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Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.

Und Eure Namen, sprach unser König,
    Sagt mir, wie heißen die?
Sie sagten: Adam Bell und Clym von Clough
    Und Wilhelm von Cloudesly.

Seid Ihr die Diebe, sprach unser König,
    Von denen so viel Geschrei?
So schwöre ich Euch denn, bei Gott im Himmel,
    Ihr sollt mir hängen alle drei.

Ihr sollt mir sterben ganz ohne Gnade,
    So wahr ich bin König im Lande!
Und er befahl seinen Dienern allen
    Sie zu legen in Ketten und Bande.

Die Ballade von Adam Bell,
Clym of the Clough und William von Cloudesly.

Erst nach zweimaliger Wiederholung des Klopfens steckte ein Pförtner den Kopf aus der Luke eines kleinen Seitenthurmes. Er fragte: Werda? und warf zugleich den Strahl einer Blendlaterne auf den Reitertrupp. Der Dragoner antwortete, der Wind aber verwehte für den noch weit zurückgebliebenen Bertram den Schall; indessen wurde bald darauf an den Schlössern und Eisenriegeln geschoben, das Thor ging auf, und die Reiter sprengten durch den gewölbten Thorweg in einen kleinen, von den Laternen einiger herbeigeeilten alten Diener erhellten, Hofraum.

Abgesessen! kommandirte der Officier, das erste Wort, welches Bertram seit M*** aus dem Munde dieses schweigsamen Beamten hörte. – Löst dem Gefangenen aber noch nicht die Hände, ehe die Ketten für ihn bereit sind.

Ein silberweißer Hausbeamte schlich gebeugt mit einer Laterne, einem Bund Schlüssel und einem eisernen, spitz unten zugehenden, Stabe, welcher zugleich als Stütze und als Waffe dienen konnte, heran und sagte:

Hochwohlgeborner Herr Hauptmann! So lange nicht das große Erdbeben kommt, und die Eichen auf Kalmorum aus der Erde gerissen werden, oder – was denn Gott sonst verhüte – geschieht, kommt kein Gefangener ans diesem Schlosse, aus diesen Verließen, aus diesen Thürmen, und wenn er alle die Geiste im Meere und der Erde beschwöre, denn, was Zauber betrifft, sind andere Anstalten, die sich dagegen concentrirend wirken, als da – doch besser ist's, ich lasse das lieber unberührt; aber wie gesagt – entweder begnadigt und zur Freiheit – was nicht geschehen wird, – oder zum Galgen, was wahrscheinlich geschieht, sonst kommt der Gefangene nicht aus diesen Mauern heraus –

Guter Maxwell – sagte der Officier – morgen wollen wir weiter sprechen – jetzt schaffe ihn in sichere Haft, denn Du haftest dem Staate mit Deinem Kopfe.

Hochwohlgeborner Sir Davenant, sagte der alte Mann, – der Squire, mein hoher Herr, hat mir es befohlen, und darum soll er nie entkommen sein, bis die alten Mauern sinken, und die Eichen auf Kalmorum entwurzelt werden; aber um des Staates willen geschieht es nicht.

Zwei Mann bleiben am Thore, zwei begleiten den Gefangenen, befahl der Officier, und ging nach dem hintern Theile des Hofraumes zu. Maxwell sah ihm ruhig nach. Erst als der Officier vergebens an einer verschlossenen Thüre rüttelte, und in etwas ärgerlichem Tone zurückrief:

Maxwell! die Thüre zum Innern ist ja verschlossen!

antwortete auch er sehr ruhig:

Ja, Sir Davenant!

Aber warum öffnet Ihr sie nicht, da Ihr seht, daß ich hinein will?

Sir Davenant! ich bin im Dienste des Staates.

Der Militair lächelte und wartete bis Maxwell, welchem zwei Constabler und zwei Dragoner, in ihrer Mitte den Gefangenen, folgten, langsam herbeikam, und die kleine Pforte eines großen Thores aufschloß:

Ehrlicher Maxwell! Deine grauen Haare verdienten einen bessern Dienst, als den eines Gefangenwärters.

Bin ich denn Gefangenwärter? sagte der alte Mann, indem er stolz den Rücken emporzuheben bemüht war.

Schon gut, fiel ihm der Officier lächelnd in die Rede, – ich kenne alle Deine Titel: Bailif, Seneschall, Vorschneider, – doch ich bin gewiß, Du bist auch ein pflichtgetreuer Gefangenwärter –

Bloß aus Vergnügen, Sir Davenant, als Dilettant; aber ich glaube, ich versorge meine Gefangenen wie Wenige. Stroh, reinliches Stroh, acht Bund sind in den Thurm geworfen, damit der Gefangene warm liegt; auch liegen zwei alte Matten da und der rothe Friesrock von der Eva Gluclotter, die wir gern als Hexe verbrannt hätten, was aber die Herren in London übel aufnahmen, und den sie zurückließ, als sie zu ihrem ewigen Verderben in Freiheit kam.

Es ist gut. – sagte der Officier, und deutete abermals dem armen Haushofmeister an, daß er genug von seiner Vorsorge wisse. Statt in das eigentliche Schloß zu kommen, standen sie, nachdem sie durch einen langen und gekrümmten Thorweg, der von zwei Laternen nur kümmerlich erhellt wurde, gegangen waren, an einem tiefen Abgrunde. Es schien eine Felsspalte zu sein, welche hier von dem alten Erbauer des Schlosses als Graben genutzt war, denn jenseits derselben erhob sich, gleich einer Fortsetzung der Felswand, eine hohe, mit Schießscharten und mehreren Thürmen besetzte Mauer, welche das ganze Außenwerk, durch welches sie gekommen waren, nothwendig beherrschen und übersehen mußte. Der Greis gab ein Zeichen, und knarrend senkte eine Zugbrücke von drüben her sich über die Spalte. Sie betraten einen engen, von eben so großen, als unförmlichen Gebäuden umgebenen, Hof, dessen Aeußeres aber einen wenig lebendigen Verkehr verrieth; auch sah man an den schmalen und hohen, unsymmetrisch eingehauenen, Fenstern nur hier und dort ein mattes Licht. So viel Bertram beim Laternenscheine sehen konnte, glaubte er auch zu bemerken, daß alle Geräthschaften ein staubiges Alter verriethen. Der Officier trennte sich hier von dem Trupp, nachdem er den beiden Dragonern einige Befehle leise gegeben hatte.

