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Gutenberg > Willibald Alexis >

Walladmor

Willibald Alexis: Walladmor - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleWalladmor
authorWillibald Alexis
firstpub1824
year1967
publisherEdition Leipzig
addressLeipzig
titleWalladmor
created20050618
sendergerd.bouillon
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Achtes Kapitel.

Oben summte eine Biene umher,
    Drunter ein Blümlein, vom Thau so naß;
Das Blümlein schoß aus frischem Gras,
    Auf grünem Hügel stand das Gras.

Unter der Biene, unter der Blume,
    Unter dem frischen grünen Gras,
Unter dem Hügel in kühler Erde
    Träumt mein Vater, ich weiß nicht was.

Altes Lied.

Bertram hatte dem Wirthe seine Rechnung bezahlt, und sich nach dem Wege, welchen er zu nehmen habe, um Bath zu erreichen, erkundigt, als der schwarze Herr, welcher vermutlich ein Zeuge des Gespräches gewesen war, ihn anredete:

Und warum schon nach Bath, junger Mann? Sind Sie bereits überdrüssig der Merkwürdigkeiten, welche M*** uns bietet?

Bertram antwortete etwas ärgerlich, im Gedanken an die nicht sehr ehrenvolle Eigenschaft des Fragenden:

Ich weiß nicht, welche Merkwürdigkeiten einen Reisenden hier fesseln sollten, wenn nicht etwa besondere Umstände vorwalteten.

Und wenn nun solche besondere Umstände vorwalten?

Kennen Sie mich, mein Herr? – Wissen Sie etwas Nachtheiliges mir nachzusagen? –

Keineswegs – bloß der Wißbegierde wegen halten Sie sich hier auf –

Und ich glaube – fiel Bertram ein – es sei jedem Eingebornen und jedem Fremden im freien England erlaubt, auf einer Reise zu verweilen, zu ruhen und zu gehen, wie es ihm gefällt, ohne jedem beliebigen Inquisitor an der Landstraße davon Rechenschaft zu geben.

Der ältliche Mann lächelte: Ganz gewiß, junger Herr. Und Sie haben sich sehr gut benommen, wie ich es hoffte, aber nicht gerade erwartete.

Sie sprechen in seltsamen Räthseln, mein Herr, den ich nicht zu nennen weiß –

Thomas Malburne heiß' ich, wenn es Ihnen gefällig ist, und ich meinte nur, daß Sie etwas heftig aufloderten, und in einen kleinen Anfall von Zorn geriethen, wie ich es nicht erwartet hatte. Das freute mich nun, denn ich liebe nicht, wenn die Jugend schon allzu tolerant ist. Ein kleiner Ungestüm steht jedem jungen Manne, wenn er gereizt wird.

Es scheint, Herr Thomas Malburne, als hätte die Obrigkeit hier in England Sittenrichter und Schulmeister für die Fremden bestellt; und ich statte Ihnen meinen ergebensten Dank dafür ab, daß Sie mich nicht für unwerth erachtet haben, von Ihnen so genau, um in der Jägersprache zu reden, aufs Korn genommen zu werden; es thut mir nur leid, daß ich in diesem Augenblicke mich Ihrem scharfen Beobachtungsgeiste entziehen muß.

Nicht empfindlich, Herr Bertram! Empfindlichkeit ist bei weitem schlimmer, als ein leichtes Aufwallen. Jene zehrt an uns selbst, dieses kann schlimmstens für einen Augenblick den Andern beleidigen. Nicht die Obrigkeit, sondern mein Alter und meine Laune, haben mich zum Aufseher, oder Aufpasser, oder wie Sie es nennen wollen, bestellt; und mich dünkt, wir Beide sind darin etwas verwandt. Ihre Röthe widerspricht dem nicht. Wir brauchen uns darüber nicht zu expliciren; aber um auf unser altes Thema und den Sittenrichter zurück zu kommen, so frage ich an, ob Sie mir die Jugend etwas zu tadeln erlauben?

Wenn Herr Malburne so offen spricht, kann ich nur gern meine Einwilligung geben.

Sie gehören, Herr Bertram, zu den jugendlichen Reisenden, einer Classe, welche Yorik unter seiner Rubricirung der Reisenden vermuthlich darum nicht aufgenommen hat, weil sie zu seiner Zeit noch nicht existirte. Diese jugendlichen Reisenden, voll Enthusiasmus für alles und jedes Reisen, stürmen mit ihren kaum vollgepackten Koffern in die weite Welt hinaus, durchfliegen Länder und Städte und indem ihr beständiges Losungswort: »Weiter und weiter!« heißt, sehn sie, aus Begier, Alles zu sehn, in der That nicht vielmehr als nichts. Ich kenne viele meiner jungen Landsleute, welche auf ihrer Tour durch Europa nicht länger als drei Tage in Paris verweilt haben. Die wenigsten nehmen sich Zeit in einer bedeutenden Stadt ihren Koffer auszupacken, geschweige denn alle die Orte aufzusuchen, wo sie den Zweck aller tüchtigen Reisen erreichen könnten, d. h. Menschen und Sitten kennen zu lernen. In Rom ist es vollends, seit Vasi seinen famösen Wegweiser geschrieben hat, gar nicht mehr auszuhalten; denn jeder Britte durchfliegt pflicht- und vorschriftsmäßig in jedem der angegebenen Tage, die durch das Divisionsexempel auf denselben fallenden berühmten Punkte; und hat er seine Tour abgelaufen und muß zufällig noch länger in der weltberühmten Stadt verweilen, so fällt es ihm nicht ein, irgend einen der Punkte zum zweiten oder drittenmal, oder gar neue Situationen aufzusuchen, sondern er glaubt vor Langerweile in der an Interesse reichhaltigsten aller Städte umzukommen. Ich würde für diese Länderstürmer, welche den Augenblick nicht genießen, aus Angst, irgend etwas in der Zukunft zu verlieren, es am zweckmäßigsten finden, wenn sie, statt die Merkwürdigkeiten eines Orts mühsam aufzusuchen, sich damit begnügten, den höchsten Thurm zu ersteigen, und wenn sie die Punkte der umliegenden Gegend von dort herunter beobachtet haben, flugs sich in den Wagen zu setzen und über die Gränze zu fahren. Auf diese Art ließe es sich wohl dahin bringen, daß man ganz Europa in einer Tour von sechs Wochen kennen lernte.

