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Gutenberg > Willibald Alexis >

Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Achtes Kapitel.

Affair of consequence having brought me to Town, I had the curiosity t'other day to visit Westminster-Hall, and having placed myself in one of the Courts, expected to be most agreeably entertained. After the Court and Counsel were, with due ceremony, seated, up stands a learned Gentleman, and began: When this matter war last stirred before your Lordship; the next humbly moved to quash an Indictment; another complained that his Adversary had snapp'd a judgment; the next informed the Court that his Client was stripped of his Possession; another begged leave to acquaint his Lordship they had been saddled with costs. At last up got a grave Serjeant, and told us his Client had been hang up a whole Term by a Writ of Error. At this, I could bear it no longer etc. The Spectator. N. 551 Tuesday, December 2. Ich habe das Motto unübersetzt gelassen, da, wenn es auch zu übersetzen wäre, ich doch nicht begreife, was es hier zu bedeuten hat. Vielleicht komme ein geborener Engländer dem Uebersetzer zu Hülfe. – A. d. Ü.

Ihr Gestirn, lieber Bertram, – sagte der Squire, als er mit diesem Abends in dem großen Saale des Schlosses langsamen Schrittes einherging – Ihr Gestirn hat eine wunderbar ähnliche Inclination mit dem meines Edwin. So schwer mich auch die Täuschung traf, so bitter für mich jede Stunde des Verhörs war, so habe ich doch noch nicht die Hoffnung verloren, weil meine Wissenschaft mir den Glauben giebt.

Ich habe Ihre Fassung, Sir Morgan, mehr als bewundert. Wir sahen nicht den gebeugten Vater, nicht den unglücklichen Greis in Ihnen, – bewunderten den eisernen Richter, welchen nichts bewegen konnte.

Junger Mann, lieber Bertram, und sollte es noch schlimmer werden, sollte die entsetzlichste Gewißheit kommen, deren Ahnung allein schon mich zu Boden drückt; sollte es wahr werden, was ich nicht zu denken wage, was aber in wunderbaren, ängstigenden Schreckbildern meinen nächtlichen Schlaf umgaukelt – junger Mann, so würde doch der Enkel Rhees von Merediths, Walladmors Stammhalter, der Gerechtigkeit gedenken, und wenn es sein teuerstes gälte, er würde es hingeben. – Mein Haupt würde ich verhüllen, ich würde ihn nicht wiedersehn, bis ich hörte, daß Walladmors Stamm-Eiche durch des Henkers Beil gefällt sei. – Sie starren mich an; o ich habe Kraft, ich muß viel Kraft haben, denn ich habe das Entsetzlichste gesehen. – Lassen Sie mich allein, lieber Bertram, die Stunde der Entscheidung rückt heran. – Ich muß Kraft sammeln zu einem Gespräch mit meinen Ahnen.

Und Lady Ginievra –

Gehn Sie zu ihr. – Sie ist wohl, Master Simon ist bei ihr – es ist ein Mädchen aus Walladmors Stamm. Sie kann Geister sehen, und fürchtet nicht.

Dennoch, Sir Morgan, ist sie noch sehr angegriffen von dem Schrecken, von der Anstrengung nach dem Schiffbruch. – Ihre Gesundheit, ihr Leben wäre in Gefahr, wenn man ihr nicht die Vorgänge, welche diesem unglücklichen Schlosse noch bevorstehn, verheimlicht. –

Ich überlasse das Ihrer Sorgfalt.

Wäre es nicht möglich, den Verbrecher außerhalb dieser Mauern für sein trauriges Schicksal aufzubewahren? – Sollte sie durch Zufall das Geräusch hören, ja ihn sehen, wenn er abgeführt wird, um seinen letzten Gang anzutreten, – so können wir nicht für die Folgen stehen.

Junger Mann! Und wenn es mein Sohn wäre – ich bin geborner Richter über die meines Blutes und die Bewohner dieses Gaues – ich würde unbeweglich dastehn, wenn es ausgesprochen würde, das entsetzliche Verdammungsurtel über sein schuldiges Haupt; ohne zu zittern, würde ich ihn abführen sehen, dann aber möchte ich zusammensinken und den Tribut der Menschlichkeit zahlen. – Auch Ginievra ist eine Walladmor. – Genug, es ist uraltes Recht, die Verbrecher meines Gaues in diesen Mauern zu bewahren, und ich fühle mich nicht so schwach, das Recht meiner Ahnen aufzugeben. Leben Sie wohl. –

Nachdem Bertram abgetreten war, durchschritt der unglückliche Greis langsam den öden großen Saal. Es gingen wirklich die Geister seiner Ahnen, welche umher an den Wänden hingen, vor seinem innern Gesichte vorüber; aber besonders ernst blickte ihn der mythische Ahne Rhees von Meredith an.

Was willst Du? fuhr er in die Höhe, und vor ihm stand eine der schrecklichsten Erscheinungen, welche ihm in diesem Leben begegnen konnten, obgleich er selbst oft als Hülfe flehender sie aufsuchte. Gillie Godber, in einem Aufzuge, wie ihn nur der wildeste Wahnsinn und gänzliche Vernachlässigung hervorbringen kann, stand vor ihm. Ihre grauen Haare flatterten unordentlich um den nackenden Hals und die halb entblößte Schulter. Ohne Mantel, ohne Mieder, trug sie nur den rothen Unterrock hoch herauf gezogen auf dem dürren Leibe, und barfuß, die Arme in ihrer dürren Nacktheit ausstreckend, hielt sie einen Feuerbrand, vom Kamine entnommen, dem Squire entgegen.

