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Walhall

Felix Dahn: Walhall - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
titleWalhall
booktitleWalhall ? Germanische Götter- und Heldensagen
authorFelix Dahn und Therese Dahn
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II. Dietrich, König von Bern.

1. Von WildeberNach J. Grimm, Mythologie, S. 763, 745, ist Wildifer, d. i. Wildeber, aus dem ahd. Wild pero, d. i. Wildbär, durch Missverstand entsprungen. und Isung dem Spielmann.

Als König Dietmar starb, wurde Dietrich König von Bern. Einst sass er mit seinen Genossen in der Halle; da trat ein hochgewachsener, fremd aussehender Mann herein. Schlecht waren seine Kleider und Waffen, einen breitem Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen. Er ging hin vor des Königs Hochsitz und grüsste höflich und bescheiden: "Wildeber heiss’ ich und biete dir meine Dienste an."

Dem König gefiel seine Höflichkeit: "Zwar bist du mir unbekannt, Wildeber; doch sollst du mir willkommen sein, wenn meine Gefährten dich in unsre Genossenschaft aufnehmen wollen."

"Keiner wird gegen ihn sprechen, Herr!" rief Wittig, "wenn du für ihn bist."

Nun wurde Wildeber aufgenommen und ihm ein Sitz in der Halle angewiesen. Bevor er aber niedersass, ging er hin, seine Hände zu waschen. Dabei streifte er seinen Rockärmel hinauf, und Wittig sah einen dicken Goldreif an seinem Arme glänzen. Daraus schloss er, dass Wildeber ein vornehmer Mann war, obgleich der selbst gering von sich tat. Und als er nun die guten Kleider und Waffen anlegte, welche der König ihm reichen liess, sah man, dass er der Schönste war an Dietrichs Hof. Wittig und er wurden so gute Gesellen, dass keiner ohne den andern sein mochte. Um diese Zeit kam auch der junge Amalung, des Grafen Hornbog Sohn, und trat in des Überrenne Dienst, und bald darauf auch Herbrand. Er war weit umhergefahren in der Welt gegen Aufgang und Niedergang, so kannte er vieler Völker Sitten und Sprachen; darum hiess er auch Brand der Weitgefahrne. Ihm hatte Dietrich Botschaft gesandt, dass er kommen möge, sein Genosse zu werden.

Um diese Zeit brachten Gesandte aus Susa Brief und Insiegel des Königs Etzel; darin stand, wie er König Dietrich zu Hilfe rief wider Oserich.

Der hatte sich ganz verändert im Alter; hart und geldgierig geworden, bedrückte er schwer seine Untertanen, wenn er daheim war; lag er ausser Landes im Krieg, – und das tat er meistens – dann mussten sie noch grössere Schatzung zahlen.

Und mit König Etzel wolle er sich nicht gütlich versöhnen, stand weiter in dem Brief, und der Berner möge sich den Brief nicht unters Kopfkissen legen, sondern kommen um ihrer Freundschaft willen. Da ritt Dietrich zu Etzel mit fünfhundert Kriegern und allen seinen Genossen.

Gemeinsam brachen nun die beiden Fürsten ins Wilkinenland. Oserich kam ihnen entgegengezogen mit einem gewaltigen Heere; da ward eine männervernichtende Schlacht geschlagen. Hildebrand trug das Löwenbanner Dietrichs; er ritt voran; zu beiden Seiten hauend, warf er einen Toten auf den andern. Hinter ihm folgten Dietrich und seine Gefährten in übermütiger Kampflust, einer stets dem andern beispringend in Not und Gefahr; keine Schar widerstand ihrem Ansturm. Da kam ihnen Widolf entgegengelaufen. Wittig war weit vor seinen Genossen; der Riese hub die Eisenstange und schlug ihn damit so grimmig auf den Kopf, dass er betäubt auf die Erde stürzte. Heime war in der Nähe und sah ihn fallen; rasch sprang er hinzu, nahm dem Betäubten das Schwert Mimung und eilte fort. Über Wittigs Fall siegjauchzten die Wilkinen und drangen immer weiter vor. Aber Dietrich rief den Seinen zu: "Lasst nun den Übermut; schliesst eure Reih’n und zeigt den Wilkinen Amalungenhiebe."

Um ihren König geschart ritten die Berner nun so ungestüm in den Feind, dass Oserich sich zur Flucht wandte. Dietrich und Etzel verfolgten ihn. Da kam Hertnit, König Oserichs Brudersohn, mit seiner Schar aufs Schlachtfeld, seinem Ohm Hilfe zu bringen; aber er kam zu spät, auch er musste fliehen. Er sah den immer noch betäubt daliegenden Wittig; er erkannte dessen Wappen und ihn selber vom Sehen und Sagen. Rasch banden sie den Wehrlosen und nahmen ihn mit. Die Wilkinen hielten ihre Rosse nicht eher an, als bis sie zu Hause waren. Den Gefangenen liess der König in den Kerker seiner Burg werfen.

König Dietrich kehrte nach Bern zurück, voll des Grams um Wittigs Verlust. Wildeber bat ihn um Urlaub; nicht wolle er nach Bern zurückkehren, erlange er nicht sichre Kunde von Wittigs Leben oder Tod. So blieb er an Etzels Hof, und bald gesellte sich zu ihm Isung, der Spielmann. Ihn hatte Dietrich auf Kundschaft geschickt nach Wittig; denn Spielleute konnten frei und unbehindert durch aller Herren Länder ziehen. Einen ganzen Tag lang ergötzte er durch seine Kunst Etzel und alle Burgleute. Am Abend aber, als alle schliefen, suchte Wildeber den Spielmann und bat ihn um Beistand zur Ausführung seines Vorhabens: "Durch deine Kunst und List, Isung, hilf mir dazu, dass ich mit dir in Oserichs Halle komme, ohne dass man mich erkennt."

