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Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.

      Auf freien Meeres dunkelblauem Spiegel
Schenkt frei die Seele dem Gedanken Flügel:
Weit, wie der Wind, weit, wie die Welle schäumt,
Ist heimathlich das Feld uns eingeräumt.
Byron. Der Corsar.

Unser drittes Kapitel beginnet mit einem dritten Tage. Eine Regelmäßigkeit, welche von manchem Kritiker als ein Verstoß gegen die Regeln einer schönen Komposition angesehn werden dürfte; aber der Autor bittet, mit dem Tadel zu warten, da, nach dem Sprüchwort, eben so wenig schon aller Tage Abend, als der des dritten, bereits gekommen ist!

Der Morgen dieses Tages war, wie ich pflichtmäßig versichern kann, obgleich ich mich nicht selbst mit bei der Spazierfahrt nach Anglesea befand, der heiterste im ganzen Sommer.. Das Meer lag ruhig, ein Spiegel des dunkelblauen Himmelsgewölbes, ausgebreitet, auch kein Wölkchen schattirte den Horizont. Es war einer jener seltenen Tage, wo die Luftfärbung den duftig sanften Farbenschmelz athmete, welcher, sonst unserm nördlichen Nebelclima fremd, den Italiänischen Gegenden angehört, und von Claude Lorrains Pinsel eine bestimmte Type in der Kunst erhalten hat.

Wer von meinen geneigten Lesern in Chester gewesen ist, wird die neu von Master Whiteacre gebauten Seegelkähne kennen, welche unter dem Namen der Chesnuts Chesnuts heißen Kastanien. Vielleicht der Name von der Aehnlichkeit der Form. – A. d. Ü. einen Ruf erhalten haben, und jetzt schon bis nach Cornwallis herunter und hinauf nach Galloway überall an der Küste zu sehen sind. Wer nicht dahin gekommen ist, und weder im Manchesterschen public intelligencer, noch im Bristoler friday horseman Vermuthlich zwei Zeitungen oder Journale, welche in den beiden Städten erscheinen. – A. d. Ü. ihr Lob und ihre Beschreibung gelesen hat, für den will ich hier, – so weit ein Novellist das Recht hat, einen so erfindungsreichen Künstler als Herrn Whiteacre zu loben – mit kurzen Worten sagen, daß die Chesnuts breit und leicht gebaute Gondeln mit Segelmasten sind, um Lustpartieen auf dem ruhigen Meere zu unternehmen. Von dem leichtesten Holze und mit flachem Kiele erbaut, schneiden sie fast gar nicht die Wellen; sondern schwimmen auf denselben, gleich Schlitten, welche über eine Eisfläche fahren. Ihre Vorzüge sind ein sehr wohlgefälliges Aeußere und noch mehr die große Schnelligkeit, mit welche sie sich fortbewegen, wenn auch nur der leichteste Wind auf der Meeresfläche haucht. Ihre Nachtheile, daß sie nicht gut mehr als zehn Menschen fassen, und nur bei ruhigem Wetter zu gebrauchen sind. Mit lobenswerthem Eifer bemüht sich übrigens Herr Whiteacre, ihre Einrichtung immer mehr zu vervollkommnen, und es war keine geringe Aufmunterung für ihn, als Se. Majestät der König bei der bekannten Reise nach Irland, zum Baumeister die Worte äußerten: »Fahren Sie so fort, Herr Whiteacre, man kann es weit bringen in der Schifffahrt.«

Auf zwei solcher Gondeln fuhr die Gesellschaft aus Walladmor-Castle am frühen Morgen nach Anglesea ab. Die Familie mit einem Theile der Bekannten befand sich auf der einen Gondel, auf der andern folgten mehrere Musikanten, und der kleinere Theil der Gesellschaft hatte hieher sich zurückziehn müssen. Was aber für alle sehr angenehm erschien, war, daß Malburne schon am vorigen Abende, angeblich, weil ihn Geschäfte abriefen, sich beurlaubt hatte, und heute an der Lustbarkeit nicht Theil nahm. Dennoch herrschte keine ganz reine Lust unter den Versammelten, wie sehr sich auch der Squire bemühte, diese herbeizuführen. Bertram, der am äußersten Ende des Schiffes saß, lehnte sich oft weit über den Rand und sah sein auf dem Meeresspiegel hinfliegendes Gesicht. Dann blickte er auf und betrachtete die schroffen Felsufer, auf deren Spitzen die Thürme und Mauern des alten Schlosses sich majestätisch erhoben. Es war seit jenem Tage, wo er in der französischen Corvette vorübersegelte, das erste Mal, daß er sie wieder vom Meere aus erblickte. Er dachte an alles, was ihm begegnet war, zurück; das Leben schien ihm ein Traum, alles so flüchtig, wie sein Bild auf dem Wasser. Er mochte noch manchen inneren Kampf zu kämpfen haben, denn das Gesicht unter ihm wurde immer düsterer. Er wollte lächeln, aber das Gesicht unten verzog keine Miene. Sinnend beugte er sich tiefer über Bord – als er neben sich einen Schrei hörte; es flatterte etwas weißes in das Wasser, und als er sich aufrichtete, stand in einiger Entfernung von ihm Ginievra, fast so bleich, als sie gestern bei der Erscheinung gewesen.

Gottlob – sagte sie nach einer Weile, und suchte die Angst zu verbergen, welche sich ihrer bemeistert hatte – ich glaubte – Sie hatten sich so weit über Bord gelegt – Sie stürzten – Sie wissen ja, ich habe schwache Nerven, und meine Phantasie ist leicht gereizt. –

Mylady – Vergebung meiner Unbesonnenheit – ich glaubte Sie ganz vertieft im Zeichnen – ich will nicht hoffen – und doch, dort sehe ich Ihre Zeichnung ein Spiel der Wellen. –

Sie sank mir aus den Händen – es liegt auch nichts daran. – Schon in dem ersten Umrisse hatte ich mich verzeichnet – meine Hand zitterte, und überdies ist es auch kein günstiger Ort, wenn man von einem fortsegelnden Schiffe aus die immer kleiner werdende Küste abzeichnen will.

