Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ida Boy-Ed >

Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
Schließen

Navigation:

Sie schwieg und wurde rot. Diese gräßliche Fiffi hatte erklärt, das sei »Mutterschaftsinstinkt«, so 'n Wunsch. –

Nein, solche unpassende Aeußerung konnte sie nicht erzählen. Etwas scheu sah sie zu Raspe hinüber.

Und da sah sie einen Blick voll leuchtender Wärme und Güte. Das machte sie ganz verwirrt vor Glück. Ein wunderbares Schweigen breitete sich aus. Es schien ganz voll von den herrlichsten Ahnungen.

Das junge Mädchen wagte kaum zu atmen und hörte nur ihr Herz klopfen – ganz geschwinde – ganz geschwinde – als eilten alle Schläge einer unnennbaren Seligkeit entgegen.

Sie sprang auf. Sie mußte jemand liebhaben, greifbar mit Küssen und Umarmung, Und deshalb fiel sie der Frau um den Hals, die ihre mütterliche Freundin sein wollte, und rief:

»Papa müßte bei uns sein.«

Dafür war die Frau ihr dankbar aus Herzensgrund. An dem dunklen Kopf vorbei suchte sie mit fragendem Blick das Gesicht ihres Sohnes.

Und sie fand auf den sonst so beherrschten, männlichen Zügen einen Ausdruck von Weichheit und Feierstimmung, daß ihr beinahe ebenso bewegt zumute ward wie diesem aufgeregten Kinde.

Ein wenig später mußte Frau Sophie leider daran erinnern, daß es gleich halb zehn sei, und daß sie durchaus wünsche, Tulla treffe noch vor zehn Uhr zu Hause ein, ganz gleich, ab dort jemand ihr Ausbleiben bemerke oder nicht. –

Tulla erhob keine Einwendungen. Mit vollkommenem Gehorsam brach sie sogleich auf. Sie nahm mit leidenschaftlichen Dankesbezeigungen Abschied und bat, vor der Abreise nach Hamburg noch einmal vorsprechen zu dürfen. Auf dem Korridor nickte sie sehr freundlich der scharf aufmerkenden, diplomatisch dreinschauenden Therese zu, denn sie hatte gesehen, daß die ältliche Person hier eine Vertrauensstellung einnahm. Und in ihr war eine Stimmung, die sie antrieb, sogar der Dienerin den Hof zu machen.

Gleich nachdem die beiden jungen Menschen die Wohnung verlassen hatten, lief die Mutter ans Fenster. Sie riß es auf, sie beugte sich in die Nacht hinaus. Der Schneeatem, der ihr kalt und klar ins Gesicht hauchte, ließ sie nicht frösteln. Wie aus der Vogelperspektive sah sie's: Da unten ging ein hoher Mann in stolzer, ruhiger Haltung, und neben ihm, mit ihrem breiten Hut, von dem noch rückwärts der schwere Krepp herabwallte, das schlanke Mädchen. Eigentlich konnte man die Wirkung ihrer Gestalten von hier oben durchaus nicht beurteilen. Aber Sophie dachte entzückt: sie sehen großartig nebeneinander aus.

Auch als sie das Fenster wieder geschlossen hatte, weil sich die Davongehenden in der Straßenperspektive zwischen anderen Passanten verloren, auch da sah Sophie die beiden noch im Geist immer vor sich und sah sie mit zärtlichem Lächeln wie etwas schon Vereintes. Denn eine wundervolle Hoffnung war in ihr groß geworden, so jäh in die Höhe gestiegen wie die Pflanzen, die indische Fakire binnen wenig Stunden unter mystischen Verschwörungen aus einem Samenkorn hervorschießen lassen. Ihr heißer Wunsch war der Zauberer, der diesen herrlich grünenden Hoffnungsbaum so märchenhaft wachsen ließ, und Myrtenzweige durchrankten ihn.

Sie war eine Mutter, die kraft ihres unvergessenen Weibtums alle Wonnen und Leiden junger Liebe nachempfinden konnte. Viel mehr als nachempfinden: für und mit ihrem Sohn sie selbst erleben – mit jedem Nerv spürend, was in diesen jungen Herzen vorging –.

