Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Wann kommen wir drei uns wieder entgegen,
Beim Donner, Blitzen, oder beim Regen?
Shakespear. Macbeth.

Obgleich das Pochen immer stärker wurde, antwortete doch die Alte nicht darauf, sondern schien im Gegentheil durch diese Störung bewogen zu werden, noch emsiger an ihrem Spinnrocken zu arbeiten. Endlich hörte man ein Gepolter in der Gegend des Einganges, und, vermutlich mittelst eines verborgenen Handgriffs, ward die von innen verriegelte Thür eröffnet, und es trat Jemand in die Hütte. Auch jetzt rückte sich die Frau nicht von ihrem Sessel, und der Eintretende, indem er eine Last von altem Bretterwerk zu Boden warf, war genöthigt, selbst das Gespräch anzufangen, welches folgendermaßen in breitem Englisch und mit einem langsamen Tone geschah:

Was machst Du nicht die Thüre auf, alte Mutter! – Hab' lang' gepocht. –

Ohne das Gesicht von der Spindel abzuwenden, entgegnete die Alte: Hätte viel zu thun, wollt' ich allen, die's verstehn, die Thür aufmachen. –

Aber Mutter! 's war kalt draussen. –

Es fror mir wohl noch ein lieberer Sohn. –

Aber ich hab' aufgerafft am Strand viel gut Zeug. –

Lumpige Bretter! 's schwimmt mancherlei in der Welt. –

Mancher, der Lumpen anhat, kann davon warm werden. –

Aber der im Grabe liegt, wird's nicht davon. – Hier fuhr die Alte wieder fort in unverständlichen Lauten zu singen.

Munkelt's wieder? sagte der Eingetretene, mehr für sich, als zur alten Frau. – Aber im Kessel stinkts auch wieder. Ich hab' 'nen guten Geruch. Wo das nicht Seehundsohren sind und Mondaustern, und was von Krötengeschlingen und allerhand Aaswürmern – laß ich mich hängen! –

Hier heulte die Alte laut auf. Er fuhr gelassen fort: Mutter wird noch uns und sich und uns Alle zu Grunde richten; sie treibt's so lange und denkt an nichts, bis die Stadtratzen kommen, und's mit uns aus ist – und wir alle an's Holz müssen. –

Und Ihr könnt auch alle an's Holz, an's trockne, dürre Holz, und ich will auch an's Holz, denn Ihr seid Alle zusammen nicht so viel werth als der Eine war. Kommt's mal soweit, daß sie vor der Thüre stehn und pochen, und wir stehn Alle drin und zittern, – und die so stolz sind, schlottern mit den Knieen, – und es wird einmal die Zeit kommen, wo ich lache, – dann will ich selbst die Thüre aufreißen und sagen: Hier sind sie! –

Der junge Bursch, denn für solchen erkannte der Schiffbrüchige den Eingetretenen, brummte etwas für sich, als achte er der Drohung der Alten nicht, oder habe doch das Vertrauen, derselben zuvorzukommen, und ging an's Feuer, wo er mit weniger Behutsamkeit den Kessel bei Seite schob und dürres Reisholz und einige der mitgebrachten Bretter auflegte, so daß die ärmliche Hütte bald hell erleuchtet war. Die Alte brummte:

Der Junge wird noch ein Wachtfeuer für die Constablers anstecken! –

Besser ist Hängen als Erfrieren! – Aber Mutter, was liegt denn der Seehund noch da mit kalten Ohren? – Mutter, was hast Du dein alt Schari-Wari-Gebräu gekocht, statt warmen Kräutertranks für die Wasserseele? –

Soll ich hinkauern – fuhr die Alte zornig auf – und soll ihn reiben, wie meinen eigenen Sohn? soll ich die Lumpen mir vom Leibe reißen für die fremde Wasserseele? Als ich mir die Augen ausrieb um meinen Sohn, um meinen eigenen Sohn, lachten sie mich aus – hu, hu, da war's recht kalt und warm, und ich laß mich nicht mehr auslachen, und will immerfort nur die andern Narren auslachen. –

Aber Niklas hat ihn dir auf die Seele gebunden. –

Niklas seine Seele ist auch festgebunden. Old Nick hatte ihn schon beim Schopf gefaßt und hat ihn noch einmal losgelassen, aber er ist festgebunden, und 's giebt keine Scheere, die den Strick entzweischneidet.

