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Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Vorwort.

Es hieße ein Sandfaß in die lybische Wüste sauber ausstreuen, noch etwas zum Lobe des Dichters sagen zu wollen, dessen neuster Roman hier erscheint.

Die längst anerkannten Vorzüge seiner ältern Romane, getreue und immer lebendige Durchführung origineller Charaktere, mahlerische Schilderung der Erscheinungen aus dem äußern und innern Leben, frappante, und doch der Wahrheit gemäße, Situationen, die Kunst, auch das Uninteressante interessant zu machen, fesselnde Schürzung des Knotens der Erzählung, – finden sich hier so gut als seine Schwächen, – Breite in der Erzählung, Verweilen in der Exposition, und verwandte Charaktere, – wieder. Wenn wir auch schon im ersten Theile auf liebe Freunde stoßen, zeigt sich doch gleich ein großer Reichthum der mannigfaltigsten Gestalten, und gewiß ist der Radicale eine ganz neue und originelle Erscheinung. Es scheint, als hätte der Autor dieses Charakters wegen, und um überhaupt, von seinem Standpunkte als Tory aus, Reformers – und auch Whigs – lächerlich zu machen, diesen Roman in die neuesten Zeiten verlegt; sonst böte Wales, der Schauplatz desselben, einige Jahrhunderte rückwärts, ein größeres Interesse dar, als jetzt, wo die meisten eigenthümlichen Einrichtungen verschwunden sind. Indessen wird man gestehn, daß es ihm gelungen ist, die Widersacher seiner Partei ergötzlich für das Publikum an den Pranger zu stellen, ohne deshalb hämisch gegen die Individuen aufzutreten, welche Schonung leider nicht immer die Englischen Parteisprecher beobachten. Auch wird man sich freuen, ihn nicht blind parteiisch zu finden, indem er seine Geißel ebenfalls gegen die lächerlichen Demonstrationen einer andern Ultrapartei schwingt.

Nöthig möchte es vielleicht scheinen, da die Fabel des Romans, wie immer, mit geschichtlichen Begebenheiten zusammenstößt, diese aber hier in der neusten Zeit spielen, vielen Romanen Lesern und besonders Leserinnen indessen die Geschichte, wie Troja fiel, besser als die unserer Tagesbegebenheiten bekannt ist, die neusten Revolutionsgeschichten Englands der Uebersetzung, nach Lindeus Beispiele in seiner Uebertragung der Schwärmer, vorauszuschicken; Raum und Zeit erlauben jedoch nur einen kurz gedrängten Bericht zu geben.

Viele verständige Männer haben schon längst gemeint und sind noch der Meinung, die Englische Verfassung, als ein morsches Gebäude, ein Compositum barbarischer Gewohnheiten, drückender Aristokratie, verbunden mit dem Scheine von Liberalismus, untergraben durch die immerwachsende Nationalschuld, nähere sich ihrem Zusammensturze, und könne sich nur dadurch halten, daß sie die überflüssigen und zerstörenden Kräfte von innen nach außen schaffe. Namentlich soll der Krieg, indem er theils dies bewirkt, theils die öffentliche Aufmerksamkeit fesselt, den Sturz Englands aufhalten. So viel ist gewiß, daß erst nach Beendigung des großen Befreiungskrieges, als ein überaus großer Theil der Englischen Bevölkerung müßig und brodlos war, die furchtbare Währung unter der hungernden niedern Volksclasse entstand, welche erst jetzt allmälig in etwas beschwichtigt ist. Während früher von einzelnen Parteihäuptern der Whigs, auch zum Theil von Torys, die Vorschläge zur mehreren oder mindern Reform des Parlaments ausgingen, lebte dieser Vorschlag von jetzt an nur unter der geringern Classe, welche nur wenige und bedingte Stimmen im Parlamente für sich hatte, dagegen ihre Kehlen in den aller Orten gehaltenen Volksversammlungen laut werden ließ. Während im Parlamente Sir Francis Burdet verlangte, daß jeder einundzwanzigjährige Britte eine Stimme bei der Wahl der Volksrepräsentanten haben solle, wollte der Volksredner Hunt, daß schon jedem achtzehnjährigen Britten dies Recht zustehe. Es würde ermüden und unserm Autor vorgreifen heißen, wollten wir hier alle überspannte, thörige, zum Theil aber auch vernünftige Grundsätze der Reformer aufführen, welche von ihren Rednern überall gepredigt wurden.