Mich dünkt, dies mahnt uns, Mylady, nicht schnell genug an die Trennung von allem Befreundeten zu denken. Nichts auf der Welt dauert aus, es wächst, oder es verfällt. So auch die Freundschaft. Wenn wir im seligsten Genusse sind, ist es vielleicht der Wendepunkt; grade dann sollten wir daran denken, daß wir den Freund verlieren können und sein Angedenken festhalten, eh' es, wie die Küste dem Schiffer, verschwindet.

Ginievra schwieg und seufzte. Bertram fragte weiter:

Aber werden Mylady nicht noch einmal anfangen?

Sehn Sie sich um, Herr Bertram, Sie predigten und vergaßen den Text: die Küste ist schon so weit verschwunden, daß eine Zeichnung von hier aus keinen Eindruck machen würde. – Ich will wieder anfangen, wenn wir uns Anglesea nähern, dessen Küsten einen imposanten Eindruck machen.

Recht so, einen imposanten – sagte der Squire – denn als die Römer unter Suetonius Paulinus, welcher der tapferste aller Feldherren war, so die Römer nach Brittannien schickten, und sie haben tapfere Leute hingeschickt, und, wie wir ohne Ruhm vermelden können, ihre tapfersten, als den Ostorius, welcher doch endlich in den Sümpfen von Merioneth umkam, woraus man sehn kann, wie alt die Sümpfe in Wales sind. Aber, um auf Suetonius Paulinus zurückzukommen, so schiffte er mit einer auserlesenen Legion nach Anglesea, so damals Mona hieß, und kam, weil die Priester in den heiligen Wäldern viel Römische Gefangene geschlachtet und Sonne und Mond beschworen hatten, daß sie eine Finsterniß eintreten ließen, obgleich es heller Tag war, doch bei dunkler Nacht an die hohe Küste der Insel. Und oben an dem Rande standen alle Männer nackend und mit nackenden Schwertern und Speeren, und neben ihnen die Weiber mit fliegenden Haaren und die Fackeln in der Hand, und die Priester hatten sich die Häute der geschlachteten Gefangenen um den Leib gehangen und schleuderten Feuerbrände, so daß, wer nicht selbst des Teufels war, gegen solche Bezauberung nichts hätte thun können. Und die Römer erstaunten alle, und es wollte keiner landen. Aber Suetonius Paulinus ließ sich dadurch nicht schrecken, sondern ließ drei Cohorten, von denen er wußte, daß sie sich schon in den Sandwüsten Afrikas, als sie verdursten sollten, dem Teufel verschrieben hatten, zuerst stürmen; und so geschah es denn, daß die Römer mit dem Degen in der Faust die alte Insel Anglesea zuerst betraten. Aber sie mußten Schritt um Schritt mit Blut bezahlen, wie das der Römische Geschichtsschreiber Tacitus übergeht, wogegen er aber wohl beschreibt, wie die ruchlosen Cohorten die heiligen Eichenwälder umgehauen haben und die ganze Insel in Brand gesteckt. Aber das ward eine Fackel, die zum Himmel loderte und die Vergeltung heischte. Denn als noch die Stämme der Eichen glimmten, und die Wurzeln tief in der Erde brannten, kamen Boten über Boten aus Brittannien und riefen um Hülfe, denn ganz Brittannien, wie aller Welt bekannt ist, war gegen die Römer aufgestanden, achtzig tausend Römer waren gefallen, und die Königin Boadicea, mit welcher wir durch die Merediths von Cunan nahe verwandt sind, stand an der Spitze von hunderttausend Britten; und so kam es denn, daß schon einmal das Schicksal ganz Brittanniens von dem der kleinen Insel Anglesea abgehangen hat.

Einige der Gäste, welche nicht auf Brittische Abstammung Anspruch machen konnten, rühmten aus Gefälligkeit die Tapferkeit der alten Eingeborenen, und Sir Morgan fand wieder Gelegenheit, das Wort zu nehmen.

Sehn Sie, es wird viel gefabelt von dem Ursprunge jedes Volkes, und die unwissenden Mönche des Mittelalters wußten zur Ehre ihrer Nation nicht genug zu lügen – davon aber sind die Brittischen, d. h. die Walischen Chronikanten frei. – Ich liebe, als Wälscher von altem reinem Geschlechte, auch die reine Wahrheit, und will nicht alle die Fabeln nacherzählen, welche man wohl erdichtet hat, und will auch nicht anfangen von so frühen mystischen Zeiten, wo man von der Geschichte noch gar nichts weiß; ich erzähle nur, was man gründlich belegen kann, und ob der Name Brittannien von dem Gälischen Worte Brith, welches das Färbekraut Waid bedeutet, herstamme, indem sich damit meine alten Vorfahren im Zustande ihrer Nacktheit gefärbt haben, will ich nicht behaupten, da es ans Fabelhafte gränzte; und eben so wenig stimme ich denen bei, welche sagen, daß Brutus, ein Sohn des Sylvius, welcher wieder ein Sohn des Aeneas war, als er damals, nachdem er seinen Vetter, welchen er auf der Jagd für ein Schwein hielt, erschossen, aus Italien fliehen mußte und mit einem Haufen Trojaner in Albion landete, daß dieser Brutus die alten Könige Gog und Magog, so mit ihrem Riesengeschlechte in diesen Landen herrschten, überwunden und das Riesengeschlecht ausgerottet habe, und daß die Britten von diesem Brutus herstammten. Denn, obwohl dies historische Zeiten sind, so läßt sich doch nicht annehmen, daß die alten riesenhaften Einwohner, von denen wir noch den Teufelswall bei Pumfries sehen, von einem Haufen Trojaner sollten erlegt sein, anders als durch Zauberkünste, was sich aber wieder nicht annehmen läßt, indem die Trojaner bekanntlich in der schwarzen Kunst sehr zurück waren, und nicht einmal den Inhalt des großen Pferdes errathen konnten. Ich bin vielmehr der Meinung, und denke auch darüber noch einen Traktat zu schreiben, daß Brutus sich friedlich mit dem Könige Gog vertragen und dessen jüngste Tochter in ihrer frühen Jugend geehelicht hat, welchem Beispiele die andern Trojaner folgten, woraus denn das Cumbrische Geschlecht entstanden ist, welches zwar nicht so groß wie die Riesen, aber doch viel größer als gewöhnliche Menschen war. Was aber den König Magog anbetrifft, so ist es sehr möglich, daß er, aufgebracht über diese Verbindung, den Gog und Brutus mit Krieg überzogen hat, und er mit seinem ganzen Heere umgekommen ist, was indessen –

