vielweniger etwas zu beschädigen oder zu zerschlagen, was bei solchen Gelegenheiten so häufig unter den rohen Händen der Matrosen geschieht; sie banden die Seile darum und wanden die Fässer in die Höhe, ohne daß nur ein einziges Mal beim Wege vom Bording bis an Bord die Last in's Schwanken gerathen, und an das Hauptschiff angeschlagen wäre. Aber trotz der Schnelligkeit und Umsicht dauerte das Ausladen über eine Stunde, und die hinaufgewundenen Kisten und Kasten, alle sauber emballirt, verriethen, daß nicht bloß Trinkwassers halber das Schiff hier geankert habe. Endlich ward es auch dem Passagier vergönnt, die schwankende Leiter zu besteigen. Es gehört zu den Belustigungen jedes Schiffsvolkes, einen Nichtseemann die schwankende Strickleiter des immer schaukelnden Schiffes hinaufklettern und mit den ungewohnten Elementen kämpfen zu sehn. Ist er ängstlich und verräth durch Zittern, Langsamkeit und vielfaches Prüfen der Sprossen in der Leiter, ehe er Fuß und Hand ihnen zu vertrauen wagt, seine Besorgniß, so ist er auch schon verloren, denn jeder Schiffsjunge thut alsdann das Seinige, ihm den Weg noch unangenehmer zu machen; man zerrt von oben und unten die Leiter, man hebt sie in die Höhe, anscheinbar dem Kletternden den Weg abzukürzen, läßt sie dann aber plötzlich niederfallen; man zwingt ihn zu tanzen und zu schaukeln in der Luft, und wer endlich nicht an die Strickleiter selbst kann, gießt doch ein Glas Wasser von oben herab auf den in seinem Schweiße schon Gebadeten. Von allem dem hatte unser Held nichts zu leiden. Als Schiffbrüchiger hatte er schon größere Gefahren bestanden und kletterte daher beherzt dem ihm mit einer Laterne vorleuchtenden Matrosen nach. Schon auf dem Wege wurde hier sein Herz von der Furcht vor einem Seelenverkauf erleichtert, denn überall erblickte er am äußern Schnitzwerk und den Zierrathen des Schiffes die Königlichen Lilien Frankreichs eingegraben, und obgleich der Steuermann ihn Englisch anredete, so erfuhr er doch bald, daß er auf der Französischen Corvette les trois fleurs de lys sich befinde.

Nach einigen Minuten erscholl es: Der Wind ist günstig! und eine schneidende Stimme rief halb in gebrochnem Französisch, halb Englisch:

Mort de ma vie! In drei Teufels Namen aufgepaßt! – Hätte der Wind uns beinah geworfen. – Wer noch einmal nicht aufpaßt, dem schieß' ich beim vierfachen Sadras die Kugel in's Gehirn, daß – wollte sagen bei uns'rer lieben Jungfrau, ich laß ihn hängen am Mastbaum, bis die Raben satt sind. –

Alles war Thätigkeit geworden, die Segel wurden gespannt, eingezogen, Matrosen und Schiffsjungen flogen die Maste auf und nieder, und nur der Steuermann saß fest und mit umsichtigem Blicke am Steuerruder. Es war Tag geworden und das Schiff in vollem Segeln begriffen, als der junge Mann sich bemühte, den Ort im Meere zu entdecken, von welchem aus er auf das Schiff möchte gekommen sein. Im weiten Meere bemerkte er nur eine Landspitze mit erhöhtem weißen Ufer, von der sich bei dem gegenwärtigen Winde das Fahrzeug entfernte. Er fragte einen vorübereilenden Matrosen: Wie dies Land hieße, und erhielt die für ihn sehr unbefriedigende Antwort:

Das heißt der Kreidevorbug,

worauf der Matrose, ohne weiter Lust zu bezeugen, ihm irgendwie Rede zu stehn, davon eilte. Er hatte auch nicht Zeit ihm zu folgen, denn eben wackelte eine breite Gestalt auf dem Verdecke heran und rief, ohne irgend ein Zeichen auch nur des oberflächlichen Grußes zu machen, ihm zu:

Ist das der Bursch, der mit will?