"Wohl, morgen früh bin ich bereit zur Reise; rüste auch du dich bis dahin."

Wildeber hatte auf einer Jagd, als er allein im Walde zurückblieb, einen übergrossen Bären erlegt; dem hatte er die Haut abgezogen und sie an einem nur ihm bekannten Ort verborgen. Die Bärenhaut nahm er nun heimlich mit. Zu König Etzel sagte er: "Ich will heimfahren nach Amalungenland; bald komm’ ich zurück; allein, ohne meine Mannen geh’ ich; nur Isung der Spielmann zieht mit mir."

So gingen die beiden fort, und als sie auf einsame Strasse kamen, zog Wildeber die Haut hervor und zeigte sie Isung: "Nun sieh hier, kluger Spielmann, meine Jagdbeute, die nahm ich mit; vielleicht dient sie uns zu einer List?"

Isung betrachtete die Haut von allen Seiten, dann lachte er: "Fahre hinein, Wildeber, gerüstet wie du bist; ich führe dich als Bären zu König Oserich." Wildeber fuhr in den Balg, und der Spielmann nähte die Haut fest zusammen an Händen und Füssen und wo es not war; und tat das mit so viel Geschicklichkeit, dass Wildeber darin wirklich einem ungeheuren Bären gleichsah. Dann legte er ihm noch einen eisernen Reifen um den Hals und führte ihn am Seile hinter sich her. So kamen sie ins Wilkinenland; dicht vor der Königsburg trafen sie einen Mann. Isung knüpfte ein Gespräch an und erfuhr gar bald, was er wissen wollte; dass Wittig in der Königsburg im Kerker lag und dass Hertnit nicht dort war.

König Oserich empfing den Spielmann freundlich: "Was kannst du denn so vieles spielen?" fragte er, "dass man dich preist über alle andern Sänger?"

"Herr König, hier im Land wird wenig gespielt werden, das ich nicht besser zu singen verstünde!" Und nun schlug er die ihm gereichte Harfe so wunderbar schön, wie nie zuvor ein Saitenspiel erklungen war im Wilkinenland. Sein Bär aber hub sich auf die Hinterfüsse und tanzte und hüpfte dazu. "Weisleu" nannte ihn der Spielmann; alle staunten über das seltne Schauspiel. "Kommt ihm nicht zu nahe," warnte Isung: "er kratzt und zerreisst alles, was ihn anrührt – nur mich nicht."

Zumeist ergötzte sich der König: "Dein Bär ist trefflich geschult; versteht er noch andre Künste als Tanzen?"

"Noch vielerlei Spiele versteht er, König Oserich, und besser als die meisten Männer. Soweit ich durch die Welt gefahren bin, fand ich kein grösser Kleinod als meinen Bären." Da bat der König den Spielmann, er möge ihm eine Kurzweil mit dem Bären erlauben. "Das sei dir gestattet," sprach Isung, "wenn zu ihn nicht allzu sehr necken willst."

"Ich will meine Jagdhunde auf ihn loslassen, zu erproben, wie stark der Bär ist."

"Herr König, das wäre nicht wohlgetan; denn wenn der Bär dabei umkäme und zu bötest mir all dein Gold als Busse – ich nähm’ es nicht; zerreisst aber der Bär deine Hunde, dann wirst du zornig und deine Leute erschlagen mir ihn."

"Versage mir das nicht, Spielmann, ich muss meine Hunde auf ihn hetzten; aber ich gelobe dir, dass weder ich noch meine Leute deinen Bären angreifen sollen."

Da willigte Isung ein, und der nächste Tag wurde dazu bestimmt.

In der Burg ward nur gesprochen von Isung und dem Bären und dem kommenden Spiel; so war auch zu Wittig im Kerker die Kunde gedrungen; er vermutete, dass der getreue Spielmann gekommen sei, ihn durch irgendwelche List zu befreien; die Hoffnung lieh ihm neue Kraft; er begann, seine Bande zu zerreissen.

Am nächsten Morgen ging’s vor die Burg hinaus auf ein weites Feld; ein grosser Zug folgte dem König, darunter seine beiden Riesen; die mussten immer um ihn sein, den dritten hatte er verabschiedet. Widolf ging in Eisenbanden, damit er niemand Schaden tue. Auch Frauen und Kinder kamen herzugelaufen, das Spiel anzusehen.

Der König liess nun sechzig Hunde gegen den Bären lösen; die liefen ihn zugleich an; der Bär ergriff den grössten und erschlug mit ihm zwölf der andern, – da ward der König zornig; er sprang auf den Bären zu, zog das Schwert und hieb ihm auf den Rücken. Die Klinge durchschnitt das Bärenfell, aber die Brünne darunter blieb unversehrt. Der König ging zurück; doch der Bär riss Isung dem Spielmann das Schwert von der Seite, lief dem König nach und hieb ihm das Haupt ab. Sodann sprang er gegen die Riesen; erst gab er Abentrod den Tod und darauf dem gebundenen Widolf. So liess Oserich sein Leben zugleich mit seinen Riesen, an denen er einen so grossen Trost zu haben glaubte.

Die Männer, die waffenlos dabei standen, flohen entsetzt bei dem Fall ihres Königs; sie dachten, ein Unhold stecke in dem Bären.