Furie! Hexe! Was willst Du? – rief er ihr entsetzt entgegen. Sie antwortete durch ein furchtbares Gelächter, indem ihre Augen aus den tiefen Höhlen heraustraten und mehr glühten als der Feuerbrand in ihren Händen. Dann rief sie mit kreischender Stimme, welche von einer Höllenlust hervorgetrieben zu werden schien:

Ja Hexe, Hexe, alter Zauberer! – Meine Großmutter aus Man ward in Derbyshire verbrannt – und von der kommen die rothen Augen in die Familie!

Sie drehte sich wild im Kreise herum, und schwang dabei den Brand, daß Gefahr für die Tapisserie des Zimmers zu sein schien, wenn die Funken weit umherflogen.

Was willst Du, Gillie Godber? – fragte der Squire mit einer Stimme, welche die eines Stentors hätte sein können, und doch die gänzliche Kraftlosigkeit des Sprechenden bekundete. Sie antwortete:

'S ist ja so lustig im Leben, mein Kind,
Komm doch, juchheissa, und springe geschwind.

Weißt Du denn noch nicht, alter Zauberer Morgan – Du bist doch sonst so gescheut, – daß ich heut Hochzeit mache. – Weißt Du mit wem? – Mit dem Gregory – dem hast Du ein Halsband geschenkt – sieh mal – hier ist es – von Hanf nur – aber es hält fest und warm – Gregory ist auf dem Wasser zu mir gekommen und hat mich besucht – mitten im Sturm – aber heut giebts Hochzeit, und er kommt für immer wieder – und wird bei dem Schmause sein. – Ach Du weißt noch nicht – weißt Du denn noch nicht, daß sie heut in der Stadt judiciren? – Nicht wahr – Niklas kommt nicht davon – der muß schuldig sein – denn die Mohren sitzen nicht am Gerichtstisch. – Morgan Walladmor, Du hast so viel Gutes und Liebes meinem Sohn Gregory gethan, das habe ich immer Dir gedacht, und ich wills Dir wieder vergelten – Morgan Walladmor! weißt Du, wer Niklas ist, Niklas – Morgan Walladmor, es ist Dein Sohn.

Der Squire schrie auf, dann stützte er sich auf seinen Stab, und stand wie eine Bildsäule mit auf die Wahnsinnige gerichtetem Blicke da. Sie schwang ihren Feuerbrand mehrere Minuten, ohne von ihm unterbrochen zu werden, bis er endlich mit gedämpfter Stimme ausrief:

Du bist eine Wahnsinnige!

Freilich, freilich bin ichs, Sir Morgan. Wie hätte ich auch sonst Gregorys Tod aushalten können, wenn ich nicht wahnsinnig geworden wäre. – Aber Du kamst ja immer zu mir, Morgan Walladmor, und wolltest wissen, wo Dein Sohn geblieben sei – o ich habe ihn gut erzogen. Was mein liebster Sohn, mein Gregory gelernt hatte, das Metier habe ich ihn auch lehren lassen, wie eine rechtschaffene Mutter. Dem Jacson schickte ich das kleine Kind zu und biß ihm vorher in den Arm und hab es in meine Schürze gelegt, und der Jacson hat das Kind aufgezogen – und Niklas haben sie es im Meerwasser getauft – So freue Dich doch, Morgan Walladmor.

Grausames, rachsüchtiges Weib! womit willst Du's beweisen?

Beweisen, weil ich grausam, weil ich rachsüchtig bin. – Glaubst Du, ich hätte anders thun sollen? Als Du meinen lieben Gregory hängen ließest – da schwur ichs Dir zu, auch Dein Sohn sollte hängen – Du solltest ihn selber hängen. Sei doch lustig, Morgan Walladmor, Du kannst wieder hängen lassen.

Sie that einige wilde Sprünge und wollte dann den Saal verlassen. Als sie aber am Fenster vorbeiging, blieb sie stehen, sah einen Augenblick hinaus und sagte dann:

Sie kommen, sie kommen. – Mit hellen Lichtern durchs Thal – das wird ein Leichenzug werden. – Leugne es, leugne es, Sir Morgan – glaube nicht, daß es Dein Sohn ist – ich freue mich doch. –

Mit diesen Worten stürzte sie zur Thür hinaus. Sir Morgan aber wankte ans Fenster, riß es auf und starrte ins Thal. Mehrere Fackeln bewegten sich den Schloßweg hinauf. Er sah jetzt deutlich den Zug, er strengte seine Augen an, dem hinter einem Constabler auf dem Pferde angebundenen Verbrecher ins Gesicht zu sehen; dies ging aber nicht an, da er theils von den andern Reitern beschattet wurde, theils selbst den Kopf dergestalt senkte, daß es auch dem Nahestehenden nicht möglich wurde. Der traurige Zug ritt in das Schloß. Kein Jauchzen, kein wilder Freudenruf der Ankommenden oder von Seiten derer, welche sie bewillkommneten, erfolgte, selbst die Pferde schienen weniger muthig als sonst zu schlagen. Der Squire hörte jetzt Tritte auf der zum Saale führenden Wendeltreppe. Kaum hatte er die Kraft, das Fenster zuzuziehen, und dem eintretenden Sir Davenant entgegen zu gehn.

Was sprachen sie aus, was? Schnell, das Wort!

Schuldig, Sir Morgan.

Allmächtiger Gott!

