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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Am Sonntag klagte sie es Allert vor. Aber sie bat ihn auch, bei Amsters Karten abzugeben. Erstens konnte es ihm wirklich nützlich werden, vielleicht traf er da Männer, deren Ansichten und Verbindungen ihm förderlich sein konnten. Und dann: Frau Amster war geradezu für sie ein Agent. Sie hatte es richtig schon erzielt, daß Sophie weitere Aufträge bekam: die beiden schönen Knaben einer Frau Haimbrugk sollte sie als Doppelporträt malen und eine sehr elegante, übermäßig schlanke Amerikanerin mit wunderbarem Haar, die sich kürzlich mit einem Vetter der Frau Amster verheiratet hatte, als Halbfigur. Diese Bilder sollten ebenfalls in dem Nordzimmer gemalt werden, das die Senatorin zum Atelier bestimmt hatte.

Das mußte man doch auch bedenken. Und somit versprach Allert seufzend, was ihm doch nur Störung bedeutete.

»Wer Geld verdienen will, ist schließlich abhängig,« sagte er.

»Wer keins mehr zu verdienen braucht, weil er zu viel hat, ist es noch viel mehr.«

»Es lebe der kleine Rentner,« rief Allert.

»Von dem Rositz immer sagte, er sei der Feind der Entwicklung.«

»Rositz – Gott ja – der arme Rositz. Hörst Du wohl mal was von seiner Familie?«

»Oft schreibt mir die Tochter. Sie hat sich rührend zärtlich an mich angeschlossen.«

»Ja, Mutter, dazu lädst Du ein. Hoffentlich tut es Julia Dorne auch. Du bist so mütterlich-weiblich. Du hättest zehn Töchter haben sollen.«

»Bin zufrieden, wenn ich nur zwei Schwiegertöchter bekomme.«

»Das ewige Thema.« Und sie lachten. »Dorne hat doch auch Zeit gehabt, sich zu verheiraten,« sagte die Mutter.

»Das lag anders für ihn. Er hat ein Vermögen von annähernd einer halben Million. Er war also unabhängig. Und doch – da er der geborene Arbeiter ist – weißt Du, es gibt so viele Sorten von Arbeitern – solche von der Art der Bohrwürmer, still, pausenlos, unbemerkbar – andere wie Pferde, stolz, kühn, rasch – dritte wie Stiere, kraftvoll, aber plump – na, Dorne ist Bohrwurm. Gänzlich. So'n Mann hätte eigentlich nicht heiraten sollen. Paß auf – Du wirst schon sehen.«

Dornes und Allerts Mutter hatten Besuche ausgetauscht und sich verfehlt. Nun wünschte Frau Julia durchaus eine Begegnung am dritten Ort. Sie war noch nicht mit ihrer Einrichtung fertig, konnte noch keine Gäste haben und war doch voll Ungeduld, die Bekanntschaft von Allerts Mutter zu machen. Sie störte die Herren ab und an mit ihrem Besuch, kam am Kontor vorgefahren und ließ sich von Allert immer wieder die Fabrik erklären. Er dachte: die langweilt sich. Und er dachte weiter, es sei besser, ein kleines Zeitopfer zu bringen, damit ihr Wunsch erfüllt werde. Morgen nun war ihr Geburtstag. Sie hatte sich ausgebeten, daß man ihn feiere. Man wollte auswärts essen. Die Zeit, fünf Uhr, war Sophie angenehm, dann hatte sie sich längst von der Arbeit erholt. Jetzt an den kurzen Dezembertagen konnte man keine Sitzungen nach ein Uhr mehr abhalten.

Als Allert am andern Nachmittag das Kontor verließ, um sich umzukleiden, war er eigentlich wütend. Mitten aus der schönsten Arbeitszeit heraus! Aber er tröstete sich damit: gleich nach dem Essen, wenn das Geburtstagskind ihren Ehemann noch ins Theater verschleppte, konnte er sich wieder über seine Bücher und Korrespondenzen hermachen.

