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Vor der Elbmündung

Wilhelm Jensen: Vor der Elbmündung - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleVor der Elbmündung
publisherVerlag von Carl Reißner
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Als Arnold Lohmer erwachte, verging eine Weile, eh' er mit offenen Augen liegend, zur Besinnung kam, wo er sei. Es mußte schon ziemlich weit vorgerückte Morgenzeit sein, denn ihn umgab eine glänzende Helle, obwohl das Licht nur durch kleine, in Blei gefaßte Scheiben eines schmalen Fensters hereinfiel. Von seinem Wandbett aus ging der Blick in einen engumschränkten Stuben- oder Kammerraum mit oben an zwei Seiten abgeschrägten Wänden, die graden Flächen drunter waren mit viereckigen, blau und weiß gefärbten Kacheln belegt, von denen, abwechselnd und wiederkehrend, segelnde Schiffe, Windmühlen und ländliche Wohnhäuser ansahen. Ein alter kunstvoll geschnitzter Schrank, ein Tisch und ein Armstuhl mit gebogener Rücklehne bildeten die Ausstattung; alles blinkte von Sauberkeit als ob sich nie ein Stäubchen drauf niederlasse. Ein Sims trug mehrere fremdartige, farbige Gegenstände, die vor den noch etwas geblendeten Augen des aus tiefem Schlaf Aufgewachten nicht klar unterscheidbar durcheinandergingen.

Nun kam's ihm, wo er sich befinde, zunächst aus einem vor seinem Blick dämmernden Erinnerungsbilde eines Mädchengesichts oder eigentlich nur dem weißen Schimmer desselben vom Steuersitz eines im Sturm jagenden Segelbootes her. Dann erstreckte sein Bewußtwerden sich weiter, er war auf der Insel Neuwerk im Hause des weißbärtigen Alten, dessen Frau vom Schlag getroffen worden.

Voll jetzt zur Erkenntniß gelangt, sprang er auf und trat an's Fenster, schob die kleinen mattgelben, mit braunen Franzen verzierten Vorhänge, um besser hindurchschauen zu können, zur Seite. Der Blick ging nicht ebenerdig hinaus, sondern aus einer, wenn auch nicht beträchtlichen Höhe im Vordergrund auf eine grüne Bodenfläche nieder. Dahinter schien sich die uferlose See zu dehnen, strahlende Himmelsbläue lag drüber, und alles vergoldete schon die hochstehende Sonne.

Auf einem kleinen Wandklapptisch stand ein sehr einfaches, aber gleichfalls tadellos sauberes irdenes Waschgeschirr, ein gefüllter Wasserkrug daneben. Während Arnold sich ankleidete, gestaltete das Gedächtniß ihm immer deutlicher Einzelheiten der wilden Nachtfahrt herauf. Wirklichkeit war sie gewesen, in der zweifellos sein Leben nur an einem Haar gehangen, doch zugleich lag sie wie ein wesenloser Traumspuk hinter ihm. Er hatte das Fenster geöffnet und seine Brust athmete tief und freudig die hereinfluthende Luftfrische; wie noch niemals, empfand er mit köstlichem Gefühl, es sei etwas Wundervolles, zu leben.

Fertig angekleidet, ließ er die Augen noch durch den kleinen Raum umhergehn. An einer Seite war ein Schränkchen in die Wand eingelassen, hinter dessen Glasthür bemalte Porzellantassen und blankgeputzte, wie Silber glänzende alte Zinngeräthe blinkten; die farbigen Dinge auf dem Gesims stellten sich als große rothe und weiße Korallenstücke, mit bunt schillernden tropischen Riesenmuschelschalen untermischt heraus. Am Ende des Holzbordes ragte ein wunderlicher, mit Glöckchen behängter Thurm auf, den der Beschauer von einem Hamburger überseeischen Raritätenladen her als aus chinesischem Speckstein geschnitten erkannte; daneben hängende Gegenstände waren ihm fremd, schienen Waffen, Geräthe und Schmucksachen eines auf niedriger Stufe stehenden Indianervolkes zu sein. Alle Dinge machten keine Kostbarkeiten an Geldwerth aus, doch hatten Eigenartiges, die Phantasie Anregendes, und das Stübchen besaß in Einem etwas Fremdartiges und überaus Anheimelndes. Der Betrachtende war erstaunt, in dem weltentlegenen Inselhause eine solche Gaststube anzutreffen, die nicht allein auf verhältnißmäßige Wohlhabenheit des Besitzers, auch auf einen natürlichen Sinn für Nettigkeit, fast ließ sich sagen für etwas poetisch Anmuthendes der häuslichen Umgebung hinwies.

