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Gutenberg > Willibald Alexis >

Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel.

Lucius, mein Herr, ich stahl mich von dem Heere,
Um ein verfallen Kloster zu besehn,
Und als nachdenkend nun mein Aug' durchlief
Die ungeheuren Trümmer, hört' ich plötzlich
Ein Kind aufschreien hinterm Mauerwerk.
Ich schlich drauf zu; und jetzt vernahm ich deutlich
Jemanden so das schreiende Kind beschwicht'gen:
»Still, albern Balg! Es schadet Dir und mir,
Verriethe nicht die Farbe Deine Abkunft,
Wärst Du der Mutter gleich an Ansehn nur,
Dann, Schuft, hätt'st Du noch Kaiser werden können.
Doch da, wo Kuh und Stier sind beide milchweiß,
Erzeugen sie niemals ein pechschwarz Kalb.
Still, Schofel, still!« – so sprach er zu dem Kinde –
»Ich bring' Dich nun zu einem treuen Gothen,
Der, weiß er, daß Du bist der Kaiserin Kind,
Dich treulich pflegen wird, der Mutter willen.«
Titus Andronikus.

Unentkleidet hatte sich der Squire am Spätabend auf ein Ruhebett geworfen, ohne Ruhe zu gewinnen. Fieberträume ängsteten ihn, wenn seine Augen geschlossen waren, und vor den geöffneten drängten sich Bilder um Bilder, wie sie nur die ausschweifendste Phantasie im Gebiete des Schrecklichen ersinnen kann. Bisher nannte er die Nacht, in welcher er den Tod seiner Gattin und den Raub seines Kindes erfahren, die fürchterlichste seines Lebens; in den Stunden dieses Selbstkampfes, mußte er sich gestehn, daß die heutige jene an Entsetzen überbiete. »Mein Sohn! Mein Sohn!« rief er mehrere Male im Träumen aus; aber eben so oft als das Vatergefühl die Gestalt des Verlornen und Wiedergefundenen vor sich hinzauberte, rang er auch im Fieberwahne damit, das Phantom eines gerechten Wälschen Gerichtsherrn vor sich erstehn zu lassen. Was ihm die eigene Geschichte und Tradition nicht bot, entnahm er aus den morgenländischen Erzählungen, in welchen unerbittliche Väter und Richter dem Buchstaben des Gesetzes jedes Gefühl aufopfern. Er gelangte in dem unersprießlichen, seine Kräfte verzehrenden Ringen nicht zur Ueberzeugung, daß in diesem Kampfe zwischen dem menschlichen Gesetze und menschlicher Schwachheit grade das göttliche Recht der letztern zum Grunde liegt. Erst lange nach Mitternacht suchte ihn der Schlaf; jedoch ein Traum, natürlich aber um so fürchterlicher, benahm ihm auch hier die Ruhe. Er sah das Gerüste, und sein Sohn bestieg die Leiter. Er wendete sich nach ihm um, als er das Halstuch losband, und er glaubte die Worte zu vernehmen: »Vater, hilf mir!« Er riß die Augen auf, rief: »Ich komme Dir zu Hülfe, mein Sohn!« und sprang vom Ruhebette empor.

Es mußte tief in die Nacht sein, denn die Kerzen auf seinem Armleuchter waren ganz herunter gebrannt. Am Fenster fand er keine Auskunft, denn Wolken hatten den Himmel bedeckt und ein gelinder Regen strömte herab. Von Angst, Zweifel und Entschlüssen getrieben, eilte er durch die Kreuzgänge nach Bertrams Zimmer. Zu seiner Freude fand er ihn nicht allein noch unentkleidet, sondern auch in Gesellschaft Sir Davenants. Beide Jünglinge traten dem Greise, dessen Erscheinung der eines Gespenstes glich, besorgt entgegen.

Kinder! Freunde! Um Gottes Barmherzigkeit willen, ist es noch Zeit? Es ist mein Sohn Edwin, mein Sohn Edwin, der sterben soll. Ein pflichtwidriger Richter, ein fluchwürdiger Vater! Was ist schlimmer? – Ein fluchwürdiger Vater. – Retten, retten meinen Sohn, kann ich ihn retten, so helft mir, auf welche Weise es sei. Ihr senkt die Köpfe. Ist es zu spät, zu spät?–sehen, sehen, ihn zu sehen werden sie mir doch erlauben. Sie sollen doch nicht sagen: er war ein solcher Barbar, daß er sein Kind nicht angesehn.

Unglückseliger Vater, wenn das Mährchen wahr ist, – sagte Sir Davenant – wider Erwarten kamen die Constabler und Häscher schon in der zweiten Stunde nach Mitternacht, und James Nichols muß bereits unter ihrer Begleitung einen guten Theil des Weges nach der Richtstätte zurückgelegt haben.

Der Greis schlug sich mit beiden flachen Händen gegen die Stirn und wankte nach einem Sessel, auf den er halb besinnungslos niedersank. Der Schmerz, welcher ihn niedergeworfen, riß ihn aber in wenig Augenblicken in die Höhe. Als läse er den schwachen Trost, welchen Sir Davenant ihm zusprechen wollte, in dessen Blicken, rief er aus:

Leugne nicht! Er war es, mein Sohn; weg mit dem falschen Troste. – Ich kannte seine Züge, es waren die meiner Ahnen. Was wird man von dem Vater sagen, der unnatürlich seinen Sohn tödten ließ, seinen eigenen Sohn – Bertram, Sir Davenant, auf, auf, ich muß ihm nach – o ich habe Kräfte in der Jugend gespart – wir müssen ihn einholen, und wäre es auch zu weiter nichts – ihn sterben sehn –

Bertram zeigte in seiner Bewegung, daß er bereit sei; der Offizier schien weniger geneigt.

Bedenken Sie, würdiger Mann – was Sie vornehmen. Rettung, selbst Aufschub ist nicht möglich; eine Scene der Wiedererkennung würde nur ein Schauspiel für den Pöbel abgeben.

Was steht denn auf dem Spiele? – Eine stahlblanke Ehre; aber dem sie angehört, der gleicht der morschen, wurmstichigen Eiche. – Sie sind keine Väter, sie sind nie Väter gewesen. –

Der Squire hatte im Affect sehr laut gesprochen. Dessen ungeachtet glaubte Bertram während seiner Rede ein undeutliches Geräusch außerhalb vernommen zu haben. Jetzt dröhnten einige überaus laute und heftige Schläge an's Thor, von welchen alle drei aufgeschreckt wurden.

