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Waldfräulein Hechta

Willy Seidel: Waldfräulein Hechta - Kapitel 3
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authorWilly Seidel
titleWaldfräulein Hechta
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3. Die Wanderung

Es war noch früh am Tag, als Joseph wieder in den Lindenhof zurückkehrte, deshalb packte er schnell sein Bündel und beschloß, noch an demselben Tag aufzubrechen, denn je eher er eine Weide für die darbenden Kühe fand, desto besser war es. Er nahm Abschied von seinen Eltern und wanderte auf dem nächsten Wege dem Gebirge zu. Als er auf der Brücke über den Bach schritt, saß da unten auf einem großen Steine der Mühlenhannes, ließ sich die Sonne auf seinen wirren Haarschopf scheinen und brüllte sein sonderbares Lied:

»Das Haar wie Feuer,
Der Leib wie Schnee,
Und die Augen so grün wie Glas ...«

sang er gerade, als Joseph vorüberkam.

Da der Verrückte nun sah, daß jener mit einem Bündel auf dem Rücken dem Abendberge zuwanderte, so unterbrach er sich und rief: »Glück auf, Glück auf! Und grüß den alten Uhu!« Dann lachte er so gräßlich, daß Joseph, von Schauer erfüllt, schneller ausschritt.

Im Walde war es schwül und still, und ein Duft nach Harz und vertrockneten Pflanzen herrschte überall. Das Gras am Boden war versengt, die Kräuter ließen die Blätter hängen, und die kleinen Wäldchen von Heidelbeeren und jung aufgeschossenen Bäumchen, die die großen, moosigen Felsblöcke bedeckten, begannen zu verdorren. Je weiter Joseph den Berg hinanwanderte, desto wilder ward die Gegend, desto mächtiger die verstreuten Felsblöcke, und desto gewaltiger die Bäume. Es waren meist Edeltannen, zuweilen aber standen dazwischen große Horste uralter Eiben von unbeschreiblich ehrwürdigem Aussehen.

Als er schon über eine Stunde bergauf gestiegen war, sah er etwas Dunkles, Mächtiges zwischen den Tannenstämmen ragen, und beim Näherkommen fand er eine uralte, turmdicke Eiche, die mit der ungeheuren Wölbung ihrer laubigen Kuppel einen ebenen, runden Platz beschattete. Rings um diesen Platz standen im Kreise, wie von Menschenhand geordnet, Felsblöcke in regelmäßigen Entfernungen voneinander, und unter der alten Eiche, dicht am Stamm, lag ein großer Stein, in dessen Oberfläche sich einige Vertiefungen und Rinnen befanden. Gerade über diesem hatte der riesige Baum eine Höhlung wie eine Altarnische, und plötzlich schrak Joseph heftig zusammen, denn in dieser Höhlung saß ein ungeheurer Uhu und blickte mit großen, runden Augen ruhig auf ihn hin. Als nun der junge Mann, dem es an diesem düstern Orte mit seinem feierlichen Schweigen gar nicht geheuer war, eilend vorüberschritt, drehte das stolze Tier langsam den Kopf und folgte ihm mit den Augen, bis er hinter den Felsen verschwunden war. Joseph sah nach dem Stande der Sonne und schritt rüstig weiter, bis er plötzlich durch ein leises, seines Winseln zu seinen Füßen erschreckt wurde. Er stand und blickte zu Boden, konnte aber nichts bemerken als ein seltsames Kraut, das mit seinen langen Ranken gleichsam wie suchend durch das Moos hinirrte. Er setzte den Fuß weiter und war eben im Begriff, wieder auf eine solche Ranke zu treten, als er nochmals das seine Winseln hörte und zu seinem Schrecken bemerkte, daß die Ranke sich wie ein lebendes Wesen vor seinem Fußtritt zurückzog. Er machte einen Satz, um aus dem Bereich dieser unheimlichen Pflanze zu gelangen, und wanderte unverdrossen weiter in dem verwunschenen Walde.

Bäume und Felsen, Felsen und Bäume, immer dasselbe. Und merkwürdig eben war die Gegend geworden, nirgends sah er einen Hang emporsteigen, wie vorhin, da er doch stetig aufwärts geschritten war. Felsen und Bäume, Bäume und Felsen; sie waren sich alle so merkwürdig ähnlich. So wanderte er wohl eine Stunde, da sah er plötzlich etwas Dunkles, Mächtiges zwischen den Tannenstämmen ragen, und als er näher kam, fand er dieselbe uralte Eiche, die er vorhin schon gesehen hatte. Voll Grauen rannte er vorüber, der alte Uhu drehte langsam den Kopf und sah ihm ruhig nach.

