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Walhall

Felix Dahn: Walhall - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
titleWalhall
booktitleWalhall ? Germanische Götter- und Heldensagen
authorFelix Dahn und Therese Dahn
created20030919
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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II. Die Welten und die Himmelshallen.

Es ist ein vergebliches Bemühen, vereinbaren zu wollen die widerstreitenden Überlieferungen von dem Aufbau der verschiedenen Welten, von dem "Systeme" der wie Stockwerke eines Hauses erhöhten "Reiche"; diese Anschauungen bildeten eben ein "System" nicht; sie wechselten nach Zeiten und Stämmen und nach Darstellungen einzelner Sagenüberlieferer; nur das Wesentliche steht fest, und nur das Feststehende teilen wir hier mit.

Eine Grundanschauung nicht nur der Nordgermanen, auch der späteren "deutschen" Stämme war es, sich das ganze Universum als einen grossen Baum, als eine ungeheure Esche, vorzustellen; "Yggdrasil" heisst sie nordisch; d. h. doch wohl: "Träger (drasil) des Schreckens, des Furchtbaren (Yggr)"; dies ist einer der vielen Namen des obersten Gottes Odin, der sich nicht nur selbst eine "Frucht des Weltbaumes" nennt, der auch als hoch auf dem Wipfel dieses kosmischen Baums thronend gedacht werden mag.

Die Zweige der Esche breiten sich über das All, sie reichen in die Himmel empor; ja, seine über Walhall emporragenden Wipfel werden auch als ein besonderer Baum mit eignem Namen Lärad (Stille spendend) bezeichnet.

Die drei Wurzeln reichen zu dem Urdar-Brunnen bei den Nornen, zu den Reifriesen und Mimirs-Brunnen und nach Niflheim zu Hel und dem Brunnen Hwergelmir herab.

Die tiefernste, ja tragische (aber durchaus nicht "pessimistische"; denn dies ist keineswegs gleichbedeutend) Grundanschauung der Germanen, welche wir alsbald als bezeichnend für ihre Mythologie kennen lernen werden und welche in der Ahnung von der Götterdämmerung nur ihren grossartigsten und abschliessenden, keineswegs aber ihren einzigen Ausdruck findet, spricht sich nun auch aus in den vielen Gefahren und Nachstellungen, welche den "Weltbaum", d. h. alles Leben, unablässig bedrohen.

Zwar besprengen die Nornen (die Schicksalsgöttinnen, s. unten) täglich die Esche mit dem heiligen Wasser aus dem Brunnen Urds, der Norne der Vergangenheit, um sie vor Welken und Fäulnis zu bewahren. Aber diese treue Mühung der Pflege kann das unvermeidlich von fernher drohende Verderben nur hinauszögern, nicht es abwenden; ganz ähnlich, wie die Kämpfe der Götter gegen die Riesen, obzwar siegreich, den endlichen Untergang der Asen und aller Wesen nur hinausschieben, nicht verhindern mögen.

Alles Lebende ist vergänglich, ist unrettbar dem Tode verfallen; deshalb wird gesagt, eine Seite des Weltbaums ist bereits angefault. Und überall sind feindliche Wesen tätig, an ihm zu zehren; an seiner einen Wurzel in Hel nagen der Drachenwurm Nid-höggr (der mit Ingrimm Hauende), der sich von Leichen nährt, und viele Schlangen; vier Hirsche, deren Namen auf die Vergänglichkeit sich beziehen, beissen die Knospen der Zweige ab; ein Adler horstet im Wipfel, ein Eichhorn, Rata-wiskr ("Huscher an den Zweigen"), huscht geschäftig hin und der, des Adlers Worte zu dem Drachen niedertragend. Dagegen soll es wohl nicht Bedrohung des Weltbaums bedeuten, sondern nur dessen allernährende Fruchtbarkeit, dass an den Zweigen ein andrer Hirsch äset, aus dessen Geweih Tropfen fliessen, welche die Ströme der Unterwelt bilden; zumal aber, dass die Ziege Heid-Run sich davon nährt, deren Milch die Walhallgenossen, die Einheriar Odins, ernährt; diese Ziege erhält den Walhallhelden ihre Eigenart, ihre "Heid" (ein altes Hauptwort, das in Schön-heit, Rein-heit, Krank-heit usw. noch forttönt)Über die zwei oder drei Brunnen unter den Wurzeln des Weltbaums s. unten..