Noch war das Ziel nicht erreicht. Der Haushofmeister schloß im äußersten Hofraum eine kleine Thurmpforte auf, und durch einen engen gewölbten Gang, durch welchen die beiden Dragoner nur mit gebückten Häuptern gehen konnten, gelangten sie endlich in eine Art Wachtstube, die mittelst zweier, hoch oben in der Mauer eingehauener, Luken einiges Licht erhielt, welches diesmal von dem Monde nur spärlich geschenkt wurde. Die Stube mußte nahe am Meeresufer liegen, denn der Wind draußen schien nicht allein die Mauer zu erschüttern, sondern auch das Fundament derselben erbeben zu machen. Der Greis suchte lange und ängstlich im Schlüsselbunde, und drehte einen verrosteten alten Schlüssel endlich im Schlosse der Thüre umher. Nicht ohne Zeichen von Besorgniß klinkte er alsdann die Thüre auf. Kaum aber hatte er dies mit schwachen Kräften halb gethan, als ihm die andere Hälfte der Mühe der Sturm ersparte, welcher von außen gegen die Thüre sich werfend, sie auf- und den schwachen Greis zu Boden riß.

Vor ihnen lag das tobende Meer, vom Monde, welcher durch die zerrissenen Sturmwolken hervorblickte, schauerlich erhellt. Die Brandung tönte furchtbar herauf, obgleich des Sturmes Brausen sie überschreien zu wollen schien. Jeden Augenblick hätte man glauben mögen, die von den anschlagenden Wellen zerbrochenen Felsenwände würden mit den Mauern hinab in die Fluth stürzen, denn mit einem Schritte konnte man, von der Schwelle der Wachtstube, den Abgrund hinab ins Meer treten. Jedoch war diese Pforte nicht allein für den Unglücklichen in die Mauer gehauen, welcher freiwillig, oder nicht durch einen Schritt oder Stoß auf immer aus dieser Burg treten sollte, sondern sie führte auch nach einer menschlichen Behausung, welche man aber heute, nicht mit Unrecht, ein Haus des Todes nennen konnte. Aus der Felswand, auf welcher die Wachtstube stand, trat eine Klippe von seltsamer Gestalt weit ins Meer hinaus. So schmal, daß ihre weiteste Breite kaum fünf Fuß betrug, glich sie einem künstlichen Mauergange, welchem die Besitzer des Schlosses über den tiefen Abgrund kühn hinaus nach einem größern, im Meere stehenden, Felspfeiler erbaut hatten. Etwa hundert Fuß vom Ufer endete dieser Felspfad in einem größern Punkte, auf welchem ein runder Thurm erbaut war, der, wenn die verbindende Brücke weggefallen wäre, wie ein, aus dem Meeresgrunde entstandener, Zauberthurm würde ausgesehn haben. Noch furchtbarer erschien die schmale Felsenbrücke dadurch, daß es dem wüthenden Elemente gelungen war, einen Durchgang durch den untern Theil des Felsens sich zu brechen. Indem er alljährlich in den Herbststürmen mehr und mehr abspülte, und der Felsen oberhalb nunmehr sich in freier Luft zu wölben schien, konnte man den schmalen Felsenweg jetzt mit Recht eine Meerbrücke nennen.

Die rauhen Kriegsmänner, und die vielleicht noch verderbtern Häscher, sahen mit stummem Entsetzen aus das furchtbare Schauspiel hinaus. Der hingeworfene Greis betete auf der Erde.

Das ist ein Teufelswetter!

fluchte endlich einer der Dragoner. Keiner unter seinen Begleitern fühlte sich eben aufgelegt zu antworten; man hörte aber den Alten mit klappernden Zähnen ein Gebet murmeln, in welchem die Ausdrücke vernehmlich waren:

Modreb und Morfang, und alle böse Geister, die im Meere wohnen und in der Wye und in der Severn – mögen Dir gehorchen, und die Unholde, die verschlossen sind in den Zinkminen und unter den Wurzeln der Eichen, mögen noch lange geduckt liegen bleiben, bis Deine Gnade Alle erlöset, und das neue Reich kommt, von dem Merlin und der gute König Arthur, und unsere heilige Religion gesagt haben. – Binsig ist die Severn, langsam die Wye, Radnors Thürme standen schon vor Erschaffung der Welt, und in Carnarvon wurde Christus zuerst angebetet.

Ein Dragoner trat mit untergeschlagenen Armen an den Thürpfeiler, sah eine Weile schweigend hinaus, und sagte dann kopfschüttelnd:

Dorthin in den Thurm soll er gebracht werden?

Ja – antwortete der Greis, welcher sich mühsam wieder aufgerichtet hatte – darin werden die gefährlichsten Verbrecher eingesperrt.

Bei Vittoria – sagte der Dragoner – ritt ich der Länge lang bei einem Französischen Bataillon, das Pelotonfeuer gab, vorüber. Wenn ich in dem Sturme auf dem schmalen Streifen gehen muß, wird's nicht um ein Haar anders sein, und nur ein Wunder kann retten.

Was? sagte der Andere, – der Kerl ist zum Tode bestimmt. Sollen wir unser Leben dran setzen, um ihn ins Prison hinüberzubringen. Ich bin nicht furchtsam, aber ohne Noth setze ich nicht mein Leben der Gefahr aus.

Kein Mensch kann sich auf dem Felsen, da er kein Geländer hat, gegen den Wind halten, sagte der erste Constabler.