Und sie dachte inbrünstig: möchten sie sich finden! Den Sohn verheiratet zu sehen und das Kind des verlorenen Freundes als Tochter in ihre Arme nehmen zu dürfen, war ihre dringliche Sehnsucht.

Vergangenheit und Zukunft genoß ihre Phantasie.

Sophie sah sich wieder als junge Frau, nach rasch ernüchtertem Liebeswahn bestrebt, doch noch irgendwie sich ein wenig Glück aufzubauen. Ihr Trost waren ihre beiden Knaben und das Leben mit ihnen in der stillen Zartheit der Natur. Wie liebten sie den tiefschattigen Garten, der sich an das Herrenhaus schloß. Auf den Treppenstufen seines Giebels saßen im Herbst die Raben, und wenn Allert sie zählen wollte, flogen sie schon, ehe die Zählung begonnen war, hinüber zu den drei Pappeln, die mitten auf dem Rasen im Garten standen. Sie liebten auch den Graben, dessen Wasser man nicht fließen sah, und der zwischen Krauseminze und Vergißmeinnicht stand. Ein Brett, auf Pflöcken ruhend, ragte über ihn hinaus, und da durften Allert und Raspe mit ihren kleinen Gießkannen Wasser aufholen und dem Gartenknecht helfen, die Sellerieknollen zu begießen. – Drüben dehnten sich die Wiesen, und die schwarz-weißen Kühe lebten da ihr schwerbewegliches, wiederkäuendes, plump-beschauliches Leben auf dem grünen Grunde. Und irgendwo im Garten gab es eine Stelle, wo Allert und Raspe als Sechs- und Siebenjährige ihren Phylax begraben hatten. Vater Meyns, der abends mit seinen weißen Haaren und seinem runzligen Diplomatengesicht, getrockneten Waldmeister rauchend, vor der Stalltür saß, machte ihnen aus schmalen, flachen Brettern ein Kreuz. Und Allert schrieb mit seinen ersten, steifen Kinderbuchstaben darauf: »Hier ruht in Gott der treue Filacks«.

Mit Oelfarbe zogen sie dann die Bleistiftbuchstaben nach, und dadurch wurden sie beinahe ganz unleserlich...

Oft in ihrem Kampf ums Vorwärtskommen hatte Sophie voll vergehender Sehnsucht an all diese Stätten gedacht. – Sie wiederzuerwerben, sie ihren Kindern zurückgeben zu können, die alte Scholle der Familie in neuem Glück und Leben bessere Frucht tragen zu sehen, einen verheirateten Sohn, von Kindern umgeben, dort zu wissen, wenn sie einmal stürbe – das war ihr Ziel. Sie wußte längst, allein konnte sie das nicht. Dazu wuchsen die Ersparnisse zu langsam. Allert hatte einst versprochen: ich helfe dir. Aber er lernte rasch begreifen, daß ein kaufmännisches Geschäft, ob es sich mit Fabrikation oder mit Handel befaßte, gerade war wie ein Erdboden: sollte es ertragskräftig werden und in immer wachsendem Maße bleiben, so wollte es auch gedüngt sein – mit Gold. Auf viele Jahre hinaus mußte jeder Gewinn hineingesteckt werden. Anders war es ungesund.

Da baute sie sich eine andere Hoffnung auf: wenn Raspe eine Frau nimmt, die er liebt, und die wohlhabend ist! Eine Frau ist ja glückselig, wenn sie das Ihrige dem geliebten Mann in die Hände legen darf.

Und jetzt – heute abend – jetzt trat die Hoffnung aus dem fernen, unbestimmten Dunst klarer heraus – schien sichtbare Gestalt zu werden. Ihr Mutterherz ertrug kaum diese glückliche Unruhe, von der sie erfaßt wurde.

Geschlossenen Auges stand sie in der Stille und sah und hörte:

Sommerabend war es, und zwischen den Büschen des Gartens hatte sich, vom sonnigen Tage her, die Wärme verfangen. Vom fernen Graben her kam das leise plaudernde Gequake der Frösche. Der Himmel im sanften Grau dunkler Perlen stand voll unendlichen Friedens. Und durch diese liebliche Abendruhe ging sie. Und neben ihr schritt ein glückseliges junges Paar.

