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Vor der Elbmündung

Wilhelm Jensen: Vor der Elbmündung - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleVor der Elbmündung
publisherVerlag von Carl Reißner
year1924
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Wenig so anheimelnde Geborgenheit gab's wohl schon Jahrhunderte lang, als an frostig-dunklem Abend einen Colonialwaarenladen in einer kleinen Uferstadt. Vom Ende der Gasse her, wo sie in todte Finsterniß ausläuft, heult der Wind und wühlt sich kalt anfauchend durch die Kleider; unsichtbar klatscht die See in immergleicher Wiederholung dumpfschütternd auf den Strand, ab und zu schrillt einmal der Ruf eines Wasservogels dazwischen. Dort innen im Laden aber ist's friedlich, hell und warm, einem sicher vor Sturm und Unwetter bergenden Hafenschutz ähnelnd. Dem Eintretenden grüßt über die Schwelle ein Gemisch des Duftes mannigfacher Gewürze entgegen, als stehe er im Begriff, an einer südlichen Küste ihres Ursprungs zu landen. Vereinzelt kommt noch dieser oder jener, der Mehrzahl nach dem weiblichen Geschlecht angehörig, zum Abendeinkauf kleiner Bedürfnisse und hält sich in dem behaglichen Raum gern ein bischen länger auf, als das Abwägen und Abmessen nöthig macht. Dadurch gestaltet sich der Platz vor dem hingestreckten Ladentisch zur Agora oder zum Forum, zwar etwas liliputischer Art, doch was auf ihm vom Munde geräth, ist für die Sprecher und Hörer von nicht mindrer Bedeutsamkeit, als es ehemals die Reden des Demosthenes und Cicero für die Kopf an Kopf gedrängten Bürger Athens und Roms gewesen. Alle müssen, um heimzukommen, wieder in die windigen, lichtlosen Gassen hinaus, aber alle begegnen sich einmüthig in einem tröstlichen Gefühl, dem jeglicher auch in irgendeiner Form Ausdruck giebt: Gott sei gedankt, daß man kein Fischer ist und wenigstens bei dem wüsten Wetter nicht auf's Wasser hinausbraucht.

Derartig hatte die Zeit es schon seit manchen Menschengeschlechtern in Städtchen an der Ost- und Nordsee, sich immer wiederholend oder immer gleichverbleibend, gesehn, und so war's heut' Abend auch im ›Krämer-‹laden Timm Stades, dessen Vorfahr muthmaßlich einmal aus der Stadt Stade, weiter aufwärts an der Elbe, seinen Namen nach Ritzebüttel, richtiger dem damit zusammenhängenden, hart am Seeufer belegenen Cuxhaven getragen hatte. Zum letzteren war der Fußwandrer von Otterndorf her wegunkundig in der voll eingebrochenen Dunkelheit gerathen und trat, vom Windbrausen durch eine menschenleere Gasse halb verweht, in die kleine, noch mit Lichtschein blinkende und winkende Handlung ein, um sich nach einer Herberge für die Nachteinkehr zu erkundigen. Auch für das, was aus dem an sich Unbedeutenden und Alltäglichen poetisch anrühren konnte, war er mit empfänglichem Sinne begabt, und hinzu kam, daß der würzige Geruch im Laden ihm die traumhafte Vorstellung von unterwegs erneuerte, als ob er auf einer Reise nach fremden, wundersamen Erdstrichen begriffen sei. So sah er beim Eintritt erst einmal stumm, sich auf die einfache Wirklichkeit besinnend, in dem niedrigen Raum umher, eh' ihm seine beabsichtigte Frage vom Mund gerieth. Timm Stade, der Krämer, beschaute ihn derweil ein bischen verwundert und ungewiß, ob er aus dem Ranzen und Stock des Ankömmlings auf einen umwandernden Gewerksgesellen zu schließen habe, allein dann beantwortete er, sich auf menschliche Gesichtsausdrücke verstehend, die vorgebrachte Erkundigung doch: »Mit 'nem Gasthof, Herr – ich kenn' Ihren Titel nicht – sieht's bei uns nicht nach viel aus; das ist ja man selten, daß 'mal Einer in Cuxhaven oder Ritzebüttel bei Nacht einkehrt.« Dem fügten ein paar zum Einkauf anwesende ältere Frauen mit ziemlich gleichem Wortlaut als Bestätigung hinzu: »Nee, dat kümmt jo nich lich vör, dat hier Een slapen will; to eten un drinken kunn dat jo ehnder sin, awerst mit Betttüg hapert dat meist so wat.« Das hatte allerdings seine Richtigkeit, denn der Verkehr über Land von den benachbarten Ortschaften her war äußerst gering, vollzog sich außerdem fast ausnahmslos während des Tagesverlaufs, und die zumeist nur kurz bei Cuxhaven anlegenden Schiffe brachten ihre Reisenden schnell stromauf nach Hamburg weiter, oder diese verblieben während der Nacht in ihren Kajüten und hatten in dem weltentlegenen Ufernest nichts zu suchen. Das Gleiche hatte Ernestine Voß dem jungen Arzt schon in Bezug auf Otterndorf gesagt, drum konnt' es ihn nicht besonders überraschen, daß sich's hier so wiederholte. Er zeigte deshalb kein betroffenes Gesicht, ein Unterkommen auf einer Bank wie in Nienhus ward ihm wohl irgendwo zutheil, und gleichmüthig trat er, von einem Anblick gelockt, näher hinzu und streckte die Hand nach dem Ladentisch. Auf dem lagen in einem Korb ›Aepfel von Messina‹ angehäuft, mit denen vom Mittelmeer rückkehrende Fahrzeuge den kleinen Strandort ebensowohl versahen, wie die große Stadt Hamburg. Doch hatten sie hier an der grauöden Nordseeküste etwas Märchenhafteres, aus ihrem röthlichen Goldglanz und Duft kam's Arnold wieder wie ein Gruß und Anhauch schöner Sonnenländer entgegen, so daß er ein paar von den Apfelsinen einkaufte. Währenddessen ging die Thür auf, und die Gestalt eines hochgewachsenen jungen Weibes erschien in ihrem Rahmen, auf den ersten Hinblick erkennbar weder die einer Frau, noch einer Dienstmagd. Ein festgeknotetes rothes Tuch umschloß den schmalen Kopf der Eintretenden, doch hatte der Wind an den dunklen Haaren drunter gezerrt und ein paar Flechten losgemacht, so daß sie auf den Hals, der aus ziemlich weitem Kleidausschnitt bloß und außerordentlich schlank hervorsah, niederhingen; die bläulich graue Gewandung bestand aus dem eigengewebten, dicken, ›Fries‹ benannten Stoff, den gemeiniglich beide Geschlechter der Schiffahrt und Fischfang betreibenden Anwohner der Nordsee trugen. In der Erscheinung der wohl ungefähr Zwanzigjährigen lag etwas Gegensätzliches oder Doppelartiges gepaart, eine anmuthig schmiegsame Beweglichkeit und sicher auf sich ruhende Gliederkraft; ebenso stimmte die im Lande fremdartige Haarfarbe nicht mit den tiefblauen Augensternen zusammen. Der Krämer schattete sich mit der Hand den Blick gegen die Blendung der Hängelampe überm Tisch und sagte verwundert: »Kümmst Du bi dat Wedder noch 'röwer, Age? Dat warrd jo swatte Nach vör Di torügg. Wat hefft Ii denn noch nödig?«

Die Angesprochene warf einmal mit einem kurzen Kopfruck das gelöste Haar von den Schläfen zurück und erwiderte auf hochdeutsch: »Ueber 'ne Stunde kommt der Mond, und blieb' er aus, wär's mir auch gleich. Ist der Doctor oben?«

Der Arzt Cuxhavens hatte seine Wohnung im Stockwerk über dem Laden; Timm Stade schüttelte den Kopf: »Nee, min Deern, Doctor Uhlemann is nich da, he is hüt' Namiddag weghalt in't Wurstner Land up Midlum to un kümmt to Nach nich wedder, hett he seggt. Wat schull he denn?

