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Vor der Elbmündung

Wilhelm Jensen: Vor der Elbmündung - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleVor der Elbmündung
publisherVerlag von Carl Reißner
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwischen der Unterelbe und dem Mündungsgebiet der Weser dehnt sich eine Landschaft, sozusagen eine breite Halbinsel aus, die schon vor Jahrhunderten einem Berichterstatter von ihr zu eigenthümlichem Vergleich Anlaß gegeben hat. Denn er äußert sich dahin: »Daß das mittlere Theil / zwischen Stade und Bremen / durch welchen die Kauffleuthe gebräuchlich zu raisen pflegen / rauh / ungebawt / von Sand und Pfützen unfruchtbar unnd mit Heyde besäet seye: Deßwegen man dann dieses Land insgemein einem ausgebreiten Mantel vergleiche / dessen zwei vordere Theil / oder Außfäll / wann man an beeder Flüße / der Elb unnd Weser / Gestad über sich raiset, mit sehr fruchtbaren Aeckern und Waiden / als mit einem Sammet oder Taffet / gezieret / die übrige Breite aber von schlechtem Faden / oder Hanff gewirket seyn.«

Diesen Sammt- oder Taftbesatz bildeten demnach, der Stadt Hamburg gegenüber beginnend, am linken Elbufer entlang das ›Alte Land‹, das ›Kehdinger Land‹, dann das ›Land Hadeln‹ um seinen Hauptort ›Otterndorf‹ bis zur nördlichen Spitze der Halbinsel bei Ritzebüttel hin; von hier senkte sich an der Weserseite das ›Land Wursten‹ wieder südwärts hinab. Diese kleinen ›Länder‹ bestanden aus einem etwas mehr oder minder breiten Gürtel äußerst fruchtbaren, nach der Wasserseite durch feste Deiche geschützten Marschbodens; zwischen sich im Innern dagegen hielten sie das große Mantel-Mittelstück aus schlechtem Faden groben Hanfs, unbewohnte und unbebaute öde Sandwüsten, Moore und Sümpfe, von träg durch die Einsamkeit hinschleichenden Gewässern durchzogen. An diesen, von der Natur gesetzten Bodenzuständen vermochten Zeiten und Menschenhände nicht viel zu ändern, sie blieben sich im Wesentlichen bis heute stets gleich, seitdem die Gegenden hauptsächlich von dem altgermanischen Stamm der Chauken in Besitz genommen und besiedelt worden. Wann dies geschehen, berichtet keine Urkunde, noch Ueberlieferung; die Römer trafen sie bei ihrem Vordringen bis zur Nordsee als ein Volk von Fischern und Hirten hier an. Das ›Alte Land‹ zwischen Harburg und Stade ward indeß erst im 12. Jahrhundert von herübergezogenen Niederländern eingedeicht und urbar gemacht, die sich schon frühzeitig neben dem Getreidebau der Anpflanzung von Obstbäumen zugewandt zu haben scheinen. Bekannt und berühmt ist dieser Marschstrich in unsern Tagen durch seine Kirschblüthen im Mai, zwischen denen ein Wandrer Stunden um Stunden wie unter schneeweißem Dach hingeht. Hart fährt oft und lang der Wind an der Unterelbe daher, doch der römische Feldherr Lucullus brachte die Kirsche aus einer rauhen Heimath, der pontischen Küste, nach Europa, und sie ließ sich ihre Verpflanzung an die Nordsee ohne Widerstreben gefallen, tritt bereits zur Zeit des Plinius als einheimisch in den Niederlanden auf und gedieh bei vorherrschend feuchter Witterung in den fetten Marschen des Nordens sogar besser, als unter zu heißer Sonne auf dem trockenen Steingrund Italiens. Der Kirschbaum ist kein übermäßig langlebiges Gewächs, doch gleich den Menschengeschlechtern um ihn her erhält er sich auf dem Boden fort wo er dem Kern entsprossen; die Alten vergehen, aber stetig wachsen die Jungen nach und bieten den Augen der Enkel das gleiche Bild, wie es vor denen der Vorväter gestanden.

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