Als der junge Arzt dann durch die Thür auf einen großen Bodenplatz hinaustrat, erhellte sich ihm, daß er die Nacht in einem Giebelausbau des Hausdaches verbracht habe. Eine kurze Treppe hinuntersteigend, kam er auf die geräumige Vordiele und bei suchendem Weitergehn durch die Küche in einen umfangreichen quadratischen Raum, an dessen Wänden sich alte Schränke, Truhen und Laden entlangzogen. Mannigfache Schnitzverzierungen und eingeschnittene Reimsprüche aufweisend, bestanden sie alle aus dunkelbraunem Holz, das dem Gemach, dem von langer Ueberlieferung hergebrachten ›Pesel‹ der friesischen Häuser, Traulich-Behagliches gab. In einer Ecke hob sich davon der weiße Bart Hadlefs Terwisga ab, der sichtlich auf das Herabkommen des Arztes gewartet hatte, trotz seinen hohen Jahren mit noch hurtiger Bewegung aufstand und den Eintretenden mit den Worten empfing: »Mi dücht, se kann de Fingers all en beten mehr rögen.« Das verbesserte er rasch hinterdrein durch eine Wiederholung in hochdeutscher Sprache, faßte nach der Hand des Angeredeten und zog ihn in die anstoßende Staatsstube, die nach dem Brauch kurzweg ›die Stube‹ benannt wurde, hinein. Hier konnte Arnold die Wahrnehmung des Alten bestätigen, unverkennbar war bereits erhöhte Bewegungsfähigkeit in die Hand und den Fuß der Kranken zurückgekehrt, und er vermochte seine Voraussage bald zu erhoffender völliger Besserung mit verstärkter Zuversicht zu erneuern. Die blauen Augen Hadlefs erfüllten sich mit einem stummen Glanz, er führte den Doctor wieder in den Pesel, wo eine blondhaarige, stämmig-bloßarmige Magd auf dem breiten, über dicken Kolbenfüßen ruhenden Eichentisch das Frühstück auftrug. An die Stelle des früher allein üblich gewesenen Breies war seit den letzten Jahrzehnten mehr und mehr der Thee getreten, ein Schwarzbrodlaib that durch seinen kräftigen Geruch kund, daß er frisch gebacken worden, und ebenso ließ die duftende Butter nicht in Zweifel, sie stamme nicht mehr von winterlicher Stallfütterung der Kühe her, sondern sei ›Maibutter‹ von wieder begonnener Außenweide. Die Enkelin des Alten war nicht anwesend, doch er setzte sich mit an den Tisch und fragte jetzt: »Hast Du gut geschlafen?« fügte nach der bejahenden Antwort hinzu: »Wer nicht dran gewohnt ist, für den ist das Wasser, als wie 'ne Wiege für'n Kind und macht fest schlafen. Age hat mir gesagt, die Fahrt wär' nicht gut gewesen.« Arnold versetzte mit einem lächelnden Anflug um den Mund: »Davon weiß ich nichts mehr, hab's vergessen, nur daß sie schön war.« – »Jo, dat Water is jümmer dat Schönst' uppe Welt.«

Ab und zu verfiel der Alte mit einem Satz in's Plattdeutsche; wenn auch noch nicht völlig von seinem Sorgendruck befreit, so doch merklich erleichtert, war er heut' Morgen gesprächiger, kam bereitwillig dem Wunsch des jungen Arztes nach, diesem Auskunft über seine Herstammung zu geben. Sein Vater war von der holländisch-westfriesischen Insel Terschelling hierher gekommen, als sein Gehöft dort durch eine Sturmfluth vom Boden weggerissen worden; was ihn nach Neuwerk gebracht, wußte der Erzählende nicht mehr genau, jedenfalls hatte er nirgendwo auf dem Festland, sondern nur wieder auf einer Insel leben wollen. Er mußte noch Vermögen besessen haben, das ihn in stand gesetzt, sich hier einen neuen Hof, gradso wie den alten in seiner Heimath zu erbauen, den einzigen der Art auf Neuwerk. Hadlef war erst auf diesem zur Welt gekommen, in seinen jungen Jahren weitum zur See gefahren, hatte sich dann seine Frau von einer kleinen nordfriesischen Hallig an der schleswig'schen Küste geholt und als sein Vater gestorben, sich auf die Viehzucht verlegt, die von ihm eifrig betrieben und zu einem hier bis dahin unbekannten Aufschwung gebracht worden. Von seiner Frau Belke Siewerts bekam er erst nach Jahren einen Sohn, der ging natürlich auch zu Schiff, öfters bis rund um die Erde herum, wurde Steuermann und Capitän und hatte nachher einen eigenen Schooner, mit dem er auf England, Frankreich und Portugal fuhr. Von diesem brachte er einmal bei der Rückkunft eine junge schwarzhaarige Frau mit, von der seine Eltern vorher nichts gewußt und gedacht, aber er hatte sie da drüben geheirathet, und so war sie denn als Tochter hier im Hause; sprechen ließ sich nicht viel mit ihr, denn sie verstand kein Deutsch, konnt's auch nicht lernen und war wie ein herverschlagner fremder Vogel, nicht bloß außen mit andrem Federwerk, als die an der Nordsee, auch von Art und Behaben. Doch ihr Mann hatte sie gern und sie ihn ebenso, wenn sie auch aus Heißblütigkeit öfter mit ihm in Streit kam, und so fanden die Schwiegereltern sich nach der anfänglichen Ueberraschung in das, was sich ja doch nicht mehr anders machen ließ. Als das erste Jahr ablief, hielt sie hier ihre Niederkunft, schon bald danach ließ sie ihr Kind unter Belkes Pflege zurück und ging wieder mit ihrem Mann zu Schiff nach Schottland hinauf, das ruhige zu Haus Sitzen vertrug sie nicht. Von der Fahrt aber kamen Beide nicht mehr heim, Raan hatte den Schooner irgendwo auf der Nordsee mit Mann und Maus in ihrem Netz heruntergeholt, eine Nachricht, wo und wie's geschehen sei, war niemals gekommen.

Das berichtete Hadlef Terwisga mit einem ruhigen Gleichmuth, sprach davon als von etwas schon seit lange Gewesenem und im Gefühl vollständig Ueberwundenem. Dazu mochte wohl mitgewirkt haben, daß durch die dem Alten nicht begreifliche Heirath doch eine gewisse Entfremdung zwischen ihm und seinem Sohn entstanden und er über die Verschiedenartigkeit des Wesens seiner portugiesischen Schwiegertochter von dem seiner Frau im Innern nicht hatte wegkommen können. Und schließlich, daß der Inselfriese einmal so oder so, früher oder später am Meergrund sein Grab finde, stand für jeden von der Wiege an fast mit größerer Wahrscheinlichkeit als ein andrer Lebensausgang zu erwarten; eigentlich der natürliche Tod eines Schiffers oder Fischers war's, nicht selten jählings bei Sturmfluthen auch über die Bewohner von Häusern am Lande hereinbrechend, und seit unvordenklicher Zeit verwehte der Wind die Trauer und Klage der Zurückbleibenden wie die Sandkörner der Dünen.