»Das kann nicht angehn, er muß mit mir. Die Großmutter ist schwer krank geworden.«

Die Antwort klang bestürzt, doch zugleich fest bestimmt; der Krämer versetzte: »Jo, min Deern, ick kann em Di nich herfleuten, da mußt Du bet morgen töben. Is dat din Grotmoder Belke? Wat is ehr denn ankamen?«

»Sie saß am Webstuhl und fiel auf einmal von der Bank. Als wir kamen, konnte sie nicht aufstehn, den Fuß und Arm nicht brauchen. Es muß Einer zu Pferd nach Midlum, der Doctor muß mit mir kommen.«

Das Mädchen sprach's mit der nämlichen Entschiedenheit; jetzt drehte sich Arnold Lohmer zu ihr und fragte unwillkürlich: »Hat die Frau es nur an einer Seite und kann sie noch sprechen?«

Durch die Augen der Befragten fuhr's mit einem freudigen Aufstutzen, sie stieß rasch aus: »Sind Sie ein Doctor?«

»Ja, ich bin ein Arzt.«

»Das ist ein Glück vom Himmel. Dann kommen Sie mit mir!«

Das eigenthümliche Zusammentreffen übte auf Arnold in der That den Eindruck, als ob eine Bestimmung darin liege, und er entgegnete: »Wenn ich helfen kann – ist's weit?«

Doch nun mischte sich Timm Stade wieder ein, merkbar zugleich befriedigt, eine Anrede für den Fremden bekommen zu haben: »Nein, da können Sie nicht mit, Herr Docter, bis nach Neuwerk sind das auch bei gutem Wind zwei Stunden hinüber und bei dem heut' Abend werden's leicht drei.« Dem fügten auch die Frauen wieder bestätigend bei: »Nee, dat kannst Du den Herrn nich tomoden, Age, un kann de Olsch nich verlangen. Dat is ok vör Di beter, Du bliffst bet dat Dag warrd hier.«

Arnold kam vom Mund: »Ueber's Wasser?« Ihm war's erst jetzt aufgegangen, daß sich's um eine Bootfahrt handelte, und er setzte fragend gegen den Ladeninhaber hinzu: »Neuwerk, was ist das?«

»'Ne ganz kleine Insel, Herr Docter, draußen vor der Elbmündung mit 'nem Leuchtthurm, daß die Schiffe bei Nacht von der See zu uns herfinden. Sonst wohnen nich viel Leute drauf. Sie haben bloß was von Rindvieh und Schafen auf ihrem Grasboden, aber der alte Terwisga, was der Großvater von dem Mädchen ist, is doch so ziemlich wohlhabend wohl am meisten von ihnen, und für umsonst läßt er den Docter Uhlemann nich rufen.«

Die letzte Bemerkung klang halb, als habe sie den Zweck, dem fremden Arzt die Wasserfahrt in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, doch war's nicht so gemeint, denn der Krämer schloß noch dran: »Aber das wär' ja ein Stück aus der Tollkiste, bei dem Wetter noch im Dunkeln nach Neuwerk zu wollen,« und Arnold Lohmer antwortete, zur Hälfte gegen ihn und zur andern gegen Age Terwisga: »Ich bin allerdings seit heute früh von Nienhus hierher auf den Füßen gewesen und ziemlich stark müde –«

Doch das Mädchen fiel mit ruhig-unbeirrbarer Festigkeit ein: »Wenn sie ein Doctor sind, so müssen Sie mit mir fahren. Das ist Ihre Pflicht, Sie dürfen meine Großmutter nicht ohne Beistand lassen.«

Erstaunt und halb betroffen sah der junge Arzt in das Gesicht der Sprecherin. War das ihm, einem völlig Fremden gegenüber, wirklich mit solcher fordernden Sicherheit von ihren Lippen gekommen? Aus dem Munde eines ganz jungen ›Frauenzimmers‹, wie's die Zeit nannte, von dem er sich bei dem Gegensatz ihrer ländlich derben Kleidung, ihres Behabens und ihrer Sprache nicht zu sagen wußte, was er aus ihr machen, welchem Stand er sie zurechnen solle. Er fühlte, ihm steige das Blut röthend in die Schläfen, und dabei sah er sich die Augen Lucinde Eschenhagens, seiner Braut, entgegengerichtet, mit einem erwartenden Ausdruck, daß er die anmaßende Zumuthung gebührlich abfertigen werde. Gleichzeitig indeß hörte er auch Johann Heinrich Voß sagen: Wenn ein Mensch in Lebensnoth ist, muß der Arzt bei der Hand sein und am meisten bei einem von unter'm Stand; dazu ist er da, nicht für's blaue Blut und die Geldsäcke. Durcheinander gehend vermischten sich Arnold diese Vorstellungen, während, aus seinem eigenen Innern kommend, ein Gefühl in ihm die Oberhand gewann: Das Mädchen wartete und hielt für zweifellos, daß er das, was sie seine Pflicht genannt, erfüllen werde. Scheu ließ er die Augen von ihr zur Seite gehn, er fürchtete, sie läse drin, er habe unschlüssig gezaudert, eigentlich im Begriff gestanden, eine abschlägige Antwort zu geben, und ein wenig stotternd, versetzte er jetzt rasch: »Aber eine Bootfahrt strengt die Füße ja nicht weiter an – sie ruhen dabei ebenso aus wie im Liegen – und gewiß, natürlich – da es ja mein Beruf ist – bin ich bereit, Sie nach Ihrer Insel zu begleiten.«

Age Terwisga machte nur eine nickende Kopfbewegung zu der kurzen Erwidrung: »Wenn Sie etwas aus der Apotheke mitnehmen wollen, die ist nah, ich bringe Sie hin.« Die Frauen sprachen jetzt durcheinander: »Dat warrd de lewe Gott Se vergellen, Herr Docter – bi de kole Luft – haken Se Ehrn Mantel man rech fast to! Awer de ol Hadlef tövt wiß all, sin ol Belke liggt em mehr an't Hart, as sin Köh un Ossen. Se hett wull up eens en Slag kregen, denk' ick mi.« Dazu bemerkte Timm Stade nun: »Ganz schlimm is's auch nich, Herr Docter, das Boot von der Age ist gut sie geht wie'n Schiffer mit dem Segel um und ist schon bei haariger Luft und böser'm Wind herübergekommen. Für unsern Docter Uhlemann wär's was heikliger gewesen, der hat schon seine Sechzig auf 'm Rücken, und ich glaub', er hängt sein Geschäft gern bald 'mal an den Nagel, was dazu nöthig thut, hat er wohl nachgrade beisammen. Dann wär's garnicht schlecht, für Einen, der noch jung ist, hier an seine Stelle zu gehn, das Marschfieber giebt ja viel bei uns zu thun. Na, das meine ich ja nur so, aber was ich sagen wollte – Lise, Du hest wull hitt Water in'n Ketel op't Für – Sie sollten doch erst ein warmes Glas im Magen mitnehmen, Herr Docter, denn so'n bischen frostig wird's draußen ja sein, und das verschreiben Sie sich, denk' ich mir, auch wohl selber für die Fahrt.«

Der Krämer holte ein breitbauchiges Glas vom Bord, in das er zum Drittel aus einem Fäßchen Rum zapfte und Zuckerstücke dazu warf, während seine Frau aus der Küche einen Kessel brachte, aus dem sie kochendes Wasser draufgoß. Halblachenden Mundes sagte Arnold: »Nein, an das Recept für mich selbst hätte ich nicht gedacht, aber ich merke, sie verstehen sich besser auf die Verordnung der hier richtigen Mittel, als ich; vielleicht, wenn Ihr alter Arzt seine Praxis satt hat, werden Sie am allerbesten sein Nachfolger.« Darüber lachten Timm Stade und die zuhörend am Ladentisch Stehenden, außer Age Terwisga, deren ernstes Gesicht unverändert blieb, nur eine wartende Ungeduld kundgab. Der junge Arzt nahm jetzt das dampfende Glas, hielt es einen Augenblick unschlüssig, und fragte dann, sich dem Mädchen zuwendend: »Wollen wir's theilen? Die gleiche Kälte unterwegs werden wir ja auch theilen, und Sie haben keinen Mantel wie ich.« Er bot ihr das Glas dazu hin, sie sah ihn kurz an, als ob ihr der Sinn seiner Worte nicht gleich verständlich geworden, und erwiderte danach: »Dann mußt Du doch zuerst –«. Doch sie brach, ohne auszusprechen ab und verstummte; der Krämer kam ihr mit der Erklärung zum Beistand: »Sie hat sich was verschnappt, auf der Insel sind sie's so gewöhnt, zu allen Du zu sagen, und eigentlich thun wir's ja meistentheils hier auch. Drink man, min Deern, de Herr Docter nimmt Di dat nich öwel up, un Di deiht dat ok god vör de Fahrt.« Arnold fiel ein: »Wenn Sie nicht davon trinken mögen,« – und er machte eine Bewegung, das Glas zurückzuziehn; doch nun streckte ihre Hand sich rasch danach, sie setzte es indeß nur einen Augenblick lang an die Lippen und gab's ihm wieder hin. Er leerte in einigen schnellen Zügen den heißen Trunk, sagte: »Wir wollen keine Zeit mehr versäumen,« und zahlte dankend den erfragten kleinen Betrag an Timm Stade. Als er sich davon umkehrte, stand Age Terwisga schon auf der Schwelle, hatte die Thür geöffnet, und der Wind stieß mit einem winselnden Ton herein. So folgte er ihr ohne weiteren Anhalt, hinter ihm drein schollen mehrere Stimmen: »Gode Nach! – Kamen Se god 'röwer na de Insel! – Es wird mich freu'n, wenn Sie morgen bei Ihrer Rückkehr meinen Laden wieder besuchen, Herr Docter.« Seine Führerin brachte ihn auf der ab und zu von einem Lichtschein überstreiften Straße zur unweit belegenen Apotheke; er war von dem Tag und dessen unerwarteter Abendfortsetzung doch ein bischen verworren im Kopf und hätte aus sich kaum daran gedacht. Doch sie hatte ihn erinnert, das entsprach ganz ihrer sicher bedachten Art; wahrscheinlich hatte die Frau im Laden recht gehabt, daß es sich um einen Schlaganfall handelte. So versah er sich in der Apotheke rasch mit einigen, vielleicht erforderlichen Medicamenten, und nach wenigen Minuten schritten sie zusammen wieder an der Kramhandlung vorbei, jetzt dem Außenende der Straße zu.

