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Walhall

Felix Dahn: Walhall - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
titleWalhall
booktitleWalhall ? Germanische Götter- und Heldensagen
authorFelix Dahn und Therese Dahn
created20030919
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Erstes Buch.
Allgemeiner Teil

I. Die Grundanschauungen: Entstehung der Welt, der Götter und der übrigen Wesen.

Die Germanen dachten sich die Welt nicht als von den Göttern oder von einem obersten Gott geschaffen, sondern als geworden; und in ihr, mit ihr auch die Götter als geworden.

Als ewig stellten sie sich nur vor den unendlichen Raum, den "gähnenden Abgrund". "Nicht Sand, noch See, noch kühle Wogen, nicht Erde fand sich, noch Himmel oben, (nur) ein Schlund der Klüfte, aber Gras nirgend."

Allmählich bildete sich am Nordende dieses ungeheuren leeren Raumes ein dunkles, kahles Gebiet: Niflheim (Nebelheim) genannt, am Südende ein heisses und helles Gebiet: Muspelheim, die Flammenwelt. Mitten in Niflheim lag ein Brunnen, Hwergelmir, der rauschende Kessel. Aus diesem ergossen sich zwölf Ströme, die "Eliwagar", und füllten den leeren Raum; sie erstarrten im Norden zu Eis; aber der Süden ward mild durch die Funken, die von Muspelheim herüberflogen; nach der Mischung von geschmolzenem Reif und von Glut entstand aus den Dunst-Tropfen eine Gestalt menschenähnlicher Bildung; das war Ymir (Brauser) oder Örgelmir, "der brausende Lehm", der gärende Urstoff, der noch unausgeschieden, ineinander vermischt liegenden und durcheinander wogenden Elemente. Aus Frost und Hitze entstand also der erste Organismus; er war ein "Reif-Riese" (Hrimthurs) und aller späteren Reifriesen Vater.

Im Schlafe wuchsen dem Riesen unter dem Arme Sohn und Tochter hervor, – eine Vorstellung, welche sich in den Sagen vieler Völker findet, – von denen dann alle andern Reifriesen abstammen.

Neben dem Riesen Ymir war auch eine Kuh entstanden, Audumbla (d. h. die Schatz-feuchte, Reich-saftige?); aus ihrem Euter flossen vier Milchströme; aus salzigen Eisblöcken leckte diese einen Mann hervor, Buri (der Zeugende), schön, gross und stark; sein Sohn – die Mutter wird nicht genannt – hiess Bör (der Geborene); dieser nahm Bestla, die Tochter eines Riesen Bölthorn (Unheilsdorn), zur Frau. Dieses Paares drei Söhne hiessen Odin, Wili und Wê, die drei obersten Götter. So stammen also die Götter selbst auf der Mutterseite von den Riesen ab; eine Erinnerung daran, dass die Riesen ursprünglich nicht als böse galten, sondern selbst Götter waren, nur eben Götter einer roheren, einfacheren Zeit, einer früheren Kulturstufe, bloss Naturgewalten, welchen die Vergeistigung der späteren Götter, der Asen, fehlt; ähnlich wie bei den Griechen die Titanen der olympischen Götterwelt vorhergehen. Aber auch die Asen entbehren einer Naturgrundlage nicht (Odin hat zur Naturgrundlage die Luft, Thôr das Donnergewitter); das drückt ihre Abstammung von einer riesischen Mutter aus. Wili und Wê (Wille? und Weihe?) verschwinden bald wieder; sie sind nur als gewisse Seiten von Odin selbst zu denken.

Börs Söhne erschlugen Ymir; vergeistigte höhere Götter können die blosse Naturgewalt nicht in Herrschaft und Leben lassen. In dem unermesslichen Blut, das aus seinen Wunden strömte, ertranken alle Reifriesen bis auf ein Paar, das sich in einem Boote rettete; von diesem Paar, Bergelmir und seinem Weibe, stammt dann das jüngere Geschlecht der Reifriesen ab.

Dies ist also die germanische Fassung der bei sehr vielen Völkern (z. B. den Griechen) begegnenden Sage von einer "ungeheuren Flut", welche alles Leben auf Erden bis auf ein Paar oder eine Familie verschlang; diese Flut heisst die Sintflut, d. h. die allgemeine, grosse Flut; erst aus Missverständnis hat man später daraus eine "Sündflut", d. h. eine zur Strafe der Sünden verhängte Flut, gemacht.