Damit schien der Alte die kurz zusammengedrängte Uebersicht seiner Lebensgeschichte beendigen zu wollen, doch er hatte dem Zuhörer das Gedächtniß an etwas geweckt, das ihm gestern abend während der Fahrt einmal als nicht Verständliches durch den Kopf gegangen und muthmaßlich jetzt seine Erklärung gefunden. Sich darüber zu vergewissern, fragte Arnold Lohmer, ob das hinterlassene Kind des verunglückten Seemannes das Mädchen sei, das ihn von Cuxhaven hergebracht habe und in ungewöhnlicher Weise blaue Augen mit tiefdunklem Haar verbinde. Hadlef Terwisga nickte dazu und antwortete: »Jo, dat harr se gliks, de Oogen vun den Vadder un dat Hoor vun ehr Moder. Das ist ja merkwürdig, wie ein Kind so von Beiden was abkriegen kann. Manchesmal kommt sie Einem ganz als wie eine Friesin vor und danach steckt doch auch was anders in ihr, was nicht recht damit zusammengehn will. Auf's Wasser hatte sie's schon von kleinauf stehn, wie ihr Vater, und wenn man mal nicht aufpaßte, war sie allein mit dem Boot weg; ganz merkwürdig war's aber auch, plattdeutsch, so wie alle Andern hier bei uns, wollt' sie 'mal partout nicht sprechen lernen, schüttelte dabei bloß mit dem Kopf, als wär's ihr was Unangenehmes im Ohr. Ob sie das von ihrer Mutter her hatte, die's auch nicht wollte oder konnte, das bringt ja keiner heraus und weiß sie selbst ebensowenig. Wir merkten's aber bald, wenn einer etwas auf hochdeutsch zu ihr sagte, hörte sie gern zu und gab sich Mühe, das nachzusprechen. Na, so versuchten wir's damit, uns war's ja gleich, und so ist's denn immer geblieben, daß sie die einzige auf der Insel ist, die bloß hochdeutsch spricht; das andere versteht sie natürlich wohl, aber vom Mund kommt's ihr niemals. Darum ging's auch mit ihr und den andern Kindern hier nicht recht zusammen; sie konnt' auf ihre eigne Hand unbändig genug sein, viel ärger als die, daß es Einem dabei im Kopf rundum ging; sich mit ihnen greifen und jachtern mocht' sie aber nie, verzog sich meistens allein weg. Am gernsten lief sie bei Ebbe so weit auf's Watt hinaus, daß sie so klein aussah, wie'n Strandläufer, und da praterte sie laut mit dem Vogelzeug, als ob's ihre Spielkameraden wären; selber gehört hab' ich's nicht, bloß ein paarmal von Frauen, die nach Garnaten suchten, so nannte mein Vater die kleinen Krebse noch von Terschelling her, hier heißen sie's Kraut. Na, seitdem ist sie ja zu Jahren und auch zu andrer Manier gekommen, daß man eher wollt, sie thäte den Mund mehr auf, und wenn die Mutter nicht kann, sieht sie im Haus gut nach der Ordnung. Das ist ja lange her, daß wir einen Sohn gehabt haben, und wir kennen's nicht mehr anders, als hätten wir's immer bloß so gehabt und als wär's unsre Tochter; das macht ja die Gewohnheit so. Bloß sind wir alt, und uns kann alle Tag' mal etwas ankommen, oder Einen, daß der Andere hier auch nichts mehr zu thun hat, und dann bleibt sie allein auf der Welt übrig. Da wär's gut, wenn sie vorher einen ordentlichen Mann hätt', denn in den Jahren ist sie ja dazu. Aber damit hat sie's nicht, ihr ist keiner recht, sie sagen ihr was Hochnasiges nach, und ich glaub' nicht, daß wir's erleben.«

Dem Alten war mehr über die Zunge gerathen, als er wohl gewollt und vielleicht selbst wußte, es klang draus hervor, daß seine Enkelin, wenn er sie auch wie eine eigene Tochter ansah, doch für ihn im Innern etwas Fremdartiges hatte, mit dem er nie so ganz habe übereinkommen können. Sein volles Herz hing offenbar allein an der alten Lebensgefährtin, von der eine seiner Aeußerungen gesagt, daß er ihren Tod nicht überdauern würde, wie sie nicht den seinigen, denn der Andre habe dann nichts mehr auf der Welt zu thun. Davon zeugte auch seine jetzt nochmals wie gestern an den jungen Arzt gerichtete Frage: »Du bleibst doch hier bei uns, Docter, bis daß Belke ganz wieder besser ist?« Das bejahte Arnold, das friesische Haus zog ihn durch seine Eigenart an, und bei der Verbesserung des Wetters versprach er sich von einem etwa zweitägigen Aufenthalt auf der Insel manches Neue, seine Kenntniß einer ihm bisher völlig unbekannt gewesenen Welt weiter Bereichernde. Als freier Herr über seine Zeit ohne irgend ein festes Ziel im Auge, konnte er ja thun und lassen, was ihm beliebte, und hinzu kam, daß seine Anwesenheit hier dem Alten unverkennbar zur Beruhigung verhalf. Er hatte sein Frühstück jetzt beendigt, Hadlef Terwisga mußte im Hause etwas in Ordnung bringen, stand auf und wies ihn nach der Peselthür, wenn er vielleicht einen Gang in's Freie machen wolle. »Dat is de Ebberdör, de kennt se up Terschelling bi de Westfriesen nich, awerst min Vadder hett se setten laten, as de Nordfriesen, wo min Fru to Hus is, se hebbt. Da war 'mal ein dän'scher König, der kriegte sie zuletzt unter, und weil sie 'nen steifen Nacken hatten, mußten sie alle an ihren Häusern die Thür nach der Nordseite hin bauen, wo's gegen Dänemark zu sah, und unter Manns hoch, denn so konnten sie nicht anders, als allemal wenn sie hinausgingen, vor dem König den Kopf bücken. Das mußten sie denn ja, aber sie machten 'ne andre nach der Ostseite zu, die nannten sie die Ebberthür, das heißt wol, daß sie darunter den Kopf so hoch nach oben tragen konnten, als sie mochten, und dadurch gingen sie beim Feiertag mit ihren Staatskleidern. Dat hett jo allens sin Tid, ick mak dat an'n Sünndag nich mehr anners as in de Week un gah in den sülven Rock.«