Von hier ging's in's leere Dunkel weiter, das ungewöhnte Augen kaum noch etwas unterscheiden ließ, nur da und dort tauchte ein flimmernder Punkt auf, der in der Luft zu tanzen schien und sich beim Näherkommen als eine kleine, an ausgespanntem Schiffstau schaukelnde Laterne herausstellte. Daran erkannte Arnold Lohmer, daß sie bereits am Hafen sein müßten, der von alters her unter Benutzung eines bei Ritzebüttel ausmündenden, Wetterung benannten Flüßchens für Fahrzeuge Sicherung bietend angelegt worden. Vor den Füßen lief ein gleichmäßiger Ton anklatschenden Wassers um, mit einem etwas unheimlichen Gefühl dadurch überkommend, daß der Blick nichts wahrnahm; dann indeß bewegte sich eine der Laternen niedriger über dem Boden herzu und warf einen Lichtstreif auf kurze, fast schwarzfarbig erscheinende Wellen, die sich unterlaßlos gegeneinander emporrichteten, beim Zusammentreffen ein dünnes, weißes Gequirl erzeugten und dies spritzend über die Holzbohle des Uferrandes heraufschlugen. Nach oben hellte der Schein das graubärtig wetterharte Gesicht eines groß-breitschultrigen Mannes an, der die Leuchte in der Hand trug; ein geölter Schifferanzug umgab ihn, von dem sich eine Kapuze, festangezogen, um den Kopf schloß. Der Hafenwärter Wullenberg war's, noch nach dem Rechten in seinem Revier sehend; er hob jetzt die Laterne auf, beleuchtete das Gesicht Age Terwisgas und sagte gleichmüthig: »Wist Du nach wedder 'rut? Wat vör Een hest Du bi Di?« Sie gab Antwort, einen fremden Doctor, weil Doctor Uhlemann nicht zu Haus sei. »Denn will ick Di lüchten.« Sich umdrehend ging er voran, dem Platz zu, wo das Boot des Mädchens angetaut, doch auf- und niedertanzend lag; von kräftigem Bau war's, weißgrau schimmerte das am Mast festgebundene Segel im Lichtwurf. Der Alte sagte: »Stiegen's man in, Herr Docter;« Selbstverständliches klang aus der Aufforderung. Doch Arnold hielt noch den Fuß an, ihn überkam's noch einmal mit einer Unschlüssigkeit, und ihm wollte die Frage über die Zunge, ob es nicht bedenklich sei, bei solchem Wetter im Nachtdunkel auf die See hinauszufahren. Aber der ruhige Ausdruck in den Zügen seiner Führerin ließ ihm die Worte im Mund stocken, Scham befiel ihn, daß er zaudre, vor etwas Scheu trage, wo ein Mädchen keine Regung von Furcht zeigte, und er trat stumm von der Brüstung in das kleine Fahrzeug hinüber. Zu der ihm Nachfolgenden sprach der Hafenwärter noch einmal, während er das Tau losmachte: »Du mußt vörst en Slag up Marne to maken, de Wind is wedder in't Umlopen. Bet Ji an't Holsteen'sche kamt, kümmt de Maan, denn kannst Du likut up dat Füer von Niewerk ümleggn. Na, Du weest dat jo sülbn.« Nun gerieth's Arnold doch unwillkürlich heraus: »Glauben Sie, daß der Mond kommt? Mir will's nicht scheinen.«

»De kümmt so seker as de Flod un warrd tokieken, wenn de ol Ran sick buten de witten Haar wat kämmt. Lat dat mit de Reems wat angahn, Age, und sträng' Di de Bost nich to dull an.«

Wullenberg schob das Boot mit einem kräftigen Ruck ab, das Mädchen hatte die Ruder eingehakt, schlug sie ausholend in's Wasser, und nach einem Dutzend von Schlägen zerging der letzte Laternenschein auf ihrem Gesicht, so daß es bis auf einen kaum dämmernden Schimmer vor den Augen des ihr nah Gegenübersitzenden wegschwand. Er war wenig in den zum Seewesen gehörigen Dingen bewandert, doch begriff, daß sie anfänglich, um aus dem Hafen hinauszugelangen, die Ruder gebrauchen müsse; nur langsam ging's wider den Wellenschlag, auch der Wind stand entgegen, machte ein zu ihr Hinübersprechen oder Verstehen von ihrer Seite kaum möglich. Doch hörte er am Knarren der Ruderpflöcke, fühlte an schütternden Stößen, daß sie ihre Kraft stark aufbieten müsse; eigen war's, das nicht zu sehen und doch mit der Empfindung deutlich wahrzunehmen, wie sie die Brust weit vorbiege, sich zurücklegend einschlage, beide Arme gewaltsam zum Gegendruck anspanne und dies immer gleichmäßig wiederhole; einen Ton, der ihrem Ringen nach Athem entstamme, glaubte er ab und zu an seinem Ohr vorüberwehn zu hören. Etwas Schönes lag darin, wie Menschenkraft, obendrein eine weibliche, dem Machtwillen der Natur Trotz bot; es versetzte das Gefühl in die Anfänge des Menschenthums zurück, zu Lebensumständen und Bedingungen, unter denen Kraft und Muth als die höchsten Eigenschaften gegolten, als das Werthvollste geschätzt worden. Davon hatte die fortgeschrittene Verfeinerung, die Cultur, wenigstens in den Städten nichts mehr bewahrt; Arnold vermochte sich unter den ihm bekannten jungen Damen Hamburgs von keiner vorzustellen, daß sie um einer erkrankten Angehörigen willen so athemraubende Körperanstrengung für nichts angeschlagen, sich auf's nächtige Wasser in's Unwetter hinausgewagt hätte. Eigentlich war Verfeinerung nicht das richtige Wort für diese Umwandlung, sondern eine Einbuße an einer ursprünglichen obersten Naturmitgift, die sie durch ihre Lebensführung erlitten hatten.