Der Verbrecher benahm sich mit einer Fassung, welche für ihn einen bessern Tod, als am Gerüste wünschen ließ. Er widerrief kein Geständniß, ja hintertrieb sogar die Ausmittelung mehrerer Punkte, auf welche sein Vertheidiger bestand. Morgen in der Frühe wird er abgeholt werden, er wollte selbst keinen Aufschub, um den Muth nicht zu verlieren. –

Morgen, morgen schon soll er sterben. –

Sein eigener Wunsch. – Sein Vertheidiger verlangte zwar noch besondere Ausmittelung der Umstände seiner Geburt, indem es durch Zeugen nicht unwahrscheinlich gemacht worden, daß der Verbrecher ein Kind dieses Landes ist.

Und man verwarf den Antrag? – fuhr der Squire in die Höhe.

Weil nicht abzusehen, wie eine solche Ausmittelung für den Verurteilten von Nutzen sein könne. Das Maaß seiner Verbrechen ist voll, das Urtheil unumstößlich, Aufschub der Execution schon in voraus von London her verweigert. Eine solche Ausmittelung könnte nur irgend einer Familie tiefe Wunden so plötzlich und unerwartet schlagen, daß vielleicht ihr Glück vernichtet, ihre Ehre gebeugt wäre. Ich stimmte vollkommen dem weisen Richter bei, indem ich mir das Bild eines greisen Vaters vormahlte, wie er niedersank, von dem Anblick des als Sohn zu ihm geführten Verbrechers vernichtet.

Sir Davenant, ich danke Ihnen – sprach der Greis, indem er seine Hand drückte – ich bin der letzte Stammhalter meines Geschlechtes.

Wer aus Walladmors Haus ist echt,
Schätzt nichts höher, als strenges Recht,

so heißt unser Wahlspruch, der über dem Thore steht – ich werde ihn aufrecht erhalten. – Es ist die Lösung aller der Räthsel gekommen, aber eine furchtbare; was noch im Dunkel liegt, mag darin bleiben. – Fürchten Sie nicht, daß ich werde schwach sein – ich will ihn nicht mehr sehn, denn Sehen könnte den Willen beugen. – Entschuldigen Sie mich heut beim Abendessen.

Während der Squire in ein nahe gelegenes Zimmer wankte, und sich hier ohne Zeugen den Ausbrüchen seiner Verzweiflung überließ, die den greisen Körper zu vernichten schien, ereignete sich etwas im Schlosse, woran Niemand gedacht hatte, welches aber der Lage der Dinge eine ganz andere Wendung geben konnte. Sir Davenant ahnete die Verwandtschaft des Verbrecher Nichols mit dem Squire; seine Abneigung, dem Wunderbaren Glauben beizumessen, und die oben angeführten Gründe, vom Verstande eingegeben, hielten ihn aber zurück, etwas zur weitern Ausmittelung zu thun; Bertram, von ihm mit den Umständen des Verhörs unterrichtet, glaubte aus denselben Gründen, aus welchen Sir Davenant die Möglichkeit eines solchen Zusammenhanges bestritt, an die Wirklichkeit desselben; er konnte aber nichts thun, und Sir Morgan war davon, daß Nichols sein verlorener Sohn sei, völlig überzeugt; ein krankhaftes Streben, gerecht zu sein, unterdrückte aber das mächtig auflodernde Vatergefühl.

Ein Mann im Schlosse war dagegen weder überzeugt, noch glaubte oder ahnete er eine solche Verwandtschaft; dennoch aber hatte er den festen Entschluß gefaßt, Nichols zu retten. Es war der stumpfsinnige Toms. Als treuer Diener des Squire bekannt, brauchte es nur seiner Versicherung, von diesem abgeschickt zu sein, um überall Zutritt zu finden. Eingehüllt in einen, statt Ueberrock dienenden, Kittel, und mit einer tief herabgehenden Nachtmütze auf dem Kopfe, schritt er mit einem Flaschenkorbe auf die vor dem Kerkerthurme belegene Wachtstube zu. Auf sein Klopfen öffnete ein Dragoner mit derbem Fluche die Thüre:

Welche Nachtratze incommodirt uns noch in der Nacht? – Es soll morgen so früh raus, eh die Sonne aufgegangen ist, und nun wird man noch gestört in der kurzen Nacht.

Ich bin's nur. Der Squire schickt mich. –

Dich, das ist mir ganz gleichgültig – ob eine Nachtmütze mehr oder weniger kommt. Aber was trägst Du da?

Für den Gefangenen –

Was, kalte Küche, Wein! Soll der Hallunke, dafür, daß er gestohlen, gebrannt und gemordet hat, traktirt werden?

Nein – dafür wird er gehangen, aber weil er gehangen wird, wird er traktirt.

Ist das recht, daß bei ehrlichen Leuten der Krug vorbei und zum Schurken geht, Mac Kilmary?

Es geschieht oft so in der Welt, Herr Dragoner, aber man muß untertauchen in der Zeit der Noth, um wieder auftauchen zu können, wenn's andere Zeit ist – sagte der auf dem Boden liegende Irländer.

Es ist Sitte hier im Schloß – meinte Toms – daß, ehe Einer hängt, er noch einen letzten Trank kriegt, und darum muß ich es ihm hintragen – laßt mich doch durch, ich bin schläfrig.

