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Walden oder Leben in den Wäldern

Henry Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeautobiography
authorHenry D. Thoreau
titleWalden oder Leben in den Wäldern
publisherEugen Diederichs
year1922
translatorWilhelm Nobbe
printrunDrittes bis sechstes Tausend
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sparsamkeit

Als ich die folgenden Seiten, oder vielmehr den größten Teil derselben schrieb, lebte ich allein im Walde, eine Meile weit von jedem Nachbarn entfernt in einem Hause, das ich selbst am Ufer des Waldenteiches in Concord, Massachusetts, erbaut hatte und erwarb meinen Lebensunterhalt einzig durch meiner Hände Arbeit. Ich lebte dort zwei Jahre und zwei Monate. Jetzt nehme ich wieder am zivilisierten Leben teil.

Ich würde meine Angelegenheiten nicht so sehr der Kenntnis meiner Leser aufdrängen, wenn nicht meine Mitbürger solch genaue Erkundigungen über meine Lebensweise eingezogen hätten, daß mancher ihr Vorgehen wohl als unerträglich bezeichnen würde, während ich es, in Anbetracht der obwaltenden Verhältnisse, als sehr erklärlich und gar leicht erträglich empfand. Die einen fragten, was ich gegessen, ob ich mich einsam gefühlt oder Furcht gehabt habe usw. Andere hätten gern gewußt, welcher Teil meines Einkommens von mir zu Wohltätigkeitszwecken bestimmt gewesen sei, und wieder andere, die große Familien hatten, wollten wissen, wieviel arme Kinder ich unterstützte. Ich bitte deshalb diejenigen meiner Leser, die kein besonderes Interesse für mich fühlen, um Verzeihung, wenn ich es wage einige dieser Fragen in diesem Buche zu beantworten. In den meisten Büchern sucht man das »Ich«, die erste Person, zu vermeiden. Hier will ich sie beibehalten. Das ist, was den Egoismus anbetrifft, der einzige Unterschied. Meistens vergessen wir, daß es doch nur die erste Person ist, die redet. Ich würde nicht so viel über mich selber sprechen, wenn es einen anderen Menschen gäbe, den ich gerade so gut kennen würde. Leider bin ich durch den engen Kreis meiner Erfahrungen auf dieses Thema beschränkt. Überdies verlange ich für meine Person von jedem Schriftsteller als Vorrede oder als Schlußwort einen einfachen und ehrlichen Bericht über sein Leben, und nicht bloß das, was er über anderer Menschen Leben hörte. Einen Bericht, wie er ihn etwa aus fernem Lande an seine Verwandten schicken würde. Denn wenn er ehrlich und lauter gelebt hat, so muß das in einem weit von mir entfernten Lande gewesen sein. Vielleicht sind diese Zeilen hauptsächlich an arme Studenten gerichtet. Meine übrigen Leser müssen sich schon die Stellen, die ihnen genehm sind, aneignen. Ich hoffe zuversichtlich, daß niemand bei der Anprobe die Nähte des Rockes ausdehnt, denn der Rock kann dem, dem er paßt, vielleicht gute Dienste leisten.

Ich möchte gern mancherlei sagen – nicht so viel über die Chinesen und Sandwichsinsulaner als über Euch, die Ihr diese Zeilen lest und die Ihr in Neuengland leben sollt; etwas über Eure Zustände, hauptsächlich über Eure äußeren Zustände oder Verhältnisse in dieser Welt, in dieser Stadt, welcher Art sie sind, ob sie notwendiger Weise so schlecht sein müssen wie sie sind, oder ob sie nicht ebenso leicht verbessert werden könnten wie nicht. Ich bin kreuz und quer in Concord herumgewandert, und überall in den Läden, in den Büros und auf den Feldern gewann ich den Eindruck, daß die Bewohner auf tausendfache, merkwürdige Weise für ihre Sünden büßten. Ich habe gehört, daß die Brahmanen sich der Hitze von vier Feuern aussetzen, ins Antlitz der Sonne schauen, oder daß sie, den Kopf nach unten, über einem Feuer hängen, daß sie über ihre Schulter gen Himmel blicken, »bis es ihnen unmöglich wird ihre natürliche Stellung wieder einzunehmen, während durch die Verdrehung des Halses nur Flüssigkeiten in den Magen gelangen können.« Ich habe gehört, daß sie ihr ganzes Leben angekettet an die Wurzel eines Baumes verbringen, oder daß sie wie Raupen kriechend ungeheure Reiche ausmessen, oder mit einem Fuße auf der Spitze einer Säule stehen. Doch diese Äußerungen bewußter Reue sind kaum unglaublicher oder erstaunlicher als die Szenen, deren Zeuge ich täglich bin. Die zwölf Arbeiten des Herkules waren belanglos im Vergleich mit denen, die meine Nachbarn unternommen haben. Denn Herkules hatte nur zwölf Arbeiten zu verrichten, dann war er fertig. Ich konnte dagegen niemals beobachten, daß diese Menschen ein Ungeheuer erschlugen oder einfingen, oder daß sie irgend eine Arbeit beendigten. Ihnen fehlte der Freund Jolaos, der mit glühendem Eisen den Hals der Hydra versengte. Darum wachsen, sobald ein Kopf zerschmettert ist, zwei neue nach.

Ich sehe junge Leute, meine Mitbürger, deren Unglück es ist, daß sie Bauernhöfe, Häuser, Scheunen, Vieh und Ackergerät geerbt haben. Denn solche Dinge sind leichter erworben als an den Mann gebracht. Es stände besser um sie, wären sie auf offener Weide geboren und von einer Wölfin gesäugt, denn dann würden sie mit klareren Augen erkennen, wo das wahre Feld ihrer Tätigkeit liegt. Wer hieß sie Sklaven des Bodens sein? Warum sollen sie ihre 60 Morgen Land verzehren, wenn ein Mensch doch nur dazu verdammt ist sein Häufchen Schmutz zu essen? Warum sollen sie gleich nach der Geburt damit beginnen ihr Grab zu graben? Sie sollen ein Menschendasein führen, sich dabei mit all diesen Dingen abplagen und so gut wie möglich vorwärts zu kommen versuchen. Wie manche arme unsterbliche Seele kreuzte meinen Weg, fast erdrückt und erstickt unter ihrer Last! Sie kroch des Lebens Gleis hinab und plagte sich mit Ställen ab, die 75 zu 40 Fuß groß waren – mit Augiasställen, die niemals gereinigt wurden, mit hundert Morgen Land, Äckern, Wiesen, Weiden und Waldparzellen! Die Unbegüterten, die sich nicht mit solchen unnötigen, ererbten Fronen herumbalgen, haben genug zu tun ein paar Kubikfuß Fleisch zu beherrschen und zu kultivieren.

Doch die Menschheit krankt an einem Irrtum. Der bessere Teil der Menschen ist bald als Dünger unter den Erdboden gepflügt. Das scheinbare Verhängnis – gewöhnlich Schicksal genannt – heißt sie, wie in einem alten Buche geschrieben steht, Schätze sammeln, welche die Motten und der Rost fressen und denen die Diebe nachgraben und stehlen. Ein Narrenleben haben sie geführt: das wird ihnen am Abend ihres Daseins, vielleicht auch schon früher klar werden. Man erzählt, daß Deukalion und Pyrrha dadurch Menschen erzeugten, daß sie Steine über ihre Häupter hinter sich warfen:

»Inde genus durum sumus, experiensque laborum
»Et documenta damus qua simus origine nati.«
Daher sind wir ein hartes Geschlecht, ausdauernd bei der Arbeit,
Und für unsere Abkunft liefern wir selbst den Beweis.

Raleighs wohlklingende Übersetzung dieser Worte lautet:

»From thence our kind hard-hearted is, enduring pain and care,
»Approving that our bodies of a stony nature are.«

So kann es gehen, wenn man einem faselnden Orakel blind gehorcht, Steine über seinen Kopf wirft und nicht sieht wohin sie fallen.

Die meisten Menschen sind, selbst in diesem verhältnismäßig freien Lande, aus reiner Unwissenheit und Verblendung so sehr durch die künstlichen Sorgen und die überflüssigen, groben Arbeiten des Lebens in Anspruch genommen, daß seine edleren Früchte nicht von ihnen gepflückt werden können. Ihre Finger sind durch übermäßige Arbeit zu plump geworden, sie zittern zu sehr bei solchem Beginnen. Tatsächlich hat der arbeitende Mensch Tag für Tag keine Zeit zur inneren Läuterung. Es ist ihm unmöglich die menschlichen Beziehungen zu den Menschen zu unterhalten. Seine Arbeit würde auf dem Markte im Preise sinken. Er hat nur Zeit eine Maschine zu sein. Wie kann der seiner Unwissenheit abhelfen – und das fordert doch seine geistige Weiterentwickelung –, der seine Kenntnisse so oft gebrauchen muß! Wir sollten ihn ab und zu aus eigenem Antrieb ernähren und kleiden, ihm eine Herzerquickung geben, bevor wir ein Urteil über ihn fällen. Die kostbarsten Eigenschaften unseres Wesens können, wie der Flaum der Früchte, nur durch die zarteste Behandlung erhalten bleiben. Doch wir behandeln weder uns selbst noch die andern so zartfühlend.

Einige von Euch sind arm, das wissen wir alle. Einige von Euch haben schwer mit dem Leben zu kämpfen und schnappen, sozusagen, von Zeit zu Zeit nach Luft. Ich bezweifle nicht, daß einige Leser dieses Buches nicht imstande sind alle die Mittagsessen, die sie in Wirklichkeit verzehrten, oder die Kleider und Schuhe, die so schnell sich abnutzen oder schon abgetragen sind, zu bezahlen, daß sie nur deshalb bis hierher gelesen haben, weil sie geliehene oder gestohlene Zeit dazu verwendeten und somit ihre Gläubiger um eine Stunde betrogen. Für mich ist es eine nackte Tatsache, daß manche von Euch ein elendes und niedriges Dasein führen, denn meine Augen sind durch die Erfahrung geschärft. Alle Eure Versuche drehen sich darum, ins Geschäft hinein- oder aus Schulden herauszukommen, aus jenem uralten Moraste, den die Römer aes alienum nannten, eines anderen Kupfer, denn einige ihrer Münzen wurden aus Kupfer verfertigt. Ihr lebt, Ihr sterbt, Ihr werdet begraben durch das Kupfer eines anderen. Immer versprecht Ihr zu bezahlen, morgen zu bezahlen, und dabei sterbt Ihr heute – bankerott. Auf alle Arten versucht Ihr Euch bei anderen einzuschmeicheln, Kundschaft zu bekommen – nur vor Gesetzesübertretungen und Gefängnis hütet Ihr Euch. Ihr lügt, schmeichelt, wählt, kriecht mit Eurer Höflichkeit in ein Schneckenhaus hinein oder dehnt Euch zu einer Wolke seichter und dunstiger Großmut aus, um Euren Nachbarn zu bewegen Euch seine Schuhe oder seinen Hut, seinen Anzug oder seinen Wagen machen zu lassen oder seinen Gewürzkram für ihn importieren zu dürfen. Ihr macht Euch krank, damit Ihr etwas für Eure kranken Tage zusammenspart, etwas, was man in einer alten Truhe oder in einem Strumpf hinter dem Wandbewurf, oder um noch sicherer zu gehen, bei einem Bankier versteckt – einerlei wo, einerlei wieviel oder wie wenig.

Ich wundere mich manchmal darüber, daß wir – ich möchte fast sagen – so frivol sein können, uns um die schmutzige, aber etwas ferner liegende Form der Sklaverei, um die sogenannte Negersklaverei zu kümmern. Gibt es doch viele schlaue und findige Sklavenhalter gerade so gut im Norden wie im Süden. Es ist hart einem südlichen, härter einem nördlichen Sklavenaufseher zu unterstehen. Am schlimmsten aber ist es um den bestellt, der sein eigener Sklaventreiber ist. Da schwätzt man vom Göttlichen im Menschen! Schaut Euch den Fuhrmann auf der Landstraße an, der zu Markte fährt bei Tag oder bei Nacht. Offenbart sich in ihm die Gottheit? Seine höchste Pflicht heißt: Füttere und tränke deine Pferde! Was gilt ihm mehr – sein Schicksal oder der Frachtverkehr? Fährt er nicht für Herrn »Nimmerrast«? Inwiefern ist er gottähnlich, inwiefern unsterblich? Seht nur, wie er sich bückt und kriecht, wie er sich planlos den lieben langen Tag quält, er der weder unsterblich noch göttlich ist, sondern nur der Gefangene und Sklave des Bildes, das er von sich selbst entwarf, und das auf seinen Taten fußt. Die öffentliche Meinung ist ein schwacher Tyrann im Vergleich zu unserer eigenen Privatmeinung. Was ein Mensch von sich selbst denkt, das ist es, wodurch sein Schicksal bestimmt oder vielmehr prophezeit wird. Wo ist der Wilberforce,Wilberforce, britischer Philanthrop, 1759-1833. Er kämpfte hauptsächlich gegen den Sklavenhandel. der es vermag, selbst in den westindischen Gebieten einer launenhaften Phantasie Selbstbefreiung durchzusetzen? Man möge ferner an die Damen des Landes denken, die bis zum letzten Tage Toilettenkissen sticken, nur um kein allzu lebhaftes Interesse an ihrem Schicksal zu verraten! Als ob es möglich wäre die Zeit totzuschlagen, ohne die Ewigkeit zu verletzen.

Die Mehrzahl der Menschen verbringt ihr Leben in stiller Verzweiflung. Was wir »Resignation« nennen ist absolute Verzweiflung. Von der verzweifelten Stadt zieht man aufs verzweifelte Land hinaus. Dort tröstet man sich mit der Tapferkeit der Sumpfotter und der Moschusratte. Eine stereotype, wenn auch unbewußte Verzweiflung ist selbst hinter den sogenannten Vergnügungen und Unterhaltungen der Menschheit verborgen. Da kann von Vergnügen nicht die Rede sein, denn das kommt nach der Arbeit. Für den Weisen ist es charakteristisch, daß er nichts Verzweifeltes unternimmt.

Wenn wir uns überlegen, was (um die Worte des Katechismus zu gebrauchen) die Hauptbestimmung des Menschen ist und worin die notwendigen Lebensbedürfnisse wirklich bestehen, so scheint es, als ob die Menschen nach reifer Überlegung die ordinäre Art zu leben gewählt hätten, weil sie ihr vor jeder anderen den Vorzug geben. Sie glauben allen Ernstes keine Wahl zu haben. Frische und gesunde Naturen erinnern sich dagegen, daß die Sonne klar aufging. Es ist niemals zu spät unsere Vorurteile aufzugeben. Auf keine Folge von Gedanken oder Taten, einerlei wie alt, kann man sich ohne Prüfung verlassen. Was jedermann nachbetet oder mit Stillschweigen als wahr dahingehen läßt, kann morgen als falsch sich erweisen – als bloßer Ansichtsdunst, den manche für eine Wolke hielten, die befruchtenden Regen auf ihre Felder ergießen würde. Was alte Leute für unausführbar halten, wir versuchen es, wir finden, daß es ausgeführt werden kann. Alte Taten für alte Leute, neue Taten für die neuen! Einst genügte das Wissen unserer Ahnen nicht, um Brennmaterial zum Unterhalten des Feuers zu sammeln. Die Menschen von heute legen ein wenig trockenes Reisig unter einen Kessel und sausen um den Erdball so schnell wie die Vögel. Den Alten würde dabei, wie man sagt, angst und bange werden. Das Alter ist nicht besser, ja kaum so gut zum Lehrmeister geeignet als die Jugend. Denn es hat nicht soviel gewonnen als es verlor. Man kann mit Recht bezweifeln, ob der weiseste Mensch irgend etwas von absolutem Wert durch das Leben gelernt hat.

In Wirklichkeit vermögen die Alten der Jugend keinen wertvollen Rat zu geben. Ihre eigenen Erfahrungen sind Stückwerk geblieben, ihr Leben ist – aus persönlichen Gründen wie sie natürlich glauben – ein solch kläglicher Mißerfolg gewesen. Und doch ist es möglich, daß sie noch etwas Selbstvertrauen übrig haben, welches diese Erfahrung Lügen straft. Sie sind ja nur weniger jung als sie gewesen sind. Ich habe einige dreißig Jahre auf diesem Planeten zugebracht, und doch habe ich bislang noch nicht die erste Silbe eines wertvollen oder selbst ernsthaften Ratschlages von meinen älteren Mitmenschen gehört. Sie haben mir nichts Zweckentsprechendes gesagt, sind dazu auch wahrscheinlich nicht imstande. Hier ist das Leben – ein im wesentlichen von mir noch nicht versuchtes Experiment. Daß sie es versuchten, nützt mir nichts. Zu irgend einer Erfahrung, die ich für wertvoll halte, haben meine Ratgeber, nach meiner Überzeugung, nichts zu sagen gehabt.

Ein Farmer erklärte mir: »Sie können nicht von Pflanzenkost allein leben, denn sie trägt nichts zur Knochenbildung bei.« Darum widmet er gläubig einen Teil des Tages der Versorgung seines Körpers mit dem Rohmaterial für Knochen. Und während er, fortwährend sprechend, hinter seinen Ochsen hergeht, wird er von ihnen und ihren durch Vegetabilien genährten Knochen mit seinem schwankenden Pfluge über alle Hindernisse hin und her gezerrt. Manche Dinge sind für gewisse Kreise wirklich Lebensbedürfnisse, und zwar für die Hilflosen und Kranken, während sie für andere bloß Luxusgegenstände, und wieder anderen völlig unbekannt sind. Es gibt Leute, die da glauben, das ganze Gebiet des Menschenlebens sei bereits von ihren Vorfahren in allen Höhen und Tiefen durchforscht, alle Dinge seien bereits besorgt. Nach EvelynEvelyn, englischer Rechtsgelehrter. gab der Weise Salomo sogar für die Entfernung der Bäume voneinander Vorschriften. Die römischen Prätoren bestimmten wie oft man, ohne die Gerechtsame zu verletzen, seines Nachbars Grund betreten dürfe, um die abgefallenen Eicheln aufzulesen, und wieviel davon dem Nachbarn gebühre, Hippokrates hat uns sogar Anweisungen hinterlassen, wie wir unsere Nägel schneiden sollen: nämlich in gleicher Höhe mit den Fingerspitzen, weder kürzer, noch länger. Ohne Zweifel sind gerade Lebensüberdruß und Langeweile, die voraussetzen, daß alle Abwechselung und Freude im Leben ausgekostet ist, alt wie Adam. Doch der Menschen Fähigkeiten hat man noch nicht ausgemessen. Wir können auch nach dem, was bislang geschehen ist, auf das was geschehen kann, nicht schließen, so wenig ist noch versucht worden. Wo auch immer Du bisher erfolglos gewesen bist: sei nicht bekümmert, mein Kind, denn wer soll Dich für das, was Du nicht vollbracht hast, verantwortlich machen?

Wir können unser Leben an tausend einfachen Dingen erproben, zum Beispiel daran, daß die gleiche Sonne meine Bohnen reift und zugleich ein ganzes System von Weltkörpern wie unsere Erde beleuchtet. Wenn ich daran gedacht hätte, wären einige Irrtümer vermieden worden. Solche Erleuchtung besaß ich nicht, als ich Bohnen hackte! Wie wunderbar sind die Dreiecke, deren Spitzen von Sternen gebildet werden! Wie verschieden, wie weit voneinander entfernt sind in des Weltalls mannigfachen Wohnungen die Geschöpfe, die sie zu gleicher Zeit betrachten! Die Natur und das menschliche Leben sind so wandelbar wie unsere Konstitution. Wer vermag zu sagen, welche Aussicht das Leben einem andern bietet? Wäre es nicht das größte aller Wunder, wenn der eine für einen Augenblick mit den Augen der anderen sähe? In einer Stunde würden wir in allen Äonen der Welt, ja in allen Welten der Äonen leben! Geschichte, Poesie, Mythologie! – Ich habe über die Erfahrung anderer nichts gelesen, was so staunenswert und lehrreich wäre.

Im Herzensgrunde glaube ich, daß der größere Teil von dem, was meine Nachbarn für klug halten, schlecht ist, und wenn ich irgend etwas bereue, so ist es aller Wahrscheinlichkeit nach mein anständiger Lebenswandel. Was für ein Dämon beherrschte mich, daß ich mich so gut betragen habe? Sprich Deiner Weisheit Inbegriff aus, Du alter Mann, der Du siebenzig Jahre, nicht ohne in Ehren grau zu werden, gelebt hast, – ich höre eine unwiderstehliche Stimme, die mich von all dem fortlockt. Eine Generation verläßt die Unternehmungen der anderen wie gestrandete Schiffe.

Ich glaube, daß wir unbeschadet viel mehr Vertrauen haben könnten als wir zeigen. Wir sollten uns selbst gerade soviel Sorgfalt widmen, als wir ehrlich anderen schenken. Die Natur paßt sich ebensogut unserer Schwäche wie unserer Stärke an. Die unaufhörliche Angst und Anstrengung mancher Menschen ist eine nahezu unheilbare Krankheit. Wir pflegen die Wichtigkeit unserer Werke zu überschätzen! Und doch: wie viele Dinge geschehen ohne unser Zutun! Und wenn wir nun gar krank würden? Wie genau wir da Acht geben, fest entschlossen uns nicht auf unseren Glauben zu verlassen, wenn wir es vermeiden können. Den ganzen Tag sind wir auf unserer Hut, abends sprechen wir unwillig unser Nachtgebet und ergeben uns dem Ungewissen. So sehr hängen wir mit allen Fasern am Leben, daß wir es anbeten und die Möglichkeit eines Wechsels leugnen. Das ist der einzig richtige Weg, sagen wir. Und doch gibt es so viele Wege, als wir Radien von einem Mittelpunkt aus ziehen können. Jede Veränderung macht den Eindruck eines Wunders. Doch solch Wunder vollzieht sich in jedem Augenblick. Confucius hat gesagt: »Zu wissen, daß wir wissen, was wir wissen, und daß wir nicht wissen, was wir nicht wissen, das ist das wahre Wissen.« Sobald nur ein Mensch ein Ergebnis seiner Phantasie auf ein Ergebnis seines Intellekts zurückgeführt hat, werden alle Menschen ihr Leben auf dieser Basis aufbauen. Ich sehe das voraus. Wir wollen einen Augenblick überlegen, um was sich die erwähnte Müh' und Sorge dreht und in wieweit es notwendig ist uns zu mühen oder wenigstens uns zu sorgen. Es wäre recht nützlich, bedürfnislos, wenn auch inmitten äußerlicher Zivilisation, ein Grenzerleben zu führen, bloß um die gröberen Lebensbedürfnisse und die Methode ihrer Gewinnung kennen zu lernen. Man könnte auch die alten Geschäftsbücher der Kaufleute durchblättern, um zu sehen, was die Menschen am meisten kauften, was vorrätig gehalten wurde, d. h. welche Waren am wichtigsten sind. Denn der Fortschritt im Laufe der Jahrhunderte hat nur geringen Einfluß auf die Grundgesetze der menschlichen Existenz gehabt. Sind doch auch unsere Skelette wahrscheinlich von denen unserer Vorfahren nicht zu unterscheiden.

Mit dem Worte »Lebensbedürfnisse« meine ich alle Güter, die der Mensch durch seine eigene Arbeit erwirbt, die von Anbeginn oder durch lange Gewohnheit so wichtig für das menschliche Leben geworden sind, daß nur einzelne, wenn überhaupt welche, sei es im Zustand der Wildheit, aus Armut oder aus Philosophie je versuchten ohne sie auszukommen. Viele Geschöpfe haben in diesem Sinne nur ein Lebensbedürfnis – Nahrung. Der Büffel in der Prairie findet sie in einigen Quadratzoll wohlschmeckenden Grases und in einem Trunk Wasser, falls er nicht des Waldes Schutz und des Berges Schatten aufsucht. Kein Tier der Schöpfung bedarf mehr als Nahrung und Unterschlupf. Die Lebensbedürfnisse der Menschen in unserem Klima kann man ziemlich erschöpfend unter folgenden Rubriken zusammenfassen: Nahrung, Obdach, Kleidung, Feuerung. Dann erst, wenn wir uns dieser Dinge versichert haben, sind wir vorbereitet, den wahren Problemen des Lebens in Freiheit und mit einiger Aussicht auf Erfolg nachzuforschen. Der Mensch hat nicht nur Häuser erfunden, sondern auch Kleidung und das Zubereiten der Nahrung. Und möglicherweise entstand durch die zufällige Entdeckung der Wärme des Feuers und durch die damit verbundene Nutzanwendung, die anfangs Luxus war, unser heutiges Bedürfnis am Feuer zu sitzen. Wir können bei Katzen und Hunden das Annehmen derselben Gewohnheit beobachten. Durch zweckmäßige Wohnung und Kleidung bewahren wir vernünftigerweise unsere innere Wärme. Wenn wir aber mit diesen Dingen, gerade wie mit der Feuerung, nicht Maß halten, d. h. wenn die äußere Hitze größer ist als unsere Eigenwärme, gibts da nicht ein Verbrühen?