Allein gelassen, trat Arnold nun durch die Hochthür ins Freie hinaus, von den letzten Tagen an weite Gänge gewöhnt, gelüstete es ihn nach Bewegung. Zunächst betrachtete er sich das Gehöft von der Außenseite; stattlich an Länge und Breite lag's da, mit einem straff überzogenen Schilfdach von graugrünlicher Farbe bedeckt, der Beschauer erkannte, daß sich grad' über der Ebberthür der ausgebaute Giebel aufhob, in dessen Stube er die Nacht zugebracht hatte. Ein kleiner, mit Holzlatten eingefriedigter Garten zog sich hier an der windgeschützten Seite des Hauses entlang, doch zeigte, obwohl Mai war, kaum weiteres, als geringes Wachsthum einiger Küchenkräuter; alles stand niedrig, ein paar eben ausgrünende Sträucher kamen nicht über doppelte Schuhlänge herauf, Bäume waren nicht vorhanden, und keine Hölty'schen Bienen summten über den Boden. Eine mehr als karge Natur war's, von dürftigster Armuth, als liege die Insel dem Aufhören des Pflanzenlebens an der Polargrenze schon unweit benachbart.

Doch glanzhelle und auch warme Sonne legte ihr Goldlicht drauf, überraschend hatte die Witterung sich nach der stürmischen Nacht wieder zur stillen Ruhe und Schönheit der vorhergegangenen Tage umgeändert. Jenseits des Gartengeheges dehnte sich eine wie smaragdgrüne Fläche hin, zu der Arnold hinausschritt; der Boden war nicht unfruchtbar, im Gegenteil üppig mit saftigem Gras bewachsen. Aber nur mit diesem. Getreidebau duldete das bei höheren Fluthen herüberschwellende Salzwasser der See nicht.

Erst jetzt nahm der Weitergehende mit Verständniß auf, daß er etwas abwärts geschritten sei, da der Hof, von dem er gekommen, auf einer kleinen Anhöhe stehe und gleicherweise einige andre Häuser, die sein Blick da und dort näher und entfernter antraf. Wie eine Anzahl von der Natur geschaffener, sanft abgeböschter, zu zwei- bis dreifacher Manneshöhe ansteigender Hügel erschien's, doch sie waren von Menschenhänden hergestellt, und der junge Arzt entsann sich, gehört zu haben, auf den kleineren Nordseeinseln seien die Häuser auf ›Wurften‹ oder ›Werften‹, dem ›aufgeworfenen‹ Grund erbaut. Gleich den schleswig'schen ›Halligen‹ besaß auch Neuwerk keine Dünenumwallung, noch zum wirklichen Schutz gegen Hochfluthen ausreichende Deiche, und eine Sicherung der Gebäude vor den Meereswogen ließ sich nur durch eine Hochlagerung ins Werk setzen. Alle überragte auf einem gewissermaßen einen festen Kern bildenden, doch an Umfang geringfügigen Rücken der Insel der starke Rundbau des Leuchtthurms, den die Stadt Hamburg schon in ferner Vorzeit hier vor der gefahrdrohenden Elbmündung für ihre Handelsschiffe errichtet hatte. Augenblicklich stand er wie etwas völlig Ueberflüssiges da, ohne Feuerschein, friedlich sich im Sonnenglanz badend, und wie ein Traumbild bedünkte es Arnold Lohmer, daß er auf den Ruf Ages Terwisga ›da ist's!‹ den Kopf gedreht und, ihrer deutenden Hand folgend, durch die flimmernde Silberfülle der Mondstrahlen das röthliche Licht des Leuchtfeuers als ein Zeichen der nicht mehr erhofften Erreichung des Fahrziels vor sich gewahrt habe.

Auf der grünen Bodenfläche, die jetzt vor ihm lag, weideten in beträchtlicher Zahl braune und gescheckte, äußerst wohlgenährte Rinder, seitwärts von ihnen eine noch größere Herde dickwolliger Schafe, unbehütet, ein Entlaufen von der Insel fiel nicht möglich und außerdem setzten ihrem etwaigen Umschweifgelüst breite, mit Wasser gefüllte Gräben bestimmte Grenzen. Hin und wieder unterbrach ein blökender Ton die Stille, auch die Luft war nicht unbelebt, aus der Höhe erscholl fast unterlaßloses Lerchentrillern, weiße Seeschwalben jagten in anmuthvoll schnellem Flug über die kleine Landscholle inmitten der See hin. Und auch nicht ohne Blumenschmuck zeigte sich die Flur, zwischen dem Gras leuchteten mannigfach farbige Punkte, zumeist goldgelb, Blüthen eines Fingerkrauts, des Löwenzahns, verschiedener Ranunkeln, doch mischten sich ebenfalls blaue und rothe Kelche darunter. Der Mai ließ sich auch hier sein Recht nicht nehmen, das frischgrüne Kleid der Erde bunt zu durchsticken, wenngleich mit bescheidensten Mitteln. Ein eigenthümliches Bild unter der unermeßlich drüber gebreiteten Himmelsglocke war's, dürftig und freudig in Einem, im Widerspruch zugleich leblos und belebt; eine kleine Welt für sich, fremdartig-schön, ohne Zusammenhang mit der großen, von rastlosem Treiben und Trachten bewegten und erregten jenseits des Wassers. Von der zogen nur Segel hier vorbei, deuteten, sie sei drüben vorhanden, doch landeten nicht an, brachten keine Nachricht von dem, was sie erfüllte und unablässig in ihr geschah.

