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Vor der Walpurgisnacht - Aufsštze 1925-1936

Karl Kraus: Vor der Walpurgisnacht - Aufsštze 1925-1936 - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
authorKarl Kraus
titleVor der Walpurgisnacht - Aufsštze 1925-1936
publisherVerlag Volk und Welt
seriesKarl Kraus: Ausgewšhlte Werke in drei Bšnden
volumeBand 3
printrun1. Auflage
year1971
correctorreuters@abc.de
senderRoland Welcker
created20070802
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Der Hort der Republik

– Hiebei hat der Ministerrat der Überzeugung Ausdruck verliehen, daß es Euer Hochwohlgeboren durch seltene Umsicht und zielbewußte Tatkraft, die in jeder einzelnen Phase des Geschehens den gegebenen Ereignissen vollkommen Rechnung trugen, überhaupt durch eine vorbildliche Leitung des Euer Hochwohlgeboren unterstellten Apparats gelungen ist – Dieser nicht hoch genug einzuschätzende Erfolg, dessen Bedeutung von allen staatsgetreuen Bürgern unseres Vaterlandes und überdies von den maßgebenden Faktoren des Auslandes anerkannt und auch in der Geschichte der Republik Österreich gebührend gewertet werden wird, ist auch darauf zurückzuführen, daß die Polizeidirektion in Wien sich abermals als der festeste Hort der staatlichen Ordnung bewährt hat. Alle Angehörigen dieses musterhaft organisierten Apparats, voran die Wachkörper, die in erster Linie zur Abwehr der verbrecherischen Angriffe auf den Staat berufen waren, aber auch die gesamte Beamtenschaft der allgemeinen Verwaltung haben durch ihre beispielgebende Treue und durch ihr hervorragendes, bis zur Selbstaufopferung hingebungsvolles Verhalten dargetan, daß der »gute Geist«, der den Angehörigen der Wiener Polizeidirektion seit langem nachgerühmt wird, mehr denn je lebt und daß die Bürger dieses Staates auch in den schwersten Zeiten mit vollster Beruhigung und Zuversicht auf die altbewährte, pflichtgetreue Tätigkeit der Polizeidirektion in Wien unter der vorbildlichen Leitung ihres hervorragenden Präsidenten blicken können. –
Seipel.

– So bedauerlich die Vorfälle am 15. und 16. Juli auch gewesen sein mögen, so hat sich doch erwiesen, daß die Polizeidirektion Wien ihren altbewährten Ruf, die sicherste Stütze in diesem Staat zu bilden, nicht nur vollkommen gewahrt, sondern vielmehr noch wesentlich gefestigt hat. Zu diesem Ergebnis, das in erster Linie Ihr unauslöschliches Verdienst ist, beglückwünsche ich Sie, hochverehrter Herr Präsident, auf das wärmste und bitte Sie unter einem, auch allen Ihren Beamten meine besondere Anerkennung und meinen Dank zur Kenntnis zu bringen.
Hartleb.

Der Bundeskanzler:

– Und noch eine Bitte habe ich an Sie alle am heutigen Tage. Verlangen Sie nichts vom Parlament und von der Regierung, das den Opfern und den Schuldigen an den Unglückstagen gegenüber milde scheint.

Nach der Neuen Freien Presse:

Noch eine Bitte habe ich an Sie: Verlangen Sie vom Parlament oder der Regierung nicht, was Milde scheint an den Schuldigen der Unglückstage, aber grausam wäre gegenüber der verwundeten Republik –

Abgeordneter Dr. Otto Bauer:

Ich und einige meiner Freunde haben folgendes mitangesehen. Von der Richtung der Oper zum Parlament ging eine Schwarmlinie von Sicherheitswache vor, eine richtige Schwarmlinie, die Männer nebeneinander im Abstand von etwa einem bis anderthalb Schritten. Die Ringstraße war zu dieser Zeit leer, nur auf der andern Seite der Ringstraße standen ein paar hundert Leute, nicht Demonstranten, sondern Neugierige, die zugeschaut haben, wie der Justizpalast gebrannt hat. Es waren unter ihnen Frauen, Mädchen und Kinder. Da geht nun eine Abteilung vor, ich habe sie gehen gesehen, das Gewehr in der Hand, Leute, die zum großen Teile nicht schießen gelernt haben, sie stützten den Kolben auch beim Schießen auf den Bauch und schossen links und rechts auf die Seite und wenn sie Menschen sahen – es war eine kleine Gruppe vor dem Stadtschulratsgebäude, eine größere Gruppe gegenüber dem Parlament –, da schossen sie. Der Menschen bemächtigte sich eine wahnsinnige Angst; sie haben zum großen Teile die Abteilung gar nicht gesehen. Man sah die Leute in blinder Angst davonlaufen, und die Wachleute schießen den Laufenden nach. – Auf dieser Seite waren keine Menschen mehr, ganz allein stand ein alter Herr, der sicher nicht zu den Demonstranten gehört hat. Ich habe es persönlich gesehen und eine Reihe meiner Freunde mit. Wir bieten uns alle als Zeugen an, wie Oberkommissär Strobl persönlich diesen alten Mann mißhandelt hat. Ein alter Mann und fünfundzwanzig Wachleute! Sie werden mir nicht sagen, daß das Notwehr gewesen ist. Ich will Ihnen eine zweite Szene erzählen, von der Lerchenfelderstraße. Die ist nicht abzustreiten, denn ein Zufall hat es gefügt, daß sie photographiert worden ist. Auf dieser Photographie kann man eine Menge sehen, die rasend läuft und hinter ihr, auf die Menge schießend, eine Polizeiabteilung und auf der andern Seite mit der entgegengesetzten Front eine zweite Abteilung, in die Menge schießend! Die Menge läuft vor dem Schießen weg, man schießt ihr nach und während sie glaubt, sich durch Laufen retten zu können, kommt eine andere Polizeigruppe, die auf sie schießt! Der Kommandant in der Lerchenfelderstraße war allem Anschein nach Regierungsrat Kraft, ein Herr, dessen Verhalten ich in der Lichtenfelsgasse persönlich beobachtet habe. Ich will noch ein Beispiel erzählen, weil ich gegen die Sicherheitswache gerecht sein will, und es ist die schwerste Anklage gegen solche Leute wie die Herren Strobl und Kraft, daß andre Kommandanten es mit andern Mitteln versucht haben ... Die Wachleute waren aufgeregt, aber es ist nicht geschossen worden und keinem Menschen ist etwas passiert. Seit wann muß man denn schießen, wenn man ein paar hundert Leute von der Straße wegbringen will, noch dazu so eingeschüchterte Leute, wie es damals der Fall war? –

Neue Freie Presse:

– er (Abgeordneter Bauer) nennt sogar einzelne Namen der Kornmandanten, er prangert sie an, er stellt sie bloß, er wirft sie der Volksempörung, hin, ohne den Schatten eines Beweises, ja ohne daß er selbst den Mut hätte, apodiktisch zu erklären, daß seine Information die richtige ist.

Der Vizekanzler:

» Lügen Sie nicht immer von hundert Toten, wenn es fünfundachtzig sind!«

»– Im Zusammenhang mit den Ausschreitungen vom 15. und 16. Juli sind insgesamt 85 Personen getötet worden – ich betone dies ausdrücklich,weil immer wieder von 100 Toten gesprochen wird; angeblich soll im Spital noch einer gestorben sein, das wären dann also 86, aber nicht 100. – Wenn sich unter ihnen gewiß auch zufällig an die Schauplätze der Ausschreitungen gekommene und an denselben gänzlich unbeteiligte Personen befinden, so muß ich doch, schon um die Erzählungen von der ohne jeden Grund auf harmlose Passanten feuernden Sicherheitswache zu kennzeichnen, darauf hinweisen, daß zweiunddreißig der Toten, und zwar zwölf wegen Verbrechen, vorbestraft erscheinen –

Schließlich muß in diesem Zusammenhange noch hervorgehoben werden, daß 74 von den 281 verletzten Zivilpersonen gerichtlich vorbestraft sind, und zwar 35 wegen Verbrechens und 39 wegen Vergehens, beziehungsweise Übertretungen.«

»Wann kommt die Leumundsnote der getöteten Kinder heran?« »Es ist kein Kind getötet worden, nein!« »Das fünfzehnjährige Kind, das erschossen worden ist, das zählt für Sie nicht?« »Von wem das Mädel erschossen worden ist, wird auch noch die Untersuchung feststellen; darüber reden wir jetzt noch nicht!«

Freitag gegen 5 Uhr nachmittags wurde nahe dem Deutschen Volkstheater durch den Schuß eines Polizisten ein etwa sechsjähriges Kind getötet. Ein Passant hatte den Wachmann, der den tödlichen Schuß abfeuerte, im Auge behalten und forderte nun vom Inspektor Nr. 872 die Nummer des Wachmannes. Der Inspektor versprach zunächst, diesem Wunsche nachzukommen, behauptete jedoch, nachdem er zu dem Wachmann hingegangen war, der betreffende Polizeibeamte habe keine Nummer hei sich ... Auf Verlangen meldete der Inspektor diesen Vorfall dem Oberkommissär Strobl, der anscheinend die Abteilung beim Deutschen Volkstheater kommandierte. Der Beschwerdeführer, dessen Name und Adresse uns bekannt ist, ließ sich hierauf dem Oberkommissär Strobl vorführen und verlangte auch von ihm die Nummer des Wachmannes, der das Kind erschossen hatte. Oberkommissär Strobl fragte zunächst: » Ist der Bub tot?« Auf die bejahende Antwort erwiderte er: » Ist auch kein Schad' um ihn!« Sodann gab er einem Wachmann mit drei Rosetten den Befehl, den Mann gegen die Neustiftgasse fortzudirigieren. Das geschah. Unmittelbar darauf hörte der Mann im Weggehen, wie der Inspektor hinter ihm einem Beamten und sechs Wachleuten den Befehl zum Feuern gab. Er hatte, da im Augenblick weit und breit keine Demonstranten zu sehen waren, den bestimmten Eindruck, daß er, der unbequeme Zeuge eines Kindesmordes, erschossen werden sollte. Zum Glück wurde er nicht getroffen.

Gegenüber dem Deutschen Volkstheater ist ein Haus mit einem Gerüst eingeplankt. Der kaum 15jährige Karl Franze erkletterte mit einigen Freunden das Gerüst um, von jugendlicher Neugier getrieben, die Vorgänge in der Nähe besser beobachten zu können. Schüsse krachen, eine Polizeiabteilung säubert die Straße. Alle laufen davon, so rasch als die Füße sie zu tragen vermögen. Die Jungen oben auf dem Gerüst können nicht so schnell hinunterklettern; ein Wachmann legt an, zielt und schießt den Karl Franze, der schutzlos oben auf dem Brett steht, herunter. Samstag mittag hat Karls Vater den armen Jungen auf der Totenbahre im Allgemeinen Krankenhaus wiedergefunden.

Der Spenglermeister Rudolf Huck, Hernals, schreibt:

Ich sage Ihnen vorweg, daß ich kein Genosse bin, eher alles andere, aber was gestern die Polizei in Szene setzte, das mußte auch einem Andersdenkenden das Herz im Leibe umdrehen. Ich schämte mich, Mensch zu sein und das mitansehen zu müssen; wer die erste Attacke der Berittenen miterlebt hat, dem sind die weiteren Ereignisse kein Rätsel. – Der größte Teil der Menge, darunter auch ich, flüchtete in den Rathauspark, in dem guten Glauben, dort sicher zu sein, aber, obwohl zu dieser Zeit viele Mütter mit ihren Kindern in dem Parke weilten, wurde er von den Berittenen gestürmt, in einer Art, die jeder Beschreibung spottet. Über kleine Kinder und über Kinderwagen hinweg ging die wilde Jagd. Besonders ein Wachmann, der mit gezücktem Säbel, hervorquellenden Augen und brüllend in dem schon längst gesäuberten Park und auf dem leeren Rathausplatz herumsprengte, ist mir in Erinnerung geblieben. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Mann irrsinnig war. –

Gemeinderat Schleifer schreibt:

– Beim Burgtheater stießen sie eine Frau nieder, die sicherlich keine Arbeiterin war, und ein Polizist hieb vor meinen Augen auf die Liegende mit dem Säbel ein. Als ich mich um die Frau bemühen wollte, umstellten sie einige Berittene, ein Polizist, der mich erkannte, sagte zu mir: »Schauen Sie, daß Sie weiterkommen, Sie haben hier nichts zu suchen, wenn Sie auch Gemeinderat sind, heute haben wir die Oberhand!« und bedrohte mich mit dem Säbel. –

Etwa um ¾ 4 Uhr nachmittags begab ich mich mit dem Gemeinderat Reismann vom Parlament zu der von einer Sanitätskolonne des Schutzbundes im Café Reichsrat errichteten Sanitätsstation. Obgleich vor dem Kaffeehause eine rote Fahne mit dem weißen Kreuz gehißt war, wurde von der Polizei auch diese Sanitätsstation beschossen. Während unserer Anwesenheit erhielt ein Sanitätsmann, der beim Kaffeehauseingang stand, einen Bauchschuß.

Ein Arzt, der auf dem Hilfsplatz im Rathaus beschäftigt war, erzählt: Zwischen drei und vier Uhr nachmittags marschierten Polizisten mit gefälltem Gewehr durch die Lichtenfelsgasse. Gegenüber dem geschlossenen Gittertor des Rathauses stellten sie sich in zwei Fronten auf und brachten die Karabiner in Anschlag. – Im Hofe wurden Verwundete verbunden, Ärzte und Sanitätsgehilfen versahen ihren schweren Dienst. Im nächsten Augenblick krachte eine Salve; die Polizei hatte durch das Gittertor in den Verbandsplatz geschossen. Die Wirkung der Salve war grauenhaft. Einem Werkmeister, Vater von fünf Kindern, wurde die Schädeldecke weggerissen und das Gehirn buchstäblich aus dem Kopf geschleudert; andre brachen verletzt zusammen und wälzten sich klagend am Boden. Die Polizei aber setzte das Feuer, das sie gegen den Sanitätsplatz eröffnet hatte, fort, obwohl sie die rote Fahne mit dem weißen Kreuz sah.

Auch ein andrer Vorfall beweist, daß ein Teil der Wache vor der Sanität nicht halt machte. Ein Arbeiter, der dem Kreuzfeuer der Wache entrinnen wollte, wurde in der Nähe des Rathauses von einem Polizisten angehalten, der ihm zurief: »Hände hoch!« Der Arbeiter gehorchte, blieb stehen und streckte die Arme empor. Im nächsten Augenblick trat ein zweiter Polizist auf ihn zu und streckte ihn durch einen Schuß in den Bauch nieder. Der Mann stürzte unmittelbar neben einem Sanitätsauto zu Boden; einer der Sanitätsleute sprang aus dem Auto, um den Verwundeten in Sicherheit zu bringen. Als er ihn aufheben wollte, ging die Wache mit Gewehrkolben auf ihn los und verhinderte, daß er den Schwerverletzten zu sich ins Auto nahm. Da er nicht weichen wollte, wurde er mit Kolbenschlägen verjagt.

Um ¾  8 Uhr abends fuhr der Sanitätsmann des Schutzbundes, Neubauer, Hasnerstraße, auf dem Rade bei dem Planetarium vorbei. Die Polizei schoß und ein Verwundeter fiel in der Nähe Neubauers nieder. Dieser schwang die Sanitätsfahne und wollte den Verwundeten aufnehmen. Aber ein Wachmann schoß trotz dem Zeichen des Sanitätsmannes noch einmal auf den bereits liegenden Verwundeten und tötete ihn.

Die erste Regierungs-Kundmachung:

– Bei den geschilderten Unruhen sind außer den beiden getöteten Sicherheitswachebeamten und einem erschossenen Kriminalbeamten über 100 Sicherheitswachebeamte größtenteils schwer verletzt worden; aber auch auf Seite der Demonstranten, vielleicht auch Neugieriger sind mindestens 40 Todesopfer zu beklagen. Über 300 Verletzte haben in Spitälern Aufnahme gefunden oder Hilfe gesucht. – Störung des Fremdenverkehres

Im Wege der Konsulate:
Köstlichen Frieden atmen die Landschaften von Salzburg und dem Salzkammergut. Heitere Geselligkeit und künstlerische Feste, schöne Frauen und bezaubernde österreichische Musik machen jeden Tag in den in Vollbetrieb stehenden Kur- und Badeorten von Salzburg und dem Salzkammergut zu einem Freudentag. Die in den Zeitungen berichteten Ausschreitungen eines verhetzten Pöbels (15. Juli) haben sich lediglich auf einen kleinen Teil der Stadt Wien beschränkt. Die österreichischen Alpenländer sind von den bedauerlichen Vorkommnissen gänzlich unberührt geblieben. Die feste Haltung der Bundesregierung in Wien hat den Sieg behauptet und bürgt dafür, daß sich in Österreich politische Tumulte nicht wieder ereignen werden. Kommen Sie in die Berge, an die Seen, in die Wälder von Salzburg und dem Salzkammergut! Die Salzburger Festspiele dauern vom 30. Juli bis 28. August 1927.

Bezirksrat Ascher schreibt:
– Was sich nun einzelne Wachleute an Bestialität leisteten, ist nicht zu beschreiben. Ein Vorfall, den ich mit eigenen Augen gesehen habe, wird genügen. Als die wilde Flucht begann, suchten sich auch Passanten, die mit der Demonstration gar nichts zu tun hatten, die von ihr gar nichts wußten, in Sicherheit zu bringen. So flüchteten einige junge, gut gekleidete Mädchen in die Tornische des Hauses Hansenstraße Nr. 4. Hinein konnten sie nicht, weil das Tor unglaublicherweise verschlossen war, und so duckten sie sich in die Nische. Da stürmte ein Berittener den Gehsteig hinauf, versperrte die Tornische mit dem Leibe seines Pferdes und hieb mit seinem Säbel bestialisch in die schreienden und mit aufgehobenen Händen um Erbarmen flehenden jungen Mädchen hinein, bis sie blutüberströmt zusammenfielen ... Das war knapp vor 10 Uhr vormittags, zu einer Zeit also, da noch nirgends etwas passiert war.

Eine Frau aus Floridsdorf:
Ich hatte Freitag vormittag gegen 10 Uhr im Rathaus zu tun. Als ich endlich glaubte, ich werde jetzt mit vielen andern auch aus dem Tore kommen, wurden wir von den Wachleuten mit den Revolvern und mit Säbelhieben empfangen. Sie taten das ohne jeden Grund, denn wir hatten ja doch gar nichts getan. Wir hatten gar keine Ahnung, was die Polizei von uns wollte. Links und rechts lagen die Verletzten blutüberströmt auf dem Boden; ich flüchtete in den Gasthausgarten gegenüber und setzte mich dort nieder, da ich vor Aufregung nicht mehr weiter konnte. Die Leute schrien alle Pfui gegen die Wache und es dauerte nicht lange, so schoß sie wieder los, aber diesmal nicht mehr mit Revolvern, sondern mit den Karabinern, und zwar mitten in die Menschenmenge hinein. Ich sprang sofort hinter eine Steinsäule am Eck der Wachstube und habe gesehen, daß die Wache in den Rathaushof hineinschoß, wo viele Verletzte und auch Tote lagen. Dort entstand großer Tumult. Ich habe da auch gesehen, daß manche von den Wachleuten in die Luft geschossen haben, aber andere haben direkt auf Menschen gezielt; ich habe in meinem Leben so etwas noch nicht gesehen. Ich bekam einen Schüttelfrost und einen Weinkrampf und konnte mich nicht mehr auf den Füßen halten. Wie lange ich so in der Ecke war, weiß ich nicht, und als ich wieder gehen konnte, wolle ich um die Ecke in die Bartensteingasse um fortzugehen, ich war aber kaum zwanzig Schritte weit, als hinter mir ein ganzes Rudel Polizisten mit den Gewehren in der Hand in die Gasse hineinrannte und eine Salve losging. –

Da sehe ich einen alten Mann mit schneeweißen Haaren und einem buschigen, langen, weißen Schnurrbart im Park drinnen umfallen, der Mann hatte einen Schuß durch die Brust. Ich bin hingelaufen und holte die Sanität, und die ist auch gleich gekommen, trotz der Lebensgefahr; sie war überhaupt sehr mutig. Erst um ½ 5 Uhr konnte ich fort, und auch da wurden wir einmal von zwei Seiten beschossen und flüchteten in ein Kaffeehaus, wo die Rote-Kreuz-Fahne herausgesteckt war. Da riefen die Schutzbündler: »Frauen zuerst hinein!« Ich mußte unwillkürlich lachen, trotz der schrecklichen Situation, weil man um die Weiber Angst hatte. Die Männer blieben draußen, es waren meistens Schutzbündler, als wenn es um ihr Leben nicht ebenso schade wäre. Ich habe nie mit dem Herzen zu tun gehabt und bin nicht herzkrank, aber da bekam ich Herzkrämpfe und kann mich seitdem nicht erholen von Herzbeklemmungen, vor lauter Entsetzen darüber, daß die Wachleute so vorgehen konnten, weil ein paar Burschen Pfui gerufen haben; den Schuldigen ist bestimmt nichts geschehen, und die Unschuldigen zahlen drauf, denn es gibt gute und schlechte Wachleute, so wie auch Menschen da waren, die nur gern recht viele Krawalle sehen wollten und die Sache verschlechtert haben. Gewiß aber haben bei der Rathauswachstube die Wachleute angefangen, das kann ich mit einem Eid beschwören.

– Als sie die Straßen vor dem Rathaus in der Richtung gegen die Bellaria säuberte, indem sie blindlings in die Menge hineinschoß, und die Menge entsetzt flüchtete, konnte ein Mann nicht mehr recht mit. In der Stadiongasse sprang er auf den dort befindlichen Steinhaufen, öffnete seinen Rock, breitete die Arme weit aus und rief der anstürmenden Wache entgegen: » Schießt her, wenn ihr euch traut!« Und das Unfaßbare geschah. Die Wache gab auf den wehrlosen Mann eine Salve ab – der Mann brach auf dem Steinhaufen blutüberströmt zusammen.

Neue Freie Presse:
Nehmen wir den Fall an, einen Fall, den wir für gänzlich unmöglich halten, daß tatsächlich viele unter den Toten durch Fehler oder Grausamkeiten einzelner Wachorgane gestorben seien. Was um des Himmelswillen hätte das mit der Bourgeoisie und ihrer Gesinnung zu tun?

Dr. Edmund Wengraf im Neuen Wiener Journal:
– Was ist denn nun aber eigentlich diese Ordnung, für die wir mit Treue und Opfermut und angeblich sogar mit » Bestialität« einstehen? Sie ist für die große Mehrzahl der Menschen im Grunde eine recht geringfügige Sache: ein klein wenig Hab und Gut, kaum der Rede wert, in Wertziffern ausgedrückt meist eine Bagatellsumme; dazu eine Anzahl Freundschafts-, Familien- und Geschäftsverbindungen, in die wir seit so und so viel Jahren eingesponnen sind; ein bescheidenes Maß von Erwerbssicherheit und von Lebensgewohnheiten, die damit zusammenhängen ... Unser Stück Welt, auf dem wir leben und sterben wollen ... Das ist unsere Ordnung! Und gegen jeden Versuch, sie uns zu rauben, wollen wir uns wehren, bis aufs Äußerste, wenn's sein muß, auch bis zur Bestialität.

Boston, 23. August. (Reuter.)
Der Abschiedsbrief Saccos an seinen Sohn lautet: »Sei stark und weine nicht! Vergiß nicht, den Armen zu helfen und die Verfolgten zu unterstützen, denn es sind Deine besten Freunde. Sie sind die Kameraden Deines Vaters und Vanzettis, die für die Freiheit der Arbeiter gekämpft haben und gefallen sind.«

Eine Präsidentenkonferenz der landwirtschaftlichen Hauptkörperschaften erklärt:
»Die Todesstrafe muß wieder eingeführt werden, da nur in der Todesstrafe ein entsprechendes Repressions- und Sühnemittel erblickt werden kann.« Die Reichsparteileitung des Landbundes fordert »die Wiedereinführung der Todesstrafe in dein neuen Strafgesetzbuch«. Im steirischen Landtag stellten die Parteien der Einheitsliste (Christlichsoziale und Großdeutsche) den Antrag »Die Todesstrafe ist wieder einzuführen.«

Neue Freie Presse:
– An diesen beiden Tagen sind vielfach Leute in Kraftwagen gefahren, die wohl noch nie zuvor ein Auto bestiegen hatten und welche die Verwundung zahlreicher Personen mißbrauchten, um auch einmal in den Straßen Wiens nobel spazieren zu fahren –

Frankfurter Zeitung:
– Es scheint aber, daß die Sozialdemokratie die Führung über die losgebrochenen Massen rasch verloren oder überhaupt nicht besessen hat. Eben das beweist nun wieder, wie sehr der Aufruhr der Ausbruch eines an sich edlen Gefühls, des Gefühls verletzten Rechtes gewesen ist.

Aus dem Tagesbefehl des Polizeipräsidenten:
– Aus allen Kreisen der Bevölkerung und von zahlreichen Zeugen des heldenmütigen Verhaltens der Sicherheitswache kommen mir unausgesetzt Kundgebungen des Dankes und der Bewunderung für die Polizeibeamten zu. Ich selbst stehe schmerzvoll und reinen Herzens an der Bahre pflichtgetreuer Beamten und ich verspreche ihren Hinterbliebenen ihnen nach Kräften beizustehen.

– Gebe Gott, daß dieser Kampf der letzte gewesen ist und mögen die fürchterlichen Opfer dieser Tage allen die Augen öffnen über den Abgrund, in den unser Staatswesen durch die Zwietracht der Bürger geführt wird. –

Wiener Mittagszeitung:

Tabarin
– – – – – –
Weihburg-Bar
– – – – – –
Capua
– – – – – –
Femina
– – – – – –
Bisher 99 Tote
– – – – – –

Neue Freie Presse:
Auf Grund der tragischen Ereignisse wird in der nächsten Zeit die Propagandaaktion der Fremdenverkehrskommission noch eine besondere Intensivierung erfahren, um die schädlichen Folgen der traurigen Tage für den Fremdenverkehr möglichst abzubauen.

Neue Freie Presse:
– Und nicht viel besser als den Wienern in der Fremde geht es den Fremden in Wien. Man kommt in eine unbekannte Stadt, von der man sich Freude, Entspannung, eine Fülle reicher Eindrücke, künstlerische Genüsse erhoffte. Aber in den Straßen dieser Stadt wird geschossen. In dieser Stadt fährt keine Straßenbahn, kein Auto, man kann nicht telephonieren, die Theater sind geschlossen, der Justizpalast, den der Reiseführer als Sehenswürdigkeit rühmt, steht in Flammen. Man ist auf die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt nicht mehr neugierig.

Neue Freie Presse:
– Die Arbeit ist jetzt um so wichtiger, als die Vorgänge vom 15. Juli die Fremdenverkehrswerbung schwer geschädigt und die Arbeit zurückgeworfen haben. Das verlorene Terrain muß wiedergewonnen werden.

Hier wandern die Holländer fleißig herum und schauen sich an, was nur zu sehen ist. Samstag gab es eine Autorundfahrt, auch zum abgebrannten Justizpalast, abends einen Ausflug in den Prater, Mittwoch geht es auf die Rax, Samstag in die Wachau.

Von Sanitätsgehilfen wird berichtet:
– Selbst auf Verwundete wurde geschossen. Ein Mann, der mit zerschossenem Bein auf der Straße liegen blieb, erhielt noch vier Schüsse, davon einen, der seinen Kopf zertrümmerte und ihn tötete.

Hofrat Dr. Helmer vom Oberlandesgericht erzählt:
» ... Da stellte sich uns eine Gruppe des Schutzbundes entgegen, und ich muß sagen, wenn diese Leute nicht gewesen wären, würde ich heute nicht mehr unter den Lebenden weilen. Ich hatte, als ich durch das brennende, bereits mit dichtem Rauch erfüllte Gebäude rannte, mit meinem Leben abgeschlossen.«

Hofrat Dr. Heinrich Gasser schreibt:
Bei der Kreuzung Josefstädterstraße-Albertgasse standen Freitag den ganzen Nachmittag und Abend Gruppen von Menschen, welche die Ereignisse besprachen, ohne auch nur mit einem lauten Wort oder Ausruf zu demonstrieren. Es waren ungefähr sechzig bis siebzig Menschen, die ununterbrochen wechselten. Vorüberkommende blieben stehen, andre entfernten sich wieder, bei den Haustoren standen da und dort Hausbewohner in ruhigem Gespräch. Etwa um 10 Uhr abends sah ich von meiner Wohnung aus plötzlich eine Abteilung der Polizei, in Schwarmlinie aufgelöst, aus der Innern Stadt kommend, durch die Josefstädterstraße ziehen. Ich hatte dies kaum bemerkt – die Passanten und die diskutierende Gruppe hatten sie noch gar nicht recht wahrgenommen –, als die Polizei g egen diese Gruppe ohne den geringsten Anlaß eine Salve abgab. Die Menschen stoben schreiend auseinander, worauf mehrmals geschossen wurde.