Plumpen wir ihn herunter? fragte der Zweite.

Ich habe nichts dagegen, sagte der erste Dragoner.

Man muß nur nicht schwatzen, meinte der Zweite.

Wir sagen – fiel der erste Constabler ein – der Wind hätte ihn heruntergeworfen, und dann kräht kein Hahn darnach.

Und, Kinder! es ist keine Sünde – meinte der Zweite – denn hangen muß er durchaus, da er ein grausamer Bösewicht ist, und für den Fall ist es noch eine Wohlthat, wenn wir ihn ins Wasser stoßen.

Obgleich alle Vier im Vorsatz einig waren, so waren sie es doch nicht über die Ausführung, denn keiner wollte zuerst anfassen. Noch zu guter Zeit trat im Haushofmeister ein eifriger Vertheidiger Bertrams auf. Er erklärte, da ihm der Gefangene übergeben sei, so könne er einen solchen unerlaubten Prozeß auf keinen Fall dulden, und werde und müsse davon Anzeige machen, wenn sie ihn nicht etwa selbst mit hinabwürfen. Da hierzu Allen der Muth, und sogar der erste Vorsatz fehlte, entschlossen sie sich lieber noch einmal die Schlacht bei Vittoria zu wagen. Man holte große Stricke herbei, und befestigte sich mit denselben untereinander und an den Pfosten der Wachtstube. Dann schritten die Constabler, in der Mitte der Greis, vorauf, ihnen folgten beide Dragoner, welche den Gefangenen fest unter den Armen führten. Einige Windstöße waren furchtbar. Bertram empfand, als er zu beiden Seiten tief unter sich das tobende Meer erblickte, einen Schwindel, die Dragoner rissen ihn aber mit sich hinüber. Der Greis hatte den Thurm eröffnet, und schon hörte Bertram Ketten klirren. Man zog ihn einige Stufen hinunter, schnitt hier seine Bande entzwei, legte aber dafür an die Füße und wunden Hände eine schwere verrostete Kette. Dann stiegen die fünf hartherzigen Schergen wieder hinaus, die Thüre wurde zugeschlagen, und als sie die Riegel draußen vorschoben, und die Schlösser vorlegten, klang dieser Ton dem Gefangenen wie der Fall der Guillotine auf das Haupt des Vormannes den unglücklichen Schlachtopfern der Französischen Revolution.

Bertram warf sich nieder in das reichlich am Boden aufgehäufte Stroh und weinte bitterlich. Nachdem er eine Weile so gelegen, raffte er sich etwas auf, stützte den Kopf auf den, von der Kette beschwerten, Arm, und schämte sich bei ernsterm Nachdenken, daß er seinen Gefühlen über die ihm wiederfahrne grausame Behandlung so weit nachgegeben habe.

Wie die Sachen stehen – sagte er für sich – so wiederfährt mir ein himmelschreiendes Unrecht. Noch ist nichts gegen mich erwiesen. Wollte ich Reue empfinden, dann paßten die Thränen; jetzt ist es meine Rolle, als freier Mann gegen die mir wiederfahrne Schmach zu protestiren, und den Schutz der Gesetze anzurufen, die nicht durch Thränen erweicht werden.

Als er aber mit der Hand seine Augen trocknen wollte, und die schwere Kette klirrte und die Hand wieder herunterzog, verging der kaum angeregte Muth, und er versank in neue trübe Gedanken.

Ein unglückseliger Einfall, der mich nach diesem Lande trieb! Eine kindische Lust, nach interessanten Abenteuern jagen zu wollen, als ob ich sie mir nicht eben so gut hätte ausdenken können, als sie mich hier zu meinem Elend betroffen haben! – In der treulich erwärmten Winterstube, am freundlichen Abende hätte ich mir die Peinlichkeiten eines nächtlichen Gefängnisses eben so gut vorstellen können, als ich sie jetzt empfinde. Und war diese unaussprechliche Sehnsucht nicht vielleicht eine bloße Täuschung, wie sie wohl oft im aufgeregten Zustande einem mit Phantasie begabten Sinne kommt? –

Je länger er moralisirte, um so mehr empfand er die Peinlichkeit seiner Lage. Die Winterkälte war auf dem einsamen Meerthurme, durch dessen Mauern hie und da wohl der Wind einen Eingang fand, nicht gering, und auf Feurung war man für den Gefangenen nicht bedacht gewesen. Dazu kam die Furcht, vielleicht lange Zeit in dieser furchtbaren Festung gefangen zu bleiben, vielleicht gar der Strenge der Gesetze dieses Landes zu verfallen. Doch peinigte ihn in diesem Augenblicke am meisten das körperliche Uebel: die Kälte. Er hatte bei der Laterne des Haushofmeisters gerade so viel Zeit gehabt, um das Ameublement seines Gefängnisses zu besehen. Dies bestand aber in nichts anderm, als dem am Boden ausgestreuten Strohe. In einem Winkel lagen einige alte Decken, und daneben stand ein Krug mit Wasser, auf welchen ein runder Schiffszwieback gelegt war. Auch jetzt war es nicht ganz finster im Thurme, denn durch drei, an den obern Theilen der Mauer angebrachte kleine Luken, drang der Mondenschein in das Gemach. Bertram konnte daher den Krug finden, einen Trunk zur Nacht nehmen und mit den Decken sich, so gut es ging, umhüllen. Aber ehe er sich niederlegte, trieb ihn die Neugier – wann verläßt uns diese? – noch wo möglich durch eine der Luken hinauszublicken, um über die Lage seines Gefängnisses etwas zu erfahren. Mit beinahe lebensgefährlicher Anstrengung kletterte er an ausgebrochenen Mauersteinen und einigen in der Wand, vermutlich zur Anschließung der Gefangenen, befindlichen Eisen-Ringen, so weit in die Höhe, daß er den Kopf zu der einen Luke hinausstecken, und – das weite Meer, aber auch weiter nichts erblicken konnte. Noch war es in wilder Gährung, und Bertram glaubte ein Schiff nicht weit von dem Schlosse zu erblicken, wie es, halb ein Spiel der Wellen, mit aller Anstrengung kämpfte, um nicht gegen die Klippe geworfen zu werden. Er wollte von der höchst unangenehmen Lage heruntersteigen, strengte aber noch seine letzten Kräfte an, um durch eine Seitenluke nach dem Strande zurückzusehn. Es gelang ihm, und er erblickte auf der steilen Uferwand einen Theil des thurmreichen Schlosses liegen. Alsbald stieg in ihm die Erinnerung des Uferschlosses aus, welches er von dem Französischen Schiffe her gesehen, und das ihn damals so unbeschreiblich angezogen hatte; und als es ihm klar war, daß er in diesem selben Schlosse als Gefangener sitze, verließ ihn seine Kraft, und er sprang auf sein Nachtlager zurück, daß die Ketten um ihn klirrten. Er verhüllte sich in die Decken, raffte das Stroh zusammen, um sich darin zu vergraben, und fühlte auch bald die Früchte dieser Vorkehrungen in einer angenehmen Wärme. Es dauerte indessen noch lange, ehe der Schlaf ihm seine Leiden für den Augenblick verbarg. denn der furchtbar eintönige Schall, wenn das Meer am Felsen brach, und das Geschrei der Meervögel, welche um den einsamen Thurm nisten mußten, tönte ihm noch lange, ihn an die Schrecken seiner Lage erinnernd, ins Ohr.

