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Walhall

Felix Dahn: Walhall - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
titleWalhall
booktitleWalhall ? Germanische Götter- und Heldensagen
authorFelix Dahn und Therese Dahn
created20030919
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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III. Helgi Hundingsbani (d. h. Hundings-Töter).

Von Helgis Geburt singt das Helgilied:

"Es war im Uralter, als Are sangen, heilige Wasser von Himmelsbergen rannen; da hatte Helgi, den Hochherzigen, Borghild geboren in Braland. Nacht war in der Burg, Nornen kamen, dem Edeling das Alter und Schicksal zu bestimmen". Sie wünschten ihm, der beste und heldenmütigste König zu werden, bestimmten ihm Braland zum Erbe, und niemals zu reiten den Weg nach Hel.

Vor der Burg, auf einem Eschenbaum, sassen zwei Raben, und einer sprach zum andern: "Sigmunds Sohn steht einen Tag alt in der Brünne und schärft sein Auge, wie Krieger tun; er wird Odins Wölfe mit Leichen erfreun." Die Männer aber sprachen: "Nun ist eine glückliche Zeit gekommen."

König Sigmund kam gerade aus einer Schlacht, als Helgi geboren war; er ging in die Burg und reichte dem Knaben edlen Lauch (Kraut) als Zeichen, dass er ihn zu seinem Erben im Hunenreich bestimme. Er gab ihm den Namen Helgi, schenkte ihm Land und Burgen und ein zieres Schwert. Helgi wurde von Hagal, einem Edlen, in dessen Burg erzogen.

Damals herrschte über Hundland Hunding, ein mächtiger König; er hatte viele Söhne, und zwischen den Hundingen und Wölsungen war Unfriede; sie erschlugen einander ihre Freunde. Als Helgi fünfzehn Jahre alt war, zog er auf heimliche Kundschaft nach Hundings Hof. Heming, einer von Hundings Söhnen, war allein zu Hause, und als Helgi wieder zum Burgtor hinausging, begegnete er einem Hirtenknaben und trug ihm auf:

"Sage Heming, dass Helgi es war, der umherging in seiner Burg, unter wolfsgrauen Kleidern den Panzer geborgen; und der Hunding hielt ihn für Hamal, Hagals Sohn." Als Hunding das hörte, sandte er Krieger zu Hagal, um Helgi zu fangen. Ihnen zu entgehen, musste Helgi Magdskleider anziehen und am Mühlstein Korn zerreiben. Da sprach ein Krieger: "Wie blitzen der Magd die Augen! Die ist nicht gemeinen Mannes Kind; die Steine bersten, der Mühlbeutel zerreisst; – geziemender, dünkt mich, wäre dieser Hand ein Schwertgriff statt der Mühlstange." "Das ist kein Wunder, dass der Mühlstein dröhnt," antwortete Hagal, "da eine Königsmaid die Walze treibt. Sie war eine Walküre, ehe Helgi sie fing; darum hat sie die zornigen Feueraugen."

So entkam Helgi und zog mit Sinfiötli an der Spitze einer Kriegsschar gegen Hunding. Die Wölsungen obsiegten, mit eigner Hand fällte Helgi Hunding, und mit ihm fiel ein grosser Teil von dessen Gefolge. Seitdem hiess der junge Fürst; Helgi Hundingstöter. Hundings Söhne heischten Wergeld für den Erschlagenen und Busse für die Wegnahme vielen Gutes. Helgi aber sandte ihnen die Antwort: "Ein gewaltiges Wetter grauer Gere und Odins Gram (Zorn) sollt ihr haben". Darauf rüsteten die Könige neue Heerscharen und zogen gegeneinander, in den Logabergen trafen sie auf der Walstatt zusammen. Helgi drang vor bis zum Banner der Hundingssöhne und erschlug, so viel ihrer da waren. Kampfmüde ruhte er nach der Schlacht; Abend war’s, er sass am Wald auf einem Stein. Da brach Lichtglanz am Himmel hervor, und aus dem Glanz schossen Wetterstrahlen, und aus den Wolken nieder ritten Walküren in Helmen und Brünnen, blutbespritzt, und Flammen standen auf den Spitzen ihrer Speere. In frohem Übermut rief der König sie an, ob sie mit ihm und seiner Schar die Nacht heimfahren wollten zum Schmaus? Zorniges Speerrasseln scholl durch die Luft, und vom Ross herunter rief die erste ihm Antwort: "Ein ander Geschäft, als Met trinken, hat Sigrun, Högnis Tochter, mit König Helgi."

