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Walhall

Felix Dahn: Walhall - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
titleWalhall
booktitleWalhall ? Germanische Götter- und Heldensagen
authorFelix Dahn und Therese Dahn
created20030919
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IV. Dietrichs Zug gegen Ermenrich.

1. Rüstung und Auszug

König Dietrich lebte nun seit zwanzig Jahren im Heunenlande; sein Bruder Diether war, unter Helches Pflege, zu einem stattlichen Jüngling herangewachsen, durch innige Freundschaft den etwas jüngeren Söhnen Etzels, Erp und OrtwinScharpf und Ort heissen sie in dem Liede von der Rabenschlacht. verbunden; die drei hatten aller Menschen Lob im Heunenland. Da geschah es einmal, dass Dietrich in Helches Halle trat, wo sie inmitten ihrer Frauen sass. Als sie ihn kommen sah, stand sie auf, liess eine Goldschale voll Wein füllen und reichte sie ihm selber: "Willkommen, guter Freund," sprach sie dazu. "Setze dich her und trinke mit mir. Von wo kommst du? Hast du ein Begehr? Oder kannst du mir eine neue Mär sagen?"

"Frau Königin," antwortete er harmvoll, "ich komme aus meiner Burg. Keine neue Mär dann ich dir sagen aber eine grosse, die dir lange bekannt ist; ich gedenke, wie ich aus meinem Reich entfliehen musste, und bei Etzel Schutz fand – zwanzig Winter hab’ ich nun mein Land gemieden! – Das härmt mich sehr! Und das will ich klagen vor dir und allen Heunen."

"Wahrlich, du mahnst mich an grosse Dinge; oft und siegreich hast du uns beigestanden und willst du nun versuchen, dein Reich wieder zu gewinnen, so ist es billig, dass die Heunen dich dabei unterstützen. Ich will dir tausend Degen ausrüsten zu dieser Fahrt, und ich will Etzel bitten, dass auch er dir helfe."

Dabei stand sie auf, warf ihren Mantel um, schritt zu des Königs Halle und Dietrich folgte ihr. Als sie vor Etzels Hochsitz kam, empfing der König sie freundlich; er reichte ihr aus goldenem Becher Wein, bat sie, sich neben ihn zu setzen und fragte, welche Bitte sie habe?

"Herr, eine Mahnung habe ich," begann Helche. "König Dietrich hat mich klagend daran erinnert, wie er einst Bern und RabenRavenna. und sein ganzes Reich verloren hat; das härmt ihn sehr, er will nun wieder in sein Land fahren. Zwanzig Winter lebte er hier; in manche Gefahr und Schlacht ging er für dich; nun wirst du’s ihm wohl lohnen und ihm ein Heer geben, sein Reich zurückzugewinnen."

Zornig antwortete Etzel: "Wenn Dietrich Hilfe will, – ist er zu stolz, selbst darum zu bitten? Meint er, ich soll sie ihm anbieten?"

"Nicht Stolz oder Hochmut hält König Dietrich zurück, sondern ich spreche für ihn, weil er glaubte – wie auch ich –, dass König Etzel Helches Bitten leichter erhören werde. Ich gab ihm tausend Mannen; nun magst du sagen, was du ihm geben willst."

"Frau, du sprichst wahr; König Dietrich hat mein Reich geschirmt und gemehrt; unköniglich wär’s, ihm den Beistand zu weigern und insbesondere, da du, Königin, für ihn bittest. Ich will ihm den Markgrafen Rüdiger geben und zweitausend Kämpen."

"Habt Dank, beide, für eure Hilfe," rief Dietrich über die Massen froh.

Während des Winters wurde ein Heer gerüstet und es gab in Heunenland nichts eiliger zu schmieden als Schwerter, Speere, Brünnen und Helme, und Sättel und Rosse auszurüsten, und alles, dessen ein Heer bedarf.

