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Walhall

Felix Dahn: Walhall - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
titleWalhall
booktitleWalhall ? Germanische Götter- und Heldensagen
authorFelix Dahn und Therese Dahn
created20030919
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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II. Sigmund und Sinfiötli.

Als Signy hörte, dass ihr Vater erschlagen lag, ihre Brüder aber in Fesseln geworfen und zum Tode bestimmt waren, ging sie zu Siggeir und bat ihn, jene nicht sogleich zu töten, sondern sie in den Stock legen zu lassen, "denn es liebt das Auge, solange es ansieht," schloss sie.

"Rasend und aberwitzig bist du," sprach Siggeir, "dass du für sie lieber grössere Qual als den schnellsten Tod begehrst; dennoch willfahr’ ich dir."

Und die zehn Wölsungen wurden in den Wald geführt und ihnen ein grosser Stock an die Füsse gelegt. Um Mitternacht kam eine fürchterliche Elchkuh, die biss einen der Jünglinge tot und frass ihn auf, darauf ging sie fort. Signy aber sandte am andern Morgen einen treuen Mann ihres hunischen Gefolges in den Wald, und wie er zurückkam, erzählte er ihr das Geschehene.

Da deuchte sie’s arg, wenn alle so sterben sollten. Aber sie fand keine Hilfe. Neun Nächte kam die Elchkuh wieder und biss in jeder Nacht einen zu Tode; nur Sigmund allein war übrig. Ehe die zehnte Nacht kam, rief die Königin ihren Vertrauten, gab ihm Honig, hiess ihn hingehen, damit Sigmund das Gesicht bestreichen und ihm davon in den Mund legen.

Der Mann tat so. Als in der Nacht die Elchkuh kam, roch sie den Honig, beleckte sein Antlitz und fuhr ihm mit der Zunge in den Mund. Da war Sigmund nicht feig; er biss ihr in die Zunge und hielt sie fest mit den Zähnen. Das Tier erschrak, krümmte sich und stemmte die Füsse an den Stock, dass er auseinander fuhr. Sigmund liess nicht los, bis dass die Zunge mit der Wurzel herausfuhr und die Elchkuh starb. Sigmund aber war frei und verbarg sich im Wald. Man sagte, es war Siggeirs Mutter, eine böse Zauberin, welche die Gestalt des Tieres angenommen hatte.

Signy sandte andern Morgens wiederum ihren Boten hinaus und erfuhr, wie es ergangen. Nun eilte sie selbst in den Wald zu ihrem Bruder, und sie berieten, dass er dort bleiben und sich ein Erdhaus bauen solle. Sie sandte ihm alles, dessen er bedurfte, um zu leben. König Siggeir aber glaubte alle Wölsungen tot.

Siggeir wurden zwei Söhne von seinem Weibe geboren. Der älteste zählte zehn Winter; zehn Jahre hatte sich die Königin verzehrt in Hass und Rachegedanken gegen ihren Gatten. Da sandte sie heimlich den ältesten Knaben in den Wald zu Sigmund; dieser sollte ihn zum Gehilfen seiner Rache machen. Der Knabe bestand aber nicht die MutprobeDie Wölsungen nahmen Heervolk und Schiffe in ihre Gewalt.: – "So braucht er nicht länger zu leben, ergreif’ ihn und töte ihn," sprach die grimme Signy zu Sigmund, als sie ihn heimlich aufsuchte.

Nach zwei Wintern erging es dem jüngern Knaben ebenso.

Signy sass nun in ihrer Kammer und sann trauernd über ihrer Gesippen und des einsamen Sigmunds Geschick. Da trat einmal eine wunderschöne Zauberin bei ihr ein, die tauschte Stimme und Gestalt mit Signy. Die Königin schritt in der geliehenen Gestalt in dem Wald zu Sigmunds Erdhaus und bat ihn um Herberge für die nahende Nacht. Er mochte der einsamen Frau die Bitte nicht weigern, vertrauend, sie werde das Gastrecht heilig halten und ihn nicht verraten. Sie setzten sich zum Mahle; sie deuchte ihm lieblich und wunderbar schön, und er vermählte sich ihrSigmund fuhr über die See zurück in sein Vatererbe, jagte den König aus dem Lande, der sich darin festgesetzt hatte, und herrschte über Hunenland als mächtiger und weiser Fürst. Borghild von Bralund nahm er zum Weib und gewann zwei Söhne, Helgi und Hamund. Sigmunds Nachkommen hiessen Wölsungen und Ylfinge, d. i. Wölflinge, weil er eine Zeitlang als Wolfsmann gelebt hatte..