Es war ein greuliches Wetter. Nebel. Dieser Hamburger Nebel, der ein Bruder des Londoner ist. Allert stand einen Augenblick im Einfahrtstor. Hinter ihm lag die Fabrik, mit ihren Schuppen, Maschinenhaus, Kontor und Lager und all dem Nebenkram von Karren, Kisten, Abfallhaufen. Es war ein feuchtes, verschwommenes Bild von düsterm Graugelb. Lichtflecken standen darin wie verwischt von nassen Pinseln, der Schein verfloß in das Grau hinein. Und durch diese dicke, stechende Luft klang allerlei Geräusch: Pfeifen, Pusten, das dumpfe Stoßen von Kolben, das Plappern von Maschinenrädern, das Zischen von Dampf.

Vor ihm zog sich die Straße entlang, schmutzig, naß, ekel und unübersichtlich. Hinauf, hinab in einen graugelben Schlund verlaufend, die Laternen von dichten Nebelfloren umhüllt. Und jeder Atemzug schmeckte nach Kohlen.

Die Menschen schienen zum Nibelungengeschlecht geworden, das verdammt war, in unterirdischen Höhlen das Gold zu schmieden. Und in Allerts Ohr formte sich das Geräusch, das ringsum aus den schaurig umhüllten Arbeitsstätten drang, zum Gehämmer der Zwerge Alberichs. Er pfiff den Rhythmus vor sich hin und ging dem Bürgersteige nach, um seiner Wohnung zuzustreben.

Als er um die Ecke bog, hörte er seltsame Laute – Lachen, kurz und roh – den Schrei einer Frauenstimme – er sah niemand und nichts. Aber dem Klang nach war das in der Richtung seines Weges. Er beschleunigte seine Schritte nicht. Denn das gab es hier draußen alle Augenblicke: Balgereien zwischen betrunkenem Mannsvolk und liederlichem Weibszeug. Das prügelte sich und vertrug sich.

Aber nun, wo er dem Stimmenklang näher kam, zeigten sich auf dem Bürgersteig im feuchten Nebel Umrisse ... Männer, die auf ein weibliches Wesen einzudringen schienen – nein, waren es nicht zwei? – Und im verfließenden Licht einer umnebelten Laterne hob sich ein Arm – wieder ein Schrei – und im gleichen Augenblick, als Allert das Gefühl bekam, daß da doch Frauen gegen Männerroheit zu schützen seien, rannte auch schon eine weibliche Gestalt daher und gegen ihn an und weiter – wie besessen. Taumelnd hinter ihr drein ein Mensch – Allert schob ihn bei Seite – plump schlug der hin – schwer, wie Körper tun, die alle Macht über ihre Bewegung verloren haben. So blieb er liegen und schimpfte lallend über die nassen Straßensteine weg. Zugleich sah Allert auch schon, daß da an der Hausmauer sich eine Gestalt lehnte – mit dem Rücken sich feststemmend – den gebogenen rechten Arm erhoben, ihn wie zum Schutz vor ihr Gesicht haltend, mit der Linken den Mann abwehrend, der auf sie eindrang. –

»Een lütten Söten – eenen lütten Söten ...,« sagte der heiser.

Schon war Allert neben dem Kerl und stieß ihn mit starker Faust zurück. Auf diese ganz unverhoffte Erschütterung seines Gleichgewichts war der Angetrunkene nicht gefaßt gewesen – mit groteskem Tappen, die Arme in die Luft hineinschlagend, versuchte er sich vor dem Fall zu bewahren. Er hatte auf der Stelle das weibliche Wesen vergessen und war voll Wut auf den Stoß und rohrte allerlei Unklares und Bedrohliches vor sich hin und kreuzte schwankend auf dem Bürgersteig, und war entschlossen, sich sowas nicht gefallen zu lassen – und überhaupt so'n Kerl – was unterstand der sich hier – stieß einen weg – wenn man bloß mal eben mit 'ner hübschen Deern 'n büschen nüdlich sein wollte – nee, so was braucht man sich nich gefallen zu lassen – in 'n Leben nich. – Und sein Zorngemurmel verlor sich – die mit den Armen nach Halt ausgreifende, hin und her vagabundierende Gestalt verschlang der Nebel.

Allert stand vor dem jungen Mädchen – oder war es eine Frau? Gehörte sie in diese Gegend? Sie trug einen sehr einfachen langen Paletot – ihr Hut war von der größten Unscheinbarkeit – dennoch hatte Allert sofort das Gefühl: eine Dame.