Ohne weiter auf die Reden der Alten zu achten, setzte der junge Bursch eine Kanne mit Wasser an's Feuer, faßte nun den Arm des Weibes, und, indem er sie wie ein Kind, welchem man etwas ins Gedächtniß reden will, schüttelte, sprach er zu ihr mit Nachdruck und in abgebrochenen Worten:

»Mutter Gillie kocht jetzt den Brei von Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer, Honig und Brandtewein und was sonst zukommt, wie sie weiß, und wie sichs für Fischerleute schickt, die ins Wasser gefallen sind, und das muß sie der Wasserseele da eingeben, Stund um Stunde, wie's befohlen ist, und wenn sie nicht wieder an's Leben kommt, steht Mutter Gillie dafür ein.« –

Die Alte sagte auf diese eindringliche Vorschrift, wie ein Kind, welchem man unter Drohungen etwas aufgegeben hat: Ja, ja, ja, Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer – und ging nun an das Geschäft des Kochens. Der Bursche aber näherte sich dem Fremden und äußerte, nachdem er ihm die Glieder befühlt hatte:

Die Seele wird wohl nie mehr warm werden, das Wasser ist hart drüber gegangen, aber es thut nichts, Mutter Gillie muß doch kochen, und wenn er auch schon todt wäre, denn Niklas hat's befohlen. Nu Mutter, Gott befohlen, und ein andermal, wenn eine Christenseele und Unsereiner an die Thür klopfet, so rufe herein, und wenn er hungrig ist, so gieb ihm Käse und Brod, und wenn's kalt ist und er Durst hat, schließ ihm den Schrank auf und gieß Brandtewein ein, und denke, daß Einer, der lebt, nicht bloße Knochen hat, sondern auch Fleisch. Gott befohlen, Mutter. –

Wo gehst Du hin, Toms? Etwa wieder zur Almy, der Dirne, die Dich bestrickt, und Dich ablockt von Deinen Freunden und Deiner Sippschaft?

Nein, Mutter Gillie, die Almy seh' ich erst übermorgen beim gnädigen Fräulein; aber ich muß auf's Schloß zum Squire, auf die Jagd mit ihm zu reiten, und muß dem Fräulein den Falken tragen. –

Toms, sie binden Dich an, der Squire und das Fräulein, und Deine Mutter verlässest Du um des Squires und des Fräuleins und der Dirne willen. Sie bauen Dir Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder. –

Mutter, der Squire ist mein guter Herr, und des Squires Vater hat meinem Vater das Haferfeld am Strande geschenkt, und dessen Vater rettete meinem Großvater in Amerika das Leben, und die Squires waren immer gute Herren, und wir immer treu ihnen, und wenn sie auch streng sind, so thun wir auch nicht immer recht und nach Gottes Gebot, und helfen, wo wir nicht sollten; und dafür hab' ich's immer für gut gehalten, was auch die Leute mit den weißen Hüten, die von den Vornehmen Schurken rascals für radicals, ein unübersetzbares Wortspiel. – A. d. Ü. genannt werden, was die auch sagen mögen von der Freiheit und von Knechtschaft, und werd's immer für recht halten, daß die Leute 's immer mit ihrer alten Herrschaft halten und ihnen treu sind. –

Steig' in Deinen Kahn, falscher Tomas, und die Schlangen werden aus dem See raus zischen, und den fassen, der Vater und Bruder nicht ehrt. –

Toms ging, ohne im geringsten durch den Zorn der Alten aufgebracht zu werden, zur Thüre hinaus, und die Frau beschäftigte sich nunmehr ernstlich damit, einen warmen stärkenden Brei für den jungen Menschen zuzubereiten. Dieser hatte allmälig seine völlige Besinnung wiedergewonnen, und indem er aus dem Gespräche zwischen Mutter und Sohn, welches er, mit Ausnahme weniger Stellen, ganz verstanden hatte, für sich die ängstlichsten Folgerungen zog, wurde der Zustand der Starrheit für ihn immer peinlicher. Bei den Aeußerungen der Alten, welche eine – wenigstens gegen ihn – gänzliche Theilnahmlosigkeit bekundeten, glaubte er nichts weniger, als daß sie sorgsam bemüht sein würde, ihn ins Leben zurückzurufen, sondern fürchtete im Gegentheil, sie möchte ihn, den Scheintodten, als einen wirklichen behandeln, und mahlte sich alle Schrecknisse, welche ein solcher Irrthum erzeugen konnte, auf das furchtbarste aus. Aber er hatte sich geirrt. Sie kam den Befehlen ihres Sohnes auf das pünktlichste nach. Als der Brei fertig war und einen angenehmen Geruch in der Hütte verbreitete, näherte sich die Alte dem Erstarrten, schüttelte und rieb ihn, besonders auf der Brust, und legte ihm dann den Brei wie ein Pflaster auf dieselbe. Bald fühlte er auch die wohlthätige Wirkung, er athmete freier und vermochte es, den Mund zu öffnen. Kaum hatte dies die Alte bemerkt, als sie auch dahin ihren Brei führte. Sie richtete ihn auf, und goß ihm die wärmende Stärkung, vermittelst eines hölzernen Löffels, in den Hals, worauf sie ihn ganz und gar in Matten wickelte und mit einer Kraft, welche eher einem rüstigen Manne, als der alten Frau, zukam, in die Nähe des Feuers trug und niederlegte. Hier übte der Trank, mehr vielleicht aber noch die frühere Ermattung, und das neue, kaum gemilderte Entsetzen, schlafbringende Kraft über ihn aus. Er schlief, während die Alte an ihrer Spindel die unverständlichen Lieder brummte, gleich einem von der Amme gewiegtem Wickelkinde, sanft ein, und hörte wohl noch im Traume die wunderbaren Gesänge fortdauern, sie hatten aber auf ihn ihre Schrecken bringende Zauberkraft verloren.