Auch ich, Herr Malburne, stimme im ganzen in Ihren Tadel ein. Wenn Sie aber, wie es früher schien, ein Vertheidiger der jugendlichen Aufwallungen sind, so sollte auch diese Art zu reisen bei Ihnen eine Rechtfertigung finden.

Sie haben recht, mein Freund. Ich tadle dieses Länderstürmen nur jetzt mit meinen funfziger Augen, und würde, wenn es in meiner Jugend schon Mode gewesen wäre, es vielleicht selbst mitgemacht haben. Der Jüngling, im Wahn des unendlichen Reichthums der allgemeinen Natur und seiner eigenen Kraft und Phantasie, glaubt schon genug gethan zu haben, wenn er jedes Ding gekostet hat. Er wirft, in beständigem Spielen und Haschen nach dem Neuen die Frucht fort, ehe er noch auf den Kern, welcher vielleicht die süßesten Theile enthält, gekommen ist, und glaubt, der Vorrath der vollen frischen Früchte sei so groß, daß er ihn nie erschöpfen könne. So schont auch der jugendliche Dichter selten seine Kräfte. Trotzend auf seinen innern Fond, verschleudert er absichtlos die schönsten Gedanken und Bilder zu unbedeutenden Kleinigkeiten, und stehet oft, wenn er späterhin zur Ausarbeitung größerer Werke schreitet, dürftig und trocken da. Daher kommt es, daß viele Dichter, welche zu den schönsten Erwartungen beim ersten Auftreten berechtigten, statt fortzuwachsen und zu blühen, zu verwelken scheinen. Anders ist es mit uns ältern Herren. Da uns die Jahre die Flügel gelähmt haben, zwingt uns schon die Natur, länger bei jeder Erscheinung zu verweilen; der gereifte Verstand läßt uns aber bei weitem mehr darin erblicken, als wir je im Feuer der Jugend darin vermuthen konnten. Um im Gleichnis fortzufahren, wir werfen die einmal angebissene Frucht nicht eher fort, als bis wir allen Saft und alles Fleisch verzehrt, und vielleicht sogar den Kern aufgeknackt haben. So, junger Herr, sitze ich noch immer in M***, obgleich wochenlang vor Ihnen angekommen, und stoße noch immer auf Merkwürdiges und Neues unter den Menschen, und denke auch noch einige Zeit lang Merkwürdiges und Neues zu finden; und auch Sie, junger Herr, können hier noch sehr viel lernen und sehen, als zum Beispiel, – um sich von dieser langen moralischen Vorlesung zu erholen – dort an der Thür das Plakat, welches mir wie eine Einladungskarte zum Längerbleiben vorkommt. –

Mit diesen Worten drehte er den Jüngling nach der Thür, wo dieser auf einem angeschlagenen Bogen folgende Worte las.

»Wer Jesum liebt und die Freiheit des Handels, und an die Auferstehung christlich beerdigter Todten glaubt, wird im Namen der leidenden Menschheit und aller derer, welche die Störung des Handels verabscheuen, ersucht, zur Beerdigung und Leichenfolge des christlich verstorbenen Herrn Le Harnois, welcher ein rechtlicher Mann, guter Christ und Beförderer alles und jedes Handels war, und auch noch im Tode um einen guten Handel sich freuen wird, sich mit christlichen Gesinnungen und möglichst schwarzer Kleidung am Strande bei Huntingcroß morgen um neun Uhr einzufinden, allwo die Seele des verstorbenen Herrn Capitains auf die Freunde, welche sie zur Ruhe bestatten wollen, so ergebenst als hochachtungsvoll wartet.«

Unterschrift, Datum und Ort fehlten dieser sonderbaren Einladung.

Bertram wollte sich um Aufklärung an Malburne wenden, statt dessen aber stand Dulberry jetzt an seiner Seite, und fing an ihn zu haranguiren:

Ihr werdet doch auch mitgehn, Herr Bertram? Es hält ordentlich Noth, unter den verzagten Affen hier fromme Leute, wie man sie braucht, aufzufinden.

Vermutlich weil der Verstorbene ein Katholik war. Aber wie kommt es, Master Dulberry, daß Sie das Amt eines Leichenbitters übernommen haben, da Sie überhaupt vom christlichen Begräbniß nicht viel halten?

Das ist was anders, was extraordinaires, ein Hauptspaß, Herr Bertram. Ein solches Begräbniß ist ja gegen die Gesetze, und da kann ein ehrlicher Mann sich schon mal ein Vergnügen machen, und ich vermuthe, es wird unversteuerten Wein zu trinken geben. Sie sind ja so ziemlich schwarz angezogen, und wenns auch nicht wäre, thuts ja nichts, denn im Nothfall haben Sie gesunde Arme und gerad' gewachsene Beine. Uebrigens ist's besser, Sie lassen sich nichts merken, daß Sie mit wollen. Solche Begräbnisse feiern wir hier immer mit gehöriger Stille und Anstand.

Haben Sie den Capitain gekannt?

Nicht mit Augen gesehn, aber was macht das aus, wenn die allgemeine Menschenliebe und die Gesetze ins Spiel kommen?