Nach dreien Tagen war sie verschwunden, unerkannt wie sie gekommen. Sie kehrte heim in ihre Kammer und tauschte wieder ihre Gestalt mit der Zauberin.

Die Stunde kam, und die Königin genas eines Knaben. Er wurde Sinfiötli genannt und wuchs auf zu grosser Schöne und Stärke. Als er zehn Winter alt war, prüfte die Königin seinen Mut. Sie zog ihm einen Rock an und nähte Ärmel und Rock durch die Haut zusammen. Er zuckte nicht dabei. Und als sie ihm den Rock abzog, und das Fleisch dem Zeuge folgte, fragte sie ihn, ob das schmerze? Aber er lachte nur.

Da sandte sie Sinfiötli zu Sigmund, dass jener ihm helfe, wenn er den Vater rächen werde. Sigmund nahm den Knaben wohl auf, gab ihm einen Sack voll Mehles und hiess ihn, einen Brotteig kneten, während er selbst in den Wald ging, Brennholz zu holen. Wie er wiederkam, war der Teig geknetet; er fragte den Knaben, ob er nichts in dem Mehl gefunden hätte? "Als ich anfing zu kneten," antwortete der, "kam es mir wohl so vor, als sei etwas Lebendiges in dem Mehl; – ich habe es mit hineingeknetet." Darauf lachte Sigmund: "Von dem Brot wirst du nichts bekommen; – einen grossen Giftwurm hast du mit hineingeknetet." Sigmund aber war so stark, dass er Gift essen konnte.

Sinfiötli schien Sigmund noch zu jung, um an dem Rachewerk teilzunehmen. Er zog vorerst – es war Sommer – mit ihm durch Wälder und Länder auf Jagd und Beute, und sie erschlugen manchen Mann. Sigmund fand den Knaben von Wölsungenart – obwohl er ihn für Siggeirs Sohn hielt; doch des Vaters Bosheit, dünkte ihm, habe er zu der Wölsungen Heldenmut geerbt. Denn Blutsfreunde schien er wenig zu lieben; gar oft mahnte der Knabe ihn seines Gramgeschicks und reizte ihn, Siggeir zu erschlagen.

Da stiessen die Friedlosen einst im Walde auf ein Haus, darin lagen schlafend zwei Männer, mit goldenen Ringen an den Armen. Sie waren vom bösen Zauber befreit worden; denn über ihnen hingen zwei Wolfshemden, welche sie nur je den zehnten Tag ablegen konnten. Die Wölsungen fuhren in die Hemden, konnten aber nicht wieder herauskommen; der böse Zauber haftete nun ihnen an; sie waren in Werwölfe, d. h. Mannwölfe, verwandelt worden und riefen mit Wolfsstimme.

Sie machten aus, dass sie sich trennen wollten, und wenn einer auf mehr als sieben Männer stiesse, sollte er den Genossen mit dem Wolfsgeschrei zu Hilfe rufen. Sinfiötli begegnete bald elf Männern; er rief nicht und erschlug alle im Kampf. Ermüdet legte er sich unter eine Eiche. So traf ihn Sigmund und fragte: "Warum riefst du nicht?" "Wegen elf Männern wollte ich deine Hilfe nicht," antwortete der Knabe. Von Wolfszorn übermannt, sprang da Sigmund gegen Sinfiötli und biss ihm in die Gurgel, dass der Knabe taumelte und fiel.

Als der Zorn verraucht war, zog Sigmund Sinfiötli auf den Rücken und trug ihn in die Hütte, wo sie die Hemden gefunden hatten. Die beiden Männer waren verschwunden. Traurig sass er über den Knaben gebeugt und flehte zu den Geistern, die den Zauber gewirkt hatten, ihnen die Wolfshemden abzunehmen.

Da sah er im Walde zwei Buschkatzen sich balgen, die eine biss der andern in die Kehle, dass sie wie tot dalag. Jene lief zu Walde, kehrte mit einem Kraute zurück, legte es der Gebissenen auf die Wunde, und die sprang heil auf. Sigmund ging nun zur Hütte hinaus und sah einen Raben ihm entgegenfliegen; der trug ein gleiches Kraut im Schnabel und liess es vor ihm fallen. Sigmund hob es auf und legte es auf Sinfiötlis Wunde. Alsogleich war der Knabe gesund und heil. Nun gingen sie in ihr Erdhaus zurück und warteten, bis sie von den Wolfshemden frei wurden. Das geschah am zehnten Tage, nachdem sie hineingefahren; sie konnten sie von sich ziehen und verbrannten sie schnell im Feuer.