– Als sie zum Allgemeinen Krankenhaus gekommen waren, machten sie auf einmal halt und wendeten sich gegen die Ordnerkette der Ärzte, Angestellten und Arbeiter, die den Eingang des Spitales schützten. – Als die Ärzte und Beamten nicht sofort von der Stelle wichen, trat einer der Polizisten vor und versetzte einem Arzt einen Kolbenhieb auf den Schädel –

Aus den weitesten Kreisen der Bevölkerung laufen täglich unzählige Zuschriften bei der Polizeidirektion ein, die voll von begeisterten Worten der Anerkennung sind für das mutige und dabei doch besonnene Verhalten der Polizeibeamten, insbesondere der Sicherheitswache ... Von überall kommen Anerbieten, in denen die Bereitwilligkeit erklärt wird, Wachleuten einen kostenlosen Erholungsurlaub zu gewähren, die Kurverwaltung Gleichenberg will Wachleuten unentgeltlich Heilungsmöglichkeit bieten, eine Anzahl von Hotel- und Gasthofbesitzern hat sich erbötig gemacht, Wachleute kostenfrei zu beherbergen und zu verköstigen. – Der Herr Polizeipräsident hat das Angebot angenommen.

Ein Wachmann berichtet:
Wir älteren Wachleute, die schon seit Jahren im Dienste stehen, waren empört über das Vorgehen der jungen, erst vor kurzem eingestellten Wachleute, die man sofort bewaffnet hinausgeschickt hatte, während unsere Abteilung erst gegen 9 Uhr abends Gewehre faßte. Ich war, wie viele andere, zum gewöhnlichen Straßendienst am Morgen ohne Revolver gegangen. Als wir beim Justizpalast zur Absperrung herangezogen wurden, standen wir an einer Mauer. Vor uns waren die Demonstranten, die nicht wegzubringen waren. Das war, als schon der Justizpalast brannte. Da kam eine Abteilung der Jungmannschaft, befehligt von einem rücksichtslosen Kommandanten, der die Leute, die ihm nicht genug scharf waren, anschrie. Als dort geschossen wurde, nahm man auf uns keine Rücksicht. Bei der ersten Schießerei wurden sechs Wachleute von ihren Kollegen angeschossen. Wir sind empört, wie wir von unseren Vorgesetzten geopfert wurden.

Samstag abend wurden zwischen halb 10 und 11 Uhr neun Jugendliche, unter ihnen einige, die mit den Ereignissen gar nichts zu tun hatten und im Begriffe waren, nach Hause zu gehen, dem Polizeiamt Hernals eingeliefert. Als sie die Wachstube betraten, wurden sie mit Säbeln und Knütteln furchtbar mißhandelt, so daß man gellende Aufschreie bis auf die Gasse hörte. Nach etwa einer Stunde war ihre Einvernahme beendet und zwei der verhafteten Burschen wurden vom ersten Stocke ins Parterre in den Arrest geführt. Auf dem Wege vom ersten Stock ins Parterre wurden beide von einem in Zivil gekleideten Polizisten mit einem Gummiknüttel geschlagen, bis aus klaffenden Kopfwunden das Blut in Strömen floß. Dann wurde einer von ihnen über die Stiege geworfen, und blieb bewußtlos liegen. Zwei Wachleute mußten ihn halten, damit die Wunde ausgewaschen werden konnte. Für die Reinigung der Wunde verwendete man Wasser in einem schmutzigen Waschbecken. Der halb Erschlagene wurde dann, ohne jede ärztliche Hilfe, in den Arrest geschleppt. Eine Beschwerde, die bei dem Stadthauptmann vorgebracht wurde, erledigte dieser mit der Erklärung, daß sich der Arrestant angeschlagen hat. Im Bezirke war gestern das Gerücht verbreitet, daß der Mißhandelte bereits gestorben sei ...

Ein Beamter berichtet:
Ich wurde am Freitag nachmittag mit einer Mitteilung vom Parlament in das Verbandsheim der Buchdrucker geschickt. Auf dem Rückweg nahm ich ein Auto und fuhr in die Neustiftgasse. Da wurde ich von einem Wachekordon aufgehalten, der vom Oberkommissär Strobl befehligt wurde. Ich sprang vom Wagen, ging auf ihn zu und begehrte Durchlaß, da ich eine Meldung in das Parlament zu überbringen hatte. Statt jeder Antwort griff Oberkommissär Strobl nach einem Gewehrkolben und schrie: »Schauen Sie, daß Sie weiterkommen, sonst ...« Seine Haltung war so drohend, daß ich mich schleunigst zurückzog und auf einem Umweg ins Parlament ging. Oberkommissär Strobl hat aber auch Sanitätsautos, die man am roten Kreuz erkannte, aufgehalten und sie am Weiterfahren verhindert. –

Ein Arzt der Rettungsgesellschaft teilt mit, daß sich unter den in seinem Blutrayon ermordeten Personen auch eine hochschwangere Frau und drei kleine Knaben befanden. Einer von ihnen war rittlings auf den Schultern des Vaters gesessen, als ihn die tödliche Bleikugel traf.

Die sechzehnjährige Hilfsarbeiterin Marie H. wurde Freitag um 7 Uhr abends beim Schottentor verhaftet, weil sie Rufe gegen die Polizei ausgestoßen hatte. Sie wurde zur Polizeidirektion gebracht; unterwegs stieß sie ein Wachmann mit dem Gewehrkolben in das Kreuz. Als sie schrie, packte sie ein anderer brutal am Arm und rief: »Halt die Goschen, sonst hau' ich dir eine auf den Schädel, daß du hin bist!« Auf der Polizeidirektion stieß sie ein Wacheorgan in den Rücken und rief: »Geh' schon, Canaille!« –

»Ich spreche den Polizeiorganen für ihr energisches und doch maßvolles Verhalten den Dank und die Anerkennung der Bundesregierung aus.«

Wir bleiben fest!

Man hat versucht, uns niederzutreten – wir stehen aufrecht. Man hat es unternommen, die Wiener Zeitungsburg des österreichischen christlichen Volkes niederzubrennen – eines der wichtigsten Verteidigungsmittel des christlichen Volkes, ein Wall seines Rechtes und seiner Freiheit – und haben einmütig und mit festem Willen beschlossen, alles vorzukehren, um sofort wieder die uns obliegenden publizistischen Aufgaben erfüllen zu können.

Die Aufräumungsarbeiten sind im Zuge, so hoffen wir, daß unsere Freunde die erlittenen Wunden uns nicht zum Nachteil anrechnen und daß wir binnen kurzem die vorhandenen Mängel beheben werden. – Wir werden es schaffen. Jawohl, im Vertrauen auf Gott, auf die Hilfe des christlichen Volkes, für das wir ringen und streiten, und sicher der eisernen Kraft, die uns die freudige Hingabe aller unserer geistigen und technischen Mitarbeiter in unseren Aufgaben gewährt, werden wir es schaffen!

Wien, am 18. Juli.
Dr. Friedrich Funder.

Ein Arzt schreibt:
– Vielfach wurden diese Wirkungen durch Salven hervorgerufen, bei denen die Karabiner direkt gegen das Pflaster gerichtet waren. Eine Unmenge tief liegender Verletzungen, besonders Bauch- und Rückenschüsse, kam bei dieser Art, »in die Luft« zu schießen, zustande. So erzählt ein Assistent einer chirurgischen Spitalabteilung von einem Unglücklichen, der buchstäblich mit dem Darm in seinen beiden Händen liegend ins Spital eingeliefert wurde. Diese Art von Bauchschuß mit Gellerwirkung konnte keine ärztliche Hilfe mehr finden. Waren doch außer den Därmen auch die Blase, die Milz und die Leber schwer verletzt. Dabei ist dieser Mann nichts ahnend auf dem Schottenring gestanden, um seine Frau und sein Kind zu erwarten. Ein großer Teil gerade der schrecklichsten Verletzungen wurde durch die Nahschüsse erzeugt, die unsere ordnungsliebenden Polizeiorgane in präziser Weise knapp vor, mehr aber noch hinter ihren Opfern abfeuerten. Solche Schüsse, die manchmal aus einer Entfernung von einem halben Meter abgegeben worden sein müssen, erzeugten gleichfalls viel schrecklichere Verletzungen, als dem »gewöhnlichen« Lauf einer Kugel entspricht. Sie zeigen oft, zum Unterschied von Dumdumgeschossen, nicht nur riesige Ausschuß-, sondern auch ungewöhnlich große Einschußöffnungen. – In Ärztekreisen spricht man mit ganz besonderer Empörung von jenem Polizeibüttel, der mit seinen zwanzig Wachleuten in die Krankenzimmer einer chirurgischen Abteilung eindringen wollte. Eine Tat, die jedem zivilisierten Menschen die Haare sträuben muß, sollte geschehen, um vielleicht eine Verhaftung mehr vornehmen zu können. Der Abteilungsarzt sprach von der Gefahr für die hochfiebernden Verwundeten, wenn sie durch eine Polizeiabteilung in Schrecken versetzt würden. Aber diese und andere Vorstellungen nützten nichts, und erst, als der mutige Arzt erklärte, nur, wenn man ihn selbst erschießen würde, würde der Weg ins Krankenzimmer frei werden, zog der Büttel wieder ab.

Genosse Ludwig Matheisl aus St. Pölten hält sich seit einiger Zeit in Wien auf, weil er wegen einer Fußverletzung bei Professor Lorenz im Allgemeinen Krankenhaus in Behandlung steht. Als er Freitag aus dem Krankenhaus in seine Wohnung zurückkehren wollte, geriet er zwischen 2 und 3 Uhr in der Nähe des Rathauses in eine Menschenmenge, die vor der schießenden Wache floh. Nach der Salve zogen die Wachleute die Säbel und Matheisl, der wegen seines kranken Fußes nicht rasch genug laufen konnte, erhielt einen Säbelhieb über den Arm. Er wurde vom Schutzbund verbunden und in einem Sanitätsauto ins Rudolfsspital gebracht. Hier wurde sein Verband erneuert, dann wollte er in seine nahegelegene Wohnung gehen. Auf der Straße fragten ihn Vorübergehende, was ihm passiert sei, und er sagte, er habe einen Säbelhieb erhalten. In diesem Augenblick packten ihn ein Revierinspektor und ein Bezirksinspektor bei den Armen und führten ihn ins Wachzimmer des Polizeikommissariats in der Juchgasse. Sie nahmen sein Nationale auf und schrien ihn an: »Du roter Hund, du Gauner, du Pülcher, wannst nicht die Goschen hältst, kriegst eine, daß du in den Gang hinausfliegst.« Und schon bekam er einen Stoß, daß er zur Tür hinausflog. – »Was, einen Säbelhieb haben Sie gekriegt? Hat er Ihnen geschadet?«

Der Bundespräsident Dr. Hainisch hat sich in einem Schreiben befriedigt darüber geäußert, daß Herr Julius und Frau Olga Krupnik in ihren Bestrebungen, die heimische Produktion zu fördern, nicht erlahmen.

– Ein Mann, dessen Alter ich auf siebzig Jahre schätzte, erhob sich nach dieser Salve von der Bank, auf welcher er in dem kleinen Rondeau gesessen hatte, humpelte mit einem Stock mühsam die Starhemberggasse hinauf und versuchte dort durch die Polizeisperre zu kommen. Bei dem an der Ecke Starhemberggasse-Gürtel befindlichen Gasthaus wurde er von einem Polizisten gestellt, dem er einige Worte sagte, die ich nicht verstehen konnte. Ich sah und hörte nur, nachdem ich mittlerweile näher gekommen war, den Schluß der Szene. » Ram di, olter Griaßler!« Dieser Bescheid war begleitet von einem Schlag des Gewehrkolbens in das Gesäß. –

Neue Freie Presse:
Ein prominenter Holländer hat an den Polizeipräsidenten Schober folgenden Brief gerichtet:

»Hochverehrter Herr Präsident! Ich bitte um Verzeihung, falls ich Sie belästige, aber seit den schrecklichen Ereignissen vom 15. und 16. Juli weilen meine Gedanken öfter bei Ihrem Korps, das mit seltener Opferfreudigkeit und vollkommenem Selbstvergessen sich dem Wohle der anständigen Bevölkerung Wiens widmete.

Ich bin Holländer ... fast täglich bei der Opernkreuzung beobachtete ich, mit wieviel Höflichkeit und Takt die Polizei die Leute auffordert, sich einen Moment zu gedulden, und oftmals sage ich zum Wachmann : »Mir ist 's eine angenehme Pflicht, Ihnen zu gehorchen, und Ihnen zu lieb möchte ich, daß alle Leute so dächten wie ich, dann würden Sie es leichter haben.«

– Verzeihung! leider Gottes kann ich nur wenig schenken, aber vielleicht wollen Sie, Herr Präsident, die Güte haben, meine kleine Gabe zu verwenden für ein wenig Behaglichkeit für Ihre Verletzten im Spital, damit sie ersehe, daß auch fremde Herzen Sinn und Verständnis haben für alles, was die Wiener Polizei schon geleistet und geschafft hat und i n Zukunft noch leisten und schaffen wird.

Die Unterredung mit Ihnen in der gestrigen ›Neuen Freien Presse‹, ein Feuilleton eines Reichsdeutschen in der ›Neuen Freien Presse‹ vom 19. d., dies alles muß doch Anklang finden bei den feinfühlenden, kunstsinnigen Wienern ...

Wien ohne Ihre Polizei würde Wien nicht mehr sein.

Glauben Sie mir, verehrtester Herr Präsident, meinen Gefühlen aufrichtigster Sympathie und tiefster Hochachtung

Ihr ergebenster.«

Neue Freie Presse:
Sensationell ist der von uns bereits erwähnte Brief einer hervorragenden Dame –

Neue Freie Presse:
Von einem reichsdeutschen Schriftsteller, der Augenzeuge war und dessen Name und Adresse der Redaktion bekannt sind, erhalten wir folgende packende Schilderung der blutigen Ereignisse:

– Der Pöbel, der sich gröhlend und raublustig um den Justizpalast gewälzt, hatte sich in einen Schwarm Hasen verwandelt. Seine Wut war haltlose Angst, seine Rachgier Feigheit geworden. Er verkroch sich in die Nebengassen und duckte sich dort lauernd zusammen. – Die Wiener wissen gar nicht, was sie an ihrer Sicherheitswache haben –

Zahlreiche Autos, hie und da auch mit Pärchen besetzte Motorräder belebten die Fahrstraße, auf den Promenaden lustwandelnde Tausende von Menschen.

»Bitt' schön, weitergehen! Bitte, nicht stehen bleiben!« hörte man unermüdlich die Wachleute mahnen. – Hier tönte durch die dienstliche Forderung schon wieder die Versöhnung, das Bestreben, das Schreckliche zu vergessen. »Bitt' schön, weitergehen!«

– Mit dieser gutmütigen Zurede sind aber die Wiener wohl doch etwas verwöhnt worden. Fast scheint es, als hätten sie die Ritterlichkeit ihrer braven Polizei allgemach für Schwäche ausgelegt. – Der Offizier, der ... entschlossen »Feuer« kommandierte, wird Undank ernten. Und doch hat er Wien vor dem Untergang, vor Plünderung und wahrscheinlich noch Schlimmerem bewahrt. Wien hat die geduldigste und verläßlichste Polizei.

Wir erhalten folgendes Schreiben des Herrn Dr. Helmut Legerlotz, dessen Urteil, da es sich um einen unbeteiligten ausländischen Beobachter handelt, der obendrein, wie er ausdrücklich feststellt, kein Sozialdemokrat ist, wohl den Anspruch erheben kann, als unbefangen zu gelten

... Gestatten Sie mir, der ich mich für einige Wochen in Wien aufhalte und die Dinge mit der Unparteilichkeit und der Reserve, die dem Fremden ziemt, betrachte, einen kurzen Kommentar zu den furchtbaren Vorgängen der letzten Tage zu geben. Die Wiener Polizei bezeichnet sich auch im Ausland gern als die beste Polizei der Welt. Mit welchem Recht, das erkannte man, wenn man selbst mitangesehen hat, wie in zahlreichen Fällen Gruppen von vier, fünf oder noch mehr Wachleuten, die ein oder zwei Personen, Übeltäter oder Unschuldige, festgenommen hatten, die wehrlosen Geschöpfe in brutalster Weise vor sich herstießen und mißhandelten. Selbst der Leidenschaftsloseste muß bei solchem Anblick sein Blut sieden fühlen. Und wie unvergleichlich furchtbar muß es auf die Stimmung der Masse wirken, daß tatsächlich fast ausschließlich auf wehrlose, fliehende Menschen geschossen wurde, die von starken Trupps bis an die Zähne bewaffneter Wachmannschaften in rücksichtslosester Weise verfolgt wurden. Es steht wohl einwandfrei fest, daß bei weitem die meisten der mit schweren Verletzungen in die Spitäler eingelieferten oder ihren Verwundungen erlegenen Personen von Schüssen durchbohrt waren, die in den Rücken der erbarmungswürdigen Opfer abgegeben wurden. Einer der zahlreichen Ärzte, die mir dies bestätigten, äußerte sich: »Es ist eine Kulturschande, was wir in diesen beiden Tagen in Wien erlebt haben.« Wahrhaftig, eine Glanzleistung der »besten Polizei der Welt«! – Es ist selbstverständlich, daß sich in einer nach Zehntausenden zählenden aufgeregten Menge auch Elemente finden, die ihre besonderen Ziele verfolgen. Aber ebenso selbstverständlich ist es, daß eine staatliche Behörde die Pflicht hat, sich durch Provokationen einzelner nicht zu Handlungen hinreißen zu lassen, die unermeßliches Unglück über zahllose Unschuldige bringen. Die untadelige Disziplin der überwältigenden Mehrheit der österreichischen Arbeiter ist höchster Anerkennung wert; ich erkläre hierbei ausdrücklich, daß ich nicht Sozialist bin. Wir Ausländer, die Zeugen der Vorgänge waren, werden jedenfalls das Verhalten der österreichischen Justizbehörden und das Schicksal der Verhafteten im Auge behalten, denn wir empfinden das, was die »beste Polizei der Welt« angerichtet hat, als einen europäischen Skandal.

Ein »langjähriger Bezieher der Reichspost«:
Nach Kenntnis des Schicksalschlages, den unsere ›Reichspost‹ durch die traurigen Ereignisse des 15. Juli erlitten, war mein erster Gedanke, ob nicht hiedurch wieder ein Bollwerk gegen den Kulturkampf vernichtet wurde und harrte in bangen Stunden der Nachricht, daß unsere geliebte ›Reichspost‹ wieder erscheine. Und siehe, meine Erwartung verwirklichte sich rascher, als ich es dachte. Wie ein kleines Kind, dem die Mutter einen großen der größten Wünsche erfüllte, empfing ich unsere wiedererschienene ›Reichspost‹.

Ich sehe nun, daß Sie sich als Vertreter der Wahrheit auch durch solchartige Schicksalschläge nicht irre machen lassen und beeile mich, Sie zu bitten, mir zwecks Überweisung von S 4 – einen Posterlagschein zu übermitteln, mit dem gleichzeitigen Bemerken, daß ich alle Bezieher der ›Reichspost‹ und ›'Wiener Stimmen‹ bitte und ihnen den Vorschlag mache, einen Bezugspreis, so wie ich, unserer lieben ›Reichspost‹ ohne Gegenleistung als Wiederaufrichtungsbeihilfe zu widmen.

Ich bin selbst ein ganz kleiner Beamter, Vater dreier Kinder, und ist es mir nicht möglich, mehr zu geben, aber ich glaube, daß jeder Abonnent unseres Blattes an seinem Bestande und seiner bisherigen Führung ein derartiges Interesse nehmen muß, ja, ich es sogar als eine hohe Pflicht unseres Kreises ansehe, unserer Presse nun, da sie treuer Freunde bedarf, zuhilfe zu kommen, um ihr Ansehen zu vergrößern und ihren Aufgabenkreis zu erfüllen.

Ein Abonnent der Reichspost schreibt der Arbeiter-Zeitung:
Ich bin kein Marxist, sondern stamme aus einer streng katholischen Familie; meine Mutter ist Mitglied des Katholischen Müttervereines. Freitag habe ich so manches gesehen, wie es wirklich war, und staune nur, wie die ›Reichspost‹ derartig lügen und verdrehen kann. Ich sah, wie im Rathauspark ein Polizist auf einen ahnungslosen Mann feuerte und eine Frau mit einem Kinde am Arm schwer verletzte. Der Polizist war nicht im geringsten bedroht. – Ich erkläre ganz offen, daß ich nie mehr die ›Reichspost‹ lesen werde, denn ich sehe jetzt, daß dieses »Unabhängige Tagblatt für das christliche Volk« ein Lügenblatt ist und mit wirklichem Christentum nicht das geringste zu tun hat.
Mit vollster Achtung Josef Driak, 4., Mommsengasse Nr. 24.

Ein bisheriger Abonnent der ›Volkszeitung‹ schreibt uns:
Ich hatte vormittags geschäftlich in der Stadt zu tun. Auf dem Heimweg sah ich, daß ich nach keiner Seite aus dem ersten Bezirk kommen konnte. Bei meinem Herumirren kam ich auch in die Nähe des »Schlachtfeldes«, von wo man schon die ersten Verwundeten abtransportierte. Ein alter Mann, von den Säbeln der Wachleute förmlich skalpiert, ein zweiter, ähnlich zugerichtet, war das erste, was ich sah. – Während der Schießerei kam ein Wachmann mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett zu uns. Er mußte sich vor den Kugeln seiner eigenen Kameraden retten. –

Ein bürgerlicher Gewerbetreibender schreibt uns:
Ich habe die erste Attacke der Wache mitangesehen. Mir fiel dabei ein berittener Wachmann mit drei Goldrosetten auf, der wie ein Wahnsinniger schrie, mitten im Park herumritt, auf eine schwangere Frau losging und sie niedertrampelte.

Ein Favoritener Fürsorgerat schreibt uns:
Freitag um ¼ 8 Uhr abends standen einige kleine Gruppen neugieriger Menschen an der Ecke der Gumpendorferstraße. Auf einmal, ohne jeden Anlaß, kam die Wache im Laufschritt mit erhobenen Gewehren aus der Eschenbachgasse. An der Ecke fing sie zu schießen an und schon lag blutüberströmt Leopold Schmid am Boden. Wir hoben den Toten auf und trugen ihn zu der andern Ecke, wo zwei Wachleute standen. Ich bat sie mit auf gehobenen Händen: »Ich bitte euch, habt doch ein Herz und seid Menschen. Wo sollen wir den Armen hintragen?« Und da geschah das Unglaubliche: sie erhoben ihre Gewehre und der eine Wachmann rief: »Marsch, oder –« und setzte sein Gewehr zum Schießen an!

Ein reichsdeutscher Lichtdrucker erzählt: Freitag um halb 6 Uhr abends stand ich auf dem Ring und sah mir den brennenden Justizpalast an. Weit und breit gab es keine Menschenansammlung, nur wenige Passanten gingen vorüber, nur kleine Gruppen von drei, vier Leuten standen umher. Auf einmal marschierten Polizisten mit gefällten Gewehren auf, blieben stehen, luden und gingen wieder vor: im nächsten Augenblick krachte eine Salve. Die Wache hatte in die friedlichen Menschen, unter denen man kaum einen Arbeiter sah, hineingeschossen, ohne ein Aviso zu geben, ohne die Leute aufzufordern, sich zu entfernen. Es wurden dreißig bis vierzig Schüsse abgegeben, niemand weiß, warum. Ich habe manches für möglich gehalten, aber dieses Vorgehen der Wiener Polizei war so ungeheuerlich, daß ich es noch immer nicht fassen kann. Als ich später wieder über den Ring ging, sah ich auf dem Boden eine riesige Blutlache, in der Gehirnklumpen lagen. Nur stumpfe Geschosse können diese Wirkung haben.

Abgeordneter Dr. Otto Bauer:
Dazu kommt noch ein Unglück, das die Größe der Katastrophe miterklärt. Jede österreichische Tragödie beginnt, wie ich gesagt habe, mit einem Pallawatsch und mit einer Schlamperei. Die Dispositionen des Hofrates Tauß, das war der Pallawatsch. Nun kommt aber die Schlamperei. In der Assistenzvorschrift des Heeres heißt es ausdrücklich, daß bei Assistenzausrückungen keine Scheibenschießmunition ausgegeben werden darf. In der Marokkanergasse hat man aber an die Wachmannschaft Scheibenschießmunition ausgegeben!

Daß die Wachmannschaft mit Scheibenschießmunition beteilt war, kann unmöglich bestritten werden, denn ich habe sie hier in der Hand. Sie sehen hier (der Redner zeigt sie dem Hause) zwei Magazine Scheibenschießmunition. Sie wurde hier im Hause gefunden, die Polizei, die im Hause untergebracht war, hatte diese Munition. Jeder, der beim Militär war, kennt diese Munition und weiß, wie gefährlich sie ist. Beim Militär geht man in der Vorsicht so weit, daß man die Leute in den Kasernen mit solcher Munition nicht beteilt, sondern sie auf den Schießplätzen verwahrt. Die Polizei hat diese Vorsicht nicht geübt! Wir werden Ihnen bei der Untersuchung Wachleute vorführen, die diese Munition benützt haben! Es steht also durch Munition, die aufgefunden wurde, und durch Zeugenaussagen fest, daß Scheibenschießmunition verwendet wurde, und es ist ein höchst unwürdiger und für die Polizei höchst aussichtsloser Versuch, das abzuleugnen.

In der Sitzung des Nationalrates vom 26. d. hat Dr. Bauer einige Magazine Gewehrmunition mit der Aufschrift »Scheibenschießpatronen« und der Jahreszahl 1922 vorgewiesen, die aus den Munitionsbeständen der Sicherheitswache stammen. Hierzu verlautbart die Polizeidirektion, daß am 27. d. bei einer vom Sachverständigen Obersten Ingenieur Gustav Geng im Munitionsmagazin der Sicherheitswache vorgenommenen Nachschau festgestellt worden ist, daß sich in diesem Magazin keine aus dem Jahre 1922 stammende Scheibenschießmunition befindet ...

Entscheidend ist ... daß nach Aussagen von Wachleuten die Polizei in der Polizeikaserne Marokkanergasse Scheibenschießmunition erhalten, diese am 15. Juli verwendet und später im Parlament an Wehrmänner verschenkt hat; daß diese Munition nachher von zwei Polizeibeamten, dem Waffenmeister Riemer und dem Munitionsreferenten Brunner, in ganz Wien abgesammelt wurde.

Neue Freie Presse:
Verbrecherische Leichtfertigkeit.

Völlige Widerlegung der sozialdemokratischen Beschuldigung wegen der Munition der Wache.

Manchester Guardian, 20. Juli:
Gestern abend habe ich telegraphiert, daß nach Angaben der Sozialdemokraten die Polizei ungeschützte (uncased) Bleigeschosse verwendete, die ungewöhnlich schlimme Wunden erzeugten. Heute wurde diese Behauptung von berufener Seite der Polizei (by police authority) bestätigt. Nach meinem Gewährsmann war die Polizei auf solche Unruhen nicht vorbereitet und hatte lediglich die zum Scheibenschießen verwendete Munition bei der Hand. Diese Geschosse reißen außerordentlich schlimme Wunden, insbesondere bei Gellern, und das ist die Ursache, warum so viele Verwundete im Spital gestorben sind.