Ich kannte ihn – fuhr Bertram fort – es war ein wilder, roher Mann, von dessen christlich mildthätigen Gesinnungen ich nicht viel zu rühmen weiß, ob ich gleich eingestehn muß, daß das Christentum in seinem Munde lebte. Er strotzte in Fülle der Gesundheit, und sein Gedanke schien gleich weit vom Tode, der ihn so plötzlich hingerafft hat, entfernt.

Nicht Dulberry's Argumente, sondern Malburnes wenige Worte, welche dem Jünglinge zum ernsten Nachdenken Gelegenheit gaben, bewogen ihn, auch noch diese Nacht in M*** zuzugeben, um morgen dem fremden Leichenbegängnisse beizuwohnen. Der Abend, – es war kein Schauspiel – verging sehr einförmig und still; man sprach nirgends von der morgenden Feierlichkeit, und wenn Bertram das Gespräch durch Fragen darauf lenken wollte, erhielt er nur einsylbige Antworten. Früh eilte er deshalb zu Bette und schlief, unter lieblichen Träumen, so gut und fest, daß er erst erwachte, als die Thurmuhr schon die achte Stunde geschlagen hatte.

Als er hinuntereilte, fand er wider Gewohnheit die große Wirthsstube ganz leer, und der Wirth wollte auf seine Fragen eben so wenig davon wissen, daß die übrigen Gäste zur Leichenfolge gegangen, als daß sie überhaupt nicht im Gasthofe seien. Er murmelte einige Worte vor sich hin, die ungefähr klangen wie: Ein guter Wirth braucht und soll nichts von seinen Gästen wissen, als was sie zu Essen und Trinken verlangen. Bertram stürzte einige Tassen Kaffee hinunter, und eilte dann, nachdem er vom Wirthe Erkundigungen über den Weg eingezogen, nach dem Strande, wo er schon zu spät anzukommen fürchtete.

Wirklich sah er vom Gipfel eines kleinen Berges herab den Leichenzug schon in voller Bewegung, obgleich wegen der Länge desselben die hintersten Glieder noch nicht weit vom Strande entfernt waren. Es war ein feierlicher Anblick, wie der lange, schwarze Zug sich auf dem hügligen Terrain den schmalen Weg zwischen Berg und Thal hinschlängelte, und das tiefe Schweigen mehr die Nähe von Geistern als Menschen verkündigte. Die Leidtragenden schienen sich eines ganz besonders leisen Trittes zu befleißigen, und man hätte selbst zum Glauben können bewogen werden, daß die schwarz behangenen Pferde die Trauer mitfühlten, indem kein Wiehern erschallte, und selbst das Auftreten ihrer Hufe nicht gehört wurde. Der letzte Umstand mochte indessen in der Entfernung Bertrams von dem Zuge seinen sehr natürlichen Grund haben. So viel dieser aus demselben wahrnehmen konnte, begann der ganze Zug mit einem sehr großen, und ganz schwarz behangenen Leichenwagen, zu dessen beiden Seiten vier stämmige Schiffssoldaten als Leidtragende nebenher gingen. Hinten dem Wagen folgten an acht bis zwölf Kutschen, die indessen weniger den Charakter der Trauerkutschen an sich trugen, sondern vielmehr gewöhnliche Land- und Lohnkutschen schienen, welche in Ermangelung anderer, und in der Eile, in welcher vermuthlich der ganze Leichenzug abgeordnet war, von der nächsten Umgegend zu diesem Behufe requirirt waren. Neben jeder Kutsche gingen wieder, gleichsam als Thürhüter, zwei mit Seitengewehr bewaffnete Matrosen, welche wahrscheinlich den Dienst der alten Läufer im Nothfall repräsentiren und sich auf die Wagentritte stellen sollten; ein Manövre, vor welchem freilich bei der Langsamkeit eines Leichenzuges diese robusten Trabanten ziemlich sicher sein konnten. Erst hinter allen Wagen gingen zwei auf zwei die freiwilligen Leidträger. Gleich nach dem letzten Wagen schienen die nächsten Anverwandten in stärkern Reihen und einer andern Ordnung zu gehen; auch glaubte Bertram aus den schwarzen Röcken einige Federbüsche, buntere Kleider und Waffen hervorblicken zu sehen, welches alles genauer zu unterscheiden ihm aber die Entfernung verbot. Eben so wenig konnte er die langen Reihen der übrigen Leidtragenden zählen, und beeilte sich nur vom Hügel hinunter zu steigen, um sich noch zeitig dem Zuge anschließen zu können.

Obgleich die Meisten unter den Folgenden mit tief auf die Erde gebeugten Köpfen einherschritten, so konnte es doch nicht fehlen, daß Viele den jungen Mann schon von Ferne erblickt und aus dem Schnellschritte, mit welchem er die Höhe hinab auf den Zug zuging, seine Absicht, ihnen sich anzuschließen, errathen hätten. Man rief ihm deshalb schon aus einiger Entfernung zu, in welcher Gegend des langen Zuges er eintreten möge, als er eben im Begriff war, dem Zuruf Folge zu leisten, rief es wieder von mehreren Seiten:

Erst schneidet Euch einen Dornstock ab.

Bertram wußte nicht, was dies zu bedeuten habe; da er aber sah, daß wirklich jeder Leidtragende einen derben und starken Knüttel in der Hand trage, so sprang er, ohne weiter nach dem Grunde zu fragen, in das nächste Gebüsch und schnitt sich den ersten besten Ast mit seinem Taschenmesser ab, ein Ast, welcher aber zufällig so groß und keulenartig war, daß Bertram selbst jetzt eher einem wilden Manne, wie ihn die Heraldiker abbilden, als einem frommen und friedlichen Leidtragenden ähnlich sah. Mit diesem Stocke, welcher für ihn mehr eine Last als eine Stütze war, eilte er dem Zuge nach, und traf glücklich seinen angewiesenen Platz und einen stumm, steif und gebückt einzuschreitenden Nebenmann. Dennoch konnte er sich nicht enthalten, diesen ganz leise zu fragen, ob es eine Wälische oder Französische Zeremonie sei, nach welcher die Personen im Leichengefolge Dornstöcke tragen müßten? erhielt aber nur die hervorgebrummte Antwort:

Das geschieht, weil viel Hunde in der Nähe sind, und die Hunde schlägt man in aller Welt mit Knütteln todt.

