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Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Erstes Kapitel.

Die Wälschen Barden glaubten, daß König Arthur nicht gestorben, sondern von den Feen nach irgend einem freundlichen Orte gebracht worden, wo er eine Zeit lang bleiben solle, um dann wieder zurückzukehren und mit einer so großen Macht, wie je, zu regieren.

Holingshed. B. V. C. 14.

Von einer am frühem Morgen unternommenen Jagdpartie kehrte Bertram sehr froh gestimmt, obwohl ohne Beute, nach dem Schlosse zurück. Der Mittag des warmen Frühlingstages näherte sich, und der Jäger empfand, daß er die weidmännische Wintertracht, welche in einem verbrämten grünen Rocke und einer hohen Pelzmütze bestand, über die Jahreszeit hinaus anbehalten habe. Er eilte deshalb aus dem Walde über das kahle Glacis der Burg auf dieselbe zu, welche, naturgetreuer als er selbst, überall zwischen ihren grauen Mauern grünende Holundersträuche, wilde Rosen und Weidenstämme hatte hervorschießen lassen. Dazu zeigten im Innern des Schloßraums und an einigen Seiten des Walles Kastanienbäume ihr dunkles üppiges Laub.

Das alte Schloß gewann dadurch einen unbeschreiblich romantischen Anblick; lieblicher war indessen für unsern Helden, als er durch die kleine Nebenpforte den Schloßhof betrat, der Anblick der schönen Ginievra, welche, aus einem Seitenfenster gelehnt, die Augen an dem großen, ruhig zu ihren Füßen liegenden Ocean zu weiden schien. Ein leichter Wind spielte in ihren Locken, und zwei zahme Singvögel flatterten ihr auf Kopf und Hals. Kaum aber gewahrte sie den hastig eintretenden Bertram, als sie einen lauten Schrei ausstieß und, wie es diesem schien ohnmächtig zurücksank.

Bertram, jetzt völlig im Schlosse bekannt, stürzte durch eine Wendeltreppe im Seitengebäude hinauf, und trat, da kein lebendes Wesen zugegen war, um ihn melden zu können, auch jeder Verzug hätte gefährlich sein können, in das Zimmer der Lady. Wirklich lag Ginievra auf dem Boden niedergesunken, nur ihr Haupt war auf einem Polsterstuhle ruhend geblieben. Die Vögel flatterten besorgt um ihre Gebieterin. Bertram stürzte auf die Ohnmächtige hinzu, hob sie in die Höhe, und legte sie auf ein Ruhebett. Ehe er jedoch bei sich beschlossen, was er zuerst vornehmen müsse, um sie wieder zu sich zu bringen, schlug sie die Augen auf. Ihr erster Blick fiel auf Bertram, dem die Bestürzung noch nicht erlaubt hatte, seine für das Frauengemach sich wenig ziemende Kleidung abzulegen, – kaum aber hatte ihn ihr Auge getroffen, als sie ihren Schrei wiederholte, das Gesicht in ein Küssen drückte, und mit der Hand den Jüngling zurückstieß, indem sie die Worte äusserte:

Zurück Verworfener!

Um Gottes willen, Mylady! Noch gestern beim Sonnenuntergang durfte ich mich Ihrer Gewogenheit rühmen. Habe ich in der Nacht ein Verbrechen begangen, so geschah es im Traume.

Ginievra blickte noch einmal in die Höhe, erst zögernd, dann dreister, endlich überflog wieder eine leichte Röthe ihre bleichen Wangen, und sie reichte ihm die Hand mit den Worten:

Verzeihn Sie, Herr Bertram. – Ich sah in Ihnen den furchtbaren Menschen, der mein Lebensglück untergrub. Gott sei Dank, Sie sind es, und nicht James Nichols.

Warum muß meine unglückselige Aehnlichkeit mit dem Verbrecher so oft hier störend werden?

Es war nicht das allein. Hören Sie, Herr Bertram. – Sie führte ihn an das noch immer offene Fenster. – Ich sah hinaus, um Aug und Sinn an der klaren Frühlingsluft, an dem blauen unermeßlichen Wasserspiegel zu stärken. Mich dünkte, als sähe ich aus dem Spiegel alle die Bilder wieder, welche freudig und trübend in meinem Leben mir erschienen waren. Namentlich sah ich den würdigen Oheim, wie die Falten seiner Stirne zu verschwinden, seine grauen Locken sich wieder zu bräunen schienen. Nie gesehene Gäste, Freude und Heiterkeit waren seit Ihrer Nähe in diese Burg gekommen. – Da erblickte ich am fernen Meere ein Segel. – Sehn Sie – dort – dort – jetzt scheint die Sonne drauf. –

Ich sehe – aber ist die Erscheinung eines Schiffes hier etwas aussergewöhnliches?

Leider nein – Sehn Sie, ist das nicht ein Schleichhändlerschiff? – Mags meine Ahnung, mag es Täuschung sein – in dieser Richtung, in dieser Gestalt erscheint wenigstens immer das Schiff, auf welchem Nichols kam und ging. Als meine Ahnung alle Schrecken, welche für mich seine Nähe mit sich führt, heraufgerufen hatte – hörte ich unten Fußtritte – aus der Pforte, wo er zum letzten male entfloh, trat er wieder in Jagdtasche und Pelzmütze, wie er so oft vor mir erschien – und das Entsetzen überwältigte mich. –

Mylady, es sind jetzt fünf Monate, seit er sich nicht sehen ließ – wer weiß, in welchen fernen Welttheil ihn das Schicksal verschlagen hat.

