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Waldrausch

Ludwig Ganghofer: Waldrausch - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleWaldrausch
authorLudwig Ganghofer
year1984
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
isbn3-426-19117-2
titleWaldrausch
pages3-365
created20010509
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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Ludwig Ganghofer

Waldrausch


Erster Band

1

In ihrem ganzen Leben waren die zwei Kameraden noch nie so weit in die Welt hinausgekommen wie an diesem Morgen. Von ihrer Heimat war nur noch die Kirchturmspitze zu sehen, die nadelfein heraufragte über den blauträumenden, das ganze Tal durchquerenden Buchenwald. Die goldene Kugel auf dem grüngestengelten Kupferdach des Turmes blinkte in der Maisonne wie ein Stern, so fern, daß ihn keine Sehnsucht zu erreichen wagt. Dennoch wanderten die beiden Kameraden noch immer weiter hinaus in die fremde, wundersame Welt. Jede neue Bergzinne, die sich mit silbernen Schneefeldern heraushob über die steilen Wälder, war ihnen wie ein unerhörtes Ding, bei dessen Anblick man Herzklopfen bekommt. Sie standen und guckten. Und schritten weiter mit jenem Mute, der ein Nieerlebtes zu erleben hofft.

Da tauchte hinter hohen Wälderwogen ein mächtiger Felskoloß heraus, schimmernd in der Sonne, so steil, daß kein Schnee mehr auf ihm haftete, und so kahl, daß man kaum noch eine bläuliche Schartenschrunde in der Steinwand zu erkennen vermochte.

Tief atmend fragte der eine der beiden Knaben: »Tonele, wie heißt der Berg?«

»Ich weiß nimmer. Der Vater selig hat mir's gsagt amal. Jetzt weiß ich's nimmer.«

Sie spähten zu dem Berg hinauf, der wie eine steinerne Riesenfaust in das Blau des Himmels griff. Und der kleinere von den zweien, ein fünfjähriges Bürschl, sagte keck: »Da möcht ich hinauf einmal!«

»Und tätst abifallen! Und tot sein.«

»Du vielleicht! Ich tät hinaufkommen!«

Dem siebenjährigen Tonele ging ein gutmütiges Lächeln um den weichen, roten Kindermund. Wie in freundlicher Barmherzigkeit sah er den kleinen Brosi an. Das war ein feines, zierliches Bübchen mit einem lichtblonden Ringelwust um das blühende Gesicht, in dem die blauen Augen sehnsüchtig strahlten. Die Füßchen und die runden Waden waren nackt, aber nicht so von der Sonne abgebrannt wie beim Tonele. Der trug außer dem kurzen, verwachsenen Lederhöschen nur ein Hemdl, das nimmer recht sauber war, während der kleine Brosi ein Gewand von städtischem Schnitt hatte, Pumphöschen und Bluse aus braunem Samt. Unter dem blonden Geringel war ein Matrosenkragen aus blau und weiß gestreiftem Leinen über die Schultern herausgelegt. Die Sonnenwärme lockerte das Blondhaar des Bübchens, so daß sich die wirren Ringeln immer leise bewegten. Die gespreizten Füße waren eingewühlt in den Staub der Straße. Immer spähte der kleine Kerl zu der steilen Felszinne hinauf. Dann entdeckte er in der Ferne des blühenden Wiesentales wieder ein geheimnisvolles Ding, das seinen Mut reizte. Dort schlossen die Berge das Tal, und mit sanften Wogen erhob sich ein Fichtenwald; schmale Sonnenbänder flossen über das Meer der Wipfel nieder; das war anzusehen, als wäre das Schattenblau von schimmerig gezahnten Goldborten durchzogen. Flüsternd sagte der kleine Brosi: »Tonele! Da geh ich hinein. In den tiefen, dunkeln Wald!«

Auch dem Tonele brannte ein neugieriger Durst in den nußbraunen Augen. Sein schlankes, kräftiges Körperchen streckte sich, als wäre auch in ihm der Wille zu einer kühnen Tat erwacht. Gleich aber huschte ihm wieder jenes gutmütige Lächeln über das sonnverbrannte Gesicht. Halb mahnend, halb scherzend sagte er: »Brosle! Das sollst lieber bleiben lassen. In dem tiefen, finsteren Wald, da fressen dich die Füchs.«

Brosi blickte nachdenklich gegen den Wald mit den goldleuchtenden Wipfeln hinaus. Trotziger Eigensinn erwachte in seinen großgeöffneten blauen Augen. »Wenn du dich fürchten tust, so geh halt heim! Ich geh in den finstern Wald hinein. Ich tu's!« Er schloß die Händchen zu Fäusten und wanderte mutig die sonnige Straße hin, dem gefährlichen Wald entgegen, der mit seinem samtdunkeln, glanzgebänderten Grün im Dufte des Vormittags lag, wie das Leben mit seinen geheimnisvollen Schatten und lockenden Helligkeiten vor dem Blicke aller Jugend liegt.