Contemporary Review, Septemberheft,

»Einige Eindrücke von den Wiener Unruhen« von G. E. R. Gedye:
– Als Sonderkorrespondent der »Times« während der französischen Besetzung des Ruhrgebietes und der separatistischen Unruhen von 1924/25 habe ich eine große Anzahl von Straßenkämpfen gesehen, trotzdem fand ich es schwer, am folgenden Tage einen logischen Bericht über die Ereignisse des blutigen Freitags in Wien niederzuschreiben. Das eine ist gewiß, daß bis zu dem Moment, wo Kugeln und Steine zu fliegen begannen, kein Mensch an Gewalt gedacht hatte. In der Polizeidirektion, mit der ich die ganze Zeit in enger Fühlung stand, wurde die spontane Natur des Ausbruches niemals auch nur einen Augenblick bezweifelt ... Der Entschluß, zu streiken und zu demonstrieren, war spontan und die sonst üblichen Vorbereitungen der sozialistischen Führer waren unzulänglich ... Die faltigen Gesichter der älteren Arbeiter in der Menge blickten besorgt drein, die jüngeren und die Fabriksmädchen waren zornig und riefen Spottrufe zu den unbeweglichen Reihen der Polizei, die das Gebäude beschützte. Plötzlich sah man in der Entfernung eine Abteilung berittener Polizei durch das letzte Ende des Zuges reiten – ein zweifellos überflüssiges Abweichen von jenem Takt, der sonst der Wiener Polizei eigen ist. Sofort entstand wilde Verwirrung, einige riefen: »Sie reiten uns nieder! Zu Hilfe!« In einer Menge, die gegen die Freisprechung von drei Nationalisten demonstrierte, die auf eine sozialistische Demonstration in Schattendorf im Burgenland gefeuert und einen Kriegsinvaliden und einen kleinen Jungen getötet hatten, mußte dieser Ruf besondere Wut erwecken. – Mehrere Männer fielen dicht bei mir tot zu Boden. Kaum um die Ecke und dadurch gedeckt, sammelte sich die Menge wieder, holte sich neue Wurfgeschosse und lief herum, um die Polizei von hinten anzugreifen. Der Aufruhr war bereits Revolte gegen das Vorgehen der Polizei. –

Als das Anzünden begann, griff die Polizei zu dem Mittel des Salvenfeuers in die wahnsinnige Menge, zuerst mit Revolvern und dann mit Gewehren. Das letztere hatte schreckliche Wirkungen, insbesondere weil Geschosse mit weichen Spitzen verwendet wurden. Die Polizei, die über die ganzen Ereignisse offenherzig Mitteilungen machte, erklärte mir, daß sie in der schweren Notlage die Munition genommen habe, die gerade bei der Hand war, darunter auch die Geschosse mit Bleispitzen, die zum Scheibenschießen bestimmt sind. – Obwohl auf beiden Seiten heftig gekämpft wurde, fehlten die wesentlichen Elemente eines revolutionären Umsturzversuches – einige Waffenhandlungen wurden geplündert, um Waffen zu holen, aber sonst kamen außerordentlich wenig Plünderungen vor, obgleich es im Bereich der Unruhen eine Menge großer Geschäfte und viele Wohnungen wohlhabender Leute gab. Die Unruhen verloren niemals den allgemeinen Charakter einer Demonstration gegen die Klassenjustiz, die durch einen zufälligen Zusammenstoß mit der Polizei in Gewalt umgeschlagen war. Es war eine gewaltige Masse von unter gewöhnlichen Umständen besonnenen Arbeitern, zur Raserei getrieben durch den Anblick ihrer toten und verwundeten Genossen, auf die die Polizei in einem verzweifelten Versuch, die Flammen des Aufruhrs zu ersticken, schoß, die aber in den Augen der Arbeiter wie »proletarische Hunde« niedergeschossen worden waren, weil sie gewagt hatten, gegen die Erschießung von Arbeitern in Schattendorf zu protestieren.

Derselbe:
Es liegt mir fern, mich irgendwie in österreichische politische Kontroversen einzumengen, aber angesichts dieser Notiz (der Mitteilung der Polizeidirektion, daß sie weder Herrn Gedye noch einem andern Journalisten eine derartige Auskunft erteilt habe) bin ich gezwungen, zu erklären, daß meine Information nicht von der Preßstelle der Polizeidirektion stammte, die scheinbar dieses Dementi autorisiert hat, sondern von einem hohen maßgebenden Polizeifunktionär, der in der Lage war, die Tatsachen zu kennen. Seine sehr bestimmte, bereitwilligst abgegebene Erklärung habe ich selbstverständlich wiedergegeben, ohne irgendwie dazu Stellung zu nehmen. Die Preßstelle der Polizeidirektion hat offenbar von meiner Quelle nichts gewußt. Genau dieselbe Auskunft hat am gleichen Tage mindestens ein andrer Korrespondent einer englischen Zeitung, sowie ein amerikanischer Journalist erhalten; in diesem Sinne haben manche englische und amerikanische Zeitungen auch berichtet.

Neue Freie Presse:
London, 2 1. Juli.
Die »Times« bringen an hervorragender Stelle das Schreiben des österreichischen Gesandten, der allen Personen, die nach Österreich zu reisen beabsichtigen, mitteilt, daß sie nun nach Wien und anderen Gegenden Österreichs in vollster Sicherheit fahren und dort verweilen können. Sogar zur Zeit, als die Unruhen ihren Höhepunkt erreicht hatten, seien die Fremden in keiner Weise belästigt worden, da die Österreicher, mögen sie welcher Bevölkerungsschicht immer angehören, die Besucher ihres Landes immer mit Freuden begrüßen.

Paris 21. Juli.
Der Amerikanische Klub in Paris, dem alle ständig in Paris lebenden Amerikaner angehören und dessen Versammlungen auch alle Europa besuchenden prominenten Amerikaner beigezogen werden, hat den österreichischen Gesandten Dr. Grünberger eingeladen, über die derzeitige Lage Österreichs zu berichten und über die letzten Ereignisse Aufklärung zu geben.

Diese Versammlung des Amerikanischen Klubs ist heute unter dem Vorsitze des Pariser Chefs des Bankhauses Morgan, Jay, abgehalten worden. Dr. Grünberger gedachte zunächst der guten Beziehungen –

3. Es ist besonders festzustellen, daß die österreichische Währung in diesen Tagen keinerlei Schwankungen unterworfen war.

4. Das Leben in Österreich ist wieder vollkommen normal. Der Fremdenverkehr hat in keiner Weise gelitten. Die Wiener Theater sind geöffnet, die Salzburger Festspiele werden stattfinden und bieten gerade heuer besondere Anziehungskraft.

– Zum Schlusse verlas der Gesandte die vom »Newyork-Herald« veröffentlichte Erklärung des Bundeskanzlers Dr. Seipel, die stürmischen Beifall fand.

– In dem Aufruf heißt es unter anderm: »Am letzten Freitag war Wien der Schauplatz von Ereignissen – Sagen Sie Ihren Freunden, daß kein Fremder angegriffen oder verletzt wurde und daß Wien noch immer die schöne und gastfreundliche Stadt ist, die sie immer war.«

Wiedereinsetzen des Fremdenverkehrs.
– bestehend aus 40 Personen, programmgemäß hier eingetroffen –

Aus Ischl:
– In den Straßen herrschte ein außergewöhnlich lebhaftes Treiben; es bildeten sich an allen Ecken und Enden Gruppen, deren Gesprächsthema sich selbstverständlich nur um die Wiener Vorfälle drehte, insbesondere wurden sie von den hier weilenden Ausländern einer scharfen Kritik unterzogen. –

Auf eine Umfrage bei den führenden Hotels erfährt man, daß diese bei Eintritt der Verkehrseinstellung voll besetzt waren und die durch Abreisen frei gewordenen Zimmer in den nächsten Tagen wieder besetzt sein werden.

In der Volksgartenstraße flieht die Menge vor den Schüssen. Ein Mann, scheinbar schon verletzt, kann nicht mehr weiter. Er drückt sich an die Mauer. Ein Wachmann geht auf ihn zu, der Arbeiter steht reglos an der Wand und hebt die Arme hoch. Der Wachmann, der übrigens gar keine Nummer trug, schießt ihm mit seinem Revolver zwischen die beiden Oberarme und sagt dazu: » Gelt Schuasta, da schaugst!«

In der Museumstraße fand ich eine Tragbahre, die elf Einschüsse aufwies. Ein Teil dieser Schußlöcher war blutig umrandet. –

In den Hof der Inva hatte sich eine große Menschenmenge, vor allem Frauen, geflüchtet. Auch befanden sich dort sehr viele Verwundete und etliche Tote. Die Wache drang in den Hof ein und räumte ihn mit Revolvern und Gewehrkolben. Eine Frau, die von einem hysterischen Weinkrampf befallen war, riß ein Wachmann derart an den Haaren, daß ihre Kopfhaut blutete. Als der Hof geräumt und die Menge etwa zwanzig Schritt von dem Gebäude entfernt war, stellte sich die Wache im Tore auf und schoß den Leuten nach.

Auf zwei Bahren wurden zwei Verwundete zur Inva gebracht. Bei ihnen befand sich ein Arzt im weißen Mantel. In der Nähe stand eine Gruppe von Wachleuten mit Gewehren. Der eine der beiden Verwundeten ballte gegen die Wache die Faust. Daraufhin wurden beide Verwundeten von den Bahren heruntergerissen. Die Träger und der Arzt wurden mit Kolbenhieben bearbeitet, die Verwundeten mit den Füßen nahezu zertreten. –

Ein Disponent schreibt:
– Es entstand eine fürchterliche Panik und die nichts ahnenden Passanten, unter denen auch ich mich befand, schlossen sich den Flüchtenden an. Nach ungefähr fünf Minuten rasten zwei große, staubgraue, geschlossene Polizeiautos die Ringstraße von der Oper gegen das Stadtschulratsgebäude heran. Ungefähr in der Höhe des Kunsthistorische Museums wurde die Fahrt langsamer, und bevor die zwei Autos noch ganz stillstanden, eröffnete die Polizeimannschaft ein wahnsinnige Trommmelfeuer gegen alles, was sich auf der Straße befand. Von einer Warnung vor Beginn der Schießerei war keine Rede. Die Panik, die nun entstand, läßt sich nicht schildern. Gleich zu Beginn des ungefähr fünf Minuten dauernden Trommelfeuers fielen Menschen, die zufällig de Weges kamen, zu Boden.

»Ein höherer Polizeioffizier« in der Reichspost:
– Einzelne meiner Leute schießen; immer wieder müssen wir verfügen: Sparen, sparen, wir haben wenig Munition. Plötzlich erscheint in unserer Mitte Polizeivizepräsident Dr. Pamer, ruhig, gefaßt und spricht uns Mut zu. Ich weiß nicht, wo er hergekommen ist. –

Neues Wiener Tagblatt:
Die dem Polizeipräsidenten Schober seit dem 15. d. zur Verfügung gestellten Spenden erreichen bereits eine beträchtliche Höhe. Es spendeten unter andern der Bankenverband 60 000 S, der Hauptverband der Industrie im Verein mit dem Industriellenklub 100 000 S und die Handelskammer 50 000 S.

– Mitten in einer Gruppe entsetzter Flüchtlinge duckte ich mich, so gut es ging, hinter dem steinernen Untersatz des Volksgartengitters, das hier zum Burgtor einschwenkt. Die Eingänge waren geschlossen, Flucht unmöglich.

Plötzlich fahren hinter uns zwei Mannschaftsautos auf, werfen etwa dreißig Mann Polizei aus, die das verängstigte Häuflein Menschen – unter ihnen mehrere Frauen mit Kindern – aus dem Unerwarteten anspringen.

Keine Warnung, keine Aufforderung, keine Verhaftung, nur ein Kommando: »Feuer!« Zwei Salven krachen, ich sehe, wie eine Bürgersfrau, die sich hinter ihrem aufgespannten Regenschirm zu decken versucht – Tragikomik des Entsetzens! –, zusammenbricht. Wir werfen uns hinter einen Haufen Feinschotter, der zufällig entlang des Gehsteiges aufgeschüttet ist, über uns donnert minutenlang und ohne Pause Salve auf Salve, dann werden wir »Hände hoch« mit geschwungenen Kolben gegen den Opernring gejagt, immer wieder bedroht von Gewehren im Anschlag ...

Drei Menschen, verwundet oder ohnmächtig, blieben auf dem Platze.

Neue Freie Presse, Bericht aus Paris:
... Die Polizei, die plötzlich den Befehl erhielt, die Boulevards freizumachen, drang mit ungewöhnlicher Roheit auf die Menge ein, unter der sich zahlreiche Spaziergänger befanden. Die Kaffeehausterrassen, die mit zahlreichen Neugierigen und harmlosen Gästen besetzt waren, wurden von der Polizei im Sturm genommen. Dutzende von Personen wurden zu Boden gerissen und mit Füßen getreten.

Neue Freie Presse:
Wir haben viel Trauriges erduldet und mitansehen müssen, wie das Mitgefühl mit der menschlichen Kreatur tief verletzt wurde, wie Ströme Blutes vergossen wurden, wie alle Überlieferungen der Kultur plötzlich ihre Geltung und ihren Wert verloren. Es ist aus diesem Grunde doppelt bemerkenswert, daß der Fall Sacco und Vanzetti die Gemüter so sehr erschüttert, so lebhafte Diskussionen und so viel seelische Unruhe auslöst. Noch ist eben glücklicherweise nicht alles verloren, noch gibt es einen Menschheitsgedanken und ein Menschheitsgefühl, und es wäre nur zu wünschen, daß diese humanen Regungen viel stärker hervortreten, daß sie sich immer einstellen, wenn Unrecht geschieht oder zu geschehen droht, wenn die Gewaltsamkeit triumphiert und die Brutalität einen Vorstoß wagt oder einen Sieg zu verzeichnen hat.

Neue Freie Presse:
Aber was bedeutet das alles gegenüber der Tatsache, daß man in Massachusetts, also in einem demokratischen Rechtsstaate, den Vorwurf leicht nimmt, die Justiz dem Parteivorteil unterordnet zu haben ...

Neue Freie Presse:
Der Kampf gegen den Justizmord, der in dem fernen Massachusetts begangen werden sollte, diese spontane Kundgebung der Solidarität aller Anständigen, aller Pflichtbewußten, aller Widersacher des Unrechtes beweist jedoch, daß eines Tages die Geduld der Geduldigsten reißt, die Unbekümmertheit verschwindet und die Erkenntnis dessen, was im eigenen Interesse und im Interesse der Allgemeinheit geboten erscheint, durchbricht. Überall dort, wo man mit der Apathie, mit der Abgestumpftheit der Völker, der Menschheit rechnet, möge man deshalb gewarnt sein. Diesmal sind die brausenden Stimmen über den Ozean hingeklungen, um zwei Unglücklichen Hilfe zu bringen, ein andermal werden sie ein anderes Ziel erwählen, wenn die Notwendigkeit es erfordert. Wer das Recht mit Füßen tritt, hat fortab die Abwehr der Welt zu fürchten. Das ist ein sehr wesentliches Ergebnis der internationalen Protestbewegung, deren Zeuge wir in den jüngsten Tagen waren.

Neue Freie Presse:
Viele von denen, die sich für Sacco und Vanzetti teilnahmsvoll ereifern, würden besser tun, vor der eigenen Tür zu kehren und uns eine häßliche Tartüffszene zu ersparen. –

Neue Freie Presse:
[Vor der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti.]

»Das Weltbild« bringt in seiner soeben erschienenen Nummer ein Momentbild von einer Demonstration für die Freilassung der beiden Verurteilten. Die reich illustrierte Nummer enthält noch folgende spannende Aufsätze: »Der gute Chester« von Decobra, »Herr Honigsaft, der Lump ...« von Ignat Herrman, »Die Sommerwohnung« und »Reise an das Meer« von Jo Hanns Rösler sowie die Erlebnisse Frank Highmanns »Unter internationalen Mädchenhändlern«. » Das Weltbild« ist um 4o G. überall erhältlich.

– Der Mann blutete außerordentlich stark und wurde quer durch den Schmerling-Park von sechs seiner Genossen im Laufschritt getragen. Zwei hielten je einen Fuß, zwei je einen Arm, einer stützte den Kopf, einer den Rücken. Als dieser Transport die Stiege erreicht hatte, über die man in den Ministertrakt des Parlaments gelangt, trat ihnen ein Mann mit einer Kamera in der Hand entgegen und wollte den Verwundeten photographieren. –

Neue Freie Presse:
»– ›Mein lieber Sinclair Lewis, Sie sind Romanschriftsteller. Das ist ein total unromantischer und langweiliger Beruf. Journalist sollten Sie einmal sein. Da würden Sie endlich wissen, was Romantik ist, und würden vergessen, wie Langeweile ausschaut.‹ – ›Aber bitte, das möchte ich ganz gern. Und am liebsten würde ich einmal über eine Revolution berichten wollen.‹ Und als nun die Meldungen aus Wien kamen, da hat mich Frau Thompson eben auf drei Tage engagiert. Für Längeres dieser Art bin ich nämlich durchaus nicht eingenommen, aber schon gar nicht. Drei Tage höchstens, das ginge noch.« – Eine Äußerung über die Ereignisse dieser Tage lehnte Mr. Lewis mit der Begründung ab, daß er sich in der mitteleuropäischen Politik überhaupt nicht auskenne. Auf die Frage, ob nach seiner Meinung diese Vorfälle dem Fremdenverkehr nach Wien sehr schaden würden, antwortete er mit den tröstlichen Worten: »Aber gewiß nicht, die Menschen sind nicht so, in drei Monaten längstens denkt man nicht mehr daran.«

Die Stunde:
– Leider sind die Ereignisse der letzten Tage auch an unserem Reiseprogramm nicht spurlos vorübergegangen: die durch sie bedingte Unterbrechung der Vorbereitungen hat nämlich eine kurze Verschiebung der Abreise erfordert. Anstatt –

Zweihundertfünfzig Personen dem Landesgericht eingeliefert.
Im Zusammenhang mit den Julieereignissen.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Einstellung des Strafverfahrens gegen
Leon Sklarz und Siegfried Neuhöfer.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Neue Freie Presse:
Nunmehr, da seit den folgenschweren Unruhen vom 15. und 16. d. eine völlig ruhige Woche verflossen und eine sachgemäße Beurteilung der Ereignisse möglich ist, hatte Polizeipräsident Schober die Freundlichkeit, einen unserer Redakteure zu empfangen und sich im Rahmen einer Unterredung folgendermaßen zu äußern:

»Sie dürfen es mir glauben, daß die schrecklichen Opfer, welche die Tage der Unruhe an Leben und Gesundheit der Bevölkerung gefordert haben, keinem tiefer ans Herz gegriffen haben können als mir. –

Trotzdem hoffe ich, daß das, was ich in meinem Tagesbefehl gesagt habe, zur Wahrheit wird, daß die fürchterlichen Opfer dieser Tage allen die Augen öffnen werden, den Abgrund zu sehen, an den unser Staatswesen durch die Zwietracht der Bürger geführt wird.«

Verteidiger: Nach Ihrer Verhaftung sind Sie auf die Wachstube Elisabethstraße gebracht worden. Was ist dort mit Ihnen geschehen? – Angekl.: Es wurde ein Protokoll aufgenommen. Wie der Beamte fertig war, hat er gesagt: »So, jetzt in die Watschenmaschine.« Da sind die Wachleute über mich hergefallen und haben mich blutig geschlagen. Bevor man mich der Polizeidirektion überstellt hat, hat man mich abgewaschen.

An die verehrliche Redaktion der »Neuen Freien Presse« in Wien.

19. August.

– 3. Was die von der »Arbeiterzeitung« schon mehrmals gemachte Behauptung anbelangt, daß der Polizeipräsident an seiner Stelle klebe usw., so wird wohl die Feststellung genügen, daß der Polizeipräsident im Jahre 1918 nach dem Zusammenbruche der Monarchie sofort seine Entlassung erbeten hat ... Der gegenwärtige Polizeipräsident hat den seit November 1918 in Österreich bestandenen Regierungen im Jahre 1919 fünfmal die Bitte um Enthebung vom Amte und im Jahre 1920 zweimal Pensionsgesuche vorgelegt. Auch seither hat der Polizeipräsident der Regierung Mayr und der ersten Regierung Seipel, ebenso später der Regierung Dr. Ramek wiederholt die Bitte um seine Versetzung in den Ruhestand unterbreitet. Übrigens erliegt auch bei dem gegenwärtigen Herrn Bundeskanzler Dr. Seipel ein schon lange vor den Ereignissen vom 15. Juli 1927 eingebrachtes Gesuch des Polizeipräsidenten um seine Pensionierung.

– Ich bitte als Chef der Polizeidirektion die verehrliche Redaktion um Aufnahme dieser Mitteilung, da ich bei dem Hasse, den die Haltung der »Arbeiterzeitung« in den letzten Wochen offenbart, auf eine Berichtigung in der »Arbeiterzeitung« selbst kaum rechnen kann und mir übrigens diesbezüglich auch die Selbstachtung Zurückhaltung auferlegt, denn, wie Friedrich Rückert sagt: »Nicht Achtung kannst du dem, der dich nicht achtet, schenken. Oder du mußt sogleich von dir geringer denken!«

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung
Schober

Ein Arzt teilt mit:
Ich führte am Freitag ein Sanitätsauto, in dem sich Verwundete befanden. In der Nibelungengasse schoß die Wache auf uns; ich ging auf den Kommandanten zu und rief: »Um Gotteswillen, schießen Sie doch wenigstens nicht auf Sanitätsautos! Nicht einmal im Kriege hat man auf das Rote Kreuz geschossen!« Der Polizeioffizier erwiderte: »Mit Verlaub, ich scheiß auf das Rote Kreuz ! –«

Reichspost:
Ein kräftiges Wort der Soldaten aus Neusiedl.

Von der Landgruppe Burgenland des »Wehrbundes« erhalten wir ein Schreiben, in dem es u. a. heißt:

»In der ›Arbeiter-Zeitung‹ vom 22. d. erschien ein Artikel über unsere Garnison unter dem Titel ›Kopflose Offiziere‹. Wir wollen feststellen, daß nicht ein einziger Offizier, am allerwenigsten aber unser verehrter Kommandant den »Kopf verloren« hat.

In dem Artikel ist übrigens nur eines richtig: »Wir haben geglaubt, man wird uns abmarschieren lassen.« Ja, dies wollten alle unsere braven Leute und dieser Satz gereicht unserem schönen Baon und der Schwadron zu Ehren.

Treue um Treue!

Nehmen wir uns ein Beispiel an dem Vorbild an Selbstlosigkeit, Mut und Widerstandskraft, das uns ›die Reichspost‹ selbst in diesen Tagen gegeben hat. Unerschütterlich und treu seiner Pflicht hielt ihr Stab in einem Hause, das halb zur Ruine geworden ist, zwischen den zerstörten Einrichtungsgegenständen und dem Wust, den die Wut des Hasses angerichtet hatte, aus und erfüllte, ohne auch nur einen Tag des Atemholens nach den Schrecken, seine Aufgabe im Dienste des christlichen Volkes weiter, der ihm stets vor allem andern ging.

Diese Panzerautos, erzählt die Polizeidirektion, »sind mit schußsicheren Panzerplatten gewappnet und beherbergen zwei bis vier Maschinengewehre und zehn bis zwanzig mit Gewehren ausgerüstete Polizisten in ihrem Innern«. »Nur die Mündungen der Gewehre und der Maschinengewehre blinken aus dem Panzer hervor

Die Stunde:
Polizeipräsident Schober gab schließlich seiner Überzeugung Ausdruck, daß die Polizei seit Freitag abends die Lage mit Sicherheit beherrsche. Bisher seien erst ungefähr 600 Polizisten mit Karabinern bewaffnet worden und schon diese Zahl habe genügt – Die Zahl der bewaffneten Polizisten könne ohne weiters auf 10 000 gebracht werden, doch werde sich nach der gegenwärtigen Sachlage hiezu schwerlich eine Notwendigkeit ergeben.

Arbeiter-Zeitung:
– Die Herren Emmerich Bekessy und Alexander Weiß sind der Typus dieser »modernen« Journalistik, die es zuwegebringt, daraus ihr eigentliches Geschäft macht, die Synthese zwischen Sensation und Erpressung herzustellen ... Auch in der Nachkriegszeit waren die großen bürgerlichen Zeitungen zur Stelle und ihre Beherrscher haben sich immer für die eigentlichen Tragsäulen der Wiener Presse gehalten; aber in einer bestimmten Zeit, in der Zeit eben, da sich das Urteil über die Wiener Presse bildete, waren es doch die zwei Revolverjournalisten, die den Ton angaben. Man glaube nun ja nicht, daß der Ruf der Presse einer großen Stadt unversehrt bleibt, wenn Revolverjournalisten ihre Wortführer sein können. Wien, wenn man seine Presse betrachtet, bleibt doch die Stadt, die einmal zwei Revolverjournalisten in Bann gehalten haben, und danach schätzt man dann das, was man öffentliche Meinung nennt, in Wien eben ein.

– Das Gespräch wurde ausschließlich mit dem Polizeipräsidenten geführt; sonst war niemand dabei ... Nur das Revolverblatt des Alexander Weiß konnte über die Besprechung, und zwar schon am andern Tage, einen Bericht bringen; von welcher Seite konnte es von dem Stattfinden und von dem Inhalt der Besprechung Kunde erhalten haben? ... In allen jenen Tagen dürften diese Besprechungen die einzigen gewesen sein, welche sozialdemokratische Abgeordnete mit dem Polizeipräsidenten gehabt haben: von beiden hat das Revolverblatt Kenntnis erhalten ... sind wir danach nicht berechtigt, zu sagen »daß über Gespräche, die sozialdemokratische Abgeordnete mit dem Herrn Polizeipräsidenten gehabt hatten, Mitteilungen an das Revolverblatt des Alexander Weiß gelangt sind«? ... Die Verbindung der Polizeidirektion mit den Revolverblättern steht also fest ...

– Auf die Frage, ob sie sich schuldig bekenne, antwortete die Angeklagte: »Ich weiß von gar nichts mehr. Ich wurde auf der Polizei derart geschlagen, daß ich überhaupt nichts mehr weiß. Mir ist das Blut aus Mund und Nase geströmt, dann bin ich drei Tage bewußtlos gelegen.«

Richter: Haben Sie eine Anzeige wegen der behaupteten Mißhandlungen erstattet?

Angekl.: Nein. Ich wurde ja eingesperrt. Und wie sollte ich das denn beweisen? Ich wurde ja ganz blöd geschlagen. Ich habe unzählige Ohrfeigen abgefaßt.

Ein schwerverwundeter Arbeiter ist zu uns gekommen und hat uns erzählt, wie es ihm erging. Er lief, mitten in einem Haufen fliehender Menschen eingekeilt, durch die Mariahilferstraße, wo ebenfalls geschossen wurde, gegen den Ring. Auf einmal sah er, in einem Haustor versteckt, einen Polizisten, der das Gewehr gegen ihn anlegt; ein Schuß krachte, der Mann war getroffen, sein linker Arm zerschmettert. Einige Arbeiter wollten ihn zur Sanität führen, aber die Polizei bemächtigte sich seiner und schleppte ihn in die Wachstube auf dem Schillerplatz. Dort trat ein Inspektor dem Schwerverletzten entgegen und schrie ihn an: »Sie waren ja auch dabei!« – »Ich bin nur gelaufen, ich habe nichts gemacht!« erwiderte der Mann; anstatt einer weiteren Antwort fiel man über ihn her und schlug ihn ins Gesicht, so daß er vor Schmerzen weinte. Dann schrieb man seinen Namen auf und warf ihn mit Fußtritten über einige Stufen hinab, hinaus auf die Gasse. Ein andrer, der eingeliefert worden war, wurde mit Füßen getreten und mißhandelt.

Das Grand Hotel teilt mit:
Wir legen das größte Gewicht darauf, Ihnen mitzuteilen, daß die höchst bedauerlichen Ereignisse, die, wie auch in anderen Staaten, diesmal bei uns von den Kommunisten planmäßig in Szene gesetzt wurden, auf die Sicherheit und Bequemlichkeit der ausländischen Gäste in den Hotels von gar keinem Einfluß gewesen sind, was Sie durch Rundfrage selbst feststellen können. Wir bitten Sie daher im Interesse unseres Landes und im Interesse des Reiseverkehrs, dies in Ihrem Blatte ausdrücklich feststellen zu wollen, wofür Ihnen die ohnedies in Mitleidenschaft genommene ganze Öffentlichkeit zu tiefstem Dank verpflichtet sein wird.

Ein Oberbeamter der Versicherungsgesellschaft Phönix berichtet:
– Vor der Bellariastraße ließ der Herr die Abteilung halten, trat an die rechte Seite der Schwarmlinien und kommandierte, ohne daß irgend ein Grund vorhanden war, Feuer. Die Wachmannschaft gab mehrere Salven ab. Die Wirkung dieser Gewehrsalven war entsetzlich. Ich betone nochmals, daß zu diesem wahnsinnigen Feuer gar kein Anlaß bestand. Ich lege deshalb so großen Wert auf diese Feststellung, weil der reichsdeutsche Herr von der ›Neuen Freien Presse‹, den Sie sehr richtig als Ordnungsbestie bezeichneten, von einer Bedrohung der Wache bei der Bellaria faselte. – Eine Frau, die ich ganz fassungslos im Stadtschulratsgebäude traf, erzählte, sie sei von einem Wachmann angerufen worden, sofort in das Haus zu gehen, sonst schieße er. Sie konnte das Tor nicht öffnen, vielleicht war es gesperrt, vielleicht versagten ihre Hände. Der Wachmann schoß, traf aber zum Glück nicht die herzkranke Frau, die zusammenstürzte und dann gelabt werden mußte.

Herr Fritz Brestan schreibt:
In der Arbeiter-Zeitung wurde der Name des Kommandanten (Franz Schuster) genannt, der die Polizeiabteilung befehligte, die am 15. d. Gegen ¾ 7 Uhr abends die Lastenstraße gegen die Babenbergerstraße abzuriegeln hatte. Ich war Zeuge, wie diese Abteilung ohne jeden Grund in Passanten brutal und ohne jede Warnung hineinschoß, worauf drei Männer tot oder schwerverletzt liegen blieben. – Ich habe gesehen, daß der Kommandant, obwohl er von den Passanten mindestens dreihundert Meter entfernt und der Raum dazwischen leer war, durch Gesten und wahrscheinlich auch durch Kommandoworte den Befehl zum Schießen gab, worauf seine Leute ganz gemütlich, langsamen Schrittes vorgehend, in die aus nicht mehr als 150 Menschen bestehende Zuschauermenge hineinschossen. Einige schossen hoch, einige in spitzem Winkel aufs Pflaster und einige geradeaus in die flüchtende, nichts ahnende Menschenmenge.