Herr Bertram, Sie kennen ihn nicht.

Mylady hat mich mit ihrem Vertrauen beehrt. Ich wage aus Ihrer Erzählung und dem, was ich selbst gesehn und aus seinem Munde erfahren, zu behaupten, daß ich ihn kenne.

Sie kennen ihn nicht, wenn Sie glauben, daß sein Wille dem Schicksal unterthan ist. Lächeln Sie über die Abergläubige. Ich sage, wenn James will, so hindert ihn weder der fremde Welttheil, noch das heidnische und das christliche Schicksal, in den Mauern von Walladmor-Castle zu stehen. Und leider weiß ich zu gewiß, daß er will. – Sie sind der Vertraute des Unglücks unseres ganzen Hauses geworden, so brauche ich auch nicht vor Ihnen zu verbergen, daß in jedem Momente, wo ich wie vor einer unsichtbaren Macht zusammenschaudere, es sein Geist ist, der auf mich zutritt und mit blutigen Händen mich angreift.

In der That habe ich mehrere Augenblicke eines solchen überspannten Nervenzustandes an Mylady bemerkt.

Wohl hat mein Oheim recht, wenn er an Geistererscheinungen glaubt, nur mit dem Unterschiede, daß die Geister der Lebenden weit furchtbarer auftreten, weit größere Macht besitzen, als die Schatten der Todten.

Ich muß dies zugeben, aber es ist dafür der freundliche Einfluß geliebter Wesen auch um so wohlthuender.

Wohl, wohl, Sir – aber wenn ein freundliches Wesen zu mir tritt, wir schweigend Blicke wechseln und die knospenden Gedanken uns mittheilen, dann tritt aus dem Hintergrunde das blutig finstere Wesen plötzlich vor, schleudert die liebliche Gestalt mit eherner Faust zurück, und steht höhnisch vor mir.

Es lacht der schönste Frühling in den Thälern, auf dem Meere; auf der nackten Felswand grünt der Brombeerstrauch, und selbst dies uralte Schloß zieht das Kleid des Frühlings an: weshalb wollen Sie, Mylady, allein dem milden Einfluß der Natur widerstehen? Verscheuchen Sie die trüben Gedanken, die Erinnerung an den Unglücklichen. –

Sie nennen ihn nur unglücklich. –

Ist nicht auch der Verbrecher unglücklich?

Ich habe Ihnen vertraut, Herr Bertram, daß die Liebe zwischen mir und James Nichols todt ist, aber es lebt noch ein Mitgefühl in mir für den unglücklichen Verderbten. Welche Kräfte gingen in ihm unter! welche Seelengröße leuchtet aus der Nacht seiner Sünden!

Ein verdorbenes Genie!

Von Ihnen, dem die Poesie auch eine Göttin ist, erwartete ich nicht dies Wort zu hören, womit denn leider unsere kaufmännische Alltagswelt, Geister, die hoch über ihre Gemeinheit erhaben sind, benennet.

Mylady, auch ich habe tief bewegt die große Natur in diesem ihrem ausgearteten Sohne bewundert. –

Ich habe, Herr Bertram, – unterbrach ihn Ginievra – diese Geistesanlagen, die ich anfeuerte, in Gedanken verfolgt; aus dem Edlen entwickelte sich das Schöne, und eine erhabene Gestaltung trat vor mich hin, die mich, wenn ich auf den Verdorbenen zurücksah, vor ihm entsetzt schaudern ließ, die jede Wurzel der Liebe gewaltsam aus meinem Herzen riß.

Trauen Sie meinem Gefühl; Nichols wird nicht wieder durch sein verhaßtes Auftreten Ihre Ruhe stören.

Ihr Gesicht, Herr Bertram, spricht nicht immer diese Ruhe aus, auch äußerten Sie gestern etwas von einer peinigenden Gegenwart. –

Die aber verschiedener Art ist, Mylady. Ein gewisses banges Gefühl ergreift mich, so oft ich den lästigen Besucher Ihres Schlosses, Herrn Malburne erblicke. Er erscheint wie ein Geist, und verschwindet wie ein Geist. Es ist mir, als wenn er ein böser Dämon wäre, der auf jede meiner Thaten lauert, um vor irgend einem geheimen Gerichtshof als mein Ankläger aufzutreten. Bald quält mich dann wieder die Angst, als sei er kein finsterer Dämon, sondern ein Geist der Wahrheit, der mich der Lüge und des Betrugs zeihte. In voriger Nacht ging ich im Traume am Meere spazieren. Plötzlich stand er hinter mir, und stieß mich mit den Worten: Hier muß ich spazieren, denn ich bin vollbürtig! vom Felsen hinunter, daß ich erwachte.

Das schwere Bragad, welches Sie mit dem Oheim gestern Abend auf Urrins Wohl ausleerten, wird Ihnen die bösen Träume zugezogen haben.

Mylady, wir scherzen uns beide unsere Ahnungen hinweg.

Wolle Gott, die Gespenster möchten so verschwinden, wie jenes Wölkchen, welches die Sonne im vorigen Momente verdunkelt hatte.

