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Waldfräulein Hechta

Willy Seidel: Waldfräulein Hechta - Kapitel 7
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authorWilly Seidel
titleWaldfräulein Hechta
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7. Schluß

Als Joseph am anderen Morgen mit einem dumpfen Druck auf seinem Herzen erwachte, fiel sein erster Blick auf den Ring, und siehe, er war schwarz. Ein Todesschrecken überkam ihn. Er scheuerte und putzte so lange an ihm herum, daß der Finger wund wurde, allein es half nichts. Von bösen Gedanken gepeinigt, lief er den ganzen Tag ruhelos durch den knospenden Frühlingswald und verbrachte die nächste Nacht schlaflos. Am anderen Morgen fiel ihm ein, ob Herr Picus nicht helfen könne; der wußte doch sonst Mittel für und gegen alles in der Welt.

Jetzt aber, da der Bach, von den Gewässern des schmelzenden Schnees geschwellt, ungestüm durch seine enge Schlucht brauste, war der Herr Picus nicht so leicht zu erreichen, sondern der Weg zu ihm führte auf weiten Umwegen über die Schroffen des Gebirges und an steilen Abhängen vorüber. Als Joseph gegen Mittag das kleine Felsenthal erreicht hatte, fand er den Laboranten nicht zu Hause. Die Thür war verschlossen und das Thal einsam, nur von dem Getöse des Wildbaches erfüllt, der von dem Felsen herabstürzte und in der Tiefe gurgelte, kochte und schäumte. Dort saß Joseph eine lange Weile, schaute in das tobende Wasser- und Schaumgewirr und wartete. Endlich schrie ein Schwarzspecht einigemal so laut, daß jenes wütige Gebrause davon übertönt ward, und kurze Zeit hernach sah man Herrn Picus mit einem Kräuterbündel auf dem Rücken in das Thal herabsteigen.

Als Joseph sein Anliegen vorbrachte, schloß der Alte sein Haus auf, brachte aus einem Schränkchen eine kleine Flasche mit goldgelbem Inhalt zum Vorschein und sagte: »Das werden wir bald haben, bald haben. Wird wohl nicht echt sein, das Gold Schwindelware, Schwindelware! Zieh ab den Ring!«

»Das geht nicht!« erwiderte Joseph

»O was, o was,« sagte Herr Picus, »muß gehen!« Aber ob er auch mit allen Kräften daran zog und zerrte, der Ring wich nicht und saß fest, wie angewachsen, »Hm, hm,« sagte Herr Picus, »nun, woll'n 'mal sehen!«

Damit nahm er ein feines Hölzchen, fuhr damit in die Flasche, betupfte mit ihm vorsichtig den Ring und fing an, die Stelle mit einem Läppchen zu reiben. Aber der Ring blieb schwarz. Der Alte schüttelte den Kopf, holte ein großes, in Horn gefaßtes Glas und betrachtete dadurch aufmerksam den schmalen Reifen »Das ist nicht Arbeit von Menschenhand,« sagte er dann, »Söhnchen, Söhnchen, wer hat dir den Ring gegeben?«

Da beichtete Joseph und erzählte dem Laboranten alles, was geschehen war.

»O weh, o weh!« wimmerte der Alte; »schlimm, schlimm! Morgen sind die Buchen grün, das sah ich heut im Wald, und morgen ist der letzte Tag für dich. Da lauf hinaus und sieh, daß du Verzeihung gewinnst. Ich kann nicht helfen, kann nicht helfen, Schlimm, schlimm!«

Joseph kehrte in das Dorf zurück, den Tod im Herzen. Wie im Traum schritt er über die steilen Pfade und an den schwindelnden Abhängen entlang, in deren blau dämmernden Gründen die Frühlingsgewässer unablässig rauschten und brausten.

