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Vorgesichte

Ernst Willkomm: Vorgesichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Schlickläufer
authorErnst Willkomm
year1991
publisherVerlag Schuster
addressLeer
isbn3-7963-0280-7
titleVorgesichte
pages65-127
created20000710
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ernst Willkomm

Vorgesichte


1 Die heimkehrenden Schiffer

Es war um die Zeit der Herbst-Tagundnachtgleiche. Das Wetter begann schon unbeständig zu werden, und wiederholt stellten sich sogenannte fliegende Stürme ein, die indes nur von kurzer Dauer waren. In großen Schwärmen verließen die Zugvögel ihre Sommersitze, um wärmere Himmelsstriche aufzusuchen. Freunden der Natur gewährte es Zerstreuung und Genuß, namentlich die Geschwader der fortziehenden Störche zu beobachten. In den fetten Marschen der Westküste Schleswigs, wo diese Vögel in großer Menge während der guten Jahreszeit nisten, halten sie regelmäßig vor ihrem Auszuge förmliche Beratung. Die Bewohner dieser Landstriche wissen es immer einige Zeit vorher, wenn sich ein neues Storchgeschwader zum Zuge nach Süden rüstet. Dann kommen die seltsam klugen Vögel von allen Seiten unter lautem Geklapper herangerauscht, lassen sich in einer Binnendeichswiese nieder und beginnen in regelmäßigen Kreisen, meistens nur auf einem Beine stehend, die Reiseroute zu besprechen, d. h. zu beklappern. Haben sie sich geeinigt, so gibt ein noch lauteres Geklapper das Signal zum Abzuge. Wie ein Sturmwind rauscht der Schwarm hoch in die Luft, zerteilt sich hier in breite Geschwader, ordnet sich auf- und niedersteigend, und fliegt dann, ein langschenkliges Dreieck bildend, dessen Spitze nach vorn gekehrt ist, über die Watten hinaus nach der brandenden See.

Nach dem Wegzuge der Störche berechnen die Küsten- und Inselbewohner den früheren oder späteren Eintritt des Winters. Wie alle derartige Berechnungen trügt auch bisweilen der Abzug der Störche, in einer Beziehung aber können sie für die zuverlässigsten Propheten gelten. Man darf annehmen, daß es viele Stürme im Herbste geben wird, wenn die Störche sich zeitig zum Aufbruch rüsten. Und da Küstenbewohner weit mehr von Sturm und Flut abhängen als andere Menschen, so ist es für sie immer von Wichtigkeit, auf die Zeichen acht zu haben, welche stürmische Witterung als nahe bevorstehend verkündigen.

Zwischen Heverknobs Westbrandung und Seesand in der breiten Reutertiefe flog bei guter Brise ein schlankgebautes Fahrzeug, das drei Segel führte, von der hohen See herein. Vor der schon niedrigstehenden Sonne stand ein Wall dunkeln Gewölkes, der indes das sanft wogende Meer nicht berührte, sondern einen breiten Saum flimmernder Goldfransen in die langsam auf- und absteigende Flut niederhängen ließ. Süd- und nordwärts brach das Sonnenfeuer in blendender Helle hinter der Wolkenmauer hervor und goß über weite Meeresstrecken, über hohe Sande und über die wunderbare phantastische Inselgruppe der Halligen, die so zauberhaft poetisch und so düster melancholisch die Küsten Schleswigs umgürten, ihre kühle Purpurglut aus. Der Anblick war eigentümlich schön, das Bild, das sich vor dem Auge entrollte, von seltener Großartigkeit. Nur das Leben fehlte ihm. Man hätte sich in die Nähe des Nordpoles versetzt wähnen können, wenn man diese endlose Meeresöde im Westen betrachtete, wo nur die graziösen Schwingen streichender Möwen jetzt wie Silberpfeile, jetzt wie gekrümmte Feuerflammen den rollenden Saum einer grauen Wolke berührten. Nirgends war ein Segel zu sehen, nirgends ein Laut zu hören, außer der springenden Brandung am Heverknob und dem Geschrei der Seevögel, die auf dem weißen Sandrücken des Junge-Jap im Süden Äsung suchten.

Am Bord des Fahrzeuges befanden sich zwei Männer und ein junges Mädchen. Einer der Männer saß am Steuer, der andere richtete die Segel, je nachdem Fahrwasser und Wind dies forderten. Das junge Mädchen hatte auf der schmalen Treppe Platz genommen, die zur kleinen, niedrigen Kajüte hinabführte.