Sie werden verschwinden! rief eine Stimme hinter ihnen, und Ginievra war auf dem Punkte, durch einen neuen Anfall ihrer gewöhnlichen Nervenschwäche die Besinnung zu verlieren, als beide noch zu rechter Zeit sich umsahen, und Sir Morgan in feierlicher Stellung hinter ihnen stehend erblickten.

Sie werden verschwinden, die Gespenster – wiederholte er pathetisch – Früher als seit dreihundert Jahren ist heuer der Schnee auf dem höchsten Gipfel des Snowdon geschmolzen, und ein Avenystion – das ist ein Wahrsager, Herr Bertram, wie Sie wissen – ist in Anglesea im Märzmonat aufgestanden, nicht zu gedenken, daß der einzige Barde, der noch Cornwallis und Nordwales durchzieht, der würdige Pencord Percy von Rhirabon, in meinem Schlosse, Herr Bertram, gesungen hat. Es werden die Tage des Glanzes wiederkommen, der Arctur hat sich am Himmel gerückt, der Wind im Osten geht laß, der halbe Mond wird bleich und roth, und in Amerika geschehen ungeheure Dinge.

Ginievra, erfreut über die von der Hoffnung belebte Stimmung des Greises, schmiegte sich ihm vertraulich an und bemerkte, daß mit dem Eintritt des fremden Gastes zuerst der Frohsinn in die düstern Hallen eingekehrt sei. Sir Morgan stimmte nicht ganz mit der Nichte überein:

Wer kann es wissen, wie die Spinne, welche im dumpfen Keller ihre Gewebe zieht, die ganze Sonne umstricken werde, und doch werden noch vor dem jüngsten Tage Dinge geschehen, von denen Merlin sagen könnte: ich habe sie nicht vorausgesehn. Man braucht nicht die Sterne zu lesen – obgleich die Schrift bis an den jüngsten Tag fehlerlos ist – aber wenn man die Historie betrachtet, geht der Geist des Weltalls auf. Liest man nicht, daß Ali Pascha von Aegypten ein Frankenkind sei? Was im Innern Africas vorgeht, davon hat Niemand Kunde. Aber wie regt es sich in Griechenland! Ich wünsche den Griechen nichts übles, aber Griechenland ist gegen die Welt ein unbedeutend Ländchen. Die Griechen ermorden die Türken, das ruft die Perser und Chinesen zur Rache auf, dafür treten den Griechen die Georgier und Russen zu Hülfe. Wenn dann in den Ebenen Asiens das Blut geflossen ist und das Caspische Meer geröthet hat, dann stürzen von beiden Seiten Völker über Völker hinzu, bis die Norweger und Lappländer aus dem Norden mit den Mohren aus dem heißen Africa handgemein werden. Dann könnte es kommen, daß die Mohren zu Schiffe gehn, um das alte Wales zu sehn, wo zuerst das Christenthum gepredigt wurde, und wenn das wilde schwarze Kriegsvolk dort unten mit tausend Schiffen auf dem Meere liegt und unten auf jener Ebene Schaaren an Schaaren, und ein wilder Mohr, Termagant, seinen Säbel und Walladmor-Castle auffordert sich zu ergeben, und ich Arthurs Banner aufstecke, dann könnte es kommen, daß der Mohre stürmt und an das Aussenthor rüttelt und der alte Spruch in Erfüllung geht:

Wann die Mohren stürmen das Aussenthor,
Wird Freude kommen nach Walladmor,

wenn dann der Riese Termagant seinen Säbel fortwirft, mir zu Füßen stürzt und ausruft: Ich bin dein Sohn!

Die Schloßglocke läutete zur Mittagstafel. Sir Morgan glaubte in diesen plötzlich einfallenden Tönen eine Bestätigung seiner Ahnung zu finden, und Freude leuchtete auf seiner Stirn, als er in den Speisesaal die Nichte und unsern Helden hinabführte. Jene konnte sich indessen nicht enthalten, noch auf dem Wege ihrem Begleiter zuzuflüstern:

Der Unglückliche!

Und weshalb unglücklich, Mylady?

Weil er aus seinem Traum erwachend, so fürchterlich tief hinabstürzen wird, als ihn seine Hoffnungen hoch erheben.

Ist der nicht glücklich, Mylady, dessen Wahn die Thaten und Schicksale von Königreichen und Elementen an sein eigenes kleines Ich knüpft? Ist es nicht die Lösung des Lebensräthsels, die Verbindung unser selbst mit dem großen Weltall aufzufinden? Raubt nicht, wenn sich das Individuum mit den stupenden Werken der Natur und den riesigen Thaten größerer Zeiten vergleicht, der Gedanke an die eigene Nichtigkeit allen Lebensmuth? Der Phantast, welcher sich über alle die irdischen Schranken hinaus, höher, als ihr königlicher Gebieter, stellen kann, ist er nicht der glücklichste Mensch? Und was ist das Leben anders als ein Wahn, ein Schein? – die Wahrheit liegt über diesen Horizont hinaus.

Nicht allein im Gesicht, auch im Fluge der Gedanken gleichen Sie dem Fürchterlichen.

Die Mittagstafel war bei weitem größer als sie während der Winterzeit gewesen. Theils hatte der Frühling mehrere empfohlene Gäste ins Schloß gelockt, theils war die Stimmung des Greises seit einiger Zeit weit gefälliger geworden. Daher fand man, ausser dem Prediger, welcher seit geraumer Zeit täglich den Squire besuchte und mit ihm im geheimen Thurme studirte, einige benachbarte Landedelleute; und es hatten sich selbst einige Künstler eingefunden, welche sonst von keiner

porta patens

in Walladmor empfangen wurden. Auch Malburne war wieder erschienen, obgleich er während drei Wintermonaten sich weder in dieser Gegend blicken lassen, noch Nachricht von sich gegeben hatte.