Da gingen Erp und Ortwin zu ihrer Mutter und verlangten, sie solle Etzel bitten, dass er ihnen die Fahrt mit Dietrich ins römische Land erlaube. Unter Tränen mahnte die Mutter, davon abzustehen, weil sie noch zu jung und der Gefahren viele seien. Aber die Knaben liessen nicht nach; da kamen Etzel und Dietrich dazu in die Halle und befragten Helche um die Ursache ihres Weinens. Nun wandten die Jungherren sich mit Bitten an den Vater, aber auch er weigerte sich. Jedoch als König Dietrich bat, den Knaben zu willfahren und sich verbürgte für ihre Sicherheit, willigte Helche darein und auch Etzel widerstand da nicht länger.

Im Frühjahr versammelte sich das Heer in Susa; zehntausend Reiter und ungezähltes Fussvolk waren zusammengekommen. Königin Helche liess ihre Söhne aufs prächtigste rüsten; ihre Brünnen waren vom besten Stahl, mit gleissendem Golde geziert; an den blinkenden Helmen die Nägel vergoldet; und dazu bekamen sie armsdicke Schilde mit roter Farbe bemalt.

"Seid tapfer, meine Söhne, wie eure Waffen gut sind," sprach die Königin. "So sehr ich um euer Leben sorge, – mehr noch liegt mir am Herzen, dass man euch tapfer nenne, wann ihr aus der ersten Schlacht wiederkehrt." Dann rief sie Diether, küsste ihn, schlang ihre Arme um seinen Hals und sprach: "Lieber Pflegsohn, euch drei Knaben hat bisher die Liebe geeint in jedem Spiel; nun ziehet ihr in die erste Heerfahrt, haltet fest zusammen und leiste jeder dem andern treuen Beistand."

"Frau Königin," antwortete Diether, "wir sind gut gerüstet zum Streit; nun walte des der Gott des Sieges, dass ich dir die Söhne heil mag heimführen; fallen sie aber, so wirst du nicht hören, dass ich lebe, während sie tot liegen."

Das dankte ihm Helche und reichte auch ihm stolze Waffen von bestem Stahl; Helm und Brünne waren mit Gold ausgelegt und kostbare Steine funkelten in der Helmzier. Der mit Gold bedeckte Schild zeigte einen roten Löwen; und niemand hatte je Königskinder besser gerüstet gesehen.

In der Stadt erhob sich gewaltiger Lärm von den Kriegsscharen, die dicht gedrängt in den Strassen lagerten und wogten. König Etzel stieg auf den höchsten Turm seiner Burg und gebot Ruhe; da ward Stille und weithin scholl Etzels Stimme.

"Ordnet eure Scharen, wie ich’s befehle; König Dietrich ziehe mit seinem Gotenvolk; Markgraf Rüdiger führe meine Heunen; alle andern aber, gezählte wie ungezählte, folgen meinen Söhnen und dem jungen Diether."

Nun sprang Rüdiger aufs Ross und zog mit seiner Schar aus der Burg. Ulfrad ritt ihm als Bannerträger voraus. Dann folgten Etzels Söhne und Diether. Herzog Nudung von Walkaburg, Rüdigers junger Schwäher, trug Jung-Diethers Banner. Mit ihnen ritt auch Helferich. Weinend schaute Helche ihnen nach. Da schwang sich auch Dietrich auf Falkas Rücken und sprach scheidend zur Königin: "Frau Helche; ich schwör’s, nicht komm’ ich lebend aus diesem Kampfe, wenn ich deine Söhne verliere."

Meister Hildebrand schwang Dietrichs Banner empor; – in weisser Seide stieg der goldne Löwe; die Königin selber hatte es ihm gegeben, – und ritt vor seinem Herrn zum Tore hinaus. Ihm folgten Wildeber und alle Goten.