Sie ging zu ihm, ergriff seine Hand, grüsste und küsste ihn; da wuchs ihm Liebe zu dem Weibe unter dem Helm. "Mein Vater," erzählte sie, "hat mich Hödbrod, Granmars Sohn, verheissen. Ich schalt ihn ‘Katzensohn und schwur, dass ich ihn nicht mehr lieben würde als eine junge Krähe. Denn einen andern Helden will ich zum Mann. In wenig Nächten aber kommt Hödbrod zur Vermählung, wenn du ihn nicht zuvor zur Walstatt entbietest oder Högnis Tochter entführst." Helgi antwortete: "Fürchte nicht deines Vaters Zorn und nicht Hödbrods Gewalt; du sollst, junge Maid, mit mir leben." Darauf schieden sie. Helgi sandte nun Boten aus, die warben für vieles Geld starke Scharen. In Brandeiland, am Meeresstrand, erwartete sie der König. Sie kamen über die Wellen zu vielen Hunderten. Die goldgeschmückten Schiffe lagen dichtgedrängt in der Warinsbucht.

Helgi fragte seinen Steuermann, wie viele ihrer gekommen seien?

"Nur schwer konnt’ ich die Schiffe vom Strand aus überblicken, zwölfhundert Männer hab’ ich gezählt; – doch sind wohl noch halbmal mehr." Bei Tagesanbruch wurden die Schilde von den Schiffborden weggenommen und die Segel aufgezogen. Da hub sich ungestümer Lärm. Sie schlugen Schwerter und Schilde aneinander, und mit rauschenden Segeln und Ruderschlägen fuhr die Flotte aus der Bucht nach Frekastein in Hödbrods Land. Inmitten segelte Helgis Schiff. Auf offenem Meer traf sie ein gewaltiges Unwetter; Blitze fuhren über sie hin und schlugen ein. Die Wogen umdrängten die Drachenborde, als ob Berge zusammenstiessen. Helgi befahl, das Hochsegel noch höher aufzuziehen; aber gegen die Wellen war kein Schutz mehr; denn Ran, die Hafffrau, legte ihre Hand auf Helgis Schiff, um es hinabzuziehen. Da ritten neun Walküren oben in der Luft, Helgi erkannte Sigrun; unerschrocken riss die Walküre der Hafffrau das Schiff aus der Hand. Das war bei Gnipawald; abends legte sich der Sturm und sie kamen glücklich ans Land.

Hödbrods Brüder standen auf einem Hügel und sahen die Schiffe heranfahren; eilig sprang einer, Gudmund mit Namen, auf seinen Hengst, ritt hinunter ans Meer und rief mit lauter Stimme: "Wer ist der König, der über das Meer gebietet und solch feindliche Scharen ans Land führt?" Sinfiötli schwang seinen roten Schild mit goldenem Rand an der Segelstange hinauf und gab ihm Bescheid.

"Erzähl’s heut Abend, wenn du Schweine und Hündinnen zum Futter lockst, dass Wölsunge kampfbegierig nach Gnipawald gekommen seien. Hier wird Hödbrod Helgi finden, der zum Kampfe eilt, dieweil du Mägde küssest."

"Wenig weisst du von edler Sitte, da du mir Unwahres vorwirfst. Du haustest als Werwolf, schlichst, allen verhasst, im Wald einher, und mordetest deine Brüder."

"Ein diebischer Knecht warst du!" – Und in immer heftigeren Schmähreden haderten sie miteinander, bis Helgi ihnen wehrte: "Es wär’ euch geziemender, in den Kampf zu eilen, als euch mit unnützen Worten zu zanken. Gar wenig gefallen mir Granmars Söhne, aber kriegsmutig sind sie doch." –

Gudmund wandte sein Ross und brachte Hödbrod, den er in seiner Burg fand, die böse Nachricht. Der sprach "Lasst Boten durchs Land reiten; kein Mann, der ein Schwert schwingen kann, bleibe daheim; entbietet Högni und seine Söhne, unsre Freunde, sie sind alle begierig des Kampfes."

Bei Frekastein trafen die Feinde zur Schlacht zusammen. Helgi, Hundingstöter, war stets der Vorderste, wo gekämpft wurde; wie fester Kern war sein mutiges Herz. Da gewahrten sie, hoch in den Wolken, eine Schar von Schildmädchen, als ob man in Flammen sähe; – Helgi erkannte Sigrun, Högnis Tochter. Und nun wuchs der Gere Getös. Helgi erschlug König Hödbrod unter seinem Banner, auch Högni tötete er; alle Brüder Hödbrods und alle Häuptlinge des Heeres fielen; nur Dag, Högnis Sohn, erhielt Frieden und leistete den Wölsungen Eide. Sigrun ging über die Walstatt, bis sie Helgi fand. Sie begrüsste ihn als Sieger: "Glücklich sollst du sein, König, und deines Sieges geniessen."