Feuerwehrleute, die bei der Löschaktion in der Lichtenfelsgasse Dienst machten, schreiben:
– Ein junger Schutzbündler, der im Vertrauen darauf, daß er der Feuerwehr bei der Rettungsarbeit geholfen hatte, stehengeblieben war, hob zum Zeichen seiner friedlichen Absicht, als die Polizei heranstürmte, beide Hände hoch. Sieben Polizisten schlugen mit ihren Gewehrkolben auf ihn ein, bis er liegen blieb. Dann schossen sie ins Rathaus hinein, weil hinter dem Gittertor einige Menschen »Pfui!« gerufen hatten.

Ein Chauffeur erzählt:
Freitag zwischen ¼ 5 und ½ 5 Uhr ging gegenüber dem Stadtschulratsgebäude Polizei in Schwarmlinie vor. Die wenigen Leute flüchteten und deckten sich, so gut es ging. Zwei Wachleute nahmen einen hinter einem Baum gedeckt stehenden Mann aufs Korn und schossen ihn nieder. Man hatte den Eindruck, als ob die Wachleute sich aus dem Beschießen der Menschen ein Theater machten, denn nachdem der Mann zusammengebrochen war, rief ein Polizist mir, der ich mit meinem Auto hinter der Schwarmlinie stand, zu: »Dort liegt aner, holts euch ihn! –«

– Wenn wir das einmal erreichen, dann wird vielleicht auch so manchem von Ihnen zum Bewußtsein kommen, daß am entscheidenden Freitag, am 15 . Juli des Jahres 1927, zur Herbeiführung wirklich geordneter Zustände in unserem Österreich die Polizei wacker und treu beigetragen hat. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen rechts. Der Vizekanzler wird beglückwünscht.)

Neue Freie Presse:
– Der Bericht, der erste, wirklich authentische über den Verlauf der Unruhen –

Vizekanzler Hartleb:
» Sie werden niemandem weis machen, daß Wachleute vom Auto aus geschossen haben!«

Ein Reisender schreibt:
– Plötzlich wurde ein zweites graues Auto sichtbar, auf dem nur ein Chauffeur und ein Zivilist vorn saßen. Es war ein sogenannter Schubwagen, kastenförmig, geschlossen. Die Menge legte diesem Auto keine weitere Bedeutung bei, da es ganz harmlos schien. Plötzlich stellte es sich schräg über die Straße, rückwärts wurde eine Tür sichtbar, die eine mit Eisenstäben vergitterte Öffnung zeigte. Plötzlich gellen scharfe Schüsse – ohne vorherige Warnung! Mehrere Salven werden aus dem Innern dieses Wagens – an den Eisenstäben des Gitters vorbei – abgefeuert. Verwundete und Tote liegen auf der Straße. Nach diesen Schüssen saust das Auto wieder weiter in der Richtung zum Parlament.

Ein Arbeiter schreibt:
Ich war Freitag vormittag durch einen Zufall in der Nähe des Justizpalastes und habe dort manche herzzerreißende Szene miterlebt. Für zwei Uhr nachmittags hatte ich mit meiner Frau eine Verabredung bei der Bellaria. Ich traf sie vor dem Stadtschulratgebäude, wo sich eine Sanitätsstation befand. Eben trug man einen Schwerverletzten auf einer Tragbahre herbei. Meine Frau, die während des Krieges Pflegedienst versehen hatte, sprang hilfsbereit hinzu, um ihre Kenntnisse zur Verfügung zu stellen. In demselben Moment aber kamen vom Schwarzenbergplatz her im schnellsten Laufschritt Polizisten mit Gewehren und obwohl hier gar kein Auflauf war, ja nicht einmal Rufe gegen die Polizeimannschaft ausgestoßen wurden, begann diese eine wilde Schießerei. Vergeblich suchten die Leute der Sanitätsstation, die durch ein rotes Kreuz kenntlich gemacht war, mit Zurufen und Händehochheben die Polizisten zu besänftigen, diese schossen aber wie toll just in die Station hinein. Eine wilde Panik entstand. Ich wurde von meiner Frau weggerissen und fand gerade noch hinter einer Säule Deckung. Das letzte, was ich von meiner Frau sah, war, daß sie sich über einen Verwundeten beugte.

Als sich der Feuersturm verzogen hatte, kam ich wieder hervor und hielt Ausschau nach meiner Frau. Ich fragte einen mir bekannten Genossen, der beim Stadtschulratgebäude Dienst hatte, ob er denn nichts von meiner Frau wisse. Der aber gab mir eine ausweichende Antwort. In qualvoller Angst fuhr ich darauf in meine Wohnung in die Simmeringer Hauptstraße Nr. 201. Meine Frau war nicht zu Hause! Ich kehrte wieder um und fuhr zurück zur Bellaria. Nichts zu sehen von meiner Frau. Viermal machte ich den Leidensweg Bellaria-Simnieringer Hauptstraße Nr. 201 und immer wieder zurück und immer wieder vergeblich! Was dann folgte, war die entsetzlichste Nacht meines Lebens.

Am nächsten Vormittag ging ich ins Allgemeine Krankenhaus. Es waren 48 Tote dort, unter ihnen eine einzige Frau. Diese Frau war die meine. Hier also fand ich sie wieder, hier also fand ich die fürchterliche Wahrheit.

Später erzählte mir der Genosse, den ich am Abend vorher nach meiner Frau gefragt hatte, daß er mir aus Mitleid die schreckliche Nachricht verschwiegen habe. Gerade als sie sich über den Verwundeten geneigt habe, sei die tödliche Kugel gekommen und habe ihr den Hinterkopf zerschmettert.

Wer soll nun all das Leid tragen? Ich muß für ein achtjähriges Kind leben – sonst folgte ich sofort meiner armen Frau in den Tod.

Mit Freundschaft Ihr unglücklicher
Franz Bolzer.

Neue Freie Presse:
Wenn man selbst zugeben würde, daß einzelne Verfehlungen vorgekommen sind, was aber bisher durch nichts bewiesen ist, selbst dann müßte man doch sagen –

... der Walzer »Du mein Herz«, der wertvollste Einfall der Operette, ein richtiges Heurigenlied » So a Wein«, der vergnügt wirbelnde Marsch » San m'r lustig« und der Polkaschlager » So ein kleines Tanzerl«. Das alles ist stellenweise erfrischend und animierend wie ein Feingespritzter ...

Jetzt genügt der Blick auf die Esplanade, in zwei oder drei Kaffeehäuser und zum berühmten Zuckerbäcker Zauner, um Ischl komplett beisammen zu haben. Alle seit vier Wochen wegen Schönwetters abgesagten Rommypartien sind bereits wieder in Gang. Librettisten halten Konzilien ab. Theaterdirektoren verkünden ihre winterlichen Aktionsprogramme und lassen sich dazu noch einen Indianerkrapfen geben. Und majestätisch tosend fährt das neueste Auto eines Operettenhierarchen vor.

Der Schlager:

So ein Weiberl, zum Küssen, pickfein,
Und dazu noch ein gut's Glaserl Wein,
Sodann noch ein Braterl, ein feines,
Vom hintersten Teile des Schweines.
Dann ein Backhenderl, nur nicht zu klein,
Und dann wieder ein gut's Glasert Wein,
Ein herziges Fußerl, ein saftiges Busserl,
Ein bisserl a Geld!
Nur so sieht man immer im rosigen Schimmer
Die schöne Welt.

Bericht der Untersuchungskommission des Gemeinderates:

– Achtundachtzig Todesopfer sind zu beklagen, unter ihnen auch Frauen. Zeugenaussagen berichten von furchtbaren Szenen außerhalb des eigentlichen Schauplatzes der Demonstration. So wurde zeitlich nachmittags das Dienstgebäude Babenberg der Straßenbahn beschossen, während Mannschaft dort im Dienste war. Eine kleine Gruppe neugieriger Menschen wurde um ½ 8 Uhr abends Ecke Eschenbachgasse und Gampendorferstraße angeschossen. Wache legte dort das Gewehr zum Schießen selbst auf die Leute an, die einen Toten forttragen wollten. Vor 5 Uhr nachmittags wurde bei der Goethegasse geschossen, ohne daß es dort eine Demonstration gegeben hätte. Gegen ½ 6 Uhr gab es Schüsse beim Schottentor. Um 7 Uhr abends wurde die Mariahilferstraße hinauf geschossen, ohne daß von einer Bedrängung der Wache gesprochen werden konnte. Um 4 Uhr nachmittags geriet ein Auto mit Sanitätszeichen, das zwei verwundete Frauen in das Wiedener Krankenhaus bringen sollte, vom Museum her in Gewehrfeuer. Zwei Sanitäter wurden verwundet, eine der Frauen getötet. Gegen 7 Uhr gab es bei der Kreuzung der Siebenstern- und Stiftgasse eine Schießerei. Gegen 3 Uhr wurde von der Lerchenfelderstraße in die Langegasse auf die Passanten geschossen. Um ½ 7 Uhr schoß Wache vom Getreidemarkt gegen die Gumpendorferstraße. Einige wenigen Leuten, die »Pfui!« riefen und sich in die Fillgradergasse flüchteten, wurde noch nachgeschossen. Fliehenden Leuten wurde über die Rahlstiege nachgeschossen. In das Deutsche Volkstheater wurde hineingeschossen. Gegen Mitternacht wurden bei der Stafa wegen Pfuirufe drei Salven gegen den Gürtel abgegeben. Nach 2 Uhr nachmittags wurde die Menge, die auf der Bellaria stand und aus der Pfuirufe ertönten, beschossen. In der Babenbergerstraße wurde auf kleine Menschengruppen geschossen. In der Universitätsstraße schoß Wache auf eine fliehende Menge. Auf dem Ring wurde gegen 7 Uhr auch in der Richtung Oper geschossen, obwohl nur wenig Menschen auf der Straße waren. Um etwa 9 Uhr abends gab es eine Salve gegen die Paulanerkirche zu, um 8 Uhr abends von der Sezession her auf den fast menschenleeren Naschmarkt. In der Lerchenfelderstraße und in der Lichtenfelsgasse wurde wiederholt geschossen, auch wenn nur wenig Menschen auf der Straße standen. Ecke Hütteldorferstraße und Breitenseerstraße kam es Samstag den 16. Juli abends zu einer Schießerei. Daß bei so vielen schießenden Abteilungen die Menschen auch in ein Kreuzfeuer gerieten, ist nicht verwunderlich. Solche entsetzliche Fälle werden berichtet, als das Schießen vor dem Justizpalast begann, dann auch von der Gegend Universitätsstraße und Ebendorferstraße zwischen 5 und 6 Uhr, aus der Gegend Herrengasse und Mölkerbastei um ungefähr 7 Uhr. Daß bei solchem Schießen auch Verwundungen von Wachleuten durch Schüsse der Wache entstanden sein können, ist klar. Eine Frage, die die Kommission darüber an die Polizeidirektion gestellt hat, ist unbeantwortet geblieben. Als besonders schrecklich wird geschildert, daß die Wache aus fahrenden Autos auf die Straße schoß. Dies wird von der Opernkreuzung zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags, von der Babenbergerstraße um ¾ 4 Uhr, von der Ottakringerstraße am 16. Juli um ½ 4 Uhr nachmittags berichtet. Die Polizeidirektion wurde, da derlei Fälle in ihrem Bericht nicht erwähnt sind, darüber befragt. Auch auf diese Frage wurde die Antwort verweigert. Einige Beobachter sagen, daß die Straßen nicht abgesperrt wurden und immer wieder, sobald Menschen angesammelt waren, geschossen wurde.

Daß es dabei auch zu Akten der Grausamkeit, begangen von einzelnen, gekommen ist, wird von mehreren Zeugen berichtet. Krasse Fälle: Auf einen niedergestürzten Studenten (neben dem Volkstheater) legt ein Wachmann das Gewehr auf zwei Meter Distanz an; der Schuß geht nicht los, offenbar ist kein Magazin mehr im Gewehr. Da haut er mit Kolbenhieben auf den Hinterkopf des Studenten so, daß dieser mit dem Kinn auf das Pflaster aufschlägt. Selbst ein Auto der Rettungsgesellschaft, das durch die Lerchenfelderstraße fuhr, wurde, obwohl der Lenker vorher die Wache fragte, ob er passieren könne, beschossen. Nach der Säuberung der Bartensteingasse stellte sich ein einzelner Mensch, mit ausgebreiteten Armen auf den Sandhaufen Ecke Stadiongasse. Er wurde nicht weggejagt, sondern erschossen. Beim Anzengruber-Denkmal war ein einzelner Mensch, der dort Deckung suchte. Von der Ecke des Parlaments her zielte ein Wachmann auf ihn; von den drei Schüssen traf ihn einer. Vor dem Stadtschulratsgebäude wurde eine Frau, die sich als ehemalige Krankenpflegerin über einen Verwundeten beugte, erschossen.

Der Polizeibericht erklärt ganz allgemein »die Behauptungen, daß vielfach Gewehrschüsse in ruhige, ja sogar flüchtende Demonstrantengruppen abgefeuert worden wären«, für unrichtig. Alle diese Aussagen, die der Kommission vorlagen, wurden der Polizeidirektion zur Äußerung übermittelt. Sie verweigerte die Antwort darauf, versprach allerdings, selbst untersuchen zu wollen, ob es schuldtragende Organe gibt, die zur Verantwortung zu ziehen wären.

»– Die Sache steht nun so, daß der Tag, der ein Urteilstag über die Wiener Polizei werden sollte, ein Ehrentag für die Polizei, für den Polizeipräsidenten und für den Bundeskanzler geworden ist.« (Stürmischer Beifall.)

Bericht der Untersuchungskommission des Gemeinderates:

Geradezu sonderbar ist, wie der Polizeibericht den Abschluß dieses Ereignisses schildert: « – Die Sicherheitswachebeamten mußten hierbei, da sie ihre Revolvermunition bereits verschossen hatten und daher wehrlos waren, Zivilkleider anlegen, um nicht erkannt zu werden und der sinnlos wütenden Menge zum Opfer zu fallen.« Woher bekamen die dreißig Wachleute die Zivilkleider? Der Polizeibericht erwähnt nicht mit einem Wort ... die heldenhafte Aktion des Schutzbundes zur Rettung der in der Verbrennungsgefahr befindlichen Wachleute im Justizpalast, er spricht kein Wort darüber, daß die Schutzbündler ihre Kleider hergaben, um die Wachleute gegenüber einer wutentbrannten Menge unkenntlich zu machen, und sich dafür selbst Prügel und Verwundungen holten. Der Polizeibericht weiß nichts von dem umfassenden Sanitätsdienst zu berichten, den die Schutzbundabteilung eingerichtet hatte und der Dutzenden Wachleuten ... zugute gekommen ist, manchen vielleicht das Leben gerettet hat ... Er weiß nichts darüber zu berichten, daß diese Sanität auf Bitten der Wache zweimal zum brennenden Justizpalast vordrang, um verwundete Wachleute zu bergen. Er weiß nichts davon, daß sechs Wachleute von diesen Elektrizitätsarbeitern vor der Wut der Menge gerettet wurden, indem sie ihnen ihre Monturen und Kappen gaben. Der Polizeibericht weiß nichts davon, daß Polizeiabteilungen auf Schutzbundketten, die im Dienste der Ordnung zum Beispiel den Justizpalast absperrten oder die Stadiongasse abriegelten, geschossen haben. Er weiß nichts davon, daß elf Schutzbündler am 15. Juli in Ausübung ihrer Pflicht den Tod gefunden haben ... zum Beispiel der Fall des Ordners Bezpalec, der beim Justizpalast einen durch Schläge halb bewußtlosen Wachmann zum Wachkordon brachte und, als er sich umdrehte, um zurückzugehen, zwei Schritte entfernt, durch einen Schuß so schwer verletzt wurde, daß er an der Verwundung starb. Der Polizeibericht weiß nichts davon, daß einer der fünf Schutzbündler, die mittags den Eingang des Hauses Lichtenfelsgasse, in dem die ausgebrannte Wachstube ist, bewachten, von heranrückender Sicherheitswache mit Kolbenhieben derart mißhandelt wurde, daß er zweimal zu Boden sank. Der Polizeibericht weiß nichts darüber, daß ein Schutzbündler, der der Feuerwehr geholfen hatte, Wachleute in der Lichtenfelsgasse in ein Nachbarhaus hinüberzubringen, um sie vor der Wut der Menge zu retten, hinterher, um 5 Uhr, als einzelner, auf der Straße stehender Mann mit Kolbenhieben traktiert wurde, bis er liegen blieb. Es ist sehr bedauerlich, daß die Polizeidirektion ihren Bericht für ausreichend hält, obwohl er dringend der Ergänzung und Richtigstellung bedarf.

» – Die gesamte Bevölkerung straft Sie Lügen und ist der Bundesregierung und der Polizei bis ins Innerste des Herzens dankbar.« (Stürmischer Beifall und Händeklatschen. – Redner wird beglückwünscht.)

Ich bin kein Sozialdemokrat. Schon gar nicht bin ich ein Freund des Bolschewismus. Wenn ich aber die nachstehenden Erlebnisse mitteile ... so geschieht dies als flammender Protest gegen die einseitige Darstellung des Verhaltens der Bundeswachmannschaft, wie solche von der Polizeidirektion Wien, der Regierung und in den bürgerlichen Wiener Blättern produziert wird.

Ich kann nachstehende Erlebnisse auch als Zeuge vor Gericht bestätigen und stehe keineswegs allein!

– Es herrschte keine gefährliche Stimmung. Plötzlich schoß die Wache ohne jeden Anruf, ohne jede Warnung in die angesammelte Menschenmenge. Alles flüchtete. Erst jetzt erschollen Pfuirufe und Rufe wie »Mörder« aus der Volksmenge. Es fielen verwundete Männer und Frauen. Jeder Hilfsversuch scheiterte am Salvenfeuer der in Schwarmlinie quer über die Straße nach Kosakenmanier vorgehenden Wache, die in den Rücken der Fliehenden wiederholt mehrere Salven abgab. Es gelang mir, in das Deutsche Volkstheater zu flüchten ... Ohne daß irgend jemand Anlaß dazu gegeben hätte, gab die Wache auch mehrere Salven gegen uns in das Deutsche Volkstheater ab. Solcherart aus dem Deutschen Volkstheater vertrieben, liefen ich und andre in der Richtung Mariahilferstraße. Die Polizei schoß hinter uns drein. Viele Leute flohen über die von der Mariahilferstraße hinüberführende Stiege. Die Polizei schoß auch dorthin. Wieder fielen viele Verletzte! Ich und einige andre liefen weiter, in eine der Quergassen. Nun machte die Wache Front und feuerte uns in die rettende Seitengasse mehrere Salven nach. Schließlich gelangte ich zum Ring ... Und abermals schoß die Wache ohne Anruf, ohne Warnung ... Plötzlich kommt vom Kärntnerring ein Polizeiauto im schärfsten Tempo gefahren. Die Wachleute schießen nach allen Richtungen. In der Nähe der Tramwayhaltestelle fällt eine Frau, die dort neben einem Herrn stand. Solch mörderisches Vorgehen erfordert eine strenge Untersuchung und Sühne.

Österr. Automobilklub
Wien 1. Kärntnerring Nr. 10
Wien, den 20. Juli 1927
Hochverehrter Herr Präsident!

Die unter Ihrer Leitung stehende Bundespolizei hat in den Tagen des 15. und 16. Juli die härteste Probe seit den Tagen der Republik bestanden.

Recht und Verfassung dieses schwer um seine Existenz ringenden Staates wurden allein durch beispielgebende Pflichterfüllung und Opfermut der Beamten unserer Polizei geschützt und erhalten. Dankbar und stolz blickt jeder aufrechte Patriot auf jene Männer, welche solche Charakterstärke zu einer Zeit bewiesen haben, in welcher die Achtung für ideelle Werte so sehr ins Wanken geraten ist.

– Der Österreichische Automobilklub hat sich durch die Zeichnung von fünftausend Schilling an die Spitze gestellt.

– Er ist sich jedoch bewußt, damit weder seine Dankesschuld abgetragen, noch eine im Vergleich zur Größe der vollbrachten Tat nennenswerte Leistung geboten zu haben. Ideelle Taten können mit materiellen Gütern niemals verglichen werden –

Die wahrhafte Anerkennung der Bevölkerung kann den Beamten der Bundespolizei nur das herzliche und freudige Empfinden bringen, mit welchem die Gutgesinnten unserer jungen Republik fortan jedem einzelnen unserer Bundespolizei begegnen werden, die tiefe Hochachtung, welche nunmehr im höchsten Ausmaß Ihren Organen entgegengebracht werden wird.

Wir entbieten Ihnen, hochverehrter Herr Präsident, als dem vornehmsten Vertreter einer Körperschaft, welche keine Grenze der Pflichterfüllung kennt, die aufrichtigste Verehrung, mit welcher zeichnet
Das Präsidium des österreichischen Automobilklubs.

Branddirektor Anton Wagner:
Jetzt, als wir mit Hilfe der Stadträte bereits weit genug vorgedrungen waren und mit der Löscharbeit beginnen wollten, ertönten auf einmal von allen Seiten Gewehrsalven. Es entstand eine fürchterliche Panik; die Feuerwehrleute und die Geräte wurden vielfach überrannt. In unseren Geräten fanden wir dann nachträglich unzählige Einschüsse. Von den Löschmannschaften ist durch einen glücklichen Zufall niemand verletzt worden. Ich selbst erhielt von einem Geller einen Streifschuß am Stiefel. –

Bericht der Untersuchungskommission des Gemeinderates:
Dieser Darstellung der Polizeidirektion stehen Aussagen entgegen, die feststellen, daß es nach allerdings sehr großen Anstrengungen des Schutzhundes bereits gelungen war, der Feuerwehr den Weg zu bahnen, und eben mit der Löscharbeit hätte begonnen werden können, als die erste Salve krachte. Der Löschwagen der Feuerwehr wurde selbst beschossen und zeigte Einschläge. Was die zweite Begründung für das Schießen anlangt, daß die Gefahr des Verbrennens der Wachleute im Justizpalast nicht anders abgewehrt werden konnte, so steht dem die entschiedene Aussage vor allem des Generals Körner entgegen, daß die Wachleute bereits in Sicherheit gebracht waren, als das Schießen begann. Er selbst hat es dem Kommandanten einer schießenden Wacheabteilung zugerufen, nachdem eine Salve vorüber war. –

General Körner verwies in seiner Aussage auf das Bild einer schießenden Wacheabteilung, das in der »Woche« vom 30. Juli abgedruckt war, und schilderte, was auf diesem Bild zu sehen ist: Da steht ein Rudel von zwanzig Mann, wobei ein Soldat von jedem sagen kann, daß man dem Mann kein Gewehr in die Hand geben soll.

Der eine hält es so, als ob der Verschluß verrostet wäre; der andere so wie eine Jagdflinte; der dritte hat das Gewehr fertig; der vierte hat den Lauf nach aufwärts. Der fünfte hat es am Bauch und beim Fuß, zwei Rückwärtige haben es geschultert, der rechts rückwärts hält den Lauf genau auf den Vordermann. Das heißt man Fertignehmen. Das Fertignehmen sieht man, aber daß keine Menge vor ihnen ist, sieht man auf den ersten Blick. Warum die Leute fertig nehmen, ist unerklärlich.

Ich habe es später beim Herübergehen gesehen, wie schon die Menge gelaufen ist, und hatte genau denselben Eindruck: das ist eine Horde, ein Rudel, und ich habe mich vorn hingestellt und habe gesagt, das ist ein Wahnsinn ... Wenn man zwanzig Mann so einsetzt, muß man sie in zwei Glieder ordnen, sie müßten Bajonett auf haben und ordentlich vormarschieren, dann würde die Menge ohne Schuß laufen. Aber das war ein Rudel, das gejagt hat, das nichts vor sich gehabt hat, und ich alter Soldat habe vor Empörung aufgeschäumt. Ich habe gesagt, das ist Feigheit von den Leuten, zu schießen. Ich habe vor innerer Wut gezittert.

Der Bundespräsident hat einer Reihe von Funktionären der Polizeidirektion sowie zahlreichen Mitgliedern der Sicherheitswache Auszeichnungen verliehen. Die feierliche Überreichung der Dekorationen erfolgte gestern im Beisein zahlreicher Festgäste im Hofe der Sicherheitswachkaserne in der Marokkanergasse durch den Polizeipräsidenten Schober, der folgende Ansprache hielt:

»Die Haltung der Wiener Polizei in den Tagen des 15. und 16. Juli 1927 hat eine verschiedene Beurteilung erfahren: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die mit der Polizei unzufrieden waren und sie angreifen, auf der anderen Seite steht die Majorität der Bevölkerung Österreichs, die in rührender und in zum Herzen sprechender Weise der Wiener Polizei ihren Dank zum Ausdruck gebracht hat. Tausendfach sind die Spenden von je 1 S., den der Geschäftsdiener, die Hausgehilfin in der Polizeidirektion hinterlegt, bis zu den Millionen der Reichen, die auf diese Weise der Polizei ihren Dank abstatten wollen dafür, daß sie in diesen Tagen, ohne viel zu fragen, ihre Pflicht erfüllt hat! – Was den Tadel und die Beschimpfungen anbelangt, habe ich sie mit Ihnen geteilt. Was die Anerkennungen anbelangt, weise ich sie für meine Person zurück; es war nur das Verdienst der Polizei, daß sie ihre selbstverständliche Pflicht in diesen Tagen erfüllt hat, wie sonst! –

Und nun hat sich auch der Herr Bundespräsident entschlossen, Ihnen Auszeichnungen zu verleihen. – Betrachten Sie die Auszeichnung nicht als eine Auszeichnung für Ihre Person, sondern denken Sie, daß jeder seine Auszeichnung für 150 andere trägt, für 150 andere brave Männer, die Auszeichnung des höchsten Repräsentanten des deutschen Volkes in Österreich. Ich will wieder ein Zitat anwenden:

»Das wahre Glück, o Menschenkind, o glaube doch mit nichten,
Daß es erfüllte Wünsche sind – es sind erfüllte Pflichten!«

Und in diesem Sinne wollen wir heute wieder geloben, daß das deutsche Volk in Österreich, daß seine Bevölkerung keinen festeren Hort hat als die Wiener Polizeidirektion. Und daß dem immer so sei, das walte Gott !«

Die Liste der Dekorierten.
Es wurde verliehen: Das große silberne Ehrenzeichen in Email für Verdienste um die Republik Österreich den wirklichen Hofräten Wladimir Tauber, Dr. Albert Tauß und Dr. Bernhard Pollak; –
das goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich den Oberpolizeiräten ... ;
das silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich den Polizeiräten ... Dr. Anton Kraft ... sowie den Sicherheitswacheoberinspektoren erster Klasse ... Anton Strobl ... ;
das goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich den Polizeioberkommissären ... ;
das silberne Verdienstzeichen der Republik Österreich den Sicherheitswacheoberinspektoren ... Franz Schuster ... ;
die goldene Medaille für Verdienste um die Republik Österreich den Sicherheitswacheabteilungsinspektoren ... ;
die große silberne Medaille für Verdienste um die Republik Österreich den Sicherheitswachebezirksinspektoren ... ;
die silberne Medaille für Verdienste um die Republik Österreich den Sicherheitswacherayoninspektoren ...

Berliner Tageblatt, 31. Juli:
Von einem süddeutschen Polizeifachmann, der die Wiener Verhältnisse aus eigener Anschauung kennt, wird uns geschrieben:
»Die Toten von Wien ... sind in erster Linie die Opfer einer mangelhaften Polizeiorganisation. Die Wiener Tage haben bewiesen, daß die Polizei der österreichischen Hauptstadt zu den mittelalterlichsten Einrichtungen gehört. Der internationale Polizeikongreß, der vor einigen Jahren in Wien abgehalten wurde und der die modernsten Polizeimänner Europas in Wien sah, ist praktisch für Wien ohne Bedeutung geblieben. –

Die Wiener Vorgänge aber haben bewiesen, daß der Grund für das Versagen der Polizei, denn es war ein Versagen auf der ganzen Linie, nicht in der gesetzmäßigen Verteilung der Machtbefugnisse, sondern in dem Fehlen einer auf die Bedürfnisse einer Großstadt zugeschnittenen Organisation liegt. –

Die Mängel sind augenfällig. –

Alle europäischen Hauptstädte, die sich in Zeiten der Gefahr nicht auf das Militär verlassen, haben ihre besonderen Organisationen, die auf die Kontrolle großer Massenbewegungen abgestimmt sind. Der leitende Gedanke dabei ist: Möglichst wenig Blut vergießen. Dieser Überlegung aber kann nur auf folgende Weise gedient werden: Weil man in Wien eine solche Organisation nicht kannte, eine Organisation, die sich des hochwertigsten technischen Materials und der hochwertigsten Beamten bedient, darum hat man jetzt die hundert Todesopfer zu beklagen.