Als sich das Heer auf der Strasse südwärts wandte, schickte Dietrich zwei Boten nach Romaburg, die ritten Tag und Nacht, bis sie vor den König kamen, und riefen: "Hör’ uns, König Ermenrich; Dietrich und Diether kehren heim ins Amalungenland. Vergolten wird nun all deine Untreue; ihnen folgen ein Heunenheer und Etzels Söhne. Willst du das Reich wahren, so komm’ ihnen entgegen nach Raben. Nicht wie ein Dieb will König Dietrich sich ins Land stehlen; Heersage haben wir angesagt."

Ermenrich liess den Männern Kleider und Rosse als Botenlohn geben und sprach: "Reitet zurück! Nun ich weiss, dass sie kommen, fürcht’ ich mich wenig vor den Heunen."

Er sandte aber Boten über sein Reich und liess jeden waffenfähigen Mann zum Kampfe rufen; nach drei Tagen und Nächten war in Romaburg ein Heer zusammengeschart von siebzehntausend Reitern, darunter auch Wittig mit seinen Kriegern; die trugen schwarze Hornbögen und Plattenbrünnen. Sibich führte sechstausend Reiter, mit ihnen ritt Ermenrich selber; Herzog Reinald hatte fünftausend, und sechstausend folgten Wittig.

"Dietrich und Diether müssen erschlagen werden," sprach Ermenrich, "und höre, Wittig, vor allem lasst die Söhne Etzels nicht mit dem Leben entrinnen."

"Gern will ich mit Heunen streiten," antwortete Wittig, "doch gegen Dietrich und Diether zieh’ ich mein Schwert nicht."

So zogen sie nordwärts und trafen Dietrich mit seinem Heere bei Raben, nördlich vom Strome (Padus, Po) gelagert.

Ermenrichs Scharen schlugen ihre Zelte nun südlich des Stromes auf. In der Nacht ritt Hildebrand allein auf Spähe aus, den Strom hinab, und traf Herzog Reinald auf eben solcher Fahrt. Sie waren alte Freunde und freuten sich sehr ihrer Zusammenkunft. Als der Mond aufstieg, zeigte einer dem andern, wie die Zelte aufgeschlagen und die Scharen zur bevorstehenden Schlacht geordnet waren.

"Und Sibich, euer grösster Feind," sprach dann Reinald, "führt ein Heer, als erster Herzog."

"Gegen ihn," rief der Alte, "reiten wir Goten; und ich hoffe, ihm seine Bosheit zu vergelten!"

"Das wirst du schwerlich, so wenig ich dir’s wehre; denn ihm folgt allzu viel Kriegsvolk. Der zweite Herzog ist Wittig, euer Freund; mit ihm reiten Amalungen, die haben geschworen, den Heunen die Schädel zu spalten."

"Dem Markgrafen Rüdiger folgen Heunen," sprach Hildebrand.

"Dann führ’ ich meine Schar gegen Rüdiger, und meide so Blutsfreunde und Goten. Freilich muss Wittig dann gegen Etzels Söhne streiten, wiewohl er nicht mit Jung-Diether kämpfen will."

Darauf küssten sie sich zum Abschied und ritten ihren Lagern zu. Sie hatten aber zuvor fünf Wachtmänner Sibichs begegnet, die, Hildebrand erkennend, trotz Reinalds Abwehr, auf den Alten eindrangen und ihm die Helmzier durchhieben.

Da schlug Hildebrand dem ersten den Kopf ab; die übrigen ritten eiligst ihres Weges. Durch sie erhielt Sibich Kunde, dass Hildebrand in die Nähe der feindlichen Zelte gekommen sei; er rüstete sich eilig, mit einigen Mannen ihn zu überfallen. Wie er ausreiten wollte, kehrte Reinald gerade ins Lager zurück und wehrte ihm.

"Willst du den einsam Reitenden erschlagen? So lass ich meine Hörner blasen und du sollst zuerst uns bekämpfen."