Der Tonele besann sich ein bißchen, schob lächelnd die Hände in die Taschen seines Lederhöschens und ging gemütlich hinter dem Brosi her.

Es war bis zu dem dunkeln, tiefen Wald kein allzu weiter Weg. Ein Mann mit gutem Schritt hätte den Forst in einem Viertelstündchen erreicht. Aber auf das Maß eines festen Männerschrittes kamen drei hurtige Zappelschrittlein des Brosi. Noch ehe der Weg zur Hälfte durchschritten war, mahnte der Tonele herzlich »Geh, sei gscheit! Wir sind schon endsweit von daheim. Da kommst nimmer recht zum Essen. Und dein Mutterl wird schelten.«

Brosi schüttelte das blonde Köpfl. »Die hat noch nie gescholten.« Er zappelte in der Sonne weiter.

Eine Strecke ging die Straße zwischen Bretterplanken hin, die so hoch waren, daß der Brosi den Wald nimmer sehen konnte. Irgendwo hinter diesen Planken mußte der Bach sein; man hörte sein schönes Rauschen. Dann bog von der Straße ein schmaler Wiesenpfad ab. Brosi zappelte vorüber. Der Tonele rief ihm nach: »Du! Bald eini willst ins Holz, nacher mußt da ummi!«

»Wo?« Der Brosi guckte.

»Da!« sagte der Tonele, die Hände in den Hosentaschen, und deutete mit dem nackten, verstaubten Fuß nach einem steilen, aus drei Brettchen aufgestaffelten Überstieg der Planke. Weiter sprach er kein Wort. Er lächelte nur wieder.

Das nahm der Brosi für einen Zweifel an seinem Mut. »Meinst, ich trau mich so hoch nicht hinauf?« Er fing zu kraxeln an. Als er die Höhe der Planke erklommen hatte, setzte er sich rittlings auf die Schneide des obersten Brettes und spähte mit glänzenden Augen über die sonnige, bunt durchblühte Wiese hinüber zu dem dunkeln Walde.

Da schwammen linde Glockentöne über das lange Tal einher.

»Brosle! Hörst? Es tut elfe läuten.«

»Mir ist alles eins!« Der blonde Held auf der Bretterplanke sprang in die Wiese hinunter.

Nun stieg auch der Tonele über die Planke hinauf. »Geh, Brosle, kehr um!« Da sah er auf hohem Pfahl eine weiße Tafel mit schwarzer Inschrift. Weil der Tonele sich in der Dorfschule einen langen Winter schon mit dem Buchstabieren geplagt hatte, drum konnte er lesen, was da mit dicken Zeichen angeschrieben stand: ›Verbotener Weg!‹ Darunter standen noch drei Zeilen in kleinerer Schrift, daß der zur ›Großen Not‹ hinaufführende Jagdsteig für jeden öffentlichen Verkehr gesperrt wäre und daß Zuwiderhandelnde allerlei Unannehmlichkeiten in der Kanzlei der fürstlichen Jagdverwaltung zu gewärtigen hätten. Mit dieser klein geschriebenen Sache befaßte sich der Tonele nimmer. Es genügte ihm, die beiden groß gemalten Wörter entziffert zu haben: ›Verbotener Weg!‹ Er sprang in die Wiese hinunter und rannte, bis er den kühnen Brosi eingeholt hatte. »Geh nur zu, Brosle, ich tu schon aufpassen!«

Jetzt schien die Tat, die sie unternahmen, dem Brosi erst die rechte Freude zu machen. Als der blonde Held vor den dunklen Schatten des Waldsaumes doch ein bißchen zögerte, nahm ihn der Tonele bei der Hand und sagte: »Komm! Ich laß dir nix tun!«

Hand in Hand, die kindlichen Seelen durchzittert von jenem stolzen Rausch, mit dem ein Forscher ein Geheimnis der Ewigkeit entschleiert, schritten sie hinein in die träumende Mittagsstille des Waldes.