Hier wurde der Redner unterbrochen. »Land! Land!« ertönte es von beiden Schiffen, die Musikanten auf der zweiten Gondel spielten, und man erblickte, als sich die Schiffe plötzlich um einen Vorbug wendeten, die schöne Insel Anglesea weit ausgebreitet vor sich liegen. Von Finsternissen und Schrecken war nichts, selbst von den imposanten Ufern nur wenig zu sehn. Auf reiche Fluren, üppige Saatfelder in mannigfachen Schattirungen und zerstreute Waldgruppen schien die Frühlingssonne, welche indessen, da kein Wölkchen am Himmel stand und fast kein Windeshauch sich am Vormittage rührte, sehr brennend war. Man war zu gespannt auf das Landen, als daß noch ein Gespräch hatte aufkommen, oder der Squire weiter gehört werden sollen. Innerhalb einer halben Stunde standen die Gondeln still. Die Bootsleute sprangen ins Wasser und trugen die Männer auf ihrem Rücken ans Land. Ginievra aber mußte sich auf einen eigends dazu eingerichteten Stuhl setzen, auf welchem sie, wie eine Meeresgöttin von den Tritonen, durch vier Schiffer ans Land getragen wurde.

Die brennenden Sonnenstrahlen nöthigten bald die Gesellschaft, sich tiefer in's Land in einen schattigen Buchenwald zurückzuziehen. Die Diener und Schiffer brachten allmählig den ganzen mitgenommenen Vorrath an Lebensmitteln und andern Bequemlichkeiten hierher. Das frischeste Grün bedeckte wie ein Sammtteppich den Boden, während die grünen Buchen sich zu den schönsten Laubenwölbungen über ihnen formten. Alles war Lust und Freude, und willig wurde der Vorschlag des Squire angenommen, für mehrere Tage, wenn die Witterung günstig bliebe, hier eine ländliche Kolonie zu bilden. Während zu diesem Zwecke drei Zelte aufgeschlagen und zum Mittag eine lange schmale Tafel gedeckt wurde, zerstreute sich die Gesellschaft. Einige gingen ans Ufer und sammelten Muscheln, andere lagerten sich im schattigen Grün, und noch andere streiften tiefer in den Wald hinein. Zu den letztern gehörte Ginievra, welche mit ihrer Zofe, die in reichem Maße in den duftigen Gründen wachsenden Erdbeeren sammelnd, waldeinwärts ging. Bertram glaubte indessen in ihren Blicken eine Aufforderung, ihr zu folgen, gelesen zu haben, und er zauderte nicht zu gehorchen. Er pflückte, so lange sie im Gesichtskreise der Gesellschaft blieben, emsig die Früchte der Erde, ohne sich mehr zu erlauben, als die in der Hand gesammelten Beeren von Zeit zu Zeit in das Körbchen seiner schönen Führerin zu schütten; sobald aber alle drei durch eine Höhe geschützt wurden, ließen Bertram und Ginievra, wie auf gegenseitige Verabredung, von ihrer Beschäftigung ab, beider Augen waren in demselben Augenblicke bedeutungsvoll auf einander gerichtet, und Ginievra sprach:

Es wird ein Gewitter kommen, die Luft ist schwül. –

Hier in diesen abgeschiedenen tiefen Gründen ist es angenehm kühl.

Herr Bertram, meine Lage ist furchtbar. – Noch nie empfand ich ein so beängstigendes Gefühl, ich möchte an Ahnungen glauben – es liegt mir zentnerschwer auf dem Herzen, und wenn ich lächle, um in die allgemeine Lust einzustimmen, ist mir's, als beginge ich eine Sünde. – Fast hätte ich gestern nach der Rückkehr, jede Scheu überwindend, zu Ihnen hinaufstürzen und Sie um Rath fragen mögen. –

Mylady, ich müßte lügen, sagte ich, die unerwartete Erscheinung hätte mich nicht betroffen gemacht – ich wähnte ihn weit hinaus in fernen Zonen jenseits der Linie, und –

Ginievra fiel ihm ins Wort:

Ganz hingegeben der heitern Lust, welche der Frühlingshauch und der Anblick der Natur einflößten, scheuchten wir jeden Trübsinn lächelnd weg. – Da stand er vor uns, riesengroß auf dem alten Leichensteine, gleich der Erinnerung aus einer vergangenen furchtbaren Zeit. Seine Gestalt glühte im Abendrothe, und eine Höllenfreude schien aus seinem Gesichte zu lachen – nie wird mir der Anblick verschwinden. – Aber, es ist nicht Zeit, die schrecklichen Bilder noch einmal wieder vorzuführen. Sehnsüchtig habe ich nach dem Augenblicke verlangt, Sie allein zu sprechen.

Alle meine Kräfte, mein Leben steht zu Ihrem Dienste.

Nur Ihren Rath. – Ich fürchte, ich glaube, ich bin es gewiß, daß Nichols Plane brütet, – nein er will sie ausführen, – und was wäre für Nichols unausführbar? –

Mylady, weshalb hätte er den Winter über gezögert? – Er würde gesprochen haben auf dem Snowdon, als wir ihm begegneten, er schwieg aber, vielleicht selbst betroffen, es mag ein bloßer Zufall gewesen sein. –

Bertram! halten Sie mich nicht für so thöricht, das zu glauben, was Sie kaum wagen als Ihre Meinung auszusprechen. –

Mylady! – Bertram erröthete und verstummte.

Ein Zufall meinen Sie? – Er schwieg, ja er schwieg, aber in seinem Schweigen lagen tausend Drohungen, deren jede einzeln mich vernichten könnte. – Er sah uns – er schwieg – er sah mich zittern – er schwieg – er sah wie Sie mich, die ich der Ohnmacht nahe war, auffingen, ihm drohend entgegen traten – und schwieg; und er lachte uns nach, als wir flohen. Bertram, um Gottes Willen, bedarf es mehr, um Alles zu fürchten?

Auch Bertram schwieg, und Beide gingen eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen, in dem Waldgrunde weiter.

Auf jeden Fall – sagte endlich der junge Mann – brauchen Sie, Mylady, wegen der heutigen Partie nach Anglesea nicht besorgt zu sein. Der gefaßte Entschluß wurde so spät bekannt gemacht und so bald ausgeführt, daß es nicht glaublich wird, James Nichols sollte davon Kenntniß haben, um uns hier zu beunruhigen.