Hund, wir sind's auch – und durstig dazu – wir müssen's mit ansehn, wie er hängt und trinkt und kriegen nichts von ab – holla, Bursch, hier ist ein Zoll. Du mußt Prozente geben, sonst confisciren wir Deine Waare. –

O Herr Jesus – der Squire – der arme Mensch – nehmt doch nicht das – das Beste – die drei hier sind die besten Flaschen, gerade für ihn bestimmt. –

Hund, wir sollen wohl schlechtes trinken und dem Maleficanten das Gute lassen? Wir müssen Muth trinken, um's morgen mit anzusehn und für ein ganzes Leben. Er aber braucht nichts, als ein Bischen sich die Kehle zusammenziehn zu lassen, und dann ists aus.

Der Dragoner und sein Kamerad bemächtigten sich der Flaschen, und während sie die drei als gut von Toms bezeichneten, zu leeren anfingen, nahm Mac Kilmary auch eine der beiden noch übrig gebliebenen weg, da er vermuthlich überzeugt war, daß seine Freunde von dem ihrigen für ihn nichts übrig lassen würden. Toms schlug, wie ganz entsetzt, die Arme über einander, und fing an, leise zu weinen, bis die vier Flaschen fast bis auf den Rest geleert waren. Die Dragoner wurden freundlich, klopften dem Burschen auf den Rücken, und versicherten, einen so starken feurigen Wein sobald nicht getrunken zu haben. Toms nahm darauf, noch immer weinend, den Korb mit der letzten, schloß das äußere Thor auf, und wollte auf dem Felspfade nach dem Kerkerthurme gehn, indem er den Dragoner ihn zu begleiten anrief, um die Gefängnißthüre aufzuschließen.

Narr! laß uns schlafen und ausruhn – morgen vor drei Uhr solls schon im Stillen abgehn, wie der Alderman neuerdings bestellt hat – da, schließ Dir selbst auf.

Toms nahm den Schlüssel und ging, nachdem er die Thür der Wachtstube angelehnt hatte, über den schmalen Steg nach dem Thurme. Er schloß mit Leichtigkeit die Thüre auf, und fand den Gefangenen auf dem Strohlager hingestreckt, jedoch, wie es schien, nicht schlafend, sondern nur in tiefem Nachdenken vor sich hinstarrend.

Wer da? – Wer stört mich – es ist ja noch nicht Zeit – rief er aus, und sah den Eintretenden, so gut es das schwache Mondlicht erlaubte, an.

Doch, doch, Niklas – es ist Zeit, bald Mitternacht –

Bist Du es, Toms? – Du willst mich wohl noch einmal sehen, eh es an die Schlachtbank geht. Das hättest Du besser morgen haben können – Du wirst doch mitgehen? –

Toms hielt sich die Hand vor die Augen, und wenn er vor wenigen Augenblicken in Gesellschaft der Dragoner förmlich weinte, so schien dies nur Verstellung gewesen zu sein, indem er jetzt die eine Thräne, welche ihm entschlüpfte, so sorgsam zu verbergen suchte

Ehrlicher Bursche, Du weinst doch um mich. Aber sei morgen ein Mann, wenn wir hinaus spatzieren. – Was ist es denn schlimmes? – Ein Druck, der nicht so weh thut, als der Schlag, welchen Dir der rothnasige Gränzjäger bei Pumfries auf den Ellenbogen gab. Ein Zug, und es ist vorbei, Leid und Freud, und von der letztern war so nichts mehr vorräthig. – Dein Bruder hing ja auch. – Hast Du Bestellungen an ihn? Der alte Jac in M*** sagte ja immer, alle die gehangen werden, kommen nach dem Tode an einen Ort, eben so gut, als die, welche im Meer ertrinken.

Für den Bruder Gregory sorgt schon die Mutter.

Grüße sie von mir. Im Leben hat sie mir zwar manches Ueble angethan, das will ich ihr aber nicht gedenken. – Toms, sage mir noch etwas. Was macht Deine Lady?

Sie sitzt in ihrer Stube, und ist immer traurig.

Traurig? – Ob sie krank ist – läßt sie mir denn nichts, kein Sterbens Wort sagen – giebt sie mir kein Zeichen? – Sie weiß wohl nichts davon, daß ich morgen sterben werde?

Sie sagen, sie wüßte nichts davon, und sie wollten ihr auch nichts davon sagen, weil sie sich fürchteten, sie möchte sich zu sehr erschrecken. Als Almy ertrunken war, hat sie sich nicht so sehr erschrocken.

Er tödtet sie, der Schreck, oder nicht – dann gehts bald vorüber, und keine Seele denkt mehr an den, dessen Gebeine modern. Das Lebendige will sein Recht haben. – Sie haben recht, es war ja auch immer mein Spruch. –

Die arme Lady Ginievra! seufzte Toms.

Arm? – Weshalb? – Was sie einmal verschenkt hat, weiß sie wieder zurückzunehmen, und wer das versteht, bleibt nicht arm. Höre, Toms, ich habe noch einen Ring behalten. Willst Du den, wenn ich nicht mehr athmen kann, der Lady bringen? – Sage Ihr dann – nun, was weinst Du – Du meinst, sie wird ihn nicht nehmen?

Ach, sie hat ja nicht um die Almy so geweint. –

Als Du es wünschtest, Bursch? Nun, sie wird jetzt wohl andern Trost haben, nicht? – den Bertram?

Ja, sie hängt sich ihm sehr an. Letzt, als die Almy ertrank, ist sie ihr nicht nachgesprungen.