Wildeber lief nun in die Burg und rief nach seinem Freunde Wittig; der hatte sein Gefängnis unterdessen erbrochen und kam hervor. Die Gefährten erschlugen, wer ihnen Widerstand leistete. Wittig fand bald seinen Hengst Schimming und all sein Gewaffen, nur Mimung fehlte. Nun riss Wildeber die Bärenhaut ab und zeigte, wer er war. Zu spät erkannten die Feinde, dass kein Unhold, sondern ein tapferer Held ihren König erschlagen hatte. Die Nächststehenden griffen zu den Waffen, aber die Berner sprangen auf die Rosse und ritten eilig davon; sie hatten nicht versäumt, zuvor Gold und Silber aus des Königs Schatz zu nehmen, soviel sie konnten. Sie mieden die bewohnten Gegenden und die grossen Heerstrassen, bis sie ins Heunenland und zu König Etzel kamen. Hocherfreut, Wittig frei und heil wiederzusehen, liess er sich alles berichten: "Fürwahr," rief er dann, "ein gewaltiger König ist Dietrich und herrlich sind seine Genossen; jeder setzt Ehre wie Leben für den andern ein. Und besser wäre meine Freundschaft König Oserich gewesen, als solcher Tod." Die drei nahmen Abschied und ritten nach Bern zu König Dietrich.

Freudigen Willkomm rief der ihnen entgegen, als sie in seine Halle traten. Ausführlich musste der Spielmann alles erzählen. Reichen Dank erntete Wildeber, und weit über die Lande ging seitdem der Ruhm seiner kühnen Tat.

Die Wilkinen erhoben Hertnit, Oserichs Neffen, zu ihrem König.

2. Wittig erschlägt Rimstein und gewinnt Mimung zurück.

Wittig grämte sich wegen seines verlornen Schwertes: "Und finde ich den Mann, der Mimung trägt, so lasse ich mein Leben, oder gewinne das Schwert zurück," sprach er zum König.

"Du brauchst nicht weit nach ihm zu suchen," antwortete Dietrich: "Der Mann ist Heime, unser Genosse, er nahm Mimung, als du gefallen warst."

Nun sandte damals Ermenrich aus Romaburg Dietrich Botschaft, dass er ihm beistehen möge wider seinen Lehnsmann Rimstein, der ihm den schuldigen Zins verweigerte. Dietrich brach auf mit fünfhundert Kriegern und all seinen Schildgefährten. Wittig aber forderte von Heime sein Schwert zurück. Auf vieles Bitten beliess er es ihm aber noch für diesen Kriegszug und trug so lange Nagelring. Dietrich und Ermenrich zogen nun mit Feuer und Schwert durch Rimsteins Land, bis sie vor seine feste Burg Gerimsheim kamen, in welcher er sich verschanzt hielt. Sie lagerten ihre Heere rings um die Stadt, schlugen die Zelte auf und bestürmten wochenlang vergebens die starken Mauern.

Da ritt eines Abends Rimstein mit sechs Männern aus der Burg auf Spähe, nachdem er zuvor seine Krieger kampfbereit aufgestellt hatte an allen Toren in der Stadt.

Als Rimstein zurückkehrend zwischen die Lagerzelte der Feinde und die Mauern der Burg kam, ritt ihnen ein Mann entgegen, das war Wittig. Bald erkannten sie, dass er ein Feind war; sie stiegen von den Rossen und griffen ihn an. Wittig setzte sich grimm zur Wehr und zerspaltete Rimstein Helm und Haupt; tot fiel er zur Erde. Seine Begleiter sprangen bestürzt auf ihre Rosse und flohen in die Stadt.

Wittig aber ritt, seinen Hengst lustig tummelnd, ins Lager zurück.

König Dietrich und alle sahen ihn kommen, und Heime sprach: "Seht, stolz reitet Wittig heran; gewiss hat er etwas vollbracht, das ihm eine Heldentat dünkt und seinen Übermut noch grösser macht!"

Wittig rief den Freunden schon vom Ross herunter zu:

"Nun braucht ihr wegen Rimsteins nicht länger hier zu liegen; Rimstein ist tot."

Alle fragten, wie das geschehen sei oder wer denn das getan habe?

"Das tat der Mann, der jetzt von seinem Hengste springt," antwortete der Gefragte und stieg ab.

"Wahrlich ein geringes Heldenwerk," sprach Heime darauf; – "Rimstein war alt und schwach, jedes Weib hätte ihn erschlagen können." Zornig sprang Wittig auf Heime zu und riss ihm Mimung von der Seite. Nagelring warf er ihm vor die Füsse und forderte ihn zum Zweikampf. Aber Dietrich und alle Schwurbrüder sprangen dazwischen und baten Wittig, davon abzustehen. Jedoch zürnend antwortete der: "Stets schmähte mich Heime; genug des Grolls tragen wir einander! Als ich auf der Walstatt lag, – statt mich zu bergen, – entwandte er mir mein Schwert; wenig männlich war das! Früher oder später muss es doch ausgefochten werden zwischen uns, und nicht eher soll Mimung wieder in seine Scheide kommen, bis er nicht zuvor mitten durch Heimes Haupt gefahren ist."

Da sprach König Dietrich: "Heime, du hast nicht wohlgetan! – Nun versöhne Wittig; du schufst ihm den Zorn." Und die Waffenbrüder liessen nicht ab, bis sie den Streit schlichteten und Heime mit einem Eide schwur, nur scherzweise, nicht Wittig zur Schmach, habe er die Worte gesprochen. Und so gewann Wittig Mimung zurück.

