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Walhall

Felix Dahn: Walhall - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
titleWalhall
booktitleWalhall ? Germanische Götter- und Heldensagen
authorFelix Dahn und Therese Dahn
created20030919
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VII. Hel-Nerthus

Während der Fenriswolf und die Midgardschlange die Vernichtung (zumal der Rechtsbruch) und das unwirtliche, stets die Dämme der Erde bedrohende Weltmeer, ausschliesslich schädliche Mächte sind, gilt dies nicht in gleicher Ausnahmslosigkeit von Hel, welche später zwar als Riesin, als schaurige Herrscherin der Unterwelt, des Schattenreiches, auch wohl des Strafortes für Verbrecher, als Todesgöttin erscheint, ursprünglich aber auch wohltätige Bedeutung gehabt hat.

Sie bedeutet in ihrem Namen "Heljan", hehlen, bergen, zwar das Verhülltwerden und Gefangengehaltenwerden der Toten in dem schaurigen finstern Abgrund der Tiefe, aber zugleich auch das Nährende; die schützende, Lebenskeime bergende und befruchtende Erde wird als segensreicher, warmer Schoss, als ehrwürdigheilige Mutter "die hehlende" genanntDaher geht auch der eine Name Friggas; Holda, Frau Holle, die Hulle-Frau (bei Thüringen und Franken) und ebenso der eine Name Freyas, Hilde, sofern diese die erste und die Anführerin der Wal-Küren ist, auf dieselbe Wurzel hilan, hehlen zurück. Daher ist auch die Hausfrau des Unterweltsriesen, als Thor dorthin gerät, allgoldig, von lichten Brauen, freundlich, nicht feindlich, gegen den Gott gesinnt, den sie vor ihrem Gatten zu schützen trachtet. – Deshalb weilen auch Gerda und Idun (s. unten) wenigstens vorübergehend bei Hel; im Winter bergen sie sich im Schoss der Erde, um erst nach dem Siege des Lichtes emporzusteigen und Blüte und Fruchtbarkeit unter den Menschen zu verbreiten. Lokis Tochter kann Hel als wohltätige wie als schädliche Gewalt heissen; jenes, weil die Erdwärme von dem Erdfeuer stammt und dieses, weil die Vernichtung des Lebens im finstern Grab auf den Verderber Loki, den Mörder des Lichtgottes, zurückgeführt werden mag.. So komme es, dass die Erdgöttin Jörd (auch Fiörgyn, Berg, Hlodyn, Herdgöttin), die Nerthus (Nährende) der Südgermanen, ursprünglich die grosse von den Römern der Isis verglichene Göttin, wohl auch als Hel gedacht wurde. Daher berührt sie sich mit Frigg, welche, der Hera-Juno entsprechend, die Göttin der Ehe, des Hausherdes, der Fruchtbarkeit ist, das Urbild der germanischen Hausfrau, des Götterkönigs schöne, strenge, ehrfurchtwürdige Gemahlin.

Wie es scheint, war sie anfangs zugleich die Göttin der Liebe, diese ohne Rücksicht auf den heiligen Ehebund gedacht. Erst später löste sich, wie wir dies ja wiederholt gesehen, diese eine Seite der Bedeutungen von der Gesamtgestalt ab und wurde zu einer besonderen selbständigen Göttin der Liebe, als Freya; daher erklärt sich, dass auch später noch die beiden nahe verwandten und stabreimenden Göttinnen Frigg und Freya miteinander oft verwechselt werden, was freilich nicht ausschliesst, dass die jugendlich-feurige Freya als Göttin der Liebe zu Frigga, der gestrengen und eifersüchtig das Recht der Ehe wahrenden Hausmutter, auch wohl einmal in Gegensatz tritt.