Der Naturforscher Darwin erzählte folgende überraschende Beobachtung, die er bei den Feuerländern machte: während er und seine Begleiter warm gekleidet nahe am Feuer gesessen hätten, ohne es auch nur im geringsten zu warm zu finden, sei an den nackten Wilden, die weit vom Feuer entfernt standen, »ob solchen Röstens« der Schweiß in Strömen heruntergelaufen.

Auch wissen wir, daß der Neuholländer ungestraft nackt umherspaziert, während der Europäer in seinen Kleidern fröstelt. Ist es unmöglich die Widerstandsfähigkeit dieser Wilden mit der Intelligenz der zivilisierten Menschen in Einklang zu bringen? Nach Liebig ist des Menschen Körper ein Ofen, und Nahrung die Feuerung, die den inneren Verbrennungsprozeß in der Lunge unterhält. Bei kaltem Wetter essen wir mehr, bei warmem weniger. Die animalische Wärme ist das Produkt einer langsamen Verbrennung, und Krankheit und Tod treten ein, wenn sie zu rasch von statten geht oder wenn aus Mangel an Feuerung oder an Sauerstoffzufuhr das Feuer erlischt. Natürlich kann die Lebenswärme nicht mit dem Feuer verglichen werden. Doch genug von dieser Analogie. Es ergibt sich also aus dem soeben Gesagten, daß der Ausdruck »animalisches Leben« nahezu gleichbedeutend mit dem Ausdruck »animalische Wärme« ist. Und wie die Nahrung als Feuerung betrachtet werden kann, die unser inneres Feuer unterhält – und Feuerung nur dazu dient, diese Nahrung herzustellen oder unsere Körperwärme durch Zufuhr von außen zu erhöhen – so dienen Wohnung und Kleidung auch nur dazu, die also erzeugte und absorbierte Wärme festzuhalten.

Das Hauptbedürfnis für unsern Körper besteht also darin warm zu bleiben, die Lebenswärme in ihm zu erhalten. Was für Mühen machen wir uns aber auch, nicht nur wegen unserer Nahrung, Kleidung und Wohnung, sondern auch wegen unserer Betten, die unsere Nachtkleider sind! Nest und Brust der Vögel berauben wir, um diese Wohnung in einer Wohnung herzurichten, gerade wie der Maulwurf, der sein Bett aus Gras und Blättern am Ende seines Ganges macht. Arme Menschen klagen gewöhnlich über diese kalte Welt; auf Kälte, physische sowohl wie soziale, führen wir unmittelbar einen großen Teil unserer Leiden zurück. In einigen Klimaten gestattet die Sommerzeit den Menschen eine Art paradiesisches Leben. Feuerung ist dann nicht notwendig außer zum Kochen. Die Sonne ist ihr Feuer und manche Früchte sind genügend durch ihre Strahlen gekocht. Die Nahrung wird abwechselungsreicher, ist leichter zu beschaffen. Kleidung aber und Wohnung sind ganz oder teilweise entbehrlich. Heutzutage sind in diesem Lande – ich habe das an mir selbst erfahren –, einige Werkzeuge: ein Messer, eine Axt, ein Spaten, eine Schubkarre usw., und für den Gelehrten: Lampenlicht, Schreibmaterial und die Gelegenheit einige Bücher zu benutzen die nächst wichtigen Lebensbedürfnisse. All diese Dinge sind für billiges Geld zu haben. Doch einige Toren wandern auf die andere Seite des Erdballs in unkultivierte und ungesunde Gegenden, widmen sich zehn oder zwanzig Jahre lang dem Handel, damit sie leben, d. h. sich gemütlich warm halten können, und schließlich sterben sie in Neuengland. Die im üppigen Reichtum Lebenden sitzen jedoch nicht in behaglicher Wärme, sondern in unnatürlicher Hitze; ich sagte es schon: sie werden gekocht, natürlich à la mode.

Fast jeder Luxus und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur absolut überflüssig, sondern geradezu Hindernisse für die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechtes. In Hinsicht auf Luxus und Bequemlichkeit haben die Weisesten immer ein einfacheres und armseligeres Leben geführt als die Armen. Niemals war jemand an weltlichen Gütern ärmer, an inneren Gütern reicher als die alten Philosophen in China, Indien, Persien und Griechenland. Wir wissen nicht viel über sie. Merkwürdig ist, daß wir überhaupt so viel über sie wissen. Dasselbe gilt von den neueren Reformatoren und Wohltätern ihrer Völker. Nur wer den freien Blick besitzt, den freiwillige Armut eröffnet, kann unparteiisch und weise das menschliche Leben betrachten. Ein luxuriöses Leben zeitigt Luxus, sei es im Ackerbau, im Handel, in der Literatur oder in der Kunst. Heutzutage gibt es Dozenten der Philosophie, aber keine Philosophie. Wie man einst trefflich sein Leben verbrachte, darüber hört man heute trefflich dozieren. Geistreiche Gedanken und selbst die Gründung einer Schule machen noch keinen Philosophen. Vielmehr muß man die Weisheit solchermaßen lieben, daß man nach ihren Vorschriften lebt, ein Leben der Einfachheit, Unabhängigkeit, der Großmut und des Vertrauens. Einige Probleme des Lebens sollen wir nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch lösen. Der Erfolg großer Gelehrter und Denker ist häufig eine Art Höflingserfolg, kein königlicher, kein männlicher Erfolg. Mit ihrem Anpassungsvermögen schlagen sie sich kümmerlich durchs Leben, gerade wie auch ihre Väter. In keiner Hinsicht sind sie die Erzeuger einer edleren Menschenrasse. Doch warum degenerieren die Menschen stets? Warum sterben Familien aus? Wie muß der Luxus beschaffen sein, der Nationen entnervt und vernichtet? Sind wir sicher, daß nichts davon in unserem eigenen Leben vorhanden ist? Der Philosoph eilt seiner Zeit voraus, selbst in der äußeren Lebensform. Er unterscheidet sich durch seine Nahrung, Wohnung, Kleidung und durch sein Wärmebedürfnis von seinen Zeitgenossen. Wie kann man den Menschen einen Philosophen nennen, der keine besseren Methoden zur Erhaltung seiner Lebenswärme kennt, als andere Leute?

Wenn ein Mensch durch die verschiedenen Methoden, die ich beschrieben habe, gewärmt ist, was hat er dann zunächst nötig? Sicherlich nicht noch mehr Wärme derselben Art, z. B. reichlichere und reichere Nahrung, größere und prächtigere Häuser, bessere und elegantere Kleider, zahlreichere, beständigere und wärmere Feuer usw. Wenn er die Dinge erlangt hat, die für das Leben notwendig sind, ist es ihm anheimgestellt sich um etwas anderes als um das Überflüssige zu bemühen, d. h. er kann sich jetzt, wo er niedriger Arbeit enthoben ist, an das Leben selbst wagen. Der Boden ist, wie es scheint, für die Saat geeignet, denn sie hat in der Tiefe Wurzel gefaßt; so mag sie denn jetzt ihre Sprossen auch vertrauensvoll nach oben senden. Warum hat der Mensch seine Wurzeln so fest in die Erde geschlagen, wenn er nicht in demselben Maße in den Himmel dort oben wachsen will? Edlere Pflanzen beurteilt man nach ihren Früchten, die sie schließlich, frei vom Erdboden, in Luft und Licht erzeugen. Sie werden darum auch nicht wie die niederen Nährpflanzen behandelt, die, auch wenn sie zweijährig sind, nur so lange gepflegt werden, bis ihre Wurzel ausgewachsen ist und deren oberer Teil oftmals gerade zu diesem Zwecke ganz abgeschnitten wird, so daß die Menschen sie in ihrer Blütezeit gar nicht kennen würden.

Ich habe nicht die Absicht starken und mutigen Naturen Vorschriften zu geben. Sie können ihre eigenen Angelegenheiten selbst erledigen, sei es im Himmel oder in der Hölle. Sie bauen vielleicht großartiger, verschwenden freigebiger als die Reichen, und werden doch nie arm. Sie wissen selbst nicht wie sie leben – vorausgesetzt, daß es überhaupt solche Menschen gibt. Man nimmt das ja an. Auch zu denen rede ich nicht, die Ermutigung und Begeisterung gerade in den gegenwärtigen Zuständen finden und sie mit der Innigkeit und mit dem Enthusiasmus Liebender hegen und pflegen; bis zu einem gewissen Grade gehöre ich selbst zu dieser Zahl. Auch wende ich mich nicht an diejenigen, welche sich, einerlei unter welchen Umständen, gut beschäftigen, und die wissen, ob sie sich gut beschäftigen oder nicht. Nur zu der Masse jener Menschen spreche ich, die unzufrieden sind, die sich vergeblich über die Härte ihres Schicksals oder der Zeiten beklagen, während sie beides verbessern könnten. Manche Leute stöhnen auf das heftigste, sind untröstlich, weil sie, wie sie sagen, ihre Pflicht tun. Ich denke auch an die reiche und doch so unendlich arme Klasse jener Menschen, die Tand auf Tand häufen, und nicht wissen, was sie damit tun, wie sie denselben los werden können. Sie haben sich ihre eigenen goldenen oder silbernen Fesseln geschmiedet.

Wenn ich versuchen wollte zu schildern, wie ich in früheren Tagen mein Leben zu verbringen wünschte, würden wahrscheinlich diejenigen meiner Leser, die meinen wirklichen Lebenslauf kennen, überrascht sein. Diejenigen, die gar nichts davon wissen, würden einfach staunen. Ich will nur einige Unternehmungen, an denen ich meine Freude hatte, andeuten.

Bei jedem Wetter, zu jeder Tages- oder Nachtstunde versuchte ich den gegebenen Augenblick zu benutzen. Immer war ich bedacht dort festen Fuß zu fassen, wo zwei Ewigkeiten – Vergangenheit und Zukunft – zusammentreffen, d. h. gerade im jeweiligen Augenblick. Gerade dort wich ich keinen Zoll. Mit einigen Unklarheiten muß der Leser schon Nachsicht haben, denn in meinem Handwerk gibt es mehr Geheimnisse als in den meisten anderen. Und doch werden diese nicht vorsätzlich gehütet, sondern die Natur der Sache bringt es mit sich. Ich würde mit Freuden alles, was ich darüber weiß, mitteilen und niemals an meine Tür schreiben: »Zutritt verboten«.

Vor langer Zeit verlor ich einen Jagdhund, ein rotbraunes Pferd und eine Turteltaube. Noch immer suche ich sie. Zahlreich sind die Wanderer, mit denen ich über die Verlorenen sprach, denen ich die Spuren beschrieben habe und die Rufe, auf die meine Tiere hörten. Ein paar Leute hatten das Bellen des Hundes, den Hufschlag des Pferdes vernommen, ja sie hatten auch die Taube gesehen, wie sie gerade hinter einer Wolke verschwand. Und sie waren so erpicht darauf sie wieder einzufangen, als ob sie selbst sie verloren hätten.

Es gilt, nicht nur dem Sonnenaufgang und der Morgendämmerung, nein, womöglich der Natur selbst zuvorzukommen! Wie oft bin ich in der Frühe, im Sommer wie im Winter, bevor noch irgend ein Nachbar zur Arbeit sich anschickte, bei meiner Arbeit gewesen. Sicherlich haben mich manche meiner Mitbürger gesehen, wenn ich von meiner Beschäftigung zurückkehrte: Farmer, die im Zwielicht nach Boston wanderten oder Holzhacker, die zur Arbeit gingen. Allerdings, ich half der Sonne nicht wesentlich beim Aufgehen, aber zweifellos war allein schon meine Anwesenheit bei diesem Ereignis von allerhöchster Wichtigkeit.

Wie viele Herbst- und Wintertage verlebte ich außerhalb der Stadt, um zu hören, was der Wind sagte, und dann das Gehörte als Eilgut weiterzutragen: Fast mein ganzes Vermögen steckte ich hinein und verlor obendrein meinen Atem bei dem Handel, wenn ich ihm entgegenstürmte. Hätte er von politischen Parteien erzählt, Ihr könnt Euch drauf verlassen, es hätte unter »Neueste Nachrichten« alsbald in der Zeitung gestanden. An anderen Tagen hielt ich von dem Observatorium eines Felsens oder eines Baumes aus Wache, um irgend eine ungewohnte Ankunft weiter zu telegraphieren, oder ich wartete abends auf den Gipfeln der Hügel darauf, daß der Himmel sich herniedersenke, damit ich ein Stückchen davon erwischen könne. Doch ich erwischte niemals viel, und selbst das zerschmolz wie Manna in der Sonne.

Lange Zeit war ich Berichterstatter bei einer nicht sehr weit verbreiteten Zeitung, deren Herausgeber sich bisher noch nicht bewogen fühlte den größeren Teil meiner Beiträge zu drucken. So bezahlte sich, wie das bei Schriftstellern fast regelmäßig geschieht, meine Mühe nur durch meine Arbeit. In diesem Fall trug übrigens meine Mühe ihren Lohn schon in sich.

Lange Jahre hindurch war ich selbstangestellter Inspektor der Schneestürme und Regenschauer; ich tat getreulich meine Pflicht. Ich war auch Aufseher, zwar nicht der Landstraßen, aber der Waldpfade und Feldwege, die ich in allen Jahreszeiten gangbar erhielt. Auch Schluchten überbrückte ich, wenn die Fußstapfen des Publikums zu solch nützlichem Tun ermunterten.

Ich überwachte den Wildstand meiner Mitbürger, der einem pflichttreuen Hirten genug zu schaffen machte, weil das Gehege oft übersprungen wurde. Ich ließ meine Augen in die entlegenen Ecken und Winkel der Farm wandern. Zwar wußte ich nicht immer, ob Jonas oder Salomo auf diesem oder jenem Acker heute arbeitete – das ging mich auch nichts an. Ich begoß die roten Heidelbeeren, die Sandkirschen und den Nesselbaum, die Rottanne und die Schwarzesche, den weißen Wein und das gelbe Veilchen, die vielleicht sonst in trocknen Jahreszeiten verdorrt wären.

Kurz, so trieb ich es eine lange Zeit. Ich kann, ohne zu prahlen, sagen, daß ich mein Amt pflichtgetreu versah. Allmählich aber erkannte ich mehr und mehr, daß meine lieben Mitbürger gar nicht daran dachten mich in die Stadtverwaltung zu wählen oder mir eine Sinekure mit bescheidenem Gehalte zu geben. Meine Abrechnungen, deren Genauigkeit ich beschwören kann, wurden tatsächlich nie angesehen, geschweige denn anerkannt, selbstverständlich auch nie bezahlt oder »saldiert«.

Es ist noch nicht lange her, da kam ein herumziehender Indianer zu dem Hause eines in meiner Nachbarschaft wohlbekannten Rechtsanwaltes, um Körbe zu verkaufen. »Wollen Sie Körbe kaufen?« fragte er. »Nein, wir haben keinen Bedarf«, war die Antwort. »Was«, rief der Indianer, als er zur Tür hinausging, »wollt Ihr uns vielleicht Hungers sterben lassen?« Da er gesehen hatte, daß es seinen fleißigen, weißen Nachbarn gut ging, daß der Rechtsanwalt nur Argumente zu flechten brauchte um Geld und eine gute Stellung zu erhalten, kam ihm der Gedanke: Ich werde auch ein Geschäft anfangen – ich werde Körbe flechten, das ist etwas, was ich fertig bringe. Er dachte, wenn er die Körbe hergestellt habe, sei seine Pflicht und Schuldigkeit getan, Pflicht und Schuldigkeit der Weißen sei es alsdann, seine Körbe zu kaufen. Daran hatte er überhaupt nicht gedacht, daß die andern notwendigerweise sein Angebot auch des Ankaufs für wert halten oder hiervon wenigstens überzeugt werden müßten, oder daß er etwas anderes herstellen könne, was anderen kaufenswert erschiene. Auch ich hatte eine Art Korb von feinem Geflecht angefertigt, aber niemand bemühte sich ihn zu kaufen. Trotzdem glaubte ich, es sei lohnend ihn zu weben. Aber anstatt zu versuchen ihn den Leuten anzupreisen, überlegte ich vielmehr, wie ich der Notwendigkeit ihn zu verkaufen enthoben werden könnte. Es gibt nur eine Lebensweise, die von den Menschen gepriesen und als erfolgreich angesehen wird. Aber warum wollen wir von der einen so viel Aufhebens auf Kosten der anderen machen?

Als ich mir klar darüber wurde, daß meine lieben Mitbürger mir wahrscheinlich kein Büro im Rathaus, keine Pfarre oder irgend einen anderen Broterwerb anbieten würden, daß ich vielmehr mir selbst helfen müsse, wandte ich mein Augenmerk mehr denn je den Wäldern zu. Dort war ich besser bekannt. Ich beschloß, mein Geschäft sofort zu eröffnen, nicht zu warten, bis ich das übliche Kapital erworben habe, sondern die spärlichen Mittel, die ich bereits besaß, zu verwenden. Als ich zum »Waldenteich« zog, wollte ich dort weder billig noch teuer leben, sondern Privatgeschäfte möglichst ungehindert erledigen. Hätte ich mich durch Mangel an gesundem Menschenverstand, an Unternehmungsgeist oder Geschäftstalent davon abhalten lassen, – es wäre eher töricht als bedauerlich gewesen.

Ich habe mich stets bemüht strenge Geschäftsprinzipien zu erlernen. Sie sind für jedermann unumgänglich notwendig. Wer mit dem »Himmlischen Reich« Handel treibt, kann sich durch eine kleine Filiale an der Küste, in irgend einem »Salem-Hafen«Hafen an der neuenglischen Küste. eine genügende Basis schaffen. Man wird jene Artikel, die im Lande produziert werden, exportieren: viel Eis, Tannenholz und etwas Granit – alles in Schiffen, die in Amerika gebaut wurden. Das wäre keine schlechte Spekulation. Da gilt es alle Einzelheiten persönlich zu überwachen. Lotse und Kapitän, Eigentümer und Versicherungsagent zugleich zu sein, zu kaufen, zu verkaufen und die Bücher zu führen, jeden Brief, der einläuft, zu lesen und jeden Brief, der abgehen soll, zu schreiben und durchzulesen, das Eintreffen der importierten Waren bei Tag und bei Nacht zu überwachen, an vielen Orten der Küste fast gleichzeitig zu sein – oft wird nämlich die reichste Fracht in einem ganz unzivilisierten Lande gelöscht. Da gilt es sein eigener Telegraph zu sein, unermüdlich den Horizont abzusuchen und alle Schiffe, die landen wollen, anzusprechen, einen konstanten Warenversand zu unterhalten und einen entlegenen und kaufkräftigen Markt zu versorgen, die Schwankungen des Marktes genau zu verfolgen, überall die Aussichten auf Krieg und Frieden und die Tendenzen des Handels und der Zivilisation vorherzusehen, d. h. die Ergebnisse der Entdeckungsreisen vorteilhaft zu verwenden, indem man neue Durchfahrten und alle Verbesserungen der Schiffahrt benutzt. Auch Karten muß man studieren, sich die Lage von Riffen, neuen Leuchtfeuern und Bojen einprägen und ohne Unterlaß Logarithmentabellen korrigieren, denn oft zerschellt ein Schiff, das im freundlichen Hafen alsbald Anker werfen sollte, infolge eines Berechnungsfehlers an einem Felsen – man denke an das rätselhafte Schicksal von »La Perousa«. Es gilt gleichen Schritt zu halten mit allen Gebieten der Wissenschaft, den Lebenslauf aller großen Entdecker und Seefahrer, aller großen Glücksritter und Kaufherren, von Hanno und den Phöniziern an bis auf unsere Tage hinab zu studieren, kurz, man muß von Zeit zu Zeit das Lager aufnehmen, um seinen Abschluß zu machen. Solche Arbeit kann als Prüfstein für die Fähigkeiten eines Mannes gelten, solche Probleme von Gewinn und Verlust, von Verzinsung, von Taxe und Rabattbewilligung, solch sachkundige Kritik über alle Gebiete erfordert ein universelles Wissen.

Ich glaubte, daß der Waldenteich ein guter Geschäftsplatz sein müsse, nicht allein wegen der Eisenbahn oder des Eishandels. Er bietet Vorteile, die man am besten nicht verrät, wenn man klug ist. Er liefert eine gute Stellung, eine gute Basis. Newasümpfe sind nicht auszufüllen. Doch überall muß man auf selbstgefügtem Fundamente bauen. Man behauptet, daß eine Sturmflut bei Westwind mit Eisgang in der Newa St. Petersburg vom Angesicht der Erde wegfegen könne.

Da mein Geschäft ohne das übliche Kapital begonnen werden sollte, ist es nicht leicht zu erraten, woher die Mittel, die zu irgend einem solchen Unternehmen stets notwendig sind, genommen werden konnten. Was die Kleidung betrifft – um sogleich zum praktischen Teil der Frage zu kommen –, so lassen wir uns bei der Auswahl derselben vielleicht häufiger durch die Modesucht und durch die Kritik unserer Mitmenschen als durch wirkliche praktische Gesichtspunkte leiten. Wer arbeiten muß, soll nicht vergessen, daß die Kleidung erstens zur Erhaltung der Lebenswärme und zweitens – infolge unserer heutigen sozialen Verhältnisse – zum Verhüllen der Nacktheit dienen soll. Er wird dann erkennen, wie viel notwendige oder wichtige Arbeit er verrichten kann ohne den Inhalt seines Kleiderschrankes zu vermehren. Könige und Königinnen, die ihre Gewänder nur einmal tragen, können, selbst wenn diese von einem »Hoflieferanten für Herren- oder Damengarderoben« angefertigt würden, gar nicht wissen, was für eine Annehmlichkeit ein gut passender Anzug ist. Sie sind nichts weiter als hölzerne Ständer, über die man saubere Kleider hängt. Mit jedem Tage werden unsere Kleider uns selbst ähnlicher. Immer mehr nehmen sie von dem Charakter des Trägers in sich auf. Schließlich, wenn alle ärztliche Hilfe versagt hat, trennen wir uns nur zögernd von ihnen und unter solch feierlichen Zeremonien, wie wir unsern Toten erweisen. Niemals sank ein Mensch in meiner Achtung, weil er einen Fleck in seiner Kleidung hatte. Und doch: ich bin überzeugt, im allgemeinen ist man mehr darauf bedacht, moderne oder wenigstens reine und fleckenlose Kleider zu haben als ein reines Gewissen. Und selbst wenn das Loch nicht gestopft ist: das schlimmste Laster, das es verrät, heißt doch nur – Unvorsichtigkeit. Bisweilen stelle ich meine Bekannten durch Fragen wie die folgende auf die Probe: »Wer kann einen Flicken oder auch nur zwei Extranähte über dem Knie tragen?« Die meisten benehmen sich, als ob sie glaubten, durch solch eine Tat würde die Zukunft ihres Lebens ruiniert. Es würde ihnen leichter fallen, mit einem gebrochenen Bein zur Stadt hinabzuhumpeln als mit einer zerrissenen Hose. Wenn die Beine eines Herren durch einen Unfall verletzt werden, können sie oftmals wieder hergestellt werden. Doch wenn ein ähnlicher Anfall seinen Beinkleidern zustößt, gibt es keine Hilfe: denn er kümmert sich nicht um das, was achtungswert ist, sondern was als achtungswert gilt. Wir kennen nur wenige Männer, aber sehr viele Röcke und Hosen. Bekleide eine Vogelscheuche mit Deinem neuesten Anzug und stelle dich nackend neben sie – wer würde da nicht zuerst die Vogelscheuche grüßen? Als ich kürzlich an einem Kornfeld vorüberging und dort einen Hut und Rock an einem Stecken hängen sah, erkannte ich den Besitzer der Farm. Er war nur etwas mehr verwittert wie damals, als ich ihn zum letzten Mal sah. Man hat mir von einem Hunde erzählt, welcher Fremde, die sich in Kleidern dem Gehöft seines Herrn näherten, ankläffte, der aber von einem nackten Diebe leicht zum Schweigen gebracht wurde. Es ist eine interessante Frage, bis zu welchem Grade die Menschen ihren jeweiligen Rang behalten würden, wenn sie sich ihrer Kleider entledigt hätten. Könnte man in solchem Falle unter einer Anzahl gebildeter Menschen mit Sicherheit diejenigen bezeichnen, die sich des größten Ansehens erfreuen? Als Madame Pfeifer,Ida Pfeifer, Reisende, 1797–1858. Ihre Reiseberichte haben geringen wissenschaftlichen Wert. auf ihrer kühnen Weltreise von Ost nach West, heimkehrend ins asiatische Rußland gekommen war, fühlte sie, wie sie sagte, die Notwendigkeit ihr Reisekostüm mit einem andern zu vertauschen, sobald sie mit Behörden zu verkehren hatte. Denn sie war »in einem zivilisierten Lande, wo man die Leute nach ihren Kleidern beurteilt«. Selbst in unsern demokratischen Städten Neuenglands bedingt der zufällige Besitz von Vermögen, der sich in der Kleidung und in der Einrichtung zu erkennen gibt, für den Besitzer eine fast allgemeine Hochachtung. Aber die Menschen, die solche Hochachtung zollen, sind, so groß ihre Zahl auch ist, nichts weiter als Götzendiener, denen man einen Missionär schicken sollte. Außerdem ist durch die Kleidung die Näharbeit entstanden, eine Arbeit, die man endlos nennen kann. Ein Frauenkleid wenigstens wird niemals fertig.