In dem herrischen Schritt und Blicke war der Schiffscapitain nicht zu verkennen, aber auch ohne diese Würde hätte er für den Fremden als ein der Aufmerksamkeit werther Gegenstand erscheinen müssen, obgleich weder sein Aeußeres noch seine Sprache im geringsten den Franzosen verrieth. Seine Gestalt war klein, sein Körperbau untersetzt, seine Glieder gedrängt, dabei war er auch für einen Seemann stark beleibt. Er schien näher den Siebzigern als den Sechzigern, verrieth aber noch eine ungemeine, durch Abhärtung und Anstrengung gestählte Kraft. Sein Haar schien weiß gewesen, aber wieder grau und schmutzig geworden zu sein, so daß, besonders im Gegensatze zu dem dicken rothen Gesichte mit starken Augenbrauen und einer Bardolphsnase nichts Ehrwürdiges in ihm lag. Das graue Auge blickte scharf aus der Fleischmasse hervor, und auch diese verrieth, daß sie in Zeiten der Gefahr charakteristischer werden könne, und eines Mienenspiels fähig sei, welches jetzt im Zustande behaglicher Trägheit und auch wohl dem einer gelinden Trunkenheit, der Ruhestunden pflegte. Der Capitain trug weite, lange Hosen von gestreifter Leinewand und dickbesohlte Schnallenschuhe auf seinen großen Füßen. Wir sagten vorhin, daß er herangewackelt sei, dies thut aber seinem Gange, den wir dessenungeachtet einen festen nennen müssen, keinen Eintrag; denn wo sein Fuß hintrat, hätte man schwören mögen, das Bein sei eingewurzelt wie eine junge Eiche; zugleich aber konnte seine breite Gestalt, in Verbindung mit dem Schaukeln des Schiffes, nur wackelnd sich fortbewegen. Seiner Würde ungeachtet schien er doch den langen Capitainsrock nicht zu lieben, sondern trug vielmehr eine feinere blaue, kurze Jacke, ohne besondere Auszeichnung, über der rothen Weste, auf welcher letztern ein breiter Ledergurt geschnallt war mit Doppelpistolen und, kurz daran hängend, einem sehr krummen türkischen Säbel in silberner Scheide. Nur auf dem Kopfe trug er die Auszeichnung, welche ihn als Capitain oder sonst als Beamteten ankündigte, einen etwas höhern runden Hut als die übrigen Schiffsleute, gleichfalls heruntergekrämpt, aber stolz oben, statt des Federbusches, eine weiße Lilie.

Diese Gestalt war es, welche auf den jungen Mann zuging, oder vielmehr von der Seite ihn berührte, und nun mit ihrer Stentorstimme:

Ist das der Bursch, der mit will?

ihn zu sich heran zu rufen schien. Unser Held näherte demzufolge sich dem Capitain, machte seine Verbeugung und bejahte bescheiden die unhöfliche Frage. Ohne seine Stellung zu verändern, musterte ihn der Capitain mit einem flüchtigen Blicke, und sagte darauf:

Mort de ma vie! Wohin soll's mit Ihm gehn?

Ich wünsche entweder in Bristol, oder irgendwo an der Küste von Nord-Wales abgesetzt zu werden! –

Was wünschen abgesetzt zu werden? – Was Bristol und Nord-Wales? – Wo's mir beliebt. – Capitain Le Harnois wird seine trois fleurs de lys nicht um jeden Landstreicher ankern und lichten. –

Aber ich dachte – sagte der junge Mann – die Corvette sei bestimmt, an den Küsten von Wales zu kreuzen. –

Was denken! Ich denke 's läuft viel Gesindel an den Küsten umher, und die Polizei ist schlecht, sonst denk' ich, würde Mancher nicht laufen, sondern hängen. Wer ist Er denn?

