Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Wandle, wandle am Meeresstrande,
    Wandle unten am tiefen Moor,
Wandle drunten am sikernden Bächlein,
    Wo ich und mein Liebster gingen zuvor.
Ich lehnte mich an eine hohe Eiche
    Und glaubte es wäre ein fester Stamm;
Erst beugte er sich und, ach, dann brach er,
    Und so that auch mein Bräutigam.
Schottisches Lied.

Laßt uns bald aus dem gräulichen Mönchskuttennest fortziehn, wo die Fledermäuse ehrliche Perrücken zernagen, und in jedem Winkel geschrieben steht: Hier ist's nicht geheuer!

Und, Sampson, – sagte der Irländer – die Kerle in den Winkeln versteckt sein könnten, um unversehens über uns herzufallen.

Hm! was das betrifft – meinte der Constabler – so haben wir keine Furcht; aber Fledermäuse und böse Geister – und ich traue nicht den alten Wälschen Mönchskutten, die das Abracadabra und die Cabale wußten.

Still doch – fiel der Irländer ein – der Squire weiß ja auch in des alten Merlin Büchern zu lesen.

Aber – sagte ein Dritter – wir frieren von dem Nachtmarsche, dem nächtlichen Lauern, und sind hungrig und durstig.

So zünden wir, mein Sohn, draußen im Freien ein Feuer an, und gießen den Kapwein in die Kehle, welchen wir unterwegs der alten Galgenhexe abjagten.

Der kleine Trupp stieg alsbald die verschiedenen Treppen, den Gefangenen in der Mitte, hinunter, ging mit gehöriger Vorsicht durch die verschiedenen, meist mit hohem Schutt überdeckten, Höfe, und gelangte endlich durch ein noch ziemlich erhaltenes hohes Gothisches Thor auf eine erhöhete Platteform, welche vor dem Eingange ins Kloster lag. Hier wurde Halt gemacht. Nur zwei Mann blieben zur Bewachung des Gefangenen, während die Andern Holz herbeischleppten und allmälig ein mächtiges Feuer anzündeten, um welches die Gesellschaft sich alsdann traulich lagerte.

Warum so trostlos, Du wackeres Blut?– sagte Constabler Sampson zu seinem Gefangenen. –

Die Welt ist weit, und die Schlinge eng,
    Drum niemals an die Schlinge denk',
Sondern frisch in der weiten Welt rumspringe,
    Denn nach kommt Dir von selbst die Schlinge.

so heißt's im alten Liede, und so dacht' ich auch, als ich noch jung und ein Springinsfeld war. Mit der Zeit kommt Rath und Tugend und was man sonst von Solidität braucht.

Aber Sampson – sagte der Irländer – bei ihm wird's mit dem Springen bald aus sein, die Welt ist für ihn nicht mehr sehr weit, denn bis an die Hände ist die Schlinge schon gekommen, und lange wird's nicht dauern, so sitzt sie fest am Halse, und dann kommt der letzte Sprung, wo einen der Himmel gleich oben behält.

Halt's Maul, röthköpfiger Mac Kilmary, und mach' mir den Jungen nicht trostlos. In meiner Jugend stand ich wohl schon weiter als der, und bin doch noch zur Tugend, zum langen Leben gekommen, und bin ein Mann im Staate.

Ja, ich erinnere mich, Du standst schon auf der Leiter!

Und Du, Mac Kilmary, hast schon in den neunziger Jahren in Tiperary gebaumelt, wardst aber noch bei Zeiten abgeschnitten. Weil's dazumal in Irland viel Arbeit gab und wenig tüchtige Meister, so wurden pure Dilettanten dazu genommen, wo's denn manchmal sehr schlecht gerieth. Du trägst auch noch von der Zeit ein Halstuch unentgeldlich um den dürren Hals.

Und Du, Sampson, kriegtest die rothe Nase vor Schreck.

Still, ich habe mich nie erschreckt, außer vor'm – Gott sei bei uns. – Und so sah doch wahrhaftig der hübsche, gute, drelle Teufelskerl, der damals Himmelscommissionair und Spediteur war, nicht aus! Aber, was ich sagen wollte, immer curagöse, mein vortrefflicher Freund. Ich an Deiner Stelle würde mich freun, daß ich in die Gesellschaft ehrlicher Leute gerathen wäre, und fort von solchem schuftigen Freunde, welcher in der Noth fortlief und mich allein ließ. Pfui, daß es so schlechte Kameraden giebt! Da siehst Du, wie man sich auf gottlose Buben verlassen kann, wie die Stränge in der Noth reißen, und wie Tugend allein zu einem gottseligen Ende führt. O ich könnte Dir noch vielerlei Erbauliches sagen, aber ich denke immer: wozu? – Hängst Du, so erfährst Du's doch noch zeitig im Himmel, und hängst Du nicht, so vergissest Du es doch wieder.

Das Feuer, Sampson, denk' ich, ist jetzt hoch genug – sagte der Irländer – und wir können nun an's Wärmen gehn.

Die Constabler und Schergen setzten sich um's Feuer und holten aus einem Tragekorbe, den sie vermuthlich einem der Weiber, welche die Contrebande ins Land vertragen, abgenommen hatten, einige Flaschen heraus, und ließen sie in der Reihe umhergehn. Auch dem Gefangenen hatte Sampson die Freundlichkeit einen Trunk anzubieten, und da dieser, seiner gebundenen Arme wegen, nicht selbst zugreifen konnte, hielt er ihm sogar die Flasche an den Mund. Es war dies aber nur ein oberflächlicher Zug des Mitleidens, wie man ihn häufig bei rohen Naturen findet. Als die Flasche in beständigem Kreisen blieb, wurde die Gefälligkeit unserm Gefangenwärter zu lästig, und er begnügte sich damit, selbst für Bertram zu trinken. Dieser überließ sich dafür den Betrachtungen über seine sonderbare, und, wie er sich gestehen mußte, gefährliche Lage. Mächtiger fesselte ihn jedoch für den Augenblick die wunderbare Scenerie, welche seinen Augen ringsumher sich darbot. Der Snowdon umgab in einem Halbkreise die Gegend, und schien bei der Dunkelheit der Nacht alle die kleinen Hügel und Vorberge in seine schwarze Masse aufzunehmen. Vor ihm aber lag das Kloster, dessen Spitzen der Mond silberweiß beschien, dessen Thor und äußern Mauern aber das Wachtfeuer röthete. Die Partie an dem letztern, in welcher Bertram eine passive Rolle mitspielte, gab der grauenvollen und doch schönen Mondgegend den letzten romantischen Anstrich, und machte es wünschenswerth, daß ein Wälischer Zauberer den alten Salvator Rosa aus seiner Gruft heraufgezaubert hätte, um sie mit dem Pinsel zu verewigen.

Die rohen Schergen achteten aber auf nichts weniger, als auf die Schönheit der Gegend, sondern beschäftigten sich eifrig und allein mit einem wichtigern Gegenstande. Es war die Rede von der Theilung des Gewinnstes für die Gefangennahme unseres Helden, und schon war der Streit in ein lautes Toben ausgeartet, als Bertram die Worte hörte:

Daß Dich – es versteht sich, daß hier kein Rang und Unterschied gilt, und wir alle nun zu gleichen Theilen kriegen.

Gott vor – schrie Sampson – Ordnung gilt überall. Klar wie Sonnenschein im October ist's daß ich, als Anführer und Genie 300 Pfund bekomme, und Ihr theilt Euch in die übrigen 200 Pfund.

Was? Acht Mann 200 Pfund! schrie der Irländer.

Du kriegst gar nichts, Mac Kilmary – denn Du bliebst hinten zurück und trautest Dich nicht mit auf die Mauer.