Am andern Tag erfuhr König Ermenrich Wittigs Heldentat; da liess er sofort Sturm laufen gegen die Stadt, und die führerlosen Eingeschlossenen fanden nichts Weiseres zu tun, als sich seiner Gewalt und Gnade zu übergeben.

Ermenrich gewährte ihnen Frieden für Leben und Habe, die Stadt aber nahm er für sich zu eigen und setzte Walther von Wasgenstein darüber als Vogt. Dann zogen die Könige mit ihren Heeren wieder ab, jeder in seine Heimat.

3. Herburt und Hilde.

Graf Herdegen war vermählt mit Isolde, König Dietrichs Schwester; sie hatten drei Söhne, – der älteste hiess Herburt, der zweite Herdegen, der jüngste Tristram. Wie sie heranwuchsen, gab der Graf ihnen Wigbald, einen tüchtigen Kämpen, zum Meister, der lehrte sie das Waffenwerk und alle höfischen Künste. Herburt und Herdegen waren gelehrige Schüler, Tristram aber lernte langsam und schwer. Als sie einst mit ihrem Meister zu Tische sassen, sprachen die älteren Brüder, dass Tristram das Waffenwerk nicht lernen könne, und es sei besser, er beschäftige sich mit anderm. Aber Tristram entgegnete: "Ich will mich mit euch im Fechten versuchen; dann wollen wir sehen, was ich davon verstehe! Und gleich auf der Stelle lasst uns das tun." Nun gingen sie hinaus und nahmen ihre gewöhnlichen Schwerter, die waren nicht geschärft.

"Stumpfe Schwerter schneiden keine Wahrzeichen," rief Tristram, "lasst uns scharfe nehmen."

Wigbald, der ihnen gefolgt war, wollte versuchen, was sie gelernt hätten, und gab ihnen geschärfte Klingen, ermahnte sie aber, sich nicht zu verfeinden, wenn auch einer den andern verwunden sollte.

"Fürwahr, das soll mich nicht anfechten," antwortete siegesgewiss Herdegen und wollte sich zuerst mit Tristram versuchen. Zornig schwang der sein Schwert empor, ging dem Bruder entgegen und hob seinen Schild. Meister Wigbald schalt ihn, weil er den Schild verkehrt hielt, und wollte ihn darin unterweisen, doch heftig wies ihn Tristram zurück: "Hab’ ich zuvor nichts gelernt, so hilft mir die Lehre jetzt auch nichts mehr." Herdegen glaubte seinem Bruder jeden Hieb versetzen zu können, wenn er sein nicht schonen wolle. Tristram holte nun aus zum Hieb, Herdegen schwang den Schild entgegen; doch rasch stiess ihm Tristram das Schwert unter dem Schild in die Weiche, ihn ganz durchbohrend; tot fiel Herdegen zu Boden.

Tristram schleuderte den Schild von sich, schritt mit gezücktem Schwert hinweg und ritt aus dem Land. Er kam nach Brandinaborg und trat in des Herzogs Iron Dienste. Als aber der Vater das Geschehene erfuhr, ward er überaus zornig auf Herburt: "Nun hab’ ich zwei Söhne auf einmal verloren! Du allein trägst die Schuld; weil der älteste, hättest du ihr törichtes Unternehmen verhindern müssen. Dir gebührte, dass du die Tat büsstest; – niemals wirst du ein tüchtiger Mann."

Herburt nahm sich des Vaters Zorn sehr zu Herzen; ohne langes Besinnen sattelte er sein Ross und ritt nach Bern zu seinem Oheim Dietrich und klagte ihm sein Leid. Gut nahm ihn der König auf und erfand ihn bald als Geschickt in Kampf und Spiel. Nun hatte Dietrich damals keine Gemahlin; er hatte Boten ausgesandt über alle Welt, nach der schönsten Frau zu forschen. Die kamen zurück und erzählten von Hilde in Bertangaland, König Artus’ Tochter.

"Sie ist die wunderschönste Frau, das sagten uns alle, die sie je geschaut haben; sorgfältig wird sie gehütet, nur des Königs allernächste Freunde dürfen sie sehen."

Dietrich fragte Herburt, ob er für ihn um Hilde werben wolle bei König Artus? Und als Herburt dazu bereit war, gab er ihm vierundzwanzig Edle und liess sie geziemend ausrüsten zu der Fahrt. So ritt Herburt zu König Artus und trug ihm seines Oheims Werbung vor.

"Warum kommt der Berner nicht selbst und wirbt um meine Tochter, wenn er sie will?" antwortete König Artus. "Du kannst Hilde nicht sehen; es ist nicht Sitte hier, dass Männer Königsjungfrauen schauen, ausser an dem Tag, wann sie zur Kirche gehen."