Sehr bezeichnend für die Doppelart der Hel; die finstere, Grab und Tod bedeutende und zugleich die leben-nährende und für das Wiederemporsteigen des geschützten Keimes unentbehrliche, ist es nun, dass Hel selbst oder die bei ihr weilenden Jungfrauen halb schwarze und halb weisse Haut- und Gewandfarbe tragen. Die in die Unterwelt verwünschte, zum Aufenthalt in der Grabestiefe für bestimmte Zeit verdammte Maid ist schwarz, sofern sie der Tiefe verfallen, aber weiss, sofern sie der Erlösung, der Befreiung, d. h. durch den sieghaft einbringenden lichten Ritter fähig ist (den Sonnenstrahl; s. Skirnisfahrt).

Daher in vielen Sagen und Märchen auch wohl darauf geachtet wird, ob der kühne Befreier die zu Rettende schon ganz schwarz geworden antrifft; – dann ist sie verloren – oder ob noch Weisses an ihr haftet; dann ist sie noch zu erlösen. Das ward dann in Kirchensagen auch wohl auf die im Fegefeuer harrenden Seelen übertragen.

Als Königin der schaurigen Tiefe, als Beherrscherin der Schrecken, als Fürstin der finsteren Unterwelt erscheint Hel auch als Gebietigerin der Straforte für Frevler, welche nach dem Tode die Schuld ihres Lebens zu büssen haben; so ward die persönlich gedachte Göttin Hel der Heiden zu der räumlich gedachten Hölle des christlichen Mittelalters. Aber erst das Christentum hat uns die Hölle heiss gemacht; nach germanischer Anschauung ist der Strafort der abgeschiedenen Seelen eine kalte Wasserhölle; StrömeDie Seherin schildert Hel und die Straforte so; ein Saal steht, der Sonne unerreichbar, an den Leichenstränden; nordwärts wendet sich die Tür. Gifttropfen fallen herein durch die Lichtlöcher. Geflochten ist der Saal aus Schlangenrücken. Da durchwaten reissende Ströme meineidige Männer und Mörder, da saugt Nid-höggr die Leichen der Abgeschiedenen. Es zerreisst der Böse (Friedlose, Frevler) die Männer. unter der Erde, eben im Reiche Hels, welche Schwerter, Schlangen und Leichen dahinwälzen; mitten in diesem Gewoge treiben die Verstorbenen dahin, welche auf Erden die Schuld des Meineids, des Mordes an Gesippen und Ähnliches verübt haben; aber die Qualen dieser germanischen Hölle sind nicht ewige (s. unten: Götterdämmerung).

Die Brücke, welche nach der Unterwelt führt durch Steinklüfte, wird von der Riesin Môdgudr (Seelenstreit) bewacht. Sie ist eine Anklägerin; als Brunhild den Ritt nach Hel tut, wehrt ihr die Riesin den Weg, indem sie ihr die während ihres Lebens auf der Erde begangene Schuld vorhält.

Eine Göttin der Schrecken, die Riesin der grausigen Tiefe, welche alles Leben hinabschlürfen will, ähnlich wie die Wasserriesin Ran die Ertrinkenden, wurde Hel wohl erst später, nachdem ihre wohltätigen Seiten in der Erbgöttin Nerthus oder Jörd sowie in Frigg besonderen Ausdruck gefunden hatten. Als böse Unholdin schildert sie eine offenbar jüngere Darstellung; ihr Saal heisst Elend, Hunger ihre Schüssel, ihr Messer Gier, ihr Knecht Gangträge, ihre Magd Ganglässig, ihre Schwelle Einsturz, ihr Bett Kummer, ihr Vorhang drohendes Verderben; sie ist nur zur Hälfte menschenfarb, zur andern Hälfte schwarz (schwarzblau, blâ); also kenntlich genug durch ihr furchtbares AussehenMit Hel, Holle zusammengesetzte Ortsbezeichnungen sind in Skandinavien, Deutschland, England sehr häufig..