Um mit ihr zu ertrinken, etwa? Toms, mein guter Toms, Du verlangst zu viel. Als ich sie zuerst an Bertrams Arm, wie ein munteres Kind umherspringen sah, glaube mir, das fuhr mir noch tiefer in die Brust, als wie Du Deine Almy ertrinken sahest; aber das ist auch vorüber, die Furcht vor dem Tode, seine Nähe hat mich anders gestimmt, es zückt mir nicht mehr fieberhaft durch die Glieder, wenn ich mir sie denke –

Also Ihr habt doch Furcht vor dem Tode?

Furcht! – Schurke – wer sagt das? – Toms, ehrlicher Toms – Du hörst mich ja nur, und Niemand weiter. Die weibische Menschlichkeit hat mich auch überschlichen in den einsamen Nächten in diesen rohen Mauern. Sag es keiner Seele wieder, daß Niklas, der tausend Mal aus Lust dem Tode ins Angesicht sah und ihn neckte, jetzt sich fürchtet.

Ja, ich dachte es gleich, daß es so kommen würde, als Ihr voll Wuth letzt Abends ans Thor klopftet und so stürmisch eintratet, daß das nicht immer so anhalten könnte.

Du hieltest es für ein Fieber, das mich schüttelte, es mag auch wohl bei jedem Menschen ein Fieber sein, oder ein Trunk übers Maaß, wenn er an die Thüre des Todes anpocht und sich ungebärdig hat, wenn sie ihm nicht vor der Zeit aufgeschlossen wird. – Ich hab Dir mein größtes Geheimniß vertraut – ich möchte leben bleiben, ja noch mehr – mich schüttelt zuweilen die Todesfurcht. Aber wo Du nur eine Sylbe verräthst, so erscheine ich Dir nach dem Tode als Gespenst und zwicke Dich, und lasse Dir keine Ruhe. – Nur morgen, morgen nicht soll die Furcht kommen. – Ich wünschte wahrhaftig, es wäre vorüber. – Wann werden sie mich abholen?

Sie wollen sehr früh kommen, Niklas, und in aller Stille.

Dann laß mich in Ruhe bis dahin. – Nicht? – Was stehst Du und drehest und wendest die Hand um? – Du bringst da eine Flasche Wein für mich, ich soll mir Muth trinken – das ist nun etwas, was ich auch nicht will; es wäre feige, und würde mir schlechten Ruhm bringen, wenn die Doktoren in Magen und Eingeweiden die Ursach von Niklas Todesverachtung fänden. – Aber was willst Du, sprich? – Ich habe wahrhaftig nicht so viel Zeit übrig, Dich auszufragen.

Niklas, ich meine nur so, Ihr könnt doch unmöglich morgen schon sterben?

Warum nicht, Toms? Siehst Du die Möglichkeit ein, daß es nicht geschieht?

Ich kanns mir nicht denken, und mags mir nicht denken. Ihr habt Euch wohl hundert Mal um den Galgen herum geschlagen, und ich verschwors oft gegen unsere Cameraden hoch und theuer, daß Ihr nie dran kommen könntet; und Ihr habt mich auch mehr als einmal aus den Händen der Zollratzen losgemacht; und ich war Euch immer treu, und will das auch bleiben bis – bis – und habe mir vorgenommen, Ihr sollt nicht hängen.

Und wie willst Du den Vorsatz ausführen?

Nun, Ihr mögt, wenn es Euch gefällt, aus dem Thurm herausgehn. –

Und vom Felsen ins Wasser hinunter springen. Nicht? – Dazu habe ich keine Lust – es wäre Selbstmord, und der Gedanke daran hat mir nie gefallen. Wenn es denn einmal sterben gilt, ist es besser, beim Klang der Glocken, und unter den Augen von Tausenden abzufahren, als so unter der Hand, wie das neugeborne Kind einer Jungfer. – Oder hast Du Flügel, damit ich hinunter fliegen kann über das Meer? –

Das nicht, Niklas. Aber ich habe meinen Kittel und die alte Mütze auf dem Kopfe und den Korb. Das sollt Ihr alles anziehn und damit könnt Ihr ruhig durch die Wache durchgehen – die Kerle sind schläfrig und betrunken, und sehen nicht so genau hin. Ihr seid ja auch beinah so groß als ich – und dann –

Nun, und dann, Toms?

Das Schloßthor ist zwar verschlossen und auch die kleine Pforte; aber Ihr könnt ja auch gut klettern, und ich habe bei dem kleinen Thurm, der aus der Seemauer hinausspringt, ein Seil an die Fensterluke gebunden, und damit könnt Ihr Euch gut hinunter lassen. Meine Mutter, die alte Gillie, klettert auch ohne Strick da herauf, und ich habe die Almy, als sie nicht mehr gehen konnte, an einer Stelle herauf getragen, wo's nicht ebener ging.

Gut, Toms, aber unten, was soll ich unten, am einsamen Meeresstrande?

Nun, da seid Ihr frei, und könnt hingehn, wo Ihr wollt. Es steht auch noch immer der Kahn da, mit dem Ihr nach Jacsons Schiffe fahren könnt, und nach Amerika segeln.

Nach Amerika? Das konnte ich alles weit bequemer, ehe ich mich ergab.

Aber damals waret Ihr im Fieber, und jetzt seid Ihr wieder vernünftig.

Wenn auch. – Nein, Toms, fliehen will ich nicht. So weit hat mich die Todesfurcht noch nicht durchschüttelt, daß ich feige Reißaus nehmen sollte, wo ich freiwillig mich ergab. Hätte ich nur sechs wackere Burschen noch, ich nähme Dein Erbieten an, ich kehrte wieder, und löste mein Wort.