Hat ein Mensch schließlich eine Beschäftigung gefunden, so gebraucht er keinen neuen Anzug für diese Beschäftigung. Ihm genügt der alte, der wer weiß wie lange im Staube der Bodenkammer gelegen hat. Ein Held wird ein Paar alte Schuhe länger tragen als sein Diener – vorausgesetzt, daß der Held überhaupt je einen Diener hat. Nackte Füße sind älter als Schuhe, und auch sie genügen zu jedem Vorhaben. Nur wer zu »Soireen« und zu Versammlungen am »grünen Tische« geht, muß neue Kleider haben, muß seinen Anzug so oft wechseln, wie er in ihnen wechselt. Wenn aber mein Wams und meine Hosen, mein Hut und meine Stiefel gut genug sind, um Gott darin zu dienen, so sind sie überhaupt gut. Oder nicht? War wirklich je ein alter Anzug – ein alter Rock – so sehr abgetragen, so völlig in die ursprünglichen Bestandteile aufgelöst, daß er nicht noch einem armen Burschen als milde Gabe geschenkt werden konnte, damit dieser ihn vielleicht einem noch ärmeren schenke? Oder sollen wir ihn einen reicheren nennen, da er weniger bedurfte? Ich sage Euch: Hütet Euch vor allen Beschäftigungen, die neue Kleider und nicht einen neuen Träger der Kleider verlangen. Wie kann ein neuer Anzug passen, wenn der Mensch nicht neu ist? Plant Ihr irgend ein neues Unternehmen, so versucht es in Euren alten Kleidern. Die Menschen brauchen kein bestimmtes Arbeitsfeld, sondern Arbeit oder vielmehr Erfolg. Vielleicht sollten wir uns erst dann einen neuen Anzug anschaffen – einerlei, wie zerrissen und schmutzig der alte auch ist – wenn wir fühlen, daß unser Benehmen, unsere Taten und die Fahrten unseres Lebensschiffes uns zu neuen Menschen in alten Kleidern gemacht haben. Behalten wir aber auch dann den alten Anzug, so bergen wir gleichsam neuen Wein in alten Schläuchen. Die Zeit der Mauserung muß, wie beim Federvieh, eine Krisis in unserem Leben bedeuten. Während dieser Zeit zieht sich der Taucher auf einsame Teiche zurück. Auch die Schlange wirft ihre Haut und die Raupe ihr wurmiges Wams ab, infolge einer inneren Geschäftigkeit und Ausdehnung. Kleider sind nur äußere Haut, unser »sterblich Teil«.Siehe »Hamlet«, Monolog. Denn sonst könnte man eines Tages entdecken, daß wir unter falscher Flagge segeln. Dann aber würde uns unsere eigene Meinung und die unserer Mitmenschen unnachsichtig kassieren.

Wir ziehen ein Kleidungsstück über das andere an, als ob wir wie exogene Pflanzen durch Zunahme von der Außenseite her wüchsen, unsere äußeren, oftmals dünnen und seltsamen Gewänder sind unsere Epidermis oder falsche Haut, die mit unseren Lebensvorgängen nichts zu tun hat, und hier und da ohne böse Folgen abgestreift werden kann. Unsere dickeren Gewänder, die wir beständig tragen, sind das Unterhaut-Zellgewebe oder die Rinde. Unsere Hemden aber sind unser Bast oder unsere wahre Rinde, deren Entfernung eine schwere Verletzung oder den Tod des Menschen bedingt. Ich glaube, daß alle Rassen zu bestimmten Jahreszeiten etwas dem Hemde äquivalentes tragen. Der Mensch sollte in seiner Kleidung einer solchen Einfachheit sich befleißigen, daß er selbst im Dunkeln sich anziehen kann. Er sollte in jeder Hinsicht so festgefügt und wohl versorgt leben, daß er, wenn der Feind sich der Stadt bemächtigt, wie der alte Philosoph, ohne Angst mit leeren Händen zum Tore hinausziehen kann. Da aber ein dicker Rock in den meisten Fällen so gut wie drei dünne ist, und passende Kleider zu wirklich billigen Preisen gekauft werden können, da man ferner für fünf Dollars einen dicken Rock bekommt, der ebensoviele Jahre halten wird, da man dicke Hosen für zwei Dollars, ein paar starke rindslederne Schuhe für 1½ Dollars, einen Sommerhut für 25 Cents und eine Wintermütze für 62½ Cents oder eine noch bessere für ein Spottgeld sich verschaffen kann, wenn man sie selbst macht: wer zeigt mir da den Menschen, dem, mag er im übrigen noch so arm sein, nicht von weisen Männern Hochachtung entgegengebracht wird, weil er in einem solchen selbstverdienten Anzug steckt!

Wenn ich ein Kleidungsstück von einer besonderen Art bestelle, so sagt mir meine Schneiderin mit wichtiger Miene: »Man macht das jetzt nicht so.« Dabei betont sie das »man« durchaus nicht, gerade als ob sie eine Autorität zitiere, die so unpersönlich wie das Schicksal ist. So stoße ich, wenn ich etwas nach meinen Wünschen gemacht haben will, auf Schwierigkeiten aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht glauben kann, daß ich meine, was ich sage, und daß ich derart voreilig bin. Wenn ich ihren Orakelspruch höre, versinke ich für einen Augenblick in tiefstes Nachdenken, betone für mich jedes Wort einzeln, um seinen Gehalt zu ergründen, um mir darüber klar zu werden, durch welchen Grad von Blutsverwandtschaft »man« mit »mir« verwandt ist, und welche Glaubwürdigkeit »man« in einer Angelegenheit verdient, die mich so nahe berührt. Und schließlich fühle ich mich veranlaßt, ihr mit dem gleichen mysteriösen Tiefsinn, und ebenfalls ohne jede Betonung des »man« zu antworten: »Sie haben recht, in letzter Zeit machte man es nicht so, doch man tut es jetzt.« Was nützt ihr Maßnehmen, wenn sie nicht meinen Charakter mißt, sondern nur die Breite meiner Schultern, als ob diese ein Holzpflock wären, über den der Anzug gehängt wird? Wir verehren weder die Grazien noch die Parzen sondern die Mode. Sie spinnt und webt und schneidet ab – als höchste Autorität. Der Oberaffe in Paris setzt sich eine Reisemütze auf, und alle Affen in Amerika tun dasselbe. Bisweilen verzweifle ich an der Hoffnung, daß etwas ganz Einfaches und Ehrliches in dieser Welt durch Menschenwerk vollbracht werden kann. Man müßte die Menschen erst durch eine Presse mit Hochdruck hindurchtreiben, ihre alten Anschauungen so energisch aus ihnen herausquetschen, daß sie nicht so bald wieder auf die Beine kämen. Und doch: wenn nur Einer unter der Menge gewesen ist mit einer Larve im Kopf, die aus einem Ei kroch, das Gott weiß wann dort gelegt wurde – denn selbst Feuer tötet diese Gesellschaft nicht – dann ist die ganze Mühe vergeblich gewesen. Wir wollen aber trotzdem nicht vergessen, daß uns eine Mumie ägyptischen Weizen aushändigte.

Im allgemeinen kann man meiner Ansicht nach nicht behaupten, daß die Bekleidung sich in diesem oder in einem andern Lande zum Rang einer Kunst erhoben hat. Heutzutage behelfen sich die Menschen mit der Kleidung, die sie finden können. Wie Seeleute nach dem Schiffbruch ziehen sie an, was sie am Strande finden. Sobald aber eine kleine zeitliche oder räumliche Distanz sich geltend macht, lachen sie einander wegen der Maskerade aus. Jede Generation lacht über die alten Moden und folgt ehrfurchtsvoll der neuen. Wir lächeln belustigt, wenn wir die Tracht Heinrichs VIII. oder der Königin Elisabeth anschauen, gerade als ob sie von dem König oder der Königin der Kannibaleninseln stamme. Jedes Kostüm wirkt ohne den dazu gehörenden Menschen kläglich oder grotesk. Nur durch das ernste Auge, das herausblickt, und durch das lautere Leben, das darin verbracht wurde, wird das Lächeln unterdrückt, wird die Tracht eines Volkes geheiligt. Wenn ein Harlekin einen Anfall von Kolik bekommt, muß sein Flitterstaat auch dieser Stimmung Rechnung tragen. Wenn ein Soldat von einer Kanonenkugel getroffen ist, schmückt ihn sein zerfetzter Rock wie ein Purpur.

Wegen der kindischen und barbarischen Vorliebe der Männer und Frauen für neue Muster muß sich eine – ach wie große – Anzahl von Menschen fortwährend damit beschäftigen, Kaleidoskope zu schütteln und in sie hineinzugaffen, um gerade jene Figur zu entdecken, nach der die gegenwärtige Generation verlangt. Die Fabrikanten wissen aus Erfahrung, daß dieser Geschmack nichts weiter als eine Grille ist. Von zwei Mustern, die sich nur durch die mehr oder weniger eigentümliche Farbe einiger Fäden voneinander unterscheiden, wird das eine schnell verkauft, während das andere im Schranke liegen bleibt. Nicht selten aber ist dann in der nächsten Saison dieser Gegenstand der »allermodernste«. Im Vergleich hiermit ist das Tätowieren kein so abscheulicher Gebrauch, wie man gewöhnlich annimmt. Er ist schon deswegen nicht barbarisch, weil die Farben hauttief eingetragen werden und unveränderlich sind.

Ich kann nicht glauben, daß unsere Großindustrie die beste Quelle für den Ankauf von Kleidungsstücken ist. Die Lage der Fabrikarbeiter wird jeden Tag derjenigen der englischen Arbeiter ähnlicher. Darüber braucht man sich nicht zu wundern, denn nach allem, was ich gehört und gesehen habe, ist nicht die Herstellung einer guten und sittsamen Kleidung für den Menschen, sondern die Bereicherung der Trust-Kompagnien die Hauptsache. Im Laufe der Zeit treffen die Menschen nur das, wonach sie zielen. Darum täten sie besser, auch wenn sie jetzt fehl schießen, ihr Ziel möglichst hoch zu stecken.

Allerdings kann ich nicht bestreiten, daß ein Obdach heutzutage ein Lebensbedürfnis geworden ist, obwohl ich auch Beispiele dafür anführen könnte, daß Menschen in einem kälteren Lande als dem unsern sich ohne solches fortbeholfen haben. Samuel LaingSamuel Laing, englischer Staatsmann und philosophischer Schriftsteller, 1812–1897. berichtet: »Der Lappländer schläft in seinem Gewand aus Fellen und in seinem Sack aus Fellen, den er über Kopf und Schultern zieht, jede Nacht auf dem Schnee, selbst bei Kältegraden, die einen anderen Menschen, auch wenn er in Wolle gekleidet wäre, unfehlbar töten würden.« Er sah sie mit eigenen Augen, wie sie, so gebettet, schliefen. Dann aber fügt er hinzu: »Sie sind nicht abgehärteter als andere Menschen.« Wahrscheinlich aber erkannte der Mensch schon nach einer kleinen Weile seines Erdenwallens die Bequemlichkeit, die ein Haus bietet – »die häusliche Gemütlichkeit«. Dieser Ausdruck wird wohl ursprünglich mehr das Wohlgefallen am Hause als an der Familie bezeichnet haben. Und selbst dieses Wohlgefallen kann nur ein temporäres und begrenztes sein in jenen Klimaten, wo der Gedanke an das Haus hauptsächlich durch die Winter- und Regenzeit in uns erweckt wird, und wo es zwei Drittel des Jahres lang eigentlich nur den Sonnenschirm zu vertreten hat. In unserem Klima, zumal im Sommer, diente das Haus früher fast nur als Decke während der Nacht. In der Hieroglyphenschrift der Indianer bedeutete ein Wigwam das Symbol eines Tagemarsches und eine Reihe derselben, in die Rinde eines Baumes geschnitten oder darauf gemalt, die Anzahl der Nachtlager. Der Mensch ward nicht so breitgliedrig und starkknochig geschaffen, daß er nicht danach trachten müßte, seine Welt einzuengen und einen ihm passenden Raum zu ummauern. Anfangs lebte er nackt unter freiem Himmel. Das war ganz angenehm bei heiterem, warmem Wetter und im Tageslicht. Doch die Regenzeit und der Winter – um von der glühenden Sonne gar nicht zu reden – würden sein Geschlecht gar bald im Keime zerstört haben, wenn er sich nicht schleunigst mit dem Schutz eines Hauses umgeben hätte. Es wird erzählt, daß Adam und Eva mit Blättern sich bedeckten, bevor sie noch andere Kleider trugen. Der Mensch wünschte sich ein Heim, einen warmen oder gemütlichen Platz, wo er zunächst seinen Körper, dann aber auch seine Stimmungen wärmen konnte.

Wir können uns leicht jene Zeit vorstellen, wo das Menschengeschlecht noch in den Kinderschuhen steckte, und wo irgend ein kühner Sterblicher in eine Felsenhöhle kroch, um einen Unterschlupf zu finden. Ein Kind beginnt die Welt bis zu einem gewissen Grade wieder von vorn und ist mit Vorliebe selbst bei Nässe und Kälte im Freien. Es folgt seinem Instinkt, wenn es »Haus« und »Pferd« spielt. Wer hat vergessen, mit welchem Interesse er in seiner Jugend einen überhängenden Felsen oder irgend etwas, was einer Höhle glich, betrachtete? Ein Teil jenes instinktiven Verlangens unserer ältesten Ahnen war noch in uns lebendig. Von der Höhle gelangten wir zu Dächern aus Palmblättern, aus Rinde und Zweigen, aus fest gewobener Leinwand, aus Gras und Stroh, Brettern und Schindeln, aus Steinen und Ziegeln. Schließlich wissen wir überhaupt nicht mehr was ein Freiluftleben ist, und unser Leben ist ein häusliches in mehr Beziehungen als wir glauben. Vom Herd zum Feld ist ein weiter Weg. Es wäre recht angebracht, wenn wir häufiger den Tag und die Nacht ohne Scheidewand zwischen uns und den Himmelskörpern verlebten, wenn der Dichter nicht so viel unter Dach und Fach dichten, wenn der Heilige dort nicht so lange hausen würde. Vögel singen nicht in Käfigen, und Tauben hüten ihre Unschuld nicht im Taubenschlag.

Wenn aber jemand beabsichtigt sich ein Wohnhaus zu bauen, so wird er gut tun, ein paar Unzen Yankeeschlauheit anzuwenden, sonst wird er schließlich in einem Armenhause, in einem Labyrinth ohne Schlüssel, in einem Museum, Armenhaus, Gefängnis oder in einem herrlichen Museum sich befinden. Überlegen wir uns einmal, wie schwach der Schutz zu sein braucht, der unbedingt notwendig ist! Ich sah in diesem Städtchen Penobscot-Indianer, die in Zelten aus dünnem Baumwollstoff lebten, während der Schnee rings herum fast einen Fuß hoch lag. Ja, ich hatte die Empfindung, sie würden sich freuen, wenn er noch höher läge, um sie vor dem Wind zu schützen. Früher, als die Frage, wie ich mir auf ehrliche Weise meinen Lebensunterhalt verdienen könne ohne all meine freie Zeit für meine eigentlichen Bestrebungen zu verlieren, mich noch heftiger quälte als jetzt – denn leider habe ich ein etwas dickes Fell bekommen –, sah ich oftmals eine große Kiste, die 6 Fuß hoch und 3 Fuß breit war, am Bahndamm stehen. Die Arbeiter pflegten darin während der Nacht ihre Werkzeuge zu verschließen. Ich dachte dann bei mir, daß jeder Mensch, der in arger Bedrängnis ist, eine solche Kiste für einen Dollar kaufen könne. Würde er ein paar Löcher in sie bohren, um auch der Luft Zutritt zu gewähren, so könnte er während der Nacht und zur Regenzeit hineinschlüpfen, den Deckel festhaken, nach Herzenslust seinen Stimmungen nachhängen und im Grunde seiner Seele frei sich fühlen. Das wäre noch nicht das Schlechteste und eine keineswegs zu verachtende Alternative gewesen. Man könnte wach bleiben solange man Lust hätte, aufstehen, wenn man wollte und ausgehen, ohne den Pachtherrn oder den Hausherrn wegen der Miete fortwährend auf den Fersen zu haben. Mancher Mensch, der in solch einer Kiste sicherlich nicht vor Frost gestorben wäre, wurde wegen des Mietzinses für eine größere und prächtigere Kiste zu Tode gequält. Ich scherze durchaus nicht. Das Problem »Sparsamkeit« läßt sich wohl leichthin besprechen, jedoch nicht leichthin lösen. Einst verfertigte man hier ein bequemes Haus für ein rauhes, abgehärtetes, an ein Freiluftleben gewöhntes Geschlecht aus dem Material, das die Natur fertig lieferte. Gookin, ein Aufseher über die von der Massachusetts-Kolonie unterworfenen Indianer schrieb im Jahre 1674: »Ihre besten Häuser sind sehr sauber, dicht und warm und mit Baumrinde bedeckt. In den Jahreszeiten, wo der Saft emporsteigt, wird die Rinde von den Bäumen losgeschält, und im grünen Zustand durch den Druck von Holzblöcken zu großen Platten gepreßt. . . . Die gewöhnlichen Häuser werden mit Matten, die sie aus einer Art von Flatterbinsen verfertigen, bedeckt. Auch sie sind halbwegs dicht und warm, aber nicht so gut als die zuvor erwähnten . . . »Einige Häuser, die ich selbst sah, waren 60 oder 100 Fuß lang und 30 Fuß breit. . . . Ich habe häufig in solch einem Wigwam gewohnt und gefunden, daß er so warm war wie irgend ein bestes englisches Haus.« Er fügt hinzu, daß das Innere fast stets mit schön gearbeiteten und bestickten Matten belegt und ausgekleidet und mit verschiedenartigen Gebrauchsgegenständen versehen gewesen sei. Die Indianer waren sogar soweit fortgeschritten, daß sie die Wirkung des Windes durch eine Matte regulierten, die über einer im Dache befindlichen Öffnung hing und durch eine Schnur in Bewegung gesetzt werden konnte. Der Neubau einer solchen Wohnung nahm höchstens zwei Tage in Anspruch; das Abbrechen und Wiederaufstellen dagegen nur einige Stunden. Jede Familie besaß solch ein Haus oder hatte darin ihre Wohnräume.

Bei den Wilden besitzt jede Familie ein Obdach, welches den Vergleich mit jedem andern aushält und für gröbere und einfachere Bedürfnisse genügt. Ich glaube mich maßvoll auszudrücken, wenn ich andrerseits behaupte, daß – obwohl die Vögel ihre Nester, die Füchse ihre Höhlen und die Wilden ihre Wigwams haben – in der modernen zivilisierten Gesellschaft nur ungefähr jede zweite Familie ein Obdach besitzt. In den Großstädten, in denen die Zivilisation hauptsächlich herrscht, ist im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung die Zahl derer, die ein eigenes Heim besitzen, äußerst klein. Der Rest bezahlt für dieses periphere, im Sommer wie im Winter unentbehrliche Kleidungsstück eine jährliche Steuer, die zum Ankauf eines ganzen Dorfes indianischer Wigwams genügen würde, die unter den obwaltenden Verhältnissen jedoch nur dazu dient den Menschen sein ganzes Leben lang arm zu erhalten. Ich habe nicht die Absicht mich hier weiter über den Nachteil, den die Miete gegenüber dem Besitz aufweist, auszusprechen. Es liegt aber auf der Hand, daß der Wilde deswegen ein Haus sein Eigen nennt, weil es so wenig kostet, während der zivilisierte Mensch meistens ein Haus mietet, weil er den Besitz nicht bezahlen kann. Die Schwierigkeit zu mieten vermindert sich dabei im Lauf der Zeit durchaus nicht. Und doch, entgegnet man mir, wenn der arme zivilisierte Mensch diese Steuer bezahlt, so erhält er eine Wohnung, die im Vergleich mit dem Obdach eines Wilden ein Palast genannt werden kann. Eine jährliche Miete von 25 bis 100 Dollars – soviel zahlt man auf dem Lande – verschafft ihm die berechtigte Nutznießung all jener Verbesserungen, die in Jahrhunderten geschaffen wurden: er kann geräumige, sauber gemalte oder tapezierte Zimmer, Rumfordkamine, Jalousien, kupferne Wasserpumpen, automatische Sicherheitsschlösser, einen bequemen Keller und manche andere Dinge benutzen. Doch wie kommt es, daß der, welcher nach Ansicht seiner Mitmenschen all dieses genießen kann, so häufig als armer Mensch inmitten der Zivilisation lebt, während der Wilde, der all dieses nicht besitzt, als Wilder reich ist. Wenn man behauptet, daß die Zivilisation einen wirklichen Fortschritt in den Existenzbedingungen des Menschengeschlechtes bedeutet – und ich glaube, daß dies der Fall ist, wenn auch nur die Weisen sie mit Vorteil zu benutzen verstehen – so muß auch bewiesen werden, daß sie bessere Wohnungen schuf ohne den Preis derselben zu erhöhen. Der Preis eines Gegenstandes aber wird mit einem größeren oder kleineren Bruchteil unseres Lebens sofort oder allmählich bezahlt. In dieser Gegend hier kostet ein Durchschnittshaus ungefähr 800 Dollars. Um diese Summe zu ersparen, sind ungefähr 15 bis 20 Lebensjahre eines Arbeiters notwendig – selbst wenn er keine Familie zu ernähren hat. Der Geldwert der Tagesarbeit eines Mannes ist hierbei auf einen Dollar veranschlagt. Denn wenn die einen mehr verdienen, verdienen die anderen weniger. Der Arbeiter hat also mehr als die Hälfte auszugeben, bevor sein Wigwam verdient ist. Setzen wir andererseits den Fall, daß er Miete zahlt, so ist das nur eine ungewisse Wahl zwischen zwei Übeln. Würde ein Wilder klug daran tun, unter solchen Bedingungen seinen Wigwam gegen einen Palast auszutauschen?