Nicht gradezu ließ sich eine Richtung verfolgen, nur an Stellen führten Brücken oder Stege über die Gräben, nöthigten zu vielfachem Zickzackgang. Menschen waren kaum irgendwo zu sehen, höchstens daß einmal eine männliche oder weibliche Gestalt sich auf einer Wurft von der Hauswand abhob, ruhig neben der Thür auf einer Bank sitzend, mit irgendwelcher kleinen Handarbeit beschäftigt; eine absonderliche Reglosigkeit lag über der Insel, der Umwandernde mußte an das Eiland der Phäaken in der Odyssee gedenken, so schien auch hier der Lebensunterhalt keine Thätigkeit von den Bewohnern zu erfordern, als genüge dafür das Verzehren des Grases durch das weidende Vieh. Arnold trachtete an den Uferrand zu kommen und nach mehrfachen Irrwegen gelang's ihm. Doch hier ließ sich von Wasser kaum etwas erblicken, tiefste Ebbestunde war's und die Insel lag weit von grauem, fast trockenem Wattenschlick umgeben, nur da und dort blinkte dazwischen eine noch angefüllt gebliebene Tiefrinne, ein Priel, auf. An einer Seite hob sich ein verschwommener und lückenhafter grauer Strich ganz niedrig am Horizont empor, dem Sonnenstand nach gegen Südost, das mußte die Küste des Landes Hadeln und, sich nach Süden verlierend, die des Wurstener Landes sein. Sie hatte nichts von einer Wirklichkeit, sondern erschien wie ein fadendünner, wegschwindender Gewölksaum.

Hier am Inselrand herrschte eine eintönige Oede, Himmel und Sonne leuchteten wohl drüber, doch sie verloren ihre Strahlungskraft auf dem unterschiedlos stumpfgrauen Bodengrund. Nur da und dort sah aus diesem eine magere Strandwermuthpflanze mit silbern-glimmernden Blättern auf, vereinzelt trippelte ein Brachvogel über die Wattenfläche, flatterte ein Haffpicker umher; die große Masse ihrer Genossen war weiter hinausgezogen, wo die Tiefebbe am Rand des absinkenden Wassers reichhaltigere Beute verhieß. Nichts Schönes, noch sonst ein Interesse Einflößendes rührte aus dieser Wechsellosigkeit an, das Auge trug Verlangen nach einer Farbe, und Arnold wollte sich enttäuscht zum grünen Weideland hinter seinem Rücken zurückbegeben. Aber da traf sein noch einmal umgehender Blick nordwärts hin in der Ferne auf etwas sich doch aus der Eintönigkeit hellfarbig Abhebendes, wie eine am Strand emporgewachsene rothe, weißumränderte Blume erschien's und zog ihn, ihre Einzigart und Seltsamkeit in der Nähe anzuschauen. Zwar sagte er sich schon bald, es könne keine Pflanzenblüthe sein, da sie unmögliche Größe besitzen müsse, um sich aus solcher Weite wahrnehmbar zu machen, und allmählich kam ihm auch zur Erkenntniß, eine abgewendet auf einem dunklen Steinblock sitzende Menschengestalt sei's. Nach der Bekleidung eine weibliche, noch mehr Farben, gelb und blau, wenn auch weniger stark hervortretend, wurden an ihr unterscheidbar. Sie trug eine eigentümliche Kopfbedeckung, die durch ihre Form und den leichtausgezackten Oberrand an eine Krone erinnerte; der Fußtritt des Herankommenden auf dem weichen Grund erzeugte keinen Ton, erst als er nah hinzugelangt und sein Schatten an ihr vorbeifiel, drehte sie mit plötzlicher Umwendung den Kopf und hob sich zugleich rasch vom Sitz auf. Da stand er wortlos überrascht und sie mit großverwundertem Blick anschauend, denn es war Age Terwisga, doch bis auf die Gesichtszüge in kaum wiedererkennbarer Erscheinung. Ein Rock von der Schneehelle einer Möwenbrust reichte ihr nur um etwas bis über die Kniee herab, ließ darunter die kraftvollen, schöngerundeten Waden in scharlachrothen Strümpfen hervorsehn; auf den weißen Rock breitete sich vom Gürtel ein anderer, kürzerer, von gleichfalls hochrother Farbe nieder. Dem schloß sich nach oben ein Mieder wiederum von beinah blendendem Weiß an, mit schmalen, lichtblauen und goldgelben Streifen verziert, die ebenso auch die rothen Aermel über den Ellenbogen umränderten; davon setzten sich Unterärmel abermals aus feinstem weißen Linnen bis zu den Handgelenken fort. Unter der kronenähnlichen Scheitelbedeckung hervor fiel das in der Mitte gescheitelte, tiefbraune Haar leichtgewellt frei an den Schläfen und rund um den Kopf bis auf die Schultern und den Rücken herunter, hielt das Gesicht mit einem dunklen Rahmen umfaßt. Ein seltsames Bild war's, das sich für den Beschauer nirgendwo in die ihm bekannte Lebenswirklichkeit hineinversetzen ließ; es erinnerte durch seine Farbigkeit etwas an die eigenartige Tracht der Vierländerinnen bei Hamburg, aber doch nur entfernt, diese an Wirkung auf die Augen hoch überbietend. Wenn man es mit einem Worte kennzeichnen wollte, so stand das Mädchen in der wundersamen Gewandung wie eine junge Königin irgendeines Märchenreiches da, die sich von dem alten Findlingsblock am Uferrand als von ihrem Thronsitz aufgehoben habe.

