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Waldfräulein Hechta

Heinrich Seidel: Waldfräulein Hechta - Kapitel 6
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authorWilly Seidel
titleWaldfräulein Hechta
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6. Die Prüfung

Am nächsten Tage lag Schnee auf dem Gipfel des Abendberges und Joseph zog mit seinen Kühen zurück in das Dorf. Dort konnte man sich nicht genug verwundern über das stattliche und glänzende Aussehen der wohlgenährten Tiere. Der Lindenbauer klopfte sie wohlgefällig auf den Hals, ging um sie herum und lobte sie mächtig. Die Bäuerin aber konnte ihren Sohn nicht genug ansehen, so stattlich und schön war er geworden. Dies war auch das Urteil der ganzen Weiblichkeit im Dorfe, und selbst solche Mädchen, die schon ihre Schätze hatten, konnten nicht umhin, nach ihm zu blicken und ein wenig zu seufzen, wenn sie an die ihrigen dachten. Die anderen nun gar warfen ihm sehr wohlwollende Blicke zu, aber es half ihnen nichts. Denn ob die schüchterne Käthe rot ward und auf ihr Busentuch blickte, wenn er vorüberkam, ob die lustige Grete ihm von ihrem Garten aus ein paar neckische Verschen zusang, ob die kecke Vroni ihn beim Vorübergehen herausfordernd mit der Schulter anstieß und ihm einen Blick zusandte, der Eisen hätte schmelzen können, so machte das alles keine Wirkung, er blickte sie ruhig an und ging kaltsinnig weiter, denn der Gedanke an das holde Waldfräulein war wie ein Nebel um seine Sinne. Da er nun auch nimmer den Tanzboden besuchte, wo allsonntäglich die jungen Burschen die hübschen Mädchen herumschwenkten, noch die Spinnstuben, da man Schnurren und Spässe erzählte und allerlei verliebte Thorheit trieb, so galt er bald für stolz und hochfahrend, und sie nannten ihn spöttisch den Prinzen vom Abendberge.

Nur bei der Tochter seines nächsten Nachbarn, der schönen Annemarie, gab es eine kleine Ausnahme, dort wagte er nicht hinzusehen, wenn er vorüberging. Er hatte sie früher gern gehabt, und auch sie hatte ihn mit den schwarzbraunen Augen stets gar lieblich angeblickt, wenn er sie grüßte und hatte den roten Mund zum Lächeln verzogen, daß die weißen Zähne hervorblitzten. Er hatte auch wohl eine Weile am Gartenzaun mit ihr geplaudert, doch das war nun vorüber, denn seit er von der Wiese hinter dem Abendberge zurückgekehrt war, vermied er sie ebenso wie die anderen.

Unterdes war der Winter ins Land gekommen und hatte die Berge mit Schnee bedeckt, und der Bach ging schwärzlich und dampfend zwischen den mit Eis verglasten Steinblöcken dahin. Wie endlos erschien Joseph dieser Winter, denn seine Sehnsucht war einzig auf den Frühling gerichtet, und sein Haupt mit lieblichen Sommergedanken der Erinnerung und Hoffnung gefüllt. Und wenn sich die anderen Burschen und Mädchen auf den Sonntag freuten, so war er ihm nur lieb, weil dann wieder sieben Tage um waren und der Lindenbauer an seinem Wandkalender mit Rotstift einen dicken Strich durch die Woche machte. Doch der alte Kalender ging zu Ende, der neue ward in Gebrauch genommen, und mit rotem Zickzack fraß sich auch in diesen die Vergangenheit immer weiter hinein. Schon gab es einzelne schöne, verheißungsvolle Tage, wo über der grünen Saat, die aus dem Schnee hervorgetaut war, schon die Lerchen sangen; immer eifriger läutete die Kohlmeise ihr Frühlingsglöckchen, und endlich schallte auch der flötende Schlag der Drossel aus den Wipfeln des Waldes. Von den Bergen plätscherte es in tausend neuen Rinnsalen, die Bäche schwollen und rauschten ungestüm dahin, und hier und da auf den Wiesen schimmerte blankes Wasser im Sonnenschein. Und wie sich die selige Unruhe in der Natur mehrte, wie das Knospen und Keimen und Blühen begann und der Gesang der Vögel immer reicher von allen Zweigen schallte, da ward auch die Sehnsucht in dem Herzen des jungen Mannes größer und kaum konnte er noch die Zeit erwarten, da sich sein holdes Glück vollenden sollte.

Als die Knospen der Buchen kurz davor waren, sich aufzuthun, ward eine große Hochzeit im Orte gefeiert, denn der reichste Bauer im Unterdorfe verheiratete seine Tochter. Davon konnte sich Joseph nicht ausschließen, obwohl er es gerne gethan hätte, und fand sich dort auch in seinem besten Staat ein. Als man sich nach der Trauung an den mit Wein und Speisen schwerbeladenen Tisch setzte, fand es sich, daß er die Annemarie zur Tischnachbarin erhalten hatte. Er mußte unwillkürlich staunen, wie schön sie war, denn in dieser Gesellschaft kam ihr keine gleich. Doch obwohl er fröhlich gestimmt war, weil er am Morgen gesehen hatte, daß ein einziger warmer Regen die Knospen der Buchen öffnen konnte, so blieb er doch stumm und einsilbig, denn vor seiner Nachbarin hegte er eine stille Furcht, und er vermied es, sie anzusehen. Sie aber schien nicht darauf zu achten, plauderte und lachte mit den anderen und strahlte scheinbar vor Glück. Allmählich ward die Gesellschaft lauter und brausender, denn der Bauer hatte seinen besten Roten aus dem Keller hergegeben, und man trank sich fleißig zu. Da konnte Joseph doch manchmal nicht umhin, seine Nachbarin heimlich anzusehen, die so unbekümmert um ihn plauderte und lachte, daß die weißen Zähne hervorschimmerten, während die schwarzbraunen Augen in verhaltenem Glanze leuchteten.