Ach Niklas, Ihr habt es Ihnen ja gleich im voraus gesagt, daß sie Euch sollten festmachen, weil Ihr nachher nicht mehr für Euch einständet; und man hat ja oft davon gehört, daß Einer, den ein toller Hund gebissen, als er noch vernünftig gewesen, sich selbst hat schließen lassen, weil er voraus wußte, daß er nachher schlagen und beißen würde.

Also die Lust zur Freiheit, meinst Du, gleicht der Tollsucht? Sie überfällt uns wider unsern Wunsch und Willen. Wahrhaftig, Du hast recht gesprochen, Bursch. Es übermannt mich die Lust, und ich möchte meine Ketten zerreißen. Es ist eine schöne Sache um die Freiheit.

Lieber Herr, und es sind nur noch wenig Stunden, dann ist's aus, denn wenn Euch der Reiter aufgeschnallt hat, könnt Ihr nicht mehr an's Loskommen denken; und oben vom Strick ist auch noch keiner wieder lebendig herunter gefallen, außer es müßte denn sein, daß Jac Ketch nicht fest genug geschnürt hätte – aber unser [Jac], der versteht es.

Toms! – rief Niklas, sprang auf, und schüttelte die Ketten – ich möchte frei sein. Wackerer Bursch, gieb Mittel an die Hand, und mache geschwind. Mir ist etwas eingefallen.

Toms war im Momente aus dem phlegmatischen in einen der rührigsten Burschen umgewandelt. Mütze und Kittel lagen auf dem Boden, und er feilte mit der äußersten Anstrengung an den Ketten, welche die Arme des Gefangenen fesselten. Mit Hülfe eines Fläschchens Scheidewasser konnte man sehr bald die Ringe zerbrechen. Niklas stand frei, streckte die Arme vor Lust empor, und war dann, unter Beihülfe seines getreuen Anhängers, eben so schnell beschäftigt, sich als Toms zu kleiden.

So, und nun den Korb, Niklas, – die Mütze tiefer ins Gesicht, und so müßt Ihr gehn, und recht schläfrig aussehn, dann merkts Euch Niemand an, daß Ihr nicht Toms seid.

Niklas nahm den Korb auf, und wollte eben die Thurmstufen hinauf springen, als er wie von einer – physischen oder geistigen – Erscheinung erschreckt, zurückfuhr, und sich zu seinem Befreier umdrehte.

Aber Toms, Du, was wird aus Dir?

Ich? Nun ich ziehe mir Eure Kleider, die Ihr ausgezogen habt, an, und rücke mir Eure Mütze tief in's Gesicht, und sehe nicht auf, dann erkennt mich Niemand.

Du sagst, die Kerle in der Wache sind betrunken; komm mit mir, wir gehen Beide durch.

Nein, Niklas, das geht nicht. Sie sind nur ein Bischen angetrunken, und ein Bischen Vernunft bleibt doch immer im Menschen, daß er zwei nicht für Einen ansieht.

Aber beim Himmel, Toms, wenn sie Dich entdecken?

Sie sollen mich nicht entdecken, das laßt mich nur machen, und Jac Ketch kennt weder Euch noch mich.

Wahnsinniger Bursch, was bezweckst Du?

Laßt doch das gehen, Niklas. Ihr werdet mich ja doch nicht verrathen, und ich mache mir nichts daraus –

Woraus, Toms?

Nu aus dem Hängen. Ihr sagtet ja auch, es wäre nichts weiter als ein Druck, der nicht so weh thäte als ein Schlag auf den Ellenbogen.

Toms, Du willst für mich sterben! Wär's nicht um Deiner treuen Gesinnung willen, ich möchte dich schlagen wegen des thörigen Gedankens. Können wir Beide uns nicht retten, so bleibe ich hier.

Um Himmels willen nein, nein, Niklas! Ihr seid ja noch munter und frisch, und Ihr weint auch nicht um Almy. Ihr könnt ja immer wieder lustig werden, aber ich kanns im Leben nicht mehr, denn Almy wird nie wieder lebendig. Sie ist in der Kirche begraben, nicht weit von Pumfries, und in der Nähe steht der Galgen.

Toms, wecke nicht in mir den Gedanken auf – die Rachsucht schlummerte nur in den kalten Kerkermauern; sie könnte wieder erwachen. – Toms, sei kein Thor. Du bist ein junges Blut, und der Schmerz verwindet sich. Gieb Dich zu gehöriger Zeit zu erkennen, sie werden Dich etwas strafen, aber das hältst Du aus – sonst, bei Gott, bleibe ich.

Niklas, ach Niklas, ich will ja sterben; ich weiß nicht, was ich nun auf der Welt machen soll, seit Almy todt ist. Es war mir so, ich hätte mögen aus Vergnügen in dem Augenblicke, wo sie alle kalt vorübergingen, als die Almy auch kalt und starr im Hofe lag, ich hätte mögen das ganze Schloß anzünden, damit sie auch was zum Weinen gehabt hätten, da sie über Almy's Tod nicht weinten. Ich habe es aber nicht gethan, und dachte, es sei besser, wenn ich mich selbst aufhängte. Aber noch besser ist's, wenn sie mich nun statt Eurer hängen; da können sie nachher auch weinen, und ein bischen bestürzt sein, daß sie einen Unrechten todt gemacht haben.

Du bist in Deiner Tollheit ein abgefeimter, rachsüchtiger Mensch.