Er mochte mehrere Stunden geschlafen haben, als er zum völligen Bewußtsein seiner selbst, und zu seiner noch größern Freude auch zum freien Gebrauche seiner Glieder, erwachte. Noch lag er zwar in seinen Matten eingewickelt; was aber dem Kinde unmöglich ist, wird dem Manne leicht, er streifte sich aus seinen Banden hinaus, und empfand ein seltenes Gefühl der Freiheit, als er auf dem festen Boden stehend, seine Arme und Füße frei ausstrecken konnte. Er hätte in diesem Augenblicke gewünscht, daß die Schrecken des stürmenden Oceans, oder die geheimnißvolle Scheu der kurz vergangenen Stunden wiederkehren möchten, um ihnen als Mann die Stirne bieten zu können. Ehe er die letzten Begebenheiten seines Lebens überdachte, musterte er mit dem Auge die Bilder, welche sich ihm zunächst darboten, wie es ja überhaupt das charakteristische Kennzeichen jeder menschlichen Natur ist, eher das bildlich Zunächstliegende, als das Entferntere, wenn es auch für den Betrachtenden von größerer Wichtigkeit ist, aufzufassen. Das Feuer und die Kohlen auf dem Heerde waren ausgeglimmt, und es schien Tag geworden zu sein, obgleich durch kein Fenster, sondern nur durch unregelmäßig hie und da angebrachte längliche, viereckige oder runde, aber immer kleine, Oeffnungen ein matter, grauer Strahl in die Hütte drang. Diese gewann indessen hierdurch keinesweges an Freundlichkeit. Im Gegentheil gab die röthliche Beleuchtung des Kohlenfeuers dem Ganzen eher ein wohnliches, wenn auch ein wunderbares Ansehn, als dieses Einbrechen eines fremdartigen Lichtes in ein so geflissentlich, wie es schien, der Sonne verschlossenes Behältniß. Man denke an die Tafel aus Hogarths Rakewell, wo, am dämmernden Morgen, die Constablers in die Mörderhöhle grade in dem Momente dringen, wo auf der einen Seite die trunkenen Bösewichter jeder Ausschweifung unbesorgt sich überlassen, auf der andern aber zwei oder drei den entkleideten Leichnam eines von ihnen in dieser Nacht Beraubten in ein tiefes Loch versenken! Wen, der dieses Meisterstück betrachtete, ergriff nicht ein heimliches Grauen? – Als der Jüngling weiter umherblickte, bemerkte er, daß die Alte eingeschlafen sei; er näherte sich ihr und berührte sie mit den Fingern, aber sie erwachte selbst auf stärkern Druck nicht, sondern murmelte nur ihre Lieder im Schlafe fort.