Man kann mit Recht vermuten, daß nach meiner Ansicht die Anhäufung dieses überflüssigen, als Reservefonds für die Zukunft dienenden Besitzes, soweit das Individuum in Betracht kommt, eigentlich nur deshalb von Nutzen ist, weil dadurch die Bestreitung der Begräbniskosten ermöglicht wird. Vielleicht aber wird es von dem Menschen gar nicht verlangt, daß er sich selbst begräbt. Wie dem auch sei – hier wird ein wichtiger Unterschied zwischen dem Menschen der Zivilisation und dem Wilden angedeutet. Zweifellos hat man die besten Absichten mit uns, wenn man die Lebensweise eines zivilisierten Volkes zu einer Institution erhebt, in welcher das Leben des Individuums zum großen Teil absorbiert wird, um das der Rasse zu erhalten und zu vervollkommnen. Ich möchte aber gerade zeigen, durch was für ein Opfer dieser Vorteil heutzutage erreicht wird, und darauf hinweisen, daß es doch vielleicht möglich ist unser Leben so zu verbringen, daß wir alle Vorteile aber keine Nachteile daraus ziehen. Was treibet Ihr unter Euch dies Sprichwort und sprechet: »Ihr habt allezeit Arme bei Euch«, oder »Die Väter haben Herlinge gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«?

»So wahr ich lebe,« spricht der Herr, – »solch Sprichwort soll nicht mehr unter Euch gehen in Israel.«

»Denn siehe, alle Seelen sind mein; des Vaters Seele ist sowohl mein, wie des Sohnes Seele. Welche Seele sündigt, die soll sterben.«

Wenn ich meine Nachbarn, die Farmer von Concord betrachte, die mindestens so wohlhabend sind wie die anderen Stände, so finde ich, daß die meisten von ihnen sich zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre abgequält haben, um die wirklichen Eigentümer ihrer Farmen zu werden, die sie gewöhnlich verschuldet geerbt, oder mit geborgtem Geld gepachtet haben. Und ein Drittel ihrer mühseligen Arbeit kann man als den Preis ihres Hauses in Rechnung setzen – in der Regel haben sie dasselbe jedoch noch nicht bezahlt. Es ist allerdings Tatsache, daß die Schuldenlast bisweilen den Wert der Farm übersteigt, so daß diese selbst zu einer großen Last wird; und doch findet sich ein Mensch, der solch eine Erbschaft antritt, da er, wie er behauptet, die Sachlage vollkommen kennt. Ich hielt Umfrage bei der Steuerbehörde und erfuhr zu meinem größten Erstaunen, daß man mir nicht ohne weiteres ein Dutzend Leute im Stadtbezirk nennen konnte, die ihre Farm völlig schuldenfrei besaßen. Wer Interesse an der Geschichte dieser Heimstätten hat, der möge sich bei der Bank erkundigen, bei welcher sie verpfändet sind. Der Mann, der wirklich durch seiner Hände Arbeit seine Farm bezahlt hat, ist so selten, daß jeder Nachbar mit dem Finger auf ihn zeigen kann. Ich bezweifle, ob drei solcher Männer in Concord leben. Was man von den Kaufleuten sagt: daß der bei weitem größere Teil – ungefähr 97% – keinen Erfolg hat, gilt ebenso wahrheitsgemäß auch von den Farmern. Ein großer Teil der Kaufleute macht indessen – so behauptet einer aus ihrer Mitte mit Recht – nicht wegen finanzieller Schwierigkeiten, sondern nur deswegen Bankerott, weil es unbequem ist übernommene Verpflichtungen noch zu erfüllen. Mit anderen Worten: der moralische Charakter erleidet Schiffbruch. Und das gibt nicht nur dem ganzen Vorgang ein weit häßlicheres Aussehen, sondern erweckt auch außerdem den Gedanken, daß es wahrscheinlich selbst den übrigen drei nicht gelingt ihre Seele zu retten, daß sie vielleicht in einem schlimmeren Sinne fallieren als die, welche ehrlich Bankerott machten. Konkurse und Zahlungsverweigerungen sind die Sprungbretter, die ein großer Teil unserer zivilisierten Menschen zu Kraftübungen und Purzelbäumen benutzt, während der Wilde auf dem starren Brett der Hungersnot steht. Doch die Middlesexer Viehausstellung findet alljährlich mit »éclat« statt, als ob alle Teile der landwirtschaftlichen Maschine vorzüglich funktionierten.

Der Farmer müht sich das Problem des Lebensunterhaltes durch eine Gleichung zu lösen, die komplizierter ist als das Problem selbst. Um seine Schuhbänder zu verdienen, spekuliert er in Viehherden. Mit vollendeter Schlauheit stellte er seine Falle mit einer haarfeinen Feder, um Bequemlichkeit und Unabhängigkeit zu fangen, beim Fortgehen aber trat er mit seinem eigenen Fuße hinein. Darin liegt der Grund seiner Armut. Und aus einem ähnlichen Grunde sind wir alle, obwohl wir von Luxus umgeben sind, arm im Vergleich zu dem Wilden, der sich an tausend Annehmlichkeiten erfreut.

Wie singt doch Chapman? . . .

»Um ird'sche Größe gibt der Menschen heuchlerische Brut
Himmlischen Trost den Winden preis . . .«

Doch wenn dem Farmer das Haus in Wirklichkeit gehört, so ist er dadurch vielleicht nicht reicher, sondern ärmer geworden. Er hat nicht das Haus – das Haus hat ihn. Der Einwand, den Momus gegen das von Minerva erbaute Haus erhob, war meiner Ansicht nach völlig zutreffend. Er sagte: »Sie hat das Haus nicht beweglich gemacht und so kann man böser Nachbarschaft nicht entgehen.« Der gleiche Vorwurf ist auch heutzutage noch berechtigt, denn unsere Häuser sind solch plumpe Besitztümer, daß wir häufiger in ihnen eher als Gefangene leben, als in ihnen »hausen«. Die schlechte Nachbarschaft aber, die wir vermeiden sollten, ist unser eigenes, niederträchtiges Ich. Ich kenne ein paar (wenn nicht eine Anzahl) Familien, die fast ein Menschenalter lang ihre Häuser draußen auf dem Lande zu verkaufen und ins Dorf zu ziehen wünschten, ihren Wunsch aber bislang nicht zu befriedigen vermochten. Erst der Tod wird sie davon befreien.

Wir wollen zugeben, daß schließlich die Mehrheit der Menschen imstande ist ein modernes Haus mit all seinen Verbesserungen zu besitzen oder zu mieten. Nun hat die Zivilisation allerdings unsere Häuser, nicht aber im gleichen Maße die Menschen, die darin wohnen, verbessert. Sie hat zwar Paläste geschaffen, doch war es nicht so leicht Edelleute und Könige zu schaffen. Wenn aber die Bestrebungen des zivilisierten Menschen nicht würdiger als die des Wilden sind, wenn ihm der größere Teil seines Lebens nur zur Gewinnung der gröberen Bedürfnisse und Annehmlichkeiten des Lebens dient, wozu braucht er dann eine bessere Wohnung als der Wilde?

Wie steht es aber um die Minderheit? Da kommt man vielleicht zu der Erkenntnis, daß in dem gleichen Verhältnis, in welchem ein Teil der Menschheit – rein äußerlich genommen – über die Wilden sich erhob, ein anderer Teil noch tiefer als diese Wilden sank. Der Luxus eines Standes wird durch die Entbehrungen eines anderen aufgewogen. Auf der einen Seite der Palast, auf der anderen Seite das Armenhaus und der »verschämte Arme«. Die Myriaden, die für die Pharaonen die Pyramiden als Begräbnisstätten bauten, wurden mit Knoblauch gefüttert, und vielleicht selbst nicht einmal anständig begraben. Der Maurer, der das Gesims des Palastes fertigstellt, kehrt am Abend vielleicht heim zu einer Hütte, die nicht so gut wie ein Wigwam ist. Die Annahme ist falsch, daß in einem Lande, wo die gewöhnlichen Anzeichen der Zivilisation vorhanden sind, die Lebenslage eines sehr großen Teiles der Einwohner nicht auf einer ebenso niedrigen Stufe sich befinden kann wie bei den Wilden. Ich spreche momentan von dem verkommenen Armen, nicht von dem verkommenen Reichen. Um mir hierüber Gewißheit zu verschaffen, brauche ich nur die Holzbaracken anzusehen, die überall an den Seiten unserer Eisenbahnen – des letzten Fortschrittes in der Zivilisation – stehen. Da erblicke ich bei meinem täglichen Spaziergange menschliche Wesen, die in Schweineställen leben: den ganzen Winter hindurch steht die Tür offen, damit Licht hineindringt, auch nicht die leiseste Spur eines Holzvorrates ist zu sehen. Die Gestalten von Alt und Jung sind durch die Gewohnheit fortwährend vor Kälte und Elend zu erschauern dauernd zusammengeschrumpft, die Entwicklung all ihrer Gliedmaßen und Fähigkeiten ist gehemmt. Es ist nicht mehr als billig, wenn wir jener Menschenklasse Beachtung schenken, die durch ihrer Hände Arbeit die Werke schuf, durch die unsere heutige Generation sich auszeichnet. Im größeren oder kleineren Maßstabe gilt das gleiche von all den verschiedenen Arten der Arbeiter in England – im großen Armenarbeitshaus der Welt. Ich könnte auch Irland anführen, das auf den Landkarten als ein weißes oder erleuchtetes Fleckchen Erde dargestellt wird. Man vergleiche einmal die körperlichen Eigenschaften des Irländers mit denen des nordamerikanischen Indianers oder des Südsee-Insulaners oder mit denen irgend einer anderen Rasse, bevor sie durch Berührung mit der zivilisierten Menschheit an Kraft einbüßte! Trotzdem bezweifle ich durchaus nicht, daß die Leiter jener Völker so weise sind, wie der Durchschnitt der zivilisierten Staatenlenker. Ihre Eigenschaften beweisen nur, welcher Schmutz gleichzeitig mit der Zivilisation bestehen kann. Ich brauche kaum die Arbeiter in den südlichen Staaten zu erwähnen, welche die hauptsächlichen Exporterzeugnisse dieses Landes bauen und dabei selbst Exportware des Südens sind. Ich kann mich auf diejenigen beschränken, die in sogenannten »bescheidenen Verhältnissen« sich befinden.

Die meisten Menschen scheinen nie darüber nachgedacht zu haben, was ein Haus ist; sie sind tatsächlich, wenn auch unnötigerweise, ihr ganzes Leben lang arm, weil sie glauben ein gleiches Haus wie ihre Nachbarn haben zu müssen. Als ob der Mensch gerade den Rock tragen müßte, den der Schneider zufällig für ihn zugeschnitten hat, oder als ob einer, der sich allmählich das Tragen eines Panamahutes oder einer Mütze aus virginischem Murmeltierfell abgewöhnt hat, nunmehr berechtigt wäre, über die schlechten Zeiten zu stöhnen, die ihm nicht gestatten, sich eine Krone zu kaufen. Es ist möglich ein noch bequemeres und eleganteres Haus zu erfinden als das, was wir jetzt haben; doch nach der allgemeinen Ansicht wird keiner den Preis dafür zahlen können. Sollen wir denn immer uns mühen mehr von diesen Dingen zu erwerben, anstatt uns bisweilen mit weniger zu bescheiden? Muß denn der hochachtbare Bürger so eindringlich und ernst durch Vorschriften und Beispiele den jungen Mann darüber aufklären, wie notwendig es ist vor seinem Tode eine Anzahl überflüssiger Lackschuhe, Regenschirme und leerer Gastzimmer für leere Gäste anzuschaffen? Warum kann unsere Einrichtung nicht ebenso einfach sein wie die des Arabers oder Indianers? Wenn ich an die Wohltäter der Menschheit denke, die wir als Abgesandte des Himmels, als Überbringer göttlicher Gaben feiern, so sieht mein Auge keinen Troß, keine Wagenladung eleganter Möbel hinter ihnen. Wie wäre es, wenn ich erlauben würde – wäre das nicht eine eigentümliche Erlaubnis? – daß unsere Einrichtung die des Arabers in demselben Maße an Reichhaltigkeit übertreffen dürfe, in welchem wir uns moralisch oder intellektuell über ihn erheben? Gegenwärtig sind unsere Häuser so sehr mit Möbeln vollgepfropft und verunstaltet, daß eine gute Hausfrau den größeren Teil derselben am liebsten in die Kehrichtgrube fegen würde: an Morgenarbeit würde es ihr trotzdem nicht fehlen.

Morgenarbeit! Beim Erröten der Aurora und beim Klingen des Memnon! Worin sollte die Morgenarbeit des Menschen in dieser Welt bestehen? Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Schreibtisch liegen und bemerkte zu meinem Schrecken, daß sie beanspruchten täglich abgestaubt zu werden, während mein geistiges Rüstzeug noch unabgestäubt war! Darum warf ich sie entrüstet zum Fenster hinaus. Wie würde es mir ergehen, hätte ich ein möbliertes Haus? Lieber will ich unter freiem Himmel wohnen, denn auf dem Gras sammelt sich kein Staub an – es sei denn da, wo der Mensch in der Erde gewühlt hat.

Die Schlemmer und die Verschwender geben die Mode an, der die Herde dann ohne Ermatten folgt. Der Reisende, der in den sogenannten ersten Hotels absteigt, kann sich hiervon schnell überzeugen. Die Wirte scheinen ihn für einen Sardanapal zu halten, und wenn er sich völlig ihrer zarten Fürsorge anvertrauen würde, verlöre er bald all seine männliche Willenskraft. Ich bin der Ansicht, daß wir bei der Herstellung der Eisenbahnwagen mehr eine elegante Ausstattung als Sicherheit und Zweckmäßigkeit erstreben. Es liegt daher die Gefahr nahe, daß sie, ohne diese wichtigen Bedingungen zu erfüllen, nichts Besseres werden als moderne Salons mit Lehnstühlen, Ottomanen, Fenstervorhängen zum Schutz gegen die Sonne und hundert anderen orientalischen Dingen, die wir mit uns nach Westen nehmen, die aber für die Haremsdamen und die effeminierten Eingeborenen des Himmlischen Reiches erfunden wurden. Bruder Jonathan sollte sich schämen solcherlei Dinge nur dem Namen nach zu kennen. Ich würde lieber auf einem Kürbiß allein, als auf einem Samtkissen im Gedränge sitzen. Ich würde es vorziehen, auf der Erde in einem Ochsenwagen zu fahren, zu dem die Luft freien Zutritt hat, als gen Himmel in dem »Luxuswagen« eines Vergnügungszuges, wo ich den ganzen Weg lang »Malaria« einatmen muß.

Gerade die Einfachheit und Nacktheit im Leben des Menschen der grauen Vorzeit brachten wenigstens den Vorteil mit sich, daß er sich nur als temporären Besucher auf Erden fühlte. War er durch Nahrung und Schlaf erquickt, nahm er wieder den Gedanken an seine weitere Reise auf. Er wohnte sozusagen auf dieser Welt in einem Zelte, durchstreifte die Täler, durchkreuzte die Ebenen und stieg auf die Gipfel der Berge. Doch siehe da! Die Menschheit ward zum Werkzeug ihrer Werkzeuge! Der Mann, der einst, wenn er hungrig war, in Freiheit seine Früchte für sich pflückte, ward zum Bauer, und der einst unter einem Baume Schutz suchte, ward zum Hausherrn. Heutzutage schlagen wir nicht mehr für eine Nacht unser Zelt auf. Wir haben in der Erde Wurzel geschlagen und den Himmel vergessen. Wir haben das Christentum nur als eine verbesserte Methode der Agrikultur angenommen. Wir haben für diese Welt ein Familienhaus, für die andere ein Familiengrab errichtet. Die besten Kunstwerke spiegeln das Bemühen der Menschheit wider sich von diesem Zustand zu befreien. Doch die Wirkung unserer Kunst äußert sich nur darin, daß sie uns diesen niedrigen Zustand erträglich finden und jenen höheren Zustand vergessen läßt. Tatsächlich gibt es in diesem Dorf hier keinen Platz, wo ein echtes Kunstwerk – vorausgesetzt, daß ein solches uns vererbt worden wäre – aufgestellt werden könnte. Weder unsere Lebensweise, noch unsere Häuser und Straßen würden eine passende Umrahmung dafür liefern. Hier gibt es keinen Nagel, an den wir ein Bild hängen, kein Sims, auf das wir die Büste eines Helden oder Heiligen stellen könnten. Wenn ich daran denke, wie unsere Häuser gebaut und bezahlt werden, oder vielmehr nicht bezahlt werden, wie der Haushalt geführt und aufrecht erhalten wird, so muß ich mich wundern, daß der Fußboden sich nicht unter dem Besucher, der all den Plunder auf dem Kamin betrachtet, öffnet und ihn in den Keller hinabgleiten läßt auf eine solide und ehrliche, wenn auch erdige Basis. Ich komme immer wieder zu der Ansicht, daß dieses sogenannte reiche und elegante Leben durch einen Sprung gewonnen wird. Und ich kann die schönen Künste, die es schmücken, deswegen nicht mit Freuden genießen, weil meine Aufmerksamkeit ganz mit dem Sprung beschäftigt ist. Denn soviel ich weiß, wurde der bedeutendste, wirkliche Sprung, der menschlicher Muskelkraft allein gelang, von gewissen nomadisierenden Arabern ausgeführt: sie sollten fünfundzwanzig Fuß weit auf ebener Erde gesprungen sein. Ohne künstliche Nachhilfe aber muß der Mensch am Schluß des Sprunges wieder zur Erde zurückkehren. Die erste Frage, die ich an den Besitzer eines erheuchelten Besitzes stellen möchte, lautete: Wer stützt Dich? Gehörst Du zu den Siebenundneunzig, die keinen Erfolg, oder zu den Dreien, die Glück haben? Beantworte mir erst diese Fragen, und dann will ich vielleicht Deinen Tand anschauen und ihn »ornamental« finden. Die Pferde hinter den Wagen zu spannen ist weder schön noch nützlich. Ehe wir unsere Häuser mit schönen Dingen schmücken, müssen die Wände gereinigt, muß unser Leben gereinigt werden, eine anständige Lebensführung und Haushaltung muß zum Fundament gemacht werden. Das Empfinden für alles Schöne wird aber hauptsächlich unter freiem Himmel gepflegt, dort wo es weder Häuser noch Hausherren gibt.

Der alte Johnson erzählt in seiner »Allmächtigen Vorsehung«, wenn er von den ersten Ansiedlern in diesem Stadtbezirke spricht, deren Zeitgenosse er war, »daß sie anfangs in Erdhöhlen am Abhang eines Hügels wohnten. Sie stellten große Balken schräg gegen den Hügel, warfen die ausgegrabene Erde hinauf und machten auf dem Erdboden, dort wo das Dach am höchsten war, ein rauchiges Feuer! Sie versorgten sich nicht eher mit Häusern,« fährt er fort, »bis die Erde durch des Herrn Segen Nahrung hervorgebracht hatte. Die Ernte des ersten Jahres war aber so schmal, daß sie notgedrungen ihr Brot eine Zeitlang sehr dünn schneiden mußten.« Ausführlicher schreibt anno 1650 der Staatssekretär der Provinz Neuniederland in holländischer Sprache zur Unterweisung für diejenigen, welche eine Niederlassung daselbst beabsichtigten: »Die Leute in Neuniederland und besonders in Neuengland, denen keine Mittel zum Bau von Farmhäusern, die ihren Wünschen entsprechen, zu Gebote stehen, graben eine viereckige Grube, wie einen Keller, sechs oder sieben Fuß tief, und so lang und breit, als es ihnen zweckmäßig erscheint: innen verschalen sie die Erdwände ringsum mit Holz und bedecken das Holz wiederum mit Baumrinde oder etwas Ähnlichem, um das Eindringen der Erde zu verhindern. Der Fußboden und die Decke dieses Kellers werden mit Brettern ausgekleidet; darüber macht man ein Dach aus Baumstämmen, welches mit Rinde und Rasensoden belegt wird. Sie können trocken und warm in diesen Häusern mit ihrer ganzen Familie zwei, drei oder vier Jahre lang leben. Selbstverständlich wird solch ein Keller, je nach der Größe der Familie, in Abteilungen zerlegt. Die reichsten und leitenden Persönlichkeiten in Neuengland bauten zur Zeit der Gründung dieser Kolonien ihre Häuser anfangs auf solche Art, weil sie erstens nicht viel Zeit auf den Hausbau an sich verwenden wollten, zweitens, weil sie die mittellosen Arbeiter, die sie in großen Mengen vom Vaterland herübergebracht hatten, nicht zu entmutigen wünschten. Nach Ablauf von drei oder vier Jahren, als das Land ertragsfähig war, bauten sie sich hübsche Häuser, für die sie mehrere tausend Dollars ausgaben.«

Wenn unsere Vorfahren derart zu Werke gingen, so liegt darin zum mindesten ein Anzeichen von Klugheit. Sie hatten das Prinzip den dringendsten Bedürfnissen zuerst abzuhelfen. Tut man das auch noch heutzutage? Wenn ich in Erwägung ziehe, ob ich für mich selbst eine unserer eleganten Wohnungen erwerben soll, so schreckt mich immer wieder der Gedanke davon ab, daß das Land für die menschliche Kultur noch nicht geeignet ist, daß wir unser geistiges Brot noch viel dünner schneiden müssen, als unsere Ahnen ihr Weizenbrot. Es soll damit nicht gesagt sein, daß der architektonische Schmuck selbst in der rohesten Periode gänzlich vernachlässigt werden kann. Vielmehr sollten unsere Häuser sich zunächst im Innern, wo sie mit unserem Leben in enge Beziehung treten, mit dem Gewand der Schönheit schmücken, gerade wie das Gehäuse eines Muscheltieres.

Doch ach! Ich habe ein paar Häuser von innen gesehen, und ich weiß, wie es darin ausschaut.

Zwar sind wir noch nicht so degeneriert, daß wir gegebenen Falles nicht auch heutzutage in einer Höhle oder in einem Wigwam leben oder Kleidung aus Fellen tragen würden. Trotzdem ist es aber sicherlich besser, die Vorteile zu benutzen, die uns durch die Erfindungsgabe und den Fleiß der Menschen angeboten werden. In meiner Nachbarschaft sind Balken und Schindeln, Kalk und Ziegelsteine, ganze Baumstämme, Rinde in genügender Menge oder selbst gut gebrannter Lehm oder flache Steine billiger und leichter zu haben als passende Höhlen. Ich spreche mit Sachkenntnis über diesen Gegenstand, denn ich habe mich sowohl theoretisch wie praktisch damit beschäftigt. Mit etwas mehr Verstand können wir diese Materialien derart benutzen, daß wir reicher werden als die Reichsten jetzt sind. Unsere Zivilisation würde dann ein Segen werden. Der zivilisierte Mensch ist ein erfahrener und verständiger Wilder. Doch nun schleunigst zu meinem eigenen Experiment!

Ende März 1845 borgte ich mir eine Axt und wanderte hinab in den Wald zum Waldenteich, in dessen unmittelbarer Nähe ich mein Haus bauen wollte. Ich fällte zunächst einige hohe, pfeilartige, noch junge Weißtannen, um Bauholz zu gewinnen. Anzufangen, ohne zu borgen, ist schwer. Und doch ist dies vielleicht noch der anständigste Weg, da man hierdurch seinen Mitmenschen erlaubt, sich für das Unternehmen eines anderen zu interessieren. Der Besitzer der Axt sagte, als er mir zeitweise sein Eigentumsrecht an derselben übertrug, sie sei sein Augapfel. Ich gab sie ihm aber schärfer zurück als ich sie empfing. Der Abhang des Hügels, auf dem ich arbeitete, war lieblich mit Nadelholz bewachsen, durch das man einen Ausblick auf den See und auf eine kleine Lichtung im Gehölz hatte, wo Fichten und weiße Wallnußbäume zu treiben begannen. Das Eis des Teiches war noch nicht geschmolzen, doch sah man einige offene Stellen. Das Eis zeigte überall eine dunkle Farbe und war völlig mit Wasser durchsetzt.