Vielleicht aber waren früher neben jenen Straforten in Hels Reich auch Räume seligen Aufenthalts gedacht, welche erst später ausschliessend nach Asgard verlegt wurden, wobei dann das Fortleben in Hel auch für Schuldlose nurmehr als ein freudloses, schattenhaftes gedacht wurde, nachdem der vergeistigte Odin und sein Walhall in den Vordergrund getreten waren. Wenigstens würde jene Annahme am besten erklären, dass Sagen und Märchen im Reiche der Unterwelt, im Schoss der Berge, in Höhlen, unterhalb der Seen und Teiche anmutreiche Gärten, blumige Wiesen, goldene Säle kennen, in welchen die Seelen der schuldlosen Abgeschiedenen ein frohes Dasein führen; wird doch auch für Baldur festlicher Empfang in Hels geschmücktem Saal bereitet.

Die segensreiche Wirkung Hels allein wird hervorgehoben, wenn sie mit der Erbgöttin Jörd (südgermanisch: Nerthus) als eins gedacht und daher – als solche – mit Odin vermählt wird; sie gebiert ihm als Jörd Thor, als Hel Widar (s. diesen unten). Daher heisst es auch, dass Odin ihr Gewalt über die neunte Welt (eben über die Unterwelt)Oder gar über neun Welten, wie es ein andermal heisst; dann muss man sich die Unterwelt in neun Reiche gegliedert vorstellen. gegeben habe. Als heilige, segensreiche, allnährende (Nerthus von narjan, nähren) Mutter wurde die Erbgöttin (terra mater) von suevischen Völkern an der Nordseeküste verehrt; sie hatte ihren Wohnsitz auf einem Eiland des Meeres; in einem keuschen Haine ward ihr heiliger Wagen, von faltenreichem Gewande verhüllt, aufbewahrt; nur ihres Priesters Hand durfte rühren an das geheimnisvolle Gefährt. Dieser erkennt es, wann die Göttin das Heiligtum betritt; alsbald werden die ihr geweihten Kühe angeschirrt, und in Ehrfurcht begleitet er den feierlichen Zug. Denn nun fährt die Göttin unter die Völker und greift ein in die Geschicke der Menschen; zur Zeit des frühesten Frühlings (Februar oder März). Da hebt an eine Reihe festfroher Tage; alle Stätten, welche sie des Einzugs und der Gastung würdigt, werden Festplätze. Dann ruhen die Waffen, keine Kriegsfahrt wird unternommen, eingeschlossen wird alle Eisenwehr; Friede und Ruhe kennt man in jenen Tagen, liebt man in jenen Tagen allein, bis die Göttin des Verkehrs mit den Sterblichen ersättigt ist und derselbe Priester sie zurückgeleitet in ihr Heiligtum. Alsbald werden Wagen, Gewande und, nach dem Glauben, die Gottheit selbst in einem geheimnisvoll abgelegenen See gebadet. Unfreie, welche dabei Dienste leisten, verschlingt sofort dieselbe Flut. Daher waltet geheimes Grauen und eine bedeutungsvolle Rätselhaftigkeit; denn, was jenes Verborgene sei, das wissen nur dem Tode Geweihte. Diese Schilderung des Tacitus (Germania c. 40) zeigt die Erdgöttin als eine Mutter der Freude, des Segens, des Gedeihens, des Friedens, wann sie unter die Völker fährt; aber die düsteren Menschenopfer, die der geheimnisvolle See verschlingt, deuten an, dass sie zugleich die Göttin des Todes und der Unterwelt war.