Nein, rothes Haar scheidet aus! – schrieen Alle, ohne daß sie deshalb im Uebrigen mit der Bestimmung des Constablers zufrieden schienen. Der Irländer appellirte aber mit kreischender Stimme dagegen.

Ich bekomme eigentlich die Hälfte, denn ich habe ihn erkannt.

Keinen Farthing mehr, als Du werth bist, und dann mußt Du noch herausgeben.

Mac Kilmary sprang auf und ballte die Faust: Daß Euch Alle – Er hatte aber kaum ein Wort ausgestoßen, als ein Schuß fiel, gleich darauf folgte der zweite, dritte, vierte, und ein wildes Geschrei erhob sich in einiger Entfernung.

Haut sie nieder!

Der Constabler war getroffen rücklings übergefallen. Voll Geistesgegenwart rief er indessen noch dem Irländer zu:

Pack ihn, Mac Kilmary, daß er uns nicht entläuft!

Mac Kilmary war aber der erste gewesen, welcher Reißaus genommen hatte, einige Andere waren ihm gefolgt; zwei Beherztere wollten den Befehl des Constablers ausführen, sie erhielten aber plötzlich so furchtbare Stöße in die Seiten und ins Genick, daß der Eine ins Feuer taumelte, der Andere auf den verwundeten Constabler stürzte. Alles schrie und fluchte, und in dieser Verwirrung fühlte Bertram sich von zwei stämmigen Kerlen unter die Arme gegriffen, welche ihn, ehe er nur daran denken konnte, was er zu thun habe, mit sich fortrissen und ins Dunkel des nächsten Dickichts schleppten. Hier, wo Niemand von der Helle des Feuers aus sie entdecken konnte, machten sie auf einen Augenblick Halt und schnitten dem Gebundenen die Stricke entzwei.

Verpuste Dich einen Augenblick – sagte der Eine – und dann mit uns durch dick und dünn, wenn wir den Hunden entlaufen. –

Unsere Artillerie hat gut salvirt, Niklas! – sagte der Andere.

Ein glücklicher Schuß! erwiederte Niklas. – Er traf das dicke Schwein, den Sampson, in den Arm. Wir werden nun wohl einige Wochen vor ihm Ruhe haben.

Bertram sah das bunte Schauspiel am Feuer von seinem sichern Standpunkte aus. Noch wälzten sich drei Leute am Boden umher, drei waren noch auf der Flucht begriffen, und die drei Uebrigen, in der Meinung, der Hauptangriff könne und werde erst jetzt erfolgen, stellten sich in Positur zur Vertheidigung.

Ob wir den Kerlen noch eine Salve geben, Niklas! – fragte der Zweite – sie stehn gar zu possirlich da, und es wäre doch Ruhm für uns, wenn wir nicht allein, zwei Mann stark, neun Constablern einen Gefangenen abgenommen, sondern sie auch noch angegriffen hätten.

Nicht doch Toms! Wir haben schon Ehre genug. Du hast Dein Manövre trefflich ausgeführt. Sie mußten glauben, von vier Seiten kämen die Schüsse. Aber schießen wir jetzt, so verrathen wir die Richtung unserer Flucht, und diesmal – sagt mir mein kleiner Finger – ist mit der Hetze nicht zu spaßen. Sie haben einen Hinterhalt.

Wie Du meinst, Niklas. Ich verstehe das nicht.

Ueberhaupt ist's am besten, Du schleichst Dich allein nach Hause. Jemehr wir sind, um so gefährlicher ist's.

Auch gut, Niklas! sagte der junge Mensch, und war, ehe sich Bertram versah, im Gebüsch verschwunden.

Toms ist der geschickteste Bergkletterer in Wales – sagte Niklas – er klettert Dir bei Nachtzeit über den hohen Rücken des Snowdon, da wo ich's nicht wage bei Tageszeit zu steigen. Er ist sicher, nach Hause zu kommen, aber wir, – die wir das nicht nachthun können, müssen schon sehn, wie wir uns am Fuß der Berge durchstehlen. Nimm Deine Füße zusammen, und folge mir so leise Du kannst, und wenn's geht, halte selbst den Athem an.

Ueber Berg und Busch, durch Hohlwege und tiefe Kiesbäche ging die Flucht. Sie stiegen mit Anstrengung und Gefahr die jähe Wand einer tiefen Schlucht hinab, und von unten sah Bertram hoch über sich, aber in kleinerem Verhältniß, die mondweißen Ruinen des Klosters. Ein unbedeutendes Bächlein rieselte tief unten in der Schlucht, welche nur ein furchtbarer Strom einst in der Vorzeit konnte gebildet haben. Niklas suchte und fand hier seinen herabgeworfenen Mantel, und dann eilten beide auf dem unebensten Wege von der Welt längs dem Bache auf wild durcheinander geworfenen Steinen dem flachen Lande zu. Oft strauchelte Bertram, und Niklas, welcher, bekannter mit dem Wege und geübter im Springen, schon weiter vorgerückt war, mußte zurückkehren, um dem jungen Manne auf die Beine zu helfen. Endlich betraten sie einen geebnetern Fußsteig, welcher sich durch gewaltige Felsstücke und wildes Strauchwerk hindurchwand, jedoch einen sehr bewanderten Ortskundigen verlangte, um nicht übersehen und verfehlt zu werden.

Erst als auch auf diesem Bertrams letzte Kräfte erschöpft schienen, erblickte er durch das dicke Gestrüpp vor sich eine weite, vom Monde erhellte, Ebene. Er fand seinen Begleiter ungefähr im letzten Buschwerk stillstehend, und auch er freute sich, eine Gelegenheit zum Ausruhen zu finden, und lehnte sich erschöpft an einen verdorrten Weidenstamm.

Du freust Dich wohl auf die kreideweiße Mondaussicht, Herr Bertram? Ich möchte diesen unnützen Illuminanten, der eigentlich für Niemand auf der Welt ist, als für ganze und halbe Kranke, nämlich Mondsüchtige und Poeten, unter die Erde wünschen, denn ein betriebsamer Mann versteht auch im Dunkeln seine Wege zu finden, und der ungerufene Vermittler oben dient nur den Leuten, welche ehrlichen Leuten auf die Finger sehn, ihr ungebetenes Amt zu erleichtern.

Du bist noch munter, Niklas.

Sprich leiser! – Das denk' ich übrigens bis an die letzte Staffel zu bleiben. Eine melancholische oder empfindsame Seele würde schlecht zu meinem Metier passen.

Niklas!

Um Gottes Willen nenne mich nicht so häufig bei Namen. Es taugt überhaupt nicht, daß Du den Namen weißt; denn Namen können gefährlich vor Gerichte werden, und es genügt ja unter braven Leuten, den Werth des Freundes zu kennen. Sonst ist mir der Name Nicolao, den ich in den Mexikanischen Gewässern führte, auch lieber.

Nun worauf sinnest Du, Nicolao?

Ich bedenke, daß ein längerer Verzug immer gefährlicher wird, und ich bis dahin noch keinen bessern Rath habe ausfindig machen können, als daß wir uns trennen. Glaube nicht, daß ich Dich verrathen will, aber, bei den Gebeinen aller Heiligen in Wales! Du kannst nicht mit mir die gefahrvollen Wege kriechen, springen und schleichen. Lieber hätte ich Dich mit dem Toms über die Berge geschickt.

Ich glaube den Toms zu kennen.

Er ist der Sohn der verrückten Gillie, und so treu mir, wie die Alte toll ist. – Bertram, es gilt Eile. Siehst Du dort auf der weiten Haide den schwarzen Punkt? – Es ist ein alter Stein. Von dort wendest Du Dich links, dann beim Torfgraben rechts, und wenn Du auf der Höhe bist, siehst Du etwa eine Meile von Dir ein kleines Gehöft. Da wohnt Valentin Skimbleskamble. Der nimmt Dich für diese Nacht auf. Lebewohl – ich kann Dir nichts Besseres rathen.