Es war ein Wald, wie in den Bergen alle Wälder sind, ein Gemenge von Zerstörung und kraftvoller Schönheit, von faulendem Tod und sprossendem Leben. Man spürt da nicht die pflegende Hand, wie sie in den Wäldern der Ebene zu merken ist. Der Bergwald muß selber sorgen für die Dauer seines Lebens. Sieben Bäume schlägt der Mensch, zehn mal sieben wirft der Sturm, siebenhundert zerdrückt der Schnee und ersticken die Lawinen, und siebentausend wachsen, werden hundertjährig, altern und vermorschen, und es war ihr einziger Zweck, daß sie lebten und blühten, Samen streuten und starben.

Blauduftiger Schatten wehte unter den Bäumen, und überall zwischen den hohen Wipfeln spiegelten die Sonnenlichter herein wie Grüße einer helleren Welt. Lautloses Träumen. Manchmal das leise Pispern der kleinen Vögel. Irgendwo in der Tiefe des Waldes scheitete ein Specht; wenn er sein Hämmern einstellte, klang ein langgezogener, melancholischer Ruf, als hätte der Wald in seiner grünen Freude auch einen Schrei des Schmerzes.

Den hohen Bäumen zu Füßen blühte ein Wald im kleinen, der magere, hart um sein Leben ringende Urwuchs und das bunte Gewirr der winzigen Blumen – weiße Sterne, blaue Glocken, die violetten Ähren des Knabenkrautes mit den schwarz gefleckten Blättern, die zart gefärbten Katzenpfötchen und die rosigen Kelchblüten des Seidelbastes, dessen starker, herbsüßer Wohlgeruch die Waldluft würzte.

Schweigend schlüpften die beiden Knaben durch die Stauden. Was sie gewahrten, das Nahe und das Ferne, wurde für sie zu einem gruseligen Erlebnis oder zu einer schönen Sache. Dann kam zu dem Märchen, das in ihren Seelen webte, auch das Geheimnis herangetreten. Sie hörten – erst leise, dann immer lauter und näher – scharfe, taktmäßige Klänge wie Hammerschläge auf hartem Gestein. Als sie der Richtung zublickten, aus der diese Töne klangen, entdeckten sie hinter dem Riesengitter der Baumstämme etwas Ungeheuerliches. Brosi meinte, das wäre eine dicke, lange, giftgelbe Schlange, die sich durch den Schatten des Waldes und durch grelle Sonnenflecke hinaufwand gegen die Höhe des Berges. Aber Tonele sagte mit klugem Lächeln: »Dös is doch bloß a Weg!« Die gelben Schleifen waren die Serpentinen des Reitweges. Brosi ließ sich durch diese Klarstellung aus seinem Waldtraum nicht ernüchtern. Er hatte schon wieder ein Geheimnis erspäht, etwas Goldrotes und Silberweißes, das sich bei jenen wunderlichen Hammerschlägen mit Geschimmer bewegte, immer wieder verschwand, immer wieder erschien. Was konnte das sein? Das Haupt der Schlange, der mit Gold und Silber gekrönte Kopf, den das kriechende Wunderwesen immer aufrichtete und wieder hinunterduckte zwischen die Stauden?

Auch dem Tonele verging für eine Weile das kluge Lächeln. Dann sah er, daß der goldrote Schimmer da draußen ein von der Sonne beschienenes Pferd war, das mit seinen Hufen den harten Grund des Weges schlug und auf seinem Sattel eine Reiterin in weißem, faltig fließendem Kleid wiegte.

Eine vom Gebüsch verhüllte Serpentine des Weges wand sich zu den beiden Knaben heran. Die Stauden verdeckten das Pferd. Nur Kopf und Schultern der Reiterin waren zu sehen. Unter dem Schatten der Hutkrempe leuchtete ein schönes und strenges Gesicht, dessen ruhige Augen über die zwei Knaben wegblickten, als wären der Brosi und der Tonele zwei unscheinbare Steinchen neben dem Wege.