Er kommt, er kommt zurück! rief der Squire, und stürzte an's Fenster. Ein wildes Geschrei, von Tönen, wie er sie nie vernommen hatte, scholl ihm entgegen; auch leuchtete es röthlich, wie vom Scheine einiger Fackeln oder Feuerbrände von dem vordern Theile des Schlosses. Jedoch ergab sich bald, daß der Schein von einem Feuer herrühre, welches noch außerhalb der Schloßmauern brenne. Desgleichen scholl daher ein entsetzlich wildes Gejauchze, und zuweilen flogen einzelne Feuerbrände in die Luft. Aus dem Klopfen ans Thor wurde ein ungestümes Rütteln an den Angeln desselben. Auch klang es von Steinen wieder, welche man von außen dagegen warf. Die Burgbewohner streckten schüchtern die Köpfe aus den Fenstern mit dem ängstlichen Rufe: »Was giebts?« – »Was ist?« – »Brennt es?« Andere Beherztere hatten, halb entkleidet, nach der ersten besten Waffe gegriffen, und liefen, noch schlaftrunken, im Hofe umher.

Der Squire war nicht vermögend, ein Wort zu sprechen; er wankte nur in den Hof hinaus, und, indem er einen alten im Zimmer stehenden Degen ergriff, rief er zu Davenant und Bertram:

Kinder! Es gilt. – Was? weiß ich nicht. – Hinunter, hinunter! Gebe der Allmächtige, daß er es ist, daß ich das Schwert kann in die Scheide stecken, und – hinunter!

Schon vor der Aufforderung hatten Bertram und Sir Davenant nach ihren Waffen gegriffen, und alle drei eilten die Treppe hinunter in den mittlern Hof, wo sie bereits eine kleine Schaar von Dienern des Hauses, einige Dragoner und zwei Häscher bereit fanden, zur Vertheidigung des Schlosses, nach dem Außenwerke über die Zugbrücke zu gehen. Ein Dragoner sagte:

Der schurkische Irländer, der Mac Kilmary, ist fortgelaufen. Gewiß hat er Succurs geholt und unterweges den Niklas losgemacht. Wollte Gott, es wäre so! sprach der Squire zu seinem Begleiter, und sie wollten, nachdem sich zu ihnen selbst der ehrwürdige Master Simon, mit einem alten Spieße in der Hand, gesellt hatte, nach dem Vorhof eilen, als der gekrümmte Pförtner ihnen mit allen Ausbrüchen der Verzweiflung entgegen gestürzt kam und ausrief:

Die Zugbrücke herauf! die Zugbrücke herauf!

Selten ist die Besonnenheit die Gefährtin des Schreckes. Der Pförtner aber bewies sie, indem er zugleich mit dem Ausrufe, trotz seines Alters und seiner Gebrechlichkeit, sich an die eine Kette der Zugbrücke hing. Der Seneshal Maxwell folgte seinem Beispiele, und im nächsten Augenblicke war die Schloßmannschaft an ihrer Absicht, ins Außenwerk vorzurücken, verhindert. Die Frage des Squire: »Was giebt es?« – »Weshalb?« wurde, so oft er sie auch wiederholte, im allgemeinen Getöse überhört. Es bedurfte aber nicht der Antwort des Pförtners, um vom Grunde seiner Furcht und Angst unterrichtet zu werden, denn ein gellendes Geschrei und Getöse unterrichtete Alle, daß der Feind über die Mauern des Außenwerkes müsse geklettert sein, oder das Thor gesprengt haben, und bald kamen davon deutlichere Beweise, indem mehrere schwere Steine gegen die Zugbrücke anschlugen. Der Pförtner aber schrie:

Jesus Christus! Wir sind verloren. – Wilde Bestien haben gestürmt – wilde schwarze Männer – sie springen über die Mauern, wie Katzen, und haben Säbel und Flinten.

Von der Wahrheit des letztern Umstandes wurde die Menge in demselben Augenblicke unterrichtet, indem mehrere Flintenschüsse draußen fielen, ohne daß man eine Wirkung derselben wahrgenommen hätte. Auch flogen unter dem vorbeschriebenen wilden Gejauchze einige Feuerbrände in den innern Hof.

Laßt nieder die Zugbrücke, oder es kommt keine Seele lebendig davon! rief es jetzt draußen.

Indessen hatte der besonnene Dragonerofficier die dienlichsten Anstalten zur Vertheidigung des Schlosses getroffen, indem er durch Blicke und handgreifliche Winke schweigend die nöthigen Befehle, hier und dort die Mauern zu besetzen, gegeben. Er selbst stand hinter einem der beiden kleinen Eckthürmchen, welche über dem Schloßthor nach dem Aussenthor hinaus sprangen, und, indem er seinen gespannten Karabiner anzulegen im Begriffe war, rief er mit kräftiger Stimme hinunter:

Schwarze Bestien, und Du, der Du ihr Anführer scheinst, einen Schritt weiter, noch einen Stein gegen die Zugbrücke geworfen, und ich lasse auf Euch eine Ladung Flintenkugeln geben, die Eure Wuth abkühlen wird.

Sir Davenant, hüte Dich! – rief der Anführer – daß meine schwarzen Bestien Dich nicht zerreißen. Laßt die Zugbrücke nieder – oder bei Gott! ich selbst kann die Wuth meiner entfesselten Sklaven nicht mehr bändigen.

Eben wollte der Officier den Befehl zum Feuern geben, als er unter sich die Zugbrücke zu seiner größten Verwunderung niederrasseln hörte. Er schrie:

Ist Verrath im Werke? – und stürzte, da er sich im Augenblicke überzeugte, daß seine Gegenwart, wenn die Neger unter ihm in den innern Hof drängen, hier oben von keinem Nutzen mehr sein würde, indem er den zunächst um ihn stehenden ihm zu folgen befahl, wieder auf den Schloßhof zurück.

Hier hatte sich die Scene verändert. Der Squire mit seinen Leuten, meist des Kampfes Unfähigen oder Ungewohnten, hatte sich etwas nach der Mitte des Hofes zu zurückgezogen, wogegen der Anführer der Feinde mit einem kleinen Theile seiner mit Feuerbränden, Steinen, Flinten und Säbeln wild bewaffneten nackten Neger über die Zugbrücke vorgedrungen war und den Burgbewohnern gegenüber stand. Beide Theile hielten aber ihre Waffen gesenkt, und es schien zur Unterhandlung zu kommen. Der Squire hielt in der rechten Hand seinen Degen, mit der Linken umschlang er Ginievren, welche, halb im Nachtgewande, mit gelösten Haaren, herbeigeeilt war. Der Prediger, Bertram, Maxwell, der Pförtner standen, wie zu ihrem Schutze, um sie geschaart, und die gezückten Waffen blitzten in ihren Händen. Endlich sprach nach einer Pause der Anführer:

Morgan Walladmor! Dein Haar ist weiß – gegen greise Locken heb' ich nicht den Stahl. Bei Gott, es ist ein Anblick zum Erbarmen. Du zitterst, und neben Dir zittert Dein Schwesterkind. Hätte ich seit sieben Jahren Dir den Tod geschworen, ich glaube, der Anblick sättigte mich.

Der Greis ließ den Degen fallen, und hielt ihm den rechten Arm entgegen.

James Nichols, Edwin! was willst Du von mir? –

Während er, nicht vermögend, weiter zu reden, verstummte, trat auch Niklas voller Verwunderung ihm näher.

Bei Gott, träume ich, oder seid Ihr der mächtige, unerbittlich strenge Friedensrichter Morgan Walladmor?