Ginievra lächelte wehmüthig.

Ihr Trost ist leichter Art. – Die ganze Nacht und heut auf dem Wasser habe ich mit mir gekämpft, ob ich dem Oheim meine thörigte Neigung mittheile, um ihren traurigen Folgen zuvorzukommen? Aber wenn ich wieder bedenke, daß ich ihm nur eine tiefe Kränkung und doch vielleicht keine Hülfe bereite – zaudere ich.

Ginievra – Mylady, giebt es nicht noch ein Mittel? – Sie sagen, Nichols ist großmüthig, ich habe es selbst erfahren; hohen Sinnes – ich will in Toms dringen, mich zu ihm zu führen, ich will alle Künste der Ueberredung anwenden, ich will ihm alles bieten als Ihr Unterhändler. –

Unglücklicher! Sie kennen ihn noch nicht – ihm bieten – was denn? – ihn überreden – womit? – Wie er hohen Sinnes ist, eben so übt auch die Rachsucht ihre Macht über ihn aus. – Vor meinen Augen erschoß er den treusten Lieblingshund, weil er einmal anschlug, als er verborgen sein wollte. Der die Versammlung der Edelsten unseres Landes ermorden wollte, der keine Rücksichten mehr kennet, wenn seine Leidenschaft den Gipfel ihrer Höhe erreicht hat – und so weit ist Nichols – er schwieg – er schwieg, – Bertram, wagen Sie sich um Gottes Willen nicht in seine Nähe.

Sie blickte, als wolle sie Athem schöpfen, nach einer mit großer Leidenschaftlichkeit ausgestoßenen Rede, in die Höhe, und rief:

Dort schlüpft etwas durchs Gebüsch – schon ist es verschwunden – mich dünkt es war die Gestalt meines Oheims.

Bertram blickte auf, sah aber nichts; er betrat eine wallartige Anhöhe, und wider Erwarten lag in geringer Entfernung das offene Meer zu seinen Füßen. Die Gegend kam ihm bekannt vor. Auf dem erhöheten Kreideboden des Ufers war eine üppige Vegetation von allen Dornstraucharten, und hie und da schoß ein wilder Birnbaum in die Höhe, so daß es Mühe für einen Fußgänger kostete, sich hindurchzuarbeiten. Auf Bertrams Erkundigung meinte seine Begleiterin, es werde dies eine hervorragende Spitze der Desel sein, die gewöhnlich den Namen des Kreidevorbugs führe, und welche, der Sage nach, zum Stapelplatz der Irländischen, Wälschen, und namentlich der Schleichhändler diene, die auf der Insel Man ihre Hauptniederlage haben. Almy, welche in respectvoller Entfernung den beiden Spatziergängern nachgeschlichen war, trat jetzt in den Vorgrund und warnte, sich nicht weiter zu wagen, indem irgend eine versteckte Macht der Bösewichter sie nicht für harmlose Spaziergänger ansehn, und auf irgend eine Art ihre Sicherheit gefährden könne. Ginievra, begierig, ihren Oheim zu treffen, wollte nichts davon hören, und auch in Bertram siegte die Neugier über die Besorgniß, indem er sich wohl erinnerte, daß hier die Hütte müsse verborgen sein, in welcher er nach dem Seesturm zuerst die Besinnung wieder gewonnen und so wunderbare Gesichter gesehn hatte. Beide, von der zitternden Zofe begleitet, bahnten sich daher durch das dichte Gestrüpp einen Weg, nicht ohne daß fast bei jedem Schritte Ginievras oder ihres Mädchens Kleid von den Dornen festgehalten und nur mit Mühe und Zeitverlust wieder losgemacht werden konnte. Endlich geriethen sie in eine kleine Felsenspalte. Diese wand sich, so daß man ihr Ende nicht sehen konnte, aber plötzlich war sie, grade wo man vermuthen durfte, den Ausgang nach dem Meere zu finden, mit Dornen, Moos, Reisig, Seegras von unten bis oben verstopft, und von oben herab wucherten Epheu, Nesseln, Stechpalmen, und einige Birnbäume neigten von beiden Seiten der Felsenspalte ihre Kronen so dicht verschlungen an einander, daß der untere Theil der Felsenspalte ganz verdunkelt wurde.

Hier muß die Hütte der unglücklichen Gillie sein! rief Bertram leise, zu seiner Gefährtin gekehrt, aus.

Der Wahnsinnigen? fragte Ginievra in gleichem Tone; ehe aber Bertram noch antworten konnte, hörten beide vernehmbar hinter der Verstopfung einen Gesang, der indessen mehr an ein Brummen, als an die melodische Recitation eines Liedes erinnerte. Er suchte näher zu treten und riß behutsam – wie sehr auch Almy beim Versuche zitterte – einiges Gesträuch herunter. Eine von weiß getrocknetem Seegras geflochtene Wand ward jetzt sichtbar, und bald fanden sich auch zwei so große Ritzen, daß Bertram und Ginievra, ohne in die Gefahr zu kommen, entdeckt zu werden, den größten Theil des innern Raumes der Hütte übersehn konnten. Kein Lichtstrahl drang von oben oder den Seiten erleuchtend hinein, aber auf dem Heerde brannte ein Feuer, dessen zuweilen hell auflodernde Flammen die Wohnung der Alten in der ganzen furchtbaren Einsamkeit erblicken ließen, wie sie Bertram im vorigen Winter beim Erwachen aus der Betäubung gesehn hatte. Die Alte saß beim Spinnrocken in der Nähe des Feuers, und sah nur zuweilen auf den über den Flammen hängenden Kessel, indem sie ein Wälisches Lied brummte, welches, nach der Melodie zu schließen, äußerst trüben Inhalts sein mußte. Ihr gegenüber saß auf dem Schemel, wie ein lebender Mensch, das Gerippe, und man konnte sich keine trostlosere Gesellschaft denken, als die Wahnsinnige auf der einen, den Todten auf der andern Seite. Zuweilen, wenn sie im Liede inne hielt, nickte sie ihm zu, wenn sie aber kein beantwortendes Zeichen bemerkte, ließ sie den Kopf sinken, und arbeitete dann emsiger als zuvor an der Spindel. Ginievra wollte jedoch bemerken, daß diese Eile mehr zerstörend als fördernd für die Arbeit sei.