Bertram mußte sich mit dieser dürftigen und zweifelhaften Auskunft begnügen, und schritt an der Seite seines Nebenmannes, aus dessen tiefgebeugter Stellung und düsterm Wesen er schloß, daß es ein naher Verwandter des Todten sei, ruhig mit dem Zuge fort. So lange man das Meer erblicken konnte, herrschte in der That eine Todtenstille in diesem Todtenzuge; als sie aber ein kleines, von sanften Anhöhen umschlossenes Thal erreicht hatten, kam etwas mehr Leben in die todte Masse. Man hörte husten, räuspern, und einzelne Leidtragende, welche in einer Entfernung von einander gingen, riefen sich vertrauliche Worte zu. Eine sehr beleibte Person trat sogar plötzlich aus Reihe und Glied auf einen Stein, knöpfte Rock und Weste auf und rief mit lauter Stimme, nachdem sie einige Stoßseufzer, welche das Verlangen nach Luft bekundeten, ausgestoßen hatte, zu den übrigen:

Halte den verteufelten Schnellmarsch eine andere Seele aus. Das Herz kocht schon im Leibe, und wenn's hier nicht Erfrischungen giebt, so mag der Capitain allein in seine dunkle Wohnung fahren, oder, wenn's ihm beliebt, sich selbst auf die Beine machen, und mit Courier- und Sieben-Meilen-Stiefeln laufen, denn ich gehe nicht weiter. Eine verfluchte Gewohnheit das Fußlaufen!

Wenn ein Meuterer nur wagt zuerst aufzutreten, so kann er gewiß sein, Nachfolger zu finden. Nur den ersten Tritt über die Schwelle scheut die Menge. Ist aber dieser gethan, so folgt sie blindlings dem Vortreter, wenn auch nicht der geringste Grund oder die schwächste Aussicht eines Gewinnes vorhanden ist. So fand auch hier das Beispiel des beleibten Mannes unter Beleibten und minder Beleibten Nachahmung. Man trat aus dem Zuge aus und schrie, indem man sich am Wege niederlagerte oder um den ersten Meuterer stellte:

Wir sind erschöpft. Der Teufel mag marschiren ohne Rum, und Wein und Schinken.

Ein Anderer: Ich habe mir die neuen Sohlen abgelaufen und hätte drei Schillinge den Tag über verdienen können.

Ein Dritter setzte hinzu: Und dabei ist kein Spaß. Wir keuchen und schleichen wie die Marder, und die Kehlen sind trocken, weil man anständig sein muß, was eine verflucht schlechte Angewohnheit ist.

Da lobe ich mir die letzte Parlamentswahl – sagte ein so roher und ungehobelter Bursche, daß man ihm auf den ersten Blick ansah, er habe nichts mit dem Wählen zu thun – das ist ein wahres Volksfest, wo man nichts von Anstand und Regeln nöthig hat, und doch geachtet ist, und froh, und sein Wort mitreden kann.

Ja – fiel ihm ein Anderer in's Wort – Du hast Dein Wort recht eindrücklich mitgeredet, als Du den Kothkloß dem Major in's Gesicht warfst –

Nicht doch, es war ja ein Kohlstrunk, ein so guter, als man ihn in Powisland findet, und er hatte ihn verdient, denn er hatte das gemeine Volk Pöbel genannt.

Deshalb war's wohl nicht, Dickson, denn vor sechs Jahren schriest Du aus Leibeskräften auf dem Markte: Oberst Rasselas für immer! Tod den Jacobinern! und gabst unserm Meister Kittledrum, der mit der rothen Mütze kam, und der Fahne, worauf stand: »Das souveraine Volk, Gleichheit und Freiheit und die drei Pence Brodte!« – einen solchen Schlag auf die Stirne, daß sich der dicke Schlächter wie sein Ochse auf dem Straßenpflaster umherwälzte. Neulich aber warst Du zuerst in der Bude der Quäker gewesen und kamst wie ein Vollmond heraus, und der Brandtwein lief Dir aus Augen und Ohren, und da brülltest Du: Nieder mit den Tyrannen und Priestern – bis Du umfielst.

Was ich geschrieen habe, weiß ich nicht mehr, aber das war eine andere Lust als jetzt. Der dicke Advocat aus Bristol hatte so viel Brandtwein anfahren lassen, daß ich – als ich meine Pflicht gethan und ausgeschrieen hatte, – mich hinlegte und drei Tage schlief. Sie haben mich jämmerlich damals zertreten, als sie über mich wegstiegen.

Da hast Du recht – fiel ein Anderer ein – die guten alten Zeiten sind vorüber. Es sind jetzt alle Knauser geworden. Hat doch der Squire, als wir ihn zuletzt gewählt haben, nur zwölf Tonnen Korn, und ich glaube nicht sechzehn Bier auffahren lassen.

Narr, hast Du ihn denn gewählt? Es ist ja seit Menschen Gedenken in ganz M*** ihm keine Seele contrair gewesen, und da muß er ja gewählt werden.

Aber das gemeine Volk hat für ihn geschrieen, und das ist uralte Gewohnheit, daß er dafür bezahlt, und wir haben Rule Brittannia gesungen, daß man es hat auf dem Meere hören können.

Wir wollen's auch singen, uns zu wärmen, bis man Rum bringt, oder lieber.