"Wie, Reinald," drohte Sibich, "willst du Ermenrich verraten und seinen Feinden beistehen?"

"Das will ich nicht, obwohl ich gegen Verwandte und Freunde kämpfen muss. Doch Hildebrand sollst du nicht überfallen, nun er allein durch die Nacht reitet; in der Schlacht wird er dir nicht ausweichen; dann wehr’ ich dir’s nicht, mit ihm zu streiten."

So musste Sibich sich fügen und Hildebrand kehrte ungekränkt zurück. Er berichtete Dietrich alles, was er in der Nacht erfahren hatte.

2. Die RabenschlachtSchlacht bei Ravenna..

Als der Morgen anbrach, liess König Dietrich die Schlachthörner blasen; und alsogleich erklangen auch aus Diethers und Rüdigers Lagern die schmetternden Rufe; das Heer ging durch eine Furt über den Strom gegen die Feinde.

Nun liess auch Sibich zum Streite rufen und die sechs Scharen zogen in die Schlacht gegeneinander, also geordnet; der starke Herzog WaltherS. oben, die Sagen berichten über ihn uns seinen Tod Widersprechendes. trug Ermenrichs Banner; das war gewirkt aus schwarzer, goldgelber und grüner Seide und mit goldenen Schellen ringsum behangen, die klangen weithin über das Walfeld. Dahinter ritt Sibich mit sechstausend Reitern und vielem Fussvolk. Dietrich befahl Meister Hildebrand, sein Löwenbanner Sibich entgegenzutragen.

Reinalds Banner, rot wie Blut und drei goldene Knäufe darein gewirkt, flog dem Rüdigers entgegen. Der starke Runge trug Wittig das Banner voraus; das war schwarz; mit weisser Farbe standen Hammer, Zange und Amboss darein gezeichnet. Ihm entgegen ritt Jung-Diether, Nudung trug dessen Banner, um dieses scharten sich Etzels Söhne, Helferich und viele Edelinge. Sie waren an Waffen und Wehrkleidern so reich mit Gold geschmückt, dass ein Glanz von ihnen ausging, als sähe man in Feuer.

König Dietrich ritt allen voran, schwang sein Schwert und hieb zu beiden Seiten Männer wie Rosse nieder; er fällte einen Feind über den andern. Hildebrand hielt mit einer Hand das Banner hoch und erschlug mit der andern manchen Mann; Wildeber folgte ihnen stets.

"Oft haben wir Russen und Wilkinen besiegt," rief Dietrich, – "heut kämpfen wir für unsre Heimat! Vorwärts, meine Goten!" Und mitten in Sibichs Schar ritt Dietrich mit seinen Gefolgen und schlug alles nieder, was ihm widerstand; – da wagte keiner mehr, gegen ihn zu streiten. Wildeber drang nach einer andern Richtung in die Feinde, und wohin er kam, behielt kein Mann weder Waffen noch Leben vor ihm. Das sah Herzog Walther, wie Wildeber die Männer erlegte gleich jagdbarem Wild und wie die Krieger flohen, sobald sie ihn nur sahen; da ritt er ihm hitzig entgegen, stiess ihm die Bannerspitze in die Brust und im Rücken drang sie heraus. Wildeber aber hieb mit dem Schwert den Speerschaft vor seiner Brust ab, ritt dicht an Walther heran und mit einem letzten Hieb schlug er ihm auf den Schenkel; die Brünne sprang entzwei, das Schwert blieb erst im Sattel stecken; dann sanken beide tot von den Hengsten.

Als aber Sibich Walther erschlagen und Ermenrichs Banner gesunken sah, floh er mit seiner ganzen Schar und Ermenrich folgte ihnen. Dietrich setzte nach und die Goten erschlugen, wen sie erreichten.