Oh, wenn sich dieses Hoffen zu einem Erleben gestalten sollte! Es war Sophie, als ob sie dann für alles Glück, was ihr selbst versagt worden war, ganz entschädigt sein würde.

Sie lächelte strahlend ...

Die beiden jungen Menschen gingen indes durch das lebhafte Treiben der winterlichen Weltstadtstraßen. Tulla sagte gleich: »Nicht fahren – bitte. Wir kommen trotzdem zur rechten Zeit hin – vor zehn – das müssen wir – weil doch Ihre Mutter es wollte.«

Er merkte: ihr lag daran, durchaus dem Wunsch seiner Mutter zu gehorchen.

Das war nun ein merkwürdiges Zusammenwandern: auf Tritt und Schritt abgestimmt. Und die Gleichmäßigkeit des Ausschreitens gab irgendwie ein sicheres Gefühl – als gehöre man von jeher zueinander.

Tulla merkte nichts von all den Menschen, die an ihnen vorbeikamen, nichts von Gedröhn der vorüberfauchenden Autos, nicht den Schnee, der als schon angebräunte Schanze sich zwischen Bürgersteigen und Fahrdamm hinzog, nicht den grellen und ungleichen Glanz der tausendfältigen Belichtung.

In ihr sang und klang das junge Leben rasch emporgeflammter Liebe. Sie hatte es sich immer gedacht: auf den ersten Blick müsse es kommen. Und daß es sich so erfüllte, machte sie wie berauscht vor Glück.

Herrlicher hätte es gar nicht sein und werden können. Ganz gewiß würde Papa mit tausend Freuden alles gebilligt haben. Der Sohn der von ihm so unendlich verehrten Frau! Wem hätte er seine Tochter lieber geben sollen als diesem.

Ja, man konnte geradezu sagen: durch Papa war es so gekommen. Er hatte sie diesen unvergleichlichen Menschen zugeführt. Er hatte ihr die Briefe anvertraut – vielleicht sogar in dem bestimmten Wunsch, daß sein Kind ihr Glück durch einen der Söhne seiner Freundin finde. Tulla war, als ihr dieser Gedanke kam, durchaus geneigt, anzunehmen, daß Papa es so gemeint habe ...

Und Mama? Gott, Mama war so mit sich beschäftigt – und Tulla konnte sich eigentlich gar nicht vorstellen, wie sie nun, als erwachsene Tochter, mit und neben Mama leben solle. Es schien einfach so, als ob neben Mama kein Platz sei. – – Es würde ihr ganz gewiß höchst angenehm sein, die Tochter in einer frühen Heirat gleich untergebracht zu wissen. Zweifellos gab das auch allerlei Unterhaltung für Mama, gerade im ersten Trauerjahr – noch heute mittag hatte sie gesagt: wenn ich nur erst wüßte, was man jetzt anfängt, am besten wird es sein, man geht auf Reisen. –

So sah Tulla gar keine Hindernisse.

Und auf das merkwürdigste mischten sich bei ihr in den seligen Rausch erster Liebe all diese Erwägungen. Sie dachte sogar daran, daß Mama sehr reich sei, und freute sich dessen, denn falls der geliebte Mann, wie sie vermutete, nicht viel oder gar nichts habe, so machte das nichts aus. Einer mußte Geld haben, natürlich. Aber wer – das war egal. Fiffi v. Samelsohn hatte noch neulich gesagt: das kann unsereiner wenigstens haben – wir können heiraten, wen wir wollen – –

Eine jubelnde Sicherheit war in ihr. Nichts blieb in dämmernder, beklemmender Angst.

Sie wunderte sich zuerst nicht einmal, daß Raspe in ernstem Schweigen neben ihr ging. Sie fühlte: auch in ihm stürmten die Gedanken ...