Lieschen spring mir um den Ring.

Wirklich fing die Masse an das Volkslied zu singen, so daß jeder Anstand aus dem Leichenzuge entwichen schien. Doch konnte man an den Stimmen, den Gesichtern, dem Benehmen und Anzuge der Sänger bemerken, daß sie den rohsten Theil der sogenannten Leidtragenden ausmachten, während der bei weitem größere Theil, welcher vermuthlich aus dem gebildeten Stande war, unthätig und unschlüssig stehen blieb. Der Leichenwagen, die Kutschen und die vordersten Fußgänger waren schon weit voraus und um eine Höhe gebogen, als dieser unangenehme Vorfall die Ordnung des Zuges unterbrach. Einige Schiffsleute stürzten indessen beim Ausbruch des lauten Gesanges sogleich zurück, und versuchten ihr Mögliches, die Sänger zum Stillschweigen und Wiedereintreten zu bewegen. Es war merkwürdig, daß sie bei einer Gelegenheit, wo nachdrückliche Reden so angebracht schienen, nicht mit den derben Flüchen ihrer Schiffersprache auftraten, sondern mit höflichen und dringenden Vorstellungen die lärmenden Brüder angingen. Diese aber ließen sich nicht stören, sondern antworteten ihnen nur, wenn im Liebe der Refrain kam, mit diesem:

Ein müder Fuß, der springt nicht recht,
Mit trocknem Munde küßt man schlecht.

Meine Herren – sagte jetzt ein sehr anständig gekleideter Mann, indem er aus dem Zuge hervortrat – bedenken Sie, wir haben kaum ein Drittel des Weges zurückgelegt, wie können wir jetzt schon ausruhen oder an's Trinken denken, wenn wir noch den andern Weg glücklich und dem Anstande gemäß zurückzulegen denken. –

Schweige Er still! – schrie der Wildeste unter den Sängern – wenn wir einen Schilling geben, muß Er uns den Hanswurst spielen, und nach der Violine tanzen. Wir sind die Herren und wollen ausruhen und trinken!

Bertram erkannte zu seiner Verwunderung in dem so grob zurück gewiesenen Freunde der Ordnung den Schauspieldirektor aus M***. Indessen ließen die andern Freunde sich nicht abschrecken, mit der empörten Menge zu unterhandeln. Man stellte auf's Eindringlichste die sehr unpassende Lage zum Ausruhen, die Unmöglichkeit Getränke herbeizuschaffen, vor, erhielt aber nur zur Antwort: Wir sind müde, wir sind durstig. Bertram konnte sich nicht enthalten, seinen Begleiter zu fragen: Weshalb man nicht, zur Befriedigung des einen Bedürfnisses, das Ceremoniel für den Augenblick aufgeben und die Ermüdeten in die Kutschen aufnehmen könne? Sein verdrossener Nebenmann antwortete aber nur:

Das heißt gerade so viel, als wenn Ihr fragt, weshalb man die Pferde, wenn sie müde sind, nicht ausspannt und in den Wagen setzt?

Die Unterhändler boten jetzt Jedermann ein doppeltes Maaß Rum am bestimmten Ruheplatze an, wenn sie augenblicklich sich in Reihe und Glied stellen würden; aber selbst dieses Anerbieten würde von den jetzt im Widerstande neue Ergötzlichkeit findenden Sängern nicht unbedingt angenommen sein, wenn nicht ein anderer Umstand hinzugekommen wäre. Ein Matrose, welcher eine der benachbarten Höhen erstiegen hatte, schrie nämlich, plötzlich herabstürzend: Die Gränzreiter kommen! Dieser Umstand schien die Meuterer betroffen zu machen. Als nun die Unterhändler ihre Versprechungen eindringlicher wiederholten, und auf die Gefahr aufmerksam machten, welche alle Leidtragenden bei der Unordnung und Verzögerung des Zuges von Seiten der strengen Beamten treffen könnte, gab Einer nach dem Andern nach, und schlich oder sprang wieder an seine vorige Stelle, so daß in wenigen Minuten der ganze Zug wieder seine vorige Ordnung gewonnen hatte. Zwar brummten noch Einige ihr Liedchen hier und dort zu Ende, und der Schauspieldirektor machte ziemlich vernehmbar die Bemerkung: es sei auf Erden kein Amt beschwerlicher als das, eine trotzige Menge zu regieren; aber der Zug kam doch wieder in seinen gemessen feierlichen Gang, und man hörte weit her vom Anfange ein geistliches Lied anstimmen. Schon fürchtete Bertram, daß dies die lustigen Gesellen in seiner Nähe reizen möchte, ihre obscöneren Gassenhauer wieder hervorzuholen und daß vielleicht ein sehr anstößiger Wettstreit zwischen heiligem und profanem Gesange anheben möchte; aber ganz wider seine Erwartung ging Jedermann in die Kirchenmelodie und das Kirchenlied ein, als sei es nur eine Fortsetzung des eben abgebrochenen Gassenhauers. Bald ertönte ein voller, herrlicher Chor, und wer jetzt den schwarzen, langsamen Leichenzug gesehen, und die treffliche Ausführung des Liedes gehört hätte, würde eine Scene, wie die kurz vorhergehende, für unmöglich gehalten haben.