Der junge Mann wollte ihm antworten, der Capitain aber, welchem es nicht um die Antwort, sondern darum zu thun schien, sich selbst ausreden zu können, fiel ihm in's Wort:

Gewiß so ein Vagabunde, der sich hinten auf die Kutschen setzt, und die Koffer abschneidet, Nachts in die Häuser schleicht, am Wege lagert, die Leute umdreht um sie zu plündern, denn zum ordentlichen Highwayman oder Gurgelschneider scheint Er kein Herz zu haben. Oder ist Er ein falscher Spieler und Seiltänzer und treibt Er als Taschenspieler sein Hokuspokus? –

Auf's tiefste gekränkt, riß der junge Mann seine Brieftasche heraus, zog einige Papiere vor und überreichte sie mit allem Stolze, dessen er fähig war, dem Capitain:

Wenn Herr Capitain meinen Paß und meine Atteste werden durchgesehen haben, glaube ich nicht weiter nöthig zu haben, mich wegen eines so entehrenden Verdachtes zu rechtfertigen.

Der Schiffshauptmann griff lässig nach den Papieren, faltete sie, ohne sich Mühe zu geben, auf, zerriß aber dabei die Dokumente an mehreren Seiten und warf dann wenige flüchtige Blicke, weniger auf ihren Inhalt als auf das Papier und die Schrift; ja es kam dem jungen Mann vor, als besähe er einige Atteste von der Rückseite und umgekehrt. Wie dem aber auch sei, der Capitain warf nach wenigen Secunden ein Papier nach dem andern zerknittert oder zerrissen auf die Erde, blies in die Luft und sagte:

Pah, pah! Alles falsche Papiere! Nachgemacht. Einen Andern betrogen, aber nicht Capitain Le Harnois!

Der Jüngling war auf's äußerste durch die völlig grundlose und, wie es schien, nur aus Uebermuth vorgebrachte Beschuldigung entrüstet. Ungeachtet seiner noch immer zweifelhaften und precairen Lage, würde er nicht länger im Stande gewesen sein sich zu halten, sondern auf den Capitain mit Vorwürfen, welche in jedem Stande und Verhältnisse der ganz ungerecht gekränkten Unschuld erlaubt sind, losgefahren sein, wenn ihm nicht der Zechbootsmann von hinten auf die Schulter geklopft und zugeflüstert hätte:

Nur ruhig, Patron, es ist nicht so arg gemeint. Er sieht wohl, daß der Capitain sein starkes Frühstück schon eingenommen hat. Kurz vor Mittag, und kurz vor'm Frühstück geht's besser, und – wenn Gefahr los ist. –

Der Jüngling begnügte sich, die zerstreuten Papiere aufzulesen, in Ordnung zu bringen und wieder einzustecken, und sagte weiter nichts als, daß er hoffe am Lande dereinst Obrigkeiten zu finden, welche besser ordentliche Dokumente zu würdigen verständen.

Mort de ma vie! Beim vierfach verwetterten Sadras. Wer ist ordentliche Obrigkeit? Am Lande oder auf der See? Ich bin patentirter und documentirter See-Capitain. Vier Minister haben's unterschrieben, und es ist contrasignirt, und wir sind alle restaurirt, und ehrlich und rechtlich geworden jetzt in bester Form. Aber mort de ma vie, ist Er denn gut bourbonisch gesinnt?