Mein – mein – rief der Squire, noch immer in derselben Stellung, aus, doch er vermochte es nicht, das Wort auszusprechen. Im nämlichen Augenblicke stürzte aber die tolle Gillie herbei, entriß einem der Fackelträger seine Fackel, trat zwischen Beide, und hielt sie auf Niklas Gesicht, wodurch zugleich ihre eigenen wilden Züge, in denen sich Zorn und Höllenlust aussprach, beleuchtet wurden. Nach wenigen Momenten dieses stummen Spieles kreischte sie:

Kennst Du ihn, Morgan Walladmor? – Es ist Dein Sohn, – häng' ihn, hier ist der Strick, an dem mein Sohn hing – sei gerecht, sei gerecht – Kennst Du den alten Mann, Niklas? – Es ist Dein Vater, aber er will Dich hängen lassen, hängen läßt er Dich gewiß, obgleich er Dir so ähnlich sieht, wie mein Gregory seinem Vater. Drum spalte ihm den Kopf, denn Väter braucht man nicht so zu lieben, wie Mütter ihre Söhne lieben.

Die Gewalt des Momentes war groß. Stumm sah Nichols eine Weile auf den Greis, aber seine brennenden Augen sprachen die Frage aus. In den Augen des Greises, in seiner zitternden Bewegung las er die Antwort, welche er verlangte. Er schleuderte sein Schwert fort, stürzte dem Vater zu Füßen, und umfaßte seine Knie. Ein Fieberfrost schien ihn zu schütteln, er sprach keine Sylbe. Der Squire legte seine Hände auf das Haupt des Knieenden, er wagte aber nicht, den Verbrecher auf und in seine Arme zu heben. Alles war still, selbst die rohen Negersklaven schienen für den Augenblick von der Feierlichkeit des Momentes ergriffen, denn sie standen unthätig da und blickten sich verwundert an. Endlich preßte der Squire die Worte hervor:

Die Sterne lügen nicht, aber der Allmächtige ist auch gütig.

Es erfolgte eine neue Pause. Nichols wagte nicht aufzustehn, der Vater nicht, ihn an seine Brust zu drücken. Der letztere aber faltete seine Hände, und, nachdem er ein stummes Gebet mit gen Himmel gerichtetem Blicke leise gesprochen, machte er sich von dem Knieenden sanft los, und sprach die Worte:

James! – Edwin! Ich zweifle nicht, daß Du mein Sohn bist – aber auch selbst in Deiner Zerknirschung bist Du noch der Verbrecher, den Walladmors reine Hallen nicht aufnehmen dürfen, den ich nicht an mein Herz schließen darf. – Gepriesen sei der Himmel, daß er Dir Mittel gab, dem schmachvollen Ende zu entgehen, aber den neu gefundenen Sohn muß ich wieder verlieren. – Lebe wohl – der Segen des Vaters begleite Dich in ferne Zonen, bis ich hoffen darf, daß der Gereinigt wieder das väterliche Land betreten, an meinem Grabeshügel weinen könne. Lebe wohl. – Morgan Walladmor darf Dich nicht ansehn, darf den Fuß des blutigen Verbrechers, auf dessen Haupte das Schuldig haftet, nicht in seinem Schlosse dulden. – Lebe wohl – was Du hier beginnst in meinem Hause, thust Du als Anführer Deiner Schaar. Du hast das Schloß erstürmt. Verweile, so lange Du sicher bist, aber ich darf Dich nicht sehn. – Lebe wohl, Edwin.

Der Squire drückte noch einmal beide Hände auf das Haupt des Niedergebogenen und hörte nur noch die Worte, welche dieser, ohne den forteilenden anzublicken, sprach:

Vater! bei Gott, ich ahnte, daß Dein Silberhaupt mir theurer sein müsse, als das des Feindes, der mich rastlos verfolgte. – Vater! ich bin ein Verworfener. – Ich danke für Deinen Segen. – Ich will hinaus in ferne Zonen. Von meinen Verbrechen sollst Du nicht mehr hören. Die Sklaven, die ich frei machte, will ich nach Haity führen, in ihre zweite Heimath, will dann noch einmal in das wild gährende Südamerika, und Du sollst Thaten hören, die keine Schande Deinem Namen bringen, oder eine Nachricht, die mich mit Allen versöhnt.

Ginievra verließ mit dem Squire den Hof. Aber ehe sie mit ihm fortging, beugte sie sich über den Verbrecher und lispelte ihm zu:

Der Friede kehre in Deine Seele.

Nichols hatte die Worte verstanden, und als er sich aufrichtete, schien wirklich die Morgenröthe dieses Friedens auf den sonst wilden Zügen eingekehrt. Wer mag hören, wer beschreiben, nach einem Auftritte von diesem Gewichte, die folgenden Erörterungen und Erklärungen. Bertram trat an Nichols heran, reichte ihm die Hand, und versprach, ihm dienlich zu sein, wo er es vermöge, welches, da er ein Fremder in England sei, vielleicht mit weniger Gefahr geschehen könne. Nichols dankte ihm freundlich und drückte ihm die Hand, ein Druck, in welchem mehr zu liegen schien, als der Dank für das freundliche Erbieten. Zwischen beiden Partheien – Sir Davenant trat vorzüglich als Unterhändler der Schloßbewohner auf – wurde ihre gegenseitige Lage dahin verabredet, daß Nichols mit seinen Negersklaven das Außenwerk besetzen, und so lange sich darin aufhalten solle, bis er das Schiff, welches er nach Ueberwältigung des Capitains genommen, mit dem Nöthigsten zur weiten Reise werde versehen haben. Um der Rüge der Gesetze zu entgehen, sollten die Schloßbewohner, unter Anführung der obrigkeitlichen Personen unter ihnen, das eigentliche Schloß, wie im Belagerungszustande, besetzen. Durch die Wegnahme des Außenwerkes wurde es ihnen aber unmöglich, nach Hülfe auswärts zu senden. Wie man bei Gelegenheit dieser Unterhandlung erfuhr, hatte Nichols den Capitain, nebst denen seiner Leute, welche ihm nicht folgen wollten, bei seiner Landung mit den Schwarzen, am Ufer ausgesetzt. Es war aber Hinsichts seiner nichts zu besorgen, da er in sein eigenes Verderben gelaufen wäre, wenn er von der halb gesetzlichen Handlung der Befreiung der Negersclaven gesetzliche Anzeige gemacht hätte. Nachdem auf diese Weise die äußern Angelegenheiten in Ordnung gebracht schienen, sagte Nichols, im Begriff, seinen Leuten über die Zugbrücke zu folgen:

Doch Eines noch hätte ich fast vergessen, weshalb ich stürmend in diese Mauern drang. Ihr wißt nicht, wem ich meine Freiheit verdanke, und wen Ihr, wäre es mir nicht gelungen, die Neger zu befreien, schuldlos vielleicht zur Richtstätte geschleppt hättet. – Was seht Ihr mich starrend an? – Bei Gott, ich will nicht hoffen, daß ich zu spät gekommen. – Toms Godber sitzt statt meiner im Thurm. Laßt den treusten Diener, den treusten Freund, los. Hat er Strafe für seinen Betrug verdient, so schütze ich ihn, und nehme ihn mit in mein Schiff.