Nach einigen Minuten stockte der Leichenzug, als hätten die vordersten Wagen ein Hinderniß im Wege gefunden; es dauerte aber nicht lange, so schien wieder Luft zu werden, und langsam und feierlich wurde weiter marschirt. Jetzt ritten einige Reiter an den Fußgängern in entgegengesetzter Richtung vorüber, und Bertram brauchte nicht erst die Uniformlisten des Landes studirt zu haben, um in ihnen Zoll- oder Gränzbeamte zu erkennen. Sie ließen ihre dürren Klepper im langsamen Schritte einhergehen, und schienen mit mistrauischen Blicken jeden Einzelnen im Zuge zu betrachten. Während seine Begleiter aber wie Pietisten ihre Häupter niedersenkten, und den Choral mit verstärkter Stimme dabei hersangen, hatte Bertram auch seiner Seits Gelegenheit und Lust, diese für alle Strauchdiebe so furchtbaren Männer genau zu betrachten. Er musterte sie mit aufgehobenem Kopfe, vielleicht um das zu vergelten, was sie an ihm gethan, und folgte ihnen auch noch mit den Augen, als sie vorübergeritten waren, mußte sich aber nachher gestehen, daß er nichts merkwürdigeres an ihnen gefunden, als daß ihre sämmtlichen respektiven Gesichter weniger das Gepräge der Ehrlichkeit, als der Verschmitztheit an sich trugen.

Als die Reiter aus ihrem Gesichtskreise verschwunden waren, wurde der geistliche Chor auch allmälig immer schwächer, bis er endlich ganz verstummte, und, vermutlich von einem der vorigen Aufwiegler, sogar das schmutzige Lied angestimmt wurde, welches man leider jetzt so häufig in den Gassen unserer großen Städte hört, und welches anfängt.

Gretli und Betli, zwei liebe Geschwister,
    Saßen zusammen im Eckfensterlein,
Paulus und Petrus, zwei große Apostel,
    Standen unterm Fenster – gehauen in Stein.

Zum Ruhme der Versammlung muß aber gesagt werden, daß nur der kleinere Theil in diese und ähnliche Lieder einstimmte, und viele sich sogar bemühten, bessere Gesänge einzuführen. Wenn aber in einer Corporation auch nur die geringere Anzahl von Mitgliedern zu den Verworfenen gehört, so können sie doch in der Regel des Sieges über die Bessergestimmten gewiß sein, indem schon der Instinkt die Schlechten zur engern Verbündung führt, während die andern sich für sicher genug durch ihre Verbündung mit der guten Sache selbst achten, und deshalb sich nicht erst nach gegenseitigem Beistand und Berathung umsehn. Man denke, welchen Uebeln vielleicht hätte vorgebeugt werden können, wenn die loyalen Bürger in Paris und den größern Städten Frankreichs beim Ausbruch der Revolution so gut als die Jacobiner in Clubbs zusammen getreten wären! Als nach Beendigung einer der schlechten Gassenhauer eine kleine Stille entstand, wurde in der Mitte des Zuges, anfangs nur sehr schwach, bald aber lauter und vernehmlicher, ein Lied von neuer Art angestimmt:

Wo ist die Englische Freiheit hin?
    Sie hat sich ja verloren. –
Sie wanderte zum Türkischen Kaiser hin
    Mit abgeschnittenen Ohren. –

Wo hängt die Magna Charta denn?
    Die hat der Wind zerrissen.
Was ist der Bill of Rights geschehn?
    Ein Hund hat sie verbissen.

Wer ist mit der Habeas-Corpus-Akt'
    So arg denn umgesprungen?
Schlächter Pitt hat sie zum Pudding gehabt,
    Junker Castlereagh sie verschlungen.

Wo ist John Bull, das fette Thier?
    Sein Fett ist abgelaufen.
Bei Manchester ward geschlachtet der Stier,
    Jetzt kann man Pökelfleisch kaufen.

Wer singt denn da politische Sachen? donnerte eine Stimme von hinten, und wie der Donner in den Gebirgen, wiederhallte auch dieser Donnerruf von mehreren Seiten.

Ich werde doch wohl singen können, als freier Britte, was mir beliebt? antwortete der Sänger, und fuhr mit dem Reste fort.

Was habt Ihr nicht vom guten Bull
    Auch noch verbrannt die Knochen?
Das hätte Herrn Canning und Liverpool
    Wohl allzuschlecht gerochen.

Weiter aber fortzufahren verbot ihm die überall laut ausgesprochene Abneigung. Es ließen sich sogar Drohungen von nicht zarter Art vernehmen. Diese indessen schienen den Sänger nur von neuem zu reizen, und er schrie:

Gentlemen! Ich bin ein freier Britte und wehre mich meiner Haut so gut gegen die Minister als gegen Wegelagerer, und darum singe ich unverschränkt:

Wo ist vom guten, fetten Stier
    Denn seine Haut geblieben?

Aber von allen Seiten schrie es noch lauter.

Packt ihn, packt ihn, den Ruhestörer! Stopft ihm ein Tuch in den Mund, der selbst die Todten aufschreien möchte. – Wenn ein Constabler in der Nähe stände, wäre er im Stande, die Aufruhrakte zu lesen, und wir könnten uns nur auf die Beine machen und den lieben Todten, wie er steht und liegt, im Stiche lassen, und wahrhaftig der Narr würde uns den fetten Braten nicht ersetzen.

In der That schienen die zunächst dem Schreier gehenden stille zu stehen und die Drohung in's Werk zu setzen. Während jener mit Händen und Füßen sich wehrte und schrie:

Ich protestire, ich protestire!

und von vorn und hinten die Fußgänger herbeieilten, gerieth auf's neue der ganze Zug in Unordnung, und es drohte ein, dem vorigen ähnlicher, Tumult zu entstehen. Doch war in diesem Augenblicke die Thätigkeit der Besänftiger wirksamer. Sie sprachen leise mit dem aufgebrachten Manne, stellten vor, daß das Ziel der Wanderung sich nähere, daß der Sohn des Capitains auf's äußerste durch das Betragen der Leichengäste gekränkt sei, und kaum seine Wuth über die Nichtachtung seines Schmerzes und der Leiche seines Vaters bemeistern könne, so daß der Sänger zu schweigen, und seine Begleiter ihn loszulassen versprachen; welches beides auch alsbald geschah, worauf der Zug, zum zweiten Male in Ordnung gebracht, sich ruhig fortbewegte.