An der Handhabung der Ruder konnte er sich nicht betheiligen, wäre auch zu ungewandt dafür gewesen, gern dagegen hätte er seine Gefährtin über einiges nach dem Ziel der Fahrt befragt; nur als ein Name lag ihm Neuwerk im Gedächtniß, daß es eine winzige, schon aus alter Zeit Hamburg zugehörige Insel von irgendeiner Bedeutung für die Elbschiffahrt sei. Doch an Anknüpfung eines Gesprächs war trotz der nur doppeltarmlangen Entfernung von Bank zu Bank nicht zu denken, höchstens konnte sich ein kurzer lauter Zuruf verständlich machen. So saß er schweigend, und da der Gesichts- und Gehörssinn ihre Dienste versagten, bemächtigte die vorstellende und verknüpfende Phantasie sich um so lebhafter seines Kopfes. Bilder und Gedanken wechselten vor ihr hin und her, greifbar sah er Voß und Frau Ernestine am Mittagstisch in der niedrigen Stube mit dem sonnüberspielten alten Hausrath umher; sonderbar rührte ihn an, wie man nichts im voraus wisse, nicht zu sagen und zu ahnen vermöge, was nur über ein paar Stunden sein werde. Das kam den Otterndorfern mit Gewißheit gegenwärtig nicht in den Sinn, auf welchem Wege er sich an diesem Abend noch befinde, ebensowenig wie er selbst um Mittag eine Vermuthung davon besessen hatte. Gleicherweise war seine Braut ohne eine Ahnung; wahrscheinlich saß sie, wie zumeist des Abends, augenblicklich in einem geselligen Kreise andrer junger Damen und Herren, und der kerzenhelle, reichausgestattete Raum um sie her bildete einen größtdenkbaren Gegensatz zu dem in nächtiger Finsterniß sich am Nordseerand unablässig auf- und niedersenkenden Boot. Doch nahm der junge Arzt das Gesicht Lucinde Eschenhagens nicht so deutlich vor sich gewahr, als die beiden Vossischen; es verschwamm ihm mehr nur zu einem Umriß ohne den Inhalt ausgeprägter Einzelzüge. Mit solchen stand eigenthümlicher Weise die ihm völlig unkennbar Gegenübersitzende genau vor seinen Augen, näherte sie diesen mit der sich vorbiegenden Brust bei jedem Ruderschlag entgegen. Zwar begreiflich war's grad' für einen seiner Wissenschaft Beflissenen und ihr einen Gegenstand interessanter Beobachtung bietend. Das Gesicht des Mädchens war ihm bis vor kaum einer Stunde völlig unbekannt gewesen, aber es hatte sich der Netzhaut seiner Augen als das zuletzt im Licht wahrgenommene eingeprägt und erhielt dadurch auf ihr sein Bild, jetzt wo das Sehvermögen aufgehört, deutlicher fort, als selbst die so lang bekannten, in jeder Einzelheit ihm genau vertrauten Züge seiner Braut.

Nun ward er einmal plötzlich aus seinen wechselnden Vorstellungen herausversetzt, denn Age Terwisga richtete sich, die Ruder einziehend, von ihrem Sitz in die Höhe. Er empfands's nur, ohne es wirklich erkennen zu können, und sah doch dabei klar ihr Gesicht in's Dunkel aufgehoben. Sie vollzog irgendetwas mit der Hand, dann fühlte er, daß ihr Arm an seinem Kopf vorbeistreife und sie sich gleich danach nicht mehr vor, sondern hinter ihm befinde. Auch mit dem Boot ging eine Veränderung vor, es legte sich schräg auf die rechte Seite, und seine Bewegung ward eine andre, nicht mehr stoßhafte, sondern wiegend gleitende. Daraus kam Arnold zur Erkenntniß, sie habe das Segel losgemacht und sich, über seine Bank fortsteigend, an's Steuerende des Bootes gesetzt; ihre Augen mußten die seinigen an Sehfähigkeit in der Finsterniß weit übertreffen. Doch begriff er trotzdem nicht, wie es ihr möglich sei, durch die Lichtlosigkeit eine bestimmte Richtung einzuschlagen und inne zu halten; mechanisch hatte er sich auf seiner Bank umgekehrt, wandte ihr dadurch wieder das Gesicht zu und befand sich jetzt dem ihrigen so nah gegenüber, daß auch ein Verstehen von Worten hin und her ermöglicht ward, zumal da der Wind nicht länger grad' entgegen stand. So sprach er zum erstenmal seit der Abfahrt, fragte lautstimmig, wie sie wissen könne, wohin sie steuere. Kurz erklang ihre Antwort: »Danach,« und ein eben wahrnehmbarer Schimmer ließ erkennen, daß sie dazu eine deutende Hand aufhebe.

Sein Blick folgte dieser und sah nun in der Richtung etwas, das bisher hinter seinem Rücken gewesen; wie ein einziger, die Wolkennacht röthlich durchscheinender Stern stand's ziemlich hoch über dem Horizont in der Luft. Von dem überraschenden Anblick verwundert, fragte der junge Arzt weiter: »Was ist das? Ein Stern?« – »Nein, das Leuchtfeuer von Cuxhaven.«

Das gab die Erklärung, danach nahm sie im todten Dunkel mit sicherer Ruhe ihren Curs; dem Hörer gerieth in Erinnerung, daß der Hafenwärter gesagt, sie müsse erst einen Schlag auf Marne zu, bis gegen die holsteinische Küste machen, eh' sie das Segel umlegen könne, aber das wisse sie ja selbst. Sonderbar rührte es Arnold an; was würde ihm all' sein Wissen, seine klassische Ausbildung nützen, wenn er plötzlich allein ohne dies Mädchen nachtumdüstert zwischen Wind und Wellen hier in dem Boot dasäße? Ohne Zweifel wäre er hülflos verloren, unfähig das Segel und Steuer zu handhaben, wüßte nicht, wohin und wie er durch die Wasserwüste lebend an's Land kommen solle. Doch sie bedurfte nur des kleinen Thurmfeuers, dieses winzigen Lichtpunktes in der schwarzen Oede, um ohne Zaudern und Zagen fest ein unsichtbares Ziel in's Auge zu fassen. Menschenentwicklung, Wesen und Eigenart auf der Erde waren von seltsamer Verschiedenheit.

Auch in der äußeren Bildung, das nahm wieder die Gedanken des Arztes, in sein Wissenschaftsgebiet fallend, in Anspruch. Ernestine Voß und ebenso seine Braut gaben sich sogleich durch ihre Erscheinung als zweifellos dem germanischen Volksstamm angehörig zu erkennen, und auf diesen wies ebenfalls der friesische Name Terwisga hin, der offenbar gleichen Ursprungs mit dem plattdeutschen Ter Wische – Zur Wiese – war. Doch in dem Mädchen lag entschieden etwas Fremdartiges, nur Halbdeutsches, von reingermanischem Blut konnte die tiefdunkle Haarfarbe nicht herstammen, ein andres mußte ihr hinzugekommen sein. Auch daß sie in dem Krämerladen auf die plattdeutschen Anreden stets in hochdeutscher Sprache erwidert hatte, wies auf Abweichendes von der Landesart hin. Aber fraglos hatte die Mischung in ihr etwas Besonderes an Körperbau und Gesicht hervorgebracht und nicht nur daran, kaum minder schien's, auch in ihrem innerlichen Wesen. Dies ließ sich nicht grade als einnehmend bezeichnen, trug Wortkarges, wie etwas Eigenwillig-Selbstbewußtes an sich und erzeugte gleichsam beim Sprechen ein von ihren Lippen ausgehendes Kältegefühl. Das waren freilich Eigenschaften friesischer Abkunft und Mitgift, so daß bei näherer Betrachtnahme ihre seelischen Grundzüge doch allein von jener gebildet erschienen.

Das Boot lief nicht unter Vollwind, sondern noch ungefähr zu einem Drittel wider ihn, vermochte so grad' eben die verfolgte Richtung innezuhalten; für die Schnelligkeit seines Weiterkommens bot sich Arnold kein Maßstab, und gleicherweise, wie er die Veränderung im Raum nicht abschätzen konnte, hatte die Fahrt etwas Zeitloses für ihn. Nur aus dem schwächer werdenden Schein des Cuxhavener Leuchtfeuers ließ sich entnehmen, die Entfernung von diesem müsse schon eine beträchtliche sein und die Ueberkreuzung der breiten Elbmündung bereits ziemlich lange gedauert haben. Und nun sprach auch etwas Anderes davon; zur Rechten des Segels hob sich ebenfalls ein rothglühender Punkt über dem Wasser empor. Der konnte nur einen Leuchtthurm an der nahgerückten holsteinischen Küste deuten – oder doch nicht – denn fast wie mit der Geschwindigkeit eines Gedankens vergrößerte er sich, wuchs mit tiefer Blutfarbe breiter und höher an, und der drauf Hinschauende stieß vom Mund: »Das ist kein – ein gewaltiger Brand ist's!« Kurz scholl ihm vom Steuer her eine Antwort entgegen: »Der Mond,« und um ein geringes später erkannte er selbst auch seine Täuschung; der östliche Horizont mußte wolkenlos oder wohl richtiger dunstfrei geworden sein, dort schob sich ein fast vollgerundeter Glutfeuerball in die Lücke über dem Erd- oder Wasserrand herauf. Mit der unfehlbaren Pünktlichkeit des Weltenraum-Uhrwerks war der Mond nach der Angabe des alten Wullenberg erschienen, wie das Boot nah an's jenseitige Elbufer gelangte, und erkennbar begann er auch die von Johann Heinrich Voß am Nachmittag ausgesprochene Vermuthung zu bewahrheiten. Es regte den Eindruck, er werde beim Weiteraufstieg wieder hinter einer schwarzen Himmelsdecke verschwinden, doch diese zerging vor ihm, scheinbar, als flüchte sie vor einer Bedrängung durch seinen Oberrand zurückweichend davon. So verblieb er in unverdunkelter Deutlichkeit, verwandelte bald mehr und mehr seine Färbung. Aus der rothen Kugel ward eine in silbernem Glanz leuchtende Scheibe, die da und dort Funken in die düstere Wassermasse zu werfen, rasch sie mit glitzernden Strahlenfäden zu überspinnen anfing. Vor dem Blick Arnolds tauchte die Gestalt Age Terwisgas auf; ihre Züge ließen sich noch nicht unterscheiden, aber ihr Gesicht hob sich als ein perlender Glimmer über dem Steuerende des Bootes in die Luft.