Nach geraumer Zeit sprang sie auf, nahm den Kessel mit einer bewundernswürdigen Stärke vom Feuer ab, und setzte ihn mitten in der Stube auf den Boden. Mit einer großem Kelle rührte sie alsdann darin um, daß ein Ranch, dessen Gestank die Nerven angriff, aufstieg und sich durch die Hütte verbreitete. Sie lief und sprang nunmehr um den Kessel, indem sie ein Lied, dessen allein verständliche Refrain

Hoch ist der Galgen und tief ist die See,
Einer liegt unten und Einer in der Höh,

lautete, absang, und verrichtete alle die Gebärden, welche der Volksaberglaube und der Wahnsinn eines erhitzten Gehirns bei einer Geisterbeschwörung nur eingeben können. Von dem auch durch die Ritzen der Wand dringenden Qualm wurde Ginievra so angegriffen, daß sie, aller Anstrengung ungeachtet, das plötzliche Hervorbrechen des Hustens nicht unterdrücken konnte. Statt aber, wie sie fürchtete, hierdurch verrathen zu werden, griff die Alte diese zufällige Erscheinung, als eine durch ihre Vorbereitungen herbeigeführte auf.

Meckerst du schon? – rief sie, ohne sich in ihrem Kreislauf um den Kessel stören zu lassen. – Meckerst du schon nach deinem Braten, du Herr, da unten? Warte nur eine Weile noch. Die Gans schlachtet man nicht vor Martini, aber Martini kommt bald – bald – bald. – Gregory! Gregory! mein Sohn, steh auf, wach auf, ein wenig nur – diese und die folgenden Worte sprach sie mit sehr leiser Stimme – ein wenig werden sie dir ja wohl erlauben, die Augen aufzuschlagen, wenn du so lange geschlafen hast – du sollst nur sehn, wie der Himmel blutroth wird, und der Strick wieder blutroth, den sie dir um den Hals gebunden hatten – ach Gregory, wenn du doch hörtest, es wird so viel Spaß geben, und so viel zu lachen, und die Leute, die sich sehr klug dünkten, die werden am meisten betrogen sein. – Ach Gregory, du hörst ja nicht. –

Nachdem sie eine Weile schweigend umhergegangen war, lachte sie laut auf und rief mit einer kreischenden Stimme:

Morgan Walladmor! Morgan Walladmor! höre mich, höre mich, komme und höre mich – wenn du schläfst, ist's schlimm, und wenn du wachest, ists schlimm, – Morgan Walladmor! wache jetzt auf zur Stunde und sei ein Mann. –

In dem Augenblicke hörten die Lauscher auf der andern Seite der Hütte ein Geräusch, die Thüre klinkte, und Sir Morgan trat in die Hütte. Die Alte schrak zusammen, wie der Zauberlehrling, der die Geister ruft, aber noch so wenig seiner Kraft vertraut, daß er nicht an ihre Erscheinung glaubt. Bald aber faßte sie sich wieder und redete den Squire in dem Tone einer Gebieterin an:

Kommst Du, Morgan Walladmor?

Ich komme, Gillie Godber, um Dir eine Frage vorzulegen, die nur eine so weise Frau gut beantworten kann.

Und der vornehme Herr und der gestrenge Friedensrichter kommt zu einer so armen Frau, um Rath zu holen, die doch nur einen einzigen Sohn noch für den Galgen hergeben kann. – Gott grüß Dich, Morgan Walladmor, willst Du den Toms auch hängen lassen? – Immer zu, ich brauche einen Boten, an den Gregory zu schicken, dem habe ich wichtige Dinge zu sagen. Du glaubst nicht, Morgan Walladmor, was für wichtige Geschäfte eine alte Frau hat, deren Sohn am Galgen hing. –

Der feste Squire schauderte, indessen nahm er sich zusammen, und der Ton seiner Stimme verrieth keine Besorgniß:

Gillie Godber! ich komme Dich zu fragen, wo Du mein Kind Edwin hingetragen hast?

Edwin? – Ach seid Ihrs, lieber Herr, Sir Morgan Friedensrichter? Wenn ich den Respect vergaß, so bitte ich um Vergebung – ich bin Euch vielen Dank schuldig, Ihr hattet ja die Gefälligkeit, Euch meines verirrten Sohnes anzunehmen, das wird Euch der gute Gregory noch im Himmel danken. O er ist eine dankbare Seele, und seine Mutter ists auch. Setzt Euch, guter, lieber Sir, da auf den Stuhl in der Ecke – setzt Euch doch – warum setzt Ihr Euch nicht? – Ach da sitzt der grobe Mensch, der Gregory noch drauf, fort Mensch, auf, auf – der gestrenge Friedensrichter will da sitzen. – Ihr müßt nicht ungeduldig sein, er hört nicht gut, er sieht auch nicht recht, und mit dem Gefühl gehts auch nicht mehr sonderlich, alles seit dem Tage, wo Euer Herrlichkeit ihn hängen ließ. Lieber Gott, was doch für kleine Umstände den Menschen im Leben verdrießen können. Glauben Sie's wohl, Sir Morgan? Gregory hat seit dem Tage kein Wort mit mir gesprochen.

Gillie Godber! Was ich an Dir gethan habe, hast Du reichlich an mir vergolten, denn so lange Du Deinen Sohn nicht gesprochen hast, habe ich auch meinen Sohn nicht gesprochen, habe seine Stimme nicht gehört, habe ihn nicht gesehen.

Du wirst ihn noch sehen – fuhr die Alte plötzlich heraus, und in ihrem Gesichte strahlte ein Feuer, welches an die Wuth der Griechischen Furien und die verstockte Bosheit der Hexen, wie sie unser nordischer Volksaberglaube ausmahlt, erinnerte.

Er lebt noch, Gillie Godber? – Beim Andenken an Deinen Sohn, sprich, sprich, ich will es Dir mit Golde aufwiegen – mein Sohn lebt – die Sterne lügen nicht – aber wo? sprich. –

Du wirst ihn bald sehn. –

Wohin soll ich meine Tritte richten, um ihn aufzusuchen?