Aus dem Bereich dieser schauerlichen Gegend gelangt, setzte er sich auf einen Stein, und die Schrecken der Einsamkeit kamen über ihn. Herr Picus hatte ihn betrogen, denn der Farnsamen half ihm nichts. Nun suchte er nach dem Päckchen in allen Taschen mit steigender Angst und konnte es nicht finden. Endlich kam es ihm zwischen die Finger, allein was nützte es, daß er das Mittel bei sich trug, wenn es doch nichts half!

Nun galt es, wieder herauszukommen aus diesem verwünschten Walde, und das erschien ihm gar nicht so schwer, denn den Herweg hatte er sich gut gemerkt. Dann wollte er Herrn Picus wohl zur Rede stellen.

Er sah nach dem Stande der Sonne und machte sich auf den Rückweg. Aber sonderbar, der Boden senkte sich nirgends thalwärts, es blieb alles eben, und die Zeichen, die er sich beim Aufstieg gemerkt hatte, fand er nicht wieder. Ueberall nur Felsen und Bäume, Bäume und Felsen, einer wie der andere, und ehe er es sich versah, war er wieder bei der alten Eiche. Er rannte schaudernd vorüber; der alte Uhu blickte ihm nach wie vorhin. Nun war ihm, als höre er weit in der Ferne das schauderhafte Gelächter des Mühlenhannes, und ganz leise und dumpf seinen Zuruf: »Glück auf. Glück auf! Und grüß den alten Uhu!«

Er sank wieder auf denselben Stein, und die Verzweiflung überkam ihn. Noch einmal zog er das Päckchen hervor und betrachtete es. Es stand nichts darauf, als ein sonderbares, magisches Zeichen wie eine Vogelklaue und das Wort »Farnsamen« in zierlichen Schriftzügen. Endlich verfiel er darauf, es zu öffnen. Er fand darin ein seines bräunlichgelbes Pulver und wollte das Pergament schon wieder schließen, als er bemerkte, daß auf der Innenseite auch etwas geschrieben war. Unter demselben Zeichen einer Vogelklaue, wie draußen, stand dort ebenfalls: »Farnsamen«, und dahinter noch etwas: »So du davon in deine Schuhe thust, ist gut gegen die Irrwurz.«

Wie eine Last fiel es ihm plötzlich von der Seele, und zugleich erinnerte er sich, daß Herr Picus nicht allein gesagt hatte: »Wer Farnsamen bei sich trägt,« sondern hinzugefügt hatte, »in seinen Schuhen.« Doch das war ihm ganz entfallen. Nun streute er ein wenig von dem Pulver in diese hinein und machte sich erneuten Mutes auf die Wanderschaft.

Jetzt war es anders denn vorhin. Klar und deutlich lag der Weg vor ihm, der zur Höhe führte, und seine Füße wandelten von selber den richtigen Pfad. Als er fast die Höhe des Bergrückens erreicht hatte, der sich zur Seite zu dem mit gewaltigen Felstrümmern besäten Gipfel des Abendberges auftürmte, fiel ihm auf, daß der Boden grüner wurde, und die Kräuter frisch und üppig dastanden. Hier war offenbar der Regen nicht ganz ausgeblieben. Nach einer Weile ward es licht vor ihm zwischen den Bäumen, und zugleich vernahm er ein Hämmern und Pochen unzähliger Spechte, sowie die schrillen Rufe dieser Vögel. Dann trat er hinaus auf eine Stelle grausiger Verwüstung. Hier war vor Jahren ein Wirbelsturm durch den Wald gegangen und hatte einen breiten Streifen vollständig niedergelegt, nur einige wenige jüngere Bäume mit zerzausten Wipfeln waren stehen geblieben. Aber die alten Riesen lagen alle am Boden, wild durcheinander ihre verdorrten Wipfel mischend. Sie waren mit ihren gewaltigen Wurzeltellern einfach umgekantet wie riesige Leuchter und hatten den ganzen Boden in ihrem Umkreis mit emporgenommen; sogar einzelne mächtige Felsblöcke hingen an diesen senkrecht hochstehenden Erdwänden, von dem Geflecht der Wurzeln fest umklammert. Aus dem also freigelegten Boden war ein üppiges Gewirr von Himbeersträuchern, hohem Gras und den verschiedensten Kräutern emporgeschossen, insonderheit der giftige Fingerhut stand dort in ganzen Wäldern und leuchtete mit roten und gelblich weißen Blüten überall hervor.

