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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten 2

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten 2 - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten 2
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
volume2
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid5b12dd6f
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III.

Der große Hecht im Böckinger See

Kaum eine Viertelstunde oberhalb der aufblühenden Stadt Heilbronn liegt, ziemlich abseits vom Neckar, das Pfarrdorf Böckingen, das mit seinen 7000 Einwohnern manche württembergische Oberamtsstadt an Größe hinter sich läßt. Ehemals gehörte es zum Gebiete der benachbarten Reichsstadt, und ein Teil des Neckars floß in den ältesten Zeiten wahrscheinlich dicht am Dorfe dahin. Wenigstens scheint der sogenannte Böckinger See der Überrest eines solchen Neckararms zu sein; denn obgleich er durch einen breiten Wiesenplan vom Flusse getrennt ist, so hat sein Wasser doch immer dieselbe Höhe wie dieser und steigt und fällt mit ihm. Heute ist er durch planmäßige Ausfüllung seines Beckens mit Bauschutt und Erde nur noch ein bescheidener Ententeich. In früheren Jahrhunderten hatte er eine Breite von 20-45 Meter, eine Länge von 600 Meter, und sein Wasser bedeckte eine Fläche von 11-1/8 Morgen. Er war berühmt durch seinen Fischreichtum.

Im Jahre 1230 weilte der hochberühmte Hohenstaufe Friedrich II in den Mauern von »Hailprunn«, und die junge Stadt erhielt durch die Gnade des Kaisers hervorragende Rechte und Freiheiten. Dafür verehrten die Bürger dem Herrscher unter anderem einen Hecht von seltener Größe und Schönheit, den ein Fischer im Neckar gefangen hatte. Der Kaiser staunte nicht wenig über das herrliche Tier und setzte es lebend, wie man es ihm geschenkt hatte, in den Böckinger See in der Nähe der Stadt. Zuvor aber ließ er dem Fische einen kupfernen Ring um den Hals befestigen, auf dem standen die Worte: »Ich bin der Fisch, welchen Kaiser Friedrich der Andere mit seinen eigenen Händen in diesen See gesetzt, den 5. Oktobris im 1230. Jahr nach der Geburt Christi.«

Jahrhunderte vergingen. Kein Mensch dachte mehr an den Kaiser, dessen erlauchtes Geschlecht leider so bald vom Unglück hinweggerafft wurde, und noch weniger an den Fisch dort im stillen tiefen Böckinger See. Da, im Jahre 1497 geschah das Merkwürdige: aus den Fluten des Sees zog man eine seltene Beute. Ein Riesenhecht von mehr als Manneslänge, mit breiter Schnauze und bemoostem Kopfe, ein wahres Ungeheuer von Fisch, zappelte im Netze des Fischers. Und siehe! an seinem Halse, tief ins Fleisch hineingewachsen, trug er den kupfernen Ring mit der oben genannten Inschrift. Auf dem Rathause der Stadt stellte man das Wundertier zur Schau aus. Die Chronik des Rats wurde aufgeschlagen. Da fand man die Geschichte von dem alten Hechte, der dem Hohenstaufenkaiser verehrt worden war. So hatte denn der Fisch 267 Jahre im Böckinger See sein Leben gefristet und Menschen- und Herrschergeschlechter überlebt.

Zum Andenken an das seltsame Ereignis ließ der Rat der freien Reichsstadt das naturgetreue Bild des Hechtes über dem Eingang zur alten bedeckten Neckarbrücke anbringen. Und noch heute prangt die Tafel mit dem Bilde des Fisches vor der Türe des Rathaussaales in Heilbronn, und jedes Kind weiß die Geschichte von dem großen Hecht im Böckinger See.

(Fr. Hummel)

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