Herburt blieb nun an König Artus’ Hof und trat auch in dessen Dienst; die Feinheit seiner Sitten und die Höflichkeit seines Wesens gewannen ihm aller Gunst. Der König übertrug ihm das Schänkenamt und liess vornehme Gäste von ihm bedienen; bald erhob er ihn zu seinem eignen Mundschänk, und nun hatte er nur dem König den Becher zu reichen. Als der Tag kam, da Hilde zur Kirche gehen sollte, schritt Herburt auf dem Weg vor ihr, um sie zu sehen. Die Königsjungfrau ging inmitten von zwölf Grafen, sechs ihr zu jeder Hand, die hielten ihres Gürtels Enden gefasst; hinter ihr schritten zwölf Mönche, die trugen ihres Mantels Saum; dann folgten zwölf Edelinge in Brünnen und Helmen, mit Schwert und Schild; die mussten jedem wehren, der sie ansprechen wollte. Auf ihren Schultern trug sie zwei Vögel, deren ausgebreitete Fittiche die Sonnenstrahlen von ihr abhielten; ein Seidenschleier war um ihr Haupt geschlagen, damit niemand ihr Antlitz sehen konnte. In der Kirche setzte sie sich in ihren Stuhl, nahm ein Buch und sah nicht einmal auf. Herburt ging so nah an ihren Sitz als möglich und konnte sie doch nicht sehen, denn ihre Wärter standen vor ihr. Nun hatte er zwei lebende Mäuse mitgenommen, die eine mit Gold, die andre mit Silber geschmückt. Die goldgeschmückte zog er jetzt hervor und liess sie los; sie lief längs der Wand auf Hilde zu; – da schaute die Königstochter sich nach der Maus um, und Herburt sah etwas von ihrem Antlitz. Nach einer Weile gab er auch die silbergeschmückte frei; die lief denselben Weg auf Hilde zu; und abermals schaute die Jungfrau auf die Maus, und nun erblickte sie Herburt, – da lächelte er ihr zu. Und Hilde sandte heimlich ihre Gefolgsfrau zu ihm, zu erfragen, wer er sei und was er wolle?

"Herburt bin ich, ein Blutsfreund König Dietrichs von Bern und von ihm hergesandt; was ich aber will, kann ich nur Hilde allein sagen."

Bald brachte die Dienerin ihm die Antwort; hinter der Kirche möge er sich verborgen halten und warten, bis der König und die Königin hinweggegangen. Herburt tat so; und als Hilde, ihrem Vater folgend, aus der Kirche schritt, wandte sie sich schnell hinter die Tür und fragte nach seinem Anliegen.

"Schon ein halb Jahr bin ich hier! Was ich Euch zu sagen habe, ist lang; drum lasst mich Euch ungestört sprechen."

Sie antwortete, dass sie es so fügen wolle; da trat ein Mönch zwischen sie und stiess Herburt scheltend zur Seite, – der aber fasste des Mönches Bart und schüttelte ihn zornig: "Ich will dich lehren, Herburt stossen," und Haare samt Haut riss er ihm aus.

An diesem Tage sass Hilde in der Königshalle zu Tisch und trank mit dem Könige. Herburt waltete seines Schänkenamtes. Da bat sich Hilde des Königs Mundschänk zu ihrem Dienstmann aus. König Artus gewährte die Bitte, und als Hilde in ihr Schloss zurückkehrte, folgte ihr Herburt mit den andern Dienern und Dienerinnen. Alsogleich sandte Herburt zwölf seiner Begleiter zu König Dietrich und liess ihm melden, dass er Hilde gesehen habe und mit ihr sprechen könne; sie sei die schönste aller Frauen.

Herburt sagte nun dem Königskind, dass Dietrich von Bern um sie als seine Ehefrau werbe.

"Was für ein Mann ist Dietrich?"

"Er ist der grösste Held der Welt und der mildeste Mann."

"Vermagst du wohl, Herburt, mir an die Steinwand hier sein Antlitz zu zeichnen?"

"Das kann ich leicht; und jeder, der Dietrich einmal sah, würde ihn in diesem Bild erkennen." Und er zeichnete ein Antlitz an die Wand, gross und schrecklich.

"Sieh, hier ist’s, Jungfrau; und so ein Gott mir helfe, – König Dietrichs Antlitz ist noch schrecklicher."

Hilde erschrak und rief: "Niemals möge mich dies elbische Ungeheuer erhalten! – Warum wirbst du für Dietrich und nicht für dich selber?"

"Meines Oheims Botschaft musst’ ich ehrlich ausrichten," antwortete Herburt, "wenn du ihn aber nicht haben willst, dann – nimm mich! Bin ich auch nicht König, ich stamme aus edlem Geschlecht; Gold und Silber habe ich reichlich dir zu bieten, und ich fürchte weder deinen Vater und Dietrich von Bern, noch sonst etwas in der Welt."

"Dich will ich, und nicht Dietrich von Bern," antwortete Hilde, und sie legten ihre Hände zusammen und gelobten, dass nichts sie scheiden solle ausser der Tod.

Nach einigen Tagen riet Herburt, sie wollten heimlich fliehen, ehe König Artus ihr Verlöbnis erfahre. Willig folgte ihm Hilde, und auf zwei Rossen ritten sie im Morgendämmer aus der Burg in den nahen Wald. Die Torwächter, als sie Herburt reiten sahen, argwöhnten, wer die Frau sei, die, im Mantel verhüllt, ihm folgte. Sie gingen zum König und zeigten es ihm an. Bald war der König dessen gewiss; da gebot er seinem Degen Hermann, den Entflohenen nachzureiten und nicht eher zurückzukommen, bis er Herburts Haupt mitbringe.

Hermann, dreissig Degen und dreissig Knechte, gepanzert und gewappnet, ritten, der Fliehenden Spur verfolgend, dem Walde zu. Wie Herburt fernher sie kommen sah, sprach er voll Übermuts: "König Artus fand sicherlich, dass du mit zu geringen Ehren fortgezogen bist; er sendet dir seine Mannen nach, damit sie uns dienen."

"Ich fürchte," warnte Hilde, "sie werden dein Leben haben wollen."

"So will ich nicht vor ihnen davonlaufen," antwortete er, stieg vom Ross, hob auch Hilde herunter, und band die Rosse an einen Baum. Dann ruhten sie im Walde.