Daß man in Wien über alle organisatorischen Fehler hinaus auch noch die Polizei mit sogenannter Übungsmunition versorgte, die eine dumdumgeschoßähnliche Wirkung hatte, das spielt bei dieser Erörterung nur noch eine untergeordnete Rolle. (Man kann dazu nur noch bemerken, daß man in Deutschland diese Art von Halbmantelgeschossen überhaupt nicht kennt und gebraucht. –)

Soll ein moderner Polizeiapparat, wie er oben beschrieben, auch wirklich funktionieren, so ist notwendig, daß die in den hohen Alarmzeiten in Aktion tretende Polizeitruppe eine andere ist als diejenige, die den gewöhnlichen, den Publikumsdienst ausübt. –

– Aus meiner genauen Kenntnis der reichsdeutschen Polizeieinrichtungen, glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu können, daß man eine Revolte vom Umfang der in Wien vorgekommenen mit einer geringen Zahl von Toten hätte unterdrücken können. Als einen Erfolg für die Polizei aber kann man den Ausgang eines solchen, ja manchmal unvermeidlichen Zusammenstoßes nur dann ansehen, wenn überhaupt kein Todesopfer zu beklagen ist.«

Wir veröffentlichen diese hochinteressanten Äußerungen eines Mannes, dessen Sachkenntnis außer Zweifel steht ... jetzt erst, nachdem es feststeht, daß nicht durch eine parlamentarische Untersuchung wirkliche Klarheit über die Vorgänge in Wien erzielt werden wird. Wir verhehlen nicht, daß wir die Ablehnung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses für einen schweren politischen Fehler halten. In Deutschland wäre diese Verweigerung durch die parlamentarische Mehrheit überhaupt nicht möglich – In Österreich ist dem nicht so, und die Mehrheit will die Untersuchung der polizeilichen Fehler der Polizei selbst überlassen, ein Verfahren, das unmöglich zu einem befriedigenden Resultat führen kann. Man kann auch nicht verhehlen, daß die uneingeschränkten und von vornherein ausgesprochenen Vertrauenskundgebungen für die Polizei nach einem solchen Blutbad geradezu Befremden erregen müssen. Auch der Laie muß ja, ganz unabhängig von allen politischen Erwägungen, der Meinung zuneigen, daß ein solches Ergebnis polizeilichen Eingreifens nicht einer sachgemäßen Taktik entspringen kann. Wenn trotzdem sofort, und ohne daß noch irgendeine Untersuchung stattgefunden hat, von den verschiedensten Stellen ausgesprochen wird, daß die Polizei richtig gehandelt habe, so zwingt das fast das Urteil auf, daß aus politischen Gründen eine nähere Untersuchung vermieden werden solle. Darum ist die Meinung des Sachverständigen, die wir oben wiedergeben, von umso größerer Bedeutung.

Berliner Tageblatt, 17. August, Replik des süddeutschen Polizeifachmannes auf die Antwort des Polizeipräsidenten:

Die Angaben im Briefe der Wiener Polizeidirektion sind zum Teil irreführend, zum Teil direkt unrichtig. – Es ist also irreführend, zu sagen – Unrichtig ist die Behauptung – Irreführend ist es – Unrichtig ist es – Irreführend ist es weiter –

Das Resultat entsprach den allgemeinen und besonderen Mängeln: keine vorherige Kenntnis von der herannahenden Demonstration, keine geschlossenen Bereitschaften ... keine moderne Nachrichtenübermittlung, keine Vorkehrung zur genügenden Verpflegung der Beamten. Folge aller dieser Fehler: die katastrophalen Opfer!

Aus dem Justizausschuß:
Schon Abgeordneter Dr. Bauer hat gegen bestimmte Wacheorgane im Hause sehr schwere Anklagen erhoben und eine Anzahl von Abgeordneten und sonstigen Personen hat sich als Zeugen angeboten. In elf Fällen ist gar vom Chefredakteur des ›Kleinen Blattes‹ eine Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft erstattet worden. Der erste Fall betrifft den Meuchelmordversuch des Wachmannes Nr. 801. Der Wachmann hat vor dem Justizpalast auf einen Mann, der ruhig auf dem Straßenbahngeleise stand und ihm den Rücken zukehrte, mit einem Revolver geschossen. Für diesen Fall sowie für alle folgenden Fälle werden Zeugen angeboten. In einem zweiten Fall hat ein Rayoninspektor auf der Ringstraße, die in diesem Moment menschenleer war, auf einen am Boden liegenden Verwundeten geschossen und ihm den Schädel zerschmettert. –

– Einem Verwundeten (Sanitätsplatz des Rathauses) wurde die Hirnschale weggerissen. Einem älteren Manne wurde die Brust durchschossen. Einem andern wurde das linke Auge herausgeschossen. Auch für diesen Vorfall hat sich eine Reihe von Zeugen gemeldet, unter ihnen auch die Ärzte, die den Dienst versahen.

Besonders kraß ist der Fall des Ordners Bezpalec, der am 15. Juli vor dem Justizpalast Dienst machte. Er befreite einen Wachmann aus der Menge, stützte ihn und geleitete ihn zum Wachkordon. Kaum hatte er aber der Wache den Rücken gekehrt, als ein Wachmann aus der Schwarmlinie gegen ihn das Gewehr ansetzte und Ilm niederschoß.

Zwei schwer verwundete Frauen, die in einem offenen Auto über die Lastenstraße geführt wurden, wurden in der Nähe des Planetariums am Freitag nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr von einer Polizeiabteilung, obwohl die Straße menschenleer war, unter Feuer genommen. Ein Schuß zerschmetterte einer der Frauen den Kopf und tötete sie. Die anderen Schüsse verwundeten zwei Samariter.

Am 15. Juli nachmittags 3 Uhr passierte ein junger Mann die Lerchenfelderstraße, Ecke Lastenstraße. Als er etwa dreißig Schritte von der dort aufgestellten Postengruppe entfernt war, legte ein Wachmann auf ihn an und schoß ihn nieder. Der junge Mann brach mit durchschossener Schläfe tot zusammen.

Am Abend desselben Tages ging der Handelsvertreter Karl Bellak durch die Wiedner Hauptstraße. Auf der Straße waren nur Passanten und keine Menschenansammlungen. Unweit der Paulanerkirche fielen plötzlich drei Schüsse, deren einer Karl Bellak tötete.

Am Nachmittag des 15. Juli ging Rudolf Kreuzer mit seiner Frau über die Ringstraße in der Richtung des Schiller-Denkmals. Die Straße war völlig ruhig, es gab nur harmlose Spaziergänger. Da fiel in der Nähe des Schiller-Denkmals eine Salve. Die beiden liefen gegen die Oper. Dort fiel eine zweite Salve. Ein Schuß traf den Hals der Frau, verletzte die Wirbelsäule und bewirkte eine allgemeine Lähmung. –

Von den mehr als hundert Fällen, die uns bekannt sind, mögen noch folgende angeführt werden: Während der Schießerei vor dem Justizpalast hatte ein einzelner Mann hinter dem Anzengruber-Denkmal Deckung gesucht. Ein Wacheinspektor an der Ecke des Parlaments nahm diesen Mann aufs Korn und streckte ihn mit drei wohlgezielten Schüssen nieder.

– Ein Verwundeter, der sich auf dem Gehweg vor dem Justizpalast auf allen vieren kriechend fortschleppte, wurde von mehreren Polizisten in kniender Stellung durch Schüsse niedergestreckt. –

Am 15. Juli um 2 Uhr nachmittags saß ein alter Mann auf einer Bank im Schmerlingpark. Eine Polizeipatrouille gab auf diesen Mann eine Salve ab. Er brach mit einem Schuß auf der linken Rückenseite zusammen. Sechs Leute stürzten herbei und wollten ihn aufheben. Darauf eröffnete die Polizei auf diese sechs ein Feuer. Alle sechs wurden schwer verletzt.

Der Mediziner Karl Kautsky gibt an, daß er selbst gehört hat, wie sich ein junger Wachmann gegenüber einem andern Wachmann gerühmt habe, einen jungen »Hebräer« niedergeschossen zu haben, weil er es gewagt hatte, sich zu rühren!

– Die Leute flüchteten. Mehrere Polizisten stürzten einem Schutzbündler nach und schlugen ihn mit Gewehrkolben so heftig auf den Kopf, daß man die Schläge weithin hören konnte. –

Samstag nachmittag fuhr ein Polizeiauto durch die Kufsteingasse. Die Polizisten sprangen heraus und begannen auf die Menschen mit dem Gewehrkolben einzuschlagen. Eine Frau namens Katharina Pokorny erhielt einen Gewehrkolbenhieb auf den Kopf und brach bewußtlos zusammen. –

Der Student Rauchinger kam am selben Tage um etwa 2 Uhr auf die Lastenstraße. Da fiel eine Salve. Er lief, stolperte und stürzte zu Boden. Ein Polizist legte in einer Distanz von zwei Metern auf ihn an, da aber das Gewehr versagte, holte der Polizist mit dem Gewehrkolben aus und hieb auf den Kopf des auf dem Boden liegenden Mannes ein.

Alle diese angeführten Fälle sind durch Zeugenaussagen belegt. – Der Chefredakteur des ›Kleinen Blattes‹, Julius Braunthal, der das Vorgehen der Polizei aufs schärfste kritisiert hat, wird strafgerichtlich verfolgt ... Die Sache wird jedenfalls vor das Schwurgericht kommen und es wird Gelegenheit gegeben sein, die Morde der Polizei gerichtsordnungsmäßig zu beweisen. Es liegt mir natürlich fern, alle Wachebeamten als unanständige Menschen und als Mörder zu bezeichnen, es gibt auch unter ihnen brave und anständige Menschen: aber einzelne Wachleute und Kommandanten haben am 15. und 16. Juli wie Banditen gewirtschaftet. Daß das ohne Strafe und Sühne bleiben soll, obwohl die Anklage durch eine Menge von Toten bestätigt wird, ist unmöglich.

Strafanzeige:
Ich betreibe in Hietzing ein kleines Gemischtwarengeschäft. Mein Sohn Alexander war als Zuckerbäckerlehrling in der Hütteldorferstraße Nr. 111 A bedienstet. Am 16. Juli 1927 gegen 9 Uhr abends kam er von seiner Arbeit in mein Geschäft und blieb, weil ich ihm das Abendessen in einem Gefäß hingebracht habe, mit meiner Frau und meinem zweiten Sohn Ernst zum Abendessen im Geschäftslokal. Ich selbst ging inzwischen in die wenige Minuten entfernte Wohnung, um mich, wie täglich, am Abend zu waschen. Ich war gerade beim Abtrocknen – es dürften, seit ich meinen Sohn Alexander verlassen hatte, höchstens zwanzig Minuten vergangen sein –, als ich eine Salve krachen hörte. Gleich darauf kam mein Sohn Ernst und teilte mir mit, daß mein Sohn Alexander erschossen sei. Nach Angabe meines Sohnes Ernst spielte sich die Sache so ab: Die beiden Burschen gingen auf dem Nachhauseweg an der Ecke Hütteldorferstraße und Breitenseerstraße vorbei, wo sich eine Tramwayhaltestelle befindet. Der Verkehr war eher geringer, als er sonst an Samstagen zu sein pflegt. Durch die Hütteldorferstraße kamen von der Stadt her zwei Polizeiautos, die in die Breitenseerstraße einbogen und beim Einbiegen in die Richtung auf die Tramwayhütte schossen. Meine beiden Söhne flüchteten in die Mitte hinein, mein Sohn Ernst warf sich nieder, während Alexander getroffen wurde und sofort tot war. Durch einen Zufall war meine Frau zurückgehalten worden, sie wäre sonst wahrscheinlich miterschossen worden.

Nach Angaben aller Zeugen war an dieser Stelle zu dieser Stunde nicht der geringste Anlaß zum Schießen. Diejenigen Personen, die geschossen haben, können dies nur in der grundlosen Absicht, zu töten, oder in einer sonstigen feindlichen Absicht oder infolge größter Leichtfertigkeit begangen haben.

Ich stelle den Antrag, festzustellen, welche Wachepersonen am 16. Juli 1927 zwischen 9 und ½ 10 Uhr abends in zwei Polizeiautos schießend von der Hütteldorferstraße durch die Breitenseerstraße in die Bartholomäusgasse gefahren sind. Weiter stelle ich den Antrag auf Vernehmung der derartig eruierten Schießenden als Beschuldigte und Vernehmung folgender Zeugen über die Vorgänge auf der Straße: Ernst Schwarzer (Die Adressen aller Zeugen werden in der Anzeige mitgeteilt), Rudolf Serednicky, Georg Bauer, Karl Bauer, Karl Matzner. Vorn Ergebnis der Untersuchung beantrage ich, mich zu verständigen.

15. September.
Eduard Schwarzer.

St. 6425/27-2.
Die Staatsanwaltschaft Wien II findet keinen Grund zur Verfolgung der unbekannten Täter wegen Tod des Alexander Schwarzer wegen Verbrechens der §§ 134, 335 St. G. aus Anlaß der von Ihnen gegen diese eingebrachten Anzeige.

Hiervon werden Sie gemäß § 48, Zahl 1, St. P. O., verständigt.

20 September.
Staatsanwaltschaft II,
Wien, 8., Hernalsergürtel Nr. 6 – 12.
J. Charwat m. P,

(Bundespräsident Dr. Hainisch auf der Murmeltierjagd.) Aus St. Anton am Arlberg wird uns geschrieben:

Dienstag und Mittwoch weilte Bundespräsident Doktor Hainisch in Begleitung seines Kabinettsdirektors Sektionschefs Dr. Löwenthal und des Landeshauptmanns Dr. Stumpf in St. Christoph am Arlberg zur Murmeltierjagd. Am ersten Tage schossen Dr. Stumpf drei Murmeltiere, Dr. Hainisch eines. Der zweite Tag war von wundervollem Wetter begünstigt. Unten auf der Arlbergstraße knatterten die Automobile und Motorräder im Training zum Arlbergrennen, hoch oben auf der Albonalpe saß unser Staatsoberhaupt mit Jäger Johann Falch, genoß die Ruhe und Pracht der Bergwelt und freute sich über sein Weidmannsheil, indem es ihm gelang, zwei Murmeltiere zu erlegen. Die Ruhe und Sicherheit seiner Schüsse erregten die Bewunderung seines Jagdgefährten, der meinte, mit achtundsechzig Jahren habe er noch keinen Schützen derart sicher zielen und schießen gesehen. Wer weiß, daß Dr. Hainisch weder Nikotin noch Alkohol genießt, wird darin wohl eine Erklärung finden. An den Abenden saß man in St. Christoph behaglich beisammen; Landtagsabgeordneter Walter Schuler und Herr Kusche leisteten den Herren Gesellschaft und die heiteren Gespräche drehten sich meist um die beiden Lieblingsthemen des Präsidenten, die Viehzucht und die Jagd. Nachdem Dr. Stumpf am Mittwoch nachmittag nach Innsbruck zurückgekehrt war, verließ auch Donnerstag morgen Dr. Hainisch in Begleitung des Landtagsabgeordneten Schuler und des Sektionschefs Löwenthal den Arlberg, um sich ins Paznauntal zu begeben. Die schlichte und herzliche Art unseres Präsidenten hat auch diesmal ihre tiefe Wirkung auf diejenigen, die mit ihm zusammenkamen, nicht verfehlt.

Neue Freie Presse:
Es bedarf wahrlich keiner besonderen Versicherung, um es glaubhaft zu machen, wenn Präsident Schober den Posten des Chefs der Wiener Polizei als keinen begehrenswerten bezeichnet angesichts der politischen Gegnerschaft zwischen Bundesregierung und Landesregierung. Wir wissen, daß es gerade mit eines der Verdienste des Polizeipräsidenten von Wien ist, zwischen diesen beiden Lagern eine Stelle zu bleiben, auf die sich beide gleichmäßig verlassen konnten.

Plakat vom 17. bis 19. September 1927:
An den Polizeipräsidenten von Wien
Johann Schober
Ich fordere Sie auf,
abzutreten.
Karl Kraus
Herausgeber der Fackel

Wien, am 20. September 1927.
Sehr geehrter Herr Polizeipräsident!

Wiederholt – zuletzt am 4. April I. J. – haben Sie unter Berufung auf Ihre durch das Übermaß der an Sie gestellten Dienstesanforderungen geschwächte Gesundheit das Ersuchen gestellt, von Ihrem Amte enthoben zu werden.

Wenn ich Sie immer wieder in kurzem Wege gebeten habe, auf Ihrer Demission nicht zu bestehen, so geschah es in der Überzeugung, daß unser Vaterland Sie und Ihre Arbeitskraft noch keineswegs entbehren kann.

Die Richtigkeit dieser Erkenntnis hat sich mir und meinen Ministerkollegen angesichts der Ereignisse der letzten Monate besonders deutlich aufs neue erwiesen.

Daß auch die überwiegende Mehrheit unserer Bundesbürger dieses Urteil der Bundesregierung teilt, ist eine unanfechtbare Tatsache, die Ihnen Ihr schweres Amt wohl zu erleichtern vermag.

In dieser Erwägung hat der Ministerrat auf Grund eines Referates des Herrn Vizekanzlers Hartleb und unter Berücksichtigung des erfreulichen Umstandes der fortschreitenden Besserung Ihres Gesundheitszustandes am 20. d. M. beschlossen, Ihnen zu eröffnen, daß er Ihrem Pensionsgesuch nicht stattgeben kann und Sie vielmehr ersucht, dieses zurückzuziehen.

Empfangen Sie, sehr geehrter Herr Polizeipräsident, den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung.

Seipel.

An das
Dreck Schwein
Karl Krauß
Wien III
Hintere Zollamtsstrasse 3
An den Karl Krauß mit den Affenponem. –

Sie in die Menschenhaut Hineingestohlenes Schwein. – Wer sind Sie denn! Ein Revolver Journalist, wegen dem sich jeder andere Reporter schämen muß. – Ersparen Sie sich Ihre Plakatspesen, Sie sind ja in Wien nur ein gedultes Individium, welches nichts mehr zu Fressen hat. – Überspannen Sie nicht Ihre Frechheit, – die Watschen und Hundspeitschen sind für Sie reservirt um Ihnen Ihr Affengefrieß zu moderniesiren, Sie Dreckfrechlirig. –
Viele Wiener aus den III. u. Xl. Bezirk. –
Hüte dein Freches ungeputztes Dreck maul sonst wird es Dir zum Verhängnis werden. –
Die Zeit ist eine andere geworden. – Du gehörst in Affenkäfig, angehängt. –

Verehrter Herr Kraus!
Dank, innigsten Dank für den jüngsten Beweis Ihrer unerschütterlichen Kampfbereitschaft gegen Unrecht und Gewalt und deren Urheber. –

Der Obmann der Vereinigung der Konzeptsbeamten der Polizeidirektion Wien ersucht namens der Organisationen sämtlicher Beamtenkategorien dieser Polizeidirektion um die Aufnahme nachstehender Zeilen:

Der Herausgeber der ›Fackel‹, Karl Kraus, hat es für notwendig befunden, die öffentliche Aufmerksamkeit wieder dadurch auf seine Person zu lenken, daß er in einem an den Polizeipräsidenten von Wien gerichteten Ukas diesen auffordert, abzutreten. Wenngleich die Lächerlichkeit dieses reklamehaften Beginnens es ernsten Menschen schwer macht, sich damit zu befassen, so sehen sich alle Organisationen der Wiener Polizeibeamten dennoch veranlaßt, hiezu Stellung zu nehmen, weil diese überhebliche Aufforderung nur ein Glied in der Kette hemmungsloser Angriffe und unverantwortlicher Verdächtigungen ist, die sich in einem Teile der Öffentlichkeit gegen die Person unseres verehrten Präsidenten richten, dessen zielbewußte Führung der Wiener Polizeibeamten erst vor kurzem Bürgertum und Arbeiterschaft vor unabsehbarem Unheil bewahrt hat.

Herr Kraus ist sicherlich der Letzte, der geeignet ist, in dieser Beziehung als Dolmetsch des Willens der Wiener Bevölkerung aufzutreten. Er möge dies beruhigt den hiezu allein berufenen Faktoren überlassen.

Die Wiener Polizeibeamten aber, die erst in der letzten Zeit dem Polizeipräsidenten treue Gefolgschaft gelobt haben, benützen diesen Anlaß, um neuerlich zu erklären, daß sie in allen sich ergebenden Situationen voll und ganz hinter ihrem Präsidenten Schober stehen.

Zuschrift eines Staatsbeamten:

Sehr geehrter Herr!
Die in den bürgerlichen Zeitungen vom 18. d. erschienene Kundgebung der Konzeptsbeamten der Polizeidirektion veranlaßt mich, die folgende Tatsache zu Ihrer Kenntnis zu bringen:

Bosel hat in den Sommern 1924 und 25 ein Stockwerk des ihm gehörigen Hotels Kreuzstein am Mondsee den Konzeptsbeamten der Polizeidirektion zur Verfügung gestellt. Dieses Angebot wurde angenommen und es verbrachten eine Anzahl von Polizei-, Hof-, Regierungs- und anderen Räten den Urlaub in Kreuzstein, wo sie von Herrn Bosel in Pension genommen wurden. –

Neue Freie Presse, 21. September:
Schober ist heute nicht nur eine österreichische, er ist eine europäische Figur ...

Die Menschheit, die für die Idiotie ihrer Vaterländer sich ins Chaos gestürzt hatte und überlebend, ihren seelischen Selbstmord überlebend, die größere Schmach nicht mehr empfinden kann, den größeren Weltkrieg zu ersehnen, alles vergessend und nichts mehr im Sinne als den Fortschritt der Vernichtung – welch eine Idylle! Welch eine Idylle, wenn der technisch avancierte Fleischerknecht, der sie trotz allem Humbug politischer Freiheit regiert, nur gegen den Sohn der anderssprachigen Mutter wütet! Hier – an einem Tag des Wehs, dessen Gedenken der Ruf dieser scheußlichen Gemütlichkeit durch die Jahrhunderte mitnehmen möge – war er gegen die »Eigenen« losgelassen. Hier haben das povere Hirn der Vorschriftsmäßigkeit, die sanierte Dreckseele, das Fibelchristentum – mit dem die Luft einer Friedenswelt zu atmen schon tödlich war –, hier hat eine Menschenart, die in ihrer unbesiegbaren Jämmerlichkeit doch den Phönix des Weltbrands vorstellt, hier hat der überschüssige Haß der besiegten Nation, die Rache der geistigen Unterernährung, das dumpfe Gefühl, die anrüchige Spezialität der europäischen Zivilisation zu bilden – hier haben sie, im Bunde und Dienste welttüchtigerer Mächte, befohlen, gebilligt und bejubelt: daß hundert Herzen zu schlagen aufhören, Hunderte aus den Qualen der furchtbarsten Verwundung bleibendes Siechtum davontragen und Invalide eines Polizeikriegs, vom Vaterland preisgegebener als seine ruinierten Beschützer, auf den Straßen betteln werden, über die ihr Blut geronnen ist. Das ist geschehen, wir haben es erlebt, und wir fliehen nicht zu den Wölfen vor einer Mitbürgerschaft, der das Herz in der Tasche sitzt und die sich mit Diebsfingern die Ohren zuhält vor jedem Menschenton der Klage und Anklage, um tagtäglich die Litanei der Ordnung zu plärren; vor diesem schmählichen Blutbündnis berufsmäßiger Gottesdiener mit den Idealisten des Besitzes, denen das Leben des Nächsten nichts gilt, wenn es gilt, den Raub am Nächsten zu schützen. Wie es einst unmöglich war, der Glorie der Niedertracht mit der Vorstellung der plansten Sachverhalte zu begegnen; wie mit allem Empfinden auch die primitivste Achtung vor der Wahrheit im Nebel einer Phrase erstickt war, die es dem Schuldbewußtsein ermöglicht, als Machtbewußtsein zu vegetieren – ganz so ist es nun, ganz so hoffnungslos, mit den Kujonen, die, fern vom Schuß des heiligen Verteidigungskrieges der Polizei, entronnen der Strategie des Zufalls, die Generalstabsberichte goutierten, sich über Menschliches wie über Wirkliches zu verständigen. Die Justiz läßt sich, den Göttern gleich, die siegreiche Sache gefallen, das Parlament untersucht nicht und die Wahrheit gemeinderätlicher Feststellungen, mit aller Bereitschaft zur eidlichen Erhärtung, zerstiebt wie Spreu im Winde. Daß, was immer am Vormittag jenes Unglückstages geschehen wäre, die beispiellose Vergeltung der folgenden Stunden nicht rechtfertigen kann; daß durch die Missetat einiger Steinwerfer, Brandleger und Plünderer die einer Überzahl von Ordnungsstützen nicht Sinn und Sühne empfängt, daß die mörderische Razzia gegen Wehrlose, Ahnungslose und Unschuldige für alle Zeiten ein Brandmal Wiens bleiben wird – unmöglich, mit solcher Erkenntnis die Macht des Tonfalls zu entwaffnen. So daß – wie nach der Katastrophe der Menschheit, aus der die Phantasiearmut siegreich hervorging – dem sprachlosen Herzen, wenn es sich doch vergebens der Menschen erbarmt, die Unrecht tun, in dieser ausweglosen Wüste nur der Wunsch bleibt, sie mögen versuchsweise am eigenen Leib das Weh erleben, über das sie in so sicherer Deckung für den Nebenmenschen verfügen. Und solche Sündenknechtschaft, die nie sich der Lästerlichkeit des Gedankens bewußt wurde, daß die Erhaltung einer Menschenlunge von der Entscheidung abhängig sei, ob in einem Polizeiamt »Einschießpatronen« oder »normale« ausgegeben wurden, wagt es, meinen Aufstand gegen das Attentat auf die Schöpfung mit einem schäbigen Beachtungsdrang zu erklären, oder mit irgendwelcher Interessenbereitschaft für eine politische Partei, als ob nicht, auf dem Weg ins Menschliche, hundert naturgegebene und zeitgewachsene Hindernisse, mit den realsten Weiterungen, zwischen ihr und mir stünden, und als ob nicht gerade deren Hintansetzung – in der Minute, wo wieder wie im Krieg alles soziale Denken auf die Formel der menschlichen Existenz herabgesetzt ist –mein Eintreten für die geschändete Kreatur beglaubigen möchte! Als ob im Stande nackter Lebensnot Parteinahme Parteisache wäre! Was das Lumpenpack »Schützenhilfe« nennt – und es möge überzeugt sein, daß der Schütze die moralischen Einschießpatronen gegen die Polizei nicht ableugnen wird –; was der Sozialdemokratie, im Blatt eines großen Räubers, gar den Vorwurf zuzieht, daß sie »nun schon alle möglichen Bundesgenossenschaften mobilisiere«: das ist nichts als meine, die Gemütsleere erschreckende, der Gehirnleere unfaßbare Eigenwilligkeit einer geistigen Entschließung, so wenig von Parteiwünschen beeinflußt wie meine Haltung vom ersten Tag des Weltkriegs an, freilich genährt von dem erschütternden Eindruck, daß diese entseelte Bürgerwelt nicht mehr willens, nicht mehr imstande ist, die Sache mißhandelten Menschentums zu führen. Geschändet wie niemals durch den aberwitzigen Auftrag des Vaterlands gegen Außenfeinde, bleibt es Programmpunkt einer politischen Partei, die, mag sie welche Schuld immer tragen durch Kurzsinn und Verblendung, Halbheit und Lässigkeit, durch den Sündenfall jeglicher Macht, durch den Fluch der eigenen Verbürgerlichung, durch alle Begleitübel, die mich in unblutigen Tagen zum Kampf nötigen, doch Hüterin der himmelschreienden Wahrheit bleibt: daß am 15. Juli unschuldiges Blut geflossen ist. Denn die Inhaber der bürgerlichen Kulturehre einer Stadt, die ihre Gaben wie keine andere auf dem Erdenrund auszubieten weiß und deren Einwohner sich mit einer Art von Geusenstolz unaufhörlich als »die Wiener« bezeichnen; die Wortführer einer öffentlichen Meinung, die peinlich das Dekorum ihrer geistigen Unzulänglichkeit wahrt: sie haben sich, froh, vor der Polizei in Sicherheit zu sein, verkrochen wie in den Tagen der üppigsten Kriegsschande, sie ertragen nicht allein das Gedenken dieser achtundachtzig hingemordeten Mitmenschen und Mitbürger, sondern auch die spezifische Unehre eines Gemeinwesens, worin die protegierte Pest des Naderertums umgeht und jedes Stinktier von nebenan über Rechtsgüter und Schicksale bestimmen kann. Sie ertragen in dieser dem Kriegsleid entrungenen Republik die Vorstellung der tausend von Büttelarmen aus ihrem Lebenswinkel gezerrten, von Büttelfäusten in Wachstuben traktierten Unglücklichen, die nichts getan haben – wenn nicht die Tat des Wortes, zu dem die Kulturträger zu feige sind, des einzigen Wortes, das der erbarmungslosen Hinschlachtung Fliehender, der Erbärmlichkeit des Triumphes gebührt hat und das wie kein anderes auch dieser schuftigen Rache an den Empörten gebührt: Pfui!