Es dauerte ein wenig, eh' der junge Arzt ein Begreifen mit dieser völlig verwandelten Erscheinung Ages Terwisga verknüpfte. Dann gerieth ihm in's Gedächtniß, daß Voß gestern – war's möglich, daß es erst gestern gewesen? – gesagt, er habe klug einen Sonnabend für seine Einkehr ausgesucht; so war heut' Sonntag, dazu stimmte auch die unthätige Ruhe aller Leute auf der Insel, und so trug die Enkelin des alten Hadlef vermuthlich eine merkwürdige friesische Feiertagskleidung, in der sie sich gleichfalls beschäftigungslosem Sitzen am Strand hingegeben. Doch vermochten trotzdem Arnolds Augen noch kaum an die Wirklichkeit des Anblicks vor ihnen zu glauben. Der erinnerte an den Unterschied zwischen einem buntgeflügelten Falter und der unscheinbaren Raupe, aus der er sich entwickelt; aber der Vergleich blieb zu schwach, wie das Mädchen statt in dem gestrigen, dem grauen Wattenboden gleichen Friesrock, gegenwärtig, im stärksten Gegensatz zu jenem, vor ihm in den leuchtendsten Farben aufragte. Dies letztere gewissermaßen in wörtlichem Sinn, denn Age Terwisga machte in der Kleidung und Kopfbedeckung den Eindruck, noch um ein Beträchtliches höher emporgewachsen zu sein.

Sie selbst gedachte offenbar ihrer äußeren Veränderung nicht und faßte das sichtliche Erstaunen des ungehört und unerwartet Herangekommenen ohne Verständniß auf. Er hatte jetzt die Frage auf der Zunge: »Ist das Deine Sonntagstracht?« Doch eh' er's vom Mund gebracht, kam sie ihm mit der Frage zuvor: »Wollen Sie um die Insel herumgehn?«

Etwas sonderbar Ankältendes rührte aus dem gleichgültigen Ton an, sowie aus der wieder andersgearteten Anrede, von der sie gestern während der Bootfahrt abgelassen, zu der ihr natürlich und alleinbräuchlich im Mund liegenden übergegangen war. Dem Hörer kam aus der Mittheilung ihres Großvaters zurück, daß die Inselleute ihr etwas Hochnasiges nachsagten; vermuthlich hatte sie sich drauf besonnen, er sei ein städtischer Herr, und in ihrer Sonntagskleidung sich feiner als die übrigen ausdrücken wollen. So klang's seinem Ohr jedoch keineswegs, vielmehr geziert, und setzte ihm das innere Wesen des Mädchens in ähnlichem Maß herab, wie sich ihr Bild vor seinen Augen zum Vortheil verwandelt hatte. Statt der Bildung, durch die sie sich heut' Morgen hervorzuthun meinte, trat ihm das Gegentheil, ihre Unbildung entgegen; er empfand, sie lege augenblicklich an den Tag, daß nicht friesische Art, sondern eine Mitgift von ihrer Mutter, dasjenige, weshalb sie für den Alten etwas Fremdes habe, in ihr vorherrsche. Ihn verdroß, daß er sich eine andre Meinung von ihr gebildet, denn sie hielt ihm durch ihr jetziges Benehmen gewissermaßen eine geringe Befähigung zur Menschenkenntniß vor, die für einen Arzt doch besonders erforderlich war. Auch seine Zunge fühlte er ungeschickt, wußte nicht, was und wie er auf ihre Frage erwidern solle; ihr dieselbe Anrede zurückzugeben, bedünkte ihn abgeschmackt, doch gleicherweise widerstand ihm, nach der ihrigen sie wie gestern ›Du‹ zu nennen. So griff er, um etwas zu antworten, nach dem ersten besten ihm Einfallenden und entgegnete: »Ich wollte suchen, ob ich irgendwo Papier auf der Insel kaufen kann, um einen Brief an meine Braut zu schreiben.«

»An Ihre Braut?« Age Terwisga wiederholte es, als sei sie ungewiß, ob ihr Ohr das Wort richtig aufgefaßt habe. Und ihn dabei mit einem staunenden Blick ansehend, fragte sie nochmals: »Sind Sie mit jemand versprochen?«

Mechanisch gab er Antwort: »Ja, mit meiner Cousine, schon lange.« Es hatte einen Eindruck gemacht, wie wenn sie ihn noch für zu jung halte, um eine Braut zu haben, und nicht dran glaube. Nun indeß war sie von seiner Erwiderung überzeugt worden und versetzte, den Kopf schüttelnd: »Nein, kaufen kann man hier nichts, nur in Cuxhaven, aber mein Großvater hat Papier zum Schreiben –«

Sie schien noch weitersprechen zu wollen, doch der junge Arzt hatte keine Neigung zu längerer Unterhaltung mit ihr, sondern bewegte den Fuß vor, um sie allein zu lassen und zum Gehöft zurückzugehn. Einen Augenblick war's, als wolle sie ihn schweigend fortschreiten lassen, dann indeß sagte sie, nach der andern Seite deutend: »Da herum ist's von hier ebenso nah und der Weg besser. Ich muß auch nach Haus, darf ich mitgehn?«