Wittig sah Sibich fliehen und drang nun, den Sieg noch zu retten, mit doppeltem Ungestüm vorwärts. Er ritt Nudung zu grimmem Einzelkampf an; mit sausendem Streich hieb er zuerst die Bannerstange entzwei, – das Banner sank – und sogleich tat er einen zweiten Schlag gegen Nudungs Hals, dass Haupt und Rumpf vom Rosse niederfielen.

"Seht Wittig, wie er uns Nudung erschlägt! Auf, gegen ihn!" rief Ortwin Helferich zu; beide sprengten auf Wittig und den starken Runge ein mit geschwungenen Schwertern, und ein wilder Kampf begann; Ortwin und Helferich fielen tot zur Erde, bevor noch Erp und Diether herzukamen. Diether tat einen schweren Hieb auf Runges Helm und spaltete den und den Schädel dazu; der Bannerträger stürzte tot vom Ross. Aber währenddessen kam mit wildem Racheschrei Erp gegen Wittig gerannt und führte Streich auf Streich nach dessen Haupt. Zürnend schwang Wittig Mimung empor und fällte den ungestümen Knaben zur Erde. Da erbleichte Diether vor Leid und Zorn; er kam zu spät, den Freund zu retten; grimmig schlug er auf Wittig ein.

"Reite hinweg, Jung-Diether – um deines Bruders willen mag ich dir kein Leids tun – reite hinweg und schlage dich mit andern!" rief Wittig. Aber Diether antwortete: "Meine Jungherren hast du, böser Hund, mir erschlagen; Rache heisch’ ich für sie; du oder ich, einer muss das Leben lassen."

Und er hieb aus aller Macht auf Wittigs Helm; jedoch der Helm war hart; das Schwert sprang ab und fuhr vor dem Sattelbogen nieder in den Hals des Rosses, dass dessen Haupt abflog; so liess Schimming sein Leben. Wittig aber sprang aus dem Bügel und rief: "Fürwahr, nun muss ich tun, was ich nicht will, oder mein Leben verlieren!" Dabei fasste er sein Schwert mit beiden Händen, schwang es empor und spaltete Diether von der Achsel bis auf den Gürtel.

Als er aber den Jüngling tot daliegen sah, brach er in Tränen aus und klagte laut: "Weh! dass ich dich erschlagen habe; nun muss ich vor Dietrich allwege das Land räumen." Doch der Kampf tobte um ihn fort; er schwang sich auf Diethers Ross und stürmte ins dickste Getümmel.

Ulfrad trug Rüdigers Banner; sie hatten in männlichem Streit viele Amalungen erschlagen, die ihnen Herzog Reinald entgegengeführt. Der warf einen Heunen über den andern, Ross und Brünne waren ihm ganz blutig; da sah er, wie die Amalungen vor Ulfrad, seinem Blutsfreund, wichen; todeskühn ritt er dem Bannerträger mit gesenktem Speer entgegen und durchbohrte ihm Brünne und Brust. Tot sank Ulfrad aufs Walfeld.

Doch Rüdiger nahm das Banner auf, hielt es empor und ritt vorwärts. Reinalds Bannerträger hieb er den Kopf ab, und schlug dessen Banner nieder. Als nun die Amalungen Sibichs sahen, wie Sibich geflohen, wie ihr Banner gesunken war, da wandten auch sie sich zur Flucht und Reinald wurde von seinen eignen Mannen mit fortgerissen.

Eilig sprengte nach Diethers Fall ein Bote hinter dem Berner her und rief: "Reite nicht länger den Fliehenden nach, kehr’ um! Erschlagen liegen Nudung und Helferich, daneben Etzels Söhne und Diether, dein Bruder; und das alles hat Wittig getan; kehr’ um und räche sie!"