Sie hatte nichts mehr gesprochen, doch nun klang ihr einmal ein kurzes Geheiß vom Mund: »Halten Sie sich an der Bank!« Er verstand nicht, warum er dies solle, leistete indeß halb unbewußt der Anweisung Folge, und um einen Moment später durchfuhr das kleine Fahrzeug ein jäher Stoß, der ihn muthmaßlich, wenn seine Hände nicht einen Halt besessen, über den Bootrand geschleudert hätte. Zugleich schlug ihm ein heftiges Geknatter des wildflatternden Segels an's Ohr, doch ward's fast sofort wieder still; ein Tau streifte ihm in blitzschnellem Schwung über den Kopf, und das Boot neigte sich tief nach der entgegengesetzten Seite als bisher auf's Wasser. Er bedurfte etwas der Zusammennahme seiner Sinne, um aufzufassen, was geschehen war. Das Steuerruder beinah im Halbbogen drehend, hatte die Lenkerin mit zagloser Sicherheit das losgemachte, einen Moment aus dem Wind fallende Segel umgelegt und wieder befestigt. Ein gedankenrasches Thun war's gewesen; nun saß sie ruhig am Steuer wie zuvor und sagte: »Jetzt kommen wir ohne weiteren Schlag bis zur Insel.«

In umgewandter Richtung ging's davon, aber das Gefühl empfand sogleich, es habe sich etwas verändert. Der Wind stieß nunmehr mit Vollkraft in das weit nach links übergebauschte Segel und mit mehr als verdoppelter Geschwindigkeit schoß das Boot wie ein Pfeil dahin; der stärker erhellende Mond ließ voraus ein hohes, verworrenes und verwogendes Aufringen aus der Wasserfläche nicht deutlich erkennen, doch ahnen. Das war nicht mehr die Elbmündung, sondern die offene See; zur Rechten hatte sich wie eine verschwimmende dunkle Nebelbank das Westende der dithmarsischen Küste gezeigt und verschwand jetzt spurlos wieder; in spitzem Winkel zur vorherigen Richtung lief das Fahrzeug zurück gradaus gegen Westen. Der Wind überschauerte kälter, unwillkürlich zog der junge Arzt seinen Mantel fester um sich; das Mädchen dagegen empfand offenbar nichts vom Frost, ließ die scharfen Luftstöße gleichgültig um den entblößten Hals fahren. Das bekundete wohl auch das friesische Blut in ihr, ein abgestumpftes Gefühl, nicht der Wärme bedürftig und nicht nach ihr verlangend.

Auf dem Weg von Otterndorf nach Cuxhaven war's Arnold Lohmer in halb traumartiger Vorstellung gewesen, als harre seiner ein Schiff, um ihn über Meeresweite an ein Wunderland unter scheitelrecht flammender Sonne fortzutragen. Das hatte sich höchst seltsam erfüllt, doch in völlig anders gearteter Weise. Er schwankte in der That auf uferlosem Wasser, aber frierend, statt von heißer Sonne umglüht, im kalten Mondlicht; kein Blüthenduft kam ihm entgegen, nur ein scharfer Salzgeruch umgab ihn, und sein Fahrtziel war kein tropisches Eiland, sondern eine öde Nordseeinsel, auf der eine kranke Alte ärztliche Hülfleistung von ihm erwartete. Wenn Traumbilder in Erfüllung gingen, so veränderten sie oft wunderlich ihr Gesicht.

Eine Thorheit war's doch gewesen, daß er dem anmaßenden Vorhalt des fremden Mädchens, seine Pflicht sei's, mitzukommen, nachgegeben hatte. Was ging ein Krankheitsfall auf Neuwerk ihn denn an? Ihm lag überhaupt nirgendwo eine Arztpflicht ob, niemand in der Welt besaß noch ein Recht daran. Um sich selbst zu erholen, hatte er seine Fußwanderung in die Maisonne hinaus unternommen, nicht um bei so veränderter Witterung in Nacht und Wind für unbekannte Menschen seine Gesundheit einer stärkeren Gefährdung auszusetzen.

Die Vernunfterwägungen kamen freilich zu spät, ihm blieb nichts andres übrig, als sich in die Folge seiner Bedachtlosigkeit und Voreiligkeit zu fügen, und allerdings ward diese ihm jetzt mehr und mehr mit einem fremdgewaltig Sinne und Seele anfassenden Reiz vergolten. Raum- und Zeitlosigkeit umgab ihn, aber die Nacht war hell geworden und hielt, was um ihn war, nicht wie zuvor unter farblosem Dunkel begraben. Das mondbestrahlte Segellinnen glänzte gegen den Himmel, und drunter wälzten sich die Wellen nicht unsichtbar heran, sondern von einem grünlichen Schein durchspielt. Sie erinnerten an aufgesträubt wallende Mähnen der Rosse Poseidons – die Vossische Odyssee-Uebersetzung, die Arnold mit sich trug, half wohl dazu, ihm dies Bild im Gedächtniß wachzurufen – wenn die Wogenkämme sich emporbäumten, war's als hebe jeder ein zerfließendes Stück eines riesenhaften Hermelinmantels aus geheimnißvoller Tiefe herauf. Auch drüber in der Luft blitzte es manchmal ebenso leuchtend, denn ab und zu schoß eine große, weißbrüstige Möve, schrillen Ruf's, dicht über dem Boot fort, als ob sie auf das rothe Kopftuch Age Terwisgas niederstoßen gewollt. Die saß, der Mondscheibe den Rücken zuwendend, so daß ihr Gesicht im Schatten lag, nur vom Lichtrückwurf des Segels angehellt wurde. So bot es etwas Ungewisses, die Phantasie zum Ausgestalten Anregendes, und wohl ebenfalls der Odyssee in der Brusttasche des ihr Gegenübersitzenden entsprang's, daß sie vor seinen Augen zu einem Bild der Leukothea ward, der halbgöttlichen Kadmostochter, die dem vom Untergang bedrohten Laërtessohn ihren Schleier zugeworfen, um ihn aus der Gewalt des ergrimmten Poseidon an's Gestad der Phäaken zu retten. Wunderlich, wie Vorstellungen jäh abschweifend im Menschengehirn wechseln, gerieth Arnold dabei plötzlich einmal die Pfarrerstochter in's Gedächtniß, die nach einer Mittheilung der Otterndorfer Rector, im Walde Kaffee kochend, zur Heldin eines Idylls zu machen beabsichtigte. Und unwillkürlich flog ihm ein halblachender Ton vom Mund; etwas Größeres an Gegensatz ließ sich kaum erdenken, als der sommerstille Wald und die wild im nächtlichen Aufruhr tobende See, als das mit der Kaffeekanne beschäftigte, jedenfalls blondköpfige Pastorenkind und die von dunklen Haarflechten umflatterte Leukothea am Steuer des wie mit dem Möwenflug wettenden Bootes.