Alle sahen sich erstaunt an. Man ahnete das Entsetzlichste. Die tolle Gillie aber erfaßte im Augenblick das ganze Unglück. Sie stieß einen entsetzlichen Schrei aus, stürzte auf ihre Kniee und kratzte mit den beiden Händen in den Erdboden, gleich dem Hunde, welcher instinktmäßig die Erde aufwühlt.

Auch den Sohn noch! – Modred, Modred! Du hast mich betrogen. Komm herauf aus der Erde, von der Eiche Stamm, an dem Du nagst, Modred – die Mohren sind gekommen, sie sind doch gekommen. – Ich habe Dir Seele und Blut gegeben und meine Locken im wilden Sturme, und sie sind doch gekommen. Was lachst Du unten? Mein Sohn Toms, – er war mir nicht so lieb, wie Gregory, weil er den Gregory nicht so liebte, wie seine Mutter Gregoryn liebte. – Mein Sohn Toms hängt auch. – Lache nicht, er kommt in den Himmel, und der blutige Zauberer Morgan hat noch einen erwürgt, und sein Sohn hängt nicht, wie ich es auch verschworen, und alle Nacht zu allen bösen Geistern gebetet hatte. Arme Leute mögen rufen, aber auf arme Leute hören die bösen Geister nicht, aber sie lauschen – lauschen am Schlüsselloch und unterm Grashalm, wenn die Vornehmen auch nur flüstern.

Nichols schien durch diese Rede der Wahnsinnigen, in welcher sich ihr ganzer höllischer Racheplan, der nun zu ihrem eigenen Verderben ausgeschlagen war, aussprach, aufs tiefste bewegt. Von Sir Davenant hatte er die traurige Nachricht erfahren, daß der Gefangene bereits vor mehreren Stunden abgeführt und keine Rettung mehr möglich sei, da es sich nicht denken lasse, daß die Hinrichtung so lange verzögert werde, bis ein Eilbote den Richtplatz erreiche.

Unglückselige! – rief er aus – ich vergebe Dir, was Du an mir thatest. – Dein Wahnsinn hat Dich furchtbarer gestraft. – Mein Toms, der treuste Toms – aber Sir Davenant, es ist des Entsetzlichen zu viel und des Wunderbaren daneben. Für ein Paar Pfund reiten die unglückseligen Geschöpfe in den Wettrennen auf Tod und Leben. Für das Leben eines Unschuldigen lassen Sie ein Leben wagen – wär's nur eine Spanne Zeit –

Er brauchte nicht weiter auszusprechen, denn Bertram hatte, gleich nach der ersten Entdeckung, einem der besten Reiter des Schlosses aufzusteigen befohlen, und eben sprengte dieser in den Hof, als die Scene sich veränderte und über die Zugbrücke zwei Reiter – sie waren durch das von den Belagerern offen gelassene Thor ohne Anmeldung und Klopfen gekommen – in den innern Burghof ritten.

Der Teufel und ein armer Sünder! rief man von mehreren Seiten, und in der That glich die Erscheinung beider Reiter einer solchen Zusammensetzung. Der Eine war ganz schwarz gekleidet, ritt einen Rappen, und sein Gesicht war, wie Verschiedene hier behaupten wollten, dem, welches man gewöhnlich dem hinkenden Fürsten der infernalischen Geister unterlegt, nicht unähnlich; der andere aber saß in einem Armensünderhabit auf einer fahlgelben Stute, und sein ganzes Benehmen war so niedergebeugt, wie das einer gedrückten Seele, welche den letzten Weg zum Richtplatz geht. Selbst, als sein schwarzer Begleiter absaß, verging die Teufelsillusion nicht, denn er hinkte. Es waren aber die beiden Reiter Niemand anders, als Master Thomas Malburne und der arme Toms. Jener hatte, von einer Reise zurückkehrend, von dem tragischen Ausgange der Angelegenheiten in Walladmor-Castle gehört, und war, um seine Vermittlung anzubieten, herbeigeeilt, jedoch – zufällig oder absichtlich (dies zu entscheiden vermag ich nicht, da Master Malburnes Charakter, aller Aufklärungen ungeachtet, noch immer sehr zweifelhaft bleibt) – erst beim Zuge zum Galgen angelangt. Hier hatte sein scharfes Auge augenblicklich den Diener statt des Herrn erkannt, sein scharfer Verstand den edelmüthigen Zusammenhang errathen, und sein juristischer Scharfblick eingesehn, daß ein error in persona ein so wesentlicher sei, daß er jeden Contrakt, selbst den zwischen dem Delinquenten und der Schlinge, aufhebe, vorausgesetzt, daß die letztere noch nicht allzu fest contrahirt worden. – Nachdem auch der Sherif den Irrthum eingesehn, entließ er ihn gegen eine Caution, welche Malburne – wobei zu bemerken ist, daß dieser in der Gegend für reich galt – augenblicklich deponirt hatte.

Die wahnsinnige Mutter wollte anfangs nicht an die Wirklichkeit der Erscheinung glauben; sie hielt den im Sterbekittel zu ihr tretenden Sohn für einen Geist, und wich vor ihm scheu zurück, ehe sie seine Hand ergriff:

Toms! – Toms! – Bist Du es wirklich? – Warum haben sie Dich nicht auch todt gemacht, wie Deinen Bruder? Auf das Gebet armer Leute hören sie ja nicht. – Erschrick mich nicht, Toms. Ich bin deine Mutter und kann nicht dafür, wenn Du gehangen hast, denn die bösen Geister haben Dich selbst verführt. Oder haben sie Dich nicht gehangen? – Du lebst wohl wirklich noch? – Wirklich, Toms. – Also nicht alle Beide?

Eine Mutter hatte Kinder zwei
    Auf jenem grünen Hügel,
Und als Lord Percy geritten kam
    Da hatten seine Falken Flügel.

Lord Percy's Falken flogen in die Höh
    Und kamen mit Beute herunter,
Die Söhne gingen nach Beute ins Thal
    Vom Galgen hingen Beide herunter.

Toms, geh, geh! Du weinst nicht um Gregory, und die Rache ist aus, die Mohren sind ins Haus gekommen, Geh mit Niklas – und Deine Mutter geht ins stille Haus, und gräbt den Gregory ein, daß er sie nicht mehr besuchen kann, und ordentlich ausruhn,

In kühler, kühler Erde
Ruht nun Herr Balsamin.

Ja, Mutter, ich bin nicht gehangen, aber Almy ist doch ertrunken. Ich werde mit Niklas zur See gehn, denn wenn Niklas nicht hier ist, weiß ich ja nicht, warum ich hier bin, und ich brauche noch nicht bei Bruder Gregory auszuruhn.