Während der Tage, die ich hier arbeitete, gab es einige leichte Schneegestöber. Meistens aber lag, wenn ich heimwärts ging, der Eisenbahndamm, leuchtend wie ein gelbes Band in dunstiger Luft, vor meinen Augen. Die Schienen glitzerten in der Frühlingssonne. Ich hörte die Lerche, den Piewieh, und andere Vögel, die schon angekommen waren, um ein weiteres Jahr mit uns zu verleben. Es waren angenehme Frühlingstage, Frühlingstage an denen der Winter unseres Mißvergnügens zugleich mit der Erde auftaute, an denen das bislang erstarrte Leben sich zu recken und zu strecken begann. Eines Tages – meine Axt hatte sich gelockert, ich hatte gerade den lebenden Zweig eines Wallnußbaumes zu einem Stiel zugeschnitten, ihn mit einem Stein hineingetrieben und die ganze Axt nahe am Teiche in ein Erdloch gesteckt, um das Holz quellen zu lassen – eines Tages sah ich eine gestreifte Schlange in das Wasser huschen. Dort lag sie auf dem Grunde, augenscheinlich ohne Unbehagen solange ich dort war, d. h. länger als eine Viertelstunde, Vielleicht war ihr Erstarrungszustand noch nicht völlig gewichen. Es kommt mir so vor, als ob wegen einer ähnlichen Ursache die Menschheit in ihrem niedrigen primitiven Zustand verharrt. Denn, wenn sie den belebenden Einfluß des Frühlings aller Frühlinge spüren würden, so müßten sie notgedrungen sich zu einem höheren, mehr ätherischen Dasein erheben. Ich hatte schon vorher, morgens früh an Frosttagen auf meinem Wege Schlangen beobachtet, deren Körper zum Teil noch starr und unbeweglich war. Sie warteten auf die Sonne, um aufzutauen. Am ersten April viel Regen und das Eis zerschmolz. Am frühen Morgen, wo dichter Nebel herrschte, hörte ich eine verirrte Gans, die schrie als ob sie den Weg verloren hätte und über das Eis tappte wie das Gespenst des Nebels.

Ich fuhr mit meiner Arbeit einige Tage lang fort, fällte und bearbeitete mein Holz, die Eckpfeiler und die Dachsparren. Ich gebrauchte dazu nur meine schmale Axt, und hatte nicht gerade viel mitteilungswerte oder wissenschaftliche Gedanken. Ich sang so vor mich hin:

»Das Menschlein spricht: Ich weiß von vielen Dingen.
»Doch ach! schon entfalteten ihre Schwingen
»Künste und Wissenschaften
»Und tausend Machenschaften!
»Der Wind weht –
»Das ist alles, was der Mensch versteht.«

Die Hauptbalken machte ich sechs Zoll dick. Die meisten Pfosten bearbeitete ich nur an zwei Seiten, die Bretter für die Decken und den Fußboden nur an einer Seite, die übrige Rinde ließ ich daran. Auf diese Weise wurden sie genau so gerade und bedeutend stärker als gesägte Bretter. Jeder Pfeiler wurde ordentlich eingezapft und verbolzt, denn ich hatte mir bereits andere Werkzeuge geborgt.

Mein Tagewerk im Walde pflegte nicht lange zu dauern, doch nahm ich gewöhnlich mein Mittagessen, bestehend aus Butter und Brot, mit mir hinaus. Mittags las ich, während ich mitten zwischen den abgeschnittenen Tannenzweigen saß, die Zeitung, in die ich meine Nahrung eingewickelt hatte. Ein harziger Duft teilte sich meinem Brot mit, denn meine Hände waren mit einer dicken Schicht Tannenharz bedeckt. Nach Beendigung meiner Arbeit war ich mehr zum Freund als zum Feind der Tannen geworden, obwohl ich einige von ihnen gefällt hatte. Bisweilen lockte der Schall meiner Axt einen Wandersmann herbei: dann schwätzten wir fröhlich, während die Späne rings den Boden bedeckten.

Ich hatte es durchaus nicht eilig mit meiner Arbeit, sondern suchte mich so viel als möglich an ihr zu erfreuen. Ungefähr um die Mitte April war das Material für mein Haus so weit fertig, daß es zusammengesetzt werden konnte. Ich hatte bereits die Waldhütte des Irländers James Collins, der an der Fitchburg-Eisenbahn arbeitete, gekauft, um Bretter zu bekommen. James Collins' Hütte galt als ganz besonders schön. Als ich zur Besichtigung bei ihm vorsprach, war er nicht zu Hause. Ich betrachtete seine Wohnung von außen, anfangs von den Insassen unbemerkt, denn das Fenster war hoch oben im Dache angebracht. Die Hütte war nur recht klein und hatte ein Giebeldach. Mehr gabs nicht zu sehen, denn der Schmutz lag wie ein Misthaufen fünf Fuß hoch rings herum. Das Dach sah noch am gesündesten aus, obwohl es auch schon durch die Sonne krumm gebogen und brüchig gemacht war. Eine Türschwelle gab es nicht, wohl aber unter dem Türbrett einen stets offenen Durchgang für die Hühner. Frau C. kam an die Haustür und ersuchte mich, die Besichtigung von innen vorzunehmen. Meine Annäherung trieb die Hühner hinein. Drinnen herrschte Dunkelheit; der Fußboden bestand zum größten Teil aus schmutziger Erde, war feucht, muffig, ein Fieberherd. Bald lag hier ein Brett, bald lag dort ein Brett – hätte man sie wegzunehmen versucht, sie wären zerbrochen. Die Frau zündete eine Lampe an, um mir zu zeigen, wie die Innenseite des Daches und der Wände beschaffen sei, und daß der Bretterfußboden sich bis unter das Bett erstreckte. Dabei warnte sie mich nicht in den Keller zu treten – in eine Art Kehrichtgrube von zwei Fuß Tiefe. Nach ihren eigenen Worten waren »die Dachbalken gut, alle übrigen Balken gut, war das Fenster gut«. Dieses hatte ursprünglich einmal aus zwei ganzen Scheiben bestanden, jetzt diente es der Katze als Tür. Es gab dort ferner einen Ofen, ein Bett, eine Sitzgelegenheit, einen goldgerahmten Spiegel, ein Kind, das in diesem Haus geboren war, einen seidenen Sonnenschirm und eine neue Patentkaffeemühle, die an einen Eichenpfosten genagelt war – voilà tout! Der Handel war bald abgeschlossen, denn James war inzwischen zurückgekehrt. Ich verpflichtete mich 4 Dollars und 25 Cents sofort an diesem Abend zu bezahlen. Er mußte dagegen sich verpflichten, das Anwesen bis spätestens zum nächsten Morgen fünf Uhr zu räumen und es mittlerweile an keinen anderen zu verkaufen: um sechs Uhr durfte ich den Besitz antreten. Es würde gut sein, sagte er, wenn ich mich frühzeitig einfinden würde, um gewissen unklaren, aber ganz unberechtigten Ansprüchen auf Bezahlung von Bodenzins und Feuerung zuvorzukommen. Andere Schulden waren, seiner Behauptung nach, nicht vorhanden. Am sechs Uhr traf ich ihn mit seiner Familie auf der Landstraße. Ein großes Bündel enthielt all ihre Schätze – Bett, Kaffeemühle, den Spiegel und die Hühner. Nur die Katze fehlte. Sie hatte sich in die Wälder begeben, wurde zur wilden Katze und geriet, wie ich später hörte, in eine für Murmeltiere gestellte Falle. Da ward sie eine tote Katze.

Ich brach die Waldhütte am gleichen Morgen ab und schaffte die Bretter, nachdem ich die Nägel herausgezogen hatte, in kleinen Karrenladungen zum Teichufer. Dort legte ich die Bretter nebeneinander aufs Gras, damit sie in der Sonne bleichen und sich zurückkrümmen konnten. Während ich den waldigen Pfad entlang wanderte, sang eine muntere Drossel mir ein paar ihrer Lieder. Ein junger Irländer verriet mir heimlicherweise, daß Nachbar Seeley, ebenfalls ein Irländer, die noch zum Einschlagen zu verwendenden, geraden Nägel, Haken und Bolzen in seine Tasche verschwinden ließe, sobald ich mit meinem Karren mich entfernt habe. Kam ich zurück, so stand er mit der unschuldigsten Miene da, wünschte mir guten Tag, und war mitten unter den Trümmern in Frühlingsstimmung. Für ihn gäbe es hier gar nichts zu tun, sagte er. Seine Anwesenheit repräsentierte das schaulustige Publikum. Er verhalf dazu, daß dieses scheinbar unbedeutende Ereignis so wichtig erschien wie der Auszug der Götter aus Troja.

Ich grub meinen Keller in die südliche Böschung des Hügels, wo früher einmal ein Murmeltier seine Höhle hatte, tief durch Sumach- und Brombeerwurzeln und durch die letzten Spuren von Vegetation. Er maß sechs Fuß im Quadrat und war sieben Fuß tief. Dort gab es feinen Sand, in welchem die Kartoffeln selbst in kalten Wintern nicht erfrieren. Die Seiten ließ ich abschüssig, wie sie waren, ohne sie auszumauern; da die Sonne sie nie beschienen hatte, blieb der Sand an seinem Platze. Die ganze Arbeit währte nur zwei Stunden. Gerade das Graben machte mir besondere Freude, denn in fast allen Zonen graben die Menschen in die Erde, um eine gleichmäßige Temperatur zu erhalten. Selbst unter dem elegantesten Hause in der Stadt kann man stets einen Keller finden, der, wie in alter Zeit, zum Aufbewahren der Wurzeln dient, und der sich, selbst wenn der Oberbau schon längst verschwunden ist, der Nachwelt durch eine Vertiefung im Erdboden verrät. Das Haus ist noch immer nichts anderes als eine Art Vorhalle beim Eingang in die Grube.

Endlich errichtete ich anfangs Mai den Rohbau meines Hauses. Wenn ich dazu die Hilfe einiger Bekannten benutzte, so geschah das mehr, weil ich eine solch günstige Gelegenheit mich als guter Nachbar zu erweisen, benutzen wollte, als aus Notwendigkeit. Kein Mensch ward je mehr durch das Ansehen seiner Mitarbeiter geehrt als ich. Ich hoffe zuversichtlich, daß sie dazu bestimmt sind, später einmal stolzere Bauten zu errichten. Am vierten Juli zog ich, sobald Fußboden und Dach fertig gestellt waren, in mein Haus ein. Alle Bretter waren mit Sorgfalt schräg zugeschnitten. Sie wurden derart übereinander gelegt, daß Regen absolut nicht durchdringen konnte. Ehe ich jedoch den Boden dielte, legte ich an einer Seite den Grund zu einem Kamin. Ich trug zu diesem Zwecke zwei Karrenladungen Steine auf den Armen vom Teich zu meinem Hügel herauf. Den Kamin baute ich im Herbst, als ich mit dem Hacken meiner Saat fertig war, noch ehe ich eines wärmenden Feuers bedurfte. Mittlerweile kochte ich in aller Morgenfrühe im Freien auf dem Erdboden. Dies Verfahren ist meiner Ansicht nach in mancher Beziehung bequemer und angenehmer als das übliche. Gab es Regen und Wind, bevor mein Brot gebacken war, so befestigte ich einige Bretter über dem Feuer, setzte mich darunter, gab acht auf das Brot und verbrachte auf solche Weise einige angenehme Stunden. An diesen Tagen, wo meine Hände viel zu tun hatten, las ich nur wenig. Doch der kleinste Papierfetzen, der am Boden lag und der mir zum Anfassen des Kochtopfes oder auch als Tischtuch diente, verschaffte mir gerade so viel Unterhaltung, ja entsprach seinem Zweck tatsächlich gerade so gut wie die Ilias.

Es wäre schon der Mühe wert, wenn man beim Bauen noch viel überlegter als ich vorginge, wenn man z. B. in Erwägung zöge, inwiefern eine Tür, ein Fenster, ein Keller, eine Bodenkammer durch die Natur des Menschen begründet sind, wenn man nur dann einen Oberbau errichten würde, wenn ein triftigerer Grund als unser momentanes Bedürfnis vorhanden wäre. Der Mensch soll sein Haus ganz nach seinen Bedürfnissen schaffen wie der Vogel sein Nest. Wenn die Menschen ihr Haus mit ihren eigenen Händen bauen und harmlos und ehrlich sich und ihre Familien mit Nahrung versorgen würden, wer weiß, ob da nicht die poetische Ader allgemein sich entwickeln würde! Singen nicht die Vögel überall bei dieser Arbeit? Doch ach! Wir gleichen dem Kuhvogel und dem Kuckuck, die ihre Eier in Nester legten, die andere Vögel bauten. Und dabei erfreuen sie den Wanderer durch ihr Geschwätz und ihre unmusikalischen Töne durchaus nicht. Wollen wir denn für alle Zeit das Vergnügen des Bauens dem Zimmermann überlassen? Was ist Architektur in den Augen der großen Masse? Nie traf ich auf meinen zahlreichen Spaziergängen einen Menschen, der sich der einfachen und natürlichen Beschäftigung sein eigenes Haus zu bauen, widmete. Wir gehören dem Gemeinwesen. Nicht nur der Schneider macht den Mann, sondern auch der Geistliche, der Kaufmann und der Farmer. Wo wird diese Arbeitsteilung enden? Welchem Zweck dient sie schließlich? Allerdings – ein anderer kann auch für mich denken. Trotzdem ist es durchaus nicht wünschenswert, daß er dies in einem solchen Maße besorgt, daß mein selbständiges Denken gänzlich ausgeschlossen wird.

Es ist wahr: es gibt sogenannte Architekten in diesem Lande. Wenigstens von einem hat man mir erzählt, daß ihm, gleich einer Offenbarung der Gedanke gekommen sei, architektonischen Ornamenten einen inneren Gehalt von Wahrheit, Berechtigung und daher auch von Schönheit zu verleihen. Das war alles von seinem Standpunkt aus vielleicht ganz gut, und doch nur wenig besser als der allgemeine Dilettantismus. Dieser sentimentale Reformator der Architektur begann oben am Gesims, nicht beim Fundamente. Für ihn handelte es sich nur darum, in die Ornamente einen Kern von Wahrheit hineinzulegen, damit jedes Stückchen Zuckerzeug seine Mandel oder seinen Anissamen enthalte – ich glaube übrigens, daß Mandeln ohne Zucker gesunder sind – und nicht darum, daß der Bewohner, der Inwohner, nach innen und nach außen der Wahrheit gemäß baue und die Ornamente sich selbst überlasse. Welcher vernünftige Mensch hat je geglaubt, daß Ornamente etwas Äußerliches, nur in der Haut Befindliches seien, daß die Schildkröte ihr gestecktes Schild, daß die Auster ihren Perlmutterglanz durch ein ähnliches Verfahren erlangte, wie die Bewohner des Broadway ihre Trinitatiskirche? Der Mensch hat aber ebensowenig mit dem architektonischen Stil seines Hauses zu tun, wie die Schildkröte mit der Zeichnung ihres Gehäuses. Auch braucht der Soldat sich nicht damit zu plagen, die Farbe seines Mutes auf seine Fahne zu malen. Der Feind wird sich darüber schon Klarheit verschaffen. Wer weiß, ob der Soldat nicht erblaßt, wenns zur Feuerprobe kommt. Dieser Architekt schien mir, über das Gesims gelehnt, zaghaft seine Halbwahrheiten den unwissenden Einwohnern zuzuflüstern, die in Wirklichkeit die Sache besser verstanden als er. Die architektonische Schönheit, die ich jetzt sehe, ist meines Wissens allmählich von innen herausgewachsen, heraus aus den Bedürfnissen und der Eigenart des Inwohners, als welcher der alleinige Erbauer ist – heraus aus unbewußter Wahrhaftigkeit und Vornehmheit, ohne daß je auf die äußerliche Wirkung Rücksicht genommen wurde. Sollte der Schönheit von dieser Art eine Weiterentwicklung bestimmt sein, so wird ihr eine gleichfalls unbewußte Schönheit des Lebens vorangehen. Die interessantesten Wohnstätten in diesem Lande sind, wie der Maler weiß, die anspruchslosesten: die bescheidenen Blockhütten und Häuschen der Armen zumeist. Das Leben der Einwohner, das sich in diesem Gehäuse abspielt, nicht irgend eine Eigentümlichkeit an der Außenseite macht sie pittoresk. Ebenso interessant wird der »Kasten« des Städters in der Vorstadt sein, wenn sein Leben einen einfachen und wohltuenden Eindruck macht, wenn er die architektonische Wirkung seines Hauses ebensowenig forciert wie der Arme. Architektonische Ornamente sind zum großen Teil buchstäblich hohl. Ein kräftiger Septemberwind fegt sie fort, wie geborgte Federn, ohne dem Gesamtbild Schaden zuzufügen. Wer weder Oliven noch Wein im Keller hat, kann sich ohne »Architektur« behelfen. Was würde geschehen, wenn man gerade so viel Aufhebens um die Schnörkeleien in der Literatur machen würde, wenn die Baumeister unserer Bibeln gerade so viel Zeit auf das Beiwerk verwendet hätten, wie die Baumeister unserer Kirchen? So macht man belles-lettres und beaux-arts und ihre Professoren. Aber natürlich für den Menschen ist es von großer Wichtigkeit, wie ein paar Holzlatten über ihm und unter ihm gelegt, und was für Farben auf seinen Kasten geschmiert sind! Ja, hätte er eigenhändig und nach reiflicher Überlegung das Legen und das Anstreichen besorgt – dann könnte man wenigstens irgend etwas von Bedeutung darin sehen. Doch da der Geist aus dem Bewohner entflohen ist, so ist die Herstellung des Hauses gleichbedeutend mit der des Sarges – eine Grabarchitektur, und die Bezeichnung »Zimmermann« nur ein anderer Ausdruck für den »Sargfabrikanten«. Ein Mensch hat einmal aus Verzweiflung oder aus Gleichgültigkeit gegen das Leben gesagt: »Nimm eine Handvoll von der Erde zu Deinen Füßen und bemale Dein Haus mit dieser Farbe.« Dachte er an sein letztes und enges Haus? Das mögen die Würfel entscheiden! Welchen Überfluß an Muße muß er haben! Wozu die Handvoll Erde? Du tust besser daran, Dein Haus nach Deiner eigenen Gesichtsfarbe anzustreichen! Laß es statt Deiner erblassen und erröten. Das wäre so ein Unternehmen, um den architektonischen Stil unsrer Landhäuser zu verbessern! Wenn Ihr meine Ornamente fertig habt, will ich sie anbringen.

Bevor der Winter kam, baute ich einen Kamin und bedeckte die Seiten meines Hauses, die bereits für den Regen undurchdringlich waren, mit Schindeln, mit mangelhaften, noch grünen Schindeln. Sie waren ein Produkt des ersten Sägeschnittes durch das Holz; ihre Ränder mußte ich mit dem Hobel glätten.

Ich habe somit ein dicht geschindeltes und verputztes Haus, zehn Fuß breit, fünfzehn Fuß lang und acht Fuß hoch, mit einer Bodenkammer und einem Wandschrank, mit einem breiten Fenster an jeder Seite, mit einer Falltür, einer Eingangstür und einem Backsteinkamin. Da ich für das verwendete Material den gewöhnlichen Durchschnittspreis bezahlte, betrugen die genauen Kosten meines Hauses, uneingerechnet die Arbeit, die ich selbst verrichtete:

Bretter (meistens Hüttenbretter) Dollar 8,03 ½
Ausschußschindeln für Dach und Seitenflächen, " 4,–
Latten " 1,25
Zwei Fenster mit Glas (aus zweiter Hand) " 2,43
Ein Tausend alte Backsteine " 4,–
Zwei Faß Kalk (das war teuer!) " 2,40
Haare (mehr als ich brauchte) " 0,31
Eiserner Kaminmantel " 0,15
Nägel " 3,90
Türangeln und Schrauben " 0,14
Türgriff " 0,10
Kreide " 0,01
Fuhrlohn
(ich trug das Meiste auf meinem Rücken)
" 1,40
    ______
Summa: Dollar 28,12 ½

Ich führe die Einzelpreise an, weil die wenigsten Menschen imstande sind zu sagen, was ihr Haus kostete, weil fast niemand die einzelnen Beträge für die verschiedenen Materialien, aus denen es zusammengesetzt ist, anzugeben vermag.

Das also war das Material, abgesehen von Bauholz, Steinen und Land; diese Dinge nahm ich mit dem Recht des Ansiedlers für mich in Anspruch. Ich baute außerdem noch einen kleinen Holzverschlag, zu welchem ich hauptsächlich das beim Hausbau übriggebliebene Holz benutzte.

Ich beabsichtige mir ein Haus zu zimmern, das jedes andere an der Hauptstraße in Concord gelegene an Vornehmheit und Luxus übertrifft, sobald es mir so gut gefällt und nicht mehr kostet als mein jetziges.

Auf diese Weise fand ich, daß der Gelehrte, der gern eine Wohnstätte besitzen möchte, sich eine solche auf Lebenszeit zu einem Preis verschaffen kann, der die von ihm gezahlte Jahresmiete nicht übersteigt. Wenn ich mehr zu prahlen scheine, als sich für mich schickt, so kann ich mich damit entschuldigen, daß ich mich mehr im Interesse der Menschheit als meines Ichs brüste. Meine Schwächen und meine Unbeständigkeit haben nichts mit der Wahrheit meiner Behauptung gemeinsam. Trotz aller Heuchelei und Scheinheiligkeit – Spreu, die ich nur mühsam von meinem Weizen zu trennen vermag, deren Vorhandensein ich aber so sehr beklage wie nur irgend einer – will ich in dieser Hinsicht frei atmen und mich recken und strecken können. Das ist eine große Wohltat für den Geist und den Körper. Ich bin fest entschlossen, nicht aus demütiger Bescheidenheit zum Anwalt des Teufels zu werden. Ich werde immer bemüht sein, für die Wahrheit ein gutes Wort einzulegen.

In der Universitätsstadt Cambridge kostete die Miete eines Studentenzimmers, das kaum größer ist als das meinige, allein schon 305 Dollar für das Jahr, obwohl die Gesellschaft den Vorteil hatte, 32 Zimmer nebeneinander und unter einem Dach zu errichten, während der Mieter die Unannehmlichkeit hat viele und lärmende Nachbarn dulden und eventuell im vierten Stockwerk wohnen zu müssen. Ich bin überzeugt, daß, wenn wir in dieser Hinsicht ein richtiges Wissen besäßen, nicht nur weniger Erziehung notwendig wäre – denn, wahrlich, wir hätten sie ja schon – sondern daß auch das pekuniäre Opfer für die Erziehung zum großen Teil wegfallen würde. Die Bequemlichkeiten, die der Student in Cambridge oder irgendwo sonst verlangt, kosten ihm oder einem anderen ein zehnmal größeres Opfer an Lebenszeit als bei vernünftigem Vorgehen von beiden Seiten nötig wäre. Die Dinge, für die am meisten Geld ausgegeben wird, sind niemals diejenigen, welche der Student am dringendsten gebraucht. Die Kollegiengelder, zum Beispiel, sind ein wichtiger Posten in der halbjährlichen Rechnung, während für die viel wertvollere Erziehung, welche er durch den Umgang mit den Gebildetsten seiner Zeitgenossen erhält, nichts bezahlt zu werden braucht.