Unwillkürlich wandte er ihr verwundert wieder das Gesicht zu. In ganz andrem Ton war's ihr vom Mund gekommen, so wie sie während der nächtlichen Fahrt gesprochen, ihm beim Hinaufleuchten in seine Stube gut zu schlafen gewünscht und dafür Dank gesagt hatte, daß er mitgekommen sei. Halb unbewußt kam er ihrer Weisung nach, schlug die entgegengesetzte Richtung ein; sie ging neben ihm und fragte: »Ist Mutter Belke heut' besser?«

Er nickte. »Ja, es geht ganz wie ich gestern hoffte.«

»Aber noch nicht so, wie vorher – ich meine, daß sie keinen Beistand mehr nöthig hat.«

In der Erwiderung lag's wie eine Frage, allein das Mädchen wartete nicht auf eine Antwort, sondern fuhr, sich umblickend, gleich fort: »Hier am Land kommen nachher Gräben und wir müssen über Brücken. Aber das Watt ist ganz trocken, da geht sich's leichter. Komm!«

Sie trat von dem etwas erhöhten Rand der Insel auf den tellerebenen grauen Sandboden, von dem das Wasser spurlos zurückgewichen war, nieder, und er folgte nach; sich hurtig davonmachend, liefen ein paar Strandvögel vor ihnen auf, denen Age jetzt lachend zurief: »Seid ihr dumm! Glaubt ihr, wir haben's auf euch stehn? Kennst Du sie? Der ist ein Kampfhahn und der mit dem rothen Ring um die Augen ein Austerdieb. Du machst ihnen Angst, scheint's, vor mir haben sie sonst keine. Bist Du schon einmal auf einem Watt gegangen? Wenn die Ebbe am tiefsten ist, kann man weit drauf hinaus, daß man zuweilen bis nach dem Heiligenland sieht.«

Ihre Hand wies gen Westen in die uferlose Weite, Arnold traute der Richtigkeit seines Gehörsinns, überhaupt seines ganzen Auffassungsvermögens nicht. Das Mädchen erschien auf dem Wattengrund wie zum andernmal vollständig umgewandelt, fröhlich, beinah' ausgelassen, dachte nicht mehr an die vorherige geziert feine Anrede, sondern sprach wieder wie's ihr naturgemäß war. Sie fuhr fort, um sich zu deuten und zu reden: »Das ist das ›ertrunkene Land‹, so heißt's schon von ganz alter Zeit her. Da haben einmal Dörfer drauf gestanden, sind Kornfelder gewesen und Wälder, und viele Menschen haben rundum gewohnt. Aber dann ist die große Flut gekommen, die ›Manndränke‹, und als sie wieder ging, war alles weg, nichts geblieben, als der Sand und die Vögel. Die konnten fliegen und schrien und lachten in der Luft über dem Wasser, aber die Menschen hatten keine Flügel. Das muß sehr sonderbar gewesen sein, wie von all' den Häusern und Bäumen und Leuten garnichts mehr war, als hätt' Einer bloß davon geträumt gehabt und wär' aufgewacht. Hättest Du auch mit dabei sein mögen?«

Sie sprach von der ungeheuren, ›Manndränke‹ benannten Sturmfluth des vierzehnten Jahrhunderts, die hauptsächlich ein Landgebiet von fast einem halben hundert Geviertmeilen an der schleswig'schen und holsteinischen Westküste verschlungen, statt dessen nur die kleinen friesischen Inseln, die weiten öden ›Sande‹ und das seichte Wattenmeer drüber und drumher belassen hatte. Einer der schreckensvollsten Vorgänge in der Menschengeschichte mußte es gewesen sein, doch Age Terwisga redete davon wie ein unbekümmertes Kind mit einer fast lustigen Stimme, und das Wörtchen ›auch‹ in ihrer nachgefügten Frage klang merkwürdig, als hätte sie den gewaltigen Untergang gern mit den Vögeln aus der Luft angesehn. Nun sagte sie hinterdrein: »Sterben müssen alle einmal, dann dünkt mich, ist's am besten, wenn's so rasch geht, und mich macht's drum nicht traurig, wenn ich's mir vorstelle.«

Ja, nicht erklärbar war ihr Wesen, von dem neben dem alten Gletscherstein eine herbe Kühle ausgegangen, zur Fröhlichkeit und Freundlichkeit zurückverändert, gab auch Arnold seine gute Meinung von ihr wieder und ließ ihn scherzenden Ton's gradzu an sie die Frage richten: »Was machte Dich vorhin anders? Warst Du heut' früh mit dem falschen Fuß aus dem Bett gekommen, oder –« ihm fiel ein, was sie eben von Träumen gesagt – »hattest Du in der Nacht Widerwärtiges geträumt und bist jetzt erst aufgewacht?«

»Geträumt?« wiederholte sie – »was sollte ich –?« Ihr Mund blies einmal kräftig vor sich hinaus – »Traum ist Dunst, wenn der Morgenwind kommt, bläst er ihn weg. Kannst Du springen? Darüber müssen wir hin.«

Sie hatte beim Sprechen den Kopf zur Seite abgedreht, dort zog sich vor ihnen, ungefähr ein halb Dutzend Schuh' breit, eine mit Wasser gefüllte Rinne durch's Watt, die auf der Insel als Graben weiterging. Darauf bezog sich ihre Frage, sie nahm zugleich einen kurzen Anlauf und schwang sich über das schmale Priel weg, es sah aus, als schwebe ein großer, roth und weiß leuchtender Vogel im Flug drüberhin. Arnold stand noch zurückgeblieben; als sie den Kopf umwandte, blickte ihr Gesicht ihm, wohl vom Sprung geröthet, auch neuartig mit der Farbe einer aufblühenden Rose entgegen. Nun folgte er, in körperlichen Leistungen wohlgeübt, ohne Anstrengung behend nach, und sie sagte lachend: »Das war gut, Du kannst's, da kannst Du auch mit draußen auf's Watt hinaus. Oder willst Du heut schon nach Cuxhaven zurück?«