Es giebt noch außer dem Gewissen, welches dem Menschen den Spiegel der moralischen Wahrheit vorhält, ein anderes Gefühl, welches ihm die Wahrheit der äußern Erscheinungen zu Gemüth führt, ohne daß er im Stande wäre, logisch oder gar mathematisch die ihm so eingegebenen Folgerungen aus eben den Erscheinungen sich zu bilden. Dieses Gefühl sagte dem Fremden jetzt, daß er ein Gefangener sei, daß man ihn freiwillig gar nicht, oder wenigstens nicht ohne Schwierigkeiten freilassen werde, und daß es aus diesen Gründen für ihn gerathener sein dürfte, während des Schlafes der Alten sich aus der Hütte zu stehlen und sein Heil zu versuchen. Woher diese Vorstellig ihm gekommen sei, dies zu ergründen, kam ihm jetzt gar nicht in den Sinn, sondern er war darauf bedacht, den Vorsatz, so schnell es ginge, ins Werk zu setzen. Deshalb ergriff er ohne Zaudern sein kleines Felleisen, und näherte sich der Thüre, durch welche der Bursche in voriger Nacht eingedrungen war. Es kostete ihm nicht viel Scharfsinn, die Riegel und schlecht gearbeiteten Schlösser aufzufinden und ohne Geräusch zu öffnen. Als er aber die Thüre auf- und wieder hinter sich zugemacht hatte, sah er sich in neuer Verlegenheit, denn von allen Seiten umgab ihn eine steile Erdwand, und über ihm drang des Tages Licht nur ganz matt, wie durch eine zerlöcherte Decke, hindurch. Indessen entdeckte er bald an der einen Seite der Wand verschiedene Hölungen, vermittelst deren, und mehrerer Wurzeln er auf sehr unebener Treppe in die Höhe stieg, und nun bemerkte, daß das Dach dieser Grube aus über einander gewachsenen Dornsträuchern, Hambutten und anderm Gestrüpp bestand, dessen welkes Laub größtentheils noch an den Zweigen hing. Auch hierdurch streifte er sich bald, war aber, als er die Höhe gewonnen hatte, noch immer nicht im Freien, denn über ihm wölbten sich mehrere starke, wilde Birnbäume, welche ihm weder das Tageslicht, noch die Gegend umher zu bemerken erlaubten. Jedoch waren jetzt die unmittelbaren Schwierigkeiten überwunden, und er konnte so viel bemerken, als die Hütte plötzlich verschwunden schien, daß sie mitten in einer kleinen, engen Felsspalte in der Art aufgerichtet war, daß ihr unterer Theil sich in der Spalte verborgen, ihr Dach aber von dem Gestrüpp und den um die Spalte zu beiden Seiten stehenden hohen Bäumen verdeckt sein sollte. Der Zweck der Erbauer war auch ziemlich erreicht; denn wenn das mit Moos unregelmäßig bekleidete Dach schon an sich einem Hügel glich, so wurde es durch die auf demselben wurzelnden Gesträuche einem solchen immer ähnlicher. Hiezu kam jetzt noch eine leichte Schneebedeckung; die Bäume, welche ihre blätterlosen Kronen darüber beugten, verbargen den Abstand des Erdreichs, und die wohl mit Fleiß angepflanzten Nesseln und Dornsträuche mochten schon zur Sommerzeit so leicht keinen unbefugten Wanderer die Natur des Hügels zu erforschen locken.

Durch das umstehende Gebüsch zu dringen, wurde dem Entronnenen nicht schwer, und seine Mühe belohnt, denn nach wenigen Schritten lag vor ihm ausgebreitet das gränzenlose Meer. Er stand an einem Abhange von Kalkschiefer, welchen der mit dem Sturm verbundene Wolkenbruch schlüpfrig gemacht, und viele tiefe Rinnen hinein gerissen hatte, so daß der junge Mann behutsam gehen und sich an einem Strauch halten mußte, um nicht von dem ziemlich hohen Ufer hinabzugleiten. Noch war das Meer in Bewegung, wie ein leidenschaftlicher Mensch auch noch geraume Zeit, nachdem er seinen Zorn hat wüthen lassen, zittert und die Brust ihm höher schlägt. Doch schlugen die Wellen nicht bis an den Rand des erhöhten Ufers. Der Himmel war mit zerrissenem Gewölk bedeckt, und am fernen östlichen Rande des Meeres ging eben die Sonne auf, aber nicht in ihrer majestätischen Klarheit, sondern bluthroth, von Wolken getheilt, und es schien, als zittere auch sie; aber es waren nur die Wolken, auf denen sie scheinbar stand, und welche von derselben auf ihrer dunkelen Stahlfarbe den röthlichen Schimmer entlehnt hatten.

Wenn die Sonne bluthroth aufgeht – sagte der junge Mensch – deutet es auf neue Stürme. Habe ich nicht schon genug Stürme im Leben erduldet? – Er sah auf das Meer, und bemerkte, wie die langsam daher rollenden, langen Wellen Bretterwerk, Seile und andere Schiffstrümmer an's Ufer brachten und hier an der steilen Kalkwand zerschellten, so daß die Stücke auf immer dem Meere wiedergegeben wurden.