Bald kam die verfolgende Schar an die Stelle. Herburt trat ihnen, Willkomm bietend, entgegen, doch Hermann fuhr ihn zornig an: "Keinen Frieden sollst du haben, Elender! Aber bevor du stirbst, sage, du Dieb, was ward aus Hilde?"

"Mein Weib," antwortete Herburt. Da stiess Hermann ihm den Speer gegen die Brust; aber Herburt hieb mit dem Schwert den Schaft entzwei und mit dem weiten Hieb spaltete er Hermann Helm und Schädel. Dem nächsten Kämpen schlug er den Schenkel durch, dass er vom Rosse fiel. Den dritten durchstach er ganz und gar, und so kämpfte er fort, bis viele erschlagen und verwundet lagen, – die übrigen flohen zurück. Hilde wusch und verband Herburts Wunden; seine Waffen waren so zerfetzt, dass sie nutzlos geworden. Dann ritten sie ihre Strasse weiter und kamen zu einem König, der sie friedlich aufnahm. Herburt wurde sein Herzog, und viel noch erzählt die Sage von seinen fernern Heldentaten.

4. Wie Sibich treulos ward.

König Ermenrich sass in Romaburg; er war der mächtigste aller Herrscher; ihm dienten und schatzten Könige, Herzoge und Grafen, und sein Landgebiet reichte im Süden bis an die Adria. Sein Ratgeber hiess Sibich, der hatte eine Frau, Odilia, von züchtigen Sitten und wundergrosser Schöne; allzu sehr gefiel sie dem König. Er entsandte Sibich in eine Stadt, an Königs Stelle Bann zu üben und Recht zu sprechen. Odilia sass unterdes daheim und nähte an einem Seidenhemd für ihren Gatten. Da kam Ermenrich zu der Einsamen, und als sie ihn von sich wies, kränkte er gewaltsam ihre Ehre. Dem bald darauf heimkehrenden Sibich trat Odilia weinend unter der Haustür entgegen und klagte ihm das Geschehene. Ergrimmt antwortete Sibich: "Sei ruhig, Weib, und stelle dich, als sei nichts geschehen; bisher hiess ich der getreue Sibich, nun will ich ein ungetreuer Sibich werden; – ich räche die Schmach."

Sibich war ein mittelgrosser, starker Mann; rot waren ihm das Haar und der lange Bart, sein lichtfarbiges Antlitz voll roter Flecken. Er änderte nun seine Gemütsart, rachgierig, hinterlistig, treulos und harten Herzens führte er seine furchtbare Rache aus.

Vor König Ermenrich neigte er sich und diente ihm scheinbar treu wie zuvor. Bald riet er seinem Herrn, von König Oserich, der damals noch lebte, Schatzung zu heischen, und deshalb sollte er seinen Sohn Friedrich in geringer Begleitung, wie es einem Boten zieme, nach Wilkinenland senden. Als der Königssohn nun in eine Wilkinenburg einritt, wurde er von dem Burggrafen, einem Blutsfreunde Sibichs, erschlagen. Heimlich hatte Sibich den Grafen dazu aufgefordert. Ermenrich aber glaubte, der Mord sei auf Oserichs Befehl geschehen. Noch bevor Friedrichs Tod in Romaburg bekannt wurde, entsandte Ermenrich – wiederum auf Sibichs Rat – einen andern Sohn, Reginbald, zu Schiff nach England; der sollte dort Schatzung fordern. Sibich wies ihm ein altes, gebrechliches Fahrzeug an, das sank, sobald es auf offene See kam, und Reginbald ertrank mit allen seinen Mannen. Wohl betrübte den König der Verlust seiner Söhne, aber sein gieriger Sinn folgte immer wieder den Ratschlägen Sibichs.

5. Von den Harlungen.

König Ermenrichs Bruder, Harlung, der auf der Fritilaburg gebot, war gestorben. Um seine Witwe, die schöne Bolfriana, warb Dietrich für Wittig. "Ich will ihm Frau und Burg geben," entschied Ermenrich, "wenn Wittig fortan mir so treu dienen wird wie bisher dir." Und so ward es vereinbart und ward Wittig Ermenrichs Graf. Auch Heime trat in Ermenrichs Dienst.

Die verwaisten Harlunge Fritila und Imbreke lebten zu Breisach in der Hut ihres Pflegers, des getreuen Ekkehart. Ihres Schatzes und Landes war nicht wenig, und leicht gelang es Sibich, Ermenrich danach begierig zu machen; durch verleumderische Beschuldigungen reizte er den König gegen seine eignen Neffen auf. Das geschah in des Königs Halle, als Ekkehart zufällig dort war.

"Friedlos sollen die Harlunge vor mir sein," sprach Ermenrich, "und das schwör’ ich; ich will sie hängen so hoch, wie nie vorher eines Menschen Kind gehangen hat."

"Wehe!" rief Ekkehart, "ehe das geschieht, muss erst mancher Helm gespalten werden; und der Kopf folgt nach!"

"Dein übermütig Reden frommt ihnen nichts; lieber häng’ ich sie noch höher."

"Das sollst du nicht, solange ich noch aufrecht stehen kann," antwortete Ekkehart, ging fort, schwang sich aufs Ross und ritt nach Breisach, so schnell er konnte. Und als er an den Rhein kam, sass er ab und schwamm durch den Strom, das Ross folgte. Nun standen die Harlunge gerade auf der Zinne ihrer Burg und sahen einen Mann in den Fluss springen und durchschwimmen. Fritila erkannte ihn zuerst und sprach zu Imbreke: "Dort schwimmt Ekkehart, unser Pfleger; er muss vielwichtige Botschaft haben, weil er nicht auf den Fährmann wartete. Lass uns hinabgehen."