Nein, keiner von der Gesellschaft, die auserwählt ist, für die Schätze des österreichischen Gemütslebens um eine europäische Beachtung zu schnorren, die sonst bloß den fehlenden hygienischen Vorrichtungen des österreichischen Eisenbahnwesens zugewandt bliebe – keiner hat sich berufen gefühlt, aufzustehen und zu bekennen: die Brandröte des Himmels über dem Wien des 15. Juli müsse verblassen vor der Scham über die Taten und das kannibalische Wohlsein einer staatlichen Autorität und einer bürgerlichen Publizität, deren einzige Sorge damals die Beeinträchtigung des Fremdenverkehrs war, dessen Hebung doch eine Sisyphusarbeit bleibt, solange das Stückchen Seife immer wieder von den Einheimischen gestohlen wird, dessen Problem aber kein Weltuntergang von der Seele des Österreichers nehmen wird, und wenn's schon der Posaunenengel zu übertönen suchte. Doch bange machen gilt nicht bei einer Nation, die zu allem was ihr mißlingt auch das Pech hat, nicht untergehen zu können, und gleich hatte dieses organisierte Lazzaronitum die Geistesgegenwart, sich für den Brand des Justizpalastes durch dessen Ruine schadlos zu halten und sie als Sehenswürdigkeit den Fremden darzubieten. Aber keiner von jenen, die den Mut haben, das Ausland über unsere moralische Verkommenheit durch Hinweis auf unsere landschaftlichen Vorzüge täuschen zu wollen, ist aufgestanden, um zu erklären: daß das Wiener Blut erst wieder präsentabel, fibelreif und operettenfähig sein wird, wenn der Einfall, es auf der Ringstraße fließen zu lassen, gesühnt ist; daß angesichts des Ausbruchs unserer eigentlichsten Spezialität dieses ewige Fremdenführertum doch eine Vorspiegelung falscher Tatsachen bleibt und nebst seiner Zudringlichkeit die schamloseste Anmaßung; und daß man Wien samt Umgebung auch für den Inländer erst dann als menschenmöglichen Aufenthalt erkennen wird, wenn das große Verbrechen des 15 Juli durch eine Erfassung, Bestrafung oder Amtsentsetzung sämtlicher Schuldtragenden und Rädelsführer gebüßt, wenn allen wie immer orientierten Bordellen der öffentlichen Meinung, in denen wochenlang Freudentänze aufgeführt wurden, insbesondere der Neuen Freien Presse, dem Tagblatt und dem Neuen Wiener Journal, die Kundschaft abgetrieben und jeder bürgerliche Schmierer, der, eingedenk der Lorbeerreiser des Kriegspressequartiers, Anteil an der Lobpreisung der Niedertracht hatte, deutlicher erkennbar gemacht sein wird als eine bezahlte Notiz! Sie alle haben der Bestialität applaudiert – keiner ist aufgestanden, zu sagen: daß er im Namen des heiligen Geistes, dessen Walten weit über den Begriff des Herrn Seipel hinausgeht – daß er, wenn er es schon hinnehmen könnte, einen Priester der Religion der Liebe den Opfern seiner Regierungsmethode die Milde versagen zu hören, es doch satt habe, die noch vom Kot der großen Zeit schmutzigen Phrasen der Bravheit und Strammheit, nebst den eo ipso verächtlichen Ehrenzeichen, an die Organisatoren des Gemetzels verliehen zu sehen und die Ehre der republikanischen Ordnung in den Händen eines Polizeipräsidenten zu wissen, der einmal zeigen wollte, daß es auch außer Zeitungstinte einen ganz besondern Saft gibt. Kurzum, keinen prominenten Lumpen hat es gegeben, der zu jenem Pfui entschlossen war, das so viele Namenlose verantworten müssen – über die unnennbare Tat, wie in die Rücken Spazierender und Fliehender, wie aus Polizeiautos und in Sanitätsautos geschossen wurde, auf einzelne und auf Gruppen, zur Strafe für Neugierde, für Barmherzigkeit, die einem Sterbenden beisteht, im Namen der Ordnung und mit der einleuchtenden Ausrede, daß die Löschung eines brennenden Gebäudes durch Salven in die Feuerwehr gefördert wird; wie die Justiz des blindwütigen Zufalls Männer und Frauen, Greise und Kinder ohne Ansehen der Person, mit einer Unparteilichkeit, deren sich wahrlich noch keine Behörde rühmen konnte, mit Schuß und Stich, mit Säbel und Gewehrkolben bedacht hat. Und zu jenem dreimal triftigen Pfui für den seelischen Antrieb solcher Greuel, der kein anderer war als die Angst vor dem Rechtsgefühl und vor dem Hunger, diesen Besitztümern der Armen in einer verlumpten Welt, vor den Elementen, die einer Ordnung des Raubes doch gefährlicher sind als die »Elemente«, auf die sie sich für ihre Gewaltübungen ausredet und die sie mit einer Wasserspritze verjagt hätte! Ja, in allem Exzeß und trotz aller Torheit der symbolischen Vernichtung einer Justiz, deren Gesetzeshärte gerade weitab von der Möglichkeit eines Schattendorfer Urteils wirkt, war es eine Bekundung der Menschheitsehre, die Demonstration lebendigsten, lautersten Fühlens, die da, führungslos und behördlicher Unfähigkeit preisgegeben, schließlich an den Machtmitteln der nacktesten Herzensleere zusammenbrach – welcher kein Waffensieg es ermöglichen wird, ihre Scheinherrschaft entgegen den Naturgesetzen fortzufristen. Denn die Gabe, sich das Leid des Mitmenschen nicht vorzustellen, mag sich mit ihr auch regieren und zeitungschreiben lassen, ist auf die Dauer kein zulänglicher Schutz gegen die revolutionären Gewalten, die von naturwegen und nicht von parteiwegen die Ordnung dieser Dinge abänderlich finden. Durch die Anteilnahme für Sacco und Vanzetti, die in jeder Faser ihres gemarterten Leibes mehr Seele hatten als alle noch unversehrten Stützen der Gesellschaft – und die Monstren, die sie dennoch getötet haben, werden es, sterbend in Qualen ohne Elektrizität, erkennen –, durch dieses Hochgericht des Erbarmens hat die Welt auch den kleinkalibrigen Tyrannen, die sich fürs fehlende Format durch die Fülle der Taten entschädigen, das Urteil gesprochen. Und was ist die planvolle Grausamkeit, die, ein bewußter Widerpart der Humanität, ihre Opfer durch sieben Jahre röstet, gegen die Unverantwortlichkeit der blutigen Schlamperei, die den elektrischen Stuhl à la minute liefert, ohne Verfahren, weil Technik und Phrase ihr alle Vorstellung abgenommen haben! Gegen den kriegsentstammten Typus, der Menschenopfer unerhört fordert, ohne einer Fliege ein Haar krümmen zu können, und dessen treublaues Auge selbst jene Humanität, deren Proteste über den Ozean fliegen, zu Vertrauenskundgebungen überredet. Nein, keiner der schreibenden Wichte, von Dreyfus bis Sacco und Vanzetti freisinnig orientiert und überall dort gegen Gewalt gerüstet, wo ihre Abwehr keine Gefahr bedeutet, ist aufgestanden, um zu sagen: Ich werde es mein Leben lang als einen brennenden Makel auf meiner Seele tragen, daß ich dieses mein Leben, diese meine Möglichkeit, gegen Fuller zu protestieren und Schober zu akklamieren, dem Zufall verdanken soll, an jenem unseligen Tage heil an meinen Schreibtisch gelangt oder dort nicht gegangen zu sein, wo ich in ein Kreuzfeuer der Sicherheitsbehörde geraten wäre; mich nicht irgendwo aufgehalten zu haben, wo ich, ungehindert und ungewarnt, glaubte meiner Wege gehen zu können und, vor der Einschießpatrone fliehend, ihr doch nicht entgangen wäre oder der aus der andern Richtung mich zur Scheibe geboten hätte – preisgegeben der Jagdwaffe, die die wilden Jäger aus Schlamperei zu sich gesteckt hatten, den Dumdumgeschossen dieser entfesselten Stupidität oder auch nur dem blutigen Dilettantismus einer Ordnungsmacherei, die sich human begnügte, auf das Pflaster zu feuern und jene »Geller« zu erzeugen, die, so hoch das Lied vom braven Mann in der Polizeidirektion klingen mag, seinen Ruhm schmerzlich übergellen werden! Nein, keiner ist aufgestanden, zu erklären: Blutige Abweisung mag, wie für den Frömmsten, der's mit dem bösen Nachbarn zu tun bekommt, eine fürchterliche Notwendigkeit dort sein, wo die Polizei selbst am Leben bedroht ist: jede Sekunde darüber hinaus, ob durch Plan, Rausch oder Unfähigkeit prolongiert, wird zum ärgsten Greuel, den die Menschheit erlebt hat, seitdem sie sich einer Zivilisation berühmt. Soll ihn »Kopflosigkeit« entschuldigen, dann mögen doch die Ruhmesposaunen schweigen, darin ist hinreichend Grund zu Demut, Buße und Opferung der Verantwortlichen. Aber daß für eine Tat des Grauens – vor der das Massaker von Dinant, dieses Fanal der Kriegsbestialität, an Ehre, Raison und Menschlichkeit gewinnt – die Täter dekoriert werden: Kriegshelden in neuer Adjustierung, denen der Eifer, das an der Front Versäumte auf der Ringstraße nachzuholen, den Abscheu einer republikanischen Gemeinschaft sichern müßte; daß höchste Würdenträger, deren Stirn kein Geistesblitz erhellt, des Einfalls habhaft werden, die Ehren des Freistaats für dessen Prostituierung zur Freistatt der Menschenjagd auszuteilen, den Opfern die Milde zu versagen, der großen Trauer den Kranz, dem himmelstürmenden Schmerz den einen, letzten Gruß, nein: den Toten ein Vorstrafenverzeichnis nachzurufen das mit lebendigen Nerven zu erleben, ist wohl die quälendste Zumutung, die dieses unreine Staatswesen jemals an die Menschen gestellt hat, die durch den Zufall ihrer Geburt ihm verbunden sind und den Zufall ihres Sterbens ihm bisher nicht zu verdanken hatten! Dem Unsäglichen, daß über dieses Regentengesicht, dessen starre Maske uns allen Trost der Religion spendet, den sie in diesen knappen Zeiten zu vergeben hat, keine Regung des Mitleids huscht; daß hinter dem würdigen Bart, der einem Oberhaupt zugehört, als das erste Wort seit dem Tag, der so viele Invalide gemacht hat, die Bitte an die Firma Krupnik vernehmbar ward, in ihren Bestrebungen nicht zu erlahmen – diesem Unsäglichen gebührt vielleicht, in der Erkenntnis, daß der liebe Gott es doch unmöglich so verkehrt gewollt haben kann, schon etwas wie Ehrfurcht. Wie sollte man von den Kulturträgern, von den Leuten, die diese Lebenszeichen der österreichischen Welt in ihren Blättern verzeichnen und lesen, eine Spur von Auflehnung dagegen erwarten, wo selbst unsereins doch immer mehr sich in die Einsicht ergibt, daß dies alles offenbar so sein müsse und daß es darum gut sei. Wie sollte in einer Örtlichkeit, die alle Fieberflecken der Zeit am weitaus grellsten zur Schau trägt – wie sollte in einer Wirklichkeit, die mit dem Pathos und dem Hohn ihrer Fakten tagtäglich jede Empörung und jedes Gelächter im Keim erstickt, noch der Ausdruck gefunden werden, der dem Ungewöhnlichen angemessen wäre, den Verblüffungen, mit denen diese gigantische Trivialität dem letzten Anspruch eines Naturgefühls zusetzt! Wohl ist man verurteilt, stumm zu leiden und stumm sich zu trösten, wenn in den Tagen, da ein Wort der Gnade ersehnt wird, deren Repräsentant dem edlen Weidwerk nachgeht und sich dort aufhält, wo es keine Amnestie für Murmeltiere gibt. Wenn man in einer weltläufigen Epoche, der der Flug über den Ozean eine Jobber-Usance geworden ist, die Befehlshaber von Panzerautos sich mit Fibelsprüchen ermutigen hört. Wenn die Geistigkeit einer Tyrannis in jedem Zeitungsblatt, in das sich diese preßfürchtigen Dschingiskhane flüchten, als die Bravheit des Musterschülers sich empfiehlt; und wenn der Sieger, von dem man doch glauben möchte, er ruhe auf Lorbeeren aus, mit Mädchenalbum-Zitaten das Ruhekissen seines guten Gewissens ziert. Denn was ich diesen Machthabern sagen muß und was eben den eigentlichen Beweggrund meines Aufstands bildet, ist dies: Blut mag zum Himmel schreien, aber weit entsetzlicher ist doch daß sein Ruf in die Melodie »Üb' immer Treu und Redlichkeit«, gesungen von einem Chor von Konzeptsbeamten, eingefangen ist! Die Geistigkeit, die uns seit dem 15. Juli gebannt hat, das Bestreben, dem Klassenkampf mit dem Rüstzeug der Elementarschule zu begegnen, die Dürftigkeit dieser parlamentarischen Behandlung des Elementaren, die den Gehirnen nichts als das Wort »Elemente« eingab, nebst der endlosen Mahnung, einen »Trennungsstrich« zu ziehen, den man doch nur zwischen sich und solcher geistigen und seelischen Povertät ziehen kann – das alles ist noch weitaus schlimmer als das Schlimmste, was geschehen ist. Als ob statt der versagten Milde die Salbe der Einfalt auf die Wunden gelegt werden sollte, haben wir täglich Sätze zu hören bekommen, deren Sprecher unvermittelt von den kurzen Hosen der Achtzigerjahre zu den langen Bärten der Gegenwart gelangt scheinen. Sich vorzustellen, daß es das gleichzeitig mit Ozeanflügen, Radio, Fernphotographie und Gesprächen mit Tokio gibt, muß auch den Freidenker an Gottes Wunder glauben lehren. Und wie sollte man nicht in die Knie sinken vor der Ahnungslosigkeit, mit der das »Glockenkomitee der Votivkirche« am 6. August, drei Wochen nach dem 15. Juli – bevor die Schuh verbraucht, womit kein Staatswürdenträger den achtundachtzig Leichen folgte –, »an die Redaktion der Zeitung Die Fakel« (welche in diesem Vorsatz, recht zu schreiben und niemand zu scheuen, untrüglich den Kasmader erkennt, der auf meine Sympathien rechnet) eine gute Gabe gelangen läßt: die endlich erschaffene Volkshymne, den »Seipel-Marsch«, der auf die energischen und doch maßvollen Worte komponiert ist:

Unser Seipel lebe hoch!
Danken wir ihm alles doch,
Aus dem tiefsten Mißgeschick
Führt' er uns zu neuem Glück.
Der sein Leben uns geweiht,
Unser Land von Not befreit,
[: Gott erhalt' ihn lang uns noch,
Unser Seipel lebe hoch. :]

Die Autoren gibt es: die Töne sind von R. H. Dietrich, die Worte von Anton Odic. Auf dem Titelblatt jedoch die Reproduktion eines – wie die Erläuterung, lange vor dem Scheitern des Mehlkartells, versichert – von Professor Josef Engelhart »gemalenen Porträts« des Hochwürdigsten Hausprälaten Seiner Heiligkeit. Die doch immerhin den Versuch unternommen hat, für Sacco und Vanzetti zu intervenieren.

Doch da der Gefeierte alles Verdienst, die Republik gerettet zu haben, auf die Polizeidirektion abwälzt, so möchte die Fakel auf einen Schober-Marsch nicht mehr allzulange warten, bereit, ihn, eingedenk der Lorbeerreiser, auch selbst herzustellen. Eingedenk vor allem der Rückert-Zitate, die ein schlichtes Gemüt – schon physiognomisch alle Vorzüge der österreichischen Landschaft mit Gletscher und himmelblauem Gewässer darbietend – auf ein Massengrab gepflanzt hat. Denn das mit dem 15. Juli war nur Zufall. Ist denn in dieser österreichischen Wirklichkeit nicht alles bloß symbolisch gemeint, und hat man nicht kürzlich ein Festschießen erlebt, wobei Kinder hinter Maschinengewehren saßen und Priester Salven für die regina misericordiae abgaben? Ja, am 15. Juli waren es Böllerschüsse einer Fahnenweihe, bei der ein weißgekleidetes Mäderl – hinter ihm, voll und ganz stehend, die Konzeptsbeamten – ein Sprüchlein aufsagt, mit dem verglichen die Worte des Seipel-Marsches etwas von der Unergründlichkeit der Goetheschen Alterspoesie haben. Und dies eben sind Schobers Sprüchlein und Widersprüchlein. Ehrenpräsident der Rettungsgesellschaft, die am 15. Juli durch das andere Institut, dem er vorsteht, erheblich in ihrer Tätigkeit gefördert, doch auch vielfach behindert war, vereinigt er in seinem Wesen – soweit es sich nicht in Originalbeiträgen für Lippowitz erschöpft – mannigfache Kontraste; und ich will es gleich sagen, daß sie mich als den Kenner der innern Natur jener reinen Lamperln, die wir eh' sind, schon lange beschäftigen. Seit der Zeit, da der Herr Bosel, um von seinen sonstigen Kreationen abzulenken, die Lilien in der Polizeidirektion gekleidet hat (in welchem Staat der Welt wäre dergleichen möglich!), sind wir ja der Autorität von einer menschlicheren Seite nahegekommen, wie es sich eben in einer richtigen Demokratie gehört; und wir entbehren keineswegs des Verständnisses dafür, daß sie sich nunmehr auch angewöhnt hat, im Zeichen der Mildtätigkeit für ihre eigenen Opfer Scherflein von Unternehmerverbänden und Spielerklubs anzunehmen. Sicherlich, der brave Mann, der an sich selbst zuletzt denkt, schlicht und bescheiden lebt und sich nur hie und da den Luxus eines Rückert-Zitats gönnt, wird dabei vor Anfechtungen – außer denen, die er vornimmt – bewahrt bleiben. Dies eingeräumt, wird es aber dem Herrn Schober kaum erspart werden, daß die Rose, die den Garten, den Friedhofsgarten zu schmücken glaubt, wenn sie sich immer wieder selbst schmückt, nach dem Juliprangen in rauher Herbstluft zu welken beginnt. (Und mit ihr jenes viel zu wenig beachtete Veilchen Pollak, das im Verborgenen blüht, der einzige Polizeiwürdenträger, dessen Wachstum sich ohne den Segen der Reklame durchsetzt, der sonst der Vegetation unentbehrlich ist.) Es wird nicht alles nach Wunsch gehen und wie es nach der Übereinstimmung von Polizeireglement und Fibel vorgesehen ist. Denn so brav wie Herr Schober ist und wie er sich die Menschen dieser österreichischen Wirklichkeit, soweit sie nicht zu den Elementen gehören, vorstellt, bin ich noch lange nicht. Mir geht der strenge Tugendkurs, wie man ihn als Grenadier des Königs von England in Marienbad durchmachen konnte, mein Lebtag ab, ich habe aus dieser Vorschule zum Bundeskanzleramt nicht im Neuen Wiener Journal plaudern können, und mangels eines Degens habe ich denselben vor einem toten Kaiser von Österreich auch nicht ritterlich gesenkt. Bin ich aber schon nicht wacker, so bin ich doch so lange als möglich gutgläubig, und was mich auszeichnet, ist die Fähigkeit, an Verrätern Verrat zu üben. Maßvoll und doch energisch, und wenn die Welt voll Konfidenten wär! Jene Doppelzüngigkeit des von der Weltgeschichte dahingerafften Wappenvogels, die manchem seiner tieftrauernd Hinterbliebenen als das Letzte geblieben ist nebst der Ehre: sie auch im Spielraum der intellektuellen Beschränktheit zu erfassen – das ist meine Spezialität, das ist meine Passion, und da schrecke ich vor keinem Abenteuer zurück. Und so wiederhole ich denn die schon plakatierte eindringliche Aufforderung an Herrn Johann Schober, Polizeipräsidenten von Wien, ehestens seinem Nachfolger, wie immer dieser beschaffen sein möge, Platz zu machen und tunlichst seine Helfershelfer mitzunehmen, eben jenen Pollak, der ihm die geistige Einrichtung besorgt und, einer angesehenen Zeitungsfamilie entstammend, für den halbamtlichen Verkehr mit Erpressern gleichsam Naturgaben mitbringt, wie den Herrn Pamer, der ihm unerwünschte Verantwortungen abnimmt und sich übrigens schon, wenn ich nicht irre, im Jahre 1902 durch ein kühnes Reiterstückchen in der Babenbergerstraße ein Paar Sporen verdient hat. (Selbst auf die Gefahr hin, daß namentlich die Erfahrenheit des erstgenannten Funktionärs ein Hindernis für eingreifendere Personalveränderungen bilden sollte.) Ich versichere dem gegenwärtigen Polizeipräsidenten, daß das Ziel seiner Abdankung sich ganz in der Linie meines Kampfes gegen Herrn Bekessy befindet und ich mich damit nicht der geringsten Inkonsequenz schuldig mache. Sie liegt mir am Herzen, mehr noch als die Hinauspeitschung des Stundenmannes, an der Herr Schober ein berechtigtes, wenngleich nicht gern bestätigtes Interesse gehabt hat. Des Erpressers, von dem er wohl wußte, daß er mehr getan hat als Autoinsassen zum Verwundetentransport zu nötigen; des Verbrechers, dessen Krimina zu fassen post tot discrimina endlich gelungen ist und für dessen Steckbrief mir zu danken Herr Schober so viel Ursache hat, ohne daß sein Amt sich als findige Post bewährt hätte. Des Bekessy, der schließlich doch ein Stümper war, aber mit dem Wissen um die Personalien sämtlicher Parteien, wie es Herr Schober besitzt, der größte Journalist geworden wäre, während er selbst sich damit notdürftig als kleiner Polizeipräsident erhält, um nur im Nebenamt für Blätter tätig zu sein.