Seltsam! rief er aus. – Was kaum dem Meere entronnen ist, wird, nach langem fruchtlosem Kampfe um Erhaltung, im Augenblicke für immer zerstört. Gleicht nicht das Schicksal dieser Schiffstrümmer meinem eigenen? Mit welcher, mir selbst unbegreiflichen, Sehnsucht verlangte ich nach England! Ich überwand alle Stürme, welche mir auf dem Continent den Untergang drohten, und hier, dicht an Englands Küsten, mußte mich der Orkan überfallen, ich mußte mit dem Tode ringen, mußte sehen, wie seine Nähe alle Gesetze unter den Menschen auflöst und sie den Thieren der Wüste gleich werden; ich mußte alles dies sehen, um hülflos an den Strand geworfen zu werden und vielleicht von neuem dem Tode entgegen zu gehn! Wie zerbrechlich ist dies Kunstwerk der Schöpfung, der Mensch! welches Spielwerk der Elemente! Ein Tropfen Wasser – denn was ist die Welle anders gegen den großen Ocean gehalten, – ein Tropfen Wasser reißt ihn mit sich hinab, und ein Tropfen Wasser hebt ihn wieder empor! Und welche Hebel strengt unser Verstand an zur Erhaltung dieses dürftigen Daseins! Scheint es nicht, wenn unsere Philosophen denken, wenn unsere Erfinder auf neue Maschinen sinnen, als geht es auf nichts Geringeres hinaus, als das Weltmeer auszutrocknen, Berge zu versetzen und die Erde umzukehren? Aber was bewirken sie höchstens? – sie schlagen die Spitze eines Felsens ein, welche dem, der unten steht, so klein erscheint, daß er die Aenderung kaum bemerkt; sie bauen zwei Zoll tief ins Meer hinein; aber ein Stein, der von der Spitze des Urgebirgs unvorhergesehn abfällt, zerschmettert Hunderte dieser Weltverbesserer, und ein Balken, der auf ihrem Damm abgleitet, vernichtet das Werk der Jahrhunderte! –

Dieser Gedanke gefiel ihm so, daß er, seine Lage vergessend, Bleifeder und Pergament herauszog, um ihn niederzuschreiben. Noch fühlte er Müdigkeit und setzte sich deshalb auf einen großen Stein, warf dann noch einmal den Blick hinaus über die, jetzt silbern gewordene, Meeresfläche zur Sonne, welche nach Shakespeare in diesem Augenblicke auf den Zehen auf dem Meeresrande stand, und fing darauf an niederzuschreiben. Er mochte kaum einige Minuten so beschäftigt dagesessen haben, als der Gedanke ihn nöthigte, noch ein Mal auf das große Bild der Sonne hinzuschauen. Er blickte in die Höhe, sein Auge traf aber nicht die Himmelskönigin, sondern wenige Schritte von ihm stand das alte Weib aus der Hütte, in ihrer aufgerichteten furchtbaren Gestalt. Das Morgenroth beleuchtete, indem sie dem Betroffenen mit ihrem Leibe die Sonne verbarg, wunderbar ihren rothen Friesrock und die grauen Haare, welche im Winde flatterten. Da die scharfen Ecken ihrer ganzen Gestalt die Meeresfläche berührten, und nun der Glanz der Sonne von allen Seiten um sie strahlte, mußte sie auch einen überirdischen Anschein für den Unbefangensten gewinnen. Der Jüngling aber, der sie noch mehr zu scheuen Ursach, und sie vor Kurzem in einer noch unheimlichen Situation gesehn hatte, konnte in seiner Lage vor diesem Anblicke, wie vor einem dämonischen Wesen, zittern. Kommt noch hinzu, daß er neben ihr zwei große Bullenbeißer, zwar ganz still, aber in drohender Stellung, als erwarteten sie nur einen Wink, auf ihn los zu fahren, bemerkte, und sich gestehen mußte, daß er während seiner Anwesenheit in der Hütte nicht das Geringste von ihrer Nähe erfahren hatte: so läßt sich erklären, daß die Worte der Alten, welche sie mit dem Tone einer Gebieterin sprach, solchen Eindruck fanden, daß er ihnen willig und ohne auch nur ein Wort des Widerspruchs zu wagen, Folge leistete. Sie sprach:

Unverschämter! Wer eine Wasserseele gerettet hat, der hüte sich, sagt der alte Spruch, denn die Wassergeister sind in sie gefahren, und pochen und treiben so lang, bis sie ihren Retter verdirbt. Aber ich habe Macht – und kann den Undank bezwingen. Steh auf, Du verräterischer Hund, und gehorche mir, oder ich rufe meinen Sohn, und der kann fassen mit dürren, dürren Armen, und Dir das Herz aus dem Leibe pressen, wenn er Dich umarmt, denn er kommt alle Nacht und umarmt den Squire, bis er ihm das Herz hat ausgepreßt, und dann lacht seine Mutter laut auf, und umarmt auch ihren Sohn. Hu, Hu, da kommt er. Wasserseele, ins Haus zurück! –