Nicolao! ich will lieber mich den Häschern übergeben. Man kann mir ja nichts beweisen.

Willst Du ein Narr sein? – fuhr dieser auf – Schon mit mir Umgang gepflogen zu haben, spedirt Dich an den Galgen, und Du kannst Deine Sünden apart in der Tasche behalten. Thue, wie ich Dir sagte, und – nun in Kurzem seh ich Dich wieder, und dann sprechen wir mehr – ich finde Dich überall auf. Eile, ehe das Schneewetter aufkommt und Deine Tritte verräth.

Kaum hatte Nicolao diese Worte ausgesprochen, als er auch schon aus Bertrams Augen verschwunden war. Bei der Berathung, die der letztere mit sich selbst darüber anstellte, welchen Weg er einzuschlagen habe, wurde bald, durch die augenblickliche Furcht vor der Wiederergreifung, der Rath der vernünftigen Ueberlegung: sich selbst zu überliefern, überstimmt, und er schlug den ihm bezeichneten Weg über die weiße Haide ein. Obgleich ermüdet und erschöpft, rannte er doch mehr als daß er ging, denn Kälte und Furcht hatten sein Blut erstarrt, und gaben ihm doch zugleich momentane Kraft. Ueberdies zogen Schneewolken drohend am Himmel herauf, und wenn er auch weniger, als sein Führer, wegen des möglichen Verrathes besorgt war, so erschienen sie doch dem nächtlich Verirrten auf einer gränzenlosen Haide furchtbar genug. Noch erhellte zwar der Mond einen Theil der Haide, aber immer näher und näher zog die schwarze Umhüllung am Himmel, und verdunkelte demzufolge auch den größeren sichtbaren Halbkreis der Erde. Bertram war nicht ohne Aberglauben, er hatte viel von den Elfenkreisen beim Mondschein auf grünen Wiesen und rothen Haiden gehört; der Gedanke an diese lieblichen Schöpfungen der Volksphantasie machte aber hier der Ahnung finsterer Dämonen Platz, und er gestand sich den Wunsch zu, einen Begleiter zu haben, wäre es auch ein der Gegend nicht mehr Kundiger als er selbst. Indessen fand er den bezeichneten schwarzen Stein auf, und wandte sich von hier aus links, der Anweisung Nicolaos zufolge. In der Nacht wird dem Wanderer die halbe Meile zur ganzen. Auch Bertram glaubte, daß, wenn er sich nicht verirrt hätte, er schon längst an dem bezeichneten Torfgraben müsse angelangt sein, ohne mit aller Anstrengung des Auges auch in der weitesten Ferne einen zu entdecken. Im Unmuthe, welcher an Verzweiflung gränzte, blickte er noch einmal zurück, und sah, daß der hochhervorragende Thurm des Klosters röthlich erleuchtet war, ein Zeichen, daß die Häscher, noch in seiner Nähe gelagert, die Wiedereinbringung ihres Gefangenen nicht aufgegeben hatten. Dieser Umstand beschleunigte seine Schritte. Halb blindlings rannte er gerade zu, und als er auf einen Torfgraben stieß, – ob es der rechte war, wissen wir selbst nicht – wandte er sich rechts um, und glaubte, nachdem er eine kleine Höhe gewonnen, wirklich in einer gewissen Entfernung das angedeutete Gehöft zu erblicken. Der Himmel war indessen jetzt so bewölkt, daß kein Mondenlicht ihm den Weg zeigen konnte; er beeilte deshalb immer mehr seine Schritte, um die Richtung bei der zunehmenden Dunkelheit und dem zu befürchtenden Schneegestöber nicht ganz zu verlieren. Athemlos stieß er, als die ersten Schneeflocken herabfielen, an das Gebäude, ehe sein Auge es wieder entdeckt hatte. Er tastete umher, eine Thüre zu finden. Statt deren entdeckte er aber eine steinerne Treppe, und stieg eilends hinauf. Oben angelangt bemerkte er aber zu seinem Erstaunen, daß weder Thür noch Haus vor ihm stehe, sondern er selbst sich auf einer freien Platforme befinde, auf welcher nur einige Pfeiler aufgerichtet erschienen.

Es war, wie er sich bald überzeugen mußte, der Galgen. Aber nicht das Schrecken dieses furchtbaren Ortes allein überkam den Verirrten, sondern es richtete sich auch aus dem Schatten des mittelsten der drei Pfeiler eine lange Gestalt auf, und stieß einen entsetzlichen Schrei aus. Schon die vorhergehenden Ereignisse hatten Bertrams Muth untergraben. Einen Flüchtigen kann das Niederfallen des welken Laubes erschrecken, und wen die Verfolgung von Menschen in Angst setzt, für den wird aus der Furcht ein Gespenst. Ein solches glaubte auch Bertram in der sich erhebenden Gestalt zu erblicken, als er plötzlich sich umwendete und die Treppe des Gerüstes wieder hinunter eilen wollte. Aber die Gestalt war eben so schnell als er, und faßte ihn am Rockschoß, indem sie mit herzerschütterndem Tone die Worte ausstieß:

Kommst Du mein Sohn? – Juchheißa, juchheißa! Ich bin ja Deine Mutter. – Ich habe Dich so lange gerufen – ich habe Deinen Strick gerungen und gewunden und alle Worte gesprochen – aber Du hörtest nicht, oder der Böse mußte Dich festhalten. Komm Gregory, freu Dich einmal mit der Mutter. Alle Jahr, seitdem sie Dich hingen, bin ich am Tage hergekommen, und habe dem Squire geflucht und Dich so laut gerufen, und alle Geister in Wales habe ich beschworen, Dich einmal heraufzulassen, daß Deine Mutter Dich herzen könnte, und fragen, wie es Dir geht?

Sie zog, mit zitternden Händen zwar, aber mit gewaltiger Anstrengung den von Fieberfrost überschütteten Bertram zurück.

Gregory, mein Sohn! Bleib doch noch einen Augenblick. Der Hahn kräht ja noch lange nicht. Ich will Dir Alles erzählen, wie ich Dich rächen will, und Pflaster auf Deinen rothen, wundgeriebenen Hals legen. Das wollte ich Dir schon so lange erzählen, und Du bist nie gekommen. O ich bin eine treue Mutter:

Bei Schnee und Regen, bei Wind und Wetter,
      Hab ich immer an Dich gedacht;
Bei kaltem Nebel stand ich am Fenster
      Und habe das Feuer für Dich angefacht.

Aber Du kamst nicht, Gregory! und ich bat doch so sehr, so sehr, so sehr. Dein Bruder Toms ist ein schlechter Mensch – Das wollte ich Dir auch sagen – der dient dem Squire, und dem Bösen auch – aber ich sage Dir ganz gewiß, es wird dem Squire nicht helfen, und dem Toms nicht helfen, – er wird doch hängen, wo Gregory hing, – hängen, dem ich's geschworen habe. Komm doch an mein Herz, Gregory! –

Während das Weib seinen Rock fahren ließ, um ihn mit ihren dürren Armen zu umfassen, riß er sich loß, sprang mit zwei Schritten die Treppe vom Galgen hinab, und rannte, von entsetzlichem Grauen beflügelt, querfeldein, nur um dem Schreckensbilde zu enteilen. Hinter ihm her rief das wahnsinnige Weib vom Gerüste herab:

Gregory! lieber Gregory! komm wieder! – Ach Du bist nur ein Nebelbild. – Der Wind wird Dich zerstieben, und die Schneeflocken treiben – treiben – treiben. Gregory! Gregory!