Als nun Sinfiötli herangewachsen war, gedachte Sigmund, für seinen erschlagenen Vater Blutrache zu nehmen. Sie gingen eines Tages von dem Erdhaus fort und kamen spät abends in König Siggeirs Hof. Sie traten in den Vorraum vor der grossen Halle; dort standen Älfässer, hinter denen verbargen sie sich. Da erfuhr die Königin, dass sie gekommen waren, und alle drei beschlossen gemeinsam, in der Nacht die Rachetat zu vollziehen.

Zwei jüngere Söhne Signys und Siggeirs spielten mit Goldringen in der Halle; ein Reif rollte dabei hinter die Fässer; der eine Knabe lief ihm nach und sah dort die zwei Männer sitzen, gross und grimmig, in tiefen Helmen und glänzenden Brünnen. Er lief in die Halle zu seinem Vater und sagte ihm, was er gesehen hatte.

Der König argwöhnte Verrat; Signy aber, die alles mit anhörte, führte ihre Knaben hinaus zu den Verborgenen: "Bringet sie um, sie haben euch verraten." Sigmund mochte ihnen kein Leides tun; doch Sinfiötli sprang vor, erschlug beide mit seinem Schwert und warf sie in die Halle hinein, vor des Königs Sitz.

Der fuhr auf und gebot, die fremden Männer zu ergreifen; die wehrten sich lang und heldenmütig; endlich wurden sie von der Übermacht bewältigt und gefesselt und lagen die Nacht über in Banden, indes der König sann, wie er sie am grausamsten töten könne.

Und als der Morgen kam, liess er einen Hügel aus Steinen und Rasen bauen – wie man für Tote pflegte – in die Mitte aber einen grossen Fels setzen, so dass der Hügel in zwei Hälften geteilt war. Sigmund und Sinfiötli wurden je in eine der Höhlen geworfen, darin zu verhungern. Sie sollten sich klagen hören können, aber nicht beisammen sein; denn das schien dem König grausamste Qual.

Als die Knechte den Hügel zudeckten, kam Signy hinzu. Sie trug Stroh in ihrem Gewand, warf es Sinfiötli hinab und bat die Knechte, davon vor dem König zu schweigen. Sie sagten ihr’s zu und schlossen den Hügel. Sinfiötli fand in der Strohschaube Speck und darin steckend Sigmunds Schwert; er erkannte es im Dunkeln am Knauf. Nun stiess er die Schwertspitze oberhalb des Felsens durch und zog stark; das Schwert schnitt in den Stein; da fasste Sigmund die Spitze und "mit Nacht zersägten mit Odins Schwert den grossen Felsen Sigmund und Sinfiötli". Sie waren nun beisammen, zerschnitten Stein und Rasen und brachen aus dem Hügel. Dunkle Nacht war; sie schritten zu König Siggeirs Halle; dort lagen alle Männer im Schlaf. Sie trugen Holz an die Halle und legten Feuer daran; die darin schliefen, erwachten vom Rauch und von prasselnder Lohe.

"Wer tat das?" rief der König.

"Das taten wir, Sigmund und Sinfiötli!" antwortete Sigmund: "Nun sollst du’s spüren, dass nicht alle Wölsungen tot sind." Mit dem Schwerte wehrte er jedem, der zu fliehen suchte. Seine Schwester bat er, sie möge herauskommen, auf dass er sie mit Ehren grüsse und sie sich der Rache freue.

Aber die Königin sprach: "Erfahren sollst du nun, Sigmund, wie ich stets nur des Todes der Wölsungen gedachte. Meine Knaben liess ich erschlagen und Sinfiötli ist unser Sohn; ich aber habe allerwege so sehr nach Rache getrachtet, dass ich nun freudig sterben will mit Siggeir, den ich, obzwar genötigt, zum Manne nahm."

Darauf ging sie hinaus, küsste Sigmund und Sinfiötli und sprang in das Feuer zurück.

So verbrannten König Siggeir und Signy und ihr ganzes Hofgesinde.

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