Er antwortete: »Nein, ich habe Deinem Großvater versprochen, noch zu bleiben, bis seine Frau wieder aufstehen kann,« und sie gingen miteinander weiter um den Inselrand. Wundervoll lag die Maisonne auf der weiten Fläche des Sandbodens, der ihm nicht mehr öd' und grau, sondern wie mit einem feinen Goldnetz überspreitet vorkam; vom Land her klang, in der blauen Luft zerrinnend, der Lerchengesang herüber. Dem jungen Arzt flog's einmal vom Mund: »Könnte meine Braut das doch mit mir sehen!« Doch beim letzten Wort ward's ihm zweifelhaft, ob sein Wunsch, sie herzuzaubern, ihren Beifall haben würde; sie war nur an eine völlig andre Umgebung gewöhnt, und hätte wohl nicht Auge und Ohr mitgebracht, sich an dieser ebenso zu erfreuen. Dazu lag etwas Komisches in der Vorstellung, daß sie vergnügt in ihrem langen seidenen Kleid über die Wasserrinne fortspringen solle, denn bisweilen nöthigten solche wieder dazu. Arnold hatte zwar schon früher wahrgenommen, daß die Insel nur von geringem Umfang sein könne, aber er war doch überrascht, so bald das Schilfdach seiner Behausung vor sich zu erkennen, er wäre gern noch länger so gegangen. Wie sie auf dem grünen Weidegrund nach dem Gehöft abbogen, kam ihnen von diesem Hadlef Terwisga entgegen, und im Gespräch mit ihm fragte der junge Hamburger einmal, ob keine Kirche auf der Insel sei, er habe nirgendwo eine gesehen. »Nee, de is hier nich,« erwiderte der Alte, »wi hebbt dat jo ok nich nödig. Wenn das Leuchtfeuer seine Schuldigkeit thut, ist bei uns alles in Ordnung.«

Dem Hörer ging's kurz wieder durch den Sinn, auch diese Antwort würde seiner Braut mißfallen haben, da sie, wie ihre Familie, äußerst strenggläubig war und an keinem Sonntag die Predigt des in den vornehmen Hamburger Kreisen angesehensten Pastors zu besuchen versäumte. Doch darüber drängte sich ein Gedanke oder eine Vorstellung, die in der letzten Viertelstunde in ihm aufgestiegen und sich mehr verdeutlicht hatte: Er war aus der Stadt fortgegangen, um im Freien Erholung zu suchen, vielleicht, wenn sich eine Gelegenheit zum Dorthingelangen ergäbe auf einer der friesischen Inseln an der schleswig'schen Westküste, und ein Zufall hatte ihn auf eine ähnliche Insel versetzt, die ihm das Erwünschte, Stille, ländliche Natur mit reiner Seeluft vereint darbot. Warum sollte er noch weiter trachten, wenn eine Unterkunft möglich fiel, nicht hier seinen Aufenthalt nehmen? Und eh' er den Gedanken noch recht erwogen, gestaltete dieser sich auf seiner Zunge zu einer Aussprache, der Mittheilung, zu welchem Zweck er Hamburg verlassen habe, und der angeknüpften Frage, ob etwa eine Wirthschaft auf Neuwerk vorhanden sei, in der er sich für einige Wochen als Gast einmiethen könne. Das verneinte der Alte kopfschüttelnd, die gäbe es nicht, und so etwas sei auf der Insel seit Menschengedenken nicht vorgekommen. Aber in seine Augen war ein freudiger Glanz gerathen und er setzte hinzu, tröstlicher könne ihm nichts geschehen, als wenn der Doctor diese Absicht ausführe, und das ließe sich ja – wenn – es wäre bloß –

Das letzte kam ihm abgebrochen-unverständlich vom Mund, und er sah dabei ungewiß nach dem Gesicht seiner Enkelin, die sich nicht an dem Gespräch betheiligte. Dann hob er wieder an, einen Blick nach dem Giebelausbau des Gehöfts, vor dem sie grade eingetroffen waren, hinaufrichtend: »Wenn's Dir nicht zu einfach wär', bei uns im Haus zu sein – blot – ick weet nich – dat is Age ehr Stuv, de Du hüt Nach hatt hest –«

Ueberrascht fiel Arnold gegen das Mädchen gewendet ein: »Deine Stube hab' ich gehabt? Darum war alles drin so – wo hast Du denn geschlafen?«

Nun antwortete sie rasch: »Unten in einer Kammer und viel besser als sonst.«

Die unschlüssige Miene des Alten nahm bei der Erwiderung einen frohen Ausdruck an, und er sagte: »Ja, meinst Du, Age –?«

Sie entgegnete lachend: »Was soll ich meinen, Vater? Es ist ja Dein Haus. Aber ich meine, für Mutter Belke wär's gewiß gut, wenn der Doctor drin bliebe.«

Deutlich klang draus, daß sie nichts dagegen habe, sich für einige Zeit weiter mit der Schlafkammer zu begnügen, und der junge Arzt äußerte jetzt zum Großvater: »Wenn ich Dir einen Entgelt für die Beköstigung ausrichten darf –«

»Dat find't sick jo, Docter, kannst Du dohn un laten, as Du wist. Nu komm nur herein, es ist auch bald Mittagszeit.«

Hadlef Terwisga faßte beglückt Arnolds Hand und zog ihn jetzt als Gast des Hauses durch die Ebberthür wieder in den Pesel. Age folgte hinterdrein und sagte, auf die Wanduhr blickend: »Bis Mittag ist's noch eine halbe Stunde, Vater,« und sich gegen Arnold kehrend, setzte sie hinzu: »Ich will Dir Papier holen, daß Du vor'm Essen noch an Deine Braut schreiben kannst.«

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