"Wehe!" klagte Dietrich. – "Sterben will ich oder sie rächen." Er wandte Falka und stiess ihn mit dem Sporn und ritt so scharf, dass seine Gefolgen weit hinter ihm zurückblieben. Harmvoll, grimmig; zornig sprengte er übers Walfeld; brennendes Feuer flog aus seinem Munde; die noch kämpften, senkten die Waffen und flohen entsetzt vor seinem Anblick. Da schaute Wittig den Zornigen und – floh längs des Stromes. Aber Dietrich folgte ihm und rief ihn an: "Warte mein, Wittig! Ich muss meinen Bruder rächen, den du mir erschlagen hast. Bist du ein Held, so warte mein."

Wittig tat, als hörte er nicht, und ritt nur schärfer.

"Wenn du Mut hast, so warte mein; Schande ist’s, vor einem Manne fliehen, der seinen Bruder rächen will."

"Nur aus Not erschlug ich Diether," antwortete Wittig, das Haupt halb wendend, "und wahrlich, ich hätt’ es nicht getan, wusst’ ich anders mein Leben zu retten vor ihm. Mit Gold und Silber will ich ihn dir büssen." Er trieb dabei sein Ross vorwärts, was es nur laufen konnte. "Gelben Hafer," flüsterte er ihm ins Ohr, "und lindes Heu will ich dir geben; nur rette mich diesmal!" Aber Dietrich drückte Falka den Sporn ein, dass das Blut hervorspritzte. So kamen sie an die brausende See; todesmutig sprengte Wittig in die Wellen. Dietrich war ihm um eines Rosses Sprung nahe gekommen und schoss seinen Speer nach ihm; aber zugleich versank Wittig in die See. Der Speer fuhr in die Erde und blieb da stecken. Eine Meerminne fing den sinkenden Wittig in ihre Arme auf und führte ihn mit sich auf den Meeresgrund. Das war Wachhild, Wittichs Ahnmutter.

Dietrich sprengte dem Verschwundenen nach ins Meer, weit, weit, bis ihm die Flut den Sattelbogen überspülte; da musste er umkehren. Er wartete lange am Ufer, ob er ihn nirgends sähe; wie er aber nicht wieder auftauchte, ritt er zurück aufs Walfeld.

Da lagen Helches Söhne in ihren weissen Brünnen und harten Helmen, die ihnen doch nichts gefrommt hatten. Dietrich küsste ihre Wunden und biss sich vor Schmerz in den Finger und klagte laut: "O, lebtet ihr und ich läge tot! Weh mir! Viellieber Bruder Diether, da liegst auch du starr und kalt! Und ich konnte dich nicht einmal rächen." Dann erhob er sich; die Edlen und Mannen versammelten sich um ihn.

"Markgraf Rüdiger, fahre heim mit deinem Kriegsvolk," sprach Dietrich. "Ich kehre nimmer zurück ins Heunenland, weil ich Helche verhiess, ihr die Söhne wiederzubringen; und das kann ich nun nicht erfüllen."

Da riefen Vornehme und Geringe: "Ziehe du mit uns! Wir alle wollen für dich sprechen bei Etzel und Helche."

Und Rüdiger sprach: "Nur zu oft werden uns die liebsten Helden in der Schlacht gefällt. Willst du nicht mit uns ziehen, so folgen wir dir; streite denn mit Ermenrich, bis du dein Reich wiedergewonnen hast."

Aber Dietrich hatte seinen Sieg mit so grossen Verlusten für Etzels Heer erkauft, dass er nicht wagte, dasselbe ferneren Schlachtgefahren auszusetzen, und zog mit zurück nach Heunenland. In Susa angekommen, verbargen sich Dietrich und Hildebrand in einer kleinen Hütte; Rüdiger sollte die traurige Botschaft in die Königshalle tragen. Als er eintrat, liefen schon die Rosse der Jungherren mit ihren blutigen Sätteln in den Burghof; die sah Helche und erriet, was ihr Leides geschehen.

"Heil dir, König Etzel," grüsste der Markgraf seinen Herrn.