Eine Universität wird meistens auf die Weise gegründet, daß man eine Subskription von Dollars und Cents eröffnet und dann, während man blindlings bis zum Äußersten den Grundsatz der Arbeitsteilung verfolgt – einen Grundsatz, der nur mit Vorsicht angewendet werden sollte – einen Unternehmer hinzuzieht, der daraus ein Spekulationsobjekt macht. Der stellt Irländer und andere Arbeiter an, damit sie den Grund legen, während die zukünftigen Studenten sich angeblich zum Besuch der Universität vorbereiten. Für solche Fehler haben dann die nachfolgenden Generationen zu büßen. Ich glaube, daß es sich für die Studenten oder diejenigen, welche derartige Institutionen mit Vorteil benutzen wollen, mehr empfehlen würde, selbst den Grund zu legen. Der Student, der die erwünschte Muße und Zurückgezogenheit dadurch gewinnt, daß er systematisch jeder für den Menschen notwendigen Arbeit aus dem Wege geht, verschafft sich nur eine unedle und uneinträgliche Muße, da er sich um die Erfahrung bringt, durch welche allein die Muße fruchtbringend wird. »Sie wollen aber doch nicht behaupten,« so wendet mir jemand ein, »daß die Studenten mit ihren Händen statt mit ihren Köpfen arbeiten sollen?« Das deckt sich allerdings nicht ganz mit dem, was ich sagen wollte, und doch meine ich etwas, was er für etwas sehr Ähnliches halten dürfte. Ich meine, sie sollten nicht Leben spielen oder nur studieren, während der Staat sie bei dieser teuren Spielerei unterstützt, sondern es ernstlich leben vom Anfang bis zum Ende. Wie können Jünglinge das Leben besser verstehen lernen als durch den Versuch? Es will mich bedünken, als ob hierdurch ihr Gehirn gerade so geübt würde wie durch Mathematik. Wenn ich zum Beispiel wünschte, daß ein Junge etwas von Kunst und Wissenschaft verstehe, so würde ich nicht der allgemeinen Regel folgen, d. h. ihn in die Nähe eines gelehrten Professors schicken, der alles lehrt, nur nicht Lebenskunst. Er lernt dort die Welt durch ein Teleskop oder durch ein Mikroskop, aber nie mit bloßem Auge betrachten, er studiert dort Chemie und weiß nicht wie Brot gebacken wird, er studiert dort Mechanik und weiß nicht, wie man Brot verdient; er entdeckt neue Trabanten des Neptun, aber nicht das Stäubchen in seinem eigenen Auge oder den Bummler, dessen Trabant er selbst ist. Er wird von Ungeheuern, die ihn rings umschwärmen, aufgefressen, während er die Ungeheuer in einem Tropfen Essig betrachtet. Wer wird am Schluß des Monats die größten Fortschritte gemacht haben, der Junge, der sein Taschenmesser selbst verfertigte, von dem Erze an, das er grub und schmolz, und der nur so viel las, als dazu nötig war – oder derjenige, welcher inzwischen Vorlesungen über Metallurgie an der Universität hörte und von seinem Vater ein Rogersches Federmesser geschenkt erhielt? Wer von beiden wird sich wahrscheinlich in den Finger schneiden? . . . Zu meinem Erstaunen erfuhr ich bei meinem Fortgang von der Universität, daß ich Schiffswesen studiert hatte! Und doch, wenn ich einen einzigen Spaziergang zum Hafen gemacht hätte, würde ich mir darüber reichere Kenntnisse erworben haben. Selbst der arme Student studiert und hört nur Nationalökonomie, während man sich zur Ökonomie des Lebens, die gleichbedeutend mit Philosophie ist, an unseren Universitäten nicht einmal ehrlich bekennt. Die Folge davon ist, daß der Student, während er eifrig Adam, Smith, Ricardo und Say studiert, seinen Vater unentrinnbar in Schulden stürzt.

Wie mit unseren Universitäten, so ist es mit hundert »modernen Verbesserungen«. Illusionen macht man sich über alles, ein positiver Vorteil ergibt sich jedoch nicht immer. Der Teufel verlangt Zinseszins für seine verliehenen Kapitalien bis zur letzten Abschlagszahlung. Unsere Erfindungen sind meistens niedliche Spielsachen, die unsere Aufmerksamkeit von ernsten Dingen ablenken. Sie sind nur verbesserte Mittel zu einem unverbesserten Zweck – zu einem Zweck, der auf die einfachste Weise von vornherein hätte erreicht werden können. Es ist kein Problem Eisenbahnen nach Newyork oder nach Boston zu bauen. Wir haben es sehr eilig eine telegraphische Verbindung zwischen Maine und Texas einzurichten. Aber Maine und Texas haben sich eventuell gar nichts Wichtiges mitzuteilen. Jedes dieser Länder befindet sich in derselben Lage wie jener Mann, der lebhaft wünschte einer vornehmen, tauben Dame vorgestellt zu werden. Als die Vorstellung erfolgte und das eine Ende ihres Hörapparates ihm in die Hand gegeben wurde, wußte er nichts zu sagen. Als ob es die Hauptsache wäre, schnell zu sprechen statt vernünftig. Wir bemühen uns eifrig, eine telegraphische Verbindung durch den Atlantischen Ozean herzustellen und die Alte Welt der Neuen um einige Wochen näher zu bringen. Die erste Nachricht aber, die auf diese Weise in das breite, amerikanische Klapprohr hineintröpfelt, lautet vielleicht: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten. Kurz und gut – der Mann, dessen Pferd in der Minute eine Meile läuft, braucht darum noch nicht die wichtigsten Nachrichten mitzubringen. Er ist kein Evangelist, noch lebt er von Heuschrecken und wildem Honig. Ich glaube, daß das Rennpferd »Flying Childers« nie einen Sack voll Roggen zur Mühle getragen hat.

Sagt mir da einer: »Ich wundere mich, daß Sie kein Geld zurücklegen! Sie haben am Reisen Freude. Sie können die Eisenbahn benutzen, heute nach Fitchburg fahren und das Land kennen lernen.« Da bin ich denn doch klüger. Ich weiß aus Erfahrung, daß derjenige, welcher zu Fuß geht, am schnellsten reist. Ich sage zu meinem Freunde: »Laß uns einmal versuchen, wer zuerst hinkommt: dreißig Meilen beträgt die Entfernung, neunzig Cents ist der Fahrpreis. Das ist fast ein Taglohn. Ich kann mich noch recht gut erinnern, daß hier, gerade an dieser Eisenbahnlinie, die Arbeiter sechzig Cents pro Tag erhielten. Also gut: ich gehe jetzt zu Fuß und treffe dort vor Anbruch der Nacht ein. Ich habe wochenlang solche Märsche gemacht. Sie werden sich inzwischen das Fahrgeld verdienen und dort zu irgend einer Zeit morgens oder vielleicht auch noch heute Abend eintreffen, vorausgesetzt, daß Sie Glück haben und sofort eine Beschäftigung finden. Anstatt nach Fitchburg zu gehn, arbeiten Sie fast den ganzen Tag. Darum glaube ich auch, daß ich Ihnen, selbst wenn die Eisenbahn die ganze Welt umspannen würde, immer voraus sein würde. Was aber die Kenntnisnahme vom Lande und andere Erfahrungen anbetrifft – ja, da könnte ich mit Ihnen überhaupt nicht weiter verkehren.«

Das ist das allgemeine Gesetz. Keines Menschen Witz kann es umgehen, und in Bezug auf die Eisenbahn können wir sagen: es ist so breit wie lang. Eine Eisenbahn um den ganzen Erdball bauen, die für jedermann zur Benutzung frei wäre, hieße die gesamte Oberfläche unseres Planeten planieren. Die Menschen ahnen dunkel, daß, wenn sie eifrig und lange genug Aktiengesellschaften und Schaufeln gebrauchen, schließlich jedermann in fast gar keiner Zeit und umsonst irgendwohin fahren kann. Und wenn auch die Menge zum Bahnhof eilt, wenn auch der Schaffner »Einsteigen« ruft, so wird doch, nachdem der Rauch sich verzogen hat und der Dampf verweht ist, sich zeigen, daß nur wenige fahren, die übrigen dagegen überfahren werden. Man pflegt das »ein trauriges Ereignis« zu nennen. Zweifellos können diejenigen schließlich reisen, die ihr Fahrgeld verdient haben – das heißt, wenn sie lange genug am Leben bleiben. Möglicherweise aber haben sie inzwischen ihre Elastizität und Reiselust eingebüßt. Daß man die besten Jahre des Lebens dem Gelderwerb opfert, um sich in den minder wertvollen Jahren einer fragwürdigen Freiheit zu erfreuen, erinnert mich an jenen Engländer, der nach Indien ging, sich dort ein Vermögen verdienen wollte, um nach England zurückzukehren und dort ein Dichterleben führen zu können. Er hätte nur von vornherein in eine Dachkammer ziehen sollen! »Was«, schreit eine Million Irländer aus allen Hütten im Land, »ist die Eisenbahn, die wir gebaut haben, nicht etwas Gutes?« »Ja«, antworte ich, »etwas relativ Gutes, d. h. Ihr hättet etwas Schlimmeres tun können! Ich aber wünsche, da Ihr ja meine Brüder seid, daß Ihr Eure Zeit zu etwas Besserem verwendet hättet als zum Wühlen im Schmutz.«

Bevor ich meinen Hausbau vollendete, bepflanzte ich, da ich gern zehn oder zwölf Dollar zur Deckung unvorhergesehener Ausgaben auf ehrliche und angenehme Weise verdienen wollte, einen Hektar leichten und sandigen Bodens in der Nähe meines Hauses mit Bohnen, zum kleinsten Teil auch mit Kartoffeln, Weizen, Erbsen und Rüben. Der ganze Besitz betrug 4⅖ Hektar, junge Fichten und weiße Walnußbäume bildeten den Hauptbestand. Der Grund und Boden wurde im vorigen Jahr für 20 Dollars 20 Cents pro Hektar verkauft. Ein Farmer meinte, er sei »zu nichts anderem gut, als piepende Eichhörnchen darauf zu züchten.« Da ich nicht der Besitzer, sondern nur der »Squatter« bin und da ich auch nicht beabsichtigte in Zukunft wieder so viel Land urbar zu machen, brachte ich überhaupt keinen Dünger hinauf. Auch grub ich nicht gleich alles um. Beim Pflügen kamen einige Klafter Holz zum Vorschein, die mich für lange Zeit mit Feuerung versorgten und kleine Kreise jungfräulicher Humusschicht hinterließen, welche während des Sommers durch das üppigere Wachstum der Bohnen sichtbar blieben. Das trockene und zum größten Teil unverkäufliche Holz hinter meinem Hause, sowie das Treibholz aus dem See ergänzten den Rest meines Brennmaterials. Ich mußte mir zum Pflügen ein Gespann und einen Mann mieten, obwohl ich den Pflug selbst führte. Meine Ausgaben für die Landwirtschaft – Geräte, Saat- und Arbeitslohn – betrugen im ersten Jahr 14 Dollars und 72½ Cents. Die Maissaat erhielt ich geschenkt. Die Kosten hierfür sind überhaupt nicht der Erwähnung wert, es sei denn, daß man mehr als genug pflanzt. Ich erntete zwei Scheffel Bohnen, achtzehn Scheffel Kartoffeln, außerdem Erbsen und süßen Mais. Der gewöhnliche Mais und die Rüben kamen nicht zur Reife, weil sie zu spät gepflanzt waren.

Mein Gesamteinkommen von der Farm betrug Dollar 23,44
Meine Ausgaben betrugen " 14,72 ½
  ______
Bleibt Rest 8,71 ½

Nicht eingerechnet ist sowohl der konsumierte als der noch vorhandene Ertrag. Zur Zeit, als dieser Rechnungsabschluß gemacht wurde, betrug der Wert des letzteren 4½ Dollars. Ich hätte auch noch etwas Gras ernten können, dadurch wäre aber mein Vorrat an Bargeld nicht wesentlich vermehrt worden. Alles in allem, d. h., wenn ich die Wichtigkeit der menschlichen Seele und des heutigen Tages in Rechnung ziehe, glaube ich, daß ich trotz der kurzen Zeit, die mir zu meinem Experiment zur Verfügung stand, ja, zum Teil gerade wegen der kurzen Dauer meines Experimentes, bessere Resultate erzielt habe, als irgend ein Farmer im Concord in diesem Jahre.

Im nächsten Jahre ging es jedoch noch besser, denn ich grub all das Land, das ich gebrauchte, um, – ungefähr den zehnten Teil eines Hektars. Ich ließ mich nicht im mindesten durch die vielen berühmten Werke über Landwirtschaft – das von Arthur Young war auch dabei – einschüchtern, und lernte durch die Erfahrung zweier Jahre, daß, wenn jemand einfach leben und nur das verzehren will, was er selbst baut, wenn jemand nicht mehr baut als er ißt und den Ertrag nicht gegen eine ungenügende Menge kostspieliger Luxussachen austauscht, er nur ein paar Quadratmeter Bodenfläche zu bepflanzen braucht. Ich erkannte ferner, daß es billiger ist das Land umzugraben, anstatt Ochsen zum Pflügen zu benutzen, ja, daß es auch billiger ist, von Zeit zu Zeit einen neuen Fleck Landes zu bebauen als den alten zu düngen, daß man alle notwendige Landarbeit sozusagen mit der linken Hand in Mußestunden zur Sommerzeit verrichten kann, ohne auf diese Weise an einen Ochsen, an ein Pferd, eine Kuh oder an ein Schwein gebunden zu sein, wie das heutzutage der Fall ist. Ich wünsche unparteiisch über diesen Punkt zu sprechen, als einer, der nicht an den Erfolg oder Mißerfolg der heutigen ökonomischen und sozialen Verhältnisse interessiert ist. Ich war unabhängiger als irgend ein Farmer in Concord, denn ich war nicht an ein Haus oder an eine Farm verankert. Ich konnte, im Gegenteil, den Stimmungen meines Genius, die oft genug wechseln, in jedem Augenblick folgen. Ganz abgesehen davon, daß ich bereits reicher war als sie, wäre ich, falls mein Haus abgebrannt und meine Ernte mißraten wäre, fast gerade so reich gewesen wie zuvor.

Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Menschen nicht so sehr die Herren ihrer Herden sind als die Herden die Herren der Menschen. Die Herden sind bei weitem freier. Menschen und Ochsen tauschen ihre Arbeit aus. Wenn wir aber nur die nötige Arbeit in Rechnung ziehen, so scheinen die Ochsen bedeutend im Vorteil zu sein: ihr Grundbesitz ist bei weitem größer. Der Mensch verrichtet einen Teil seiner Tauscharbeit in sechs Heuwochen, und das ist kein Kinderspiel. Ein Volk, das in jeder Beziehung einfach lebt, d. h. ein Volk von Philosophen, würde sicherlich nicht den großen Fehler begehen und die Arbeit von Tieren verwerten. Allerdings – es gab nie ein Volk von Philosophen und es ist nicht wahrscheinlich, daß es bald eines geben wird. Ich bin auch durchaus nicht sicher, ob das wünschenswert wäre. Das aber weiß ich: ich würde nie ein Pferd oder einen Stier abrichten und in Kost nehmen für irgend welche Arbeit, die sie für mich tun könnten, schon aus Angst davor, daß ich zum bloßen Pferdeknecht oder Viehhüter werden könnte. Und wenn die menschliche Gesellschaft zu gewinnen scheint, indem sie es tut, sind wir dann auch sicher, daß, was für den einen Gewinn bringt, nicht für den andern Verlust bedeutet, daß der Stalljunge aus demselben Grunde zufrieden ist wie sein Herr? Zugegeben, daß einige öffentliche Arbeiten nicht ohne diese Hilfe hätten ausgeführt werden können – der Mensch möge den Ruhm davon mit Ochsen und Pferden teilen – folgt daraus, daß er in diesem Falle nicht Werke hätte vollenden können, die seiner selbst noch würdiger gewesen wären? Wenn die Menschen anfangen, mit Hilfe der Tiere nicht nur unnötige oder künstliche, sondern auch törichte Luxusarbeit zu verrichten, so ist es unvermeidlich, daß einige von ihnen alle Arbeit mit den Ochsen austauschen, oder mit anderen Worten, die Sklaven des Stärksten werden. So arbeitet der Mensch nicht nur für das Tier, das in ihm wohnt, sondern – symbolisch – auch für das Tier außer ihm. Obwohl wir in diesem Orte viele festgebaute Häuser aus Sandstein oder Ziegelstein haben, wird doch der Wohlstand des Farmers immer noch darnach eingeschätzt, wie hoch der Stall das Haus überragt. In diesem Stadtbezirk hier sollen sich die größten Häuser für Ochsen, Kühe und Pferde befinden, und dabei stehen seine öffentlichen Gebäude auf der Höhe der Zeit. In diesem Lande gibt es dagegen nur sehr wenige Hallen für freien Gottesdienst oder für freie Rede. Wäre es nicht wünschenswerter, daß die Völker, anstatt durch ihre Architektur, vielmehr durch die Kraft des abstrakten Gedankens ein Denkmal sich errichteten? Wie viel mehr muß man die Bhagavad-Gitâ bewundern als alle Ruinen des Morgenlandes! Türme und Tempel sind die Luxusgegenstände der Fürsten. Ein einfacher und unabhängiger Charakter plagt sich nicht auf Befehl eines Fürsten ab. Das Genie ist kein Hofschranze und sein Material besteht nicht in Silber oder Gold oder Marmor, jedenfalls nur zum kleinsten Teil. Wozu, um des Himmels willen, wird so viel Stein verarbeitet? In Arkadien sah ich zur Zeit meines Aufenthaltes niemand, der Steine klopfte. Die Völker sind von dem wahnsinnigen Ehrgeiz ergriffen ihr Andenken durch einen Haufen behauener Steine zu erhalten. Wie wäre es, wenn sie sich ebensoviel Mühe gäben ihre Sitte zu glätten und zu polieren? Ein verständiger Gedanke ist denkwürdiger als ein Denkmal, das bis zum Monde reicht. Ich sehe Steine lieber an ihrem natürlichen Platze. Die Größe Thebens war eine gemeine Größe. Vernünftiger als das hunderttorige Theben, das weit vom wahren Zweck des Lebens abwich, sind ein paar Meter Mauerwerk, die eines ehrlichen Mannes Acker umgeben. Barbarische und heidnische Religion und Zivilisation haben prächtige Tempel gebaut. Das kann man vom sogenannten Christentum nicht behaupten. Die meisten Steine, die von einem Volk zugehauen werden, finden nur bei seinem Grabe Verwendung. Es begräbt sich selbst lebendig. Was die Pyramiden anbelangt, so erregt an ihnen nichts so sehr das Erstaunen als die Tatsache, daß sich so viele Menschen fanden, die verkommen genug waren ihr Leben zur Erbauung eines Grabes für irgend einen ehrgeizigen Hansnarren herzugeben. Besser und männlicher wäre es gewesen, man hätte den Tölpel in den Nil und seinen Leichnam hernach vor die Hunde geworfen. Ich könnte vielleicht für sie und für ihn eine Entschuldigung erfinden, aber ich habe keine Zeit dazu. Was die Religion und die Kunstliebe der Erbauer betrifft, so ist es auf der ganzen Welt einerlei, ob das Gebäude ein ägyptischer Tempel oder die Bank der Vereinigten Staaten ist. Es kostet mehr als es wert ist. Den Hauptantrieb bildet die Eitelkeit im Verein mit der Vorliebe für Knoblauch mit Butter und Brot. Mr. Balcom, ein vielversprechender junger Architekt, zeichnet den Entwurf mit hartem Bleistift und mit Lineal hinten auf seinen Vitruvius, und die Ausführung der Arbeit wird »Dobson und Sohn, Bauunternehmer«, übertragen. Wenn dann dreißig Jahrhunderte darauf herabblicken, fängt die Menschheit an daran hinaufzublicken. Noch ein Wort über Eure hohen Türme und Monumente: Es war einmal in dieser Stadt ein verrückter Bursche, der sich bis nach China durchgraben wollte. Er kam so weit, daß er, seiner Behauptung nach, die chinesischen Töpfe und Kessel klappern hören konnte. Ich werde keinen Umweg machen, um das Loch zu bewundern, das er grub. Viele beschäftigen sich mit Untersuchungen über die Monumente des Morgen- und des Abendlandes, wollen wissen, wer sie erbaute. Ich für meinen Teil möchte gern wissen, wer sie damals nicht baute – wer über solche Torheiten erhaben war. Doch ich will mit meiner Statistik fortfahren.

Da ich so viele Gewerbe treibe wie ich Finger habe, verdiente ich mir inzwischen im Dorfe durch Landvermessungen, Tischlerei und als Tagelöhner 13 Dollars und 34 Cents. Die folgende Zusammenstellung verzeichnet die Ausgaben für Nahrungsmittel im Verlauf von acht Monaten – vom 4. Juli bis zum 1. März – bis zu der Zeit also, wo dieser Rechnungsabschluß gemacht wurde. Ich erwähne nebenbei, daß ich länger als zwei Jahre hier lebte und daß ich Kartoffeln, eine kleine, von mir gezogene Quantität an grünem Mais und Erbsen ebensowenig in Rechnung ziehe, als das, was bei der letzten Zusammenstellung noch vorhanden war.

Reis Dollar 1,73 ½
Melassensirup (billigste Saccharinform) " 1,73
Roggenmehl " 1,04 ¾
Maismehl (billiger als Roggenmehl) " 0,99  ¾
Schweinefleisch " 0,22
Weizenmehl (kostet mehr Geld und Arbeit als Maismehl) " 0,88
 
Alles Experimente, die mißlangen:
Zucker " 0,80
Speck " 0,65
Äpfel " 0,25
Gedörrte Äpfel " 0,22
Süßkartoffeln " 0,10
Ein Kürbis " 0,06
Eine Wassermelone " 0,02
Salz " 0,03

Ja ich verzehrte tatsächlich alles in allem 8 Dollars und 74 Cents. Ich würde jedoch nicht ohne Erröten mein Vergehen veröffentlichen, wenn ich nicht wüßte, daß die meisten meiner Leser ebenso schuldig sind wie ich, daß ihre Taten – gedruckt – keineswegs besser aussehen würden als die meinen. Im nächsten Jahre fing ich mir ab und zu ein Gericht Fische für mein Mittagessen, ja einmal ließ ich mich sogar dazu verleiten, ein Murmeltier, das mein Bohnenfeld verwüstet hatte, zu schlachten – eine Tartar würde sagen: seine Seelenwanderung zu veranlassen – und es zu verzehren, schon des Versuches wegen. Ich hatte dadurch zwar, trotz des moschusartigen Geschmacks, einen momentanen Genuß, sah aber ein, daß ich mich selbst in langer Zeit nicht daran gewöhnen würde, selbst wenn der Schlachter im Dorf es noch so gut herrichten würde.

Kleidung und einige unvorhergesehene Ausgaben, über welche dieses »Item« indessen nur geringen Aufschluß gibt, kosteten Dollar 8,40 ¾
Öl und einige Haushaltungsgegenstände " 2,00

Wenn ich die Unkosten für Waschen und Flicken, was zum größten Teil außerhalb des Hauses besorgt wurde, nicht einrechne – die Rechnungen dafür sind übrigens bislang noch nicht eingelaufen – so betrugen meine Gesamtausgaben

Haus Dollars 28,12 ½
Landwirtschaft (ein Jahr) " 14,72 ½
Essen (8 Monate) " 8,74
Kleidung usw. (8 Monate) " 8,40 ¾
Öl usw. (8 Monate) " 2,00
______
Summa: Dollars 61,99 ¾

Und das sind alle, ja mehr als alle Wege, auf denen in diesem Teil der Welt das Geld notwendigerweise ausgegeben wird.

Ich wende mich nunmehr an diejenigen meiner Leser, die einen Lebensunterhalt erwerben wollen. Um mir meinen Unterhalt zu verdienen,

verkaufte ich die Erträgnisse meiner Farm für Dollars 23,44
nahm an Taglohn ein " 13,34
____
Summa: Dollars 36,78

Ziehe ich diesen Betrag von der Summe meiner Ausgaben ab, so ergibt sich ein Überschuß von Dollars 25,21¾ d. h. ein Betrag, der fast genau meinem ursprünglichen Betriebskapital entsprach. Außerdem aber besaß ich, abgesehen von Muße und Unabhängigkeit und Gesundheit, ein bequemes Haus, das ich, solange als es mir gefiel, bewohnen konnte.