Noch lange hörte Bertram den kläglichen Ruf Gregory! Gregory! hinter sich herschallen, bis die Entfernung und das immer stärker werdende Schneegestöber jeden Laut erstickte. Es war finstere Nacht, und nur das blendende Weiß des Schnees, welcher schon das ganze Moorland bedeckt hatte, gab eine Art von Erleuchtung. Dennoch war für ihn weder die Spur eines Weges vorhanden, noch wußte er auch nur im Allgemeinen die Richtung, welche er zu nehmen habe. Der Schnee schien bereits stellenweise die Eisdecke des Moorlandes erweicht zu haben, denn mehrere Male versank er bis an die Knie, und arbeitete sich nur mit Mühe wieder heraus.

Kälte, Hunger, Durst, auch gänzliche Erschöpfung, ließen ihn schon den verzweiflungsvollen Entschluß fassen, da er nirgends einen Ausweg sah, und vielleicht bis weit nach Anbruch des Wintertages im Schnee hätte waten können, sich irgendwo niederzulegen, und in den Schnee selbst, welcher ja nach den Aussagen der Nordlandsreisenden die Eigenschaft zu wärmen besitzen soll, zu vergraben. Es war aber ein scheinbar noch empfindlicherer Unfall, welcher dieses verzweiflungsvolle Vorhaben ihm wieder aus dem Sinne jagte, und eher neuen Muth zur Ausdauer lieh. Er stürzte plötzlich beim Weiterschreiten in einen Torfgraben. Während er anfangs nur bis über das Knie im Wasser stand, sank er, bei dem Versuche auf der Seite, wo er hineingefallen war, herauszusteigen, bis an die Brust hinein, und gelangte nur nach großer Anstrengung auf der entgegengesetzten wieder an's Trockene. Er gelobte sich, nie wieder freiwillig eine Tour in der Nacht zu unternehmen, ja bei der ersten Gelegenheit ein Land zu verlassen, in welchem ihn die abenteuerlichen Begebenheiten mehr als einmal in Lebensgefahr gebracht hatten. Jedoch hatte der Unfall die erstarrten Lebenskräfte wieder gereizt, und da er bei der Nässe des ganzen Körpers für den Augenblick nicht daran denken konnte, sich ruhig niederzulegen, so strengte er sich an, nicht allein weiter zu gehen, sondern sogar zu laufen, um durch Reibung die längst entflohene Wärme wieder zu gewinnen. Bei dieser schnellen Bewegung, welche jede Vorsichtsmaßregel ausschloß, stieß er abermals mit dem Kopfe an einen Gegenstand. Diesmal aber erweckte ihm dieser Umstand statt des Schreckens nur Hoffnung. Es war eine hohe Stange, wie man dergleichen in weiten Moorgegenden und auf Gebirgen zur Bezeichnung des Weges für den Fall des hohen Schnees aufzustecken pflegt. Seine Erwartung täuschte ihn nicht. In einiger Entfernung fand er die zweite Stange, bald die dritte, vierte u. s. w., bis er endlich auf einen wahrscheinlich bewohnten Fleck stieß. Zwar sah er weder Haus, noch Baum, noch Zaun vor sich, aber selbst ein ganzes Dorf würde in diesem Augenblicke mit seinen, vom Schnee bedeckten, Dächern unsichtbar gewesen sein; jedoch hörte er das Blöken von Schafen. Selten hatte ihm so das Herz vor Freude geklopft, als jetzt bei diesem Tone. Er eilte auf den Ort zu, und fand bald einen nicht hohen Zaun, über welchen er ohne Bedenken stieg; auch fühlte er die äußere Mauer eines Hauses, ohne jedoch eine Thüre entdecken zu können. Dagegen stieß dicht an das gemauerte Haus ein hölzerner Stall, aus welchem der für den Verirrten so angenehme Ton der Schafe kam.

Mancher geneigte Leser wird, wenn er an seinem, mit trefflichen Steinkohlen gefüllten, Kamine, oder gar im Sommer dieses Kapitel liest, sich des Lächelns nicht enthalten können. Wer aber, aus Lust oder Noth, im Winter eine Hochschottische Haide durchwandert und sich im Nebel verirrt hat, weiß, welche Seligkeit für den Ermüdeten und Erstarrten ein dampfender Schaafstall gewährt. Der Novellist spricht hier aus eigener Erfahrung. Auf einer romantischen Fußpartie von Edinburg aus nach den nordwestlichen Theilen von Strathnavern verirrte er sich mit seinem, seit zehn Jahren verschiedenen, in seinem Angedenken aber immerfort lebenden Freunde Thomas Vanley, Esq. Nachdem sie mehrere Stunden auf der Novemberhaide durch die dicksten Nebel gewandert, und von dem Moorgrunde und der feuchten Luft durchnäßt und erstarrt waren, entdeckten sie am Abhange eines der kahlen Patrik-Hügel eine einsame Hürde. Sie stand ganz abgesondert von allen menschlichen Wohnungen, und selbst der Hirt hatte sich in dieser Nacht, vielleicht einer Liebschaft wegen, fortgestohlen; doch fanden wir etwa funfzig Schaafe in dem eben erst mit reinlichem Stroh versorgten Stalle. Unverdrossen kletterten wir über die Thorleitern, und suchten unser warmes Lager zwischen den friedlichen Thieren. Noch oft versicherte späterhin Thomas Vanley, daß, obgleich er bekanntlich in Indien alle Genüsse eines Nabobs, während seines dortigen Dienstes unter Lord Wellington, gehabt, doch kein Indisches Lager ihm so erquickend gewesen, als jenes Strohlager unter den Schafen am Patrik-Hügel.

Zu seiner Freude fand Bertram die große Stallthüre nur angelehnt. Ohne Geräusch öffnete er sie gerade so weit, um mit seinem Körper sich durchdrängen zu können, schloß sie dann wieder behutsam und stieg über die große Leiter, welche den Eingang versperrte. Nun tappte er in gebückter Stellung, indem er mit den Händen zuvor den Boden sondirte, weiter; konnte, dieser Vorsicht ungeachtet, es aber nicht verhindern, daß nicht die erweckten Schaafe, wie es gewöhnlich ist, wenn ein Fremder in den Schaafstall dringt, ängstlich blökend vor ihm flohen, und sich in den entferntern Theil des Stalles drängten. Größer aber war sein Schreck, als er plötzlich mit den Händen auf einen Gegenstand anderer Art stieß, einen lang ausgestreckten menschlichen Körper. Er zog schnell die Hände zurück, und verhielt sich mäuschenstill. Als er aber am Schnarchen bemerkte, daß es ein in tiefem Schlafe begriffener Mensch sei, stieg er vorsichtig über ihn weg, und suchte sich im entferntesten Winkel des Stalles ein weiches und warmes Lager. Er verstand zu seinem Glücke die ursprünglichen Bewohner des Stalles sich zu befreunden, und bald lagerten sich zu seinen beiden Seiten zwei wollige und reinliche Lämmer, und er mußte sich gestehen, daß nach den Strapazen dieser Nacht kein Unterkommen für ihn habe erfreulicher sein können. Während aber seine erstarrten Glieder die wohlthätige Wärme empfanden und seine Augen sich schlossen, war der Geist noch wach. Er rief sich alle Gefahren, alle wunderbare Begebenheiten, welche ihm in so kurzer Zeit zugestoßen waren, zurück, und faßte, noch eh er entschlief, den festen Entschluß, wenn ihn der Himmel aus dieser Gefahr glücklich loskommen lasse, sich Morgen früh nach M*** zu schleichen, sein Felleisen abzuholen, und, so groß auch die Sehnsucht gewesen, welche ihn nach England getrieben, und eine wie angenehme Erscheinung noch vor Kurzem ihm hier geworden, doch England mit der nächsten Gelegenheit zu verlassen.