Wie Ekkehart ans Ufer kam, gingen die Brüder ihm entgegen und befragten ihn, warum er so eilte.

"Grosse Not treibt mich dazu; König Ermenrich ist auf der Fahrt hierher mit einer Heerschar, euch zu ermorden; eilt und rettet euch."

"Wir werden schon versöhnt werden mit ihm," entgegneten die Brüder, "warum sollten wir unsern Oheim fürchten?"

Ekkehart erzählte nun, was in der Königshalle geschehen war, aber die Harlunge wollten nicht fliehen und zogen die Brücke über dem Graben auf, sich in der Burg zu verteidigen. Bald langte Ermenrich mit seinem Heere vor derselben an; er ritt, so nah er konnte, an den Graben und schoss seinen Speer hinüber und in die Burg. Fritila trat auf die Mauer und fragte: "Herr, wessen klagst du uns an, dass du unsre Burg nehmen willst und unsern Tod heischest?"

"Nicht euch Rede zu stehn kam ich her," antwortete Ermenrich. "Heute noch sollt ihr hängen, an dem höchsten Baum, den ich finde."

Der Sturm begann, aber lange trotzten die festen Mauern. Da wusste Sibich Rat; aus grossen Wurfschleudern liess er Feuer in die Feste schiessen, dass Stadt und Schloss aufloderten.

Nun war der treue Ekkehart vor Ermenrichs Ankunft ausgeritten in der Harlunge DienstWohl um Hilfe und Lebensmittel zu holen.. Die Harlunge konnten den Brand nicht bewältigen, aber sie wollten nicht verbrennen, feigen Hunden gleich; von sechzig treuen Mannen gefolgt brachen sie aus der Burg hervor und kämpften, bis vierhundert ihrer Feinde erschlagen lagen; da wurden die kampfmüden Jünglinge von der Überzahl mit den Händen gegriffen und gleich gehängt. Ermenrich ging in die Burg, nahm der Harlunge Schatz und zog wieder ab.

Als der getreue Ekkehart heimkehrte, Breisach verbrannt, seine Herren tot fand, liess er alle Burgen im Lande besetzen und befahl, niemand einzulassen. Er selbst ritt nach Bern zu Dietrich und klagte ihm die Märe.

Der Berner und Ekkehart brachen mit einer Heerschar in Ermenrichs Land; das Schloss, in welchem sie den König auf seinem Heimzug antrafen, erstürmten sie, und erschlugen viele Mannen; aber Sibich und Ermenrich entflohen ihnen.

6. Dietrichs Flucht.

"Hüte dich nun vor Dietrich!" sprach Sibich zu Ermenrich. "Denn einmal erzürnt, lässt er nicht mehr vom Kampfe, und willst du Königtum und Leben vor seinem Zorn bewahren, so rüste dich. Seit er König von Bern ward, hat er sein Reich stets gemehrt, aber deins eher gemindert; oder wer erhält Schatzung von Amalungenland? Dein Vater hat es erobert mit dem Schwert, und doch gönnt Dietrich dir nichts davon."

"Wahr ist es, dessen du mich gemahnst!" grollte der König.

"Darum," fuhr Sibich fort, "sende Herzog Reinald mit sechzig Gefolgen nach Amalungenland und fordere Schatzung, und wer dawider spricht, der ist dein Feind."

Der Rat gefiel dem König, und sogleich befolgte er ihn. Die Sendboten ritten aus und beriefen ein Ting nach GartenOberitalien: am Gardasee, deutet man. in Amalungenland. Dort trug Reinald den Landsassen Ermenrichs Gebot vor.

"Bisher haben wir Dietrich gezinst," sprachen die Männer: "Will er die Schatzung Ermenrich übergeben, so ist’s uns recht; aber beiden wollen wir nicht zahlen." Und sie sandten Boten zu Dietrich, die sagten ihm alles, und er möge für sie die Antwort geben. Dietrich ritt mit zwölf Begleitern zu dem Ting, ging mitten unter die Versammelten, hub an zu reden und gab Bescheid. Fest und ruhig klang seine tönende Stimme:

"Mein ist das Recht und mein das Amalungenland; solang ich König von Bern bin, erhält Ermenrich keine Schatzung davon. Wenig Dank weiss ich dir deinen Botenritt, Reinald; fahre heim und sage Ermenrich, was du gehört hast." Eilig kehrte Reinald mit der Antwort zu Ermenrich zurück.

"Siehst du nun," sprach Sibich, "dass Dietrich sich dir gleich dünkt an Würden und Macht?"

"Übermutes ist er voll," rief Ermenrich heissgrimmig. "Mir und meinem Reiche stellt er sich gleich! Lasset die Hörner blasen, auf nach Bern! Hängen soll auch er; dann wissen wir’s beide, wer der Mächtigere von uns ist!"

"Helfe der Wunschgott König Dietrich!" sprach Heime. "Wutverblendet verdirbst du deine Gesippen, einen nach dem andern! Aber du wirft es noch mit Schmach entgelten. An alledem ist der tückische Sibich schuld."

"Ja," sprach auch Wittig, "das wird dir zur grössten Schande werden, Ermenrich, und solange die Welt steht, wird man ihrer gedenken." Und damit ging Wittig hinaus und ritt zu Dietrich.