Zwar lesen wir häufig in den Dichten, daß den gefesselten Gefangenen süße Träume von Errettung vorschweben, und die Kette dem Unglücklichen beim Erwachen aus dieser süßen Täuschung desto furchtbarer klirrt, weil mit ihr die schönen Glaspalläste zerbrechen. Dagegen versichern uns die Psychologen, selten träume ein Unglücklicher von Trost und Hoffnung, sondern den Gefangenen schwebe das Bild des Kerkers, der Ketten, ja der Hinrichtung noch furchtbarer im Schlafe vor, als sie ihm im Wachen drohten. Psychologen sind gewiegte Männer, und den Dichtern ist nicht viel zu trauen; deshalb würden auch wir im vorliegenden Falle gewiß annehmen, und auf Novellistenehre versichern, Bertram habe schreckliche Gesichter von Molchen und Todtengerippen, von Stricken und Guillotinen gehabt; aber da uns der Held selbst das Gegentheil versichert hat, so müssen wir notgedrungen berichten, daß ihm sehr liebliche Erscheinungen im Traume vorschwebten. Der Winter verhandelte sich in Frühling, die Vögel sangen, aus seinem Thurme wurde eine grüne, dunkle Laube, plötzlich öffnete sich die Thüre, Ketten und Riegel rasselten, und als er die Augen aufschlug, stand vor ihm, in wunderbarem Lichtglanze, eine schöne weibliche Gestalt. Schmerzlich blickte sie zu ihm herab, und eine Thräne perlte in ihren Augen. Dann hörte er eine sanfte metallreiche Stimme leise zu ihm sprechen:

Unglückseliger!

Bertram richtete den Kopf auf, sank jedoch vor Mattigkeit sogleich wieder zurück. Er rieb sein Auge, und noch immer stand vor ihm die schlanke Gestalt. In der Blüthe der Jahre, von schöner, edler Bildung, mit Augen, welche Seelenadel und tiefen Schmerz ausdrückten, und dabei in einer eleganten, aber einfachen Kleidung, schien sie eher in fürstliche Prunkgemächer, als in einen nächtlichen Kerker zu gehören. Bei näherer Betrachtung konnte man sehen, daß der Wind in ihren reichen Haaren müsse gewüthet haben, denn der Kamm war herausgerissen, und die Fülle des blonden Hinterhaares wallte über die eine Schulter, während die reichen Seitenlocken in reizender Unordnung umherflogen. Aber auch an Oertlichkeit und Zeit erinnerte ein Umstand. Sie trug einen reichbesetzten Pelz, um sich in ihrer leichten Kleidung vor der Kälte zu schützen; aber der Sturm hatte auch diesen aus seiner gehörigen Ordnung gebracht, nicht ohne durch die Enthüllung der schönen Gestalt neuen Reiz zu verleihen. Bei näherer Betrachtung sah Bertram, daß sie nicht allein in seinen Kerker gedrungen sei, sondern hinter ihr noch eine zofenartige Gestalt, welche eine Blendlaterne trug, auf die Winke der Gebieterin harrend; stand; die Thüre des Thurmes war wieder verschlossen.

Unglückseliger! – sagte die schöne Erscheinung – mit einer Stimme, welche, so leise das Wort auch gesprochen war, doch mit Wehmuth und Schmerz ihn durchbohrte, – Unglückseliger! welcher Wahnsinn hat Sie getrieben? – Sie sind unglücklich – dies verbietet jeden Vorwurf. Aber täuschen Sie sich nicht, weil ich Ihren Kerker besuche, mit thöriger Hoffnung, – ich hielt es für meine Pflicht, so wie ich leichtsinnig Ihnen früher entgegen kam, jetzt, auch mit Ueberwindung weiblicher Scheu, offen mit Ihnen zu brechen – zu scheiden.