Als er erwachte, fühlte er sich völlig gestärkt, ein Zeichen, daß sein Schlaf ein erquickender und langer gewesen. Nur mit Mühe konnte er sich alle die Umstände zurückrufen, welche ihn in diese sonderbare Lage geführt hatten. Noch mehr betroffen war er, als sich um sein Lager eine ganze rüstige Bauerfamilie versammelt hatte, welche ihn mit Blicken der Verwunderung und zugleich der Furcht betrachtete. Ohne indessen zu fragen, wie er hierher gekommen, luden sie ihn sogleich ein, ihnen in die Stube zu folgen, um ein Frühstück einzunehmen. Bertram nahm die Einladung dankbar an, und ging mit der Familie, deren Furcht sich leicht daraus erklären ließ, daß sie größtentheils aus Frauen und Kindern bestand, und nur einen Greis und einen hagern Mann zählte, aus dem Stalle. Unterweges fanden sie auf dem Hofe einen erwürgten Kettenhund. Ein kleines Mädchen ging an ihn heran, streichelte ihn weinend, und sprach einige Flüche gegen den Mörder aus. Der Greis aber verwies ihr dies mit halb drohender, halb ängstlicher Stimme, und führte den Gast in das große Wohnzimmer und hinter einen, in der Ecke stehenden, großen Tisch. Es war seltsam, daß, während die Familie ihn dringend zum Essen und Trinken nöthigte, und sich Mühe gab, seine Aufmerksamkeit in einem fortwährenden Gespräche zu fesseln, doch Niemand mit ihm etwas genoß, und alle Mitglieder, bis auf dem Vater, sich scheu um die einzige Thüre der Stube gesetzt hatten. Jener ging allein, mit auf dem Rücken gefalteten Händen, im Zimmer umher, und warf zuweilen verstohlne Blicke auf Bertram, schien aber, wenn dieser aufsah, verbergen zu wollen, daß er es gethan habe.

Da Bertram deutlich merkte, daß er die Ruhe der Familie irgendwie störe, rüstete er sich zum Aufbruch, und fing mit Abstattung seines herzlichen Dankes an Abschied zu nehmen. Wie erschrocken über dieses Vornehmen, versuchte der Alte alle mögliche Gründe, ihm abzurathen: er habe sich noch nicht gehörig erholt, es solle ihm erst ein warmer Trank bereitet werden, das Wetter sei schlecht u. s. w. Als Bertram sie aber sämmtlich mit dem schlagenden Grunde, daß er keine Zeit zu verlieren habe, und daß es schönes und klares Winterwetter sei, widerlegt hatte, trat der Alte, gleichsam als müsse er sich entschuldigen, an den langen, hagern Kerl heran, zuckte die Achseln, und Bertram glaubte die Worte zu hören:

Mit Gewalt können wir ihn nicht halten.

Um so schneller ergriff Bertram seinen Hut, fragte, ob er für die Bewirthung etwas zahlen dürfe? und wollte, als der Alte dies verneint hatte, nach Händedruck und Gruß hinaustreten. Der Familienvater fragte ihn aber noch einmal, wo er denn eigentlich hinwolle? und als er antwortete, nach M***, entgegnete er:

Dahin geht der da auch – er zeigte auf den hagern Mann, welcher eine Pelzmütze weit über die Ohren gezogen hatte, – der kann Euch den Weg zeigen.

Der Kerl stotterte einige Worte von »sehr gern,« und ehe noch Bertram seinen Entschluß kundgegeben, ob er den Mann zum Begleiter haben wolle, oder nicht, war dieser schon zur Thüre hinaus, und der Alte schob Bertram hinterher.

So schön der Wintertag auch erschien, so war doch der Weg sehr beschwerlich, indem der Frost den hochgefallenen Schnee mit einer Eiskruste überzogen hatte, und wenn der Fuß erst diese, vermittelst seiner Schwere, durchbrochen hatte, er tief untersank, ehe er auf festen Boden kam. Beide Fußgänger schritten nur langsam auf diese Weise vor, und Bertrams Begleiter blieb meistens noch hinter ihm zurück. Als dieser sich einmal nach ihm umsah, glaubte er zu bemerken, daß der Mensch in gebückter Stellung Bertrams Fußtapfen im Schnee ausmesse. Sonst zeigte er sich als einen sehr gefälligen Führer, und unterhielt sich auch mit zuvorkommender Hingebung mit Bertram; nur daß er, gleich einem, welcher ein böses Gewissen hat, die Augen beständig niederschlug, und auch mit niedergebeugtem Kopfe einherging.

Sie mochten kaum eine Stunde gegangen sein, als Bertram sich mit einemmale allein sah. Er kehrte sich um, und erblickte den Führer ungefähr funfzig Schritte hinter sich auf einer kleinen Anhöhe, den Hals weit hinausreckend, und plötzlich mit einem Tuche Zeichen gebend.

Schurke, was beginnest Du? rief Bertram ihm zu.

Statt aber zu antworten, schwang er immer höher sein Tuch und pfiff dazu aus allen Kräften. Bertram wollte zurückrennen, um ihn zu einem Geständniß seines Verrathes zu zwingen; ehe er indessen den Entschluß ins Werk setzte, hörte er vor sich Pferdegetrappel, und bald sprengte ein Trupp Reiter hinter einer Anhöhe hervor, auf ihn zu. Hätte er auch entfliehen wollen, so wäre es ihm doch nicht möglich gewesen, da der Trupp, eine solche Absicht bei ihm voraussetzend, sich nach allen Seiten zu vertheilen schien, um ihn nöthigenfalls zu umzingeln. Als sie indessen sahen, daß er stille stehen blieb, ritten die Vordersten in gemessenem Trabe ihm entgegen. Ein starker Mann, welcher den Arm in der Binde trug, lachte schon aus der Ferne ihm entgegen:

Hat Dich gereut Deine Freiheit, mein braver Held? Kommst Du selbst, gegen meinen Rath, der Schlinge entgegen?

Bertram erkannte in ihm den Constabler Sampson. Als dieser näher mit seiner Schaar herangekommen war, antwortete er ihm mit ruhiger und fester Stimme:

Ich übergebe mich Euch freiwillig, und hoffe, daß sich Alles zu meinen Gunsten aufklären wird, und es thut mir von Herzen leid, daß meinetwegen ganz unnötigerweise Jemand verwundet ist.

Die Häscher lachten laut auf, indem sie von den Pferden abstiegen:

Seht mal – sagte der Constabler – das ist ein christlicher Schurke. Wir, die wir ehrliche Leute sind, sind, glaube ich, nicht halb so gute Christen. Ja, mein trefflicher Christ, Du wirst rein wie die Sonne dastehn, unschuldig wie die Luft, Gott wohlgefällig wie Gans und Schaf, aber erst ein Bischen hängen. – Aber Mac Kilmary! daß Du mögest im Wasser verbrennen – wer hieß Dich mit ihm fortgehn, ehe wir ankamen?

Er wollte nicht länger warten – sagte der rothharige Irländer, als welchen Bertram jetzt erst seinen Führer erkannte – und anpacken mochten die Pächtersleute nicht mit. Sie fürchteten sich so schon gewaltig, und hätten mir ihn auch nicht verrathen, wenn er nicht gestern Nacht ihren alten Packan beim Einsteigen todtgeschlagen, und ich ihnen viel von den Gesetzen und der Strafe vorgeschwatzt hätte.