Mitten in ihrer grenzenlosen Aufregung fiel ihr etwas ein. Hatte sie nicht etwa durch diese und jene Bemerkung bei Raspe und seiner Mutter Vorurteile gegen Mama erweckt? Das war gewiß nicht ihr Wille. Und sie sagte:

»Bitte, seien Sie offen – mir kommt es beinahe so vor – es hat doch nicht ausgesehen, als wollt' ich Mama kritisieren? Oder lebte nicht in Frieden mit ihr?«

»Allerdings«, antwortete Raspe ehrlich, »hatte ich den Eindruck, als ob Ihr Vater Ihnen näher gestanden habe.«

»O ja – natürlich – das tat Papa natürlich. – Und das ist wohl so – man kritisiert ja doch die Eltern immer 'n bißchen – sie sollten mal Lille hören – Papa war wundervoll. Lieb und geduldig und immer vornehm. Mama hat eben mehr Temperament – und schön ist Mama! Oh, Sie werden staunen. Immer, wenn sie mit Viktor oder Harald ausgeht, denken die Leute, sie sei die Schwester – so schöne Menschen, die dürfen ein bißchen egoistischer sein – nicht? Mama ist oft bezaubernd, Sie glauben nicht wie. Wenn sie lustig ist und da Dinge oder Menschen sind, die sie unterhalten. Mann kann ihr dann gar nicht widerstehen ... Ich hab' Mama ganz gewiß ebenso lieb, wie andere Kinder ihre Mutter haben,« versicherte sie.

Ihr Ton wurde nach und nach zitternd, weinerlich – zum Schluß beschwörend. Die Art, wie er sie sprechen ließ, schien ihr plötzlich so abwartend, so bedrohlich.

Wie ein Blitz fiel die Furcht in ihr Herz und verbannte sofort alle jubelnde Zuversicht ... Gewiß, er hielt sie für unkindlich und kaltherzig – er, der so innig mit seiner Mutter stand.

Ihr Ton verriet so genau, was in ihr vorging. Raspe verstand es, und es rührte ihn. Er beruhigte sie: »Wie sollte ich daran zweifeln dürfen. Und das ist ja eine bekannte Sache, von der man oft hört: die Tochter steht dem Vater, der Sohn der Mutter näher. Darin ist wohl ein tiefer Sinn ...«

»Ja,« sagte Tulla eifrig, »ja – ich stand Papa wirklich näher ...«

Es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie schon in der Friedrich-Wilhelm-Straße waren. Ihre Füße wurden ihr schwer. Sie ging immer langsamer. Mit jedem Schritt vorwärts entschwand das sichere Glücksgefühl mehr und mehr. – – All diese äußeren Dinge, die ihr gleich so gegenwärtig gewesen, versanken – das ganze Leben löste sich in schreckhafte Unbestimmtheiten auf. – Noch fünf Minuten – und man mußte sich trennen. – Mit welchem Wort würde es sein?

Raspe zögerte auch. – Er fühlte wohl: es war ein unreifes, junges Geschöpf, das da an seiner Seite ging, ihm zugewandt mit sehnsüchtigem Blick und erwartendem Herzen.

Aber was ist Unreife. Ein holder Zauber mehr, wenn alle Möglichkeiten zur Reife da sind ... Waren sie es?

An Gemüt und Verstand, an Anmut des Wesens und des Körpers fehlte es dem Mädchen nicht –

Ein rechter Mann konnte wohl alles aus ihr machen. Konnte er?

Eine schwere, ernste Frage – nicht im jähen Sturm daherbrausender Liebe zu erwägen – sondern in langsamer Prüfung – –

Die dunkeln Augen sahen ihn flehend an – rührende Demut stand jetzt in dem seinen Gesicht, das so weiß schien, weil der feierliche Trauerpomp der schwarzen Schleier seinen Hintergrund und Rahmen bildeten.

Er nahm sich zusammen – als ein rechter Mann, der er war.

Denn auch für ihn war dies kein Winterabend voll Schnee und Kälte und Weltstadthelle und Lärm –

Eine wunderliche Stimmung wollte ihn bezwingen –

Noch niemals hatte er sich so erhoben, so voll Stolz und Kraft gefühlt – Frühlingsfreude war in ihm – die berauschende Empfindung, als bräche eine neue Lebensjahreszeit an. –