Seeleute sprechen selten viel, wenn sie genötigt sind, auf Wind und Wetter zu achten. Das Fahrwasser, auf welchem die Sloop segelte, gehörte nicht zu den gefahrlosen. Es hatte Untiefen, die jeder Schiffer genau kennen mußte, um sie beim Segeln geschickt zu vermeiden, und namentlich, wenn das Wasser auf- und ablief, d. h. wenn die Zeit der Flut und Ebbe eintrat, bedurfte es doppelter Aufmerksamkeit.

Als die Schiffer Seesand-Street erreicht hatten, zog der Mann am Steuer dieses fest an sich, der andere riß die SchotenTaue an den Enden der Segel, womit diese gestellt werden, um den Wind bequem fassen zu können. herum, brachte die Segel scharf, und heftig schaukelnd, von ein paar springenden Wellen mit salzigem Gischt übersprüht, drehte sich die Sloop, um mehr südwärts zu segeln. Die Schiffer bogen in die Süderaue ein, wie dieser Arm der zwischen den Inseln in zahlreiche Tiefen, Piepen und Ströme sich spaltenden Nordsee genannt wird.

Ein windartiges dumpfes Brausen machte das Mädchen auf der Kajütentreppe aufblicken. Gerade über das Schiff nach den im Abendglanz der Sonne goldig glühenden Dünenspitzen von Amrum hin strich ein Storchgeschwader. Es zog vorüber wie eine zerflatternde Wolke und war gleich darauf verschwunden.

»Das ist schon der dritte Schwarm seit einer Stunde« sagte Taken Mannis, den verschwindenden Vögeln gleichgültig nachblickend. »Es wird nächstens ein starkes Wehen geben.«

Der mit dem Stellen der Segel Beschäftigte antwortete anfangs nichts; er blickte zuerst seewärts, wandte sich dann nach Osten, und hierauf mit gekreuzten Armen neben dem Bugspriet sich niedersetzend, sagte er:

»Da leuchtet Knudshörn; wir können noch einen halben Strich zu Ost halten.«

»Geht an«, erwiderte Taken Mannis, »in einer Stunde ist Hochwasser, und so laufen wir gerade mit der Flut aufs Hooger Schlütt zu.«

Die Schiffer kehrten vom Fischfange zurück. Es waren Bewohner von Hooge, jener Hallig, die schon längst durch ihre Kirche und ihre hochragenden Gebäude über dem Meere und den weißen Sanden, die daraus hervorschimmerten, sichtbar war. Von dem Sande selbst konnte man nichts sehen. Die Flügel der Windmühlen schlugen, so schien es, bald in die fahlblaue Luft, bald tauchten sie nieder in die langen grauen Wogen.

Jetzt versank die Sonne im Meer. Die Wellen gingen höher und brachten auf den überfluteten Sandwatten jenes sausende Geräusch hervor, das für Seefahrer ein steter Warnungsruf ist. Das Jap war beinahe ganz mit weißem Brandungsschaume bedeckt. Es schien, als koche die See, so sprühte und brodelte auf dem unabsehbaren Sande die Flutwelle.

Da der Wind gleichzeitig lebhafter ward, sahen die Segelnden außer dem hohen Dünenzuge von Amrum und den steilen, kegelartig gestalteten Wohnungen auf Hooge, Nordmarsch und Langeneß oft nichts als ein graues, wallendes Meer. Nur zuweilen, wenn die Sloop von einer breiteren Welle emporgehoben ward, entdeckten sie den braunroten Stumpf der alten Kirchenruine auf der Insel Pellworm.

Die Sterne funkelten bereits durch leichte Haufenwolken, als die Sloop in das Schlütt einlief Hier war das Wasser ruhiger, die Wellen waren kürzer und bald lag das Fahrzeug fest vor Anker. Nah und fern glänzten Lichter, die in der Luft zu schweben schienen. Überall blökten Schafe, dazwischen hörte man das Gebrüll von Kühen. Menschen sah man nirgends am flachen Rande des Schlütt, in dessen schlammiger Einfassung Sumpfgevögel Geschrei ausstieß und unruhig hin und wieder flatterte.