Wenn diese Rechnungsablage auch individuell und daher nicht instruktiv erscheinen mag, so hat sie doch eine gewisse Vollständigkeit und daher auch einen gewissen Wert. Nichts wurde mir zu teil, über das ich nicht Rechenschaft abgelegt hätte. Aus der vorhergehenden Zusammenstellung ist ersichtlich, daß meine Nahrung allein mich an Bargeld ungefähr 27 Cents wöchentlich kostete. Sie bestand fast zwei Jahre lang nach diesem Zeitpunkt aus Roggen- und Weizenmehl ohne Hefe, aus Kartoffeln, Reis, einer kleinen Menge gesalzenen Schweinefleisches, Melasse, Salz und Trinkwasser. Ich wäre eigentlich der Mann gewesen, der ganz von Reis hätte leben sollen, da ich die Philosophie Indiens so sehr liebe. Um den Einwänden einiger verknöcherter Sophisten zuvorzukommen, will ich gleich von vornherein betonen, daß ich bisweilen auswärts aß – das war von jeher meine Gewohnheit und ich hoffe, Gelegenheit zu haben, es wieder zu tun –, daß dadurch aber meine Hausordnung häufig benachteiligt würde. Da das Auswärtsessen jedoch, wie ich schon sagte, ein konstanter Faktor war, wird diese vergleichende Zusammenstellung dadurch nicht im mindesten beeinflußt.

Ich lernte durch meine zweijährige Erfahrung, daß es selbst unter diesem Breitengrade unglaublich wenig Mühe macht, sich seine notwendige Nahrung zu verschaffen, daß der Mensch eine so einfache Diät wie das Tier gebrauchen und doch Gesundheit und Stärke behalten kann. Ich stellte mir ein befriedigendes Mittagessen her – befriedigend in verschiedener Hinsicht –, welches aus einem Gericht Portulak (Portulaca oleracea) bestand, den ich in meinem Maisfeld sammelte, kochte und salzte. Ich setze den lateinischen Namen hinzu, weil die landläufige Bezeichnung sofort Wohlgeschmack erweckt. Was kann denn, um des Himmels Willen, ein verständiger Mensch in Friedenszeiten am Alltag mehr verlangen als eine genügende Anzahl süßer und grüner gekochter Maiskolben und etwas Salz dazu? Selbst die kleine Abwechslung, die ich mir gestattete, war ein Zugeständnis an die Ansprüche des Appetits, nicht an die der Gesundheit. Doch die Menschen sind schon in solch traurige Zustände gekommen, daß sie oft verhungern, nicht weil die notwendigen Lebensmittel, sondern weil die Leckerbissen fehlen. Ich kenne eine brave Frau, die da glaubt, daß ihr Sohn starb, weil er nur Wasser trank.

Der Leser merkt schon, daß ich den Gegenstand mehr vom ökonomischen als vom diätetischen Standpunkte aus behandle, und er wird es nicht wagen, meine Enthaltsamkeit auf die Probe zu stellen, es sei denn, daß er eine wohlgefüllte Speisekammer besitzt.

Brot machte ich zuerst aus reinem Maismehl und Salz. Ich pflegte echte Reismehlkuchen über meinem Feuer im Freien auf einer Schindel oder auf einem Stück abgesägten Bauholzes, das beim Hausbau übrig geblieben war, zu backen. Sie wurden jedoch regelmäßig rauchig und hatten einen harzigen Geschmack. Ich versuchte es auch mit Weizenmehl. Schließlich fand ich aus, daß ein Mischung von Roggen- und Maismehl am zweckmäßigsten und angenehmsten sei. Bei kaltem Wetter war es kein kleines Vergnügen, mehrere dieser kleinen Laibchen nacheinander zu backen, wobei ich sie so sorgsam hütete und drehte wie der Ägypter seine Bruteier. Es waren wirkliche cereale Früchte, die ich zur Reife brachte. Sie hatten für mich einen Duft wie andere edle Früchte. Ich bewahrte sie, in Tücher gewickelte, so lang wie möglich. Ich studierte die antike und unentbehrliche Kunst der Brotbereitung und zog die Autoritäten, die mir zu Gebote standen, zu Rate. Ich ging bis zu den ältesten Zeiten, bis zur ersten Erfindung der ungesäuerten Art zurück, bis zu jenen Zeiten, wo die Menschen an die Stelle einer groben Ernährung durch Nüsse und Fleisch diese milde und feine Diät setzen. Ich studierte das ganze Gebiet: zuerst das zufällige Sauerwerden des Teiges, wodurch vermutlich der Gärungsprozeß entdeckt wurde, sodann die verschiedenen Gärungsverfahren und schließlich die Bereitung des »guten, süßen, gesunden Brotes«, das da ist der Stab des Lebens. Hefe, welche von manchem für die Seele des Brotes gehalten wird, für den »Spiritus«, der des Brotes Zellengewebe erfüllt, und die ängstlich gehütet wird wie das vestalische Feuer – eine Flasche, voll dieses kostbaren Stoffes, die vermutlich an Bord der »Mayflower«»Mayflower« hieß das Schiff, auf welchem die ersten puritanischen Einwanderer aus England nach Massachusetts kamen. herübergebracht wurde, versorgte Amerika, und ihre Wirkung steigt, schwillt an und breitet sich immer mehr in Getreidewellen über das Land aus – diesen Samen also verschaffte ich mir regelmäßig und getreulich aus dem Dorfe, bis ich schließlich eines Morgens die Regeln außer acht ließ und meine Hefe verbrühte. Durch diesen Zufall entdeckte ich, daß auch sie nicht unumgänglich notwendig sei – denn meine Entdeckungen wurden nicht durch das synthetische, sondern durch das analytische Verfahren gemacht – und seit diesem Tage habe ich sie zu meiner Freude nicht mehr verwendet, obwohl mir viele Hausfrauen allen Ernstes zu beweisen suchten, daß es ein unschädliches und gesundes Brot ohne Hefe nicht gäbe, während alte Leute einen raschen Verfall meiner Lebenskräfte voraussagten. Dennoch bin ich der Ansicht, daß die Hefe keinen wesentlichen Bestandteil bildet. Auch bin ich, trotzdem ich sie ein Jahr lang nicht verwendete, noch immer im Lande der Lebenden. Ich freue mich sogar der öden Plage entronnen zu sein, in meiner Tasche eine Flasche tragen zu müssen, die manchmal zu meinem großen Ärger loszupuffen und ihren Inhalt umherzuspritzen pflegte. Einfacher und würdiger ist es solche Dinge zu unterlassen. Der Mensch ist ein Tier, das sich besser als irgend ein anderes Wesen an alle Klimate und Verhältnisse anpassen kann. Auch setzte ich weder Salz, Soda, noch andre Säuren oder Alkalien zu meinem Brot. Wie es scheint, arbeitete ich nach einem Rezept, das Marcus Portius Cato zwei Jahrhunderte vor Christi Geburt zusammenstellte: »Panem depsticium sic facito. Manus mortariumque bene lavato. Farinam in mortarium indito, aquae paulatim addito, subigitoque pulchre. Ubi bene subegeris, defingito, coquitoque sub testu. Meiner Ansicht nach heißt das: »Mache folgendermaßen geknetetes Brot: Wasche Deine Hände und den Backtrog gut. Schütte das Mehl in den Backtrog und knete es unter allmählichem Wasserzusatz gründlich. Wenn Du es gut geknetet hast, forme es und backe es unter einem Deckel,« d. h. in einem Backofen. Hefe wird mit keinem Wort erwähnt. Aber ich benutzte nicht immer diesen Stab des Lebens. Einmal bekam ich wegen der Leere meines Geldbeutels länger als einen Monat nichts davon zu sehen.

Jeder Neuengländer könnte leicht seinen ganzen Brotbedarf in diesem Lande voll Roggen und Mais selbst ernten und brauchte nicht von einem weit entlegenen und schwankenden Markte abzuhängen. Doch so sehr sind wir von Einfachheit und Unabhängigkeit entfernt, daß – in Concord – frisches Maismehl selten in den Läden verkauft wird, grobes Maismehl und ungemahlener Mais überhaupt selten von jemandem benutzt werden. Meistens gibt der Farmer seinen Kühen und Schweinen das selbst gezogene Getreide und kauft teuereres, aber sicher nicht gesünderes Mehl im Laden. Ich sah, daß ich leicht ein paar Scheffel Roggen oder Mais bauen konnte, denn Roggen wächst selbst auf dem magersten Land, und Mais bedarf nicht des besten Bodens. Ich erkannte ferner, daß ich das Getreide eigenhändig in einer Sandmühle mahlen und somit ohne Reis und Schweinefleisch existieren konnte. Und da ich irgend einen konzentrierten Stoff zum Süßen haben mußte, fand ich durch mein Experimentieren, daß ich einen ausgezeichneten Syrup entweder aus Kürbissen oder aus Rüben herstellen konnte. Ich wußte auch, daß ich nur ein paar Ahornbäume zu pflanzen brauchte, um ihn mir noch leichter zu verschaffen. Während sie heranwuchsen, hätte ich noch manche andere Ersatzmittel außer den bereits erwähnten benutzen können. »Denn,« so sangen unsere Vorfahren:

»Wir brauen Liköre nach unserem Belieben
»Aus Walnußbaumrinde, aus Kürbis und Rüben.«

Was schließlich das Salz betrifft, das gröbste der Gewürze, so bietet sich mir ein Anlaß an die See zu reisen, um es zu holen. Wenn ich es aber überhaupt nicht gebrauche, so werde ich wahrscheinlich desto weniger Wasser trinken. Meines Wissens haben die Indianer sich niemals um den Besitz von Salz bemüht.

Ich könnte also alles Handeln und Tauschen vermeiden, soweit meine Nahrung in Betracht kommt, und da ich bereits eine Wohnstätte habe, bleibt mir nur übrig, Kleidung und Feuerung zu besorgen. Die Hosen, die ich jetzt trage, wurden in einer Farmerfamilie gewebt, – dem Himmel sei Dank, daß noch so viel Tugend in der Menschheit lebt. Meines Erachtens ist der Fall vom Landmann zum Fabrikarbeiter gerade so groß und bemerkenswert, wie der des Menschen zum Landmann. In einem neuen Lande gibt es Feuerung im Überfluß. Wenn man mir nicht mehr gestatten würde als »Squatter« zu leben, so könnte ich, was den Wohnsitz betrifft, ungefähr ⅗ Hektar zu demselben Preis kaufen, um welchen das Land, das ich bebaue, verkauft wurde – nämlich um 8 Doll. und 8 Cts. Unter den obwaltenden Verhältnissen bin ich jedoch der Ansicht, daß ich als »Squatter« den Wert des Landes erhöhe.

Es gibt eine gewisse Kategorie von Ungläubigen, die bisweilen fragen, ob ich glaube von Pflanzenkost allein leben zu können. Und um das Problem gleich bei der Wurzel anzupacken – denn die die Wurzel ist Glaube – pflege ich zu antworten, daß ich auch von Bretternägeln leben könne. Wenn sie das nicht begreifen, dann begreifen sie vieles nicht, was ich zu sagen habe. Ich für meine Person höre mit Freude, daß Versuche dieser Art bereits angestellt wurden, daß ein junger Mann z. B. 14 Tage lang von hartem, ungekochtem Mais, vom Felde gepflückt, zu leben versuchte, wobei ihm seine Zähne als Mühlsteine dienten. Das Geschlecht der Eichhörnchen machte das gleiche Experiment mit Erfolg. An diesen Versuchen ist das Menschengeschlecht interessiert, wenn auch ein paar alte Weiber, die zu solchen Dingen unfähig sind und ererbte Mühlenaktien besitzen, darüber in Aufregung geraten.

Meine Einrichtungsgegenstände, die ich mir zum Teil selbst anfertigte – das übrige, was ich bei meiner Zusammenstellung nicht berücksichtigte, kostete mich nichts – bestanden aus einem Bett, einem Schreibpult, drei Stühlen, aus einem 3 Zoll im Durchmesser großen Spiegel, aus einer Feuerzange und einem Rost, einem Kessel, einem Kochtopf, einer Bratpfanne, einem Schöpfer, einem Waschnapf, aus zwei Messern und zwei Gabeln, drei Tellern, aus einem Becher, einem Krug für Öl, einem Krug für Melasse und aus einer lakierten Lampe. Niemand ist so arm, daß er auf einem Kürbis sitzen muß. Das wäre Hilflosigkeit. Eins Menge solcher Stühle, wie ich sie gern mag, sind in den Dachkammern des Dorfes um das Forttragen zu haben. Möbel! Gott sei Dank! Ich kann sitzen und ich kann stehen ohne die Hilfe eines Möbelladens. Welcher Mensch, der kein Philosoph ist, würde sich nicht schämen, wenn er seine Möbel auf einen Karren gepackt und durch das Land gefahren sähe, dem Licht des Himmels und dem Auge der Menschheit ausgesetzt – »einen bettelhaften Prunk von leeren Büchsen«. Ich konnte niemals sagen, wenn ich solch eine Wagenladung sah, ob sie einem sogenannten reichen oder einem armen Mann gehörte. Der Besitzer schien mir mit Armut geschlagen. Wahrhaftig, je mehr solcher Dinge man besitzt, desto ärmer ist man. Jede Ladung sieht aus, als bestände sie aus dem Inhalt von einem Dutzend Hütten. Wenn aber eine Hütte arm ist, dann ist ein Dutzend ein dutzendmal so arm. Du lieber Himmel, warum ziehen wir denn überhaupt um? Doch nur um unsere Möbel, unsere exuviae los zu werden, um schließlich von dieser Welt in eine andere, neu eingerichtete zu wandern, und die alte zum Verbrennen zurückzulassen. Es ist gerade so, als ob dieser ganze Krempel an eines Mannes Gürtel geschnallt wäre, so daß er nicht durch dieses rauhe Land ziehen kann, wohin ihn sein Loos verschlagen hat, ohne ihn mitzuschleppen – seine Falle mitzuschleppen. Der Fuchs, der seinen Schwanz in der Falle ließ, konnte von Glück sagen. Die Moschusratte nagt sich drei Beine ab, um die Freiheit wieder zu gewinnen. Kein Wunder, daß die Menschen ihre Elastizität eingebüßt haben. Wie oft sitzen sie in der Patsche! »Gestatten Sie mir gütigst, mein Herr, Sie zu fragen: Was verstehen Sie unter dem Ausdruck »Patsche«? Wenn Du ein Seher bist, so siehst Du bei jeder Begegnung mit einem Menschen stets alles, was er besitzt, hinter ihm, ja sogar alles was er vorgibt zu besitzen, mitsamt seinem ganzen Küchengerät und mit all dem Plunder, den er sorgsam bewahrt und nicht verbrennen will. Vor dieses Gerümpel scheint er selbst gespannt zu sein und daran zu ziehen mit allen Kräften. Meiner Ansicht nach sitzt der Mensch in der Patsche, der durch ein Astloch oder durch ein Tor gekrochen ist und nun seine Schlittenladung Möbel nicht nachziehen kann. Ich fühle nur Mitleid, wenn ich höre, daß ein netter, wohlgebauter, scheinbar freier, mutiger Mann von seinen »Möbeln« spricht, und ob sie versichert sind oder nicht. »Doch was soll ich mit meinen Möbeln anfangen?« Mein lustiger Schmetterling hat sich in einer Spinne Netz verfangen. Selbst diejenigen, von denen man lange Zeit glaubte, sie hätten keine Möbeln, kann man bei genauem Nachforschen überführen, daß sie irgend etwas in irgend eines Mannes Scheune zum Aufbewahren gegeben haben. England von heutzutage kommt mir vor wie ein alter Herr, der mit einer Fülle von Gepäck reist, von Gerümpel, das sich während vieler Jahre in seinem Haushalt ansammelte und das zu verbrennen er nicht den Mut hat: großer Koffer, kleiner Koffer, Hutschachtel und Bündel. Wirf wenigstens die ersten drei beiseite! Es würde heutzutage die Kräfte eines gesunden Mannes übersteigen, wenn er mit seinem Bette auf den Schultern wandern wollte; ich würde daher einem Kranken dringend anraten, sein Bett liegen zu lassen und zu laufen. Jedesmal wenn ich einen Einwanderer sah, der dahinschwankte unter dem Bündel, das all sein Hab und Gut enthielt – es sah aus wie ein ungeheurer Buckel, der hinten aus dem Nacken herauswuchs – habe ich ihn bemitleidet, nicht weil das all seine Habe war, sondern weil er alles das zu schleppen hatte. Wenn ich schon meine Falle zu tragen habe, so will ich dafür sorgen, daß sie leicht ist und meine Lebenskräfte nicht wegschnappt.

Vielleicht wäre es aber doch am klügsten, seine Pfote überhaupt nicht hineinzustecken.

Ich möchte nebenbei bemerken, daß mich Vorhänge nichts kosten, denn ich brauche mich nur vor der Neugier von Sonne und Mond zu schützen und die können meinetwegen gern hineinschauen. Der Mond wird meine Milch nicht sauer machen und mein Fleisch nicht verderben, und die Sonne wird weder meinen Möbeln schaden, noch meinen Teppich bleichen und wenn sie bisweilen als allzu warme Freundin sich erweisen sollte, so halte ich es immerhin für noch vorteilhafter, sich hinter einen Vorhang zurückzuziehen, den die Natur geschaffen hat, als auch nur einen einzigen Gegenstand meiner Wohnungseinrichtung hinzuzufügen. Eine Dame bot mir einmal eine Matte an. Ich hatte aber keinen Platz dafür, auch weder drinnen noch draußen Zeit sie auszuklopfen. Darum lehnte ich das Anerbieten ab und zog vor, meine Füße auf dem Rasenboden vor meiner Haustür zu reinigen. Man fährt am besten, wenn man den Anfang des Übels vermeidet. Vor einiger Zeit wohnte ich einer Auktion bei: die Einrichtung eines Geistlichen wurde versteigert, der sich in seinem Leben gut einzurichten verstanden hatte. –

»Was Menschen Übels tun, das überlebt sie.«

Wie fast regelmäßig war es zum größten Teil Gerümpel, das schon zu seines Vaters Zeiten sich anzusammeln begonnen hatte. Unter anderm sah man dort auch einen getrockneten Bandwurm. Und jetzt, nachdem das Gelumpe ein halbes Jahrhundert auf dem Speicher oder in anderen Staubhöhlen gelegen hatte, wurde es nicht verbrannt. Anstatt eines Freudenfeuers, einer reinigenden Zerstörung, gab es eine Auktion, eine Vermehrung. Die Nachbarn waren voll Interesse zusammengekommen, um die Dinge anzuschauen. Sie kauften alles an und brachten es behutsam in ihre Speicher und Staubhöhlen, wo es liegen bleibt, bis ihr Nachlaß geordnet wird. Dann beginnt die Wanderschaft aufs neue. Jedesmal, wenn ein Mensch stirbt, wird der Staub von seinen Möbeln aufgewirbelt.

Es wäre vielleicht für uns von Nutzen, wenn wir die Sitten mancher wilden Völker nachahmten. Denn sie vollziehen alljährlich – wenigstens symbolisch – ihre Häutung. Dieser Vorgang existiert in ihrer Vorstellung, nicht in Realität. Wäre es nicht gut, wenn wir solch ein »Busk«, solch ein »Fest der Erstlinge« feierten, wie nach Bartrams Beschreibung die Mucclasse-Indianer zu veranstalten pflegten? »Wenn sie das Busk feiern,« so erzählt er, »schaffen die Einwohner zunächst neue Kleider, Töpfe, Pfannen und andere Haushaltungsgegenstände und Möbel für jedermann an. Dann werden alle alten Kleider und andere schmutzige Dinge zusammengeschleppt, die Häuser und Straßen gekehrt und geputzt und die ganze Stadt vom Schmutz gesäubert. Aller Schmutz wird darauf zugleich mit dem übrig gebliebenen Getreide und mit anderen alten Vorräten auf einen Haufen zusammengeschleppt und verbrannt. Nachdem die Einwohner Arznei genommen und drei Tage gefastet haben, wird jegliches Feuer in dem Städtchen ausgelöscht. Während der Fastenzeit darf weder der Appetit noch irgend eine Leidenschaft gestillt werden. Eine allgemeine Amnestie wird erlassen, alle Verbrecher dürfen ins Städtchen zurückkehren.«

»Am Morgen des vierten Tages erzeugt der Hohepriester durch Reiben von trockenem Holze aufs neue Feuer auf dem Versammlungsplatze. Von dort aus wird jeder Einwohner der Stadt mit einer neuen reinen Flamme versorgt.«

»Dann gibt's ein Festessen, frischen Mais und frisches Obst, Tanz und Gesang drei Tage lang. An den vier folgenden Tagen empfangen sie Besuche und sind froh mit ihren Freunden aus den benachbarten Orten, welche auf die gleiche Weise sich geläutert und vorbereitet haben.«

Auch die Mexikaner nahmen eine ähnliche »Reinigung« jedesmal nach Ablauf von 25 Jahren vor. Sie glaubten, daß jetzt die Zeit des Weltunterganges herangekommen sei. Eine ehrlichere religiöse Zeremonie als diese ist mir wohl kaum bekannt, wenn ich von religiöser Zeremonie in dem Sinne rede, wie sie etwa in einem Lexikon definiert wird, nämlich als »äußeres und sichtbares Zeichen einer inneren und geistigen Gnade.« Auch glaube ich sicherlich, daß diese Wilden ursprünglich direkt vom Himmel zu solcher Handlung inspiriert wurden, wenn sie auch keinen biblischen Bericht über die Offenbarung besitzen.

Mehr als fünf Jahre lang schlug ich mich auf diese Weise einzig und allein durch meiner Hände Arbeit durch und ich fand, daß eine Arbeitszeit von sechs Wochen im Jahr zur Deckung aller Ausgaben im Verlauf eines ganzen Jahres ausreichte. Den ganzen Winter und den größten Teil des Sommers konnte ich ohne Einschränkung dem Studium widmen. Mit der Schulmeisterei hatte ich es gründlich versucht, war aber zu der Erkenntnis gekommen, daß meine Ausgaben im Verhältnis oder vielmehr nicht im Verhältnis zu meinen Einnahmen standen. Ich mußte mich standesgemäß kleiden, standesgemäß leben – vom Denken und Glauben will ich gar nicht reden – und obendrein verlor ich Zeit bei dem Geschäft. Da ich nicht zum Wohl meiner Mitmenschen lehrte, sondern nur um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, mußte ein Mißerfolg eintreten. Mit dem Handel habe ich es ebenfalls versucht. Doch ich erkannte, daß zehn Jahre erforderlich sind, den Weg zum Glück hierbei zu finden, und daß man dann wahrscheinlich nahe daran ist, den Weg zum Teufel zu gehen. Ich hatte wirklich Angst, daß ich nach dieser Zeit ein sogenanntes gutes Geschäft besitzen würde. Wenn ich in früheren Tagen nach einem Lebensunterhalte mich umsah, dachte ich oftmals und allen Ernstes daran Heidelbeeren zu pflücken. Ich hatte damals einige betrübende Erfahrungen gemacht, weil ich den Wünschen meiner Freunde nachgab und die Erinnerung daran war noch frisch genug in meiner Erinnerung, um meine Naivität zu erschüttern. Das Beerenpflücken konnte ich sicherlich ausführen und der geringe Verdienst hätte genügt. Mein größtes Talent war von jeher meine Bedürfnislosigkeit. Auch dachte ich Tor, es sei nur ein geringes Kapital dazu nötig und die Ablenkung von meinen gewohnten Beschäftigungen sei nicht der Rede wert. Während meine Bekannten ohne Zaudern dem Handel oder dem Studium sich widmeten, hielt ich die Beschäftigung mit »Heidelbeerenpflücken« für eine ganz ähnliche. Ich würde den ganzen Sommer hindurch die Hügel durchstreifen, die Beeren, die ich erblickte, pflücken, sie hernach sorglos verkaufen, und so die Herden des Admetus hüten. Ich dachte auch daran, wilde Kräuter zu sammeln, oder Immergrün solchen Dorfbewohnern zu verkaufen, die gern an den Wald erinnert sein wollten, ja ich beabsichtigte sogar, es in Heuwagenladungen in die Stadt zu fahren. Doch inzwischen habe ich gelernt, daß der Handel seiner Ware stets zum Fluch wird. Und wenn Ihr selbst mit Botschaften vom Himmel handelt, der ganze Fluch des Handels ist auch diesem Geschäft gesellt.