So viel scheint gewiß, daß der immer größer werdende Anhang dieser Reformer, welche auch Radicalreformer, oder bloß Radicale genannt wurden, die Minister – obgleich verschiedene Oppositionsmänner, und, wie es scheint, nicht ganz grundlos, ihnen vorwarfen, sie hätten selbst durch niedrige Unterhändler das Volk angereizt, um nachher desto schärfere Maaßregeln nehmen zu können, – in Schrecken setzte. Theilweise, sogar von Whigs unterstützt, gingen deshalb im Parlamente mehrere sehr drückende Restrictivmaaßregeln, von ihnen in Antrag gebracht, durch, als: Verbot aller Volksversammlungen ohne Erlaubniß des Sherif, eine Stempeltaxe auf Volkszeitungen, der Befehl, gewisse Waffen einzuliefern, Aufhebung der habeas corpus-Acte und so weiter, meistens auf fünf Jahr.

Ehe jedoch diese Verbote in Kraft traten, wurde eine der gedachten Volksversammlungen zu Manchester durch Husaren, und vermutlich auch ohne andere Beobachtung der gesetzlichen Förmlichkeiten, als ohne lautes Vorlesen der riot-Acte (Aufruhr-Acte) auseinandergejagt, und verschiedene Individuen kamen unter den Säbeln und Hufen der Husaren um. Obgleich diese Verletzung der Gesetze in England allgemeine und laute Mißbilligung fand, war doch die Furcht vor den Reformern zu groß, und die Untersuchung gegen die Uebertreter des Gesetzes wurde niedergeschlagen.

Dies empörte immer mehr die Gemüther der Reformer, und einige der heftigsten Radicalen stifteten eine förmliche Verschwörung zum Untergange der Minister an, deren angebliche Ungerechtigkeiten sie auf anderm Wege nicht hintertreiben zu können meinten. Sie mietheten, – gegen dreißig, – in der abgelegenen Catostraße eine leere Scheune, brachten dort ihre Warenvorräthe hin und lauerten auf den Tag, wo die Minister vereinigt sein würden. Endlich erschien er. Von Abend bis Mitternacht gesammelten sich die Verschwörer, jedermann hatte seinen bestimmten Mann unter den Schlachtopfern; aber unter den Verräthern wachte der Verräther. Als sie, mit Feuer- und Seitengewehr bewaffnet, in die Wohnung des Lord Harrowby aufbrechen wollten, wurde die Wohnung von einem Detaschement Soldaten und Constabler umzingelt, und trotz verzweifelter Gegenwehr nahm man die Rädelsführer gefangen, während ein großer Theil der Verschwörer, begünstigt durch die Dunkelheit, entkam. Von den letztern hat man nichts wieder gehört. Arthur Thistlewood aber, ein ehemaliger Lieutenant, Preston, ein Schuhmacher, und einige andere, wurden nach vorgängigem Prozesse unter den in England herkömmlichen furchtbaren Zeremonien gehängt, dann geköpft, und ihre Köpfe auf Spieße gesteckt. Keiner zeigte Reue, nur einer der Mitschuldigen verlangte nach einem Geistlichen. Seit dieser Execution hat man wenig oder nichts von den Reformern gehört. Hunt soll in Armuth gerathen sein. Sir Francis Burdet mußte lange Zeit wegen eines freimüthigen Briefes über die Gräuel zu Manchester an die Wahlherren zu Westminster, gefangen sitzen, aber auch Lord Castlereagh, den die meiste Erbitterung traf, hat ein hartes Loos hinfort gerafft.

Wie es möglich wurde, vermutlich noch ehe der Roman Walladmor die Edinburger Presse verlassen hat, vielleicht auch ehe er in Paris erschienen ist, ihn im deutschen Gewande auftreten zu lassen, wird das Publikum erst nach der Vollendung des Werks erfahren. Frei nenne ich die Uebersetzung, um den Anforderungen der strengen Uebersetzerschule zu entgehn, und bitte die Druckfehler mit der Entfernung vom Druckorte zu entschuldigen.

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