Wir sagten schon, daß der junge Mann sich nicht lange nöthigen ließ, dieser Weisung zu folgen. Schneller als er heraufgekommen war, kehrte er in die tiefe Hütte zurück, wohin ihm die höfliche Wirthin mit ihren Hunden folgte. Nicht genug, daß sie ihn zur Rückkehr hierher gezwungen, er mußte sich auch auf ihren Befehl in einen Winkel auf die kaum verlassenen Matten niederlegen, und dann reichte sie ihm noch die Kanne mit dem warmen Zaubergetränk, welches so wohlthätig auf ihn gewirkt hatte, ohne jedoch weiter ein Wort zu verlieren. Obgleich er nun in diesem Augenblicke die gerechteste Furcht hatte, daß dies ihm dargereichte Getränk mindestes die Kraft eines Schlaftrunks auf ihn ausüben solle, so wagte er doch, theils aus den angeführten Gründen, nicht zu widersprechen, theils waren Geruch und Wärme für den Augenblick ihm so erfreulich, daß er, seinem Schicksal sich ergebend, trank und darauf in den Winkel niederlegte. Dennoch widerstand er der Neugier nicht ganz, und fing aus seinen Matten heraus, ein Gespräch an.

Aber, gute Mutter, Ihr habt doch wohl viel für meine Rettung gethan, und dafür muß ich Euch den herzlichsten Dank sagen.

Sie murmelte trocken vor sich hin: Dank ist unnütze Waare. Undank der wiegt was aus, aber gut nachtragen und gedenken ist das Beste. –

Aber, gute Mutter, wer hat mich eigentlich gerettet? Ich lag auf einer Tonne, und war ein Spiel der Wellen. Da verlor ich die Besinnung, und finde mich nun hier bei Euch, ohne zu wissen, wie ich hergekommen bin? –

Und wenn Du's auch wüßtest, würdest Du darum kein Haar trockner. –

Aber ich schwamm mit einem andern Unglücklichen zusammen. Sagt mir nur das, ob auch er gerettet ist, oder ob ihn die Wellen auf immer von mir getrennt haben?

Kannst ja froh sein, daß Du aus dem Wasser raus bist. Ein Thor, wer sich um die Welt schiert, und nicht um sich allein und was ihm das Liebste ist. –

Es wäre sehr traurig, wenn der Mann ertrunken wäre! –

Gut wär's für ihn. Wär' er ertrunken, braucht' er nicht mehr zu hängen. –

O schrecklich, wenn Niemand von allen gerettet wäre! –

Hier lachte die Alte höhnisch auf, und sang ein Liedchen in verdorbner Englischer Mundart, dessen Refrein war:

Hoch ist der Galgen und tief ist die See,
Einer schläft unten, und Einer in der Höh'!

Der Gast merkte nun wohl, daß sie nicht antworten wolle, und da er kein Mittel besaß, sie irgendwie dazu zu bewegen, befahl er sich dem Schutze des Himmels, und widerstand nicht länger der einschläfernden Kraft des Trankes oder seiner eigenen Ermattung.