Als dann nach dem Essen das Kreischen der Fiedel, das Gequäk der Klarinette, das Geblöke des Horns und das Knurzen des Kontrabasses zum Tanze lud, da konnte sich Joseph ebenfalls nicht ausschließen. Er tanzte mit der hübschen Käthe, die sich so andächtig und feierlich herumdrehte, als sei es eine heilige Handlung. Sie hielt dabei die Augenlider mit den langen seidenen Wimpern niedergeschlagen, und nur zuweilen sendete sie einen schüchternen Blick empor und ihre roten Wangen färbten sich noch ein wenig tiefer. Er tanzte mit der lustigen Grete, die zu der Melodie des Hopsers allerlei kecke Verschen sang und ihn mit glänzenden Augen anfunkelte, er tanzte mit Vroni, die sich gar zuthunlich an ihn schmiegte, allein der schönen Annemarie ging er aus dem Wege. Doch plötzlich stand diese vor ihm, in ihren Augen funkelte es und um den schönen Mund zuckte es, und ehe er recht wußte, wie es geschah, hatte er sie in den Reigen geführt. Bald traten die anderen zurück und bildeten einen Kreis um das schöne Paar, denn die Annemarie tanzte so leicht wie eine Feder und so zierlich wie eine Bachstelze, und Joseph verstand es ebenfalls am besten im Dorfe, Selbst die Alten aus dem Nebenzimmer kamen herbei und sagten, besser hätte man in der guten alten Zeit auch nicht getanzt, und das wollte etwas sagen. Annemarie blickte ihn aber nicht an, sondern sah über seine Schulter hinweg ins Leere.

Als nun die Lustbarkeit zu Ende ging und alle sich auf den Heimweg begaben, ging es nicht anders, als daß Joseph die schöne Annemarie nach Hause brachte, denn sie wohnten beide am äußersten Ende des oberen Dorfes. Zu Anfang hatten sie noch andere Begleitung, doch als sich diese scherzend und lachend in die Nebengassen nach ihren Häusern verloren hatte, wanderten sie allein und schweigend durch die wolkenverhangene Frühlingsnacht. Es war ein Wehen und Sausen in der Luft, sehnsuchtsvoll brauste es durch das junge Laub und die knospenden Wipfel, und mit leidenschaftlichem Rauschen stürmte der Bach durch die Nacht dahin. Zuweilen fielen ein paar vereinzelte Regentropfen und sprühten auf die glühenden Gesichter, dann wieder kam der Mond durch eine Wolkenlücke und warf ein kurzes Licht auf schäumende Gewässer und weißliche Blütenbäume.

Die beiden jungen Leute waren in ihrer schweigenden Wanderung thalaufwärts geschritten, bald hörte Joseph die leichten, festen Schritte und das zarte Rauschen der Gewänder neben sich, bald hinter sich, je nachdem die Breite des Pfades es zuließ, und so waren sie endlich am Ende ihres gemeinschaftlichen Weges angelangt. Wo das kleine Pförtchen unter dem Nußbaum in den Garten ging, standen sie, und Joseph reichte dem Mädchen die Hand zum Abschiede. Zugleich kam der Mond noch einmal wieder hervor, warf sein Licht über das ganze Thal, über die Pfade, die sie gegangen waren, und die stillen Häuser, die mit schwarzen Fenstern in ihren Gärten lagen, aus den Bach, der hier und da aus dem Dunkel blitzte, und auf das schöne Antlitz, das mit schwarzbraunen Augen auf ihn hinblickte. Das Mädchen ließ seine Hand nicht los, sondern hielt sie fest umspannt, und dann brach es hervor aus den Tiefen einer aufgeregten Seele und eines leidenschaftlich bewegten Herzens.

»O, du schlechter Mensch,« sagte sie mit bebender Stimme, »was hab' ich dir gethan? Was hab' ich verbrochen, daß du mich verachtest, daß du mich nicht ansiehst, daß du nicht mit mir redest, daß du mir aus dem Wege gehst? O, so schön du aussiehst, so schlecht bist du!«

Joseph war erschrocken, er wußte nicht, was er sagen sollte. »O Annemarie!« brachte er nur heraus.

»O du, o du!« rief sie und ihrer selbst nicht mehr mächtig, schlang sie die Arme um ihn und barg den Kopf an seiner Brust, während ein krampfhaft schluchzendes Weinen den jungen Leib erschütterte. Joseph suchte sich sanft aus den lieblichen Schlingen zu lösen, allein nur noch fester schloß sie sich an und noch hilfloser klang das Weinen an seiner Brust. Er ward von Mitleid bewegt und mußte nicht, wie er sie trösten sollte. Und als er sich niederbeugte und ihr, während er sie sanft von sich zu drängen suchte, verwirrte Worte zuflüsterte, kam es, daß er, im Bestreben, freundlich gegen sie zu sein, sie sanft auf die Stirn küßte. Da wandte sich das thränenüberströmte Antlitz voll gegen ihn, und ohne zu wollen, mußte er die Thränen fortküssen, und so geriet er an den schwellenden Mund, der sich ihm sehnsüchtig entgegendrängte.

»Ach ja, ach ja,« flüsterte sie, »du bist doch gut.« Und sie wußte ihre Lippen so lieblich zu gebrauchen und sich so hingebend an ihn zu schmiegen, daß ihm das von Tanz und Wein erwärmte Blut wie Feuer durch die Adern rieselte, daß seine Glut sich an der ihrigen entzündete und er vergaß, was er nicht vergessen sollte.

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