Nachdem die beiden Männer ihre Netze und andere Gerätschaften ans Land geschafft hatten, wobei das Mädchen ihnen hilfreiche Hand leistete, schlugen sie einen kaum sichtbaren Fußpfad ein. Er führte durch äußerst kümmerlichen Graswuchs und über sehr holprigen Boden nach einer Warft, die in der nächtlichen Dämmerung einem breiten Berge glich, dessen Gipfel eine vielgetürmte Ritterburg mit seltsam geformten Zinnen und Spitzen trug. Am Fuße der Warft verlor sich das Phantastische dieses Anblicks. Es zeigte sich nichts mehr und nichts weniger, als ein nach friesischer Art gebautes Haus mit sehr steilem und hohem Dache. Daneben eine Scheuer oder Vorratshaus von gleicher Konstruktion, und mehrere konisch geformte Heuschober, aus denen das Ende noch höherer Stangen emporragte. Am Abhange der breiten Warft sprangen angepflöckte Schafe, fortwährend melancholisches Geschrei ausstoßend, an ihren Ketten oder Stricken.

»Seid ihr's, Jens und Taken?« rief jetzt von der Höhe der Warft herab eine etwas heisere Stimme, und ein hoher, breitschultriger Mann ward sichtbar auf den Stufen, die zu dem Hügel hinaufführten. »Habt sicher wenig gefangen.«

»Wenn du willst, nichts, Vater«, erwiderte Jens, der Jüngere, »umsonst aber war unsere Fahrt doch nicht. 's ist uns was Merkwürdiges passiert.«

Nicol Mannis, ein alter Halligmann, war inzwischen die Warft schon zur Hälfte hinabgestiegen und begrüßte zuerst das junge Mädchen, das ihm mit schnellen Schritten entgegenlief. Sie hatte die Brüder begleitet, nicht weil es nötig war, sondern aus Neugierde. Lange schon war es ihr Wunsch gewesen, einmal mit auf den Fischfang zu gehen.

»Friert dich, Karen?« redete der Vater sein Kind an, als er die kalten Hände der leicht Zitternden ergriff, die ihn herzlich umarmte.

»Es mag wohl sein, Vater«, versetzte Karen. »obwohl ich nichts merke vor Kälte.«

»Aber du zitterst.«

»Das macht die Angst«, warf Taken, der ältere Bruder ein.

»Angst?« wiederholte mißbilligend Nicol Mannis. »Eine Halligtochter kennt keine Angst. 's müßt' nicht mein Kind und euere Schwester sein, wenn sie Angst hätte. Nicht wahr, lütt Karen?«

»Ich hab' mich auch nur verfehrt«, sagte das Mädchen, an der Hand des Vaters, der seinen linken Arm schützend um sie schlug, die Warft vollends hinaufschreitend.

»Verfehrt?« wiederholte Nicol Mannis in noch verwunderterem Tone. »Habt ihr fest gesessen auf einem der Gründe?«

»Dann würde unsere Sloop wohl nicht geborgen im Schlütt liegen«, erwiderte Taken. »In der Außensee wehte es frisch den ganzen Tag, und hätten wir uns festgesegelt, so wäre jetzt gewiß keine Planke mehr ganz an unserem Fahrzeuge. Ich sagt's ja schon, 's ist uns was passiert.«

»Was?« fragte Nicol gebieterisch, auf der obersten Stufe der Warft stehenbleibend und sich umkehrend zu seinen Söhnen. Er hielt die schlanke, hoch gewachsene Tochter fest umschlungen, und seine mehr harten als milden Züge blickten streng auf die Söhne.

»Du sollst es gleich erfahren«, sagte Jens, »bring nur lütt Karen erst unter Dach.«

Nicol Mannis verharrte noch einige Augenblicke in seiner Stellung, das Antlitz dem Meere zugekehrt, auf das jetzt die Schatten der Nacht immer dichter herabsanken.

»Die Flut leuchtet«, sagte er dann, die Hand nach Westen ausstreckend.

»Seht dort! Es sprüht über dem Watt nach Norderoog, als spielten die Nixen und Meerweiber mit ihrem Geschmeide. 's wird eine steife Kühlte geben die Nacht.«

Ein scharfer Windstoß fuhr über den Kopf des alten Mannes und zerzauste seine grauen Haare. Lauter schlug die Brandung an das flache Gestade der Halligen, und ein dumpfes Rollen verhallte über dem dunkeln, nur hie und da von mattem Schimmer durchleuchteten Meere.

Alle traten in die gegen Südost sich öffnende Tür des geräumigen Wohnhauses, auf dessen Flur jetzt, eine Lampe in der Hand, die Mutter erschien und den heimkehrenden Kindern freundlich zunickte.

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