Jetzt verschwand die Reiterin. Der kleine Brosi tat einen beklommenen Atemzug. »Das ist die Fey gewesen!«

»Du Narrle, du!« Der Tonele lächelte; nicht gutmütig. »Dös ist die Prinzessin gwesen, die im Fürstenschlößl hauset. Die tu ich nimmer grüßen. Die paßt net auf, ob einer 's Hütl zieht.«

In Brosis blauen Augen war der Kummer eines Träumers, den der Morgen aufrüttelte aus wundersamen Bildern. Aber weil er träumen wollte, klammerten seine Gedanken sich an dieses Märchenwort: »Prinzessin!« Er sagte: »Du! Einmal, da hat mir die Mutter was erzählt. Von einer Prinzessin. Die ist anders gewesen. Die hat ein rotes Seidenkleidl angehabt und sieben weiße Röslein in der Hand. Die hat in einem schönen Garten gehauset, und um den Garten ist eine endsgroße Mauer gewesen, und vor dem Tor, da ist ein endsgroßer Ries' –«

»Komm, Brosle!« Der Tonele faßte die Hand des Kameraden. »Jetzt müssen wir heim. Dei' Mutter tut schelten. Und mein Bruder haut mich wieder.«

Erschrocken sah Brosi am Tonele hinauf, vergaß das Märchen von der roten Prinzessin mit den weißen Rosen und ließ sich führen, wohin der Tonele wollte.

Ein paar Schritte hatten die Knaben gemacht, als dicht vor ihnen was Unsichtbares mit Geprassel aus einer Staude herausfuhr. Eine Auerhenne. Weil sie hinter der Staude über den Waldboden hinstrich, konnten die Knaben sie nicht sehen. Erschrocken standen sie und hörten, was ihren Schreck noch vermehrte, ein leises, dünnes Gekicher wie von einer Greisenstimme. Als sie nach der Stelle blickten, von der das Kichern herklang, sahen sie eine menschenhohe Säule aus Grün und Blüten; zwischen den grünen Ranken und den tausend weißen, rosig angehauchten Blümchen guckte ein lustiges Runzelgesicht mit weißen Bartstoppeln und grauen Haarzotten heraus. Jetzt lächelte der Tonele wieder und sagte zum Brosl: »Da mußt dich net fürchten! Dös ist der Waldrauscher. Der tut uns nix.«

Den stummen Brosi an der Hand führend, ging er auf die grüne, blühende Säule zu. »Grüß Gott, Waldrauscher! Heut hast aber viel! Magst mich was tragen lassen? Ich hilf dir gern.«

»Vergelt's Gott, Tonerl!« klang aus dem Gewirr der Blümchen und Ranken eine dünne Stimme. »Noch allweil hilf ich mir selber.« Der Waldrauscher lachte. »Ös Lauserln, wie kommt's denn ös zwei da eini ins Holz?«

Verlegen schwiegen die Knaben. Und der Waldrauscher schien das Verlangen nach einem rastenden Viertelstündchen zu haben. Vorsichtig begann er die vielen, mit Stricken aneinandergekoppelten Rankenbündel abzulegen, die über seinen Kopf hinausragten und fast seine ganze Gestalt mit Grün und Blüten verhüllten. Was der alte Mann im Bergwald gesammelt hatte, war eine offizinelle Pflanze, die Bärentraube. Der gelehrte Botaniker nennt sie Arctostapylus uva ursi. Das Volk gab ihr den Namen ›Waldrausch‹.