Die Tafel war prachtvoll besetzt, bis auf einige echt Wälische Gerichte, welche ich, da sie den geneigten Lesern, seit Master Biunce im vergangenen Jahre eine Wälsche Küche in London errichtet hat, gehörig bekannt sein werden, nicht weiter zu beschreiben brauche; zumal, da ich überzeugt sein kann, daß sie, säßen sie selbst als Gäste in Walladmor-Castle, diese Delicatessen unberührt würden vorübergehn lassen. Doch muß ich bemerken, daß ausser dem Squire noch der Pfarrer, ein benachbarter Edelmann und Herr Thomas Malburne diesen Gerichten zusprachen, letzterer auch noch besonders versicherte, daß er in jedem Lande seinen National-Appetit verändere, und den der Landeseinwohner annehme, um auch so intensiv den Geschmack derselben kennen zu lernen. Der Squire versäumte nicht, von jedem Brodte nach der alten Sitte das erste Stück für die Armen abzuschneiden und es dem Seneschal Maxwell, welcher hinter seinem Stuhle die Bedienung der Gäste leitete, zu geben. Bis zur Mitte der Mahlzeit hatte man wenig gesprochen, dafür hatte aber ein schwaches Musikchor hinter einem Verschlage sich hören lassen. Als jedoch der Nachtisch anfing aufgetragen zu werden, trat ein ältlicher Mann in den Saal, dessen Kleidung und Attribute sogleich verriethen, daß er dem Bardenstamme angehöre oder angehören wolle. Er trug ein braunes faltenreiches Gewand, welches zwar den Oberleib ganz bedeckte, dagegen unten nur bis etwas über die Knie ging, so daß man des alten Mannes bloße Füße, welche nur durch die Riemen der Bastschuhe bis unter die Mitte der Waden in etwas geschützt waren, frei erblickte. Um seinen Leib trug er den rothen breiten Corduanriem, von welchem Ehrenzeichen der alten Wälschen Dichter und Sänger die Historiker des Volkes so viel Wesens machen. Auf seinem Haupte hatte das schneeweiße Haar durch das Alter und die vermuthlich schmutzige Lebensweise wieder angefangen graugelb zu werden; nur zwei spärliche Locken hingen um die Ohren, und leider fehlte dem uralten Gesichte der lang hinunter wallende Bart. Indessen trug der Mann die Hauptcharakteristik des Barden – die Harfe, und wie des Befehls gewärtig, stellte er sich an das eine Ende des Saales, indem er die Arme auf der Harfe ruhen ließ. Das Feuer, welches man in den Augen des Barden vermißte, entzündete sich in denen des Squire beim Eintritt dieser Erscheinung. Er sprang von seinem Sessel auf, und rief:

Ehrenwerthe Herren aus echt Wälschem Blute, und edle Gäste an Walladmors Tafel! Wenige mögen sich erinnern, daß heut der Jahres-Tag eines großen Siegen, großen Ruhmes unserer Wälschen Ahnen eintrifft. – Heut ist Urrins Siegestag. Nicht unfeierlich darf er bei Kymmerischen Nachkommen begangen werden. Seht diesen Barden an! Erkennt Einer von Euch, wer der Greis mit den zitternden Armen, mit den todten Blicken ist? – Man sah den Barden an und schwieg – Es ist der letzte Barde Kymmeriens, Percy von Rhivabon. Unsre Annalen erwähnen seiner vor Decennien. Seitdem war er verschollen und galt längst für todt. Mir ist es gelungen, von seinem Leben zu erfahren, das er in Dürftigkeit und Vergessenheit führte; zum Feste Flamdewyns habe ich den Todtgeglaubten heraufgerufen. Wohlan denn, Sänger, stimme Thaließens Lied an!

Der alte Mann räusperte sich noch einmal und sang dann mit schwacher Stimme, und indem er nur schwach dabei die Saiten rührte, die bekannte Reliquie alt Wälischer Poesie. Dies bekannte Lied gehört in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht zu den besten, welche wir in Edward Jones Relics der Wälschen Barden besitzen, und es ist zu verwundern, daß der gewandte Dichter der Dichtung keinen romantischen Schwung durch eine Umarbeitung der Englischen Uebersetzung gegeben hat. Da er es aber nicht gethan hat, so hat auch hier der Uebersetzer nur eine ältere deutsche Uebersetzung des Liedes eingeschoben. – A. d. Ü.

Hervor ging die Sonne nach Stürmen der Nacht,
Und brachte den Morgen und brachte die Schlacht.
Von wannen, von wannen die zahllosen Speere?
Ha! sind es des fliegenden Flamdewyns Heere?
Sie waren's! – Von Aufinids Hügeln herab
Ergoß sich der Strom schon auf Urrins Gefilde.
Es klirrten die Schwerter, es rasselten Schilde,
Laut heulte Verheerung und öffnet' ihr Grab!

Im Trotze des Sieges trat Flamdewyn her:
»O Urrin! – so rief er – entsage der Wehr,
Und zahle – du dämmest die Fluten vergebens –
Die Löse des Landes, die Löse des Lebens!« –
Doch ferne war Urrin. Er eilte schon früh
Nach Hülfe. Da nahte, von Kriegern umgeben,
Sich Owen der Trotzer: »Noch leben wir, leben!
Und haben noch Waffen, die lösen uns, die!