Herr Capitain, ich bin weder geborner Franzose, noch irgendwie der Französischen Regierung unterthänig oder verpflichtet. Ich glaube deshalb auch auf keinen Fall verbunden zu sein, meine Gesinnungen, im Betreff des Regentenstammes, auszusprechen. –

Was? Nicht Bourbonisch? – Auf jeden Fall ist Jedermann verpflichtet Bourbonisch zu sein, und wer nicht Bourbonisch ist, duld' ich nicht auf meinem Schiffe. Mein Schiff ist gut Bourbonisch, und mein Schiffsvolk ist Bourbonisch, und ich bin auch Bourbonisch. –

Ich freue mich, – sagte der junge Mann, – auf dem Schiffe eines so loyalen Unterthanen des allerchristlichsten Königs meine Ueberfahrt nach Wales machen zu können.

Will's meinen. Aber ist der Bursch auch nicht liberal? –

Meine traurigen Umstände verbieten es mir gegenwärtig zu sein. –

Das ist brav, das ist gut. Denn eher – 'nen Betrüger, 'nen Landstreicher, 'nen Wegelagerer auf meinem Schiffe aufgenommen, – als 'nen Liberalen, oder gar 'nen Constitutionellen. Mort de ma vie, ich halte auf Reputation. Hier gilt's nichts von Liberalität und Constitution, beim ehrlichen Namen Le Harnois!

Es giebt verschiedene Arten von Liberalität, und wenn ich, durch die Noth gedrückt, der einen nicht huldigen kann, so muß ich gestehn, daß, was man jetzt darunter versteht –

Der Capitain fiel ihm in's Wort:

Ich dulde keine Art von Liberalität, – keine, nichts Liberales; und dazu hab' ich mein Patent. – Ist denn der Passagier gut katholisch? –

Ich glaube nicht, daß, wenn es auf Rettung eines Schiffbrüchigen ankommt, der Mann, welcher ihm das Seil zuwirft, erst nach seinem Glauben zu fragen berechtigt ist. –

Wie? – Nicht berechtigt? – Zu Allem bin ich berechtigt, was nicht gegen seine allerchristlichste Majestät ist, und gegen den katholischen Glauben und die heilige Jungfrau. – Jedermann kann ich fragen, ob er katholisch ist, und wenn er am Seile zappelt und sagt: Nein! – kann ich's Seil los lassen und zu ihm sagen: Laß Dich erst taufen, und dann komm wieder. Das kann ich, beim vierfachen – gebenedeit sei die Jungfrau Maria! – So steht's in meinem Patent. –

Wenn ich auch durch meine Erziehung, Herr Capitain, einem andern Cultus sollte zugethan sein, so hege ich doch volle Achtung vor der römischen Kirche und ihren Bekennern. –

Wir wollen keine Achtung haben. Das ist Lauigkeit, und Lauigkeit soll ich nicht dulden, sondern nichts als Glauben und puren Glauben. – Meine Passagiere sollen katholisch sein, und mein Schiffsvolk auch, und, mort de ma vie, ich bin's auch; und wer nicht fromm ist, den laß ich wie Ballast und Pumpwasser über Bord werfen, denn es steht in meinem Patent geschrieben: ich soll nur fromme Leute an Bord haben. – Heda! Ist Einer hier nicht gut katholisch? – Ich werde schon revidiren lassen. –

Mit diesen Worten, und ohne sich weiter in der That mit der Prüfung des Glaubens, weder des neuen Passagiers, noch seiner Leute zu befassen, drehte der Capitain jenem den Rücken, oder ging vielmehr, ohne weitere Berücksichtigung seiner, bei ihm vorüber, der Cajüte zu, vermutlich um ein Schläfchen zur Verdauung des Frühstücks zu machen. Ehe er hinabstieg, wandte er sich indessen noch einmal um, indem er unserm Passagier zurief:

'S mag nun diesmal passiren, und der Bursch kann auf'm Verdeck oder unten im Schiffsraum bleiben, bis wir's faule Wasser ausschütten; – denn bei unserer lieben Jungfrau sollen wir aus purer Mildthätigkeit, und um der Lilien willen, armem Schiffsvolk unter die Beine greifen; aus purer Mildthätigkeit mag der Bursch bleiben, und unserer lieben Jungfrau danken. –