Denn das ist ja eben der Horror des Blutregententums vom 15. Juli, daß dessen Format die Maße des Herrn Schober so sehr übersteigt. Und das ist das Unerträgliche unserer großen Greuel, daß sie von so winzigen Menschlichkeiten verantwortet werden, ja von den Formen einer Verbindlichkeit gedeckt sind, die selbst nach der Verwandlung Wiens in eine Nadererhölle – und an dem Tag, da das Polizistenwort von der Wachstube als »Watschenmaschine« gemeldet wird – es einem liberalen Machtlecker ermöglicht, von »diesem vornehmen, gütigen Menschen, diesem weichherzigen, diesem humansten aller Polizeipräsidenten« zu leitartikeln; ihn zu einem »Schreckensbild, zu einem Nero in Taschenformat« zu stempeln, könne nicht gelingen. Nein, Gräber, Kerker und Spitäler füllen – es geschieht, aber es sieht uns nicht ähnlich. War es nicht der technoromantische Zauber jener großen Zeit, daß man Rechnungsräte in Attilas und dann wieder Attilas in Rechnungsräte verwandelt sah? Und daß im August 1914 wie im November 1918 nichts anderes diesen Vaterlandsbekennern nachzusagen war als: »Nicht wieder zu erkennen!« Ja eben dieses blutige Sumpertum, das schon am nächsten Morgen das Alibi seiner Umgänglichkeit parat hat, eben diese österreichische Scheinbarkeit ist tausendmal gefährlicher als die Wirklichkeit des ausgewachsenen Nero, die durch die volle Deckung der Tat mit der Person wenigstens die Sicherheit der Gefahr verbürgt. Und hier wäre es geboten, sich mit der Forderung auseinanderzusetzen, die, wieder als ein Motiv aus großer Zeit, diesen Polizeikrieg begleitet hat: »Man darf nicht generalisieren«; und wie damals zu erwidern, daß die Untat, zumal wenn sie dekoriert wird, stärker in Erscheinung tritt als ihre Unterlassung und daß es Pflicht ist, an ihr und ihrer Möglichkeit das System zu brandmarken, dringender als die Anerkennung einer Mehrzahl von Fällen, wo nicht gemordet wurde. Wer so denkt, wird selbst der Entartung gerecht werden, denn er erkennt das Walten der blutigen Mechanik, die einen gutartigen Durchschnitt bestialisiert und der die größere Schuld anheimfällt: ihn zum Mörder zu machen. Wenn Egmont, auf die Wache zeigend, ausspricht, daß diese ein hohles Wort des Herrschers treibe, nicht ihr Gemüt, so meint er die Pflichterfüller, nicht die Entfesselten; doch in einer Welt, die keine Albas, aber Funktionäre hat, Menschen, die zu Taten fähig sind, weil sie zu deren Vorstellung unfähig sind, da muß man gar der Erkenntnis fähig sein, daß es eine anonyme Gewalt der Unverantwortlichkeit ist, die auch die Untergebenen wehrlos der eigenen Macht überliefert und an ihrer Seele so unnennbaren Schaden stiftet. Ein besserer Geist als der »gute Geist«, den ein Regent selbst in Anführungszeichen setzt, hielte noch die Wüteriche der Ringstraße in der Bahn des Menschentums. Wie aber unsere Greuel in der Freiheit gewachsen und unsere Menschlichkeiten zusammengeschrumpft sind – das bildet vielleicht das Um und Auf der Tragik dieses umgestürzten Österreich, und fast fürchte ich, es könnte als monarchistisches Bekenntnis gedeutet werden, wenn man daran erinnert, daß die alte Ära doch über Persönlichkeiten verfügt hat, die – lange vor dem Entschluß maßgebender Lemuren zum Totentanz – zu viel Blut in den Adern hatten, um das der Untertanen zu verkosten, zu viel Menschenwürde, um zum Machtbeweis die der Schutzbefohlenen zu kränken. In Erinnerung etwa an einen Mann wie den Richter Heidt oder auch an einen Vorgänger des Herrn Schober wie den Präsidenten Brzesowsky, deren echtes Österreichertum sich doch in keiner Gebärde verleugnet hat; vor dem kulturellen, geistigen und moralischen Abstand einstiger Träger konservativen Geistes, in Justiz und Verwaltung, zu dem, was sich heute der Verfügung über die Rechte gottgeschenkten Lebens und errungener Freiheit erdreistet, muß den fanatischesten Republikaner ein Grausen angehen. Nein, die machtbetrunkene Mittelmäßigkeit ist die denkbar unerwünschteste Begleiterscheinung des politischen Fortschritts, und selbst von sozialistischer Seite konnte nicht geleugnet werden, daß in der Monarchie schon der Popularitätsdrang, die Grußbeflissenheit des Oberhauptes ein gewisser Schutz gegen Beamtenexzesse war und einen Polizeipräsidenten, der auch nur einen Toten auf der Ringstraße zu verantworten hatte, nicht einen Tag über das Schrecknis hinaus geduldet hätte. Und sich vorzustellen, daß eine Erscheinung wie dieser Hartleb die Ministerbank gedrückt und aufstehen hätte dürfen, um vor den Ohren des Reichs nach dem Konzept der Beschuldigten deren Missetat zu verklären – dazu mag schon eine historische Phantasie vonnöten sein. Bei allem folkloristischen Interesse, das die auf die Großstadt losgelassene Provinz auch in der heikelsten Situation gewähren mag – wiewohl da, wenn schon denn schon, nackte Knie dem Staatsgewand vorzuziehen wären –, muß doch gesagt werden, daß einer Demokratie, die nicht nur Stimme, sondern auch Sitz, und so breiten, dem Neandertalertum einräumte und Kräfte, die sonst nur für eine Kirchweih mobilisiert werden, zum Scheibenschießen auf Stadtleute entfesselt hat – daß solchem Unfug noch immer eine Bureaukratie vorzuziehen wäre, die, nicht gestützt auf die Erlaubnisse jener, auch nicht zu Ausschreitungen des Machtwillens inkliniert. Der falsche Freiheitsbegriff allerdings, der zu dem Nonsens gelangt, die Richter des gesetzlichen Buchstabens zu verdammen, denen das Geschwornenurteil über Schattendorf doch ein Greuel ist, und die Geschworenen anzuklagen, die ihrer liberalen Befugnis zur Stimmungsjustiz doch entsprochen haben – der ist zu allerletzt berechtigt, vom blutigen Ausgang der Posse eines Staatslebens überrascht zu sein, dessen Politik ausschließlich in der Gewandtheit besteht, Sachverhalte durch Phrasen unkenntlich zu machen. Die Tragikomödie dieser freiheitlichen Entwicklung ist der Aufstieg einer Menschenart, deren geistige Nahrung die Lesefrucht der zweiten Bürgerschulklasse bildet, deren Horizont von der Kaiserlithographie dieser Örtlichkeit begrenzt wird und deren Instinkte gegen eine komplizierte Umwelt Mühe haben, sich hinter der Fassade des Biedersinns zu verbergen, um eines Tags mit den tödlichen Mitteln der Zivilisation gegen sie selbst vorzugehen. Das Walten dieser Elemente, die nichts im Kopf haben als die Sehnsucht nach dem angestammten Herrscherhaus, läßt solchen Drang freilich umso absurder erscheinen, als sie doch mit den politischen Fördernissen der Republik eine weit umfassendere Möglichkeit haben, sich kulturell bemerkbar zu machen. Es ist richtig, man ist in den Zeiten der Monarchie mit einem Druck im Gehirn erwacht, sooft sich das Bewußtsein, einem gesalbten Imbezillen untertan zu sein, zur Klarheit von Traumgesichten verschärft hatte, mit denen die äußersten Majestätsbeleidigungen abreagiert wurden. Aber schließlich schien aller Aberwitz des staatlichen Lebens und der Formenwelt in der einen höchsten Region abgeriegelt, und wenn er nicht zum Weltkrieg ausgeartet wäre, man hätte sich zur Not mit dem Unwesen abgefunden, so schmerzlich das Hervortreten dieser Individualitäten von Ausstellungseröffnern auch den Nerven zusetzen mochte. Der beste Monarch – wenn es wahr ist, daß ohne diese Einrichtung die Menschheit nicht gebändigt werden kann und daß dieses Vogelvolk einen Popanz braucht, der zugleich Scheuche und Idol vorstellt –, der beste wäre einer, der längst tot ist und durch kein Lebenszeichen das tödliche Mißverhältnis zwischen Macht und Wert verraten könnte. Daß die heutige Republik, in der jeder Trottel einen lebendigen Monarchen stellt, nicht den wünschenswerten Ersatz bedeutet, kann so wenig einem Zweifel unterliegen wie die Nullität der Personen, die sie regieren. Gestalten, die einen in einem älpischen Gasthof darauf aufmerksam machen, daß es außer diesem auch noch eine »Tepetanz« gebe, auf verantwortlichen Posten der Verwaltung zu begegnen, ist dem Inländer fatal und dem Fremdenverkehr nicht förderlich. Vollends bedenklich die Überflutung der Ringstraße mit dem stämmigen Geschlecht von Bauernsöhnen, die Herr Schober zur Belebung des Stadtbildes herangezogen hat, die man in vielleicht unberechtigter Generalisierung als die »Mistelbacher« bezeichnet und die leider den Verlockungen des großstädtischen Nachtlebens durch Vorsichhertreiben der Prostituierten ausgesetzt sind. Diese scheußliche Strategie hat auch seit dem 15. Juli keine Milderung erfahren, wiewohl sie schon bis dahin nur als Kaisermanöver für eine andere Offensive verständlich gewesen wäre. Herr Schober weiß, daß selbst die mir entlehnte Betrachtung der Sittenpolizei durch ein Libertinertum, gegen das ich kämpfen mußte und dem er gegen mich Sukkurs geleistet hat, nie imstande war, meinen Ekel zu verhalten vor einer Erniedrigung des Menschentums in Tagen, wo es noch nicht in einem grausigeren Sinne Gefallene auf der Ringstraße gegeben hat. Dieses dunkelste aller sozialen Kapitel, in dem ja leider Gottes auch die fortgeschrittenste Legislatur ihr Banausentum und die Unabänderlichkeit der männlichen Geschlechtsheuchelei offenbart, hat seine tragische Illustration gefunden in dem Bilde des von einem Polizisten gejagten »Kontrollmädchens«, das sein Verbrechen, für Bundessteuer und Polizeitaxe die gewerbliche Gelegenheit eines Trottoirs benützen zu wollen, mit dem Tod durch ein Automobil büßen mußte. Aber die Geistestat eines Frank Wedekind und die Wirksamkeit des Buches »Sittlichkeit und Kriminalität« wird für das Wiener zwanzigste Jahrhundert nicht durch das Belieben eines Mistelbachers hinwegdekretiert werden, mag er auch von seinen Vorgesetzten ermächtigt sein, auf der untersten Stufe weiblicher Wehrlosigkeit sein Herrentum auszuüben. Nicht zu spät wurde das Bild meiner Phantasie einverleibt, um mir das Bekenntnis zu ermöglichen: daß ich die letzte der Gestalten, die unbefugt ein Ringstraßentrottoir beleben, für existenzwürdiger halte als die Heerschar ihrer Bedrücker und den ganzen Korso männlicher Verdienermißgeburten, zu deren Schutz diese beordert sind! Ich weiß zwar nicht, ob sich bei Rückert ein Sprüchlein zum Preise der Huren findet, aber bei Shakespeare, der ihm vielfach an die Seite gestellt wird, finde ich das Zitat: »Du schuft'ger Büttel, weg die blut'ge Hand! / Was geißelst du die Hure? Peitsch dich selbst! / Dich lüstet heiß mit ihr zu tun, wofür / Dein Arm sie stäupt.« Und wie das schon so bei Shakespeare ist, finde ich gleich nach diesem Zitat den Satz, der wohl auf einen Kontrast zwischen der Jagd auf Pfuirufer und dem urbaneren Umgang mit Leuten wie Castiglioni und insbesondere Bosel anspielt: »Zerlumptes Kleid bringt kleinen Fehl ans Licht, / Talar und Pelz birgt alles. Hüll in Gold die Sünde, / Und harmlos bricht der starke Speer des Rechts; / In Lumpen – des Pygmäen Halm durchbohrt sie.« Da wir aber in der freiheitlichen Entwicklung an dem Punkt angelangt sind, wo das »Gehorchen« als die eigentlichste Betätigung des Republikaners empfohlen werden kann (und sogar in der Zuschrift eines »prominenten Holländers«, der schon sein Geld wert ist, indem er keinen größeren Genuß kennt als, wenn er nach Wien kommt, einem Mistelbacher gehorchen zu dürfen, ja um diese Erlaubnis direkt einzukommen scheint) – so findet der Blick, der in Shakespeare eben doch mehr als in Rückert findet, knapp vor dem Wort von der Hure und dem Büttel die Erkenntnis: »›Sahst du wohl eines Pächters Hund einen Bettler anbellen?‹ ›Ja, Herr!‹ ›Und der Wicht lief vor dem Köter: da konntest du das große Bild des Ansehens erblicken; dem Hund im Amt gehorcht man.‹« Ich weiß aber freilich nicht, ob der Obmann der Vereinigung der Konzeptsbeamten der Polizeidirektion Wien, namens der Organisationen sämtlicher Beamtenkategorien dieser Polizeidirektion, Shakespeare für befugt hält, in dieser Beziehung als Dolmetsch des Willens der Wiener Bevölkerung aufzutreten. Weil ich jedoch der letzte bin, der dazu geeignet ist, so tue ich es mit der Kraft, von der so viele, die in Betracht kämen, keinen Gebrauch machen und die darum brachliegt, und versichere dem Herrn Schober, daß ihn die Exekutive der bürgerlichen Instinkte auch in dem Lebensgebiet, wo noch der feilste Sklavensinn das Wort »benützen« aufbringt – ich denke nicht an die Journalistik, sondern an die nützlichere Prostitution –, in meinen Augen amtsunwürdig macht. Aber durch welche seiner Handlungen und welche seiner Unterlassungen wäre er es nicht? Sein System: die Bemäntelung des Kulturwidrigen durch die rechtschaffene Ausrede – in welcher seiner mannigfachen Agenden hätte es sich nicht schon allzu lange bewährt? Seine Geschicklichkeit, so unter der Hand, die die andere wäscht, und hinter demokratischen Vorwänden die Republik in einen Obrigkeitsstaat zu verwandeln, worin als Kaiserersatz der Polizeidirektor fungiert; sein Talent, achtundachtzig Tote und tausend Gefangene zu zählen und doch die Sicherheit der Republik zu gewährleisten, wenn der Republikaner nicht gerade über die Ringstraße geht – in jeder andern Ära, in jedem anderen Staat hätte es ihn problematisch gemacht. Im heutigen Österreich wird er es nicht einmal durch die Versicherung des Herrn Seipel, daß »die Polizeidirektion der festeste Hort der staatlichen Ordnung« sei. Wohlverstanden, nicht etwa die Polizei – was doch schon pervers genug wäre –, nein: die Polizeidirektion! Wäre es wahr, so müßte ein Parlament Mann für Mann Selbstmord begehen, wenn doch der schmählichste Sachverhalt, der je ein Staatswesen befleckt hat, von regierungswegen bestätigt wurde: daß es der Institution, die auf Taschendiebe und Schnellfahrer aufzupassen hat, durch ein Massaker unter Passanten gelungen ist, die republikanische Ehre zu retten! Wäre es wahr, so könnte es doch nur als der ingrimmigste Hohn eines Reaktionärs gemeint sein, der der Republik einen Tort antun will. Aber es ist brav und rechtschaffen gemeint, wie eben, allen Voltaires zum Trotz, absolvierte Bundesbürgerschüler sich den Inhalt der Freiheit vorzustellen haben, bezüglich deren es in Ordnung ist, daß statt des Nationalrats ein »Polizeikoat« die Verfassung tunlichst behütet. Und als eben in der Kaserne, der die Einschießpatronen entstammten, die Ehrenzeichen verteilt wurden, erwiderte Herr Schober – nicht ohne einen Reim von »erfüllten Pflichten« auf »mit nichten« – dem Lob des Vorgesetzten mit dem Gelöbnis: »daß das deutsche Volk in Österreich, daß seine Bevölkerung keinen festeren Hort hat als die Wiener Polizeidirektion«. Man würde erwarten, daß auf diesen Treuschwur hin – der die Volksvertreter offenbar in einen Starrkrampf der Beruhigung versetzt hat – endlich ein Zustrom von Fremden erfolgt, die sich diese sonderbare Republik in der Nähe anschauen wollen, diesen Kanzler und diese ihre verfassungstreue Polizeidirektion, weil es derartige Dinge ja zwischen Honduras und Saloniki in der Geschichte noch nicht gegeben hat – wobei noch die Hoffnung bestünde, durch ein Scherflein für Besichtigung der Ruine des Justizpalastes die Spesen für den Wiederaufbau hereinzubringen.

Hätte ich gewähnt, durch mein Plakat die Position des Herrn Schober unmittelbar zu gefährden, ich hätte mich wirklich so »blamiert«, wie der kopfschüttelnde Schwachsinn annimmt. Denn wie sollte die schlichte Aufforderung eines »Privatmannes«, abzutreten, Erfolg haben, wenn selbst die Erklärung des Herrn Seipel, daß die Polizeidirektion der festeste Hort der Republik sei, ihre satirische Ekrasitwirkung verfehlt hat! Nicht die Gewalt der erlebten Tatsachen, welche doch an den kugelsicheren Bürgerherzen abprallt – nicht die Penetranz einer Geistigkeit, die den bösen Naturgewalten mit dem Vorbild des Fleißes und der guten Sitten begegnet, nichts vermag hier irgendetwas vom Fleck zu bewegen. Und da sollte ein plakatierter Satz, der in seiner Gedrungenheit das Erlebnis nur dem Mitfühlenden gestaltet, es imstande sein? Vergessen wir nie, welch eine Welt es ist, in der wir – solange wir dürfen – atmen; und daß moralische Werte keine andere Bestimmung in ihr haben als die: Zierat ihrer Abgründe zu sein, damit diese der Staatsbürger wohnlich finde und in der Gefahr das Heil erblicke. Hätte man es sich jemals vorstellen können, daß in der Stunde, da eine feile Feder das »tiefe Menschlichkeitsgefühl« dieses Polizeipräsidenten rekommandiert – »Ein edles Wild soll zur Strecke gebracht werden« –, ein Unglücklicher im Gerichtssaal von seiner blutigen Mißhandlung auf der Wachstube erzählt und von seiner Abwaschung vor dem Transport in die Polizeidirektion, und daß der Richter vor dieser Selbstverständlichkeit weder Miene macht, gegen die Beschuldigten noch gegen den Beschuldiger irgendetwas zu unternehmen? Und gegen die Lethargie des sittlichen Empfindens – diese einzige Erscheinung, die sich hier noch an Formen und Normen hält, während mein Aufstand gegen sie mit Unflat beworfen und mit Todschlag bedroht wird –, da sollte ich mit einer plakatierten Aufforderung an ihren populärsten Repräsentanten durchzudringen wähnen? Nein, ich bilde mir nicht einmal ein, mit der gründlichen Motivierung – die die Schwachköpfe auf dem Plakat vermißt haben – das Bollwerk der moralischen Quallenhaftigkeit, die diese österreichische Welt hieb- und stichfest macht, erobern zu können. Ich mag durch den Erfolg in der Bekessy-Sache, der mir schließlich sogar den Gang unserer Justizdinge als einen Ausweg aus dem moralischen Labyrinth gezeigt hat, übermütig geworden sein. Aber so die österreichischen Möglichkeiten überschätzen hat er mich nicht gelehrt, um im Fall Schober mehr zu erwarten, als durch ein zu motivierendes Postulat Eindruck auf das Gewissen einer moralischen Inselwelt zu machen, ohne deren Vorstellung doch kein weiterer Atemzug in dieser Gegend möglich wäre. Auf dieser durchaus optimistischen Grundlage kann füglich kein weiterer Erfolg gedacht werden als der der Anerkennung von Beweggründen, die dem Verlangen seine sittliche Berechtigung und dem Ausspruch die Autorität des sittlichen Beispiels verleihen. Der Einwand der Inkompetenz des »Privatmannes«, dem die Belehrung zuteil wird, daß »über das Verbleiben eines hohen staatlichen Funktionärs auf seinem Posten die verfassungsmäßig zuständigen Instanzen zu entscheiden haben«, entspricht der Norm der Trottelei, die hierzulande die ausschließliche Quelle einer öffentlichen Meinung bildet. Ganz abgesehen davon, daß etwa der anonyme Leitartikel, der die Demission einer Regierung fordert – welche über das Amt des Polizeipräsidenten zu verfügen hat –, doch keiner anderen Kompetenz als der Privatmeinung eines Schlieferls entstammt oder dem Motiv korrupten Privatinteresses, kann ja nur die leibhaftige Dummheit dem Wunsch nach Beseitigung eines Übels, der, in welcher Form immer, ein staatsbürgerliches Recht bleibt, die Idee imputieren, auf diese Beseitigung einen legitimen Einfluß zu haben. Als ob ich den Herrn Schober hätte eigenhändig entfernen und nicht vielmehr ihm zureden wollen, die Entscheidung der verfassungsmäßig zuständigen Instanzen in einem bestimmten Sinne zu beeinflussen! Die österreichische Vorstellung, daß ein Polizeipräsident von Natur sakrosankter sei als seine Vorgesetzten – weil er doch unmittelbar mit einer Gefahr für Leben, Freiheit und Ehre verknüpft ist –, hat dazu beigetragen, daß unter der Faszination meines Plakats sich die Idiotenanstalt, die diese öffentliche Meinung bedeutet, noch irrer und wirrer als sonst gebärdet hat. So gescheit werden aber die Insassen doch noch sein, um einzusehen, daß sie mir für eine Polemik zu blöd sind. Erscheinungen wie diese Reichspost und diese Wiener Neuesten Nachrichten, das kann's doch in einer andern Sprache gar nicht geben, und das Verhängnis bei diesen Zusammenstößen zwischen mir und diesem Wien ist nur, daß die Dummheit durch mich dümmer wird, während sie mich zu stets neuen Einfällen anfeuert. Da ist denn Beherrschung geboten und bezüglich der Reichspost, die geschrieben hat, »man erinnere sich«, daß ich einmal »einem meiner Angriffsobjekte das Diktum an den Kopf geworfen habe: ›Ich fordere Sie auf, sich zu erschießen!‹«, darf ich mir höchstens eine Glosse vorbehalten unter dem Titel »Kasmader in der Schlinge oder: Man erinnert sich«. Da wird man schon sehen, wie lustig es ist, wenn die heilige Einfalt an mir satirisch wird. Denn woran sich die Reichspost, feststellend, daß »die – Erde sich weiter gedreht hat«, nicht erinnert, ist die Tatsache, daß sich auch die – Reichspost gedreht hat, seitdem sie durch jenes, ganz anders geartete Diktum in einen Begeisterungstaumel versetzt war, woran wieder ich mich erinnere. Wie ich der Presse entgegenkomme und wie mich der Gerechte sogar des Neuen Wiener Journals erbarmt, beweise ich dadurch, daß ich die Aufmerksamkeit der Polizei auf einen Diebstahl lenke, der wohl einzig in seiner Art dasteht. Dem Neuen Wiener Journal ist nämlich die wertvolle Betrachtung, die es meinem Plakat gewidmet hat, vom Frankfurter General-Anzeiger gestohlen worden – eine Sensation, die die eigenartige Betätigung eines Anzeigers beleuchtet und in der Kriminalgeschichte ähnlich vermerkt werden müßte, wie wenn es der Polizei einst gelungen wäre, einem Diebstahl an Manolescu auf die Spur zu kommen. Was die Wiener Neuesten Nachrichten, die in großdeutscher Sprache verfaßte Zeitung, anbelangt, so möchte ich ihr – wenn ich sicher wüßte, daß der Gewinst nicht unter ihre Schriftleiter verteilt wird – ein Preisrätsel suggerieren: wie sie wohl zu der Version gelangt sein mag, daß ich »an Litfaßsäulen Maueranschläge« (das kommt davon, wenn man das Fremdwort Plakat scheut!) »angeblich sogar auch selbst anklebte«. Dieses Gerücht hat als perfekte Tatsache auch unter den Sudetendeutschen Eingang gefunden und die ›Silesia‹ bringt einen Bericht aus Wien, worin die Szene genau und in Sperrdruck beschrieben wird, nebst dem Aufsehen, das unter der mich umgebenden Menschenmenge entstand, »so daß die Verkehrspolizei enlatniaenia eingreifen mußte«. (Wenn's nämlich der Setzmaschine in Sudetenländern zu dumm wird, beginnt sie zu lallen.) Nun bin ich sicherlich einer der meistbeschäftigten Menschen Wiens oder wie unsere großdeutsche Zeitung sagen würde: einer der vielbeschäftig sten; aber mir zuzutrauen, oder wie sie sagen würde: zuzumuten, daß ich auch noch der »Wipag« ins Handwerk pfusche, das verbitte, oder wie sie sagen würde: verbiete ich mir. Die Bezeichnung »Fackel-Kraus«, als ein Stück aus dem Inventar der Wiener Geistigkeit, überrascht mich weniger als die eines »Reklame-Kraus«, da es doch bisher nicht bekannt war, daß ich einen Bestandteil der Welt bilde, deren Schreiber ihre Existenz von der Möglichkeit fristen, daß dem Essig-Huber eine Variante zu Goethes »Über allen Gipfeln« einfällt. Aber die großdeutsche Publizistik hat es heraus – »den Wienern erscheint es klar« –: daß es »sich um einen Reklame-Trick des Fackel-Kraus handelt«, den er ersonnen hat, um der dem Plakat folgenden Fackel eine größere Verbreitung zu sichern. Diese schnöde Absicht, die Motivierung eines gemeinnützigen Verlangens im größten Umkreis vorzubereiten, um die vertretene Sache vor der ganzen Öffentlichkeit, der sie dient, zu führen – wie könnte sie zu ethischem Vergleiche auch nur in die Nähe der Propagandamittel gebracht werden, die die anständige Publizistik anwendet, welche, selbstlos der Annoncierung aller Bedürfnisse dienend, doch nie noch für die eigene Leistung Reklame gemacht hat? Wie wäre sie etwa zu vergleichen mit der Propaganda für eine Kulturrevue wie ›Das Weltbild‹, deren spannendem Inhalt die bürgerliche Presse unter dem Titel

Vor der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti

gerecht wurde?

Aber die Absicht meines Plakats, von welchem das Blatt des Herrn Sieghart, im Punkte der Reklame wahrlich ein unbeschriebenes Blatt, auch gesagt hat, es sei »nichts als ein Stoß in die Luft oder ein Schlag ins Wasser«, war doch noch eine ganz andere, wiewohl sie schon mit dem Wunsch zusammenhängen mag, meinem Urteil über Herrn Schober die denkbar größte Publizität zu sichern. Denn das Plakat sollte ein Stoß in die unreine Luft, ein Schlag ins faule Wasser sein! Es schien mir angebracht, die lange Frist bis dahin, wo die der Dummheit schwerer verständlichen Sätze erscheinen, mit der knappsten Formulierung dessen, was ich seit länger als dem 15. Juli empfinde, auszufüllen – mit einem Satz, durch den ich dem Vorurteil, daß mein Stil unverständlich sei, einmal begegnen wollte, und von dem ich glaube, daß er bei aller Verständlichkeit doch nicht des Reizes sprachlicher Gestaltung entbehrt, indem er, wie etwa das berühmte »Lebt wohl« in der »lphigenie«, einen starken psychischen Inhalt im kürzesten, ja vorhandensten Ausdruck lebendig macht und gleichsam das Erstmalige des immer Gesagten herstellt. Man könnte freilich noch ein anderes Zitat zum Vergleich heranziehen, zwar keins von Rückert, aber den Ausspruch eines anderen Manifestes, dessen Prägnanz wahrlich keines geringeren Aufsehens teilhaft wurde und das allerdings zwölf Millionen Tote gekostet hat, während das meine bloß achtundachtzig rächen wollte. Trotz der andauernden Weigerung der Bürgerwelt, das andere für eine Blamage zu halten, möchte ich doch behaupten, daß ich das meine reiflicher erwogen habe! Auf eine Zustimmung in dem Maße der Verständlichkeit habe ich keinen Augenblick gerechnet, wiewohl ich genug Beweise auch für jene erwarten durfte und empfangen habe; doch selbst was die Verständlichkeit betrifft, konnte ich es mir genügen lassen, sie beim Adressaten zu finden, und ihrer war ich so sicher wie seiner Weigerung, von ihr plötzlichen Gebrauch zu machen. Ein unmittelbarer praktischer Erfolg ist immerhin in der Bekundung meines Bedürfnisses zu erblicken, sich von seinen Untergebenen wie von seinem Vorgesetzten die Unentbehrlichkeit bestätigen zu lassen, und in dem drolligen Einfall des Herrn Seipel, eines der zahllosen Pensionsgesuche des Herrn Schober, das vom 4. April, ausgerechnet am 20. September, dem Tag nach Schluß meiner Plakatierung, im Namen der »überwiegenden Mehrheit unserer Bundesbürger«, abzulehnen. Dem Ärgernis der andern, ihn an seinem Amtssitz, und nun vollends mit so viel Blut, kleben zu sehen, war Herr Schober mit dem Hinweis auf seine vielen ergebnislosen Versuche, der Bürde ledig zu werden, entgegengetreten, und auch Herr Seipel hat mit leichter Ironie auf diese mit Gesundheitsrücksichten zusammenhängende Übung, gehen zu wollen und sich halten zu lassen, hingewiesen, auf das, was in der französischen Operette »fausse sortie« heißt und wenn es sich wiederholt. »même jeu«. Denn man muß ja wissen, daß die Demission dieses Polizeipräsidenten bereits eine Einrichtung des österreichischen Staatslebens geworden ist und daß die Regierungskreise ihr längst mit der Erwartung des »Blaubart«-Chors gegenüberstehen, der der Meldung vom Hingang der Soundsovielten mit dem Ausruf antwortet: »Das hat er uns schon oft gesagt!« Die Version freilich, die ein Polizeiwind verbreitet: daß es diesmal schon ernst war und glücken sollte, bis mein Plakat erschien, um die gegenteilige Wirkung zu erzielen, entbehrt durchaus nicht der Glaubwürdigkeit für den, der das »Just nicht!« als die einzige österreichische Regierungsmaxime begriffen hat. Da aber doch wieder der »Goldfüllfederkönig«, vom beifälligen Grinsen der Bürgerwelt begleitet, die Aufforderung an Herrn Schober erscheinen ließ, nicht abzutreten, so wird es sich weisen müssen, ob Herr Seipel die Konkurrenz nicht unerträglicher findet als ich. Man soll nichts überstürzen, und der gute Österreicher hat in solchen Fällen, wo es sich um die Erwägung des praktischen Erfolges handelt, das Sprüchlein bereit: »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben« oder »Gut Ding braucht Weile«. Die Blamage eines Beginnens, die keineswegs schon damit eingetreten ist, daß die Esel es nicht verstehen, könnte doch nie im Ausbleiben der Erfüllung eines Begehrens, sondern füglich nur in der Unzulänglichkeit seiner Argumente erkannt werden, und wenn ein Plakat und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, so muß nicht immer das Plakat schuld sein, sagt ungefähr Lichtenberg, der, in Göttingen vor genau 150 Jahren, einen Anschlagzettel hat erscheinen lassen, durch den es ihm glückte, einen »von der gebildeten und ungebildeten Menge angestaunten Zauberer« zu vertreiben. Die Zeiten haben sich geändert, die Dummheit ist stärker geworden als die Satiriker, die nichts zu lachen haben, die Konzeptsbeamten haben sich vermehrt und die Post in Wien befördert mehr schmierige Karten als die damals in Göttingen. Doch wenn ich meinem Plakat auch nie den Sinn bestreiten wollte, daß er ein rechter Anschlag war, und einer, dessen Wirkung auch das Mißlingen nebst allen Widerwärtigkeiten in sich begreift – »den Wiener Polizeipräsidenten unter den Druck der Straße zu setzen«, wie die Reichspost meint, habe ich keineswegs geplant, angesichts einer Bürgerschaft, die es lieber erträgt, daß die Straße unter den Druck des Wiener Polizeipräsidenten gesetzt wird. Aber was ich gewollt habe, war: lange bevor ein Wortwerk erscheint, das trotz allem Erlebnisinhalt von der maßgebenden Wurstigkeit in die Kategorie »Literatur« abgetan wird, den Trägern eines Menschengefühls ein erwartetes Zeichen zu geben, wie ich zu dem Ereignis stehe, das ihnen das Herz bewegt und der überwiegenden Mehrheit der Bundesbürger es verhärtet hat. Das habe ich erreicht, und ich kann dieser überwiegenden Mehrheit, mag sie nun toben oder grinsen, protestieren oder ihre Dummheit für meine Blamage halten, mag der Furor für Ordnung und Sicherheit sich im Walten von Säbelklingen auf Litfaßsäulen oder in einer ganzen vaterländischen Literatur von Pissoir-Inschriften auf noch unversehrten Plakaten betätigen – ich kann dieser die Kultur überwiegenden Mehrheit gar nicht sagen, was es auf der Welt geben könnte, das mir gleichgültiger wäre als ihre Reaktion!