Mittlerweile war nun der Tag angebrochen – man löschte die Fackeln aus, und, der Anordnung gemäß, zogen sich die beiden Parteien in das eigentliche Schloß und das Außenwerk zurück, zwischen welchen die Zugbrücke sich trennend erhob. Bertram ging in sein einsames Zimmer, und indem er den wunderbaren Begebenheiten der vergangenen Nacht nachdachte und, mit Brieftasche und Bleifeder in der Hand, sie, leicht auf dem Sopha hingestreckt, im Kopfe ordnete, um sie dann aufzunotiren, übermannte ihn die Mattigkeit, und er verfiel in einen Schlaf, aus welchem er erst erwachte, als die Morgensonne bereits sein Gothisches Zimmer freundlich erleuchtete. Es war ein schöner Frühlingstag. Die umliegenden Höhen nahmen sich im Frühlicht besonders reizend aus; und schnell wurde von ihm der Gedanke ausgeführt, eine der nah gelegenen Uferhöhen zu besteigen, um dort, bei der freien und weiten Aussicht auf Meer, Schloß und den fernen Küstenstreif, das niederzuschreiben, was ihn drängte.

Durch das Hinterpförtchen schlich er, vermuthlich zu einer Zeit, wo noch alle andere Bewohner des Schlosses der Ruhe pflegten, aus demselben, ob es ihn gleich Wunder nahm, daß die kleine, sonst mit aller Sorgfalt verschlossene und verriegelte Thür, offen stand. Angefächelt von der frischen Lust, bestieg er bald einen der höchsten Uferfelsen, von dessen Spitze man nicht allein das Meer in beträchtlicher Weite übersehen konnte, sondern auch das thurmreiche Schloß zu seinen Füßen erblickte. Bertram zog seine Brieftasche abermals hervor, suchte sich einen bemoosten Stein zum bequemen Sitzen aus, und war eben im Begriff, die ersten Worte niederzuschreiben, als hinter einem Busche Jemand hervortrat, und zu seinem größten Aergerniß Herr Malburne zu ihm herankam, und mit lächelnder Miene ihm seine Schnupftabackdose anbot:

Kann ich dienen, Herr Bertram?

Ich danke Ihnen ein für allemal – rief Bertram, indem er seinen Unmuth theils nicht unterdrücken konnte, theils durch die Härte seines Tones den lästigen Mann zu vertreiben hoffte. Was dies anbetrifft, hatte er sich aber getäuscht, denn Malburne nahm ganz gelassen auf einem gegenüber liegenden Steine Platz, und indem er so viel und unaufhörlich schnupfte, als Bertram es noch nie gesehen, begann er, zum Leidwesen unseres Helden, folgendes Gespräch:

Ein recht anmuthiger Morgen.

Nach Umständen, Herr Malburne.

Besonders, um poetisch zu sein.

Wenn man nicht in seinen Gedanken gestört wird.

Ganz recht, werther Freund, so allein, etwa auf einem Berggipfel, dicht am Meere, Morgens früh zu sitzen, mit einer Schreibtafel und einem sympathetischen Freunde, ach, was geht über die Lust! – Kann ich dienen? – Bitte, bitte um Vergebung, ich vergesse, daß Sie nicht schnupfen, – ja – ja – eine häßliche Angewohnheit von mir, glauben Sie mir, ich brauche monatlich zwei Pfund – ja, es geht doch nichts über die Poesie.

Störe ich Sie vielleicht hier in Ihren Meditationen – rief Bertram aus, und machte Miene, aufzuspringen, – so will ich gern den Platz Ihnen einräumen.

Keineswegs – bitte, bester Herr Bertram, geniren Sie sich nicht – thun Sie, als wäre Thomas Malburne nicht gegenwärtig – ich störe Niemanden in seinen dichterischen Ergüssen – wie weit sind Sie?

Bertram sah ihn erröthend groß an, und fragte darauf mit dringender Stimme:

Herr Malburne! Es ist Zeit, daß wir ernstlicher mit einander reden. Unaufhörlich verfolgen Sie mich in meinem geheimsten Treiben. Wissen Sie, wer ich bin? – Wofür halten Sie mich?

Bester Herr Bertram! Woher so in Affekt? Das schadet, besonders in der Morgenluft; den Abend vor'm Zubettegehn, laß ichs passiren, da schwitzt man es in den Kissen wieder aus; aber darum muß ich Sie dringend bitten: Sparen Sie die Affekte und Effekte!

Ich fordere die Stimme der Wahrheit.

Auch die ist gefährlich bei unvorsichtigem Gebrauch. Die angeblichen Ritter der Wahrheit sind gewöhnlich Priester der Göttin Grobheit. Junge Dichter und Enthusiasten verfallen oft in den Fehler, wenn sie der nackten Wahrheit nachjagen, alle Wahrheit der Erscheinung zu schanden zu machen; darum wäre meine unmaßgebliche Meinung, daß mein verehrtester Freund –

Weshalb ich? unterbrach ihn Bertram ärgerlich.

Nun, nun – Sie fordern mich wohl heraus – aber in der That, Ihr Sonnet auf den Wasserfall ist allerliebst. –

Woher wissen Sie davon? Ich las es Niemand vor. –

Aber dem Wasserfalle selbst und Berg und Thal und Wald. Ich stand einen guten Büchsenschuß davon und hörte doch alle Endsilben. –

Herr Malburne! Wer hat Ihnen das Recht gegeben, als Lauscher überall zu erscheinen?

Ueberall? Bester Herr Bertram, überall! Das würde sich nicht verlohnen; nur bei interessanten Personen, Künstlern u. s. w. Ich hoffe aber doch, beim Himmel, nicht, daß Sie mich in der Qualität im Romane aufführen werden?

In welchem Romane?

Nun, den Sie schreiben werden, den Sie jetzt schreiben, und den Sie zu schreiben beabsichtigten, als Sie in dieses Land kamen, – um Ihnen denn doch in verkehrter Steigerung aller Zeiten zu antworten.

Wer bin ich? Was denken Sie von mir? sprach Bertram, in übergroßer Verwirrung hoch erröthend.

Der Ritter der Wahrheit scheint einen kleinen Umweg gemacht zu haben. Aber wenn Sie die klapperdürre Wahrheit hören wollen, auf Ihre Gefahr. Mein Freund, Herr Bertram, ist ein junger, liebenswürdiger Mann, welcher in der Absicht, Stoff zu sammeln, zu einem Romane, nach Art der in Edinburgh erscheinenden, welche man gewöhnlich, aber ganz fälschlich, meinem würdigen Freunde, dem Sir Walter Scott, zuschreibt, in dieses Land gekommen ist. Wollen Sie noch mehr wissen?

Bertram sprang auf, gleich wie Sterbliche, wenn sie die unheimliche Gegenwart eines dämonischen Wesens ahnen.

Herr Malburne! Woher wissen Sie dies?

Woher, junger Freund? genug, ich weiß es. Das ist auch eine poetische Unart junger Anfänger, nach Quelle, Grund, Ursach einer Erscheinung zu fragen. Genug, ich weiß es, und Ihr Erröthen bestärkt meine Wissenschaft.