Aus diesem festen Schlafe wurde er durch eine leise Berührung am Arme erweckt. Er schlug wie verdrossen seine Augen nur wenig auf, wurde aber gezwungen, sie sogleich wieder zu schließen, indem ein blendendes, flackerndes Licht und ein qualmender Dampf seinen Körper umgab. Lange konnte er jedoch diese Ungewißheit nicht ertragen, besonders da er fühlte, daß seine Glieder hie und da fortwährend leise mit dem Finger, als prüfe man ihre Beschaffenheit, betastet wurden. Dennoch wagte er in seinem Zustande nichts zu unternehmen, sondern ließ vielmehr mit sich gewähren und begnügte sich, verstohlen das Auge aufzuschlagen, um die Natur der mit ihm vorgenommenen Operation kennen zu lernen: das alte Weib kniete neben seinem Lager, und indem sie in ihrer Linken einen großen Kienenbrand, vermutlich in der Absicht ihn zu beleuchten, festhielt, hatte sie mit der Rechten die Strohmatten aufgehoben, und fühlte bald hier bald dort an seinem Körper umher. Vornämlich schien sein linker Arm ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie hatte das Hemde bis über den Ellenbogen ihm abgestreift, und schien mit der Fackel und den Augen zugleich einen bestimmten Flecken sengen zu wollen; so etwas ließ sich wenigstens aus ihrer ängstlichen Stellung schließen, so wie aus ihren Augen, die aus den tiefen Höhlungen hervorquollen, und drohten, bei fortgesetzter Anstrengung, sich los zu machen von dem Körper und herauszuspringen, und endlich aus ihrem Zittern, einer Bewegung, von welcher der Jüngling, so viel er bisher das alte Weib betrachtet, nicht das Geringste wahrgenommen hatte, indem sie im Gegentheil eine Festigkeit bewiesen, welche sonst dem weiblichen Geschlechte, besonders aber ihrem Alter fremd ist. Im Glauben, daß ihr unfreiwilliger Gast noch schlafe, bemühte sie sich jetzt seinen rechten Arm, auf welchem sein Kopf noch immer in schlafender Stellung lag, hervorzuziehn; da ihr dies Experiment indessen nicht gelingen wollte, versuchte sie den schlummernden Gast ganz umzudrehn. Dieser aber, obgleich er wohl nicht im Stande gewesen wäre, sich Rechenschaft zu geben, weshalb, machte sich so schwer und unbehülflich als möglich, so daß die alte Frau, wenn sie ihn nicht erwecken wollte, was allem Anscheine nach nicht in ihrer Absicht lag, trotz der großen, früher bewiesenen Kraft, von ihrem Vorhaben abstehen mußte. Dies geschah jedoch nur in Beziehung auf die angegebene Art, vermittelst welcher sie den Schlafenden umdrehen wollte Der Vorsatz selbst schien allzufest in ihr gewurzelt. Sie nahm noch einen Fichtenbrand vom Feuer, so daß sie jetzt in jeder Hand einen dergleichen hielt, trat so bewaffnet in die Mitte des Gemaches und begann unter seltsamen Schwingungen dieser rauchenden Fackeln einen noch merkwürdigern Gesang. Zuerst waren es kaum vernehmbare Laute, die nur im Geiste der Sängerin einen Rhythmus haben mochten; dann stiegen die Töne, und es wurden Worte in einer fremden Sprache. Anfangs sprach sie auch diese nur mit gedämpfter Stimme; allmälig wurden sie aber immer schneller und schneller hervorgestoßen, bis endlich die Strophe in wildes Geschrei ausging. Diese Strophe wiederholte sich zwei, dreimal, und jedesmal nach dem Schlusse des refreinartigen Geschreies blickte die Alte auf den Schlummernden hin, um zu sehn, ob ihr Zaubergesang auf ihn die gewünschte Wirkung hervorgebracht habe.

Sie würde vermuthlich, da sie sich immer getäuscht sah, in ihrem Liede fortgefahren, oder vielleicht noch stärkere Zaubersprüche gewählt haben, wenn nicht mehrere Stimmen vor der Thüre sie unterbrochen hätten. Es war ein wildes Getöse, ein Durcheinanderreden und Stoßen und vielfaches Pochen, welches man von der Seite hörte, wo der junge Mann früher entschlüpfen wollen. Die Alte, ihrer frühern Rolle getreu, legte die Feuerbrände in den Kamin, und setzte sich, nachdem sie die Matten wieder über den Jüngling gedeckt hatte, auf ihren Sessel nieder, ohne im Geringsten auf die Pochenden zu hören. Sie murmelte nur, indem sie die Spindel fortdrehte, einige Worte, deren Sinn kein anderer zu sein schien, als der, welchen sie früher gegen ihren Sohn ausgesprochen hatte:

Pocht Ihr nur so lange Ihr wollt!

und der Gast fühlte eben so wenig als sie selbst Beruf, etwas zu Gunsten der Eintritt fordernden vorzunehmen, sondern hielt es für das Gerathenste, die Rolle des Schlummernden forzuspielen.