Da ich manche Dinge andern vorzog und hauptsächlich meine Freiheit hochschätzte, da ich aufs bescheidenste leben und doch mein Glück erringen konnte, so wollte ich meine Zeit wenigstens jetzt noch nicht dazu verwenden, mir kostbare Teppiche und schöne Möbel, Delikatessen oder ein Haus im griechischen oder im gotischen Stil zu verdienen. Wenn irgend jemand, ohne abgelenkt zu werden, solche Sachen erwerben kann, und das Erworbene zu benutzen versteht, so überlasse ich diese Beschäftigungen gern. Manche Menschen sind »arbeitsam«, scheinen die Arbeit um ihrer selbst willen zu lieben oder weil sie dadurch von gröberem Unfug abgehalten werden. Diesen habe ich augenblicklich nichts zu sagen. Wer aber wissen will, was er mit noch mehr Muße, als er schon hat, anfangen soll, dem gebe ich den Rat, doppelt angestrengt zu arbeiten. Er soll arbeiten, bis er sich selbst soviel Geld verdient hat, daß er sich freikaufen kann, bis er seinen Freibrief in Händen hält. Ich selbst habe erkannt, daß die Beschäftigung des Taglöhners die unabhängigste von allen war, zumal da man nur 30 oder 40 Tage im Jahre zu arbeiten braucht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Geht die Sonne unter, hört des Taglöhners Arbeit auf. Er kann dann in Freiheit sich seinen Neigungen widmen, die mit seiner Arbeit nichts zu tun haben. Sein Arbeitgeber dagegen, der durch alle Monate des Jahres spekuliert, hat keine Ruhe und Muße von einem Ende des Jahres bis zum andern.

Kurz: ich bin sowohl aus Glaube als auch aus Erfahrung der Ansicht, daß es keine Quälerei sondern ein Zeitvertreib ist, sich auf dieser Erde durchzukämpfen, wenn man einfach und verständig leben will. Noch immer dienen die Beschäftigungen der einfachen Völker den kultivierteren als Sport. Es ist nicht notwendig, daß der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot erntet – es sei denn, daß er leichter in Schweiß gerät als ich.

Ein mir bekannter junger Mann, der einige Hektar Land geerbt hatte, sagte mir, daß er gerade so wie ich leben würde, »wenn er die Mittel besäße«. Ich wünsche jedoch um keinen Preis, daß jemand meine Lebensweise befolgt. Denn ganz abgesehen davon, daß ich, bevor jemand sie im Prinzip erfaßt hat, bereits eine andere für mich erfunden haben kann, wünsche ich auch, daß die Menschen dieser Erde so verschieden wie nur möglich sein mögen. Andrerseits aber soll ein jeder sich eifrig bemühen, seinen eigenen Weg zu finden, und nicht den seines Vaters, seiner Mutter oder seines Nachbarn. Laßt den Jüngling Baumeister, Pflanzer oder Seemann werden. Man soll ihn nur nie an der Ausführung seines Lieblingswunsches hindern. Wie der Polarstern dem Seemann oder dem flüchtenden Sklaven als Führer dient, so ist all unsere Weisheit nichts mehr als ein einziger mathematischer Punkt. Wenn wir auch unsern Hafen nicht in absehbarer Zeit erreichen – außer Kurs kommen möchten wir nicht.

Ohne Zweifel ist in diesem Falle das, was für einen wahr ist, noch wahrer für Tausende. Ist doch ein großes Haus im Verhältnis nicht teurer als ein kleines, da ein Dach es bedecken, ein Keller darunter liegen und eine Wand mehrere Zimmer trennen kann. Ich meinerseits zog die einsame Wohnung vor. Ferner wird es in der Regel billiger sein, das Ganze selbst zu bauen als irgend jemand von dem Vorteil der gemeinsamen Mauer zu überzeugen. Aber selbst wenn dies gelungen ist, so muß die Mauer um so dünner sein, je billiger man sie herzustellen wünscht. Der Nachbar kann sich außerdem in schlechtem Lichte zeigen und die ihm zugekehrte Seite der Mauer nicht ordentlich im Stande halten. Ein Zusammenwirken ist gewöhnlich nur dann möglich, wenn es in eng begrenztem und oberflächlichem Maße geschieht. Findet wirklich einmal ein ehrliches Zusammenwirken statt, so bemerkt man es nicht. Für solche Harmonie ist des Menschen Ohr nicht geeignet. Hat ein Mensch Vertrauen, so wird er bei jeder gemeinschaftlichen Arbeit das gleiche Vertrauen an den Tag legen, hat er keines, so wird er wie die übrigen Menschen weiterleben, einerlei wem er sich auch zugesellt. Zusammenwirken heißt im höchsten wie im niedrigsten Sinne sein Brot gemeinsam verdienen. Vor kurzem machte jemand folgenden Vorschlag: zwei junge Leute sollten zusammen durch die Welt reisen, der eine ohne Geld, sollte seinen Unterhalt während der Reise vor dem Maste oder hinter dem Pfluge verdienen, der andere sollte sein Bankbuch in der Rocktasche tragen. Man kann sich leicht vorstellen, daß sie nicht lange zusammenwirken, nicht lange Gefährten bleiben werden, da der eine überhaupt nicht wirken will. Sie werden sich bei der ersten interessanten Krisis in ihren Abenteuern trennen. Vor allen Dingen aber kann der Mann, der allein ist, wie ich schon andeutete, bereits heute abreisen. Wer aber mit einem Gefährten reist, muß warten, bis dieser fertig ist. Da kann es lange dauern, bis sie ihre Fahrt antreten.

»Das ist aber alles höchst egoistisch,« höre ich meine Mitbürger sagen. Ich gebe zu, ich habe bislang philantropischen Bestrebungen wenig gefrönt. Ich habe dem Pflichtgefühl einige Opfer dargebracht, ihm unter anderem auch dieses Vergnügen geopfert. Einige Leute haben auch alle ihre Überredungskunst aufgeboten, um mich zur Unterstützung einer armen Familie in unserem Städtchen zu bestimmen. Hätte ich nichts zu tun, so könnte ich mich – denn der Teufel gibt dem Müßiggänger Beschäftigung – einem derartigen Zeitvertreib widmen. Als ich aber in dieser Hinsicht nachgiebig wurde und die Verpflichtung übernahm, einigen armen Leuten das Leben in jeder Beziehung so angenehm wie mir selbst zu gestalten, da zogen sie alle, sobald ich mit diesem Anerbieten an sie herantrat, ohne Zaudern vor, arm zu bleiben. Da meine Mitbürger und Mitbürgerinnen auf so mannichfache Weise sich dem Wohle anderer Menschen widmen, so hoffe ich, daß wenigstens einer andere und weniger humane Bestrebungen verfolgen darf. Auch zur Mildtätigkeit muß man, gerade wie zu anderen Dingen, Talent haben. Das »Wohltun« ist auf alle Fälle ein Beruf, der überfüllt ist. Ich habe mir indessen redlich Mühe gegeben, ihn auszuüben und doch bin ich, so seltsam es auch scheinen mag, froh, daß er meiner Konstitution nicht zusagt. Selbst dann würde ich meinem speziellen Beruf wahrscheinlich nicht mit Absicht und Überlegung untreu werden, wenn ich durch Wohltaten, wie sie die menschliche Gesellschaft von mir verlangt, das Universum vor völligem Untergange retten könnte. Ich glaube ferner, daß eine ähnliche, aber viel größere Sündhaftigkeit an einem anderen Ort dasjenige ist, was die Welt jetzt zusammenhält. Doch ich wünsche nicht, zwischen irgend einem Menschen und seinem Talent zu stehen. Demjenigen aber, der diese Arbeit, die ich ablehne, mit ganzem Herz, mit ganzer Seele und mit jedem Atemzug sich widmet, rufe ich zu: Fahre fort, selbst wenn die Welt es »Übeltun« heißt. Das wird sie übrigens wahrscheinlich tun.

Ich bin weit davon entfernt, zu glauben, daß ich in diesem Falle eine Ausnahme mache. Ohne Zweifel werden viele meiner Leser sich auf die gleiche Weise verteidigen. Für manchen Zweck – ich will nicht behaupten, daß meine Nachbarn darin etwas Gutes sehen – kann man unbedingt keinen besseren Kerl dingen als mich. Auf welchem Gebiete ich mich jedoch besonders auszeichne, möge mein Arbeitgeber selbst ausfindig machen. Das Gute (in des Wortes gewöhnlicher Bedeutung), das ich tue, muß abseits von meinem Pfade liegen, muß zum größten Teil unabsichtlich geschehen. Die Menschen aber sagen: Fange an, wo Du bist und wie Du bist, stecke Dir keine ehrgeizigeren Ziele und tue Gutes mit bewußter Güte. Wenn ich überhaupt in diesem Tone predigen wollte, so würde ich sagen: Fanget an gut zu sein. Als ob die Sonne sich ausruhen dürfte, wenn sie den Mond oder einen Stern sechster Größe mit ihrem Licht versorgt hat, als ob sie nun wie Hans Biedermeier herumspazieren, in jedes Hüttenfenster lugen, Mondsüchtige inspirieren, Fleisch verderben und die Dunkelheit erhellen könnte, anstatt mählich ihre wohltuende, belebende Wärme zu steigern und dermaßen zu leuchten, daß kein Sterblicher ihr ins Antlitz zu blicken vermag! Gleichzeitig aber wandelt sie ihre Bahn um die Welt und tut Gutes, oder, wie eine wahrere Philosophie lehrt: die Welt wandert um sie herum und empfängt Wohltaten. Als Phaeton seine himmlische Herkunft durch Wohltaten zu beweisen wünschte, kam er, als er den Sonnenwagen nur einen Tag lang lenkte, aus dem Geleise. Er verbrannte mehrere Häuserviertel in den tiefer gelegenen Straßen des Himmels, versengte die Oberfläche der Erde, trocknete alle Quellen aus und schuf die große Wüste Sahara. Da schleuderte ihn schließlich Jupiter durch seinen Donnerkeil häuptlings auf die Erde und aus Kummer über seinen Tod schien die Sonne ein Jahr lang nicht.

Nichts riecht so schlecht wie falsche Güte. Es ist menschliches, es ist göttliches Aas. Wenn ich mit Sicherheit wüßte, daß ein Mensch nach meinem Hause käme mit der bewußten Absicht, mir »wohl zu tun«, so würde ich bloß aus Angst, er könne mir eine seiner Wohltaten erweisen – etwas von seinem virus meinem Blute einverleiben – vor ihm davonlaufen, wie vor dem Samum, dem trockenen, brennenden Wüstenwind Afrikas, der Nase, Mund, Ohren und Augen mit Staub füllt, bis man erstickt. Nein! In diesem Falle will ich lieber auf natürliche Weise Böses erdulden. Ein Mensch ist deswegen noch nicht gut, weil er mir Nahrung gibt, wenn ich am Verhungern, weil er mich wärmt, wenn ich am Erfrieren bin, oder weil er mich aus einer Grube zieht, vorausgesetzt, daß ich je in eine hineinfallen sollte. Ich kann Euch einen Neufundländer vorführen, der das gleiche tut. Philanthropie ist nicht Nächstenliebe im weitesten Sinne. HowardJohn Howard war ein Reformator des englischen Gefängniswesens, 1726-1790. Die Howard-Association ist ein zu Ehren Howards gestifteter Verein, der für Verbesserung der Gefängnisse und für Abschaffung der Todesstrafe wirkte. ist in seiner Art sicherlich ein außerordentlich freundlicher und würdiger Herr; er hat auch seinen Lohn gefunden. Was sind aber – um einen Vergleich zu gebrauchen – hundert Howards uns, wenn ihre Philanthropie nicht imstande ist, uns in unseren sogenannten besten Verhältnissen, gerade dann, wenn wir sie am dringendsten nötig haben, zu helfen? Ich habe niemals von einer philanthropischen Versammlung gehört, in welcher der Vorschlag gemacht wurde, mir und meinesgleichen irgend eine Wohltat zu erweisen.

Indianer, die bereits zum Verbrennen an die Pfähle gebunden waren, bereiteten meist den Jesuiten dadurch eine arge Enttäuschung, daß sie ihren Folterknechten neue Folterqualen vorschlugen. Da sie körperliche Schmerzen verachteten, kam es manchmal vor, daß sie auch über jeden von den Missionären gespendeten Trost erhaben waren, und das Gebot: »Behandle Deine Mitmenschen so, wie Du von ihnen behandelt zu sein wünscht«, hatte weniger Überzeugungskraft für die Ohren derjenigen, denen es einerlei war, wie man sie behandelte, die ihre Feinde auf ihre eigne, neue Art liebten, und die nahe daran waren, ihnen all ihr Tun zu verzeihen.

Überzeuge Dich davon, daß Du dem Armen die Hilfe zuteil werden läßt, deren er am dringendsten bedarf, auch wenn es für ihn unmöglich ist, Dein Beispiel nachzuahmen. Opfere Dich selbst mit dem Geld, das du ihm gibst, und händige es ihm nicht gleichgiltig ein. Wir machen nicht selten sonderbare Fehler. Oft ist der arme Mann, wenn ihn auch Hunger und Kälte plagen, in der Hauptsache doch nur schmutzig, zerlumpt und roh. Das ist zum Teil sein Geschmack und nicht bloß sein Unglück. Schenkst Du ihm Geld, so kauft er vielleicht noch mehr Lumpen dafür. Ich hatte immer Mitleid mit den unbeholfenen irischen Arbeitern, die in ihren gewöhnlichen und zerlumpten Kleidern Eis schnitten, während ich in meinem der Jahreszeit mehr entsprechenden und etwas eleganteren Anzug vor Kälte zitterte. Als aber an einem bitterkalten Tage einer der Arbeiter, der ins Wasser gerutscht war, in mein Haus kam, um sich zu wärmen, hatte er drei paar Hosen und zwei paar Strümpfe abzustreifen, bis er auf die Haut kam. Ich aber erkannte, daß er aus gutem Grunde Extrakleider, die ich ihm anbot, ablehnen konnte – trotzdem seine Hosen schmutzig und zerlumpt genug waren – denn er hatte genug intra. Gerade das kalte Bad hatte einem dringenden Bedürfnis abgeholfen. Daraufhin bekam ich Mitleid mit mir selbst, und ich sah ein, daß meine Nächstenliebe besser angewendet wäre, wenn ich mir ein Flanellhemd, anstatt ihm ein ganzes »Alte Kleider-Magazin« schenken würde. Tausende hacken an den Zweigen des Übels herum, doch nur einer trifft die Wurzel. Und vielleicht erzeugt gerade dieser Eine, welcher für die Armen die meiste Zeit und das meiste Geld hergibt, durch seine Lebensweise das Elend, das er vergebens zu lindern sich bemüht. Er gleicht dem frommen Sklavenhändler, der das Geld, welches er an jedem zehnten Sklaven verdient, zur Einführung der »Sonntagsruhe« für die übrigen verwendet. Manche Menschen zeigen ihre Milde gegen Arme dadurch, daß sie dieselben in ihrer Küche beschäftigen. Würden sie nicht mehr Güte beweisen, wenn sie sich selbst dort beschäftigten? Du prahlst damit, daß Du den zehnten Teil Deines Einkommens mildtätigen Zwecken zuwendest! Vielleicht solltest Du neun Zehntel so verwenden, und damit Basta! – Die Gesellschaft erhält also nur den zehnten Teil des Eigentums zurück. Verdankt sie dies dem Edelsinn des jeweiligen Besitzers oder der Schlaffheit der Diener der Gerechtigkeit?

Philanthropie ist die einzige Tugend, die von der Menschheit genügend geschätzt wird. Ja, sie wird sogar viel zu hoch eingeschätzt! Und wer überschätzt sie? Unsere Selbstsucht! Ein kräftiger armer Mann, der in Concord lebt, pries mir gegenüber an einem sonnigen Tag einen Mitbürger, der, wie er sagte, wohltätig gegen die Armen sei. Damit meinte er sich selbst. Die guten Onkel und Tanten des Menschengeschlechtes werden mehr geachtet als seine wahren geistigen Väter und Mütter. Ich hörte einmal einen Geistlichen über England sprechen, einen Mann von Wissen und Intelligenz. Der begann, nachdem er zunächst die wissenschaftlichen, literarischen und politischen Autoritäten – Shakespeare, Bacon, Cromwell, Milton, Newton und andere – aufgezählt hatte, sogleich von christlichen Helden zu reden, die er, wie es sein Beruf von ihm verlangte, als die Größten aller Großen hoch über alle andere stellte. Seine Helden waren Penn,William Penn war der Gründer von Pennsylvanien, predigte schon in jüngeren Jahren in Londons Straßen und trat der Sekte der Quäker bei. Nach seines Vaters Tode gelangte er in den Besitz großer Geldmittel, ging nach Amerika, wo er am westlichen Ufer des Delaware von 49–43° nördlicher Breite einen Landstrich kaufte und fast unumschränkte Hoheitsrechte dort erhielt. 1663 gründete er Philadelphia, 1664 kehrte er nach England zurück, wo er 1718 auf seinem Landsitz starb. Howard und Mrs. Fry.Elisabeth Fry wurde der »Engel der Gefängnisse« genannt. Sie war die Tochter eines reichen Quäkers in England und bemühte sich einundzwanzig Jahre lang unermüdlich das Los der Gefangenen zu verbessern. Vgl. Bunsen: Elisabeth Fry an die christlichen Frauen und Jungfrauen Deutschlands. Jedermann kann fühlen, daß das heuchlerische Redensarten und Lügen waren. Diese letzten Drei waren nicht Englands beste Männer und Frauen; höchstens – vielleicht – seine besten Philanthropen.

Ich will das Lob, das der Philanthropie zukommt, in keiner Weise schmälern. Ich will nur Gerechtigkeit für alle verlangen, die durch ihr Leben und durch ihre Werke ein Segen für die Menschheit sind. Ich ziehe nicht in erster Linie die Rechtschaffenheit und die Gutmütigkeit eines Menschen in Rechnung, die gewissermaßen sein Stamm und seine Blätter sind. Jene Pflanzen, aus deren getrocknetem Grün wir Tee für die Kranken bereiten, dienen nur niederem Zweck und werden meistens von Quacksalbern benutzt. Ich verlange des Menschen Blüte und Frucht. Ich will, daß ein würziger Duft von ihm zu mir herüberschwebe, daß eine Art von Reife unserem Verkehr Geschmack verleihe. Seine Güte soll nicht eine transitorische Handlung, nicht Stückwerk sein, sondern ein beständiges Überströmen, das ihn nichts kostet und das ihm nicht zum Bewußtsein kommt. Liebe muß eine Menge von Sünden verdecken können. Der Philanthrop umgibt nur zu oft die Menschheit durch die Erinnerung an seinen eigenen überwundenen Kummer wie mit einem Dunstkreis und nennt das »Sympathie«. Wir sollen unseren Mut mitteilen, nicht unsere Verzweiflung, unsere Gesundheit und unser Behagen und nicht unsere Krankheit. Im Gegenteil, Krankheitskeime zu verschleppen, sollen wir ängstlich vermeiden. Von welch südlichen Ländern schallen Klagetöne an unser Ohr? In welchen Zonen wohnen die Heiden, denen wir Erleuchtung senden möchten? Wenn irgend etwas den Menschen plagt, so daß er seinen Funktionen nicht nachkommen kann, selbst wenn er nur ein wenig Schmerz im Bauche hat – denn dort ist der Sitz der Sympathie– beginnt er ohne Zaudern die Welt zu reformieren. Da er selbst ein Mikrokosmos ist, entdeckt er – und zwar ist das eine geniale Entdeckung, zu der ein Mann wie er nötig war –, daß die Welt unreife Äpfel gegessen hat. In seinen Augen ist die Erdkugel überhaupt nur ein großer, unreifer Apfel, und schon der Gedanke, daß des Menschen Kinder ihn anbeißen könnten, bevor er reif ist, bedeutet eine schreckliche Gefahr. So wird seine drastische Philanthropie stracks den Eskimo und den Patagonier erkiesen und sich der übervölkerten indischen und chinesischen Dörfer erbarmen. Hat er ein paar Jahre dieser philanthropischen Tätigkeit gewidmet, während welcher die treibenden Mächte der Welt ihn doch zu ihrem eigenen Zweck benutzen, dann ist er von seiner Dyspepsie kuriert. Der Erdball zeigt ein blasses Rot auf einer oder auf beiden Wagen, als ob nun die Zeit der Reife begonnen hätte, das Leben verliert seinen bitteren Beigeschmack und wird aufs neue süß und bekömmlich. Ich habe nie von größeren Freveln geträumt als ich beging. Ich habe nie einen Menschen gekannt, noch werde ich je einen kennen, der schlechter war als ich selbst.

Ich glaube, daß die ganze Trübsal des Weltverbesserers nicht durch die Sympathie mit seinen im Unglück befindlichen Mitmenschen, sondern – mag er selbst Gottes heiligster Sohn sein – durch sein persönliches Leiden hervorgerufen wird. Doch, wenn er sein Leid vergißt, im Frühlingslicht sich badet, wenn die Morgensonne über sein Lager flutet: dann wird er seine hochherzigen Gefährten ohne Entschuldigung verlassen. (Wenn ich nicht gegen den Tabak eifere, so kommt das daher, weil ich ihn nie gekaut habe. Bekehrte Tabakkauer müssen auf diese Weise Buße tun, ich habe aber genug anderes Zeug gekaut, gegen das ich zu Felde ziehen könnte.) Wenn Du je in Versuchung kommst, an philanthropischen Bestrebungen teilzunehmen, so laß Deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, denn solches Wissen ist nicht der Mühe wert. Rette den Ertrinkenden und binde Deine Schuhbänder fein säuberlich. Laß Dir Zeit und fange mit einer freiwilligen Arbeit an.

Der Verkehr mit den Heiligen hat unsere Sitten verdorben. Aus unseren Gesangbüchern hallt es melodisch wider: Gott, Dich klagen wir an! Gott, Deine Güte währet ewiglich!

Man könnte beinahe sagen, daß selbst die Propheten und Erlöser mehr die Angst der Menschen beschwichtigt als ihre Hoffnung gestärkt haben. Nirgends findet sich eine einfache von Herzen kommende Äußerung darüber, daß das Leben Befriedigung gewährt, nirgends ist ein denkwürdiges Lob Gottes aufgezeichnet. Alles Gesunde, jeder Erfolg tut mir wohl, mag er noch so weit entfernt sein, noch so abseits vom Wege liegen. Alles Kranke, jeder Fehlschlag stimmt mich traurig, macht mich unglücklich, wieviel Sympathie ich auch mit ihm oder er mit mir haben mag. Wenn wir nun tatsächlich die Menschheit durch echt indische, botanische, magnetische oder natürliche Mittel kurieren wollen, so wollen wir zunächst versuchen, selbst so einfach und gesund wie die Natur zu werden, die Wolken zu vertreiben, die unsere eigene Stirn überschatten und ein wenig mehr Leben in unsere Poren aufzunehmen. Begnüge Dich nicht damit, ein Armenpfleger zu sein, sondern strebe darnach, einer der würdigsten zu werden auf dieser Welt.

Ich las im GulistanSaadi, der berühmteste didaktische Dichter Persiens, 1184-1291. Der »Gulistan« (Rosengarten) wurde im Abendland öfter, im Orient weit über hundertmal gedruckt. Deutsch von Graf, Leipzig 1846, und von Nesselmann, Berlin 1864. oder im Blumengarten des Scheik Sadi von Schiras folgendes: »Sie richteten an einen weisen Mann die Frage: Von den vielen in Liedern besungenen Bäumen, die Gott der Herr hoch und schattenspendend erschaffen hat, wird keiner »azad« oder frei genannt, außer der Zypresse, die keine Früchte trägt. Welch Geheimnis liegt hier verborgen? Er antwortete: Jeder Baum hat seinen angemessenen Ertrag, und jeder Baum hat seine Zeit, während der er frisch und blühend ist. Hernach vertrocknet und verwelkt er. Solch Schicksal kennt die Zypresse nicht. Sie grünt immerfort. Und von dieser Art sind die Azads, die religiös Unabhängigen. Hänge nicht Dein Herz an vergängliche Güter, denn der Dijlah oder Tigris wird noch durch Bagdad fließen, nachdem der Stamm der Kalifen erlosch. Hat Deine Hand die Fülle, sei freigebig wie der Dattelbaum. Doch wenn Du nichts zum Verschenken hast, sei ein Azad, ein Mann, der frei ist wie die Zypresse.«

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