Sollte ich vielleicht einmal mich vergessen, und unvorsichtig einige Worte haben fallen lassen?

Einmal, bester Herr Bertram! Denken Sie, daß sich ein junger Mann, der einen Roman in petto hat, nicht tausendmal verräth? Man sieht es ihm an der Richtung seiner entzückten Augen, am Seufzen, Stöhnen, selbst am – Schnupfen an. Aber es ist incommode, um den Stoff zu sammeln, von Merseburg bis nach Alt England zu reisen. Giebt es denn keinen Stoff bei Ihnen zu Hause?

Stoff genug, man schätzt aber nur die Steine bei uns, welche in fernen Brüchen gesprengt sind.

Aber Sie hätten, wenn Ihre Landsleute denn durchaus den Stoff zu ihren Romanen aus Großbritannien verlangen, aus Reisebeschreibungen die nöthige Waare entnehmen können.

Man würde mir nicht geglaubt haben, wenn nicht das Manuscript selbst aus England gekommen wäre, und ausländische Luft geathmet hätte. Überdies heißt es, daß der berühmte Verfasser jener Romane, welche jetzt allein bei uns gelesen werden, an alle die Orte erst persönlich hingereist sei, um nach dem Augenschein abmahlen zu können, und daß ohne dies kein Walter Scottscher Roman gelingen könne.

Daß ich nicht wüßte, ich bin – doch entschuldigen Sie – werden Sie auch die Manier der mystischen Person aus Edinburgh oder Canada zu imitiren suchen.

Ich werde mich schon bemühen müssen, so viel als möglich, breit zu sein; und dann hoffe ich, gewiß den Meister erreicht zu haben, denn was das Uebrige anbetrifft –

So denken Sie au fait zu sein – fiel Malburne ein. – Wie aber, wenn ich Ihnen einen kleinen Stein – scrupulum nannten ihn die Alten – in Ihre Tanzschuh würfe.

Ich will nicht hoffen.

Es kommt drauf an.

Der Stoff zum Romane ist so reichhaltig, als man ihn selten in den neusten des besprochenen Dichters findet.

Gar nicht zu leugnen, werther Herr Bertram, denn, was das betrifft, so sind pro primo Schleichhändler da; zweitens eine halb wahnsinnige alte Frau; drittens einige Leute, die vor Anhänglichkeit für ihren Herrn sich wollen hängen lassen; dann komische Personen, wie der Constabler Sampson, Dulberry und der alte Squire; einige Gegenden, am Galgen und anderwärts, die man portraitiren kann; und dann vor Allem, Sie selbst, Herr Bertram, als ein junger, liebenswürdiger, unschuldiger Held, der, er weiß selbst nicht wie, in alle die Avantüren hinein geräth – was wollen Sie mehr – der Roman ist fertig.

Und, Herr Malburne, die Nachtscenen, der Schleichhändler Hauptmann, die Scene im Wirthshause zu M***.

Und, bester Freund, der Knall, mit dem Sie in die Scene gesetzt werden, das Zerplatzen des Dampfschiffes. Aber trotz dieses Effektes ist doch noch ein Häkchen. –

Und welches?

Wenn Ihnen ein Anderer zuvorgekommen wäre, wenn bereits ein anderer Tabuletkrämer alle diese Bilderchen in seinen Guckkasten aufgenommen hätte, und es nun nur darauf ankäme, wer dem Andern zuvorkäme, nach der juristischen Regel: res nullius cedit occupanti? –

Himmel, ich will nicht hoffen – in Ihnen – die Zunge erstarrte ihm.

Zu dienen, Herr Bertram, in mir sehn Sie den zweiten Tabuletkrämer.

Herr! wer sind Sie?

Meinen Sie mich oder irgend einen Geist der Lüfte, nach dem ihr Auge umherschweift?

Sie!

Ich bin der Autor des Waverley.

Bertram fuhr zurück, wie von dem furchtbarsten elektrischen Schlage getroffen, und, erst nach Minuten sich ermannend, näherte er sich dem andern Manne wieder; und gleichsam vorsichtig prüfend, ob ihm zu trauen sei, fuhr er in zweifelhaftem Tone, und mit fest auf den Gegner gerichteten Blicken fort –

Des Guy Mannering, Alterthümlers, Robin des Rothen, der Erzählungen meines Wirthes aus der Dorfschenke? –

Ohne sich stören zu lassen, fuhr der Fremde, als Bertram hier stockte, in der Reihe fort:

So wie des Ivanhoe, Klosters, Abtes, Kenilworth, des Piraten, der Nigels Schicksale, Peverils vom Gipfel, Quintin Durwards und so weiter. –

So sind Sie also keine mystische Person.

Ich esse Rostbeef und trinke Portwein Gütigster Recensent! Du wirst diese merkwürdige Entdeckung in Deiner Kritik doch nicht dem Leser in voraus verrathen, wenn Du bedenkst, wie, nach Hoffmanns Theaterdirektor, an dem geringfügigen Umstande eines auf die falsche Seite geschobenen Großvaterstuhles, ein ganzes Stück scheiterte. – A. d. Ü. .

Wie dem auch sei, mein Herr, den ich nicht zu nennen weiß, dem ich aber alle, einem so berühmten Namen schuldige Achtung zolle, ich hoffe nicht, daß Sie auch unter das »Und so weiter« noch einen Roman dereinst rechnen werden, welchen ich, wie diese Proben erweisen können, bereits skizzirt und bruchstückweise ausgeführt habe.

Er zog aus seiner Brieftasche mehrere eng geschriebene Bogen Briefpapier hervor, und las folgende Skizze mit großer Eil:

»In diesem Augenblicke brach der Vollmond in vollem Glanze hinter einer dunklen Wolke hervor, und beleuchtete eine Gegend, wie sie der junge Mann kaum aus Beschreibungen kannte. Schwindelnd sah er zu seinen Füßen einen bodenlosen Abgrund. Die aus uralten Quadersteinen mit gigantischer Kunst gebaute Mauer war nur die Fortsetzung einer steilen ungeheuren Felswand, welche aus der Tiefe, in der sein Auge noch keinen festen Punkt gewinnen konnte, emporstieg. Jenseits dieser unermeßlichen Schlucht lagen schwarze, gewaltige Massen vor ihm, der Hauptzug des Snowdon, dessen untere Theile mit dichtem Walde mochten bedeckt sein, dessen vom Monde beleuchteter Rücken aber eine traurige Oede zeigte. Bertram, geblendet von der Größe des Schauspiels, wollte sein Auge ausruhen, indem er sich umdrehte; aber die neue Scene war, wo nicht großartiger, doch noch ergreifender für seinen Sinn. Von einem erhabenen Standpunkte übersah er die weitläufigen Trümmer des ganzen Klosters, wie ihre höchsten Spitzen, vom Mondenschein übersilbert, aus der unermeßlichen Nacht der Schluchten und Gebirgskuppen, welche sich an den hohen Rücken des Snowdon lehnen, hervortauchten. Es war, wenn man die Stille der Mitternacht dazu nimmt, ein Feenschauspiel, und das geblendete Auge vermochte nur den Totaleindruck aufzufassen, nicht aber die einzelnen Erscheinungen und den natürlichen Zusammenhang der verschiedenen Punkte zu begreifen. So viel indessen ließ sich bald aus den naheliegenden Mauerwerken auf die in der weiten Ferne glänzenden schließen, daß die Thürme und Gebäude des Klosters meistentheils auf vorragenden Felskuppen erbaut waren. Nur diese hatten der Zeit getrotzt, während das Felskuppen und Thürme verbindende Mauerwerk herunter gestürzt war. Vor allem großartig ragte aber, blendend weiß vom Monde beschienen, der Hauptthurm über alle Kapellen und Thürmchen. Auf einer einzelnen schroff aus der Tiefe hervorschießenden Klippe stand er so keck, als wolle er den Trotz und den Sieg des menschlichen Geistes über alle Hindernisse der Natur aussprechen. Ringsum war alles verbindende Mauerwerk abgebrochen, und in die Tiefe als Schutt herabgesunken, so daß alle Möglichkeit, ihn zu besteigen, verloren schien. Aber auch außer diesem Thurme sprangen überall hohe Gothische Bogen aus den Felsen hervor, und an mehreren Stellen sah man von zweien getrennten Felskegeln Pfeiler höher und höher emporstreben, und endlich in stolzen Bogen sich gegen einander neigen; aber das Mittelstück des ungeheuren Thores fehlte, und die Pfeiler standen nun wie zwei Liebende da, welche reine Neigung und die Natur für einander bestimmte, ein feindliches Mißgeschick aber für immer getrennt hat.

»Bertram hielt sich, geblendet vom Schauspiel, die Augen zu« –

Sehr gut, sehr trefflich – unterbrach ihn die mystische Person – aber nun hören Sie auch gefälligst einige von meinen Bruchstücken.

Malburne hatte bereits während der Vorlesung aus seiner Brieftasche einige Scripturen hervorgezogen, und las nun:

»Dagegen stieß dicht an das gemauerte Haus ein hölzerner Stall, aus welchem der für den Verirrten so angenehme Ton der Schafe kam.

»Mancher geneigte Leser wird, wenn er an seinem, mit trefflichen Steinkohlen gefüllten, Kamine, oder gar im Sommer, dieses Kapitel liest, sich des Lächelns nicht enthalten können. Wer aber, aus Lust oder Noth, im Winter eine Hochschottische Haide durchwandert und sich im Nebel verirrt hat, weiß, welche Seligkeit für den Ermüdeten und Erstarrten ein dampfender Schafstall gewährt. Der Novellist spricht hier aus eigener Erfahrung. Auf einer romantischen Fußpartie von Edinburg aus nach den nordwestlichen Theilen von Strathnavern verirrte er sich mit seinem, seit zehn Jahren verschiedenen, in seinem Angedenken aber immerfort lebenden Freunde Thomas Vanley, Esq. Nachdem sie mehrere Stunden auf der Novemberhaide durch die dicksten Nebel gewandert, und von dem Moorgrunde und der feuchten Luft durchnäßt und erstarrt waren, endeckten sie am Abhange eines der kahlen Patrik-Hügel eine einsame Hürde. Sie stand ganz abgesondert von allen menschlichen Wohnungen, und selbst der Hirt hatte sich in dieser Nacht, vielleicht einer Liebschaft wegen, fortgestohlen; doch fanden wir etwa funfzig Schaafe in dem eben erst mit reinlichem Stroh versorgten Stalle. Unverdrossen kletterten wir über die Thorleitern, und suchten unser warmes Lager zwischen den friedlichen Thieren. Noch oft versicherte späterhin Thomas Vanley, daß, obgleich er bekanntlich in Indien alle Genüsse eines Nabobs, wählend seines dortigen Dienstes unter Lord Wellington, gehabt, doch kein Indisches Lager ihm so erquickend gewesen, als jenes Strohlager unter den Schafen am Patrik-Hügel.«

Unwillig steckte Bertram seine Papiere ein:

Herr Malburne, oder wie ich Sie nennen soll –

Wie es Ihnen beliebt, bester Herr Bertram, es kommt auf den Namen nicht an.

Sie haben mich belauert.

Ei, warum so böse Ausdrücke?

Einen lange gehegten, einen schönen Plan zerstören Sie mir. Aber ich weiche noch nicht. Bedenken Sie, daß Sie nur theilweise in dieser Gegend waren, während ich –

Ich verstehe Sie, mein junger Herr; aber wenn ich auch Methusalems Alter hätte, wäre es mir doch unmöglich, vom Ivanhoe an, durch die Geschichtsperioden aller meiner Romane hindurch gelebt zu haben.

Liegt Ihnen dieser Roman aber so wenig am Herzen, daß, während es Ihnen möglich war, gegenwärtig zu sein, Sie Monate lang sich abwesend befanden?

Denken Sie, daß dies der einzige Roman ist, an dem ich arbeite? Mehrere Male mußte ich nach Schottland in der Zwischenzeit, um die Lokalitäten einer am St. Ronans-Brunnen spielenden Erzählung zu arrangiren; und jetzt rüste ich mich sogar, nach Judäa zu segeln, um eine Erzählung der Belagerung von Ptolemais zu liefern; und wie viele Romane außerdem in meinem Kopfe Knospen schießen, fühle ich mich nicht gedrungen, einem so werthen Freund zu offenbaren, der eines Einbruchs in mein Eigenthum geständig ist. – Sie schweigen. – Ich rathe zum Vergleiche, denn, im Vertrauen gestanden, mit jeder Post habe ich bereits nach Edinburgh in die Fabrik meine Notata gesandt, und ich hoffe, daß schon zwei Bände werden verarbeitet sein.

Aber die Motto's, Herr Malburne?

Ziehen meine Freunde aus dem großen Motto-Kasten, wie Lotterienummern heraus, und das ist das Mystische, daß Kapitel und Motto noch immer so ziemlich zusammen passen, wie Sie auch in diesem Roman sehen werden.

Es dürfte denn doch auf die Bearbeitung ankommen.

Und auf das Ende, Herr Bertram. Wie werden Sie schließen?

Ich denke den Dichter die versöhnende Gerechtigkeit handhaben zu lassen.

Ich dagegen der schlichten Wahrheit getreu zu bleiben, und meines Wissens, werden Sie, Herr Bertram, mir dabei noch behülflich sein müssen.

Dürfte ich wissen, wie der berühmte Autor des Waverley meiner Person bedarf?

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Wie aber, wenn ich Sie selbst zu Ehren brächte, zu einer bessern Lage, als der eines Novellenschreibers, würden Sie dann allen Ansprüchen auf diesen Roman entsagen?