Hinauf stieg die Sonne im strahlenden Lauf
Zur Höhe des Himmels. Da schauten wir auf,
Da sahn wir, gefolget von tausend der Seinen,
Im Waffengeschmeide Held Urrin erscheinen.
»Auf, Cymbriens Söhne! noch flohen wir nie!«
So rief er: »Mir nach! Ihr Gefährten! wir streben,
Zu tilgen die Schande! Noch leben wir, leben!
Und haben noch Waffen, die lösen uns, die!

Mir nach zu dem Hügel, mir nach in den Tod!«
Rings wurden vom Blute die Gegenden roth.
Rings flatterten, satt sich am Blute zu laben,
Mit triefenden Schwingen die dürstenden Raben.
Hoch schwang sich die Rache mit wüthendem Blick,
Und nieder von Hügel zu Hügel getrieben,
Erlagen die Trotzenden. Wenige blieben
Und brachten mit Beben die Kunde zurück.

Hinab sank die Sonne. Nun war es vollbracht.
Der Tag war geschwunden, verhallet die Schlacht.
Doch nimmer verhalle der Name des Helden!
Gesang, du sollst ihn der Folgezeit melden.
O selig der Barde, dem dieses gelang!
Dann sagen die Enkel beim Brande der Eiche:
O Jüngling! sei würdig der Väter, und gleiche
Held Urrin und ihm, der den Helden uns sang.

Alle Männer erhoben sich, die Gläser klirrten. »Kymmerien!« »Die großen Ahnen!« »Würdige Geschlechter!« tönte es von allen Lippen, und Ginievra hielt den Moment für angemessen, die Gesellschaft zu verlassen. Die Zungen lösten sich jetzt. Man lobte den Barden, so dürftig auch sein Gesang gewesen; der kreisende Hauspokal wurde ihm gereicht, und es bedurfte erst einer langen Wälsch gelehrten Erörterung des Squire, warum der Tag feierlich begangen werden müsse; und wo die Stelle sei, an welcher Urrin über Flamdewyn gesiegt habe? ehe die erregten Geister wieder zur Ruhe kamen und ein nicht enthusiastisches Gespräch begannen.

Reich an Schönheit und reich an Merkwürdigkeiten ist unstreitig dieses Land, – bemerkte einer der Anwesenden, und das Gespräch wandte sich jetzt auf das graue Alterthum und die ewig jugendliche Natur von Wales, wobei der Squire wohl aufmerksam zuhörte, aber, seiner Gewohnheit entgegen, kein Wort mitsprach. Man muß indessen bemerken, daß dies Gespräch fast nur von den Fremden, namentlich zweien Künstlern, unterhalten wurde. Welcher Sachverständige in seiner Kunst mischt sich aber gern in ein Gespräch, welches von gänzlichen Laien über die Trefflichkeit und die Vorzüge derselben geführt wird, besonders wenn es nicht der Belehrung wegen geschieht, sondern die Laien nichts bezwecken, als ihre Halbkenntniß vor dem Kenner zum Vorschein zu bringen. Nachdem alle Vorzüge, breit, poetisch oder prosaisch, ans Tageslicht gezogen waren, nahm der Squire das Wort; und man mußte gestehn, daß der verständige Mann und nicht der eingebildete Walliser diesmal sprach.

Meine Landsleute müssen Ihnen dankbar sein für eine Rede, in welcher Sie alle Vorzüge unseres Landes entwickelt haben; aber Sie vergessen einen Nachtheil zu erwähnen, welcher alle diese Vorzüge vielleicht wieder aufwiegt. Ein treuer Alt-Britte – und das sind auch wir Walliser – trauert, wenn sein Kirchspiel mit den Reformern aus Manchester überschwemmt wird. – Leider liegt diese Stadt an unsern Gränzen; aber weit schlimmer ist für unser Volk, daß zwei fremde Stapelplätze im eigenen Lande erbaut sind. Aus Bristol und Bath strömen Kranke und Gesunde in unsre üppigen Thäler, über unsere Flüsse, über die kahlen Berge bis in die fernsten Schluchten. Was die fremden Eroberer uns doch erlaubt hätten – ungestört hinter unsern Bergen zu sitzen und Wälisch zu denken, wenn sie uns auch die Sprache nahmen, das wollen uns die Schaaren der fahrenden, reitenden, gehenden, hinkenden und getragenen Reisenden noch entreißen. Jeden Brombeerstrauch kehren sie um, jeder Stein wird fortgewälzt, um zu sehen, was darunter liegt. Damit aber begnügen sich jetzt nur wenige noch; Brieftaschen und Bleifedern stecken in jeder Tasche, und wo nur ein erträglicher Fleck zu sitzen ist, wird es herausgeholt, skizzirt, und jedermann trägt uns ein Stückchen vom alten Wales in der Tasche fort.

Einige der Anwesenden schienen betroffen die Köpfe zu senken, während andere lachten und meinten: eines Landes Ruhm werde durch Bekanntmachung seiner Schönheiten auch um so größer. Der Squire war nicht der Meinung.