Daß der Befehlshaber der Corvette: les trois fleurs de lys es in der That nicht so strenge mit der Orthodoxie seines Schiffsvolkes nehmen mochte, als seine Reden anzukündigen schienen, dies zu bemerken kostete keinen besondern Scharfsinn. Die Matrosen lachten nach seinem Verschwinden aus vollen Kräften, und der Kenner der verschiedenen Volkslieder und deren Melodieen durfte wohl in dem von Einigen hergebrummten Gesange, dessen Worte man nicht verstand, die Weisen von Spottliedern entdecken, deren Inhalt nichts weniger als kirchlich war. Auch trugen die Gesichter der meisten Bootsleute unverkennbare Züge einer eingewurzelten Rohheit an sich, und während jeder unter ihnen seine Brandtweinflasche um den Hals hing, bemerkte man nur bei sehr wenigen selbst das äußere, von echten Katholiken sonst für so heilig gehaltene Zeichen, des Glaubens, zu welchem sie sich bekennen, – den Rosenkranz. Es war zu bewundern, daß bei dem Zustande des Capitains doch im wesentlichen eine musterhafte Zucht unter dem Schiffsvolke herrschte und jeder Dienst so wohl versehen wurde, wie der junge Mann, obgleich er schon die Schiffe von vielen Nationen bestiegen, es noch nie gefunden hatte. Auch ohne die Anordnungen des Steuermannes, welcher körperlich seinen Posten und mit den Augen das Schiff nie verließ, that jeder seine Schuldigkeit. Die Matrosen kletterten auf die Masten, man zog die Seile, die Körbe, drehte die Segel, ohne deshalb einen Befehl zu erwarten oder ein Wort zu verlieren, und gleich als wäre Jedermann aus dem Volke Capitain des Schiffes, und wohl unterrichtet mit allen Planen. Der Passagier konnte sich nicht enthalten, seine Verwunderung dem Zechbootsmann zu äußern, und erhielt die lächelnde Antwort:

Es sind alles gute Jungen und könnte jeder Capitain sein. – Heute zu Tage ist's nur Spielerei, aber wenn Sturm ist oder Angriff; – dann solltest Du's sehn, Passagier! Jeder nimmt drei auf sich. – Auch der Capitain war ein tüchtiger Mann, der tüchtigste von uns allen, als wir noch nicht so ehrlich waren und patentirt und restaurirt, wie sie's nennen. – Aber das ist dem Capitain in die Krone gefahren, und wird ihm wohl schlecht bekommen. – Sonst war anderes Leben, aber jetzt ist wenig los, und zwischen ordentlich und ehrlich und – lustig und frei zu fahren ist grade so, als wenn Wind und Welle von der Seite kommt. Da lob' ich mir's, wenn sie grad' entgegenbläst. denn beim Laviren zeigt sich der gute Seemann. –

Auf dem Verdecke hingelagert, bekümmerte sich der Passagier weniger um das, was in dem Schiffe vorging, als um das Schauspiel, welches außer demselben seinen Augen sich darbot. Der Himmel war ganz heiter und das Meer so ruhig geworden, daß es nur da für wenige Momente in Aufruhr schien, wo das Schiff es eben durchschnitten hatte. Der Punkt – vermutlich der Vorbug einer Insel – an welchen der Jüngling aller Wahrscheinlichkeit nach beim Scheitern von den Wellen ausgespült worden, verschwand allmälig aus seinen Blicken; wogegen zur Linken des Schiffs, welches, so viel er nach dem Laufe der Sonne bemerkte, südwärts segelte, in weiter Ferne eine ausgebreitete Küste dämmerte. Je weiter die Corvette beim günstigen Winde segelte, um so näher kam die Küste. Ein steiles Felsufer leuchtete dem Jünglinge immer deutlicher entgegen, und sein Herz sagte ihm, dies müsse die ersehnte Küste sein. Wer theilt nicht mit ihm das Gefühl, der sich auf dem schaukelnden Meere, oder auch nur in der schnell dahin rollenden Diligence, dem fernen nie gesehenen Orte, den aber Erwartung und Phantasie schon lebendig ihm vorgemahlt haben, nähert? Auch ohne daß uns hier ein geliebter Gegenstand erwartet, schlägt das Herz in schnellern Pulsen, und Wagen und Schiff fahren uns zu langsam, und doch auch wieder zu schnell, weil wir uns für den plötzlichen Genuß, dessen Erwartung uns so lange schon unterhielt, noch nicht würdig vorbereitet dünken.