Suchen, Du brauchst ihn nicht zu suchen, gestrenger Friedensrichter! Er wird zu Dir kommen, o er kommt gewiß und schlägt an's Thor. –

Weib, darin sehe ich, daß Du eine Prophetin bist, denn so heißts im Liede:

Wer hebt den Klopfer, wer schlägt an's Thor?
Ihn kann nur heben ein Walladmor.

Kannst Du, alter Mann mit den blutrothen und blutweißen Haaren noch den schweren Klopfer heben? – Wie die Leute doch alle schwach werden! Aber wenn Du den Riegel noch fest vor Dein Thor schieben könntest, würde es besser für Dich sein. – Sieh, das kommt alles vom Alter her, Du brauchtest Dein Schloß nicht brennen zu sehn, Deine Perlen würden Dir nicht geraubt werden, und Du könntest, wie der Drache auf seinem Golde liegen, wenn Du noch so stark wärst, den Riegel vorzuschieben. Du armer alter Mann – sie haben wohl Deinen Sohn gehangen, sonst könnte der es thun – oder werden sie ihn erst hängen? –

Weib, Weib! kannst Du denn nie vergessen –

Bei dem Worte fuhr die Wahnsinnige in die Höhe, als träte plötzlich ein Bild ihr lebendig vor die Seele, und sie sprach sehr schnell:

Vergessen! Ja, ich habe vergessen, vergessen – Morgan Walladmor, was führte Dich hierher in die Wildniß Angleseas? – Morgan Walladmor, dein Schloß brennt, – sie stürmen dein Schloß – sie rauben Dir Perlen und Gold und was Dir am liebsten ist auf Erden – ich habe es vergessen Dir zu sagen – kehre um, Unglückseliger – kehre um, denn du magst zu spät kommen – und siehst nichts als die leeren Mauern. –

Weib! sprich – ist es Wahnsinn, den Du redest – was ist es? – Wer stürmt mein Schloß, in das nie ein Feind eingedrungen ist?

Niklas, Niklas – kennst Du ihn – der blutige Niklas.

Niklas ist, wie ich sichere Kunde habe, aus Europa fortgesegelt.

Aber er ist wiedergekommen, und stürmt, so wahr die Sonne am Himmel leuchtet, heut Nacht Dein uralt Meeresschloß. Es sind furchtbare Leute in seiner Bande. Eile, eile, Morgan Walladmor, oder Du findest die leeren Mauern, den Aschenhaufen. Eile, du gerechter Mörder, und richte und henke; die alte Gillie Godber wird jauchzen.

Durch die Nacht des Wahnsinns strahlte das Licht der Wahrheit hindurch. Während die Alte mit immer lauterer Stimme rief: Eile! eile! ergriff sie auch den Squire. Ohne weiter zu sprechen, machte er der Alten ein Abschiedszeichen, riß die Thüre auf, und man hörte ihn draußen mit eben solcher Schnelligkeit und Ungestüm über die den Eingang verbergenden Verzäunungen hinwegsetzen, als er sich zuvor behutsam und ohne Geräusch mußte bis zum Eingang hindurch geschlichen haben. Die Alte starrte eine Weile unverwandten Blickes nach dem Ausgange, und brach dann in ein so furchtbares Gelächter aus, daß es ihre letzten Kräfte zu verzehren schien, denn sie sank zuletzt auf den Sessel zurück, und es dauerte einige Zeit, ehe sie zu ihren vorigen Beschäftigungen zurückkehrte.

Wenn auch weniger stark hinsichts der äußern Wirkungen, so hatte diese Scene die Zuhörerin draußen doch nicht minder angegriffen. Ohne ein Wort zu äußern, deutete Ginievra, nachdem sie sich wieder ermannt hatte, ihrem Begleiter an, daß sie fliehen, und eilig fliehen müsse. Er bot ihr seinen Arm, und schweigend eilten beide aus der Felsenspalte auf die Höhe hinaus. Hier mußte die zarte Lady einen Augenblick inne halten, um Athem zu schöpfen und neue Kräfte zu sammeln. Auf Bertram gestützt, blickte sie hinaus auf das Meer. Der Anblick desselben gewährte aber keine Erfrischung, denn die Luft war sehr schwül geworden und am fernen Horizont zogen einzelne schwarze Wölkchen herauf, welche im Wasser sich wieder abspiegelten. Die Wanderer traten, da ihnen kein näherer Weg bekannt war, in die Waldschlucht, durch welche sie hergekommen waren, hinunter, und eilten in deren Schattenwölbungen dem Versammlungsorte zu. Ehe sie noch die Mitte erreicht hatten, tönten ihnen schon aus der Ferne die rufenden Stimmen: »Ginievra!« – »Lady Ginievra!« – »Herr Bertram!« entgegen; und als der lichter werdende Wald die Aussicht aufs Meer erlaubte, sahen sie die Tafel und die Zelte abgebrochen, die Segel der beiden Barken aufgespannt, und Alt und Jung, Herren und Diener waren beschäftigt, die ausgenommenen Utensilien ins Schiff zurückzutragen.

Der Squire eilte ihnen entgegen, drückte seine Nichte an die Brust, und erzählte mit wenigen Worten, daß bei längerer Abwesenheit von dem heimathlichen Schlosse ihnen Gefahr drohe, und sie daher noch heute bei günstigem Winde Walladmor-Castle erreichen müßten. Ginievra und ihr Begleiter spielten nicht die Rolle der Unwissenden. Sie halfen, eilten, bestiegen das von den Schiffern eben losgemachte Boot, und in wenigen Minuten stießen beide Gondeln vom Ufer ab, ohne daß diesmal, wie bei der Ausfahrt, die Spielleute einen lustigen Tusch geblasen hätten.