Kein Land braucht von einem Fremden anders als der rüstigen Männer wegen, welche es ins Ausland sendet, bewundert zu werden. Darum standen unsere erlauchten Ahnen so groß und würdig da, weil sie ihr Land vor dem Eindringen jedes Fremden bewahrten. Ihre hohen Berge waren zu den Zeiten der Glendower, wo der Sachse nur von ferne sie blau zum Himmel ragen sah, nicht weniger gekannt als heut zu Tage, wo jeder Landstreicher einen Paß in ihre heiligen Schluchten hat.

In dem Augenblicke, wo er dies ausgesprochen hatte, fühlte aber auch schon der Squire, daß sein Eifer ihn zu weit geführt habe. Glücklicherweise wandte Malburne durch eine schnelle Wendung das Gespräch zur Versöhnung.

Wenigstens, Sir Morgan, hat sich darin Ihr Wales zum Vortheil für uns Fremde umgeändert, daß kein König von England von seinem Gegner in Wales mehr sagen kann:

So mag er auf den kahlen Höhn verschmachten;

denn wir, die wir zur Opposition gehören, und sonst jeder Gentleman, findet, wenn dies hier anders Wales ist, eine solche Aufnahme, daß er eher das Gegentheil zu befürchten hat.

Man lachte, ließ den Wirth und die alt Wälsche Gastfreiheit leben, und Sir Morgan hub, um auch seiner Seits den Fehler wieder gut zu machen, an:

Doch will ich damit Niemand beleidigt haben. Mögen sie sich damit begnügen, unsre Wälder und Felsen und Schlösser für das Auge jedes Narren an den Londoner Krambuden auszustellen, damit er beurtheilen könne, ob unsere würdigen Väter diesen Thurm nach den Regeln der Baukunst und jene Mauern nach denen der Fortifikation ausgerichtet haben. Aber wie ich dies einen Naturdiebstahl nenne, den die große Natur vergeben kann, da sie über alle Menschen reich ist, so hat die neuste Verderbniß auch Leute erzeugt, die auf den Menschendiebstahl ausgehn.

Sie meinen die Matrosenpresser? sagte ein Londoner.

Oder sollten, – fragte bestürzt ein Franzose – wie einst in Amsterdam, Seelenverkäufer auf sorglose Fremde lauern, um die Kolonien zu bevölkern?

Sein Sie unbesorgt. Wo ein Walladmor Friedensrichter ist, wandelt jeder freie Mann ungefährdet; aber es giebt Diebe, welche nicht den Leib, sondern die Seele rauben, welchen man ihr Gewerbe nicht ansieht, und denen man, sähe man es ihnen auch an, doch nicht die Thüre bieten darf. Seit der Zeit, wo bei uns wenig gehandelt und viel geschrieben wird, wo der Heldenthaten wenig und dafür derer, welche sie besingen wollen, desto mehr geworden sind, müssen die Schriftsteller, wollen sie einen Gegenstand finden, auf Diebstahl ausgehn. Seit die Romane aus den Londoner und Edinburger Pressen das Land überschwemmen, darf man in keine Gesellschaft treten, man darf keinen Fremden gastlich aufnehmen, ohne befürchten zu müssen, daß man auf eine Viper stößt, die bis ins tiefste Herz dringt. Freundlich schmiegen sich diese hungrigen Laurer an ihr Opfer an, sie sind selbst bescheiden und still, aber dafür desto aufmerksamer, wenn Jemand spricht. Statt daß sich Freunde offen ihr Herz ausschütten, bewegen sie nur den Andern dazu, und empfangen ohne wiederzugeben. Ist nicht das Gefühl empörend, wenn eine Schöne zu ihrem entzückten Geliebten zu sprechen und ihn durch ihre Augen zu beglücken scheint, und dieser nur ihre Blicke saugt, ihre Reden hört, auf die leisen Regungen ihrer Seele lauscht, um mit dem Gestohlenen die Geliebte seiner Phantasie auszuschmücken? Ist nicht ein solcher Dichter ärger als der Vampyr, welcher doch nur das Blut aussaugt? Mir wird allemal unwohl zu Muthe, wenn ich in der Gesellschaft einen Menschen, dessen Gesicht für seine Klugheit spricht, im Winkel sitzen und nur horchend an den Gesprächen Antheil nehmen sehe.

Die Gesellschaft hub, durch Malburnes Beispiel aufgemuntert, ein lautes Gelächter an, die Flaschen wuchsen auf dem Tische, und eine völlige Versöhnung war erfolgt, da sich Niemand von den Fremden getroffen fühlte. »Ein altbrittisch Herz!« »Aufrichtige Freunde!« »Treue Diener!« Diese Toaste wurden mit um so allgemeinem Jubel ausgebracht, da der Wein die Geister erhitzt hatte; und Sir Morgan verlangte mit lauter Stimme von dem steif und starr dastehenden Sänger ein Lied zum Lobe aufrichtiger Freunde. Zum großen Erstaunen ließ aber dieser einige Akkorde des tiefsten Wehlautes hören, und sang dann mit einer Stimme, welche so tief bewegt war, wie das Alter des Sängers es erlaubte, folgende abgebrochene Verse:

Und als der König die Ritter
      Sah todt im Felde umher,
Da wurden von bittern Thränen
      Seine kühnen Augen schwer.

Ruht wohl, ihr wackern Ritter,
      In Eurer Treue so rein!
O daß so edle Herzen
      Dem Staub verfallen sein!