An ihrer Stelle, Mac Kilmary, hätte ich auch die Gesetze und alle Rothköpfe laufen lassen, denn einen so ehrlichen Christen, wie unsern Freund hier, zum Feinde zu haben, ist für einen einsamen Haidewärter etwas sehr Kitzliches.

Bindet ihn nur fester, sonst rieche ich ihn Euch nicht zum drittenmale aus. Es ward mir schon schwer genug, seine Fußtapfen im Schnee auf der Haide zu entdecken, da es wieder drauf geschneiet hatte.

Ja Du bist durch und durch Hund, Mac Kilmary.

Aber keiner, der für andere Leute apportirt, denn diesmal sollt Ihr, beim grünen Erin, keinen Pence von der Belohnung kriegen.

Hunde müssen den Schinken für ihren Herrn im Maule tragen, und kriegen den Knochen, wenn's hoch kommt – sonst die Peitsche.

Der Irländer brummte einige unverständliche Worte vor sich hin, während die Häscher Bertrams Hände auf seinem Rücken fest zusammenschnürten, und dann einen Strick um seinen Hals banden, dessen anderes Ende an des Constablers Sattelknopf befestigt wurde. So an die Reiter auf eine sichere, aber keinesweges angenehme, Art gefesselt, mußte Bertram hinter dem Pferde des Constablers wie ein geschleifter Gefangener einhertraben. Zu seinem Glücke verhinderte jenen die Verwundung am schnellen Reiten, und zu einigem Troste ging der Irländer neben ihm her. Als sie auf diese Weise eine ziemliche Strecke fortgezogen, und die Reiter in einem langen, den Gefangenen wenig interessirenden, Gespräche begriffen waren, drängte sich Mac Kilmary näher an diesen heran, und flüsterte ihm ins Ohr:

Ihr müßt nicht denken, weil ich Euch aufgepaßt habe, ich sei ein so tückischer Kerl. – Nein, ich diene wer mir Brod giebt, und wäre manchmal, wenn ich lustige Leute in den Thurm brachte, lieber selbst mit ihnen davon gelaufen. Ich habe mich auch viel in der Welt versucht, und kenne alle die Küsten von Waterford herauf bis Dublin, und die Schlupfwinkel in Carnarvon, Cardigan und Pembroke. – Lieber Gott! Ehrlichkeit hat viele Seiten, und ein zerrissener Rock muß überall geflickt werden. Ich bin Euch auch gar nicht gram, und habe mit rechter Lust von Eurem letzten Streich an der Zollbarriere gehört. Esel muß man betrügen, anders ist es einmal nicht in der Welt. Diesmal hab' ich Euch nun für die Belohnung gefangen, aber Gott vor – ich bin lange genug ehrlich gewesen, und habe Wassersuppe und Knochen dabei gegessen; wenn Ihr mir ein gutes Handgeld versprecht, so helfe ich Euch wieder loskommen, und gehe mit Euch auf die See oder in die Wälder, wo Ihr mich brauchen könnt. Mir ist's nur um einen tüchtigen Kerl zu thun, unter dem es eine Ehre ist, zu dienen, und der nicht ein so versoffener Constabler, wie der Sampson, ist. – Was meint Ihr?

Bertram zuckte die Achseln und würdigte ihn keiner Antwort. Der Mensch aber fuhr in demselben Tone fort:

Nun, nun! Ihr mögt es noch nicht vergessen, daß ich klüger als Ihr war, was ich Euch auch nicht verdenken mag; aber bedenkt Euch noch bei Zeiten, denn von der Leiter aus ist nicht mehr gut appelliren.

Als Bertram beim Schweigen verharrte, verstummte auch der Irländer, und pfiff sich ein Liedchen. Nach dem Marsche von einigen Stunden betraten sie eine Anhöhe, von welcher man in der Entfernung einen Thurm sah, den Bertram alsbald als der M***schen Kirche zugehörig erkannte. Also dorthin geht der Zug! dachte der Gefangene bei sich, als der Trupp anhielt, und ein Leiterwagen mit vier Pferden ihnen im gestreckten Gallop entgegen kam. Er hielt bei der Anhöhe gleichfalls stille, und die Reiter führten den Gefangenen ihm entgegen. Eine wohlbeleibte Person, die neben dem Kutscher saß, erhob sich gravitätisch und schrie ihnen entgegen:

Also pro gloria patriae erwischt! Da hat sich das alte gute Sprichwort bewährt: Wer hängen soll, der ertrinkt nicht. Aber wiederum auch der Grundsatz: Trau keinem ehrlichen Gesichte! denn wer hätte es dem Menschen angesehn, als er triefend von Wasser, bei uns auf dem Schemmel am Feuer saß, daß eine so gottlose Seele in einem so schmucken Gesichte sitzen würde.

Der Redner war kein Anderer als Aldermann Gravesand aus M***, welcher dem Gefangenen entgegen gefahren war, um ihn in Empfang zu nehmen. Bertram redete ihn kühn an:

Bei unserer alten Bekanntschaft, Herr Gravesand, beschwöre ich Sie, das Mißverständniß dieser guten Leute aufzuklären, und mich augenblicklich in Freiheit zu setzen, damit ich nicht zum öffentlichen Aergerniß in Ihre ehrenwerthe Vaterstadt einziehen muß.

Der Aldermann sah ihn eine Weile schweigend und mit großen Augen an, dann brach er heraus:

Loslassen?– Alte Bekanntschaft? – Wollt Ihr mir nicht lieber die Proposition machen, mich bei Euch anwerben zu lassen? Posito – seh einmal Einer – er will eine hohe Obrigkeitsperson foppen. Ja, wir sind eine sehr alte Bekanntschaft. Aber posito – ich wollte sie nicht wieder anerkennen, wie Ihr – Sir Nicolado de la spada, oder wie Ihr heißen mögt – neulich in der Wirthsstube sie nicht anerkennen wolltet, – was meint Ihr? und posito, nein ich will sie auch nicht anerkennen, und will bloß Obrigkeit sein. – Schafft nur den Menschen, Constabler, auf den Wagen, und setzt Euch selbst rauf, weil Ihr verwundet seid.

Soll es denn durch die Stadt, oder um die Stadt gehn? fragte Sampson.

Durch die Stadt, guter Constabler. Das Volk wird zwar rebellisch werden, aber doch durch, durch, um posito zu zeigen, daß wir Obrigkeiten sind.

Auf einem von Stroh in der Mitte des Wagens errichtetem Sitze ward Bertram festgebunden. Der Alderman behielt seinen Platz vorn, und der Irländer bestieg Sampsons Pferd, während dieser halb neben, halb hinter dem Gefangenen seinen Sitz nahm. Für Bertram war diese Art des Transportes noch beschwerlicher, als die vorige. Festgebunden auf seinem, vermuthlich mit Fleiß hoch aufgethürmten, Sitze, konnte er keiner Erschütterung des Wagens ausweichen, und fühlte seinen Körper, noch ehe sie die Thore der Stadt erreichten, durch und durch zerschlagen. Constabler Sampson suchte ihm indessen Muth einzusprechen, und begann alsbald leise ihm folgende Propositionen, jedoch nur allmälig, zu machen.