Der Wind wurde immer günstiger, und das Schiff ging so schnell, daß man jetzt mit dem bloßen Auge die größeren Gegenstände am Ufer erkennen mußte. Besonders trat eine hohe Landspitze mit einem alten Schlosse auf ihrem Gipfel, indem sie weit über das andere Ufer in's Meer hinausragte, auch dem Auge lebendiger entgegen. Es war ein wunderbar gebautes Schloß. Seine Mauern waren theils in den Uferfels eingehauen, theils von Feldsteinen so dicht an den steilen Abhang, ohne alle architectonische Kunst, und ohne Berücksichtigung der wahren Regeln der Vertheidigungskunst, gemauert, daß sie eins mit demselben würden geschienen haben, wenn nicht das am Zwischenraume üppig heraussprießende Gestrüpp den Unterschied der Kunst und Natur gezeigt hatte. Auf gleiche Weise waren die Gebäude und Thüren kunstlos angelegt. Das Hauptgebäude stand etwas höher als die Ufermauern, aber mehr landeinwärts innerhalb der Wälle, und schoß, halb rund, halb viereckig, unverhältnißmäßig in die Höhe, so daß, wenn man von fern mit blödem Auge betrachtete, es wie ein Naturspiel, ein aus dem Felsufer herausgeflossener Pfeiler, erschien, da es ebenfalls aus Felsstücken größtentheils erbaut war, und somit dieselbe Farbe mit dem Ufer trug. In der Nähe betrachtet glich es aber eher einem großen Thurme, als dem eigentlichen Wohnhause eines Schlosses. Zu dem letztern stempelte es nur das, vermutlich vor ganz kurzer Zeit erst darauf angebrachte Dach von brennend rothen Ziegeln, wogegen aber wieder die vier Thürmchen, an den obern Ecken des Hauses wunderbar abstachen. Die Bauart schien weder eine aus dem modernen Italiänisch des Mittelalters entsprungene, noch möchten wir sie Gothisch nennen, um nicht etwa bei unserem Leser die Vorstellung zu erregen, als sei das alte geflickte Gebäude ähnlich einem Inverary-Castle, in welchem der geschickte Baumeister alles aufgenommen hat, was die alten Gothischen Meister Freundliches und Schönes in den nach den Regeln ihrer Kunst erbauten Schlössern aufgestellt haben. Die Grundform dieses Gebäudes schien vielmehr einem rohen Voralter anzugehören, welches mit den Materialen, die rund umher die Natur ihm darbot, und mit Benutzung der Localität, das Schloß möglichst imposant und sicher, beides nur nach den Begriffen jener Zeit, hatte aufführen wollen. Außer dem, mit vier bis fünf Etagen und einer ganz unregelmäßigen Reihe von Fenstern gezierten Hauptgebäude, befanden sich um dasselbe herum, zum Theil auch daran gebaut, verschiedene kleinere, von denen mehrere nur von Holz zu sein schienen. Der geläuterte Geschmack unserer Zeit, der, um die alten Bauwerke in ihrer kindlichen Einfalt wieder rein zu erblicken, so geschäftig ist, die hölzernen Flickwerke und Nebenhäuschen niederzureißen, welche die letzten Jahrhunderte zwischen die Pfeiler und Ecken der Kirchen und andern colossalen Bauten gleich Schwalbennestern angenestelt haben, schien bei den Besitzern dieser Meeresburg noch keinen Eingang gefunden zu haben. Im Gegentheil schienen einige dieser Anbauten aus der allerneuesten Zeit, so daß das Hauptgebände, trotz der imposanten und halb ehrwürdigen Lage, doch auch bei näherer Betrachtung ein wunderliches Ansehn gewann. Noch müssen wir der vielen Thürmchen gedenken, welche, bald rund, bald viereckig, überall an den Mauern und ältern Hofgebäuden angeklebt waren, und mit dem ehrwürdigen Grau ihrer quadrirten Gemäuer und den ganz neuen rothen Ziegeldächern ein lustig buntes Schauspiel darboten. Von dem größern Vorgebirge, auf welchem das ganze Schloß lag, traten zwei kleinere Spitzen zu beiden Seiten des letztern, gleich Außenwerken desselben, besonders in das Meer hinaus. Die eine, zur Linken des Zuschauers vom Meere aus, war länger, aber niedriger als die andere, und glich dem ausgestreckten Arme eines Armleuchters. Sie war schmal und lang, endete aber mit einer größern und ganz runden Platteform, auf welcher ein runder starker Festungsthurm, ganz genau der Größe des Felsens, auf welchem er basirt war, angepaßt, wie unmittelbar aus dem Meere erwachsen, dastand. Es war ein merkwürdiger Anblick, indem der Thurm an mehreren Stellen, wo das Meer oder frühere Naturstürme den Felsen unten ausgespült hatten, über die Brandung hinausragte, und wenn das unruhige Meer gegen die Felsen anschlug, in Gefahr scheinen mußte, von demselben in den Abgrund gerissen zu wenden. Die andere Felsenzunge hatte eine ähnliche Gestalt, jedoch war die Platteform höher, aber kleiner; welcher Umstand allein wohl die frühern Bewohner der Burg verhindert hatte, auf diesem Punkte, der wohl die weiteste Aussicht über das Meer darbot, eine zweite Warte zu erbauen.