Sie verbarg ihr Gesicht auf einen Augenblick am Busen der Vertrauten. Bertram starrte auf, und wußte nicht, was er beginnen sollte. Dann erhob sie sich wieder und sprach:

Verworfner! Was verblendete Sie, zu glauben, durch jenen gräßlichen Schritt, welcher Ihnen den Weg zu meinem Besitz öffnen sollte, meine Liebe, meine Achtung zu behalten? – Einen wilden Mann, der, ausgestoßen durch Verhältnisse, sich seine eigene Bahn – wenn auch eine furchtbare – gebrochen, den konnte ein schwaches Weib lieben: – aber einen gemeinen Mörder, der sich verbunden hat mit dem Abschaum der menschlichen Gesellschaft – darf es nur – hassen. Ich komme, Ihnen auf immer Lebewohl zu sagen. – Das Bitterste bei dieser Trennung ist, daß ich Sie meinetwillen hier in Ketten sehe. Gott aber gebe, daß Sie die furchtbare Schuld, welche Ihr Gewissen drückt, so leicht abstreifen könnten, als diese Fessel. Alle meine Kräfte werde ich anstrengen, Ihnen Befreiung zu bewirken.

Bertram schwieg noch immer. Die Sprecherin entnahm aus den Händen ihrer Vertrauten einen Beutel und warf ihn in einen Winkel auf das Stroh.

James! – Ihr Schweigen sagt mir deutlich, Sie fühlen, daß wir schon geschieden sind. – Aber noch eine Bitte bei unserer früheren Freundschaft: Verlassen Sie diese Gegend auf – immer. Sie werden mich nicht falsch verstehn – in jenem Beutel sind die ersten Mittel zur Flucht – bei der Tollkühnheit Ihrer Freunde wird es Ihnen nicht schwer fallen, auch aus diesem Kerker zu brechen, – die Unsern werden nicht immer wachsam sein. Ist in Ihnen noch ein Funken Edelmuth, so ersparen Sie mir die Bitterkeit, Jemanden, dem ich früher mein Herz schenkte, als geächteten Bösewicht umherschleichen zu sehn, und zittern zu müssen, wenn man einen Verbrecher eingefangen hat.

Mylady! – sagte Bertram und erhob seine Hand. Ehe er aber ein Wort weiter sprechen konnte, ergriff sie hastig diese, drückte sie einmal, und sagte:

Ich habe ihr Versprechen – Fliehn Sie, Unglückseliger, beten will ich für Sie, mehr als für mich, denn ich trage schuldlos mit an Ihrer Schuld – aber nie, nie wiedersehn, und alles zwischen uns geschehene sei vergessen. –

Sie ließ seine Hand los, warf ein Papier ihm zu und eilte, indem sie ihren Pelzmantel um sich schlug, die Stufen zur Gefängnißthüre hinauf. Schnell öffnete sich diese, und Bertram sah, wie ein Officier, dessen rothe Uniform aus dem grauen Mantel hervorblickte, sie draußen empfing, die Thüre zuwarf und die Riegel wieder vorschob. Von Bertrams Worten:

Mylady, beim Himmel, was bedeutet dies?

hörte die Fliehende keinen Laut mehr, oder wollte ihn nicht hören; er dagegen hörte, wie der Sturm draußen fürchterlicher als zuvor toste Er glaubte einen Angstschrei zu vernehmen, und sprang in die Höhe, von dem entsetzlichen Gedanken gepeinigt, daß ein Windstoß sie von dem schmalen Felsstreifen in die Wellen hinabschleudere. Alles vergessend, wollte er nachspringen, und wurde erst aus seinem Traume erweckt, als die Ketten an seinen Armen und Füßen klirrten, und die eiserne Thüre, trotz seines Rüttelns, fest verschlossen blieb. Auf sein Lager zurückgesunken, überlegte er, ob nicht die ganze Erscheinung ein Traum sei, aber zu deutlich sprach Alles in ihm, daß es Wirklichkeit gewesen. Er rief in Fieberwuth aus:

Es muß Wahrheit sein, ein solches liebliches Wesen muß leben. Verschwänden auch mit dem Traume die Ketten, der kalte Thurm und stände ich frei auf den heimatlichen Fluren – gern [wünschte ich] alle diese Schrecken zurück, wenn nur mit ihnen die Erscheinung lebt!

Es wurde ihm aber auch bei ernstem Nachdenken immer klarer, daß es keine Vision, sondern ein wirkliches lebendes Wesen sei, welches ihn in seinem Kerker heimgesucht habe, denn in seinen Händen hielt er das Papier, welches sie ihm zugeworfen, und er wußte, daß ihre Züge die der schönen Ginievra seien, welche er in M*** am Sankt Davidstage gesehn. Ueber den Zusammenhang dieser Erscheinungen und Begebenheiten kümmerte er sich nicht, ihm genügte, daß er sie erlebt; dagegen peinigten ihn zwei Gedanken und Sorgen. Er dachte wie das liebliche Mädchen im Sturme über jene Meeresbrücke mit der größten Lebensgefahr zu ihm sich gewagt, und einer gleichen Gefahr beim Rückwege ausgesetzt habe. Dann aber quälte ihn die Unmöglichkeit, das zurückgelassene Zeichen der Erscheinung, den Brief, zu entziffern. Eine lange, furchtbare Nacht lag vor ihm, bis der Morgen ihm die Möglichkeit gewähren könnte; unruhig warf er sich auf seinem Strohlager umher, sann auf Mittel den Tag früher herbeizurufen und – schlief doch endlich ein, und bis tief in den folgenden Tag hinein.