Meine Leser werden eben so wenig als Bertram, in dem politischen Sänger unsern alten Freund Dulberry verkannt haben, ohne vermutlich seine Freude über diese Wiedererkennung zu theilen. Ein Leichenzug hat an sich etwas geheimnißvolles, und ist nicht geeignet, Zutrauen und Behaglichkeit zu erwecken; die vorgegangenen Scenen aber hatten bekundet, daß er größtentheils aus rohen und zusammengelaufenen Menschen bestehe; es war daher unserm Helden nicht zu verdenken, wenn er erfreut war, die zweite bekannte Seele unter den schwarzen Gestalten zu entdecken. Um seiner Sache gewisser zu sein, fragte er den Nebenmann, ob der Sänger nicht der bekannte Reformer aus M*** wäre, der mürrische Mann fiel aber nicht aus seiner Rolle, indem er antwortete:

Ich glaube nicht, daß der Mann sich freuen würde, wenn Sie auf seine Bekanntschaft pochten. Es ist Sitte hier zu Lande, still, und nur auf sich bedacht, bei solchem Leichenzuge einherzugehen, und nicht, indem man seine vornehme Bekanntschaften auskramt, ehrliche Leute in Unruhe und Unannehmlichkeiten zu versetzen.

Wenn Bertram sich schon früher den Wunsch nicht mehr verbergen konnte, die Einladung zu diesem Begräbnis nicht gefolgt zu sein, so wurde er noch klarer in ihm, als es hieß, der Zug nähere sich der Mauthbarriere, und wiederum das geistliche Lied:

Wie blinken alle Sternlein,
Wenn Einer sinkt zur Ruh

mit Ernst und Feierlichkeit von der ganzen Versammlung gesungen wurde. Er dachte bei sich: diese Frömmigkeit kann Heuchelei sein, wenn man das Benehmen dieser zusammengerafften Leidtragenden betrachtet. Von der einen Seite ist die Sucht, auf so niedrige Weise einem Todten Ehre zu erweisen, empörend; auf der andern, wo man sieht, daß diese Leidtragenden nicht Achtung, nicht Frömmigkeit, sondern irgend eine eigennützige Nebenabsicht zusammengeführt hat, ist es ein strafbarer Leichtsinn mit so heiligen Dingen getrieben. – Doch er hielt plötzlich in seinen moralischen Gedanken inne, als er bedachte, daß ihn selbst nur die Neugier in das Leichengefolge geführt habe.

Der Zug hielt an der Barriere, einem einsam gelegenen Zollhause, und bald hörten die Hintersten einen lauten Wortwechsel. Wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, wollten diese auch Zeugen dessen sein, was die Vordersten betraf, und der Zug löste sich auf, indem jeder Einzelne nach dem Orte, wo die Wagen standen, zueilte. Nur Bertram ging mit Wenigen langsam dem Schauplatze zu, und fand daher bei seiner Ankunft den Wortwechsel schon zu einem heftigen Streite übergegangen. Mehrere Zoll-Officianten standen an dem niedergelassenen Schlagbaume, und es ergab sich auf den ersten Blick, daß der Gegenstand des Dankes nichts anders als die verwehrte Passage des Leichenzuges war. Ein Sprecher von letzterem sagte eben mit sehr gewandter Sprache aber nicht heftigem Tone:

Sie wollen also, meine Herren, den freien Laufpaß des ehrenwerthen Friedensrichters dieser Grafschaft nicht respektiren?

Der Friedensrichter kann, nach den neuesten Verordnungen aus der Zollkammer und Admiralität, einen solchen nicht ausstellen! entgegnete ein Beamter.

Sie halten also, meine Herren, diesen Paß für verfälscht? Uns für Betrüger? Sie äußern eine Beleidigung, welche, begründet, uns an den Galgen brächte, unbegründet, Sie als Calumnianten der Verfolgung der Gesetze ausstellte.

Mit nichten, – sagte der Beamte – wir protestiren gegen jede Beleidigung. Das vorgewiesene Papier mag seine Richtigkeit haben, aber wir sind nicht befugt, die Unterschrift des ehrenwerthen Squire zu recognosciren, noch viel weniger kann aber dessen Erlaubniß den Zollgesetzen etwas vergeben.

Mein Herr, wir sind Fremde. Sollen wir der Autorität des Friedensrichters, oder der eines Zollvisitators trauen?

Der Beamte erröthete: Es steht in Ihrem Belieben.

Zeigen Sie uns das Gesetz, welches dem Friedensrichter untersagt, eine Erlaubniß zu ertheilen, welche in einem kultivirten Staate sich von selbst versteht? Der rohe Südsee-Insulaner achtet die Todten.

Auch wir, mein Herr, achten die Todten, und verlangen nichts als die Beobachtung der Form des Gesetzes. Nur die Besichtigung des Leichenwagens und der Trauerkutschen brauchen Sie sich gefallen zu lassen, und der Todte kann ungekränkt weiter.

Wenn aber dieser Verdacht, diese Visitation allein, nach den Sitten der großen Französischen Nation, so kränkend für den Familienstolz ist, daß der edle Sohn des Capitains lieber die Leiche des Vaters in die See versenkte! Bedenken Sie, daß Frankreich, allein von allen Nationen, nicht die Visitation seiner Kauffarteischiffe durch Ihre Englische Kriegsschiffe duldet. Sehen Sie den edlen jungen Mann, wie er kaum von seinen Begleitern zurückgehalten wird, um für die Ehre des Vaters mitzusprechen. Die Heftigkeit des Franzosen in diesem Punkte ist furchtbar.