Es hatte sich ein günstiger Wind eingefunden, der die Seegel voll anschwellte und die Gondeln bald ins hohe Meer trieb. So sehr dieser Umstand auch die Gesellschaft erfreute, schien er doch auf den Gesichtern der Schiffer nur Besorgniß zu erzeugen. Einer oder der andere stand auf, um mit eigenen Sinnen das wahrzunehmen, was er aus allen äußern Anzeichen schließen konnte. In der That trug auch der Wind die Natur desjenigen an sich, welcher nach einer großen Gewitterschwüle dem Ausbruche des Unwetters vorangeht. Indessen blieben die schwarzen Wolken noch immer klein und weit entfernt, die Sonne strahlte an dem großen blauen Horizonte, und der Wind kühlte angenehm die drückende Hitze, so daß die schnelle Wasserfahrt zu den angenehmsten würde gehört haben, wenn nicht andere Besorgnisse den größten Theil der Gesellschaft befangen hätten. Es waltete eine unangenehme Stille in dem herrschaftlichen Kahne ob, kein Gespräch wollte aufkommen; und der Squire forderte endlich Ginievren auf, um die Gäste zu zerstreuen, ein Lied zur Harfe zu singen, welche man, um die ländliche Lust auf der Insel vollständig zu machen, mitgenommen hatte. Die junge Dame, welche, wie in Starrsinn versunken, vor sich hingeblickt hatte, ergriff die ihr dargebotene Harfe, ohne ein Wort zu sagen, stimmte sie, und begann folgendes Lied, welches vielleicht nur als Nachklang der Gedanken, welchen sie sich überlassen hatte, gelten mochte, obgleich es eine alte im Volke bekannte Ballade aus den Distrikten des Snowdon war. Der Squire behauptete, sie stamme aus sehr alten Zeiten, ihre gegenwärtige Form mochte sie aber erst neuerdings erhalten haben, und vielleicht hatte Lady Ginievra selbst einigen Antheil an den zarteren Umbildungen eines Originals, welches selbst Percy, weil es ihm zu rauh dünkte, in seine Relics of ancient poetry nicht aufgenommen hat, wiewohl es sich schon in dem Manuscript-Folio-Bande befindet, aus welchem der gelehrte und gefühlvolle Antiquar die meisten alten Gesänge, oder wenigstens deren Lesarten, entnommen hat. Es wäre überhaupt zu wünschen, daß dieser Schatz alter Lieder wörtlich abgedruckt würde, da selbst Percy, trotz seiner Vorliebe für die antike Einfalt, einzelne unverzeihliche Abänderungen sich erlaubt hat. – A. d. Ü.

Lustig ist es im grünen Mai,
      Weil die Erde sich kleidet neu;
Lustig ist's dann in Walladmors Haus,
      Weil die bösen Geister weichen hinaus.

Vieles ist durch Zauber gebannt
      ^Im uralt Wälischen Christenland,
Aber es giebt kein Zauberthor
      Fester als in Schloß Walladmor.

Im Winter, Herbst und Sommers-Lauf
      Hebt jedermann frei den Klopfer auf;
Aber im Frühling will das Eisen
      Nur des Hauses Erben Dienst erweisen;

Nur die adlig, männlich, rein
      Aus Walladmors altem Stamme sein,
Können den schweren Klopfer frei
      Heben und klopfen im Monat Mai.

Das hat Walladmors Enkeln verliehn
      In der grauen Vorzeit einst Merlin;
Und der Zauber wird ewig währen,
      Bis am Eisen der Rost wird zehren.

Sir Urban war mit vielen Christen
      Hinausgezogen nach Südens Küsten.
Sechs Jahr war er aus Walladmor,
      Im siebenten sprengte er wieder vors Thor.

Der auszog, war stolz, mild und gut,
      Der wiederkehrte, von schwarzem Blut;
Der auszog, betete spät und früh,
      Der einzog, trat in die Kirche nie.

In Winter-, Herbst-, und Sommerszeiten
      Thät er oft durchs Schloßthor reiten,
Aber im Maimond, spät und früh,
      Ritt er durch Walladmors Pforte nie.

Im Maimond einst um Mitternacht,
      Als der Mond stand leuchtend in heller Pracht,
Hob draußen ein Pilger den Klopfer auf,
      Und ließ ihn dröhnend fallen darauf.

Er hob ihn noch einmal hoch empor,
      Und er fiel dröhnend an's Eisenthor;
Zum drittenmal schlug er ihn also stark,
      Daß es dröhnte bis zur Sächsischen Mark.

Wer hebt den Klopfer, wer schlägt an's Thor?
      Ihn kann nur heben ein Walladmor.
Die Burgleute öffneten jauchzend das Thor,
      Eintrat Sir Urban Walladmor.

Durchs offene Thor aus Walladmor-Haus
      Kroch ein stinkender Kobold hinaus;
Sir Urban schwang den Klopfer frei,
      Und rief, es lebe der Monat Mai!

Lustig ist es im grünen Mai,
      Weil die Erde sich kleidet neu,
Lustig ist's dann in Walladmors Haus,
      Weil die bösen Geister weichen hinaus.

Als der letzte Ton verklungen, ertönte kein Beifall, wie man es in Gesellschaften gewohnt ist, wenn eine Sängerin, aufgefordert, ein Lied zum Besten gegeben hat. Das Stillschweigen deutete aber diesmal kein Mißfallen, sondern eine Theilnahme an, welche so innig war, daß sie nicht in gewöhnlichen höflichen Worten sich Luft machen wollte. Die Gesellschaft war mehr oder minder mit dem Familienunglück des Squire vertraut; und wenn Alle vor kurzem durch ihn selbst von der drohenden Gefahr unterrichtet waren, und dazu die ernsten Züge der Sängerin anblickten, so erklärte es sich von selbst, wenn Alle schwiegen und die Köpfe senkten.

Es sollte eigentlich ein frohes Lied sein – sagte der Squire – und es wurde sonst in den Hallen meiner Burg von den Minstrels gesungen, wenn eine drohende Gefahr glücklich vorübergegangen war; aber heut zu Tage klingt es nur traurig, und erinnert an alles Verlorne – wenn es uns auch Hoffnung giebt für das Wiedergewinnen – setzte er leise hinzu.

Schon lange hatte man den Steuermann der Gondel am Steuer aufrecht stehen und unverwandt hinausblicken sehn, jetzt trat er an das Schiffszelt, und sagte:

Sir Morgan, man kann jetzt mit bloßem Auge die nächste Spitze von Wales entdecken. Segeln wir drauf los, so erreichen wir das Land noch bei guter Zeit.

Weshalb, Steuermann? – Wir haben von dort noch einen Weg von drei Meilen zu Lande bis zum Schloß, entweder den beschwerlichen, unten auf den Steinen, wo wir der Fluth ausgesetzt sind, oder oben am Rande des Felsens, wo Wald und Schlucht uns hindern. Wären wir auch insgesammt rüstige Fußgänger, könnten wir das Schloß doch nicht vor Mitternacht erreichen.