Niklas, es wird spät, da habt Ihr die Schlüssel. Schließet das Thor zu, und die Wachtstube auch, und geht sacht heraus. Hier ist ein Messer für den Nothfall.

Wann wollten sie mich abholen?

Wie's anfangs hieß, um fünf oder sechs Uhr. – Was seht Ihr Euch noch um?

Wo das Licht brennt, Toms, es ist doch das Schiff des schurkischen Jacson?

Freilich ist er's. Er wartet noch immer auf Euch.

Toms! Ich nehme Dein Anerbieten an. Mög's Dir, wenn ich es nicht mehr kann, ein Anderer vergelten, der sich um gute Thaten kümmert.

Gott sei gedankt, Niklas, daß Ihr zur Vernunft gekommen seid! Aber nun macht schnell, schnell.

Niklas drückte Toms an seine Brust, und der letztere glaubte eine auf seine Wangen herabfallende Thräne zu fühlen. Niklas hatte nie geweint, seine Gemüthsbewegung mußte sehr groß sein. Lebewohl! rief er ihm zu, ergriff den Korb, verließ den Thurm und schloß hinter seinem freiwilligen Gefangenen die Thüre zu. Dann schritt er über den Felsenpfad, und trat auf die ihm von Toms vorgezeigte Weise in die Wachtstube. Er klinkte verdrossen die Thüre zu und schlenderte langsam durch das Gemach, indem er ein schläfriges »Gute Nacht!« den Soldaten wünschte. Mit drohender Stimme rief ihm aber der eine zu:

Halt, Spitzbube – wie er zusammenschrickt – du verschlafenes böses Gewissen. – Umgekehrt, und die Thür zugeschlossen!

Niklas nahm sich zusammen, gähnte ein »Ach ja so« heraus, kehrte zurück, und indem er zweimal den Schlüssel langsam umdrehte, recognoscirte er verstohlener Weise das Zimmer. Die Dragoner lagen halb schlummernd auf einer Pritsche; dagegen saß der rothharige Irländer neben dem Kaminfeuer auf dem Boden und schien, indem er das Gesicht in beiden Händen stützte, entweder zu schlafen oder tief nachzusinnen.

Hier ist keine Gefahr! dachte Niklas bei sich, und ging wieder langsam bei den Dahingestreckten vorüber nach der Burgthüre. »Gute Nacht!« sagte er noch einmal, und einer der Dragoner brüllte im Halbschlaf, als er die Thüre mit dem darin steckenden Schlüssel öffnete:

Verwünschter Hundsfott! Dreh Du und der – an den verrosteten Schlössern, daß eine ehrliche Seele nicht schlafen kann. Es wäre gut, wenn sie dich morgen mithingen.

Mac Kilmary! rief der andere, ohne sich zu regen. Schließ hinter ihm zu, und gieb ihm einen Tritt mit dem Fuß, weil der Hund uns gestört hat.

Mac Kilmary war, wie ein gejagtes Reh, auf den Füßen, und ehe noch der Gefangene aus der offenen Thür herausgetreten war, stand er ihm zur Seite, und flüsterte ihm ins Ohr:

Ihr seid Niklas.

Es galt kein Besinnen. Niklas hatte auch nie viel davon gehalten. Schon hatte er das Messer gefaßt, um es dem Irländer, ohne einen Laut zu sagen, in die Seite zu stoßen, als dieser, ein solches Vorhaben ahnend, ihm in die Hand fiel und mit dringendem Tone zuflüsterte:

Bei Leibe nicht, Niklas. – Ich verrathe Euch nicht, ich will mit Euch fliehen – die Hunde und den Staatsdienst geb ich auf –

So komm mit mir – flüsterte Nichols ihm zu, und zog ihn mit sich aus dem Gemach. Sie schlugen die Thüre hinter sich zu. Hier packte der stärkere Schleichhändler den Irländer bei der Kehle und schrie mit gedämpfter Stimme ihm ins Ohr:

Ist es Dein Ernst, so folge mir. – Sonst bei der Jungfrau Maria und Deinem Heiligen Patrik, steche ich Dich nieder, ehe Du es Dich versiehst.

Mein heiliger Ernst bei allen Heiligen – antwortete der Irländer, und Nichols ließ ihn zwar los, führte ihn aber noch immer an der Hand, bis sie durch verschiedene, Nichols wohl bekannte Schattenwege auf die Stelle des Walles kamen, wo das Seil befestigt war.

Klettere zuerst hinab, und erwarte mich unten! gebot er mit einer Feldherrnstimme dem Begleiter, und dieser ließ sich mit der Geschicklichkeit eines Eichhorns hinab. Niklas verfolgte ihn mit den Augen, so weit er konnte, und machte, als er aus dem Schlaffwerden des Seiles vermuthen konnte, daß jener unten sei, sich selbst auf den Weg. Glücklich gelangte er auf den Kiessand des Ufers, wo Mac Kilmary seiner wartete. Beide gingen geflügelten Schrittes eine Strecke weiter, bis sie in einer von kleinen Felsblöcken gebildeten Schlucht einen Kahn stehen fanden.

Er ist leer, sagte Niklas, aber die Ruder sind drinnen, und wir haben kräftige Arme. Mac Kilmary! wo Dir Deine Seligkeit, oben im Himmel oder hier auf Erden, lieb ist, rudre bis Du Blut schwitzest, denn diese Nacht muß noch viel, viel geschehen. – Es hängt an einem Haar, bei Gott. Es wird jetzt Mitternacht sein. Eh die Sonne aufgeht, wird Blut geflossen sein, oder ich zerschelle meinen Kopf an diesen Felswänden. – Setz Dich nieder, Rothhaar – glaube mir, ich kann Dich königlich belohnen, aber ich kann Dich auch, wenn es nicht gelingt, mit meiner Faust erwürgen.