Als das Licht eines trüben Wintertages durch die vergitterten Fensterluken in den Thurm fiel, erwachte Bertram; und abermals würden ihn die Zweifel, ob es ein Traum sei, oder nicht, gepeinigt haben, wäre nicht das erste, worauf seine Augen fielen, das von der Lady zurückgelassene Papier gewesen. Es war ein geöffneter Brief, und er las in einer, ihm nicht unbekannt scheinenden Handschrift, Folgendes:

»Wenn die Sonne den Wurm, welcher aus dem Kloak hervorkriecht, so gut erwärmt als das edlere Thier, daß sich in ihren Strahlen baden will; wenn sie auf den Räuber im Hohlwege scheint, wie auf die heiligen Männer in den Pallästen: dann mußt Du auch, Ginievra, noch einmal auf die Stimme meiner Verzweiflung hören. Ich lag im welken Laube versteckt, als Du durch den Herbstwald auf Deinem leichten Rosse einhersprengtest, und Du jagtest damals ein edleres Wild als Du glaubtest, wenn Du – einen, der nicht besser war als ein Raubthier, dafür willst gelten lassen. Damals sahen Deine großen, schönen Augen auf mich herab, wie die Sonne auf den Wurm, der aus dem Kloak kriecht. Ginievra! von dem Augenblicke an dachte ich nur daran, wie ich Deiner Liebe könne würdig werden? Mir gelang es Dich zu täuschen, und als Du entdecktest, daß der, welchem Du Dein Herz geschenkt, – ein verworfener niedriger Bösewicht sei; da schaudertest Du zurück, aber Du reichtest mir doch mit abgewandtem Gesicht Deine Hand und sprachst: »Wasche ab Deine Schmach, mein Herz denkt nur des Unglücklichen!«

Ginievra! damals erschien mir, zwischen Dir und mir stehend, ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst, fratzenhaft ausgeschmückt aus Despotismus, Verkennung der Menschenrechte, Unterschied des Standes, – lächle nur – auch Unterschied der Tugend und des Lasters! – Um die Schmach meiner niedrigen Geburt, meines entehrenden Gewerbes, abzuwaschen, um die Kluft zwischen Deiner Hoheit und meiner Erbärmlichkeit, Deiner Bildung und meiner Roheit auszufüllen, – Ginievra! allein um Dich zu erwerben, verschwor ich mich gegen das Gespenst, und wurde der eifrigste unter den Mördern der Catostraße. Ginievra, verachte mich nicht darum! Es gelang nicht, und doch mußte ich entkommen aus den Händen der allergerechtigsten Mörder. Der Himmel selbst sprengte das Schiff, welches mich gefangen fortführte, er riß mich aus den Wellen, die mich zu verschlingen drohten, er gab mir Kraft, den Verfolgungen zu entgehen – um Dich, Dich zu lieben.

Du meinst, ich war ein Schauspieler. Meine Worte mögen aufwendig gelernte Phrasen sein, aber bei Allem, was mir heilig ist, beschwöre ich Dich – meine Gefühle sind wahre.

Ginievra! ich muß Dich sehen, muß Dich sprechen, um Verzweiflung oder Hoffnung aus Deinem Munde zu schöpfen, denn ich traue keinem falschen Papiere, keinem treulosen Hinterbringer. Ich werde mich in das Schloß einschleichen, und kann ich nicht hinein, so laß ich mich gefangen nehmen – denn ich muß Dich sehen. Erschrick nicht, wenn Du mich unter irgend einer Hülle erblickst; aber wenn Du mich los sein willst – so entdecke den Verbrecher Deinem Oheim. Ich kann darum nicht aufhören Dich zu lieben. Befiehl mir, was Du willst. Es giebt keinen Sklaven, der fester an die Kette seines eigenwilligen Herrn geschmiedet wäre, als

Dein

James.«

So pathetisch als der Inhalt des Briefes klang, eben so grammatikalisch und orthographisch unrichtig war die Schrift, und Bertram erkannte in den Zügen diejenigen wieder, welche er in dem namenlosen Zettel gesehen, der ihn bei der Leichenfeier nach dem alten Kloster einlud. Es dämmerte in ihm eine Ahnung, und mannigfaltige Gedanken beschäftigten ihn während des kurzen Tages, bis sich, als es dunkel wurde, die Kerkerthüre öffnete. Diesmal trat jedoch keine Schöne, sondern ein mürrischer Constabler herein. Er hieß den Gefangenen aufstehn, und ihm zu folgen. Bertram verlangte zu wissen, wohin? der unhöfliche Beamte versicherte ihn aber, daß ihn dies nichts angehe, und er weiter nichts zu beobachten habe, als sich zu hüten, daß er und sein Gefährte ihn nicht hole. Bertram verbarg den Brief und näherte sich der Kerkerthüre, sprang aber schnell zurück, als er den andern Diener mit einem grauen Tuchsack ihm entgegentreten, und im Begriffe sah, denselben ihm über den Kopf zu werfen.

Um Gottes Willen, was wollt Ihr mit mir anfangen?

Ohne sich darum zu kümmern, packten ihn aber die beiden handfesten Leute, und ehe er es sich versah, war ihm der Sack über den Kopf geworfen und bis über den Leib gezogen, so daß er nichts sehen und, da die Ketten ihn drückten, sich nicht mehr frei bewegen konnte. Es hieß: »Marsch zu!« und er erwartete, im Gedanken an den gestrigen Mordversuch der Dragoner, nichts mehr, als daß sie ihn von der Klippe hinabstoßen würden. Mit einem Stoßgebet trat er zur Kerkerthüre hinaus. Die beiden Leute nahmen ihn zwischen sich, und er ging zitternd den Felsenweg entlang. In jedem Augenblick fühlte er die Faust des einen in seiner Seite, und seine Besorgniß wurde erst wieder gehoben, als er die Stufen zum festen Schlosse betreten mußte. Man führte ihn jetzt durch viele Gänge, krumme und gerade, Stufen auf und ab, ohne daß er irgend etwas sehen konnte. Endlich hieß man, nachdem er, wie es schien, zwei hohe und steile Treppen erstiegen hatte, ihn stille stehen. Er hörte in seiner Nähe das Gespräch zweier Männer.

Sir Davenant will also, der üblichen Form wegen, zuhören, und als echter Tory, mir, als echten Whig, bezeugen, daß bei mir strenges Recht gehandhabt wird? –

Ich werde beim Verhöre als stummer Zeuge zugegen sein – fiel der junge Mann ein – obgleich ich Ihre strenge Gerechtigkeit im voraus beeiden wollte.