Wer mag den sinnvollen Namen gefunden und zum erstenmal ausgesprochen haben? Das muß ein Träumer gewesen sein, einer von jenen Törichten, welche Kinder bleiben ihr ganzes Leben lang und die Dinge immer anders sehen, als sie sind – und einer von jenen Klugen zugleich, die die Dinge des Lebens immer schöner schauen, als sie den Nüchternen erscheinen. Oder war's ein Berauschter, der diesen Namen fand? Berauscht von Freude, von Glück, von Liebe? Aus den Frühlingskräften solcher Trunkenheit sprießt in Fülle, was alle Härte des Lebens farbenduftig umschleiert und alle Not des Daseins mit blühendem Reichtum überschüttet. Ging solch ein Berauschter und Reichgewordener in seiner trunkenen Freude vor ungezählten Jahren einmal an einem Maimorgen durch den Bergwald? Fühlte er, daß auch im Frühlingsleben des Waldes ganz das gleiche war, was sein eigenes Herz erfüllte, wohliges Träumen im Glanz der Sonne, schöner Glaube an das ewig neu erwachende Leben, freudiges Umschleiern aller Not, ein Dürsten und Drängen nach den Tagen der Blüte, nach dem Rausch des Glückes? Und kam er zu einem Fels, den die Bärentraube mit ihrem dichten Rankengeweb umhüllte wie mit grünem Mantel? Rings um den Sockel des Steinblocks fröstelte noch ein letzter Schnee in Löchern, zu denen die Sonne keinen Weg gefunden. Doch um die rauhen Flanken des Felsens hatte die Schöpferkraft des Frühlingswaldes dieses blühende Grün gewoben. Stand jener Lachende, von seinem Glück Berauschte, vor diesem Maienwunder? Und empfand er da: Der Wald will blühen wie mein Herz, der Wald ist berauscht wie meine Seele? Und brach er von den blühenden Ranken eine? Betrachtete er die weißen, feinen Blüten mit den zarten Rosenmündchen? Blüten, die wie Kelche sind, aus denen die Elfen trinken? Sprach er da aus seinem träumenden Lächeln heraus zum erstenmal diesen Namen: »Waldrausch«? Und als er die blühende Ranke heimtrug in seinen Werkeltag, begegnete ihm ein zweiter und fragte: »Was trägst du auf deinem Hut?« Da sprach der Lachende wieder den neuen Namen: »Waldrausch«! Dem andern gefiel das Wort. Er trug es einem dritten zu. Und über Jahr und Tag sprachen hundert Menschen diesen Namen nach, das ganze Volk eines langen Tales zwischen hohen Bergen.

»Waldrausch!«

Diese Pflanze, in deren grünen Blättern, weißen Blumenkelchen und roten Beeren die Sonne ein Heilmittel wider mancherlei Leiden braut – diese Pflanze, die mit ihren Ranken überall hingreift, wo es dürren Schutt zu besiedeln gilt – diese Pflanze ist wie ein Frühlingsglaube des Bergwaldes, wie ein Schönheitsdogma der Natur. Ihre Blätter sind immergrün. Doch wie von allem Schönheitsglauben immer in harten Zeiten nur ein zähes, dauerndes Restlein in den Seelen der Menschen haftenbleibt, so tragen auch diese Waldranken nur immer das Grün des letzten Jahres über den rauhen Bergwinter hinüber. Wenn im Herbst die kalten Stürme den Wald bedrängen, wird das Grün dieser Ranken so schütter, daß überall durch das Netz der verarmenden Zweige das graue Geröll herauslugt – so grau und armselig, wie sich unter dem blühenden Rankenwerk das alte, dürftig gekleidete Männlein herausschälte, der Waldrauscher, der die geblümten Lasten zu Boden sinken ließ, die er an diesem Frühlingsmorgen im Bergwald gesammelt hatte.

Seine Armut schien er nicht zu fürchten trotz seines dürftigen Aussehens in dem steingrauen, geflickten Kittel und in der verwaschenen Leinenhose, die vor Jahren einmal blau gewesen. Etwas Altväterisches, fast Mittelalterliches war an der braunen Lederkappe, die sich um die Haarzotten schloß und zwei spitze Lappen über die Ohren herunterhängen ließ. Zwischen den grauen Strähnen, die unter der Kappe herausquollen, zwinkerte ein schmales Faltengesicht, das von Leiden und Strapazen verwüstet war und dennoch heiter blickte. Dieses Frohe war in den klugen, glänzenden Schwarzaugen, die sich flink bewegten und alles zu sehen schienen. Das Gesicht, auch unter den grauen Bartstoppeln, war so braun wie die Lederkappe. Zwei weiße, struppige Brauendächlein wölbten sich über die flinken Augen. Und alle Zähne hatte der alte Waldrauscher noch. Wenn er lachte, blinkte zwischen seinen dünnen, welken Lippen ein gesundes Gebiß.

Wie alt er war, das wußte niemand im Dorf. Die einen schätzten ihn auf siebzig Jahre, die andern auf achtzig. Es war unter den herangewachsenen Leuten eine gebräuchliche Redensart: »Wie ich noch a Kindl war, is der Waldrauscher schon a alts Manndl gwesen.« Niemand nannte ihn bei einem der beiden Namen, mit denen er irgendwo in einem Kirchenbuch eingeschrieben stand; jeder sagte »Waldrauscher« – weil es seit vierzig Jahren sein Brot und Leben war, Waldrausch im Bergwald zu sammeln, auch sonst noch allerlei Kräuter, die an den Apotheker zu verkaufen waren, und Beeren, Schwämme, wunderliches Gestein. Mit dem wenigen, das er dabei verdiente, lebte er einsam in einem abseits vom Dorfe gelegenen Häuschen, so klein, daß es die Leute den Starenkobel nannten. Das taten sie auch, weil der Waldrauscher gerne seine kleinen, merkwürdigen, selbsterfundenen Liedchen sang.