Beide setzten sich auf die Ruderbänke und steuerten dem bei ungewissem Mondscheine in der Ferne schwimmenden Schiffe zu. Ihre Anstrengungen wurden belohnt, denn nach einer Fahrt von wenig mehr als einer Stunde langten sie am Schiffe an, und kletterten an der Strickleiter, welche ihnen auf ein gegebenes Losungswort hinabgeworfen wurde, hinauf.

Die Schiffsmannschaft trat nach gerade halb bekleidet, den Ankömmlingen entgegen. Man hielt große Laternen ihnen ins Gesicht, und plötzlich tönte aus Aller Munde:

Niklas! Niklas! Niklas ist frei!

Auch der Kapitain wankte heran:

Bist Du noch einmal losgekommen, Niklas? der Strick war Dir schon ziemlich nahe am Halse, mort de ma vie. Es freut mich, hols der vierfach verwetterte – wahrhaftig.

Er drückte ihm die Hand, welches Niklas nur sehr lau erwiderte.

Mich dünkt, wenn Euch das gefreut hätte, würdet ihr früher was dafür gethan haben.

Was denn, was denn? – Sollte ich etwa eine Ladung Kanonenkugeln aufs Schloß hinaufschicken?

Ich habe nicht Zeit – und wahrhaftig auch nicht den Willen dazu, Euch Eure Feigheit vorzuwerfen.

Mort de ma vie, Bursch, wenn ich jünger wäre –

Leugnet es, wenn Ihr Lust dazu habt, mir ist es gleich; aber ich sah Euch, wie Ihr hinter dem Narren von Radicalen mit Augen, groß und glotzend wie ein Kalb, meinem Verhör gemächlich zusahet, und als es galt, Zeugniß für mich abzulegen, Euch hinausdrücktet.

Denkst Du, Kapitain Le Harnois sollte sich Deinetwegen vor solch ein Englisch Shariwari-Gericht stellen? Viel prätendirt.

Vergelte es mir Gott, wenn ich darüber mit Euch hadern wollte; aber es gilt Eil in einer andere Sache, höchste Eil, und ich beschwöre Euch, reizt mich nicht durch eine abschlägliche Antwort, denn ich bin auf dem Punkte toll zu werden.

Sprich, sprich, wir sind alle vernünftig.

Ich saß gefangen. Morgen in aller Frühe sollte es zum Richtplatz gehen. Ich war verloren, wenn nicht der treuste, der letzte, meiner Freunde sich in mein Gefängniß geschlichen, mir seine Kleidung aufgedrungen und mich so fast durch Gewalt gezwungen hätte, zu entfliehen. Jetzt sitzt er; in wenigen Stunden wird er abgeführt; er ist ein Thor und will sich nicht zu erkennen geben – er stirbt aus Eigensinn für mich – wenn ich nicht eilig ihn mit Gewalt errette. Alle meine Leute sind getödtet, oder tödtlich verwundet – ich habe Niemand, wenn Ihr mir nicht mit Euren Leuten beisteht. Es gilt nur einen Gewaltstreich, sie ahnen im Schlosse nichts, wir müssen es ersteigen, der Gefangene ist gerettet und die reichste Beute unser. Was sagt Ihr?

Jacson lachte laut auf.

Ich sage, daß der Bursch ein Narr war.

Und Ihr?

Ich wäre ein Narr dazu, gäbe ich Dir zu dem Fieberstreiche meine Leute. Sei klug und froh, daß Du mit heiler Haut davon kamst. Meine Geschäfte sind bald beendet, und wir segeln nach Amerika zurück. Meine Leute kriegst Du nicht.

Jacson! Mein Blut siedet. Bitten konnte ich selten, heute am wenigsten. Jacson! antwortet mir noch einmal, es gilt Himmel und Hölle.

Es gilt ein Narr sein, oder ein vernünftiger Mann.

Jacson, der Verzweifelte hat Tigerkräfte. Willst Du oder nicht? Die Mittel sind mir gleichgültig. Ich brauche nur die Gesetze, die das Parlament gegeben, anzurufen. – Ich weiß woraus Deine schändliche Ladung besteht. Willst Du oder nicht, bei Gott, ich mache Deine Gefangenen los, daß sie auf Dich losstürzen sollen. Es gilt Alles, ich wage Alles –

Probier es! sagte der Kapitain kaltblütig.

Nichols hatte aber bereits, trotz seiner Leidenschaft, Vorbereitungen zu dem getroffen, was er beabsichtigte. Während er Mac Kilmary mit den Augen winkte, einen in der Nähe liegenden Säbel zu ergreifen, ein Wink, welchen der schlaue Irländer sogleich verstand, fuhr er selbst auf den Kapitän los, zog dessen Säbel aus der Scheide und schleuderte ihn, bei der Kehle den beleibten Mann fassend, so unsanft zu Boden, daß er lange Zeit nicht ans Aufstehen denken konnte. Dann stürzte er mit dem Rufe: »Mir nach, Mac Kilmary! – durch die betroffen stehenden Bootsleute nach dem untern Schiffsraum. Ehe wir aber erfahren, was sich hier zutrug, müssen wir nach Schloß Walladmor zurück.

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