»Hoffentlich ist Ihnen nichts geschehen?« fragte er höflich.

»Nein. Danke. Man ist ja immer mal Zudringlichkeiten ausgesetzt. Aber diese beiden Betrunkenen waren gräßlich.«

Sie bückte sich ein wenig und schlug ihren Mantel ab. Durch Allerts Hirn blitzte ein Gedanke: ein Hallelujahmädchen? Aber nein, das war nicht die Kleidung der Heilsarmee.

»Und Dory ist weggelaufen,« stellte die Dame nun erst fest, »es scheint ...«

»Ja, mir lief eine Dame in die Arme und vorbei – aber der Mensch da fiel hin – ich sah – Sie hatten mich nötiger!«

»Danke. Ja – Sie kamen zur rechten Zeit,.. Aber Dory?« Sie schien zu überlegen.

»Hinterdreinlaufen wäre nicht ratsam,« sagte Allert.

»Und rufen unnütz,« meinte das junge Mädchen. Und nach einem kurzen Besinnen fügte sie hinzu:

»Ich will ein wenig hier warten. – Wenn meine Freundin in einigen Minuten nicht zurückkommt, muß ich annehmen, daß sie nach der Amsinckstraße gerannt ist, um die Bahn zu erreichen.«

»Sie erlauben, daß ich mit Ihnen warte,« sagte Allert sehr höflich und sehr bestimmt. Er verstand es, eine äußerste Zurückhaltung merken zu lassen und zugleich auf eine herrische Art zu zeigen, daß es nicht seine Sache sei, eine junge Dame unbeschützt zu lassen. Ja, sein Ton war beinahe unfreundlich. Er fühlte ungefähr: sie soll um Gottes willen nicht denken, daß sie vom Regen in die Traufe kam.

Solch stattliches Mädchen! Was tat die hier in den düstern Straßen?

Nun sah er gewiß, es war eine Dame. Das klare, graue, sicher blickende Auge stand in einem Gesicht, dessen Züge sehr gewinnend waren. Besonders den Mund fand Allert wunderhübsch – so klug und in den tiefen Winkeln versteckt ein liebliches Lächeln. – Wenn er das doch hätte hervorrufen dürfen! Aber er begriff, er mußte barsch und fern und streng bleiben.

Auf seine Erklärung, mitwarten zu wollen, neigte sie zustimmend ein wenig den Kopf, verbindlich ohne jede Verlegenheit. Gerade so, als stände man auf dem Parkett unter strahlender Krone zusammen und nicht auf der nassen Straße im graugelben Nebel, der den Himmel von der Erde schied und auf allem Lebendigen lastete, als sei ein Riesenkessel darübergestülpt, unter dessen Rand heraus nun der üble Brodem nicht entweichen könne. Die Stadt rumorte darin, und die Lichter glommen – alles floß ineinander, Töne, Strahlen, Formen. Farben – alles war wie zusammengemischt von einem feuchten, grauschwarzen Lumpen. –

Sie warteten – vielleicht so lange, wie man bis hundert zählt, schweigend.

Das war sehr lange.

Ein paar Schritte weiterhin, auf dem Fahrdamm, den Kantstein des Bürgersteigs als Kopfkissen benutzend, lag der Kerl. Er schlief.

Man sah ihn eigentlich nur, weil man wußte, da lag er. Der Nebel umhüllte ihn bis zur Undeutlichkeit.

»Es müßte gleich zur nächsten Polizeiwache telefoniert werden,« sagte die Dame, »der Mann kann sich den Tod holen.«

»Keine Sorge. Betrunkene nehmen keinen Schaden.«

»Dieser Alkohol ...,« sprach sie bedauernd.

Und so sachlich, als flögen ihre Gedanken zugleich über das ganze Gebiet der Bewegung gegen den Schnapsteufel. Jetzt kamen ein paar Jungen vorbei; der eine schlampte auf Holzpantoffeln, es klappte hell. Sie blieben dann bei dem Betrunkenen stehen – stießen ihn an – lachten – riefen ein Schimpfwort und gingen weiter.

»Was ihnen Entsetzen sein sollte, ist ihnen ein Jux,« sagte die Dame.