Die Götter warfen nun den ungeheuren Leib des toten Riesen mitten in den leeren Raum und bildeten aus den Bestandteilen desselben die Welt; aus dem Blut alles Gewässer, aus dem Fleisch die Erde, aus den Knochen die Berge, aus den Zähnen Fels und Stein, aus dem Gehirn, das sie in die Luft schleuderten, die Wolken; aus seinem Schädel aber wölbten sie das allumfassende Dach des Himmels. An dessen vier Ecken setzten sie die vier Winde: Austri, Westri, Nordri, Sudri; es waren dies Zwerge (über dessen Entstehung s. unten).

Die Feuerfunken aus Muspelheim aber setzten sie als Gestirne an den Himmel, dort oben und auf Erden zu leuchten, und stellten für jeden Stern seinen Ort und seine Bahn fest, danach die Zeit zu berechnen. Das Meer legten sie kreisrund um die Erde (wie den Griechen der Okeanos die Erde gleich einem Gürtel umzog); die Riesen nahmen Wohnung an den Küsten; für die Menschen aber erhöhten die Asen die Erde, stützten sie auf die Augenbrauenbogen Ymirs, sie gegen Meer und Riesen zu schützen; Midgard, althochdeutsch Mittila-gart, die "Mittelburg" hiess sie daher. Auch diese Sage, dass die Welt aus den Bestandteilen eines Riesenleibes gebildet wird, wie dass umgekehrt bei Erschaffung des Menschen alle Bestandteile der Erde verwendet werden, begegnet bei vielen Völkern, teils urgemeinsam, teils entlehnt, teils ohne jeden Zusammenhang gleichmässig entstanden.

Unter den Gestirnen leuchten Sonne und Mond hervor; sie entstanden folgendermassen. Ein Mann hatte zwei strahlend schöne Kinder, einen Sohn Mani und eine Tochter Sol, dieses Mädchen vermählte er mit Glanr (Glanz); aber die Götter straften den Übermut der allzu stolz gewordenen und versetzten die Geschwister an den Himmel; Sol muss fortab den Sonnenwagen führen, der aus Muspels Funken geschaffen ward; zwei Hengste, Arwakr und Alswidr (Frühwach und Allgeschwind), ziehen ihn; ein Schild Swalin (der Kühle) ist vorn angebracht, auf dass die Glut nicht das Meer austrockne und die Berge verbrenne.

Die Vertiefungen und Schatten, welche man im Monde wahrnimmt, haben die Einbildungskraft der Völker oft beschäftigt; man mühte sich, Gestalten darin zu erblicken; die Nordleute fanden darin die Gestalten von zwei Kindern, welche samt dem Eimer, den sie an der Eimerstange vom Brunnen hinwegtrugen, in den Mond versetzt wurden; in der späteren deutschen Sage erblickte man darin die Gestalt eines Waldfrevlers, der zur Strafe samt seinem Reisholzbündel (mit seinem Hund) in den Mond versetzt ward (der sogenannte "Mann im Mond") oder ein Mädchen, das im heiligen Mondlicht oder am Feiertag gesponnen. Da Sonne und Mond, dem gemein-arischen Lichtkult gemäss, den Menschen und allen guten Wesen wohltätige Mächte sind, werden sie von den Riesen, den Feinden der Götter und der Menschen, verfolgt. Zwei Wölfe riesischer Abstammung, Sköll und Hati, Stösser und Hasser, jagen unablässig die vor ihnen fliehenden beiden Gestirne; manchmal holen die Verfolger dieselben ein und fassen sie an einer Seite, sie zu verschlingen; das sind die Sonnen- und Mondfinsternisse; viele Völker teilen diese Vorstellung und erregen daher, wann die unheimliche Verdüsterung eintritt, Lärm, die Unholde zu erschrecken, dass sie die Ergriffenen wieder fahren lassen. Das gelingt denn auch; aber dereinst, bei dem Untergang der Welt, bei der Götterdämmerung, wird es nicht mehr gelingen; alsdann werden die beiden Wölfe Sonne und Mond verschlingen (s. unten).