Ehe sich Joseph in diese Wildnis hineinwagte, stand er eine Weile und blickte sich um. Die Sonne war schon im Sinken, bestrahlte rötlich die vorragende Kuppe des Abendberges und säumte die Wipfel des ringsum aus der Ferne dämmernden Waldes mit Gold. Und in dieser Abendstille war es ihm, als vernehme er das unsägliche, mannigfache Knirschen und Wirken der zahllosen Käfer und Holzwürmer, die in den gewaltigen Baumleichen unablässig thätig waren. Jedoch übertönt wurden diese leisen Geräusche durch das emsige Trommeln und Hacken der Spechte von allen Arten, die sich wohl an dieser reichbesetzten Tafel aus der ganzen Umgegend zusammengefunden hatten.

Dann schritt Joseph weiter und suchte zwischen den haushohen Wänden der Wurzelgeflechte und über die gefallenen Riesenstämme seinen Weg. Nicht weit war er gegangen, da schreckte ihn ein leises, träges Rascheln im Gras, so daß es ihm kalt den Rücken herablief. Er gewahrte den zickzackstreifigen Rücken einer Kreuzotter, die sich langsam entfernte. Nun tastete er mit seinem Stock vor sich her, wie er weiter schritt, und dann raschelte es bald hier, bald da; zuweilen bäumte sich auch solch giftiges Geziefer zischend auf und biß wütend nach dem Stecken. Hier und dort sah er auch derlei häßliches Gewürm an einem freien Fleck zusammengeringelt liegen; sie waren schön, fett und groß und schauten mit bösen Augen auf ihn hin. Er sehnte sich hinaus aus diesem Wirrsal. Dazu war rings ein süßer, schwerer Duft verbreitet nach trockenen Nadeln und Aesten, die den ganzen Tag in der Sonne gebrütet hatten, und nach allerlei wunderlichen Kräutern, deren unbekannte Blüten ihn wie mit Augen anblickten.

Plötzlich fuhr er wieder schreckhaft zusammen, denn mit gellendem Geschrei stieg in seiner Nähe ein Schwarzspecht empor und schoß geräuschvoll davon. Und was war das? An der Stelle, wo der Vogel verschwunden war, ging ja Herr Picus in seiner schwarzen Kleidung und mit dem roten Käppchen auf dem Haupte in gebückter Stellung umher, scheinbar emsig nach Kräutern suchend. Schon wollte er ihn freudig anrufen, da blickte er näher zu und sah, es war nur ein seltsam gekrümmter Wurzelstock, über den die roten Blüten des Fingerhutes emporragten.

Endlich hatte er dieses Spechtparadies und Otternnest hinter sich und schritt mit erleichtertem Herzen in dem dunkelnden Walde weiter. Er mußte daran denken, sich eine Stelle zum Nachtlager zu suchen, aber in der Nähe dieses giftigen Gewürms wäre er um keinen Preis geblieben. Der Boden senkte sich wieder, und Joseph folgte nun dem Lauf eines klaren Baches, der reichlich mit Wasser gefüllt war. Wie köstlich erschien ihm dies üppige Murmeln, Rauschen und Plätschern nach so langer Entbehrung.

Die Finsternis lagerte sich zwischen den Stämmen und aus dem fernen Dunkel des Waldes schallte zuweilen schon ein Eulenruf, da fand Joseph einen Ort, der ihm zusagte und wo er zu übernachten gedachte. Hier hielt er seine Abendmahlzeit und stieg dann in einen Baum, wo er sich, so gut es ging, aus abgebrochenen Zweigen ein Lager bereitete.

Als es ganz dunkel war, kam der Mond herauf, und seine schimmernden Lichter wandelten durch die Finsternis. Bald hier, bald da glänzte das flimmernde Gewässer des Baches aus der nächtlichen Schwärze. Langsam wanderte der leuchtende Schimmer weiter und glitt über die sprudelnden Fälle, hob hier einen Strahl von flüssigem Silber hervor und ließ dort hundert blitzende Lichter auf bewegter Fläche tanzen. Und in der Stille der Nacht hörte man deutlicher die endlose Musik des Gewässers, das metallene Tönen, das Gurgeln, Rieseln und Plätschern und Klänge wie von silbernen Glöckchen. Doch noch andere Töne vernahm Joseph zu der melodischen Begleitung des Baches. Aus der Ferne der silbernen Nacht kam der Gesang einer schönen weiblichen Stimme, als wäre der Mondschein zu Klang geworden, eine holde, schwermütige Melodie, wie ein sanftes Wiegenlied für die schlafende Natur. Und im Horchen auf diesen Gesang entschlief er endlich.

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