Freilich hat diese sozusagen ihren offiziellen Stempel erhalten durch die Kundgebung der Konzeptsbeamten, die mindestens solch ein Novum in der öffentlichen Polemik bildet wie der Gebrauch des Rechtes, seine Meinung auf ein Plakat zu setzen. Gegenüber dem Obmann der Vereinigung der Konzeptsbeamten der Polizeidirektion Wien namens der Organisationen sämtlicher Beamtenkategorien dieser Polizeidirektion muß ich allerdings den kürzeren ziehen. Da habe ich wirklich einen schweren Stand. Was einen Obmann als solchen betrifft, speziell einen, der sich, entgegen der sonstigen Gepflogenheit von Polizeibeamten, in der Zeitung nicht nennen läßt, so wäre man gewiß versucht, der alten Begriffsbestimmung durch die Frage, ob er ein Mann ist, näherzutreten. Denn im Vertrauen auf die Unwegsamkeit der Geschwornenjustiz im Amtskleid Schmähungen zu publizieren, ist ein Beginnen, nicht just geeignet, das Gefühl der Sicherheit im Umgang mit der Polizei auszubauen und zu vertiefen. Fiele nicht schon der Vorwurf »unverantwortlicher Verdächtigungen«, in deren Kette das Plakat »ein Glied« sei – durch keine Anführung einer Tatsache begründet oder je zu begründen –, mit beispielhafter Deutlichkeit auf die Urheber zurück, so müßte doch wohl gesagt werden, daß die Kritik »reklamehaften Beginnens« ein Fastnachtsscherz ist, wenn sie einem Rayon entstammt, dessen Insassen ihr Lebtag die Öffentlichkeit mit der Beteuerung behelligt haben, daß es ihnen gelungen ist, auch wenn ihnen nichts anderes gelang, als »die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken«. Im Hause des Stukart von Reklame zu sprechen; im Hause des Gorup, der heute Kronprinz Rudolf-Sensationen plakatiert; in der Sphäre, der das Klischee »Spielvogel und Zawadil« angeheftet bleibt; an der Quelle einer Publizität, in der auf einen Taschendieb zehn verdienstvolle Kriminalinspektoren kommen; und in treuer Gefolgschaft hinter Herrn Schober, der doch eine leibhaftige Zeitungskolumne wäre, selbst wenn er nicht zu Weihnachten die Judenpresse und zu Ostern die bodenständige belieferte – das würde traun selbst dann von Tollkühnheit zeugen, wenn es nicht gegen einen Autor vorgebracht wäre, der sich das Glück, totgeschwiegen zu sein, nachweislich noch nie durch ein Interview, eine Einladung, ein Rezensionsexemplar, ein Bild, ein Wort an die Presse gestört hat. Ohne Zweifel habe ich schon durch meine bisherige literarische Tätigkeit es den ernsten Menschen, als die sich die Herren Polizeibeamten vorstellen, »schwer gemacht«, sich mit einer Äußerung von mir zu befassen. Aber Identifizierungen, die doch eigentlich eher ihr Ressort sind, habe ich ihnen niemals erschwert, und ich bin gewiß nicht schuld an dem Mißgriff, zu vermuten, daß durch mein Plakat die öffentliche Aufmerksamkeit auf meine Person gelenkt werden sollte und nicht vielmehr auf die ihres Vorgesetzten. Ob nun die Herren Beamten (an deren Konzept, wiewohl es den rechtschaffenen Ton dieser österreichischen Zeitläufte wahrt, ein Israelit nicht unbeteiligt sein dürfte), ob nicht eben sie »die letzten« sind, die geeignet wären, als Beurteiler der Autorität meines Wirkens aufzutreten, und ob nicht gerade sie »dies beruhigt den hiezu allein berufenen Faktoren überlassen« sollten, darüber wollen wir ein Amtsgeheimnis breiten. Sie haben offenbar vergessen, daß sie zwar ein Amt haben, aber ich Satiriker bin, und einer, der seine Equipierung und sonstige Wohltaten keinem Finanzmann verdankt und seine Amtshandlungen unbeeinflußbar, rückhaltlos und vor jeder Instanz der Erde und des Staates verantwortet. Was meine Befugnis betrifft, vor den Ohren der Welt und selbst der Wiener Bevölkerung das Wort zu nehmen – und eines, das der Sprache der Nation verwandter ist als sämtliche Kundmachungen dieser Polizeidirektion und jener großdeutschen Presse, die sie »treffend« nennt –, so werden wir schon keinen Richter darüber brauchen und wollen es dahingestellt sein lassen, ob das Votum der Konzeptsbeamten oder etwa das der Sorbonne gewichtiger und am Ende maßgebender sein wird. Damit aber doch einmal glaubhaft dargetan sei, wie sich das mit meinem Ansehen verhält, wenngleich von einem solchen hieramts nichts bekannt sein mag, und mit meinem Recht, aufzustehn zu den Konflikten, die sich zwischen den Ansprüchen der Menschheit und den Besonderheiten der österreichischen Staatlichkeit ergeben, aufzutreten als der Beschreiber des Unbeschreiblichen, das in den »Letzten Tagen der Menschheit« enthalten ist, gegen eine Wiedergeburt der Toten, die das Leben bedrohen – so sei der wesentliche Unterschied der Auffassungen von hieramts und außerhalb an einem sinnfälligen Beispiel wahrgenommen. Es ist sicherlich bemerkenswert, daß dieser furchtbaren Landesüblichkeit: der aus den Tiefen des Troglodytentums bezogenen Idee von einem »Fackel-Kraus‹, der ein Geschäft machen will, die analoge politische Gesinnung in dem führenden deutschnationalen Blatt Berlins, der ›Täglichen Rundschau' des Herrn Stresemann, gerade jetzt (21. August 1927) ein Bekenntnis entgegensetzt, das sich »Der Triumph des Thersites« betitelt. Der Thersites (den die Sudetendeutschen »Thersides« schreiben) bin aber diesmal nicht ich, sondern der Autor des Buches vom »braven Soldaten Svejk«, an dessen schärfste Ablehnung, aus dem alldeutschen Gesichtspunkt, sich der folgende Satz schließt:

Wir trennen ein Buch, dessen literarischer Unwert sich mit Niedrigkeit der Gesinnung paart, von Werken, die genialer Gestaltungskraft, der reinsten Absicht und der tiefsten Einsicht den Ursprung verdanken, wie jene »Letzten Tage der Menschheit« des einzigen Karl Kraus, der berufen war, einem Staate den Fluch und Hohn nachzurufen, dem er durch Jahrzehnte ins Angesicht getrotzt hatte ...

Dieser unverfälscht deutschnationalen, also wesensfeindlichen Anerkennung meiner Befugnis, in die vitalsten und moribundensten Angelegenheiten der vaterländischen Welt mehr als ein Heer von Konzeptsbeamten dreinzureden, ließen sich auch klerikale Zeugnisse einer geistigen Achtung anschließen, deren Kontrast zu den Ausflüssen unseres Kasmadertums einem wirklich die Frage nahelegt, was man hier noch zu suchen hat. Es bleibt doch eine stinkende Schande dieser Presse – mit Einschluß des Amtsblattes –: einen Wisch nicht in den Papierkorb geworfen zu haben, von dem sie alle wissen, daß in ihm die Machthaberei zu der Ungebühr eines Tons mißbraucht wird, dessen sich nur die Unverantwortlichsten unter ihnen selbst vermessen; ein quasi offizielles Urteil über mich zu verbreiten, das den Tadel der »Überheblichkeit« und der »Lächerlichkeit« vor Mitteleuropa auf seine Urheber lenkt. Aber weitaus beträchtlicher als das Wagnis der in unauffindlicher geistiger Region Lebenden, von mir als dem »letzten« zu sprechen, ist doch die Huldigung für den Herrn Vorgesetzten, die sich mit einem Aplomb gibt, als ob man von den Beamtenkategorien dieser Polizeidirektion eine Abrückung von ihr erwartet hätte. Bitte, »voll und ganz stehen sie hinter ihrem Präsidenten Schober«! Man könnte fragen, wo sie denn sonst stehen sollten, wiewohl man sich den Beruf des deutschen Vereinsmannes, eine Sache »voll und ganz« zu unternehmen, gemeinhin nicht stehend ausgeübt vorstellt. Denn man kann für eine Sache, die seit jeher durch diese Phrase verdächtig wird, voll und ganz einstehen, selbst zu ihr voll und ganz stehen, aber hinter jemandem, also leiblich so zu stehen, ist eine Unvorstellbarkeit, die noch die letzte aller Phrasen korrumpiert, und höchstens ein Bild, worin die amtliche Subalternität mit der geistigen voll und ganz zur Deckung kommt. Es ist ja für das Niveau dieses Handels so bezeichnend, daß nebst den gewissen Elementen und dem »Trennungsstrich« des Schulbürgertums keine Redensart so häufig wiedergekehrt ist als diese, und es ergibt sich nun der Aspekt einer Schlachtordnung, in der, während Herr Schober »für die Haltung der Polizei an jenen zwei Unglückstagen voll und ganz eintritt« – was doch weiß Gott mutig ist –, die Konzeptsbeamten voll und ganz hinter ihm stehen. Aber wenn es, und speziell in Österreich, voll und ganz zugeht, so kann man Gift darauf nehmen, daß es schon leer und halb sein wird. Voll, und ganz, waren bloß die Hosen, die vom Herrn Bosel spendierten, als der Herr Bekessy zu drohen begann, um sich die Verfolgung wegen Erpressung vom Hals zu schaffen! In einem Maße – daß die Leumundsnote eine Retusche erfuhr: durch einen Akt, der in der Geschichte bureaukratischer Dinge einzig dasteht, als Akt des Verrats beispiellos in der Geschichte kampfgenössischer Verbindungen.

Und damit wären wir am springenden Punkt angelangt! Nichts, nichts, nichts, keine Gefahr, der Gesetzlichkeit oder der Gewalt, keine Pein, keine Drohung wird mir das Konzept verrücken oder entwinden, des Planes: die Wahrheit zu sagen über die atembeklemmende Erniedrigung, in die sich die Autorität in einem flagranten Fall bedrohten öffentlichen Interesses gefügt hat – damit man dereinst wisse, wer sie befleckt hat und wer sie behütet! Die Erfüllung des Begriffs einer Sicherheit, wie ich sie persönlich jetzt erfahre, tagtäglich von der Bestialität bedroht und ihr preisgegeben, weil ich im Begriffe bin, den verlogensten Schein, der jemals diese hirnlose Welt geblendet hat, mit erlebter und erlittener Wahrheit zu verjagen – welch eine Nuance der tragischen Groteske, die wir seit den Julitagen wie im Fieber durchträumen. Aber ob Mißhandlung oder Tod durch die Hand Kasmaders – Furcht flößt mir höchstens die Gefahr der Berührung ein, die damit verbunden wäre! Die dienstwilligen Federn, die da hämisch von dem »famosen Plakat« schreiben und daß damit »gleichzeitig die Höhe des Kampfes gegen Schober erreicht und unfreiwillig ins Lächerliche gezogen war« – sie werden sich sträuben vor der Erkenntnis, daß sie in gewisser Beziehung recht hatten. Es war famos; die Höhe war erreicht; und lächerlich wird die Sphäre, deren Kontraste von großen Taten und winzigen Menschlichkeiten, von einer Parade der Ordnung und einem Versteck der Korruption, offenbar werden. Daß »Pflichterfüllung vielleicht die charakteristische Eigenschaft des Wesens Schober ist« – dies laßt der Welt, die noch nicht weiß, mich sagen, der wie Horatio Stöß' und Gaben vom Geschick mit gleichem Dank empfängt und sich für seine Person den Teufel um eine Meinung schiert, deren Recht auf Öffentlichkeit er doch als einen Fluch der Hölle erachtet. Wenn dieser Schober nicht indem Moment, da Lippowitz ihn einen »integren, ehrenhaften Mann« nannte, abgedankt hat, dann wird es gewiß schwer sein; aber wir wollen es doch mit allen Kräften einer verkannten Vaterlandsliebe versuchen! Und vielleicht wird dann auch Herr Sieghart sein Bedürfnis nach einem Balzac befriedigt finden, »der die Sittengeschichte der Bekessy-Zeit zu schreiben hätte«. Vielleicht dann selbst Herr Benedikt, der, im brennenden Schmerz persönlichster Schändung, dankbar bereit war, mein Bekessy-Werk zu verherrlichen, wenn er meinen Undank nicht zu fürchten gehabt hätte – vielleicht eines Tages zugeben, daß es nunmehr erst seine Krönung fand: im Kampf gegen ein Muster der Pflichterfüllung an der Sicherheit Wiens. Vielleicht bekennen, daß es doch eine ethische Sache war, auch den Mann entfernt zu wünschen, der es beinahe verhindert hätte, daß der balkendicke Titel erschien: »Exit Herr Bekessy! Wien von einem der übelsten Gesellen befreit.« Das alles wird sich zeigen und Sinn wie sittliche Bestimmung eines Plakats offenbar werden, ohne dessen lapidares Vorwort die flammendste Rede vielleicht ungehört bliebe. Denn das Ereignis achtundachtzig Toter und tausendfachen Menschenwehs reicht ja hierorts wahrhaftig nicht aus, um das ungewohnte Ansinnen eines Privatmanns an einen Polizeipräsidenten zu rechtfertigen, darüber lacht man doch nur, und da man die Fackel zwar liest, aber nicht lesen kann – wegen der großen Sätze, die die gesuchte Sensation verbergen –, so hat man eben nicht gemerkt, daß in ihr schon lange vor dem 15. Juli, dessen Ereignis die Stellung des Polizeipräsidenten nur festigen konnte, und zwar im Sommer 1926, in dem Aufsatz, betitelt »Die Stunde des Todes«, ein Menetekel enthalten war: ganz danach angetan, eine seiner Demissionen zu rechtfertigen. Man lese es nach! Beherzigt hat es der Polizeipräsident zwar nicht; wohl aber verstanden. Verstanden den Hinweis auf das Bild eines entehrten Staates: »mit Akten der Felonie, mit Würdenträgern, die träger waren die Würde zu behaupten, als sie an einen Schurken zu verlieren, vor dem sie wie Wachs im Feuer dahinschmolz«. Verstanden den an ihn gerichteten Appell, eine üble Sache aus der Welt zu schaffen. Denn er äußerte, endlich, im wachsenden Gefühl des Ernstes, einer Erkenntnis, die mir nunmehr sein Wesen auch von der satirischen Seite erschloß, im Frühjahr 1927 das Verlangen nach einer »Aufklärung von Mißverständnissen«. Worauf ich ihm mit dem Bescheid gedient habe: daß ich als Bundesbürger zwar einer Vorladung Folge zu leisten hätte, aber den Wunsch nach Aufklärungen, die ich im übrigen für aussichtslos hielte, bloß auf gesellschaftlicher Basis – wenn eine solche noch möglich war –, gewähren könne, also durch Empfang der Person, die mir etwas mitzuteilen wünscht; daß ich jedoch der Meinung sei, es gebe auf meiner Seite kein »Mißverständnis« und eine »Aufklärung« könne nur durch Erfüllung meines unmißverständlichen Begehrens erfolgen: Pensionierung des schuldtragenden Funktionärs oder – falls die konkret erhobene Beschuldigung für unstichhaltig erachtet werde – Kommuniqué, amtliche Berichtigung oder strafrechtliche Verfolgung. Das wurde dem vermittelnden Konzeptsbeamten – dessen achtungsvollem Betragen ich den Verdacht, an dem Unfug gegen mich beteiligt zu sein, ersparen möchte – mit der denkbar größten Unmißverständlichkeit telephonisch geantwortet; und hinzugefügt: daß ich Schriftsteller sei, das Amt der Urteilsbildung unbeeinflußbar ausübe und die Verwechslung mit einer Publizistik ablehnen müsse, an der der Vorgesetzte mitarbeite und die man behufs Entgegennahme von »Aufklärungen« herbeiwinken könne. Diejenige, die ich selbst der Öffentlichkeit zu geben hatte, wurde nun, Gott sei's geklagt, durch die Bindung an einen Strafprozeß des Herrn Bekessy verzögert, dem, solange er nicht abgeschlossen ist, einen Akt – eben jenen monströsen Nachweis polizeilicher Möglichkeiten – zu entnehmen das Gesetz verwehrt. Diese Strafsache – einen Beleidigungsfall mit großer Perspektive – abzuschließen, ist im Interesse der letzten Sicherheit Wiens vor einer Bekessy-Renaissance nicht opportun erschienen. Nun sind höhere Interessen der Sicherheit rege geworden. Man versuche, wenn man Phantasie für Seelenvorgänge hat, das Erlebnis meines Schauders zu ermessen vor einer Tyrannis, deren Vertreter ich in seiner Menschlichkeit erschaut hatte, aus dem Abenteuer einer Verbindung heraus, die ich in der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes gegen die Pest von Wien eingehen mußte und im reinsten Vertrauen in das Gehaben korrekter Mittelmäßigkeit eingegangen war – welche ja gegenüber dem Greuel des auszurottenden Libertinertums wirklich als jener Hort der Sicherheit erschien, der zu sein sie verpflichtet ist. Als die Gewähr der Förderung öffentlichsten Interesses an unerläßlichen Feststellungen – soweit Hilfe von einer preßbefangenen Amtlichkeit erwartet werden konnte, die immerhin doch das Glück empfand, daß ein unerschrockener Privatmann ihr den Todesstoß gegen die Macht der Erpressung abnahm. Sie ist ihr, mitten auf dem Weg der einverständlichen Verfolgung, erlegen. Ich weiß nicht, ob eine Vertrauenstäuschung, die die gemeinsam geschmiedete Waffe gegen den Kampfgenossen kehrt; die mit der Zusage des Nützlichen und Notwendigen, des Vereinbarten, auf den Lippen insgeheim schon das Gegenteil besorgt hat; eine Erfüllung ankündigend, die buchstäblich der nächste Morgen als die phantastischeste Verkehrung, als die handgreifliche Unterstützung des Feindes offenbart – ich weiß nicht, ob solch ein moralischer Sachverhalt imstande ist, nebst dem Glauben an die persönliche Ehrenhaftigkeit auch die sichtbare Position eines Machthabers zu erschüttern. Damit mag man es unter den gegebenen Verhältnissen des österreichischen Charakterklimas halten, wie man will. Das aber weiß ich, daß, wenn nicht der Verrat, doch der Inhalt des Verrats jene Position erschüttern muß, und wäre sie mit Ketten an die österreichische Indolenz geschmiedet: Die Preisgabe der Sicherheit, die zu wahren die Pflicht des Amtes wie des Bündnisses geboten hatte. Die Unterdrückung, statt der Geltendmachung, eines Wissens um Verfälschungen und Erschleichungen ungarischer Dokumente. Eine amtliche Ehrenerklärung als die noch nicht dagewesene Anerkennung einer »Eingabe«, deren Schwindel ein Unikum in der Kriminalgeschichte bildet. Die ausdrückliche, geradezu feierliche Rehabilitierung eines Verbrechers in voller Kenntnis seiner Milliardenerpressungen und nach rezenter Erfahrung von Betrügereien, deren zugesagte Feststellung der Kenner schuldig blieb. Und dies alles auf dem Höhepunkt eines Kampfes von titanischem Umfang und für den Mißbrauch zu einem Gerichtsverfahren, dessen Ausgang unfehlbar die Befestigung der Erpressermacht herbeigeführt hätte, wäre die Zähigkeit des Alleinkämpfers nicht stärker gewesen als der Verrat! Ähnliches ist nie erlebt worden, mit ähnlichem Mut, durch den Umfall zu verblüffen, nach ihm zu schweigen und zu wähnen, daß der Verratene nun zufrieden sein und wohl gleichfalls die Sache preisgeben werde. Nie noch ein Fall, wo die Verfolgung eines Erpressers, in dem Moment, da er der Behörde selbst den stärksten Beweis seiner Fähigkeit anbietet, in seine Ehrenrettung umschlägt. Von allen Erlebnissen des beispiellosen Kampfes war dieses das erschütterndste, und das lesende Auge wehrte sich, einem Aktenstück das vollkommene Gegenteil von dem zu glauben, was ein glaubendes Ohr noch tagszuvor gehört hatte. Aber es war nicht anders: während ich mit Herrn Schober, der meinem gemeinnützigen Beginnen durch Monate mit der Sympathie und Hilfsbereitschaft folgte, die ihm die beschränkten Mittel der Amtlichkeit und Persönlichkeit zu gewähren schienen, über die Möglichkeit beriet, den Aktenschiebereien des Erpressers auf die faßbare Spur zu kommen – hatte dieser die Hintertreppe zu einem Funktionär gefunden, der offenbar Macht hat, die Entschließungen des Vorgesetzten zu beeinflussen. Genau vermöchte ich den Zeitpunkt und den Modus anzugeben, wann und wie der Erpresser von der Gefahr Kunde erhalten hat, daß die Polizei im Begriffe sei, sich zu einer Ergänzung der Leumundsnote aufzuraffen, die durch die Mitteilung von Betrugsfakten an das Landesgericht für ihn einen unmittelbar katastrophalen Charakter annehmen konnte. Und es gelang ihm, dieser Ergänzung den Sinn einer Berichtigung, eines Widerrufs selbst der vorhandenen Feststellung zu verschaffen, daß er ein bestechlicher Journalist sei! Es gelang ihm, wie ich weiß, durch einen friedfertigen Hinweis auf seine »Besserung« seit jener infamen Bedrohung des Privatlebens von Funktionären, mit der er, wie später festgestellt werden konnte, in den Tagen erfolgreich operiert hat, als einer seiner Angestellten wegen des Verdachts der Erpressung in Haft genommen wurde. Die Lahmlegung der Autorität, nach dem erneuten Versuch, unter meinem Antrieb die Stadt vom Erpresser zu befreien, bietet in diesem Zusammenhang wohl den traurigsten Anblick, den menschliche Hinfälligkeit im Amtskleid jemals geboten hat, und die Hand des Herrn Bosel dürfte sich auch hier erkennen lassen, wie nicht minder in der Möglichkeit, daß der trotz allem vom Staatsanwalt Verfolgte über die Grenze gelangen konnte. Ich führe, was ich da erlebt habe, auf eine Begegnung zurück im Schnittpunkt der Schieber- und Schoberwelten, auf den bizarren Zufall, der in einem Warteraum es dem Herrn Bosel ermöglichte, den hoffnungslosen Versuch meiner Bekanntschaft zu machen, der über die Nennung seines Namens nicht hinausgedieh. Damals ahnte ich, welche Stunde es geschlagen hatte.

Ich glaube noch heute nicht, daß sein hochgestellter Freund leichten Herzens das sittliche Werk so über Nacht preisgegeben hat. Aber wenn er es tun konnte; wenn er verderblichen Einflüssen ausgeliefert ist; wenn er so schwach war, sein Schweigen und meinen Appell am Ausgang des Kampfes, den ich ohne ihn und gegen ihn gewonnen habe, zu ertragen – dann ist er auch nicht stark genug, die große Leichenfeier dieses Sommers zu verantworten! Energisch und doch maßvoll? Nur maßvoll, wenn ich bitten darf! Vor mir wird man sich nicht größer machen als man ist, denn wie kein anderer in Wien kenne ich das Maß. Einer ist unter meinen Augen – trotz aller Tatkraft, mit der sie ihn inzwischen am Werke sahen – zum Privatmann eingeschrumpft, und entschlösse er sich, diese Wandlung auch öffentlich zu besiegeln, so bewahrte ich zwar die Erinnerung an den spannendsten Roman, aber nicht mehr das Recht, mit dessen Kapiteln die Welt zu fesseln. Er mag für alle Taten und selbst für alle Worte, die zu ihrer Bemäntelung gedient haben, der Verantwortung ledig sein und wirklich nur das schlichte Gemüt, das von Schlinge zu Schlinge getreten ist und sich doch die Gabe bewahrt hat, manchen Sinnspruch aus Herzblättchens Zeitvertreib einer erwachsenen Freiheit darzubieten. Aber er muß weg! Nicht die Tat des 15. Juli, sondern seine Unzuständigkeit für ihr Bewußtsein, die Absurdität der Vorstellung, ihn voll und ganz hinter ihr stehen zu sehen – dies war der Antrieb meiner Aufforderung. Ganz Wien hat über sie gelacht? Er nicht! Es fehlt nur noch, daß er etwas Konsequenz darin zeige, sie ernst zu nehmen, damit ich meiner Veranlagung zum Trotz einmal inkonsequent sei. Außergewöhnliche Umstände, zu denen die Ereignisse seit dem 15. Juli unstreitig gehören, rechtfertigen in Wien noch keineswegs die Anwendung so außergewöhnlicher Mittel wie die plakatierte Aufforderung an einen Polizeipräsidenten, uns seine wohlverdiente Ruhe zu gönnen. Und ich muß gleichfalls gestehen, daß ich lieber eine »Sprachlehre« über den gutgebauten Satz schriebe, als mich dem entfesselten Troglodytentum, das ihn nicht erfaßt, auszusetzen. Aber was bleibt mir übrig? Ich glaube, daß ich, seitdem die Herren Konzeptsbeamten eine Meinung haben, so recht erst ein Amt in Wien bekommen habe. Wer hier und dort berufen ist, darüber wollen wir nicht rechten. Die Ehrlichkeit meiner Motive hat der Polizeipräsident erlebt, und daß die Konsequenz meines Handelns von keiner Erwägung des persönlichen Nutzens oder Schadens bedingt ist – um solche Unabhängigkeit einer nicht eingekleideten Macht mag er mich beneiden, aber er muß sie anerkennen. Für ihre Ausübung werde ich vielleicht Opfer bringen müssen – von meinem Posten zu entfernen bin ich nicht! Er möge mir Gelegenheit geben, ihm, nach so langer Zeit, Aug in Aug gegenüberzustehen und ihm zu sagen, daß er den Dimensionen, die seine Amtsführung angenommen hat, nicht gewachsen ist. Den Beruf, dafür zu sorgen, daß weniger Menschen auf der Straße verunglücken, hat er verfehlt. Er lasse sich durch die Ehrerbietung des Herrn Seipel, die diesem wahrlich nicht von der Gegend kommt, wo Christenmenschen das Herz haben, nicht zum Ausharren verleiten. Eher wäre er noch als dessen Nachfolger möglich; eher denkbar die Wiederholung der Burleske einer Repräsentanz vor Europa, gestützt auf den Vorzug, in Marienbad Englisch gelernt zu haben. Er lasse sich nicht durch das Lob einer Presse blenden, der er so blamable Erinnerungen als Beitrag spendet. Selbst ein Mann von seinem geistigen Wuchs muß erkennen, daß er als Polizeipräsident unmöglich geworden ist, wenn nicht wegen der Taten, so wegen der Worte, deren Lächerlichkeit doch auch ihre tödliche Wirkung hat – und in unempfindlicheren Klimaten sollte das eigene Schamgefühl mit gutem Beispiel vorangehen. Denn wenn Herr Bosel die alte Maxime der österreichischen Korruption bestätigen kann, daß man mit Sittensprüchen keine Aktiengesellschaften gründet, so ist es doch umso fataler, den Namen Rückert, dessen Träger so wenig die beste Poesie vertritt wie Herr Schober die beste Polizei, mit den Schüssen auf Fliehende assoziiert zu sehen. Ich möchte ihm ins Gesicht sagen, daß ich ein System, wonach es heute jedem Lumpen, der auf die Wohnung des Nachbarn lauert, glücken kann, diesen in den Polizeiarrest zu bringen, für keine Errungenschaft der Republik halte, deren festester Hort er ist! Ich möchte ihm zeigen, daß er nicht überall in der Welt seine gute Presse hat, und wie etwa die reichsdeutsche – mag sie sich in meine geistige Verachtung mit der heimischen redlich teilen – doch bereit war, gegen die Gewaltakte der Unfähigkeit aufzutreten. Wenn ich einen Degen hätte, ich wurde ihn ritterlich senken vor einem Gegner, dessen Position als »europäische Figur«, zu der ihn seine Presse gemacht hat, nicht einmal durch das europäische Gelächter erschüttert werden konnte über den Empfang, der dem Pionier eines Luftgeschäfts von viertausend Polizisten bereitet wurde, die ihre Tatkraft mangels anderer Enthusiasten an vierzig journalistischen Freunden schadlos hielten. Doch sie haben es einer Amtsführung, die mit der Herstellung des Pallawatsch geradezu begrifflich verbunden ist, nicht weiter übelgenommen und sich nach dessen blutiger Fortsetzung versöhnt gezeigt. Und wir haben es erlebt, daß eine Bestialität in Lettern gegossen ward und zu ihrer Deckung eine Unwahrhaftigkeit, vor denen das Geistesarsenal des Weltkriegs zusperren konnte.

Aber im Angesicht der Wortschande, die, wie einst für das Vaterland, nunmehr für dessen Hotelgeschäft dem Menschenmord applaudiert hat; im Milieu einer behördlichen Geistesgegenwart, die zu solchem Schauspiel den Fremden köstlichen Frieden, heitere Geselligkeit, bezaubernde österreichische Musik, Salzburger Festspiele, den Vollbetrieb eines Freudentags, schöne Frauen und die feste Haltung der Bundesregierung verhieß – an diesem Ende aller Scham gelüstet's mich, voll und ganz, die Gefahr zu bestehen, die der Zustand dem Bewahrer der Naturgesetze eröffnet. Es ist doch, nach dem dreißigjährigen Krieg gegen eine Gesellschaft, die ihre Ordnung dem Hohn auf eben jene verdankt, endlich einmal eine Entscheidung – für die ich gerüstet bin wie am ersten Tag! Zu allen Stellungen gerüstet. Als Ankläger werde ich mich dagegen zu schützen wissen, daß mein Wort antastet wird – innerhalb der Grenzen dieses Staats und in Europa, wenn's sein muß auf eine Art, die dem durch die Ereignisse ungestörten Fremdenverkehr abträglich wäre. Als Zeuge stehe ich jedem gekränkten Recht zu Gebote. Voll und ganz. Als Angeklagter jedem Unrecht. Voll und ganz. Als Republikaner begehre ich, dem festesten Hort der Republik gegenüberzustehen – voll und ganz. Meinetwegen vor den Schattendorfer Geschwornen. Nicht auf den Ausgang kommt es an, nur auf die Gelegenheit, der Welt zu sagen, »wie alles dies geschah«, sie wieder einmal von Taten hören zu lassen, »fleischlich, blutig, unnatürlich, zufälligen Gerichten, blindem Mord; von Planen, die verfehlt, zurückgefallen auf der Erfinder Haupt«. Und von einem Aktenstück, vor dem ihr die Augen übergehen werden, wenn ich es mit einem Steckbrief konfrontiere! Die unbeglaubigte Aussage des angeklagten Privatmanns will es mit einem Amtseid aufnehmen – womöglich unter Zuziehung eines ungarischen von gleichem Range. Die Wahrheit gegen eine Welt, der mit dem Sonnenaufgang die Lüge erscheint – wäre man sie nicht den Toten schuldig, sie wäre doch die geringste Erkenntlichkeit für den Glücksfall, daß man nicht zu ihnen zählt! Und an derselben Stelle, wo diejenigen, die den Verwundeten Automobile zugedacht hatten, als Erpresser gebrandmarkt wurden, will ich die Frage aufwerfen, ob dieser Polizeipräsident diesen Fall als den ersten erkannt hat, auf den die Verbrechensmerkmale zutreffen. Wie? Er hat sich – und vor einem Interviewer der ›Stunde‹ – gerühmt, daß die Polizei zehntausend ihrer Leute mit Karabinern bewaffnen könnte? Mag sein – aber ich kann beweisen, daß er vor einem einzigen Revolver die Flucht ergriffen hat, ohne Scheu, die staatliche Ordnung zu gefährden, deren festester Hort er ist! Gelingen wird's, auch wenn's mißglücken sollte. Und wenn's mißglückt, dann werde ich es als eine Ehre erkennen, vergleichbar der des Prytaneums: mir den Kerker geöffnet zu sehen, der dem Sandor Weiß verschlossen bleibt!

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