Da auf seinem Gesicht die volle Mondhelle lag, kam dem Mädchen dessen kurzlachender Ausdruck zur Wahrnehmung; ein leichter Ruck ihres Kopfes gab's zu erkennen, Verwunderung oder Verständnißlosigkeit schien sich darin kundzugeben. Gleichzeitig indeß legte das Boot sich jetzt mit der linken Seite so tief auf's Wasser, daß eine Welle breit über den Rand hereinschlug und der junge Arzt Mühe hatte, sich zu halten, um nicht von der schräg geneigten Bank abzugleiten. Eine Empfindung rang sich ihm zum Bewußtwerden auf, der Wind habe seit einiger Zeit heftiger zugenommen und verstärke gegenwärtig seine Stöße noch gewaltsamer; an einer Seitenwendung des Kopfes der Steuerführerin ward merkbar, sie achte ebenfalls darauf, und ein leichter Ruck ihrer Hand ließ das Segel um ein weniges aus dem Wind drehen. Trotzdem wiederholte sich das eben Geschehene nochmals und zwar in erhöhtem Maße; hochaufgebäumt warf eine anrollende Woge ihre weißquirlende Schaumdecke breit über das Boot hin. Arnold mußte sich noch fester anklammern, dabei entflog ihm ohne Wissen ein halber Ausruf, dem eine Frage des Mädchens nachfolgte: »Vorhin lachtest Du, hast Du jetzt Furcht?«

Sie sprach nicht lauter, als am Lande, doch ihre Stimme besaß einen eigenartigen, das Tosen umher überwindenden Klang, so daß die Worte dennoch klar vernehmbar wurden; in ihrem Ton lag nichts Spöttisches, nur völlige Gelassenheit. Ihre Gedanken schienen indeß mit anderem beschäftigt zu sein, denn sie hatte offenbar vergessen, zu wem sie spreche, und den vor ihr Sitzenden so angeredet, wie's ihr Mund bei allen Mitbewohnern ihrer Heimatinsel gewöhnt war. Den Hörer befiel's zum andernmal vor ihr mit einem Schamgefühl, ihm klang nachträglich im Ohr, daß sein unwillkürlicher Ruf ein Erschrecken kundgethan habe, und er erwiderte rasch, von ihrer Frage ablenkend: »Mich dünkt, der Wind nimmt mehr zu.«

»Ja, er wird stärker.«

Gleichmüthig scholl die Antwort, und er bemühte sich, ebenso zu entgegnen: »Wie weit ist's noch zur Insel?«

»Geht's so weiter, eine halbe Stunde.«

»Kann das Boot – ich meine, wenn wir weiter auf die See kommen, kann es da gegen den Sturm halten?«

»Das müssen wir abwarten, ob Ran es will.«

Die Erwiderung ließ hören, Age Terwisga sei bei der unverkennbar mächtigeren Ansteigerung des Windes und Wogengangs selbst ungewiß, ob das kleine Fahrzeug sein Ziel erreichen werde, zu ändern war nichts mehr daran, die Richtung mußte innegehalten werden, aber ein noch gewaltigerer Stoß konnte drohen, das Boot plötzlich kentern zu lassen. Dann war keine Rettung denkbar, zweifellos um kurze Augenblicke nach dem Umschlagen alles vorüber.

Der Vorstellung Arnold Lohmers tauchten wieder ein paar Bilder auf und zwar die nämlichen wie schon einmal zuvor. Er sah seine Braut im Gesellschaftskreise eines vornehmen, lichthellen Saales sitzen, bewundernde Blicke richteten sich auf ihre Schönheit, ein leichtes Lächeln umspielte ihre feinen Lippen als Antwort auf die ihr dargebrachten Huldigungen. Ueber dieses Bild drängte sich ein anderes: Johann Heinrich Voß saß zwischen den aufgehäuften Büchern und Papierstößen seiner engen Arbeitsstube bei einer kleinen Lampe auf den Schreibtisch gebückt und nützte den Vorabend des Sonntags, eine Anzahl ihm im Kopf schon fertig gerathener Hexameterverse seines Pfarridylls auf einem Blatt festzuhalten; daneben bog Frau Ernestine den blonden Scheitel über ein Nähzeug und suchte, die Unkosten eines eigenen Lichtes für sich ersparend, mit von der Lampe ihres Mannes Vortheil zu ziehn. Mit lebhafter Deutlichkeit standen die beiden Bilder vor den Augen Arnolds, das des Reichthums und der kargen Beschränkung; dort und hier verweilte kein Gedanke bei ihm, ward niemand von einer Ahnung angerührt, wo und in welcher Lage er sich gegenwärtig befinde, daß der nächste Augenblick vielleicht der letzte seines Lebens sein werde.

Doch wunderlich, ihn selbst befremdend, gewahrte er diese Möglichkeit klar vor sich und bereute dennoch nicht mehr, sich thöricht dieser Gefahr preisgegeben zu haben. Nicht weil er damit einer ihm obliegenden Pflicht gehorcht; ihrer gedachte er nicht, fühlte nur, aus der Gelassenheit seiner Gefährtin sei eine gleiche über ihn gekommen, gleichsam aus ihren letzten Worten von ihrem Munde zu ihm herübergeflossen. Sie war jung wie er, offenbar bedacht, das Boot so achtsam zu führen, als es der zum Sturm angewachsene Wind möglich machte, aber dabei sah sie dem Tod ganz furchtlos in's Angesicht. Das mochte eine Mitgift friesischen Blutes sein, doch sprach kein stumpfsinniges Gefühl daraus, sondern etwas menschlich Großes, Unabwendbarem sich ruhig, ohne einen Laut des Bangens zu fügen. Ihre Erwiderung hatte gezeigt, daß sie sich der drohenden Gefahr vollbewußt sei, und wider Drang und Natur kraftvoller Jugend stritt's, sich jäh aus dem Leben wegreißen zu lassen. Aber es vermochte ihr kein Zeichen innerer Erregung abzunöthigen, sie wartete schweigend, was geschehen werde.

Sonderbar war's, was solche Lage, dem vielleicht plötzlichen Ende gegenüber, an Gedanken und Vorstellungen aus halb in Vergessenheit gerathenen Seitenfächern des Kopfes hervorzog. Dem jungen Arzt drängte sich die kurze, ›Auftrag‹ betitelte Ode Hölty's in's Gedächtniß, und er mußte sie sich, ob auch nicht vernehmbar, vorsprechen:

›Ihr Freunde hänget, wenn ich gestorben bin,
Die kleine Harfe hinter dem Altar auf,
Wo an der Wand die Todtenkränze,
Manches verstorbenen Mädchens schimmern.

Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden
Die kleine Harfe, rauscht mit dem rothen Band,
Das, an der Harfe festgeschlungen,
Unter den goldenen Saiten flattert.

Oft, sagt er staunend, tönen im Abendroth
Von selbst die Saiten, leise wie Bienenton;
Die Kinder, hergelockt vom Kirchhof,
Hörten's und sah'n wie die Kränze bebten.‹

Im denkbar stärksten Widerspruch stand das von den Versen vor Augen gestellte Bild zu dem wilden Toben auf der nächtlichen See, ruhevoll anblickend – so ruhig, wie Age Terwisga am Steuer dasaß.

Und seltsam, dem drohenden Untergang zum Trotz, drängte sich danach den Lippen Arnold Lohmers ein Lächeln auf, denn er hörte Voß sagen: »Mit den Bienen hatte Haining es viel in seinen Liedern.«

Ja, ganz gelassen wartete auch er, um nichts wäre ihm nochmals ein Ton des Erschreckens vom Munde gefahren. Ihn trieb's, seiner Gefährtin im eigenthümlichen Wortsinne, der dieselbe Gefahr mit ihm Theilenden, darzuthun, daß er ihr an ruhiger Fassung nicht nachstehe, und er suchte nach einem Gegenstand, über den er gleichmüthig mit ihr sprechen könne. Ihre letzten Worte, ›ob Ran es will‹, klangen seinem Ohr noch nach und verknüpften sich ihm mit einer Erinnerung, daß auch der alte Hafenwärter von ›Ran, die sich ihr weißes Haar kämmen werde‹, gesprochen habe. So griff er für seine Absicht nach dem ihm unbekannten Namen und sagte: » Ran, was ist das?«

Laut brachte sein Mund die Frage hervor, das Mädchen entgegnete mit der Stimme, die keiner Anspannung bedurfte, um sich verständlich zu machen. »Weißt Du nicht von ihr?«

»Nein, wer und wo ist sie?«

»Unter uns, überall, wohin Dein Auge sieht.«

»Und – Du sprachst – was will sie?«

Unbewußt hatte er Age Terwisga in gleicher Weise angeredet, wie sie ihn, ihm kam's erst, als es so über seine Zunge gerathen. Doch zugleich fühlte er, etwas ihm ohne Bedacht richtig Eingegebenes sei's gewesen, das Naturgemäße zwischen Menschen, deren Lippen vielleicht im nächsten Augenblick bevorstand, für immer stumm zu werden; nichtig und abgeschmackt hätte hier geklungen, was der Brauch der Gebildeten als Feinheit für ihre Umgangsformen zur Bezeugung von Höflichkeit und Achtung ersonnen hatte. Der Angesprochenen kam offenbar auch nichts von dieser Veränderung zur Auffassung, ihrem Ohr war's das allein Gewohnte, und sie gab auf seine Frage mit gleichem Ton wie zuvor Antwort: »Ran will ihr Netz füllen, darauf lauert sie – immer – und für wen's die Stunde ist, über den wirft sie's und zieht ihn in den weißen Maschen herunter.«