Als der Alte sich niedergesetzt hatte, sah er die beiden Knaben lächelnd an, während er eine kleine Holzpfeife mit Tabak füllte, Feuer schlug und sparsam den Rauch vor sich hin blies.

Der Brosi hatte sich ins Moos gekauert und blickte scheu an dem Alten hinauf, als müßte sich irgendwas Merkwürdiges ereignen. Neben ihm stand der Tonele und sagte: »Du, Waldrauscher, dös Liederl, dös du mir fürgsungen hast am Ostertag, dös kann ich noch allweil.«

Der Alte lachte leise.

Das schien der Tonele als einen Zweifel zu nehmen. »Gwiß wahr, ich kann's!« Mit feinem Stimmchen begann er zu singen:

»Und 's Bacherl fallt abi,
Und 's Wasser, dös ziagt,
Und 's Newerl steigt auffi,
Und 's Wölkerl, dös fliagt.

Und auffi und abi,
Rechts ummi, hint naus,
's bleibt allweil oa Weg
Und geht alles gradaus.«

Während der Tonele sang, wiegte der schmunzelnde Waldrauscher im Takte den Kopf, daß seine grauen Haarsträhnen ein bißchen schwankten. Als das Liedchen zu Ende war, wiederholte der Alte leise: »Gradaus!« Dann lachte er vor sich hin und tat einen kurzen Zug aus der kleinen Holzpfeife; den Kopf zurückneigend, blies er den Rauch in die Höhe und blickte dem blauen Wölklein nach, das davonschwamm und in nichts zerfloß. Ganz still war's um den Waldrauscher und um die beiden Knaben her. Nur tief im Gehölz, kaum noch vernehmbar, klagte wieder der schwermütige Ruf des Spechtes. Und wie ein leuchtendes Wunder war es zwischen allem Schatten des Waldes; die Sonne, die zur Mittagshöhe gestiegen war, glänzte steil durch das Gezweig herunter; durchflogen von den Myriaden der feinen Blütenstäubchen, die der Frühling aushauchte, erschienen diese Lichtstrahlen wie Goldbänder, die still herunterhingen durch das dunkle Grün der Fichten. Eins von diesen leuchtenden Bändern schmiegte sich um den Blondkopf des kleinen Brosi, der beklommen atmete.

Da winkte der Alte dem Tonele mit der Holzpfeife. Hurtig sprang der Bub auf den Waldrauscher zu und setzte sich an seine rechte Seite. Nun winkte der Alte auch dem Brosl. Der kam, ein bißchen scheu. Doch als der Waldrauscher den Arm um das kleine Bürschl legte, schmiegte Brosi sich an den Schoß des Alten, wie er es daheim bei der Mutter zu tun pflegte, wenn sie ihm ein Märchen erzählte. »Jetzt, Tonerl, paß auf!« sagte der Waldrauscher. Mit der Holzpfeife taktierend, fing er leise zu singen an:

      »Der Wald ist koa Wald net,
Der Bach is koa Bach,
Und d' Nacht is koa Nacht net,
Und 's Sach ist koa Sach.

Und 's Kalte is kalt net,
Und 's Hoaße net hoaß,
Und alles is anders,
Als wia's oaner woaß.«

Ratlos guckten die beiden Knaben drein. Und der Waldrauscher lachte, zog den kleinen Brosi noch enger an sich und sagte dem Tonele: »Dös mußt dir merken! Und alles is dir wie nix. Und jeden Brocken tragst wie a Stäuberl.« Mehr sprechend als singend fing er das gleiche Liedchen von vorne an, so oft, bis der Tonele die zwei Vierzeiler glatt hersagen konnte. Wieder lachend steckte der Waldrauscher die erloschene Holzpfeife in den steingrauen Kittel, zog auch den Tonele an sich heran und begann wieder zu singen:

    »Und zwoa san an oanziges,
Und tausend san zwoa,
Und dö haben oan Schnaufer,
Oan Lacher, oan Schroa.

Drei Stoaner, drei Bleameln,
Drei Mucken, drei Leut,
Is alles oa Wehdam,
Oa Leben, oa Freud!«

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