Am nächsten Morgen in der Frühe war er auf der Wanderung nach der Waldwiese. Die Luft war schwül und still, kein Blatt bewegte sich, der Abendberg hatte sich in Schleier gehüllt, und der Himmel war von weißlichem Dunste bezogen, in dem die Sonne nur wie ein matter Schimmer bemerklich war. Der Tag ward nicht heller, je weiter er fortschritt, sondern die unheimliche Dämmerung nahm zu, denn die Luft verdickte sich und stand blauschwarz hinter den Bergen. Durch die unheimliche Stille vernahm man zuweilen ein fernes, dumpfes Grollen.

Das grüne Wiesenthal durchbrausten unablässig die schäumenden Gewässer, und mit Mühe und Not erreichte Joseph, watend und springend, den kleinen, inselgleichen Hügel in der Mitte. Dort standen die Rosen im ersten jungen Grün, und die schöne Buche hatte eben die zarten hellen Blätter aus den braunen Knospen hervorgethan. Joseph schritt den schmalen Pfad hinauf. Hinter den Bergen ringsum grollte der Donner und zuweilen ging es durch die Luft wie ein banger Seufzer aus schwer bedrücktem Herzen. Lange stand er und wagte nicht, an den Stamm zu klopfen. Es ward immer dunkler, und in der blauschwarzen Luft zuckten die Blitze. Endlich ermannte er sich und klopfte zaghaft an. Da schallte ein Wehlaut tief aus gequälter Seele und das Waldfräulein stand vor ihm ganz in Schwarz gekleidet und marmorblaß. Joseph sank auf ein Knie, hob die Hände zu ihr empor und rief:

»Laß Gnade walten und verzeihe mir!«

Sie aber sah mit starren Augen auf ihn nieder.

»Weh, was hast du gethan!« sprach sie. »Nun kann dir niemand helfen, niemand. Lebewohl!« Sie beugte sich nieder und küßte ihn auf die Stirn. Da wogten die Bäume im Wald und beugten die Wipfel tief zur Erde. Nun kam es heran unter Brausen und Knattern wie ein Heer wütender Dämonen, der Wind stürzte sich heulend in das junge Laub der Buche und dann schritt ein gewaltiger Regen über die Wiese heran, wie eine große senkrechte Wand, während bald hier, bald dort mit jähem Krach die Blitze niederfuhren und das schreckliche Getöse des Donners unablässig war.

Waldfräulein Hechta aber stand hochaufgerichtet; ihr langes, rotgoldenes Haar flog im Wind, und mit ineinander gewundenen Händen sah sie starr zum Himmel empor. Da fuhr es hernieder wie eine mächtige Feuerkugel und zerspaltete die schöne Buche von oben bis unten. Zu ihren Füßen lag Joseph, vom Blitz erschlagen.

Im gleichen Augenblick aber neigte am Ende des Thales, wo der Bach durch eine enge Schlucht den Ausweg suchte, der Bergwald seine Wipfel, diese wogten eine Weile durcheinander und fuhren dann in grausiger Schnelle und mit einem Krachen, das das Rollen des Donners übertönte, in den Abgrund. Ein Bergsturz hatte die ganze Schlucht verschüttet und wehrte den Fluten des Baches den Ausgang. Mit grausiger Schnelle stieg das Gewässer in dem bereits überschwemmten Thale, und bald sah nur noch der kleine Rosenhügel wie eine Insel aus den Fluten hervor. Unter der zerschmetterten Buche aber saß, unbekümmert um Sturm und Unwetter und den ewig strömenden Regen, Waldfräulein Hechta und sah mit starrem Blick in die Vernichtung. – – –

Am anderen Morgen, als die Sonne vom klaren Himmel lachte und die kleinen Wellen des neu erstandenen Sees mit tausend Lichtern blinken ließ, begrub Hechta mit ihren eigenen zarten Händen den Geliebten unter den Rosen und zog sich dann zu langjähriger Gefangenschaft in die Tiefe zurück.

Der vom Blitz getroffene Baum zerfiel und vermoderte im Laufe der Jahre; an seiner Stelle ist eine neue Buche emporgewachsen, die nun schon stattlich ihre Zweige breitet. Um die Zeit, wenn die wilden Rosen blühen, hört man dort in schönen Mondscheinnächten zuweilen einen holden, schwermütigen Gesang.

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