Fest habt Ihr bis zum Tode
      Gehalten zu Eurem Herrn,
Und ach, Euch aufzuwecken,
      Gäb' ich mein Leben gern!

Wie elektrisch durchfuhr es alle Geister, als der Sänger hier inne hielt. Die meisten wußten nicht, woher diese einfachen und doch so ergreifenden Töne genommen waren; der Squire aber redete wie begeistert plötzlich den Sänger an:

Singe uns das ganze Lied, wie Arthur starb, singe das Lied der Unsterblichkeit!

Der Sänger aber schüttelte den Kopf, indem er zu verstehen gab, daß seine Kräfte nicht mehr ausreichten. Malburne fragte, weshalb ein so trauriges Lied wie die Romanze morte Arthur in so froher Gesellschaft gesungen werden solle? und der Squire wandte sich mit funkelnden Blicken zu ihm:

Traurig? Ist es nicht das herrlichste Lied, was seit Beginn der Welt von der Unsterblichkeit der Seele gesungen wurde? von der Rückkehr des erloschenen Herrlichen auf Erden? – Arthur lebt! sagten unsre heiligen Barden, Arthur wird wiederkehren, und der Glanz des Landes; Arthur lebt und auch Walladmors Geschlecht hofft auf Arthurs Wiederkehr, auf die Wiederkehr des Ruhmes, des Glückes, wann es an's Aussenthor pochen und heißen wird: Walladmors Erbe fordert Einkehr!

Man fragte von allen Seiten nach dem Grunde dieser Sage, und da der alte Sänger das Lied nicht singen konnte, so übernahm es Sir Morgan, seine vaterländische Tradition den Versammelten zu erzählen. Es ist merkwürdig, daß in Momenten, wo der Becher taumelnder Lust überschäumt, es oft nur eines einzelnen Accordes bedarf, um die Geister des Trübsinns herbeizurufen. So rauschend die Lust vor wenigen Momenten in Walladmors Halle gewesen, so still wurde es, als der Squire erzählte; und als er geendet hatte, schien eine heilige Ahnung durch die Versammlung zu gehen, und man trennte sich schweigend, nachdem schon früher die Verabredung getroffen war, am nächsten Tage die Stelle, wo der Held der Walliser sollte verschwunden sein, gemeinschaftlich zu besuchen. Daß die Erinnerung aber auch auf den Squire einen eingreifenden Eindruck gemacht haben müsse, bewies die Art seiner Erzählung, indem er die Sage in ihrer einfachen Gestalt wiedergab, ohne sich die bei seinen Reden sonst gewöhnlichen Abschweifungen zu Schulden kommen zu lassen.

Als König Arthur die Sachsen besiegt, Irland und Schottland unterworfen hatte, zog er hinaus in die weite Welt und unterwarf sich Dänemark, Norwegen, Island, Schweden; er eroberte Frankreich, tödtete manchen scheuslichen Riesen, und sandte zuletzt den Leichnam des Römischen Kaisers Lucius nach Rom. Aber als der große Held der Christenheit in Rom von allen Kardinälen feierlich begrüßt wurde, brachte man ihm die Nachricht, daß zugleich sein Neffe Mordred mit vielen Rittern der Tafelrunde von ihm abgefallen und sich empört habe. Augenblicklich segelte König Arthur nach Brittannien, landete nach einem blutigen Kampfe bei Sandwich, vertrieb den Mordred nach London, von London nach Winchester und von da aus nach Wales. Hier trat am Montage Trinitatis beim ersten Hahnenkrähen Sir Gawein zu ihm, und sprach zu ihm: »Bist du mein treuer Oheim und schützest dein Leben, so geh heut nicht in die Schlacht, denn Sir Lancelot mit vielen Rittern ist noch in Frankreich und muß in Monatsfrist zurückkehren.« Da rief der König, noch ehe der Morgen graute, alle seine Ritter zusammen, und erzählte ihnen, was Sir Gawein ihm gesagt hatte. Seine Ritter riethen, daß er einen Waffenherold an die Feinde senden solle, um eine freie Unterredung zu pflegen. Da wählte König Arthur zwölf seiner besten Ritter und ritt mit ihnen dem Feinde entgegen. Seinem ganzen Heere aber befahl er, bereit zu stehn, doch solle Niemand eine Waffe rühren, außer wann sie ein gezogenes Schwert erblickten. Und von der andern Seite ritt aus der Verräther Mordred, und brachte auch zwölf Ritter mit sich, die besten von seiner Parthei, um mit dem Könige die Unterredung zu halten. Und auch Mordred befahl seinem Heere bereit zu stehn, aber kein Mann solle eine Waffe rühren, außer wenn sie ein gezogenes Schwert erblickten. Es durfte weder der Oheim dem Neffen trauen, noch der Neffe dem Oheim, das traurigste Unglück, was je die Christenheit befiel. Als sie aber nun zusammengekommen waren, und beide über eine Waffenruhe beriethen, daß vor Monatsfrist keine Schlacht sollte geliefert werden, da kroch eine Otter aus dem Gebüsch und biß einen von des Königs Rittern ins Knie; und dieser Biß mußte Unglück bringen über die ganze Christenheit. Denn als sich der Ritter verwundet fand, und die Schlange an seinem Fuß erblickte, zog er das Schwert heraus. Kaum aber hatten das beide Heere gesehen, so ging die Schlacht los, die so heftig wurde, daß auf der einen Seite nur drei Männer am Leben blieben. Es war die blutigste Schlacht, die je in der Christenheit ist gefochten worden. Auf König Arthurs Seite entkam nur er selbst, und Lukyn, der Herzog von Gloster und des Königs Stallmeister Bederere; und als der König alle seine Ritter todt erblickte, brach er in die Klagen aus, welche der Barde gesungen hat. Dann aber brach er in die Worte aus: »Sieh, dort lebt noch der Verräther, und schreitet über die todten Krieger. Aber er soll es bitter bereuen, und meine Rache auf sein Haupt fallen.« Aber der Herzog hielt ihn zurück, und sagte: »Mein Lehnsherr stehe still um Lieb' und Barmherzigkeit willen. Denk, was das Traumgesicht zu dir sprach, und geh heute nicht auf den Feind los!« – Der König aber erwiederte: »Halte mich nicht auf, du würdiger Vasall, denn ich bin es meinen treuen Rittern schuldig, und will sie, trotz Leben oder Tod, an ihrem Feinde rächen!« Darauf griff der König nach seinem Speere und schwang sich auf sein Roß. Als ihm sein Stallmeister den Zügel hielt, stürzten diesem die Eingeweide aufs Knie. »Ach – sagte der edle König – daß ich so etwas erleben muß, und dieser gute Ritter in meinem Dienst erschlagen ist!« Dann spornte er mit eingelegtem Speere auf Mordred los, und rief: »Hüte Dich wohl, Verräther, denn dein Tod ist nahe.« Mordred schwang in wilder Wuth sein Schwert, aber des Königs Speer bohrte ihn durch und durch. Als Mordred nun sich zum Tode getroffen fühlte, rannte er noch tiefer in den Speer und versetzte dem Könige einen tödtlichen Schlag. Mordred starb voll Ingrimm auf der Stelle, aber der König hatte viel Blut verloren, als er zum Herzog zurückgekehrt war. Da sprach er nun zu Lukyn so: »Du warst immer mein treuster Ritter, nimm nun mein Schwert Excalibar, das an meiner Seite hängt; nimm meinen treuen Excalibar und wirf ihn dort in den Fluß, denn ich brauche fürder unter diesem Baume keine Waffen mehr.« Und dann sprach er zu seinem Schwerte die Worte.