Das würde nicht gelten, Sir Davenant, bei uns, wo nach König Hoel Dha's Gesetzbuch – welcher auch der gütige König heißt – Eideshelfer nur in neun Fällen zugelassen werden. Freilich nach Ihren Sächsischen Gesetzen –

Die Davenants stammen von Normännischem Blute –

Ich sagte Sir Davenant, nach Ihren Sächsischen Gesetzen waren freilich sieben – dreiunddreißig – ja siebenundsiebzig Eideshelfer erlaubt, wogegen König Hoel Dha, hochseligen Andenkens, – bei welchem mein Urahn Gosdepur war, – was so viel heißt als Silentiarius, oder der an der Könige Höfen und Gelagen Schweigen gebietet, wenn der König reden will, und selbst solchen in die Rede fällt, welche erst mitten drein sind im Erzählen, wie es denn selbst mal unserm Vetter Madoc ap Meredith so erging, daß er mitten im Worte Theließin, nachdem er Thelie– gesprochen, unterbrochen wurde, und nicht mehr das –ßin aussprechen konnte, was ihn dermaßen erzürnte, daß Todfeindschaft entstand, und wegen der einzelnen Sylbe ßin die Blutrache funfzig Jahr zwischen den Familien der Madoc ap Meredith und der Conans von Meredith wüthete, und neunzig Häupter, ohne die kleinen zu rechnen, bluten mußten.

Der Gefangene steht, so viel ich bemerke, schon im Winkel.

Richtig, im Winkel mußten die Verbrecher nach dem Herkommen in Powisland stehen, nach denen von Montgomeryshire standen sie aber an den Pfeilern zwischen den Fenstern, wie es in dem Gesang Theließins heißt:

In der Königsburg stand in Mathrafel
Am Mittelpfeiler ein' arme Seel',
Neben ihm, zur rechten und linken Hand,
Recht und Gnade an beiden Fenstern stand.

Ich sehe, Sir Morgan, daß der Verbrecher, gleichviel ob er am Pfeiler oder im Winkel stände, heut nicht entkommen möchte.

Das kann er auch nicht, Sir Davenant, denn nach der alten, Ihnen bekannten, Sage, daß Radwald von Wessex in Walladmor gefangen saß –

Und dort so lange sitzen mußte, bis seine Haare weiß wurden, und als er gegen Lösegeld befreit werden sollte, einen Schwindel bekam, und von der Mauer hinab ins Meer stürzte – das ist mir Alles sehr wohl bekannt, – sagte schnell und lächelnd der jüngere Mann – aber diesmal hindert den Verbrecher einen Schwindel zu bekommen der graue Sack, in welchen er vor der Zeit der Reue und Asche gesteckt ist.

Lachen sie nicht, Sir Davenant! Wenn der Verbrecher vor den Pneeteulu, – was so viel ist als bei Ihnen Maior Domus – geführt wurde, so trug er so lange einen grauen Sack über den ganzen Leib, bis der König oder der Oberjägermeister – wer nun gerade richtete – das hing davon ab, wie bei Ihnen, ob das Haus der Lords, welches über die Pairs richtet, oder die Geschwornen, welche das gemeine Volk besorgen, sprechen soll, nämlich wie der Stand des Verbrechers war? Bis denn der Richter rief: »Die Sonne scheint am Himmel und des Königs Licht auf Erden! Wirf ab, Verbrecher, die Nacht Deiner Sünde und bekenne!« Dann wurde ihm vom Cronsan, oder Hofnarren, der Sack abgezogen, und dieser behielt den Sack.

Aber was wurde mit dem Angeschuldigten?

Gehangen, oder geköpft, oder gespießt.

Aber wenn er unschuldig war?

Ein Unschuldiger wurde nie vor das Gericht eines kynarischen Fürsten gezogen.

Und woher verstanden diese die Kunst, im voraus Schuld und Unschuld zu kennen?

Aus den Sternen und dem Wälischen Instinkt, Sir Davenant. Sie lächeln aber Sie werden sehen, der Instinkt lügt nicht.

Diesmal glaube ich Ihnen in der That.

Wohlan denn, Maxwell, zieh ihm die Kappe ab – dann sagte er etwas leiser, jedoch so daß es der Gefangene verstand – springe aber dann schnell wieder zurück, und setze Dich zu meinen Füßen als Troedjawy, und Du mußt auch, da die andern zu dumm zu dem Dienste sind, als Canwhyllid auf die Lichter sehn, alles gehörig abzumessen. – Mit lauter Stimm rief er dann aus: »Die Sonne scheint am Himmel, und des Königs Licht auf Erden. Wirf ab, Verbrecher, die Nacht Deiner Sünde und bekenne!«

Der Sack wurde dem Gefangenen über den Kopf und abgezogen. Verblendet vom Lichtscheine, erkannte er erst nach einer Weile die Gegenstände. Er fand in einem großen, hohen und gewölbten Saale mit fremdartigen Verzierungen, zwischen hölzernem Täfelwerk hängen, Teppiche mit grotesken Stickereien. An den Simsen wechselten alte Hirschgeweihe, Stierköpfe von unförmlicher Größe, Wolfshäute und Häupter, mit alten Streitkolben, Hellebarden und seltsamen Schilden, wie Bertram sie nur im Staube der M***schen Kirche gesehen. Einzig und allein hätten mit dem großartigen Eindruck des großen Saales die kleinen Fenster contrastirt; man bemerkte diese indessen weniger, da es Abend war, und die ganze Beleuchtung vom Feuer des großen Kamines und zweien Fackeln, welche von zwei baumgroßen, wunderbar aufgeputzten Dienern, in dem Hintergrunde des Saales gehalten wurden, ausging. Außerdem brannten zwar drei Armleuchter auf einem runden, in der Mitte des Saales stehenden, schwarzen Tische; gegen den Fackel- und Feuerschein, und im Verhältniß zu der Größe des Zimmers erschienen die Lichtflammen jedoch nur wie Todtenlampen. An dem Tische saß ein junger Officier und schien Feder und Papier in Bereitschaft zu halten. Vor dem Kamine aber war die Hauptgruppe. Auf einem altväterischen Lehnsessel saß ein Greis mit kahlem Haupte, welches Ehrfurcht einflößen mußte. Aber die Zugabe zum Gesicht, die Körperstellung und der wunderbare Anzug hätten, wenn nicht so schreckenerregende Attribute umherstanden, und ein anderer als ein Criminalgefangener der Zuschauer gewesen wäre, zum Lachen reizen müssen. Der Mann hatte einen rothseidenen, engen und kurzen Schlafrock an, welcher überall mit Gold reichlich gestickt war, und von einem schwarz und silbernen breiten Gurt zusammengehalten wurde. Manchetten blickten aus den Aermeln hervor, und grauseidene Füße mit Schnallenschuhen aus dem Schlafrocke. Diese Füße hatte er auf einen breiten Fußschemmel von Ebenholz gesetzt, auf welchen zu gleicher Zeit ein Diener, es war der greise Maxwell, sich demüthig mit gebücktem Haupte niedergelassen hatte. Es schien als warte dieser eigentlich, daß sein Herr die Füße auf ihn selbst niedersetzen werde.