Nun waren sie schon bei dem ersten der hohen Sandsteinpfeiler, die das Eisengitter stützten und gliederten, und hinter dem verschneiten Vorgarten erhob sich das prächtige Haus. Zwei Fenster im ersten Stock waren von einer sanften Helligkeit erfüllt. Alle andern von weißen Stores fest verhangen. Aber selbst in diesem Schweigen, in dieser Ruhe wirkte es wie ein Bau hochmütigen Reichtums. Man sah es diesen Mauern an, daß sie Luxus umschlossen und glänzende Lebensgewohnheiten. – –

Kein Haus für einen deutschen Offizier, der andere Ideale hat, als in breitströmender Ueppigkeit genießend mitzugleiten. –

»Hier sind wir,« sagte Raspe. Sein Ton war gedrückt. Er fühlte wohl, es war ein seltsam inhaltsschwerer Augenblick.

Ein zitterndes junges Herz erwartete ein Abschiedswort, darin irgendeine Verheißung verborgen sein solle – irgendeinen Blick – eine Andeutung – an die sich Hoffnungen klammern konnten.

Und sein Gewissen verbot ihm, sich zu verraten.

Am liebsten hätte er ja dieses seine, liebe Gesicht zwischen seine Hände genommen und die dunkeln Augen geküßt, um die bangen Fragen, die darin standen, zärtlich zu bejahen.

Wie konnte er? Wie durfte er?

Kenne ich sie? Kennt denn sie mich? dachte er.

Sie standen schweigend. Vielleicht, nein, gewiß nur ein paar Sekunden lang.

Und sie sahen sich an ... War denn das möglich, daß sie gestern noch nichts voneinander gewußt hatten? War denn nicht von jeher jede schöne Stunde ihres Lebens schon eine gemeinsame Freude gewesen?

Das Wunder dieser Nähe, dies Gefühl von uralter Zusammengehörigkeit benahm sie ganz.

Raspe dachte: ich bin der Mann – ich muß ein Ende machen. – Sie standen gewiß schon eine unermeßliche Zeit ...

Tulla zitterte. Sie hatte eine qualvolle Angst. Wenn sie jetzt auseinandergingen, ohne ein Wort der Hoffnung, war es dann nicht eine so furchtbare Trennung, als risse man Zusammengewachsenes auseinander?

»Leben Sie wohl,« sagte Raspe, »ich fahre morgen früh in meine Garnison zurück.«

Tulla legte ihre Hand in die seine – diese schmale, kalte Hand – die ihn rührte, die sich so in die seine legte, als gehöre sie dahin.

»Sehe ich Sie wieder? Bald?« ... fragte sie.

Sie dachte: bald? Ach, seine Mutter geht ja fort – es kann nicht bald sein.

Und sie setzte hinzu: »Aber einmal – später – einmal?«

Sie wußte selbst nicht, wie flehend es klang.

Und er sagte herzlich, dennoch aber in voller Selbstbeherrschung alles niederringend, was ihn fortreißen wollte: »Ich hoffe.«


Nun kam Sophie in eine ihr ganz neue Welt hinein. Das war es gerade, was ihr Gemüt gebraucht hatte. Und anstatt von dem erlittenen Schmerz zerbrochen zu werden, erhob sie sich daran, ordnete ihn ihrem Wesen und seelischen Besitz ein und erstarkte zu reiferer und mutvollerer Arbeit. Denn in jeder Frauenarbeit, besonders in der Kunst, steckt ein gut Teil Trotz gegen das Schicksal.

Anfangs benahm ihr Hamburg ganz den Atem.

Das war ja ein verblüffender Unterschied gegen Berlin. In Berlin sah man die gewaltige, endlose, fast betäubende Bewegung des Handels im Kleinverkehr – dieses Kleinverkehrs, der die Massenanhäufung von Waren in phantastischer Schnelligkeit aufzehrte und immer neue Unmengen verlangte und verschlang. – Es war gerade, als würfe die Fabrikation von allen Gebieten des Bedarfs her einem Riesenungeheuer immer neue Millionen von Kleidungsstücken, Eßwaren und gewerblichen Gegenständen aller Art zu, die das Ungeheuer unersättlich in sich aufnahm. Man hatte immer den Eindruck, als sähe man eine Milliarde sich in Pfennig- und Markstücke auflösen und durch die Straßen rollen. Das bloße Zusehen bei diesem Schauspiel war schon erschöpfend.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.