Der Steuermann schüttelte den Kopf, blickte hinaus und sagte dann:

Nun, mit Gottes Hülfe segeln wir noch unter den schwarzen Gewitterwolken fort und kommen bis zum Schloß, wenns finster wird; ich bin auch nie gewohnt, furchtsamer zu sein, als die Passagiere, die ich fahre, aber –

Aber? fragte der Squire.

Wenn die Wolken gießen und es blitzt, ist die Brandung an Walladmor-Castle furchtbar. Sie hat zu solcher Zeit den Felsen, auf welchem der Kerkerthurm steht, ausgehöhlt, und aus der schmalen in die Felsen gehauenen Treppe wird beim Gewitterregen oft ein Wasserfall.

Dann steigen wir durch die Schlucht in die Höhe, eine halbe Stunde jenseits des Schlosses.

Noch immer schien der Steuermann bedenklich, und hob dann noch einmal das Segeltuch an der einen Seite in die Höhe. Nachdem er sich eine Weile hinaus gelehnt hatte, zog er den Kopf wieder zurück und sprach, aber mit noch immer auf das Meer gerichteten Blicken:

Ja, ja, es ist gewiß ein Schiff – es mag schon lange zwischen Wales und Irland kreuzen, aber jetzt segelt's grade drauf los. –

Was soll das bedeuten? fragte der Squire.

Was es bedeutet, ich weiß es nicht, aber wenn wir grade auf das Schloß zusegeln, stoßen wir mit dem Schiffe zusammen.

Fürchtest Du Dich, alter Schiffer, auf dem weiten Meere nicht auslenken zu können?

Ich – behüte, – aber wenn das Schiff nur nicht auf uns los stößt.

Kannst du unterscheiden, was es für ein Schiff ist – es ist ja viel zu entfernt.

Das nun grade nicht, Sir Morgan – aber ich glaube es doch zu kennen. – Wenn ich nicht irre, ein Französisches Schiff.

Wir sind ja mit den Franzosen in Frieden. –

Mit den Franzosen – mit Frankreich, ja – aber mit allen Franzosen – ich weiß viel, woher ichs weiß – aber ich glaube das Schiff von Alters her zu kennen – und da möchte ich ihm nicht viel trauen – zumal wenn ich auf offnem Meere dem Capitain begegne.

Du bist ein grauer Sünder, Ralph Sainswood, und warst einmal, wie ich gut weiß, ein gefährlicher Mensch an der Küste, – aber jetzt hat Dich Niemand angeklagt, und ich bin hier auf der See nicht Friedensrichter, – jetzt frage ich Dich auf Dein Gewissen: Ists gefährlich, mit dem Schiffe auf einsamer See zusammen zu treffen?

Gestrenger Herr – sagte nach einigem Besinnen der Steuermann – ich möchte Niemand rathen, es aufs Gerathewohl ankommen zu lassen.

Der Squire schwieg einige Augenblicke nachdenkend und begann alsdann:

Meine Herren und werthen Gäste. Gefahren verschweigen, die Jedermann ahnet, ist gefährlicher, als sie offen mittheilen. Wir wissen alle, daß heut Nacht oder Abend von dem verwegensten Bösewichte, welcher je unsere Küste betrat, ein räuberischer Angriff auf mein Schloß, welches, unvertheidigt, so viele unserer Lieben und Angehörigen umschließt, unternommen werden soll. Segeln wir, bei günstigem Winde, ohne die Schrecken des Wetters zu achten, auf Walladmor-Castle los, so ist Hoffnung, daß wir mit vereinigter Kraft den Ueberfall abwenden. Es ist aber nicht zu leugnen, daß eine doppelte Gefahr auf dieser Seefahrt uns begegnet. Ein Unwetter zieht heran, und ein verdächtiges Schiff, vielleicht in Verbindung mit dem verwegenen Bösewicht, kreuzt auf dem Meere und unserm Wege. Demnach bin ich, meines Theils, der Meinung, zu wagen, da nur auf diesem Wege den Nachtheil abzuwenden möglich wird; in Momenten, wie dieser, pflegten aber meine Vorfahren mit ihren Verbündeten gemeinsamen Rath zu pflegen, und unterwarfen sich gern, wenn es den eigenen Vortheil galt, den gefaßten Beschlüssen.

Einstimmig trat man der Meinung des Friedensrichters bei, indem sich alle bereit erklärten, wenn das verdächtige Schiff sich Thätlichkeiten erlauben sollte, mit bewaffneter Hand zu widerstehen. Der Squire behauptete noch, daß vielleicht auf diese Weise dem Angriff auf das Schloß ganz vorgebeugt werden könne, wenn, wie sehr zu vermuthen stehe, dessen seltsame Bewegungen mit der gefährlichen Absicht des Verbrechers in Verbindung ständen. Im gemeinsamen Schiffsrathe ward nun noch der Vorschlag gemacht, auf der zweiten Gondel Lady Ginievra mit ihrer Zofe nach der genannten Landspitze einzuschiffen, damit, wenn ein Gefecht erfolgen sollte, sie wenigstens gesichert wäre. Der Squire war aber selbst dagegen, indem der Weg von der Landspitze aus bis nach dem Schlosse so beschwerlich sei, daß eine zarte Dame ihn unmöglich unternehmen könne. Ueberdies sei auch Gefahr, wenn sie den Weg dennoch antreten wollte, daß sie in den Uferschluchten der dort vielleicht versteckten Rotte in die Hände fallen möchte; eine gehörige Bedeckung aus der Gesellschaft ihr mitzugeben, würde aber theils wenig fruchten, theils nicht möglich sein, wenn man nicht beide Gondeln von den Armen, welche zur Zeit eines Sturms durchaus nöthig wären, entblößen wolle. Auch Ginievra selbst erklärte sich fest und entschlossen, das Schicksal ihres Oheims, der Freunde und Gäste zu theilen, und man hätte bemerken können, daß sie bei der Vorstellung des Squire, auf dem Uferwege könne ihr der Verbrecher begegnen, lebhaft zusammen schauderte.

Demnach wurde der Steuermann von dem festen Entschlusse unterrichtet. Der Wind blies immer stärker, und die bunt geschmückten Gondeln glitten mit großer Schnelligkeit über das weite Meer, welches jetzt keinem klaren Spiegel mehr glich, indem die Silberwellen immer höher und höher an den Rand der Schiffe schlugen.

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