Aber Ermenrich liess alle Heerhörner blasen; von nah und fern strömten die Krieger heran; alsbald hatte sich ein Heer zusammengeschart, und Ermenrich brach auf, Tag und Nacht reitend, so schnell er vermochte; und auf der Fahrt stiessen noch viele zu ihm, die so schnell dem Heerpfeil nicht hatten Folge leisten können. Heime war unterdessen denselben Weg geritten, den Wittig genommen hatte. Mitternacht war’s, als Wittig vor Bern ankam; er nannte seinen Namen und bat um eiligen Einlass. Sofort wurde er Dietrich gemeldet, der stand auf und empfing ihn freundlich.

"Eilet und fliehet, mein lieber Herr Dietrich. König Ermenrich ist mit einem gewaltigen Heer im Anzug; wenn Ihr den Tag erwartet, seid Ihr verloren! Bei Sonnenaufgang kann er hier sein."

Dietrich ging in seine Halle; schmetternde Hörner beriefen seine Kämpen dorthin zum Rat, da erfuhren sie Wittigs Botschaft.

"Nun wählet," sprach der Berner, "wollen wir bleiben und uns gegen die Übermacht verteidigen, bis wir Land und Leben verloren haben, oder hinwegreiten; Bern ist dann – für jetzt – verloren; aber unsre Kriegsschar und unser Leben sind gerettet."

Hildebrand antwortete: "Nun hilft nichts, wir müssen fliehen! Und jeder, der seinem Herrn folgen will, geh’ und rüste sich; wir haben keine Zeit zu verlieren. Auf, ins Heunenland zu König Etzel." Alle standen auf.

Grosser Lärm entstand da in der Stadt von Rossewiehern und Waffengetöse; dazwischen scholl das Weinen und Klagen der Frauen und Kinder, die von den Fliehenden Abschied nahmen. Als alle gerüstet waren, gingen sie noch einmal in die schönen Königshallen und tranken den Abschiedsbecher. Da stürmte Heime herein: "Auf, König Dietrich, flieht ohne Säumen! Ermenrich folgt mir auf der Ferse mit fünftausend Degen und ungezählten Mannen; ihm widerstehst du nicht."

Hildebrand fasste Dietrichs Bannerstange und schwang das Banner mit dem goldenen Löwen empor: "Nun folgt mir; ich reite voran und weise euch den Weg." Alle sprangen empor, eilten hinaus zu ihren Rossen und scharten sich zusammen. Dietrich nahm seinen zweijährigen Bruder Diether in den Arm und schwang sich auf Falkas Rücken; er stiess das Burgtor auf. Hildebrand ritt voran, das Banner tragend. So zogen sie fort, nordwärts über die Grenze, bei König Etzel Zuflucht zu finden. Ehe sie sich aber ins Heunenreich wandten, streiften sie heerend durch Ermenrichs Gebiete.

Wittig und Heime ritten traurig zurück, bis sie Ermenrich in einer Burg antrafen, wo er Rast hielt. Heime ging zu ihm und sprach voll Zornes: "Du tatest bisher schon genug Übeltaten; deine Söhne hast du in den Tod gebracht, deine Neffen ermordet; und nun hast du auch Dietrich und Diether und mit ihm die besten Helden verjagt; – das stiftete alles Sibich, der böse Hund."

"Höre, König, den hochmütigen Heime," sprach Sibich. "Besser wär’s, du liessest ihn im Walde Rosse hüten, wie sein Vater es tat."

"Hätt’ ich Nagelring nun zur Hand, erschlüg’ ich dich, wie man einem Hunde tut," rief Heime entgegen und schlug Sibich mit der Faust ins Gesicht, dass er zur Erde stürzte.

"Ergreift Heime und hängt ihn!" befahl der König.

Aber Heime eilte hinaus, nahm seine Waffen, sprang auf seinen Hengst Rispa und ritt zum Burgtor hinaus. Sechzig Mannen setzten ihm nach; doch Wittig trat in das Tor und schwang ihnen Mimung entgegen. Da wagte sich keiner mehr vorwärts. Heime ritt mit seinen Genossen in den Wald und führte wieder ein Räuberleben; wo er Höfe Ermenrichs oder Sibichs fand, verbrannte er sie, ihre Krieger erschlug er und tat ihnen vielen Schaden. Sibich wagte nur noch mit grossem Gefolge zu reiten und fürchtete sich stets vor Heime.

Als König Dietrich auf seiner Flucht an die Donau vor die Burg Bechelaren kam, meldeten die Türmer ihrem Markgrafen die Gäste. Rüdiger ritt ihnen mit Gotelinde, seiner Frau, und seinen Burgmannen entgegen und begrüsste die Heimatlosen. Dietrich klagte ihm Ermenrichs Übeltaten und dass sie deshalb zu Etzel flüchteten. Aber Rüdiger liess sie so rasch nicht fort; lange und gute Rast hielten sie, und als sie endlich von Bechelaren schieden, gab der milde Markgraf jedem ein Gastgeschenk und zog selbst mit ihnen nach Susa. Ein Wächter meldete ihr Nahen. Mit flatternden Fahnen, umgeben von Spielleuten, ritten Etzel und Helche einer Schar voran, Dietrich feierlich einzuholen.

"Wir kommen – landflüchtige Männer! – bei dir eine Zuflucht suchend," sprach Dietrich.

"Sei willkommen, bleibe da und sei mein Gast, so lange du willst," antwortete der Heunenkönig. Er bot ihnen ein grosses Gastmahl und wies ihnen eine eigne Burg in seiner Hauptstadt an. So blieb König Dietrich mit seinen Kämpen nun bei Beet.

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