Muthig, mein Held! Simson war gebunden wie Du, und noch obenein die ganze Wache der Philister. Aber das lasse Dir nicht etwa einfallen nachzuthun, denn ich stehe hier mit ein Paar guten Fäusten neben Dir, und wenn Du unsern Wagen zerbrechen solltest, so ließe ich Dich an den Schwanz meines Pferdes binden, und lebendig nach M*** schleifen. – Aber, so viel wirst Du wissen, – wann hat man lieber kluge Spitzbuben gehangen, als sie zu seinem Nutzen gebraucht? – Dumme Diebe hängt man, die klugen braucht man zur Polizei. – Sieh einmal, der dumme Streich von Staatsaktion ist längst vergeben. Ihr wolltet dazumal ein großes Trauerspiel aufführen, worin die Minister die Hauptrolle spielen sollten, die Minister kamen Euch zuvor, und spielten mit Euch das Trauerspiel. Damit war die Sache abgemacht und ist jetzt längst vergessen. Wenn Du schlau bist, so pressest Du Kopf und Ohren so spitz zusammen, daß Du aus der Schlinge durch, und am Ende noch zu Ehren und Reichthum kommst. In London brauchen sie Leute wie Dich. Du kannst Dich verstellen wie Einer, weißt zu parliren wie ein Parlamentsglied und Komödiant, verstehst die Klinge zu führen und Deine Füße zu brauchen; hundert gegen eins, Du wirst ein Spion, wie sie ihn brauchen, ein Schnüffler, der durch die Wände sieht und die Reformer belauscht, wenn sie – denken. – Was meinst Du? – Du bist tückisch, und willst nicht antworten. – Auch gut – meine Pfeife soll mir darum nicht schlechter schmecken, wenn ein Erzschelm, der ein besser Schicksal verdient hätte, aus Eigensinn baumelt.

Als sie ziemlich nahe am Thore der Stadt waren, und eine nicht unbedeutende Volksmenge ihnen entgegen kam, befahl der Alderman den Häschern, näher an den Wagen zu reiten und den Gefangenen ja nicht aus den Augen zu verlieren, zum Constabler aber sagte er besonders:

Und, Constabler Sampson, posito, der Pöbel will ihn losmachen, so gilt keine Gnade, Ihr stoßt Ihn nieder, denn Alles mag eher geschehen, nur muß die Obrigkeit respektirt werden, wie leid mir's auch thut.

Nun bete zu Gott, oder zu wem Dir's sonst bequem ist, daß die guten Leute es mit Deiner Ehrlichkeit nicht ehrlich meinen! sagte Sampson zu Bertram, welcher in banger Erwartung der kommenden Dinge schweigend auf dem hohen Platze saß, welcher ihn geflissentlich Aller Augen aussetzte. Doch bat er noch einmal den Alderman, wenn er doch nicht in der Stadt zu bleiben bestimmt sei, ihn um die Mauern herumzufahren. Gravesand lehnte dies aber, im Gefühle seiner Wichtigkeit, völlig ab, und der Wagen rollte alsbald durch ein, zur Kleinheit des Städtchens nicht im Verhältniß stehendes, großes Thor in dasselbe ein. Vor der Stadt hatte der Pöbel nur schweigend den Transport angegafft, es schien aber, als gäbe das Gefühl einer eingebildeten Herrschaft in seinen Mauern ihm den Muth zu seiner gewöhnlichen Ausgelassenheit. Während die ehrbareren Bürger nebst Frauen und Angehörigen aus ihren Fenstern ruhig dem Schauspiele zusahen, erhob sich unter den Gassenbuben, Lehrlingen, den fristenden Arbeitsleuten, und auch wohl allerhand fremdem und verdächtigem Gesindel ein dumpfes Gemurmel, welches bald in lautes Schreien ausartete: »Ein braver Kerl, ein ehrlicher Mensch, ein Freund von Handel und Wandel! – Sie schleppen ihn fort – in den Thurm. Nieder mit den Dummköpfen, nieder mit den Rothröcken!« – Indessen geschah für's erste nichts weiter, als daß das lumpige Gesindel seine zerfetzten Hüte schwang, in die Höhe warf, und hier und dort einen Kohlstrunk, Schneeball, oder faulen Apfel auf die Constabler schleuderte, welcher jedoch mitunter den Unglücklichen selbst traf, zu dessen Gunsten der ungeschickte Schütze ihn abgesandt hatte. Der Andrang der Menschen wurde aber immer größer, das Geschrei lauter; endlich mußte der Wagen mit seiner Escorte vor dem Wirthshause stille halten, da ein betrunkener Mensch sich der Länge lang vor den Pferden niedergeworfen hatte. Indem er eine leere Flasche mit der rechten Hand schwang, schrie er:

Untersteht Euch, und fahrt über mich fort, ihr langohrigen, rothröckigen Dummköpfe!

Untersteht es Euch! schrie einstimmig der umstehende Pöbel. Bertram hatte Zeit und Muße, an der Fronte des Wirthshauses alle Fenster mit den ihm bekannten Gästen vollgestopft zu sehn, aber kein Einziger zeigte die geringste Theilnahme an seinem Schicksale. Man betrachtete ihn nicht anders als wie ein wildes Thier, welches der Französische Führer für Geld umherzeigt. Der in der Hausthür stehende Wirth sprach ruhig zu den Gästen hinauf:

Von der ersten Minute, wo er ins Zimmer trat, sah ich es ihm an, weß Gelichters er sei, aber ein Wirth muß sich nicht um das Gewissen seiner Gäste bekümmern.

Der Reformer nagelte seine todten Blicke aus einem Fenster des ersten Stockwerkes auf den Wagen, und den vor dem Wagen liegenden Menschen, in welchem Bertram den Betrunkenen erkannte, der auf dem Leichenzuge so vielen Unfug begangen. Alderman Gravesand war vom Wagen abgestiegen, und hatte mit Güte versucht, den Menschen zum Aufstehen zu bewegen; da dies aber nicht fruchtete, winkte er einigen Häschern, ihn fortzuziehn. Kaum aber hatte dies Dulberry bemerkt – er schien eigentlich nur darauf zu warten, als er mit der Faust auf das Fensterbrett schlug, und herunter schrie:

Nichts davon! nichts davon! Er darf nicht fortgezogen werden, denn jeder Engländer hat das Recht, im Koth zu liegen. Gentlemen! Dulden wir den Exceß? – Laß Dich nicht fortziehn, Dummkopf, denn davon steht nichts in der Bill of Rights, und selbst die Minister müßten, wenn sie es verbieten wollten, erst eine Bill durch beide Parlamenter gehn und vom Regenten bestätigen lassen: »daß es keinem Engländer vergönnt sei, der Länge lang auf der Straße zu liegen.« Ehe eine solche Bill nicht sanktionirt ist, heißt es in die heiligsten Rechte Brittischer Unterthanen eingreifen, wenn man sie bei den Beinen oder beim Kopf ihrer selbst erwählten Lage im Kothe entziehen will.

Demungeachtet zogen zwei stämmige Gerichtsdiener den fluchenden Kerl vom Straßendamm fort, und, – vermutlich nicht ohne Muthwillen – bis in den Rinnstein, wo sie ihn liegen ließen. Hierdurch empört, stürmte aber die Masse auf beide Executoren ein, welche, nur unter Beistand ihrer Gefährten, sich wieder auf ihre Gäule schwingen konnten. Indessen entstand hierdurch ein förmliches Handgemenge. Man vertrat den Reitern den Weg, einige griffen nach den Zügeln der Pferde, und Kohlstrünke, Fluchworte, ja sogar Kieselsteine flogen in den Lüften, und klirrten hier und dort an den Fensterscheiben. Immer mehr Pöbel, unter dem sich vorzüglich die Matrosen auszeichneten, drängte sich um den Wagen; das Jubelgeschrei: »Hoch der brave Wassertreter! Nieder mit den Dummköpfen!« scholl von allen Seiten, und der bange Alderman schrie nach seinen Amtscollegen. Während Einige sich beeilten, die Aufruhrakte verlesen zu lassen, und wirklich ein Beamter, von dem Fenster eines öffentlichen Gebäudes aus, zu lesen anfing, schrie von dem Wirthshausfenster Dulberry herunter:

Recht so, brave Leute! Legt Euch alle in den Koth. Sie dürfen nicht über Euch wegfahren. Das ist gegen Englands Gesetze. Alt-England für immer! – Schnell Ihr verdammten Faullenzer! Werft Euch alle nieder, ehe die Aufruhrakte abgelesen ist, dann können sie Euch nichts thun, wenn Ihr ruhig daliegt. Schnell in des – Namen, noch kommen drei Sätze, und dann das Punktum, und dann seid Ihr Rebellen! –

Man hörte aber weder auf den, welcher die Akte vorlas, noch auf den Volksredner, sondern griff, wider des letztern Rath, die Constabler in der Art thätig an, daß man sich bemühte, den Gefangenen vom Wagen herunter zureißen. Sampson sah mit gezogenem Seitengewehr fragend nach dem Alderman. Diesem indessen, seinen sichern Befehl nicht wagend zu wiederholen, suchte sehr thöriger Weise jetzt die Güte hervor; er suchte eine tobende Menge zu überreden, welche keinen Laut seiner Rede vernahm. Von einer andern Seite kam jedoch die Unterstützung. Man hörte Pferdegetrampel und einige militärische Commandoworte durch den Lärm hindurch, und unter dem Rufe der Menge: die Rothröcke! die Rothröcke! sprengte eine Abtheilung Dragoner die Straße entlang. Die Masse zertheilte sich augenblicklich und verschwand in den Häusern und Nebengassen. Gerade in dem Augenblicke, wo ein verwegener Kerl, nachdem er dem verwundeten Constabler einen solchen Stoß gegeben, daß er rücklings im Wagen niedergefallen war, auch Bertram gepackt hatte, um ihn herabzureißen, sprengte der Anführer der Dragoner heran und gab ihm mit dem Pallasch einen, vermuthlich flachen, Hieb über Kopf und Schulter, daß er taumelnd herunterfuhr, jedoch noch so viel Besinnung behielt, sich schnell in den Haufen zu stürzen.

In wenigen Augenblicken war es den besonnenen Anordnungen des Officiers gelungen, die Ordnung wieder herzustellen. Er verwies dem Alderman das gewagte Unternehmen, den Gefangenen durch die Stadt öffentlich zu führen, und ließ den letztern vom Wagen ab, und hinten auf dem Pferde eines Dragoners aufsitzen. Seine früher auf dem Rücken zusammengebundenen Hände wurden ihm jetzt, indem er die Arme um den Leib des Dragoners legen mußte, vor dessen Brust zusammengebunden, und noch außerdem befestigte man seinen Körper, vermittelst eines Strickes, an den Sattel des schwerfälligen Rosses. Nachdem dies geschehen, trabte der Zug, nur von zwei Constablern begleitet, schleunigst zum Thore hinaus. Bertram erfuhr jetzt eine dritte Art seines schmählichen Transportes, und empfand bald, daß dieser unfreiwillige Ritt für seinen Körper eben so schmerzhaft als ermüdend war. Ohne anzuhalten und ohne zu sprechen, trabte die Reiterschaar auf einem festen Wege wohl zwei Stunden fort. In einer schlechten Kneipe, wo die Wirthsleute eben so verdächtig als schmutzig aussahen, zwang endlich die Nothwendigkeit die schon von dem Tumulte in M*** ermüdeten Reiter, anzuhalten und Erfrischungen, wie sie der Ort darbot, zu nehmen. Bertram mußte zufrieden sein, als ihm ein mitleidiger Dragoner einen Schnaps reichte, und er sich eine kleine Stunde auf dem ungedielten Boden niederstrecken, und schlafen konnte. Bald indessen klirrten wieder um sein Ohr die Sporen der Reiter, man rüttelte ihn auf, und band ihn auf die vorige Weise hinter dem Dragoner fest. Es war schon finster geworden, und ein nächtlicher Sturm fing eben zu toben an, auch schien es dem Gefangenen, als nähere sich der Weg dem Meere, indem, wer die Seeluft auf offenem Meere einmal kennen gelernt hat, die Nähe desselben in der Folge bei dem leisesten Windzuge, ja sogar bei völliger Windstille spürt. Immer kälter wurde die Luft, und immer schneidender der Wind, so daß Bertram, dem seine Lage jede Bewegung unmöglich machte, diesmal nicht glaubte, der Gefahr, zu erfrieren, lange widerstehen zu können. Der Frost übermannte ihn dergestalt, daß er nicht umhin konnte, seine Schmerzen in unartikulirten Tönen laut werden zu lassen. Dies erbarmte den Reiter, dessen Pferd er unfreiwillig belastete, und er ließ ihn aus seiner Rumflasche einen Zug zur Stärkung thun. Bekanntlich erwärmen stärkende Getränke beim Frost nur momentan, und setzen denjenigen, welcher seine Zuflucht zu ihnen genommen, nur noch mehr der Gefahr zu erfrieren aus. So fühlte auch Bertram, obgleich ein angenehmes Gefühl seinen Körper durchzog, doch bald ein Glied nach dem andern erstarren, und sein Geist war nicht kräftig genug, diesem Einschlafen zu widerstehen. Ein Zufall rettete ihn. Der Zug hielt plötzlich an, indem zugleich ein kreischendes Hülfsgeschrei, und ein heftiges Roßstampfen ihm ins Ohr tönte. Ein Reiter mußte mit dem Pferde vom Wege ausgeglitten und in Gefahr gewesen sein, zu stürzen.

Gott sei gelobt! rief eine Stimme, – siehst Du, wie gut es war, daß Du dem Pferde heut die Vorderfüße beschlagen ließest?

Ja! sagte ein Anderer – mit den Hinterfüßen stürzte es schon die schroffe Steinwand herab, und hätte keinen Vorsprung gefunden um festzustehn, als unten die Riffe, welche aus dem Wasser vorragen. Mit den Vorderfüßen krallte es aber so fest in den nackten Stein, bis wir kamen und halfen.

Ich danke Euch! – sagte eine matte Stimme, deren Ton zu erkennen gab, in welcher Gefahr ihr Sprecher müsse geschwebt haben. Bertram ward jetzt inne, daß der Weg dicht am äußersten Rande des felsigen Meeresufers gehe; er sah in der schwarzgrauen Tiefe einzelne Lichter umhergeschaukelt, vermutlich Schiffe, welche von Wind und Wetter getrieben wurden, und Furcht vor der Gefahr, beim geringsten Fehltritt des Pferdes herabgestürzt und zerschmettert zu werden, erregte von neuem seine Lebenskräfte.

Der Sturm übte jetzt auch am Horizonte seine Macht aus. Die Wolken theilten sich von seinem Toben, und ein blasser Mondenstrahl zeigte dem Gefangenen das aufgeregte Meer, die Felsmassen des Strandes, und endlich in einiger Entfernung die Gothischen Thürme und wunderbaren Mauerzinnen eines alten, am jähen und hohen Strande fast über das Meer hinaus gebauten, Schlosses. Die scharfen Linien der hohen, seltsam geformten, Gebäude traten deutlich gegen den, im Mondenschein sich auf klärenden, Himmel hervor. Sichtbar war dies Schloß das Ziel ihrer Reise. Doch drohten noch Gefahren, denn nur ein schmaler und ziemlich steiler Weg führte nach der alten Burg und der Wind drohte noch immer, Mann und Roß in den Abgrund zu werfen. Doch überwanden ihre geschickten Thiere alle Beschwerden, und der vorderste Dragoner ergriff den ungeheuren, eisernen Thorklöpfel, und schlug drei bis viermal so stark an das mit Stahl beschlagene Thor, daß der Widerhall in der stillen Winternacht zwei Meilen weit die Vögel aus ihrer Ruhe aufschrecken mochte.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.