Dem Hörer ging auf, eine am Meeresgrund hausende Todesgöttin der Schiffersage sei's, vermuthlich der altnordischen Mythologie entstammend. Rings um das Boot hob und senkte sich's, wie das weiße Garngeflecht ihres Riesennetzes, und bei dem Anblick fragte er ernsthaft, wie von ihrem wirklichen Vorhandensein überzeugt: »Hast Du sie schon gesehen?«

Das Mädchen schüttelte kurz den Kopf. »Wer sie sieht, thut's nur einmal, wenn seine Stunde da ist, und sagt's Keinem mehr.«

Gleich einem sturmgepeitschten Blatt flog das Boot in rasender Hast dahin, das beinah zu Tageshelle gewordene Mondlicht ließ erkennen, die Sprechende halte das Steuerruder mit straff angespanntem Arm, unablässig auf Wacht, der sich fast in jeder Secunde erneuernden Gefahr des Kenterns durch eine kaum merkbar leichte Drehbewegung des Fahrzeugs auszuweichen. Ihre weitoffenen Augen waren vollständig reglos wie die eines Steinbildes, die Wimpern hatten nicht Zeit, sich noch so flüchtig zusammenzuschlagen, unverwandt bemaß der Blick zwischen ihnen das fast auf's Wasser niedergedrückte Segel, jede hochanschwellende Woge, die mit Vollwucht von der Seite zu treffen drohte. Daraus gab sich kund, Age Terwisga wolle nicht untergehn, trachte mit dem Aufgebot aller Kraft, Besonnenheit und Erfahrung, das Umschlagen des Bootes zu verhüten.

Dabei aber sprach jetzt ihr Mund, der sich bisher auf der Fahrt so wortkarg gezeigt, in der ruhig-gleichmüthigen Weise fort, als ob sie damit auch ein Hülfsmittel wider die Gefahr zur Anwendung bringe; es klang, wie wenn ihr Sinn sich darauf richte, Ran, von der sie weiterredete, zu besänftigen. Von den Lippen kam ihr nochmals die Wiederholung: »Wer sie mit den Augen wahrnimmt, kann niemand mehr sagen, wie sie aussieht. Aber ich sehe sie doch vor mir; ihr Gewand ist grün, wie Binsen unter'm Wasser, drauf die Sonne scheint, und auch ihr langes Haar, nur dunkler, gleicht dem Seetang am Grund. Darunter blinkt ihr Gesicht so weiß wie eine Muschel im Sand oder eine Möwenbrust in der Luft; was für Augen sie hat, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie blau, von der Farbe des Himmels am Sommermorgen; vielleicht sind sie wie Sterne in der Nacht. Unter den Leuten geht Gerede von ihr und heißt sie bös, falsch und voll Tücke. Aber das thut ihr unrecht, sie meint es gut und wirft das Netz nur über den, für welchen die Stunde da ist. Dann nehmen ihn ihre Arme, so wie eine Mutter ihr Kind, und legen ihn zum Schlafen auf ein weiches Bett. Da ist's ganz dunkel und still, kein Wind und keine Welle mehr, kein Licht und kein Leid. Und der Herzschlag klopft nicht mehr an die Brustwand, ihn vom Schlaf zu wecken. Denn wen Ran zu Bett gebracht, dem kann nichts mehr Arges anthun.«

Im Gegensatz zu dem blitzartigen Fortschießen des Bootes kamen die Worte der Sprecherin ganz langsam vom Munde. Arnold Lohmer hörte im Brausen des Sturmes draufhin, sie klangen ihm fremd-wunderlich an's Ohr, und er vergaß, wo er sei, was um ihn war und drohte. Nach kurzem Anhalten fuhr das Mädchen fort: »Du bist ein Herr, der viele Dinge weiß, die ich nicht kenne, und Du glaubst nicht an Ran –«

Er fiel ein: »Wenn Du von ihr sprichst, thu' ich's –«

Und sie sprach weiter, von Menschen, die sie gekannt und die das Segel nicht wieder heimgebracht, weil ihre Stunde gewesen, daß Ran die Hände nach ihnen heraufgestreckt. Gleichmäßig langsam reihten die kurzen Sätze der Erzählenden sich aneinander –

Dann durchfuhr einmal plötzlich ein Ruck den Kopf Age Terwisgas, ihre freie Hand hob sich deutend in die Höh' und sie stieß aus: »Da ist's!«

»Was?« Sich wendend, sah er in die Richtung, ohne etwas wahrzunehmen. »Was ist da?«

»Das Feuer.«

Aus der Brust des Mädchens flog's hervor, als ob sie einen schwerpressenden Druck von sich abgewälzt fühle und mit befreitem Athemzug aufwoge. Der Hörer verstand's noch nicht, fragte: »Welches Feuer?«

»Der Leuchtthurm von Neuwerk.«

Nun unterschied sein angespannter Blick auch einen kleinen Schein, der mit röthlicherer Farbe aus dem Silbergeglimmer der Mondstrahlen hervorschimmerte; das Feuer kündete die Nähe ihres Fahrtziels, mit Gedankenschnelle nahm jetzt seine Deutlichkeit zu. Unter ihm ward ein Landufer sichtbar oder zunächst nur noch dadurch erkennbar, daß ein weißer Gürtel sich dran entlang zog, Wellen, die mit hohen Schaumköpfen aufschlugen und zurückfielen. Ein wenig mehr gegen Süden gedreht, um an der brandungslosen Leeseite der Insel anzulanden, lief das Boot auf diese zu; die Steuerführerin saß jetzt lautlos verstummt, wie wenn das letzte Fahrtstück noch erhöhte, durch nichts Anderes beirrte Achtsamkeit von ihr fordere, damit die zornwüthige Nordsee ihr nicht am Schluß noch den Sieg entreiße. Doch um wenige Minuten später nahm eine kleine sichernde Bucht das Fahrzeug auf; dann stand Arnold Lohmer auf festem Boden, aber mit einem Gefühl, als ob dieser noch unter seinem Fuß fortschwanke. Mit windbetäubten, gischtübersprühten Augen sah er um sich in die helle Nacht, ihm war's, als sei er über einen Ocean gefahren und an einem fremden Erdtheil gelandet.

Age Terwisga umschnürte das Segel am Mast, trat dann ebenfalls an's Land, das Boot mit dem Tau festzumachen, und setzte danach den Fuß in der Richtung auf ein etwa schußweit wie ein dunkler Würfel emporragendes Gebäude vor. Sie schien damit auch schweigend ihrem Begleiter den Weg deuten zu wollen, doch neben seinem Standplatz hielt sie an und sagte, auf die See zurückblickend: »Hätt' ich gewußt, wie die Fahrt würde, da hätte ich Dich nicht mitgenommen.«

In der kurzen Aeußerung lag enthalten, daß sie nicht mehr an ein Erreichen der Insel geglaubt hatte. Dem jungen Arzt kam unwillkürlich als Erwiderung vom Mund: »Wärest Du denn, wenn Du's gewußt, allein zurückgefahren?«

Sie sah ihn an, als müsse sie über den Sinn seiner Frage erst nachdenken und verstehe ihn nicht. Denn sie antwortete nicht drauf, sondern sagte: »Wenn Du an Ran auch nicht glaubst, war sie doch gut für Dich.«

Dabei spielte ihr ein Zug um die Lippen, den Arnold noch nicht an ihr gesehn und dessen er sie nicht fähig gehalten. Aber fraglos war es der Anflug eines Lächelns, der ihr den Mund umhuscht, und es hellte ihm plötzlich ein Verständniß auf. Ran war gut für ihn gewesen, nicht weil sie ihn lebend hergebracht, sondern weil sie ihm über den schlimmsten Theil der Fahrt weggeholfen. Aus dem Ruf, der ihm entflogen, hatte seine Begleiterin erkannt, Schreck und Bangen vor dem Untergang sei über ihn gekommen, und sie hatte von Ran weitergesprochen, durch ihr Erzählen seine Gedanken von dem, was in jedem Augenblick drohte, abzulenken. Das offenbarte sich in dem flüchtig ihre Aeußerung begleitenden Lächeln; bei der ländlichen Einfachheit ihres Standes und Wesens besaß sie Auge und Ohr nicht nur für Wind und Wasser, sondern auch, das in einem Menscheninnern Verhaltene und Verhehlte auszukunden. Freilich hatte sie sich nachher damit getäuscht, da er nur ganz kurz von dem Schreck befallen gewesen, doch rasch durch ihre eigene Ruhe selbst ebenso in furchtlose Gelassenheit versetzt worden war.