Die Vorstellung des Weltbaums, der grossen, allgemeinen, alles-tragenden Säule war auch bei Südgermanen tief eingewurzelt; die Irmin-Sul der Sachsen hängt damit zusammen.

Wie nun auf den Stamm des Weltbaums die Mehrzahl von Welten sich verteilt, welche als Gebiete verschiedener Wesen angeführt werden, das ist ohne Widerspruch nicht zu entscheiden; vielleicht sah diese Reihe von Vorstellungen von dem Bilde des Baums völlig ab. Zutiefst unter der Erde liegen Niflhel (auch Hel), ganz der Sonne fern, wo die Ruchlosen ihre Strafe leiden, eine Steigerung von Niflheim; in der Mitte über diesem Svart-alfaheim; erstere beiden sind die germanischen, nicht heissen und nicht hellen, sondern kalten und finstern "Höllen", d. h. Straforte für Seelen von Verbrechern oder doch freudloser Aufenthalt für Seelen von Weibern und von Männern, welche nicht den freudigen und ruhmvollen Schlachtentod gestorben und so nicht als Einheriar zu Odin nach Walhall aufgefahren, sondern an Krankheit auf dem Siechbett den "Strohtod" gestorben und zu Hel, der hehlenden, bergenden Todesgöttin der Unterwelt (s. unten), hinabgesunken waren. "Svart-alfaheim" ist die Heimat der Dunkel-Elben, zu welchen die Zwerge zählen, die in Bergen und Höhlen, im Schosse der Erde wohnen. An den äussersten Rändern der Erde, welche gegen das kreisartig erd-umgürtende Meer abfallen, – man mag sich dies vorstellen wie einen umgestürzten Teller – hausen die Riesen in Jötunheim; oberhalb desselben in "Midgard", in "Manheim", auf der erhöhten Mitte der Erde, wohnen die Menschen. Oberhalb der Erde im lichten Äther schweben die Licht-Elben in Ljos-Alfaheim, endlich oberhalb dieser thronen die Götter, die Asen, in As-gard; zweifelhaft bleibt die Lage von Muspelheim, der heissen Welt der Feuerriesen (nur dass sie im Süden der Welt zu suchen, steht fest; doch wohl als der Südteil von Jötunheim), und von Wana-heim (s. unten).

In Asgard selbst werden nun zwölf Burgen oder Hallen einzelner Götter und Göttinnen unterschieden; von manchen dieser Wohnungen sind uns nur die Namen, nichts weiteres überliefert; diese Bezeichnungen gehören zum Teil wohl nur der Kunstdichtung der Skalden, nicht dem Volksglauben an; sie werden sehr verschieden erklärt.

So ist Gladsheim ("Froh-heim"), Odins Burghalle, bald als ein Walhall umfassendes grösseres Ganzes gedacht, bald nur als der Hof, in welchem die zwölf Richterstühle der Götter stehen; von Gladsheim und Walhall heisst es:

Gladsheim heisst die fünfte (Halle), wo golden schimmert Walhalls weite Halle. Da kiest sich Odin alle Tage vom Schwert erschlagne Männer. Leicht erkennen können, die zu Odin kommen, den Saal, wenn sie ihn sehen; mit Schäften ist das Dach besteckt, überschirmt mit (goldenen) Schilden (statt der Schindeln), mit Brünnen sind die Bänke belegt .... Ein Wolf hängt vor dem Westen-Tor, über ihm aber ein Aar. Fünfhundert Türen und viermal zehn wähn’ ich in Walhall; achthundert EinheriarS. unten, Odin. gehen aus einer, wann es dem WolfDem Fenriswolf; s. unten, die Riesen. zu wehren gilt. Die Einheriar alle in Odins Saal kämpfen Tag für Tag; sie kiesen den WalSie verabreden nach germanischer Sitte Ort und Art des Kampfes, auch wohl die Kämpferpaare; es ist aber nur ein Kampfspiel; die schwersten Wunden heilen sofort wieder; ein Hahn weckt täglich die Männer in Odins Saal. und reiten vom Kampfe heim, mit den Asen Äl (Bier) zu trinken und, Sährimnirsährimnir, der Eber, der täglich gesotten wird, aber am Abend wieder unversehrt ist; Andhrimnir heisst der Koch, Eldhrimnir der Kessel. satt, sitzen sie friedlich beisammen. Andhrimnir lässt in Eldhrimnir Sährimnir sieden, das beste Fleisch; doch wenige wissen, wie viele Einheriar (dort) essen.