Sie foltern mich –

Ich bin kein Spanischer Inquisitor. Zur Sache. Vor vielen, vielen Jahren ließ der Squire Sir Morgan Walladmor den Sohn einer Fischerfrau hängen, und die erzürnte Fischerfrau –

Stahl deshalb – fiel Bertram ärgerlich ein und fuhr schnell fort – den neugebornen Sohn des Squire, verkaufte ihn an Schleichhändler – und dieser wiedergefundene Sohn ist der Schleichhändler Nichols. Das ist eine sehr neue Erfindung, und ich bin Ihnen außerordentlich für die Erzählung verbunden.

Die Citrone, Master Bertram! Sie ist noch nicht ganz ausgedrückt – Das Fischerweib – wollte ich sagen – war allein bei der Niederkunft der Lady zugegen, und die Lady gebar Zwillinge, zwei Knaben. Die Fischerfrau, begünstigt durch die Nacht, nahm beide mit sich fort. Das eine Kind warf sie, in der Absicht, es ums Leben zu bringen, von jenem Felsenvorsprunge der Burg, die Todesspitze genannt, ins Meer; das andere aber biß sie in den Arm, und sandte es dem Schleichhändler Jacson, mit der Bitte, es zum Smuggler und Seeräuber in seinem Schiffe auferziehn zu lassen. Während dessen aber hatte ein Kahn des Schleichhändlerschiffes unter dem Schlosse angelegt, und das von der Frau herabgeworfene Kind war, durch ein halbes Wunder, an einer schrägen, mit Moos und Gras bewachsenen Senkung des Felsens sanft herunter rollend, lebendig geblieben, als es die Matrosen auffingen. Jacson, der sich mit der Erziehung zweier Kinder nicht befassen wollte, prüfte beide, und da ihm das Herabgestürzte stärker schien, erzog er es statt dessen, welches die Frau ihm zugesandt hatte, und schickte das in den Arm gebissene bei nächster Gelegenheit nach Hamburg. Das Kind, dem der Tod bestimmt war, wurde Schleichhändler, und es ist Niklas; und das Kind, welches Schleichhändler werden sollte, wurde als Waisenknabe in Deutschland auferzogen, und Sie, Herr Bertram, sind statt eines Schleichhändlers ein Romanenschreiber geworden, sind aber nichts desto weniger der leibliche, eheliche, männliche Sohn des Squire Morgan Walladmor.

Mensch! – fuhr Bertram auf – scherzest Du?

Mein sehr trockner Ernst.

Wenn Ihr mich zum Narren hättet.

Bewahre, dann hätte ich ja das Publikum auch zum Narren, was sich doch am Ende des Romans gar nicht verantworten ließe.

Beweise fordere ich.

Die große Aehnlichkeit, der Biß in Ihrem Arm. Was sonst noch für Beweise nöthig sind, die liegen in Zeugenaussagen und Dokumenten im Schlosse, und der würdige Sir Morgan wird hoffentlich schon in diesem Augenblicke davon überzeugt sein, daß er für den halb verlorenen Sohn, einen anderen Sohn ganz gewonnen hat.

Herr! Malburne! wollen Sie mich wahnsinnig machen?

Nein! Aber dazu bewegen, daß Sie das Romanschreiben aufgeben.

Ich glaube Ihnen! rief Bertram, und stürzte, von Hoffnung und dem Gefühle, daß es wahr sei, instinktartig getrieben, den Berg hinab, dem Schlosse zu. Dennoch konnte er sich nicht enthalten, noch einmal zurückzublicken, und zu Malburne zu rufen:

Aber, Sir, um Gottes Willen, wer sind Sie eigentlich?

Er erhielt keine Antwort, und sah bald, daß sein Gefährte verschwunden war. Ohne Anhalt eilte er nun weiter, und, als er dicht an Walladmors Mauern stand, trat ihm aus der Pforte Nichols, der eben hinabsteigen wollte, um sich einzuschiffen, entgegen.

Bist Du –? rief Bertram, breitete die Arme aus, vermochte aber das Wort nicht auszusprechen.

Dein Bruder – antwortete Nichols, und drückte ihn an seine Brust – Dein Bruder. Wir waren Brüder auf der Tonne, die uns auf dem stürmischen Meere erhielt. Bruder, sei glücklich mit ihr, und denke zuweilen des Bruders, der allein, einsam auf dem weiten Meere umherirrt. Lebe wohl – dann flüsterte er ihm ins Ohr: – Er hat mich zu sich gelassen, er hat mich einmal ans Herz gedrückt – laß mich jetzt fort, ich möchte zu weich werden, um meiner Heerde wilder Thiere zu gebieten. Lebe wohl!

Er drückte ihn noch einmal heftig an die Brust und verschwand alsdann mit Toms hinter dem Gesträuch des Uferrandes. Im nächsten Momente – ob er Zeit gebraucht hatte, von dem Ufer bis in den Saal, oder wie er dort hingekommen, wußte er nachher nicht – lag er in den Armen seines Vaters. Als er aus denselben sich erhob, stand Ginievra, in Freudenthränen schwimmend, mit klopfendem Busen dicht hinter dem Squire. Mit einigem Wohlgefallen sah dieser dem nächsten Auftritte zu, und flüsterte zum ehrwürdigen Master Simon:

Habe ich es nicht gesagt an Arthurs Bach?

Nachdem Nichols Schiff aus dem Gesichtskreise verschwunden war, wurde ein Dank-Gottesdienst in der Hauskapelle gehalten, welchem alle Anwesende mit seltener Rührung und Erhebung beiwohnten. Den Tag beschloß ein großes Festgelag in den untern Hallen des Schlosses, bei welchem Jedermann freien Zutritt erhielt. Malburne aber blieb verschwunden, und so oft man nach ihm fragte, lächelte Sir Davenant. Nur einen Misklang in den Tönen der Lust verursachte die Erscheinung Master Samuel Dulberrys, welcher dem Squire erklärte, bei der nächsten Quartalsession Klage gegen ihn erheben zu wollen, und zwar wegen »feudalistischer Begünstigung eines blutsverwandten Verbrechers, unerlaubter Naturalisirung von Ausländern, so wie Unterschub anderer gegen den gesunden Menschenverstand aus feudalistischem und romanhaftem Aberglauben entspringender Verhältnisse und Begebenheiten.« Was der Sache für den Squire vielleicht eine noch schlimmere Wendung geben kann, ist, daß die muthwillige Dienerschaft den Reformer gezwungen hat, gegen seinen Willen so lange in Burgunder und Claret auf das Wohl des Hauses Walladmor und dessen ferneres Fortblühen zu trinken, bis er selbst unfähig wurde, unter dem Tisch das Minus der letzten Staatseinnahme an dem Abende zu berechnen. Er will deshalb, dem Verlauten nach, auch eine Klage wegen eigenmächtiger Beschränkung der Freiheit in Privatgefängnissen – man hatte ihn in eine Burgkammer gelegt, wo er seinen Rausch ausschlafen mußte – gegen den Squire anstellen, und erst, wann diese Angelegenheit abgemacht ist, wegen des stehenden Landheers, der Armentaxe und des Blutbades von Manchester, sich ersäufen.

 

Ende des dritten und letzten Bandes.

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