Und leb du wohl, mein treues Schwert,
      Kein besseres hatte ein Ritter je;
Mit dir hab' ich mir abgewehrt
      Manchen Feind in den Schlachten eh.

Mit diesem Schwerte hab' ich oft
      Gemäht auf blutgem Felde Aehren;
Die Todesstunde kommt unverhofft,
      Wo ich dich niemals schwinge mehre.

Der Herzog trat darauf an den Fluß und warf sein eigenes Schwert hinein, aber den Excalibar behielt er heimlich zurück, denn er war ganz von Kölnischem Stahle, und der Griff war von den kostbarsten Steinen, und es dünkte dem Ritter schade, daß solch ein Schwert sollte verloren gehn! –

Als er nun zum Könige zurückkam, fragte der ihn: »Lukyn, was hast du gesehn?« – »Nichts, mein König, antwortete der Herzog, als daß der Wind frisch und frei über das Wasser strich.« –

Da sagte der König: »O guter Lukyn, gehe wieder an den Fluß, und wirf mein Schwert in die Wellen, daß ich nicht länger hier in Angst und Furcht bleiben darf!«

Der Herzog trat darauf an den Fluß und warf die Scheide von des Königs Schwerte hinein, aber den Excalibar behielt er zurück, und verbarg ihn unter einem Baume.

Als er nun zum Könige zurückkam, fragte der ihn mit ängstlichen Blicken, und indem er die Wunden, aus denen das Blut strömte, zusammen hielt: »Lukyn, hast du was gesehn?« – »Nichts, mein Lehnsherr, antwortete der Herzog, außer daß der Wind mit den unruhigen Wellen kämpfte.«

»O Lukyn, Lukyn, sprach der König, zweimal hast du mich betrogen. Ach! wem sollen wir je trauen, wenn solch ein Ritter so falsch sein kann! Sprich, willst du denn, daß dein König sterben soll, um eines Schwertes willen, auf welches du lüstern bist? O gehe schnell an's Wasser und wirf es hinein, ehe mir der Athem vergeht.«

Der Herzog erröthete vor Beschämung, antwortete aber nicht dem Könige. Er nahm das Schwert, ging an den Fluß, und schleuderte es, so weit er konnte, hinein. Da tauchte aus dem Wasser eine Hand und ein Arm auf. Die Hand ergriff das Schwert, als es niederfiel, schwang es dreimal in der Luft und versank dann mit ihm im Strudel, und der Herzog hat es niemals wieder gesehen.

Wie versteinert stand der Herzog eine lange Weile am Flusse, und eilte dann zurück, um dem Könige die Mähre zu hinterbringen; aber der König lag nicht mehr unter dem Baume. Wohin er gegangen war, konnte der Herzog nicht berichten, denn er hat ihn nie mehr seitdem gesehn. Aber eine Barke sah er in weiter Entfernung über den Fluß schwimmen, und hörte die Nixen singen und schreien. Ob der König in der Barke gesessen, hat er nie erfahren, denn seit dem schrecklichen Tage ist König Arthur nie auf Erden gesehen worden.

Aber Merlin hat prophezeihet, daß König Arthur wiederkommen werde in Schönheit und Jugend, und Brittannien beglücken.

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