"Nicht alles ist nach deinem Wunsch geschehen; Vater und Brüder hab’ ich dir getötet, und erschlagen auf der Erde liegen die meisten deiner Gesippen. Durch blutigen Streit wurdest du mir gewonnen; – das schufen die Nornen."

Da Sigrun weinte, tröstete er sie: "Hilde (d. h. Walküre) bist du mir gewesen, und das Schicksal können selbst Helden nicht besiegen." Da sprach Sigrun: "Die Heimgegangenen möcht’ ich nun ins Leben zurückrufen und dennoch mich dir am Herzen bergen."

Helgi nahm Sigrun zur Gattin und wohnte mit ihr in Sevafiöll.

Dag opferte Odin, auf dass er ihn Vaterrache gewähre, und der Gott lieh ihn seinen Speer Gungnir Dag suchte Helgi und fand ihn, als der einsam durch einen Wald ging, und durchbohrte ihn mit Odins Speer. Dann ritt er nach Sevafiöll und sagte Sigrun die Tat. Da sprach Sigrun: "Dich sollen alle Eide brennen, die du Helgi bei der LeiptrLeiptr entspricht dem Styx der Unterwelt der griechischen Sage. leuchtendem Wasser geschworen hast! Nicht schreite das Schiff, das dich trägt, weht auch erwünschter Wind dahinter! Nicht renne das Ross, das dich trägt, wann du vor deinen Feinden fliehen musst! Nicht schneide das Schwert, das du schwingst, es sause dir denn selber ums Haupt; wie ein Wolf im Walde sollst du friedlos leben!" Dag bot ihr zur Sühne Gold und das halbe Reich ihres Vaters Högni; aber Sigrun antwortete: "Nicht selig kann ich fürder sitzen in Sevafiöll, es bräche denn ein Glanz aus der Pforte des Königsgrabes und Helgi ritte daher und ich könnte den Herrscher umfangen. Wie edelgewachsene Esche über niedrige Dornen, so ragte Helgi empor über alle Helden."

Es ward nun Helgi ein Hügel errichtet; als er aber nach Walhall kam, stand Odin auf von seinem Sitz, ging ihm entgegen und bot ihm an, über alles mit ihm zu herrschen.

Am Abend des Bestattungstages ging Sigruns Magd an des Königs Totenhügel und sah Helgi mit vielen Männern in den Hügel reiten; sie lief zur Königin und sagte ihr, was sie gesehen. "Eile hinaus, wenn’s dich gelüstet, den König wiederzufinden. Aufgetan ist der Hügel und Helgi gekommen; der König bat, dass du die tropfenden Wunden ihm stillen möchtest."

Sigrun ging in den Totenhügel zu Helgi, küsste ihn, trocknete seine Wunden und sprach zu ihm: "Dein Haar ist durchreift, mit Blut bist du bedeckt, deine Hände sind feuchtkalt; – wie soll ich dir dafür Abhilfe schaffen?"

"Du allein bist schuld, Sigrun," antwortete er, "dass Helgi mit Blut bedeckt ist; du weintest viele Zähren, ehe du schlafen gingst; eine jede fiel blutig auf Helgis Brust." Sigrun bereitete ihm ein Lager und sagte: "Ich will dir am Herzen ruhn, wie ich es dem lebenden König tat." Da jauchzte Helgi: "Nun weilst du, Sigrun, im Hügel bei Helgi, dem Entseelten, im Arm, und bist doch lebendig."

Wie der Morgen nahte, brach Helgi auf: "Westlich vor Bifröst muss ich sein, ehe der Haushahn die Einheriar weckt." Und Helgi und sein Gefolge ritten die Wolkenwege.

Sigrun aber kehrte heim mit ihren Frauen, die sie begleitet hatten. Sie liess am folgenden Abend die Magd am Hügel Wache halten; als die Königin nach Sonnenuntergang dorthin kam, sprach die Magd: "Gekommen wäre nun – wenn er zu kommen gedächte – Sigmunds Sohn aus den Sälen Odins. Hoffe nicht mehr auf Helgis Heimkehr. Sei nicht so rasend, allein in den Totenhügel zu gehen; gewaltiger werden in der Nacht, als am lichten Tag, alle toten Krieger."

Sigrun lebte nicht lange mehr, vor Harm und Leid. Aber die Sage singt von Helgi und Sigrun, dass sie wiedergeboren seien; er ein siegreicher Held und sie seine WalküreIn dieser Verjüngung heisst er Helgi Hundingstöter, sie Kara (Hilde) Halfdans Tochter..

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