Ungeachtet ein Wolfsfell mit versilberten Klauen und silbern beschlagenem Kopfe über der Rücklehne seines Stuhles hing, und ein unförmlich großes Schwert von dem dienenden Hausmeister zu seinen Füßen gehalten wurde, so glich doch die Gestalt mehr einer chinesischen Pagode, als einem Richter unserer Zeiten; und auch der wüste ungeheure Charakter des Saales paßte zu der phantastischen Gestalt eines chinesischen Zauberers. Wenn aber auch Bertram eine dergleichen Vorstellung in den Sinn kam, so überwanden ganz andere Gefühle seine Lust zur komischen Beobachtung.

Der alte Mann richtete sich etwas von seinem Sessel auf, und gab ein Zeichen, daß der Gefangene sich nähern möge. Dieser folgte dem Befehle, schlug aber, statt, wie der Friedensrichter zu erwarten schien, zu sprechen, die Arme übereinander und blickte so fest und strenge auf diesen, als dieser selbst vielleicht gewillt war, zu erscheinen. Entrüstet sprach der Greis:

Wie kommst Du zu dieser Frechheit?

An Bertrams Händen hatten aber die Ketten, während der Gefangenschaft im Thurme, nur das bittere Gefühl einer vermeinten Kränkung erweckt, und ihn, wenigstens für den Augenblick, nicht mürbe gemacht. In heftigem Trotze trat er einige Schritte vor, rasselte mit den Ketten, und rief aus:

Ich frage: wer, gegen Gesetz und Recht, mich wie einen Bösewicht gefangen hält? wer mir Ketten angelegt hat? wer sich berechtigt glaubt, mich als einen Verbrecher verhören zu wollen? –

Wenn Bertram geglaubt hatte, durch diesen Ungestüm den Richter zu erschrecken, so befand er sich im Irrthum. Trotz seines Alters, trotz der Gebrechlichkeit und der Ausstaffirung mit lächerlichen Attributen seiner Würde, wohnte ein fester Geist in dem alten Manne, und ohne seine Stellung zu verändern, oder auch nur die Augen größer zu machen, antwortete er:

Ich Morgan Walladmor, Baronet, Friedensrichter dieser Grafschaft.

Ist es Recht und Sitte in England, einen Fremden auf der Straße zu ergreifen, ihn furchtbar zu mißhandeln, ihn in einen Kerker zu werfen? – Ich verlange meinen Ankläger zu sehn, wie es nach Englischen Gesetzen der freie Mann verlangen kann – es müssen bereits vierundzwanzig Stunden seit meiner Gefangennahme verflossen sein.

Der Squire wendete sich lächelnd zum Officier, und sagte:

Er scheint vergessen zu haben, daß Ihre Minister die Habeas-corpus-Akte, das Palladium dieser Leute, haben suspendiren lassen!

Und ich will nicht glauben – erwiederte der Officier – daß Sir Morgan es für diese Leute würde vertheidigt haben!

Wer ist mein Ankläger? – rief Bertram erhitzt aus, und trat, vom Aerger übermannt, an den Tisch in der Mitte des Zimmers, schlug auf denselben, daß die Ketten laut gegen das Ebenholz klirrten, indem er die Worte wiederholte:

Wer ist mein Ankläger?

Der Officier sprang entrüstet auf, und rief:

Gewalt!

Ohne von seinem Platze sich zu bewegen, befahl der Friedensrichter den Constablern:

Schließt ihn fester zusammen, und führt ihn in den Thurm!

Bertrams Protestiren half ihm nichts, man legte die Ketten fester um seinen Arm, warf den unglücklichen Sack ihm über den Kopf, und führte ihn ab. Als er fort war, sagte der Squire:

Sir Davenant! Wir können doch auf Ihre zehn Dragoner rechnen?

Sie bleiben so lange im Schloß, als Sie es für gut achten.

Nur auf sichern Hinterhalt gestützt, konnte der Verbrecher sich gegen einen Walladmor solchen Trotz erlauben, als selbst Heinrich Perry gegen den großen Glandower nicht zu zeigen wagte.

Dürfte ich Sie erinnern, Sir Morgan, daß es räthlicher scheinen möchte, gegen einen so verwegenen, und der Gesetze kundigen, Bösewicht lieber die Gerichtsformen Ihrer glorwürdigen Ahnen zu verlassen, und die einfachen, im vereinigten Königreiche üblichen, zu gebrauchen?

Sie sind ein Mann von Verstande, Sir Davenant, und verständige Männer achte ich. Sie kennen meine Schwäche, die schönen Zeiten unserer Herrlichkeit zurückführen zu wollen; aber die Walladmors können auch Schwächen überwinden, und Sie haben Recht. Zu Gunsten so niedriger Verräther wäre uralte Kymrische Trefflichkeit gemißbraucht.

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