Die Männer draussen fanden indessen bald den Eingang, eben so, als früher der junge Bursche; jedoch betrugen sie sich nicht auf dieselbe phlegmatisch bescheidene Weise. Es waren fünf oder sechs stämmige Männer, nach deren Aussehn zu schließen, ein Fremder ungern mit ihnen am einsamen Orte zusammen getroffen wäre. Der Zuschnitt ihrer Kleider glich dem alter Schiffer. Kurze, knapp anschließende Jacken, weite lange Beinkleider, große Schuhe, und um den Hals ein buntes Tuch, welches in zwei Zipfeln bis über die Brust hing. Der kleine Schifferhut mit unaufgekrempten Seiten war tief in ihr finsteres Gesicht gedrückt, und alle hatten an der Seite ein kurzes, aber breites Messer hangen. Einige von ihnen trugen auch Pistolen im Gürtel. Wenn wir sagten, daß ihre Kleider denen des Schiffsvolks glichen, so verstanden wir dies nur Hinsichts des Zuschnittes. Die Farbe dieser Kleider verrieth keine Nation, welcher sie angehörten, sondern sie waren meistens aus grauer, grober Sackleinewand zugeschnitten, auf welcher der Schmutz, – denn die Kleider mochten nie gewaschen sein, bis etwa auf die gelegentlichen Fälle, wo Regen und Meerwasser theilweise sie bespült hatte, – jedwede Farbe zu errathen erlaubte. Es zeichnete unter diesen Männern keiner sich eben besonders aus, sondern alle gingen neben dem scheinbar Schlummernden vorüber, nicht ohne bedeutende Blicke aus ihren scharfen Augen auf ihn herabzuschießen, und begannen dann, indem sie auf die Alte zugingen, sie zu schelten. Für jenen blieb dies jedoch nur eine Vermuthung, welche er aus ihren Blicken, Bewegungen und ihrer heftigen Stimme schloß, denn es war eine für ihn ganz fremde Sprache, in welcher sie die Alte anredeten. Diese schien indessen an den finstern Anblick der Männer gewöhnt, und stellte ihre Antworten nicht im geringsten betroffen, ja sogar ohne sie eines Blickes zu würdigen, indem sie ununterbrochen bei der Spindel beschäftigt blieb. Es war auch nicht zu verkennen, daß die Frau merkwürdigen Einfluß und eine gewisse Gewalt auf die rohen Männer ausübe. Sie ließ sie erst ihren Zorn oder Unmuth ausreden, stand dann mir einer gebieterischen Miene auf und sprach Worte, welche dem Tauben sogar als Befehle würden gegolten haben, wie vielmehr also dem, welcher zwar nicht den Sinn der Worte verstand, wohl aber ihren tiefen Klang hörte.

Die Männer murrten, fluchten, setzten sich aber bald hier und dort, wo jeder Platz fand, nieder, und begannen ein Mahl zu bereiten, wie es die Gelegenheit darzubieten schien. Es ward eine Suppe am Feuer gekocht; aus verschiedenen Körben brachte man Käse, Brod, Schiffszwieback und vor allem Brandtweinflaschen zum Vorschein. Die am Balken und im Schornstein röstenden Pomocheln und andere kleinere Seefische nebst frischen Heringen wurden abgenommen, und es währte nicht lange, so schien der ganze Reichthum der Hütte, so wie der, welchen die Fremden in ihre Aermlichkeit eingeführt hatten, völlig aufgezehrt. Neben der Besorgniß, welche, wie wir wissen, bei dem jungen Mann eine gerechte und nicht geringe war, machte ihm diese zechende Gesellschaft auch nicht geringe Sorge. Es war die zweite Nacht seit dem Schiffbruche herangekommen, und noch hatte er außer der stärkenden Suppe keine Nahrung weiter zu sich genommen, so daß es natürlich war, daß der Hunger jetzt eine nicht bloß consultative Stimme bei der Rathsversammlung seiner Sinne und Seelenkräfte überkommen hatte. Indessen wurde seine Motion: Aus dem Scheinschlafe aufzuwachen, und sich eiligst und schleunigst bei der Schiffermahlzeit zu melden, – überstimmt, und er mußte mit derselben bis auf die nächste Session warten. Sehr richtig führten die Gegner der Motion, die Redner: Furcht, Liebe zur Selbsterhaltung, Unentschlossenheit, Hoffnung, daß einst bessere Gelegenheit kommen werde, u. s. w., an, daß der gegenwärtige Zeitpunkt der allerunangemessenste zum Durchgehen einer solchen Bill sei, indem der Gegenstand des Gesprächs der Schiffer eben Niemand anders als der Schlafende wäre. Wirklich schien aus den Blicken und Bewegungen der Schiffer hervorzugehn, daß sie sich über ihn beriethen, ohne deshalb im Verschlingen der Speisen sich stören zu lassen. Die Alte sprach zuweilen ein Wort hinein, und bald hörte er häufig den Namen Niklas von beiden Seiten nennen. Das Gespräch schien sich um diesen Namen noch eine Stunde mit mehr oder weniger Heftigkeit umherzudrehn. Oft fluchte Einer oder der Andere von den Seemännern Englisch oder Holländisch, und schien Willens, in diesen Sprachen die Rede fortzusetzen, worauf ihm die Alte dies aber in der fremden Sprache oder durch Zeichen, vermuthlich in Beziehung auf den Schlafenden, verwies, so daß dieser von der ganzen Unterhaltung nicht das Geringste erfuhr.

Nach Verlauf einer Stunde ungefähr entfernten sich die Männer, und die Hütte wurde so einsam und still, wie sie es vor ihrer Ankunft gewesen war.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.