"Willkommen, getreuer Rüdiger! Lebt Dietrich und gewannen die Heunen Sieg oder Unsieg?"

"König Dietrich lebt und die Heunen haben Sieg gewonnen. Aber tot liegen zu Raben auf dem Walfeld eure Söhne." Da brach Helche in laute Klagen aus und verfluchte den Berner.

"Wer von den Helden ist mit unsern Söhnen gefallen?" fragte der König dumpf.

"Herr, mancher gute Degen; vor allen Jung-Diether, der treue Helferich und Herzog Nudung, Wildeber und viele andre." Und Rüdiger erzählte nun, wie die Knaben erschlagen wurden, von Wittigs Flucht und wie ihn die See Dietrichs Rache entrissen habe. Und wieder sprach der König: "Nun ist’s geschehen wie oft zuvor; die müssen fallen, die zum Tode bestimmt sind. Wo ist Dietrich?"

"Dietrich und Hildebrand sitzen in einer Hütte; die Waffen haben sie abgelegt; und so sehr bekümmert Dietrich der Jungherren Verlust, dass er nicht vor dein Antlitz treten will."

Etzel sandte zwei Boten nach ihm, aber sie kamen zurück ohne Dietrich; zu gross sei sein Harm, er wage nicht zu kommen. Da erhob sich Königin Helche aus Jammer und Klagen: "Weh, dass ich dem getreuen Mann fluchen mochte!" Und sie ging mit ihren Frauen in die Hütte, wo Dietrich sass.

"Willkommen, König Dietrich," grüsste sie ihn. "Sage mir, stritten meine Söhne als tapfere Helden, bevor sie fielen?"

"Frau, fürwahr das taten sie," antwortete Dietrich gramvoll. Und Helche trat zu ihm, schlang ihre Arme um seinen Hals, küsste ihn und sprach: "Geh nun mit mir zu König Etzel, treuer Mann, und sei uns willkommen wie ehedem."

Da folgte ihr Dietrich in die Halle, trat vor des Königs Sitz und neigte sein Haupt in Etzels Schoss und sprach: "Räche nun dein Leid an mir."

Aber Etzel küsste ihn, hiess ihn willkommen und setzte ihn neben sich auf den Hochsitz. Und ihre Freundschaft war nicht geringer als vordem.

3. Helches Tod.

Zwei Jahre darauf ergriff die Königin ein Siechtum; sie sah ihren Tod voraus und liess Dietrich und Hildebrand an ihr Siechbett rufen.

"Dietrich, treuer Freund," sprach sie, "viel Gutes haben wir dir zu lohnen; nun wird der Tod unsre Freundschaft scheiden; darum empfange zuvor, was ich dir bestimmt habe; die edle Jungfrau Herrad will ich dir zum Weibe geben." Und sie liess ihm zehn Mark Goldes in einem Becher, dazu ein kostbares Purpurkleid überreichen. Dietrich nahm die Gaben und klagte: "Gute Königin Helche, weh um dich, dass du nun sterben sollst." Er weinte wie ein Kind und ging hinaus, weil er vor Gram nicht mehr zu reden vermochte. Meister Hildebrand reichte die Königin den besten Goldring, den sie an ihrer Hand trug: "Lass uns als Freunde scheiden und uns als solche wiederfinden, wenn wir uns treffen."

Unter Tränen dankte Hildebrand der Königin ihre Treue; dann liess sie den König rufen und sagte: "König Etzel, wir müssen nun scheiden, – nicht lange wirst du ohne Gemahlin bleiben; nimm kein Weib aus Nibelungenstamm, es wird dir und deinen Nachkommen Unheil bringen." Und als sie das gesprochen, wandte sie sich von ihm und starb. Etzel und ganz Heunenland beweinten sie und alle lobten ihre Güte und Milde.

Herrad aber, König Nantwins Tochter, die als Speergefangene an Etzels Hof lebte, wurde da Dietrichs Frau.

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