Nun schritt sie voran auf das Haus zu, und bald stand er in einer erhellten, geräumigen Stube, wo ihm schon an der Schwelle ein völlig weißumbarteter, sehr alter, doch grad' aufrechter Mann mit kummervollem Gesichtsausdruck entgegentrat. Das war Hadlef Terwisga, der Großvater Age's; sie erklärte ihm mit ein paar Worten, wer der von ihr Mitgebrachte sei, und der Alte faßte diesen wortlos hastig an der Hand, um ihn an eine durch Schiebethüren abschließbare Wandbettstelle des Raumes zu führen. Nach bräuchlicher Anlage befand sie sich ziemlich hoch über dem Boden, so daß Arnold trotz seiner großen Gestalt auf eine davorstehende Holzbank steigen mußte, um die im Bett liegende Kranke deutlich sehn zu können. Ganz weißhaarig, mochte sie ziemlich im gleichen Alter mit ihrem Ehemann sein, der zur Erhellung ein Talglicht in die Höh' hielt, das von einem Zittern seiner Hand leicht hin und her schwankte. Die am Nachmittag vom Sitz heruntergesunkene alte Belke lag mit offenen Augen und sah verwundert in das sich über sie bückende, ihr fremde Gesicht des jungen Arztes; augenscheinlich war sie bei voller Besinnung, bestätigte dies auch durch ihre klarverständlichen Antworten auf seine Fragen. Wie er einmal den Kopf drehte, sah er sich den Blick des Mannes mit einer stummen Angst in's Gesicht gerichtet, um aus seinen Zügen abzulesen, wie es mit der Erkrankten stehe. Daraus geriethen ihm die Worte einer der Frauen im Cuxhavener Krämerladen in's Gedächtniß: »De ol Hadlef tövt wiß all, sin ol Belke liggt em mehr an't Hart as sin Köh un Ossen.«

Das hatte für seine städtische Bildung merkwürdig geklungen, doch im Mund der Sprecherin Ungewöhnliches, wie kaum Denkbares ausdrücken wollen und offenbar Zutreffendes gesagt. Der alte Mann hing sichtlich mit seinem ganzen Herzen an der alten Frau in dem Wandbett.

Auch die am Ladentisch Timm Stade's aufgestellte Vermuthung, daß sich's bei ihr um einen Schlaganfall handle, hatte zweifellos das Richtige getroffen. An der linken Seite waren ihr der Arm und Fuß gelähmt, doch wie Arnold sie aufforderte, einen Versuch zur Bewegung des ersteren zu machen, war sie dazu zwar nicht fähig, aber ihre Hand hob sich um ein klein wenig auf und in den Fingern zeigte sich ein leises Regungsvermögen. Auf eine an den Alten gerichtete Befragung, ob sie dies auch gleich nach dem Anfall noch besessen habe, erwiderte er: »Nee, do weer ehr allens –«, doch beim Sprechen besann er sich, brach ab und wiederholte auf hochdeutsch: »Da war der Arm und Fuß ihr ganz wie todt.« Und nach einem Innehalten sagte er, ebenso beginnend und wieder umändernd, aus athembeklommener Brust hinzu: »Wat glövst – was glaubst Du?«

Der hochdeutschen Sprache zeigte er sich, wie seine Enkelin mächtig und hatte das Gefühl, sich ihrer bei dem fremden Doctor bedienen zu müssen, dagegen war merklich seiner Zunge eine andre Anrede als mit ›Du‹ unbekannt. Arnold versetzte jetzt, da sich schon nach so kurzer Zeit, wenn auch gering noch, eine Bewegungsfähigkeit wieder eingestellt habe, sei gute Hoffnung vorhanden, daß nichts Schlimmeres mehr nachfolgen, vielmehr der ganze Zustand in einigen Tagen völlig wieder gebessert sein werde. Er ließ etwas Wasser bringen, dem er einige Tropfen einer aus der Apotheke mitgenommenen Mixtur zumischte; als die Alte das durststillende und beruhigende Mittel zu sichtlicher Erquickung über die Lippen gebracht, ordnete er an, sie nun ungestört dem wahrscheinlich bald eintretenden Schlaf zu überlassen, und stieg von der Holzbank auf den aus hartgestampftem Lehm hergestellten Fußboden der Stube hinunter. Hinter sich hörte er Hadlef Terwisga mit halblaut gedämpfter Stimme sagen: »Denn slap god, Mudder, wi bliwt noch tosam;« dazu legte seine breite Hand sich einen Augenblick sacht auf den Kopf der Alten, und sie antwortete: »Jo, Vadder, dat lat us. Lat Age nich vergeten, dat se den Docter wat to eten bringt.« Danach zog er geräuschlos die Schiebethüren vor dem Bett bis auf einen schmalen Luftspalt zusammen und trat auf den Zehen zu dem jungen Arzt hinan, um seine Hand zu ergreifen und mit einem stummen Dankesdruck umfaßt zu halten.

In der Stube war's ganz still, nur der lange Pendel einer alten holländischen Wanduhr in einem großen, mit wunderlichen Bildnissen zweier grünhaariger Meerweiber geschmückten Kastengehäuse tickte langsam-leise hin und her. Ein so sonderbarer Gegensatz lag in der Umgebung Arnold Lohmers zu der, in der er sich bis vor höchstens einer Viertelstunde befunden, daß ihn ein Gefühl überkam, er habe nur geträumt, von Hamburg aus unter den Kirschblüthen des Alten Landes hin bis nach Otterndorf gewandert zu sein, dort mit Voß und seiner Frau am Mittagstisch gesessen und danach in Mondnacht, Sturm und Wogengang eine mit Lebensgefahr bedrohende Segelfahrt auf die Nordsee hinaus gemacht zu haben. Ihm war's, als träume er immer noch weiter, nun auf einer kleinen Insel in einem Bauerngehöft an einem anderen Tisch zu sitzen, auf den ein Mädchen mit dem Namen Age Terwisga kalten gebratenen Flunder, Brod und Butter vor ihn hinstellte; er hatte Hunger und aß, aber die seltsame Empfindung verließ ihn nicht, er thue es im Traum, sie dehnte sich noch weiter zurück aus, als sei überhaupt sein ganzes Leben bisher nur ein Traum gewesen. Ab und zu stand der weißbärtige Alte neben ihm auf, trat sachte an die Wandnische hinan, horchte und sagte, auf den Zehen zurückkommend: »Se slöppt – aber Du bleibst doch hier bei uns, Doctor, bis daß sie wieder vor ihrem Bandstuhl sitzen kann?« Das Letzte bezog sich auf einen im Winkel des Raum's stehenden Tisch mit einem Webgeräth drauf von uralter, einfachster Art, an dem die alte Belke, arbeitsam Band webend, gesessen hatte, als sie von dem Schlaganfall getroffen worden. Der junge Arzt setzte dann und wann einen Trunk Husumer Biers aus dem großen Thonkrug an den Mund und antwortete dazwischen auf Fragen Hadlefs, bei dem er sich rasch, als in etwas Selbstverständliches, hineingefunden, ihn ebenfalls mit ›Du‹ anzusprechen. Das Mädchen betheiligte sich nicht an dem Gespräch, sondern saß lautlos seitwärts auf auf einer Bank; manchmal schwiegen auch die beiden andern Stimmen eine Zeitlang und nur der Uhrpendel ging durch die traumartige Stille.

Dann aber fühlte Arnold sich schwermüde, die Lider fielen ihm zu, und er wußte kaum, wie er in eine andre Stube gekommen sei, wo Age Terwisga, ein Talglicht in einem Messingleuchter in der Hand haltend, vor ihm stand. Sie sagte: »Schlaf gut!« und wandte den Fuß gegen die Thür zurück, doch drehte den Kopf noch einmal und setzte, ihm ihre Hand hinstreckend, hinzu: »Ich danke Dir, daß Du mitgekommen bist; der Großvater kann jetzt auch heut' Nacht schlafen.« Nun ging sie hinaus; der Zurückbleibende nahm keinen Eindruck mehr von dem Raum um ihn auf, unterschied nur noch vor sich eine in die Wand eingelassene Bettstelle. Darauf streckte er sich schnell hin, doch schon in einem wirklichen Traumzustand, denn in seiner Vorstellung hatte Ran ihm ihre Hand gereicht, und er war verwundert, daß diese nicht naß zerfließend und kalt, sondern eine lebenswarme Menschenhand gewesen war.

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