Loki
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Nörwi Hel
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Nacht (Nôtt)

Jedoch nicht nur jene beiden Gestirne, auch Tag und Nacht wurden personifiziert; die Nacht, Tochter Nörwis, eines Riesen und Sohnes von Loki (s. unten), ist als Riesentochter und als Nichte der Göttin der Unterwelt, Hel, einer Tochter Lokis, schwarz wie Hel selbst; aber vermählt mit dem von den Göttern stammenden Dellingr ward sie die Mutter des Tages (Dag), der hell ist wie seine asischen Ahnen. Aus einer früheren Ehe mit Anar (= Odin?) hatte die Nacht eine Tochter Jörd, die Erde. Odin gab der Nacht und dem Tag je einen Wagen, je mit einem Rosse bespannt, Hrimfaxi (Reifmähnig) der Nacht, Skinfaxi (Glanzmähnig) dem Tag, auf welchen sie die Erde umfahren; morgens fällt aus dem Gebiss von Hrimfaxi Schaum; das ist der Reif; aus Skinfaxis Mähne aber strahlt Licht, Luft und Erde erleuchtend.

Der Sommer (ein asisches oder licht-elbisches Wesen? Sein Vater, Svâsudr [lieblich], hat allem Lieblichen den Namen gegeben) hat zum Feind den Winterriesen, den Sohn des "Windbringers" oder "Windkalten". Der Wind, d. h. der schädliche Nordwind, der zerstörende Sturmwind, ist selbstverständlich ebenfalls ein Riese; Hräswelgr, "Leichenschlinger"; er sitzt am Nordende des Himmels in Adlergestalt; hebt er die Schwingen zum Flug, so entsteht der (Nord)-Wind; vielleicht ist er selbst als der Vater des Winters zu denken.

Das lebhafte Naturgefühl des Waldvolks, welches ja bei den noch wenig behaglichen Wohnräumen, bei der noch sehr einfachen Kultur überhaupt unter dem im Norden so lange währenden und so strengen Winter viel stärker als wir heute Lebenden zu leiden hatte, sehnte mit einer Ungeduld die Wiederkehr des Sommers, d. h. des Frühlings, der warmen, milden Jahreszeit herbei, feierte mit so allgemeiner, tiefer, allerfüllender Freude den Sieg des Sommers über seinen dunkeln und kalten Feind, dass dieses Gefühl noch spät im Mittelalter den Grundton sehr vieler Volkslieder, Dichtungen, Spiele abgibt. In Ermangelung eines Kalenders bestimmte der Volksglaube gewisse Zeichen, die erste Schwalbe, den ersten Storch, das erste Veilchen, das Schmelzen des Baches als Frühlingsanfang, als Botschaft und Beweis, dass die lichten Götter, welche während der Herrschaft der Nacht auf Erden von dieser gewichen waren, dass zumal der Frühlings- oder Sonnengott wieder zurückgekehrt sei.

Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen eilten dann in feierlichem Aufzug in das Freie, den rückkehrenden Sonnengott, der wohl auch mit dem Lichtgott Baldur (s. unten), oder mit der Frühlingsgöttin Ostara (s. unten) verwechselt wurde, einzuholen, zu empfangen, und heute noch wird in vielen Gauen Deutschlands in dramatischen Kämpfen zwischen dem lichten Sommer und dem Winter in Drachengestalt der Sieg des Gottes über den Riesen gefeiert (s. unten Freyr; Drachenstich zu Furth im bayerischen Walde).

Die Schöpfung der Menschen wird, wie in den meisten Religionen, auf die Götter zurückgeführt. Die drei Söhne Börs (s. oben; oder nach andrer Fassung Odin, Hönir, Loki; die Götter von Luft, Meer, Feuer) fanden, an der Meeresküste hinschreitend, zwei BäumeFreilich neuerdings bestritten., Askr und Embla, Esche und Ulme (oder Erle?), aus welchen sie Mann und Weib bildeten. Von diesen stammen die Menschen, welchen "Midgard" von den Göttern zur Wohnung gegeben ward. Dass die ersten Menschen auf oder aus Bäumen gewachsen, ist eine auch bei andern Völkern weitverbreitete Sage. Schon vorher hatten die Asen die Zwerge geschaffen oder ihnen doch, nachdem sie in Ymirs Fleisch wie Maden entstanden waren, menschenähnliches Aussehen und Denken gegeben.

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