»Ja,« bemerkte Altert, »das ist wohl die schwierigste Aufgabe der Volkserziehung, das Laster als Laster begreiflich zu machen.«

»Aufgabe – noch für Jahrzehnte,« gab sie zu. Sie sah immer nach der Richtung hinaus, die ihre Gefährtin bei der Flucht genommen hatte. Aber in dem spärlichen Leben der Straße erschien die Erwartete nicht. Um den Betrunkenen bildete sich nach und nach eine kleine Zuschauergruppe.

»Die Dame scheint nicht umgekehrt zu sein,« sagte Allert.

»Nein wirklich, ich glaube auch, sie kommt nicht zurück.«

Und dann erwog sie laut: »Es wird für mich am besten sein, nach der Amsinckstraße zu gehen und die Ringbahn zu nehmen – wir waren noch nicht fertig – aber allein – das sollen wir nicht ...«

»Sie gestatten, daß ich Sie begleite,« sprach er wieder in seinem bestimmten Ton.

»Sehr gütig. Ich habe keine Furcht.«

Er hielt sich neben ihr. Und er dachte: ich werde nicht fragen – sie wird vielleicht von selbst etwas erklären – eigentlich müßte ihr Gefühl ihr das eingeben.

Sie spürte vielleicht aus seinem taktvollen Schweigen seine Erwartung heraus. Denn plötzlich sagte sie:

»Sie haben wohl erraten – meine Freundin und ich waren auf Wegen sozialer Bemühungen.«

»So was dergleichen dacht' ich mir – Armenpflege – Frauenverein – fromme Ermahnungen.«

»Die letzteren nicht. Der Verein, dem meine Mutter vorsteht, verquickt nicht kirchliche Propaganda mit rein menschlichen Pflichten. Wir beschäftigen uns vor allem mit der Rettung gefallener Mädchen und unehelicher Kinder.«

»Sehr schön,« sagte Allert, »aber es ist für Damen immer mißlich, sich in die Industrieviertel zu wagen und obenein in solchen dunklen Nachmittagsstunden und in solchem Nebel.«

»Wir gehen immer zu zweien. Und ich bin nun einmal Montags von vier bis sechs an der Reihe. Wetter und Licht kann man sich nicht aussuchen. Im Frühling ist es freilich leichter.«

»Gnädige Frau,« sprach er warm, »es ist sehr schön, wenn Damen am sozialen Ausgleich mitarbeiten – ich habe nicht die Ehre, Sie, Ihren Verein und seine Arbeitsmethoden zu kennen – aber ich hab' zu oft gesehen: das Dilettieren in der sozialen Frage erbittert oft die Betroffenen mehr, als daß es sie erhebt.«

»Unser Verein hat schon viel Segen gestiftet und besonders durch Aufklärung die heranwachsende weibliche Jugend geschützt. Ich glaube sagen zu dürfen, daß wir taktvoll vorgehen. Wir vermeiden sogar, durch unsere Kleidung Neid zu erwecken.«

Aber da waren sie nun. Die Straße, zur Linken von weiten Plätzen, noch in der Umwälzung begriffenen Anlagen, von großen Bauten, Planken und Bahnüberführungen flankiert, war voll Leben, das aus dem Nebel auftauchte und wieder darin verschwand.

Sie mußten auf dem Rand des Bürgersteigs einige Minuten warten, bis die richtige Bahn kam. Zwei-, dreimal glühten die Laternenaugen elektrischer Wagen heran, und oben, vorn über ihren Stirnen, erhob sich im transparenten Licht ihre Zahl. Die erhellten Fensterreihen glitten vorüber, und man sah drinnen all die Rückseiten dieser Menschen, die einem fremd waren, von deren Fahrt und Ziel man nichts wußte, und die doch da, hell und warm und gesellig, ein Stück des eigenen Lebens auszumachen schienen.

Allert hätte ja nun gehen können. Hier stand die Dame sicher. Aber irgendeine Empfindung hielt ihn an ihrer Seite fest. Er erwog, ob er sich vorstellen solle. Nein. Das erschien ihm zwecklos, fast zudringlich. Wozu einen Namen hersagen, den sie vielleicht nicht verstand oder nicht behielt und nach einer halben Stunde ihrem Mann, wenn sie ihm dieses Abenteuer erzählte, nicht einmal mehr richtig wiedergeben konnte.