In der Mitte Walhalls, vor Heervaters, d. h. Odins Saal, ragt der Wipfel der Weltesche, Lärad; die Holzgehöfte der Germanen waren manchmal um einen mächtigen Baum gebaut, dessen Wipfel durch das durchbrochene Dach ragte (s. unten Wölsungensage).

Jedenfalls sind Walhall und Gladsheim nur als Teile Asgards zu deuten; und nach Asgard emporAus manchen Andeutungen erhellt, dass man sich Walhall auf dem Gipfel eines hohen Berges, oberhalb des höchsten Punktes der Erde, dachte; daher heisst Odin "der Mann vom Berge"; auf einem Berge steht er manchmal, den Helm auf dem Haupt, das gezogene Schwert in der Hand; anderwärts wird freilich Walhall mit dem Totenreich verwechselt und in den Schoss eines Berges verlegt; wie in den Sagen von Karl dem Grossen in den Unterberg oder von dem Rotbart in den Kyffhäuser; s. unten "Odin", Buch II, I. Wie ein Burggraben umzieht der von Nordosten kommende, bitter (giftig) kalte Strom Slidr, der "Schädliche", der Schwerter und Schneiden wälzt, die Walhalle, welche, wie andre Gehöfte, mit hoher Verzäunung umgeben ist, deren Einlässe fest verschlossen und für den von aussen Kommenden unauffindbar sind. (nach Müllenhoff.) wölbt sich von der Erde der Regenbogen als die Brücke Bif-röst, die "bebende Rast" (die leicht erzitternde, schwanke Strecke), auf welcher eben nur die Götter sich Asgard nähern können; die Riesen oder andre Feinde würden den roten Mittelstreifen des Bogens, der in hellem Feuer brennt, nicht überschreiten können. An der Regenbogenbrücke hält die getreue Wacht Heimdall, mit dem Giallar-horn (dem gellenden Horn), mit welchem er das Warnzeichen gibt, wann Gefahr nahe schreitet. Aber wir werden sehen: einst kommt der Tag, da mag den leuchtenden Asgardbewohnern nicht die flammende Brücke frommen und nicht des wackern Wächters treue Hut. –

Vor dem Tore Walhalls steht der Hain Glaser, dessen Blätter von rotem Golde sind. Die übrigen uns genannten Wohnungen von Göttern sind: Fensalir, Friggs Hausung, Thrudheim (oder Thrudwang) Thors (ein ganzes Land, darin die Halle Bilskirnir [rasch aufleuchtend] mit fünfhundertundsechzig Gemächern), Ydalir Ullrs, Söckwabek (Sinkbach) der Göttin Saga, Walaskialf (mit Silber gedeckt, abermals Odins Saal; hier erhebt sich dessen alle Welten überschauende hohe Warte; Hlidskialf), Thrymheim Skadis, Breidablick Baldurs, Himinbiörg Heimdalls, Volkwang Freyas, Glitnir (silbern, das Dach auf goldenen Säulen ruhend) Forsetis, Noatun Niördrs, Landwidi Widars Halle.

Ausser den im Himmel, in den Himmelsburgen wohnenden Hauptgöttern, den Asen, deren Zahl auf zwölf angegeben wird und welche wir alsbald einzeln betrachten werden, steht die Gruppe der Wanen, ebenfalls Götter, aber nicht asische; zu ihnen zählen vor allem Freya und deren Bruder Freyr. Die verschiedenen Versuche, die Eigenart der Wanen gegenüber den Asen zu bestimmen, sind wenig befriedigend; am meisten dürfte noch die Vermutung für sich haben, dass die Wanen Götter einer besonderen Gruppe von Völkern waren, aber ebenfalls germanischer; man nimmt an, der suebischen Stämme an der Seeküste (Götter des Wassers, des Handels, der bereichernden Seefahrt?). Der Name wird auf ven- (venustus), schön, zurückgeführt. Der Gegensatz von Asen und Wanen steigerte sich einmal bis zum Krieg; aber im Friedensschluss wurden der "reiche" Wane Njördr mit seinem Sohne Freyr und seiner Tochter Freya den Asen, der Ase Hönir, Odins Bruder, den Wanen gegeben; zunächst wurden sie wohl als Geiseln, später aber als gleichberechtigte Genossen aufgenommen und betrachtet.

Ausser den Asen und Wanen sind nun (neben den Menschen) Elben (Zwerge) und Riesen als besondere Reiche bildend zu unterscheiden (über diese s. unten Buch II, letztes Kapitel).

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