Als der junge Mann dies Schloß immer deutlicher und deutlicher erblickte, als die heitere Morgensonne die hellrothen Dächer erleuchtete, und über die hinter dem Schlosse tiefer in's Land steigende, wenn auch winterliche Flur ein freundliches Licht ausgoß, fühlte er eine unbeschreibliche Sehnsucht, und die Lust, hier zu landen, überwog alle Zweifel. Eine Stimme sagte ihm zu deutlich, dies sei die Küste von Wales, und er trat an den Zechbootsmann, ihm seinen Wunsch vorzutragen. Dieser aber lachte laut auf, und sagte:

Wenn Du, Passagier, dem Capitain Deinen Wunsch hier sagst, so möchte Dich Jacson, wenn er nicht sehr nüchtern wäre, wohl ohne Umstände, Kopf über Kopf unter, über Bord werfen lassen, und dann könntest Du sehn, ob Du bis an den Strand schwimmen möchtest. Laß das gut sein, Junge. – Das Schloß hier ist die gefährlichste Klippe, und keiner unserer guten Jungen würde Dir um tausend Dublonen hier eine Landung versuchen. Aber warte nur bis Abend. – Da kommen wir an eine gute Stelle, und 's werden Leute mit sicher Kähnen vom Ufer aus zu uns heran rudern, wo Du und wer mit mag, an's Land gesetzt wird. – Bis da kannst Du sicher mit uns fahren, denn heut passirt kein Sturm und Ungewitter. –

»Bei verschloßner Kammern vergeht der Hunger« sagt das alte Sprichwort, und der junge Mann konnte, auf dem Verdeck lang ausgestreckt, seinen Gedanken und Phantasien ungestört leben, indem über ihm der blaue heitere Himmel, zu seiner Seite die schöne Küste, unter ihm aber der blaue Meeresspiegel ihn anlachte.

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