Bertram sah jetzt mit Mehreren auf den Sohn des Capitains, von dem er während seines Aufenthaltes im Schiffe nichts gehört hatte. Wirklich sprach, nach der Bemerkung des Redners, Unmuth und gekränkter Stolz in jeder Muskel und Bewegung des jungen schön gewachsenen Mannes sich aus. Er trug eine alte Französische Uniform, einen Tressenhut mit weißer Feder und einen langen Degen, seine Haltung aber gab ihm die meiste Würde. Zwei schwarze Männer, vermuthlich Verwandte oder nah Befreundete, führten ihn unter dem Arme, und schienen alle Überredungskunst anzuwenden, ihn vom plötzlichen Aufspringen abzuhalten. Die Beamten waren dagegen ihrer Sache nicht gewiß, und während sie leise unter einander sich besprachen, trat der Wortführer der anderen Partei noch einmal bestimmt an sie heran, und gab seinen Worten einen größeren Nachdruck als zuvor:

Ich frage Sie noch einmal, meine Herren, ist ein solches positives Gesetz vorhanden, welches den Friedensrichtern verbietet, Lizenzen zu ertheilen, welche das natürliche Recht, welche die Gesetze aller Völker anerkennen? – Ist kein solches vorhanden, so wollte ich Ihnen nicht gerathen haben, thörig Widerstand zu leisten, denn der Einstuß der Familie Le Harnois, ihr Vermögen ist bedeutend, und, ich versichere Sie, es dürfte nichts gespart werden, um eine gesetzwidrige Kränkung an Unterbeamten zu rächen, an deren Beibehaltung vermutlich dem Englischen Ministerium weniger gelegen sein wird, als an dem guten Vernehmen zwischen der Krone Frankreich und England.

Der Beamte wandte sich, augenscheinlich betroffen, zu seinen Gehülfen, und sagte nach wenigen Sekunden:

Wir finden uns bewogen, die Visitation für diesmal auszusetzen, jedoch, um uns rechtfertigen zu können, nur unter der Bedingung, daß wir Namen, Stand und Wohnort sämmtlicher Herren des Leichengefolges zuvor notiren, und jeder der Herren sich durch Namensunterschrift verbürgt, vor den Behörden nöthigenfalls sich zu gestellen.

Weshalb dieser unnöthige Zeitaufwand?

Nur unserer Sicherheit wegen.

Und genügt nicht der Name Le Harnois? – fragte mit imposanter Stellung der Wortführer. Der Beamte antwortete lächelnd:

In England und bei unserer Zollstation nicht.

Der Redner erhielt hier Succurs. Der Sohn des Capitains riß plötzlich den rechten Arm aus dem Arme seines Begleiters, und indem er zum Degen griff und diesen halb entblößte, rief er mit halb gehobner Stimme.

Bei den Manen meines Vaters! Nicht, nicht? – Der Name Le Harnois genügt nicht, um einem Thorschreiber Bürgschaft abzulegen? Bei St. Denis! ein Montmorenci und ein Le Harnois bürgten in England einst, – bloß mit ihrem Worte, – für ihren gefangenen König, und ein Zollschreiber von Wales verlangt mehr Bürgen? Freunde, Mitbürger, Franzosen! hört mich an! Begraben will ich meinen Vater, nicht ihn preisen, aber giebt es eine Kränkung, die tiefer ihr geätztes Gift ins Herz, ins wunde Herz gießt? Vetter, lieber Vetter, laß mich los, daß ich dem Maulwurf den Unterschied einer Leiche, in der ein Blut, verwandt mit dem der Valois, floß, und einem geschossenen Wildprett zeige!

Aber der Vetter ließ ihn glücklicherweise nicht los. Bertram stand auf einer Höhe, von welcher er diese tragische Scene sehr genau beobachten konnte. Schon längst war ihm der Sohn des Capitains bekannt vorgekommen; jetzt, als die Gesichtszüge im Affect alle mögliche Steigerungen durchmachten, wurde es ihm klar, der Franzose sei kein anderer als sein wunderbarer Führer aus der Schlucht nach dem M***schen Gasthofe. Indessen ließ ihm die rasche Entwickelung der zunächstliegenden Begebenheiten keine Zeit, über ihren Zusammenhang mit den vorhergehenden nachzudenken. Der Sohn des Capitains fuhr mit den Zeichen der heftigsten Affecte fort zu declamiren:

Freunde! Dulden wir die Beschimpfung meines Vaters, meines Vaters, dem lebend kein König zu nahe zu treten gewagt hätte? Laßt mich los, Vetter! Freunde, sprecht!

Das Schiffsvolk, die wirklich Leidtragenden und die gedungenen Träger, schrieen um die Wette:

Beschimpfung! Beschimpfung!

und drängten nach den Barrieren; die bewaffneten Schiffsleute sprangen auf die Tritte des Leichenwagens und der Kutschen, und indem sie ihre Pallasche, die anderen Leidträger aber ihre Knotenstöcke schwangen, schallte es von den Worten:

Freiheit! Ehre den Todten! Nieder mit den Accisewürmern!

Die Beamten waren auf diesen Angriff nicht gefaßt. Während sie sich bestürzt zusammenstellten, trat der beredte Wortführer ihrer Gegner an sie heran:

Zögern Sie noch, meine Herren, so stehen wir für keine Gewaltthat. Sie sehen die gerechte Empörung der Menge. Wir protestiren gegen jede Absicht, die Königlichen Autoritäten zu compromittiren.

Wer zuerst Hand angelegt, sah man nicht, hat es auch niemals nachher erfahren; aber der Schlagbaum wurde aufgerissen, mehrere Schiffsleute stürzten hindurch und machten Bahn, der Kutscher des Leichenwagens peitschte seine Pferde an, und Leichenwagen, Kutschen und alle Leidtragende waren binnen kurzem über die Barriere und von neuem auf der Straße nach dem Inneren des Landes zu geordnet.

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