Der Wagen der Göttin war vielleicht zugleich als Schiff gedacht; (in Italien "Caroccio", ein Wagen, der oft ein Schiff oder doch einen Mastbaum trug) – schon um von jener Insel das Festland zu erreichen. Unter dem Bild eines Schiffes, d. h. richtiger wohl auf einem Schiff, hielt eine Göttin der Fruchtbarkeit, welche von den Römern der ägyptischen Isis verglichen ward, Umzüge. Solche festliche Umfahrten, zur Zeit, da der Winter dem sieghaft einziehenden Frühling weicht, – ungefähr um FastnachtDa es ein Fest der Liebes- oder doch der Ehegöttin war, beteiligen sich zumal Frauen, oft in ausgelassenem Übermut, an der Feier, oder es werden Mädchen, die nicht heiraten wollen, zur Strafe vor den Wagen der Ehegöttin gespannt, sie müssen ihn ziehen. – Nachdem der alte heidnische Ursprung dieser Fastnachtsumzüge und Reigen vergessen war, erfand man allerlei andre Entstehungsgründe; so bei dem Schäfflertanz und dem Metzgersprung in München; nachdem furchtbare Pest den Mut der Bürger gebrochen hatte, sollten bei Nachlassen der Seuche zuerst diese Zünfte wieder frohe Kurzweil auf den Strassen gewagt und die Lebensfreude der Einwohner wieder geweckt haben. – mit der Bedeutung, Freude und Frieden zu verbreiten, waren häufig und haben sich in manchen Landschaften bis heute erhalten.

Gerade von dem Festdienst dieser der Isis vergleichbaren Göttin der Ehe, des Friedens, der Fruchtbarkeit, daher auch des Ackersegens und der Schiffahrt, haben sich zahlreiche Spuren erhalten. Aventin erzählt von einer Frau Eisen, welche den König Schwab in Augsburg Eisen schmieden gelehrt habe und pflügen, säen, ernten, Flachs und Hanf bauen, die Weiber aber spinnen, weben, nähen, Brot kneten und backen; mit Schiff, Pflug und Wagen zog sie durch die Gaue. Zu Nivelles wird noch der Wagen einer solchen Göttin, der heiligen Gertrud, aufbewahrt, welche gegen Mäusefrass schützte; mit einer Maus am Stab oder Rocken wird sie abgebildet. Man trinkt Sankt Gertruds Minne wie der heidnischen Götter, und zwar aus einem Becher, der ein Schiff darstellt. Denn auch die Schützerin der Schiffer ist sie; die Rheinschiffer beten in der Kapelle der heiligen Gertrud in Bonn um gute Fahrt; sie bringt die schöne Jahreszeit, "d. h. sie holt den kalten Stein aus dem Rhein". Die Gartenarbeit wird nun wieder möglich: "Gertrud (= Freya-Gerda) ist die erste Gärtnerin"; d. h. an ihrem Tag (17. März) weicht die Kälte der Frühlingswärme. Gertrud, die "Speer-traute", ist übrigens ein Walküren-Name; sie entspricht Freya; daher auch verbringen alle Seelen Verstorbener die erste Nacht in Sankt Gertruds Saal, die zweite bei Sankt Michael, die dritte erst in Himmel oder Hölle; es ist Freya, welche sich mit Wotan (= Sankt Michael) in die Seelen der Verstorbenen teilt. Auch ist Sankt Gertrud wie einer heidnischen Göttin ein Waldestier heilig: der rothäubige Schwarzspecht (picus martius) der auch "Martinsvogel" heisst, weil er Sankt Martin d. h. Wotan geweiht ist. Derselbe war bei den Italikern ein verzauberter König, Picus, ein Waldgeist, als Vogel aber dem Kriegsgott Mars geweiht, was vielleicht auch auf Sankt Martin (mit Schwert und Mantel) hinführt.

Der Gemahl der Nerthus war nicht Odin, sondern wahrscheinlich ihr Bruder Niördr, welcher sie verlassen musste, als er, aus dem Verbande der Manen scheidend, unter die Asen aufgenommen wurde; denn Geschwisterehe, welche, wie bei andern arischen Völkern, auch bei Germanen in ältester Zeit vorkam, galt den Asen, d. h. dem vorgeschrittenen Bewusstsein, welches die Asen-Religion geschaffen, nicht mehr als erlaubt.S. unten Wölsungensage.

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