Sie hatte die Anrede »gnädige Frau« nicht zurückgewiesen. Vielleicht, nein gewiß, weil sie zutreffend war. Aber es konnte auch sein, weil sie dem fremden Herrn keinerlei Annäherung zeigen und gestatten wollte. Wenn man in solcher Lage sagt, wer man ist, kann ein Taktloser gleich viel fragen ...

Ihre Haltung war von einer ganz ungewöhnlichen Sicherheit. –

Allert verstand wohl: beste Erziehung. »Sie brauchen sich meinetwegen nun wirklich nicht länger zu bemühen,« sagte sie.

Er dachte rasch: wenn Mutter nun nicht auf mich wartete, könnte ich flunkern und tun, als wenn dies eben mein Weg gewesen wäre, und als wenn ich genau auf diese Bahnlinie selbst warte.

Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als sehr förmlich und ernsthaft den Hut zu lüften.

»Ach – meine Bahn,« rief sie gleichzeitig.

Und nickte unwillkürlich dem noch fernen Wagen zu, der heranglitt, ein beweglicher Glaskasten voll Licht und Gestalten. Und der durchhellte dicke Nebel spann um ihn einen Schein.

»Ich danke Ihnen nochmals,« sagte sie noch rasch und sehr freundlich. Es war, als ob diese allerletzte Sekunde, die gleich, gleich abgeschnitten ward vom fast schon haltenden Wagen, ihr die sachliche Art und die strenge Zurückhaltung etwas nahm.

Und ihre grauen, klaren Augen strahlten ihn warm an – das war wie ein Husch. – Da griff schon ihre Hand nach der Stange des Trittbretts, und sie wurde förmlich hineingezogen in das Gedränge von Menschen, die den Hinterperron füllten. – »Besetzt!« schrie der Führer – der Wagen glitt schon weiter –

Vorbei.

Allert kam sich ein bißchen dumm vor, als er nach ein paar Herzschlägen merkte: er stand noch immer da ...

Er begann wieder pfeifend vor sich hinzusummen und schritt schleunigst den Weg zurück. Er mußte doch in seine Wohnung und sich umkleiden – in diesem Vorhaben unterbrach ihn ja das Abenteuer der Dame. Hm – Abenteuer? Sie schien es gar nicht als solches aufzufassen. Welche Gelassenheit sie sofort zeigte. Vielleicht hatte sie sich kaum mal geängstigt – während ihre Freundin mit einem Schrei davonlief. Eine kühle, tapfere Seele? Oder so erfahren? Lief vielleicht jahraus, jahrein in den Höfen, Gängen und düsteren Straßen umher, als Engel der Barmherzigkeit? Oder war eine von denen, die bewußt halb, halb uneingestanden ein lüsternes Interesse an den Nachtseiten des Lebens haben? Konnte auch eine von den sozialen Priesterinnen sein, die sich einbilden, mit etlicher Ellbogenkraft, Broschüren, Versammlungen und Geschrei lasse sich alles ausgleichen? Die mit dem Wohltun und der Sittlichkeit gleich die Vorherrschaft der Frau befestigen wollen?

Wer konnte das wissen. Vielleicht von alledem ein Gemisch – wie meistens – – –

Schöne Augen hatte sie und ein kluges, liebes Gesicht. Und eine Gestalt ... Donnerwetter! dachte Allert.

Und als er längst in seiner Wohnung war und sich mit seinem Kragenknopf herumschlug, weil vor lauter Eile seine Finger tapsig waren und das Knopfloch im Halsbündchen des Manschettenhemdes schikanös zusammengeplättet schien – selbst mitten in diesen Umkleideärgernissen dachte er immerfort an dies kluge, beherrschte Gesicht.

Ob der Mann das wohl mag? fragte er sich.

Wenn sie einen Mann hatte.

Aber doch wahrscheinlich. Schon die Zwecke des Vereins, die sie mit kurzen Worten streifte, schienen das zu verbürgen. – Ein Verein, der die heranwachsende weibliche Jugend durch Aufklärung vor dem sittlichen Fall bewahrte – durch sexuelle Aufklärung natürlich – denn wie sonst?

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