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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
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Nun sah Sophie mit ihren Maleraugen und mit den Augen der liebevollen, mütterlichen Frau den feinen jungen Kopf und fand die Züge des Toten darin – seine dunklen Augen mit dem Feuer starken Lebens ...

»Nun sagen Sie – woher wissen Sie ...«

»Sie haben ihn verstanden – Sie! Verzeihen Sie mir – ich habe die Briefe gelesen – alle ...«

Und plötzlich fiel sie Sophie um den Hals und weinte – weinte. –

Das Herz der alternden Frau, dies verarmte und noch blutende Herz erriet: das waren die ersten Tränen, die seine Tochter tröstlich weinte – die ersten, ihren jungen Gram lösenden und mildernden Tränen. – Vielleicht hatte sie bisher allein, verborgen, ohne Mitgefühl zu sehen, weinen müssen. Und Sophie nahm dies verwaiste arme Kind in ihre Arme und ließ ihr Zeit, sich zu fassen. Dann hob Tulla von selbst an zu erzählen.

Wie sie gleich gesehen: der Vater sei sterbenskrank. Aber die Mama wollte es nicht glauben und pochte auf seine gute Natur, die sich rasch erholen werde, und verschickte noch die Balleinladungen, weil sie doch schon ausgeschrieben gewesen seien und adressiert.

Und dann kam Exzellenz von Czermack und sagte, es sei zu spät zum Operieren, es sei einer von den Fällen, wo von vornherein jeder Eingriff unmöglich gewesen sein würde.

Und weiter erzählte sie, immer leidenschaftlicher, immer hinströmender im starken Gefühl und beschwingten Wort, eine, die lange hat schweigen müssen und nun endlich alles aussagen darf – wie sie ihren Vater kaum verlassen, nicht Tag noch Nacht, ob auch gleich die Wärterinnen und die Mama schalten und ihr Dortsein unnütz fanden. Und er habe sie manchmal erkannt und dann ihr zugelächelt. Und einmal habe er sie mit der Rechten zu sich herabgezogen – ganz schwach – sie habe aber gleich gefühlt, was seine Geste wollte. Er habe ihr etwas Wichtiges mitteilen wollen, nur mühsam habe er sich noch verständlich machen können und ihr zugeflüstert:

»Schreibtischschlüssel nehmen – Briefe nehmen – verbergen – nicht Mama« – und die übrigen Worte wurden zu undeutlich – viele hatte er noch gemurmelt. – Aber Tulla wußte, was sie nun durfte und mußte: sie mußte den Schreibtischschlüssel aus dem Bund heraussuchen, das neben Papas Uhr auf dem Nachttischchen lag. Und sie durfte in seinem Schreibtisch stöbern, um irgendwelche Briefe zu finden, die er ihr und ihr allein anvertrauen wollte. –

Es war ja Nacht. Die beiden Wärterinnen sahen, die eine stumpfsinnig, die andere ein bißchen interessiert zu, wie sie die Schlüssel nahm ...

Mama schlief. Mamas Nerven konnten Nachtwachen nicht vertragen.– –

Und da ging Tulla nach nebenan und drehte das Licht auf. Es war ihr schrecklich und unheimlich, so in Papas Sachen zu kramen. Ihr kam es dabei vor, als sei er schon tot. Und sie hoffte doch noch und hatte Exzellenz Czermack so dringend gebeten, Papa am Leben zu erhalten.

Viel Geld sah sie, Gold und Silber, in einer offenen, in Fächer geteilten Kassette von grünem Draht. Ganze Bündel von Abrechnungen von Banken waren da. Ein großes Anschreibebuch. Und Briefe von Viktor und Harald. Die handelten alle von Bitten um Geld – Erklärungen über Geldverbrauch – Versprechungen. – Aber Tulla sagte sich: diese Briefe konnte Papa nicht gemeint haben, darin stand nichts, was Mama zu verbergen nötig war. Die Eltern stritten sich ja so oft vor Tullas Ohren über den Geldverbrauch von Viktor und Harald. Mama verzog und verwöhnte die Brüder an allen Ecken und Enden, aber wenn sie um Geld schrieben, ärgerte Mama sich doch, und Papa sagte, das sei inkonsequent.

Dies alles erzählte Tulla mit einer Vertraulichkeit, die ihr dieser Frau gegenüber das natürlichste von der Welt schien. Und dann berichtete sie, daß sie endlich, ganz hinten, in einem alten Kasten ohne Deckel, diese Briefe, lose durcheinanderliegend, gefunden habe. Als sie dann den ersten, obersten las, da wußte sie es: die hatte Papa gemeint! Sie trug den offenen Kasten in ihr eigenes Zimmer und verwahrte ihn dort in der kleinen Boulekommode, die ihr Papa zum letzten Geburtstag geschenkt. Dann legte sie das Schlüsselbund wieder neben Papas Uhr. Die Wärterinnen guckten erst sie und dann einander an. – Und Papa lag wieder wie schlummernd – so, wie er dann bis zuletzt gelegen hatte. Sie vermochte ihm nicht mehr zu sagen: es ist besorgt.

Sophie saß erschüttert. Seine letzten klaren Gedanken hatten ihren Briefen gegolten – Gott allein wußte, was der Inhalt all jener weiteren Worte gewesen, die sein Kind nicht mehr verstand. Vielleicht dachte er auch an die Mappe und das, was sie enthielt, und sagte noch, geistesklar und willenskräftig, wem sie gehören solle. – Sophie ahnte wohl: mir! Aber sein Körper war schon in Verfall. Wie oft hat ein Sterbender nicht mehr die Kraft, seinen allerletzten, klaren Willen auch klar auszusprechen. Wie tröstlich aber war es, zu denken, daß er in dem Wahn entschlummerte, sich noch verständlich gemacht zu haben. – Denn das Kind sagte es: auch den undeutlichen Worten habe sie mehrfach versprechend zugenickt: »Ja, Papa – ja – ja ...«

Tulla fuhr dann fort:

»Nicht wahr – Sie vergeben mir, daß ich die Briefe las – was konnte ich machen? Ich hatte nicht den Befehl bekommen, sie zu vernichten. Es konnte doch sein, daß viel daran lag, daß die Schreiberin sie zurückerhielt?«

»Gewiß,« sagte Sophie, »gewiß.«

»Ich dachte auch: Gott, wenn die Frau, die diese Briefe schrieb, nun von Papas Tod hört! Wie schrecklich sie sich wohl um ihre Briefe ängstigt – wer die findet! Wer die liest! Und ich wollte ihr zu gern sagen: bloß ich. Und ich hab' wohl verstanden: das ist was Schönes und Heiliges für Papa gewesen. Eine großartige Freundschaft!«

Was Tulla nicht aussprach, war dies: sie hatte aus der Art der Aufbewahrung den Schluß gezogen: Liebesbriefe sind es natürlich nicht. Sie dachte nicht an himmelblaue Bänder und Geheimfächer. – Das freilich nicht. Aber ein alter, deckelloser Kasten – das war ihr doch zu profan.

»Die Frau, die mit Papa so befreundet war, die wollte ich doch gern auch liebhaben – nicht wahr? Aber so viel ich auch las und mir ausdachte – bekannte Namen kamen ja vor – Anhalt gaben sie doch nicht. S – ich dachte: Selma, Sara, Sophie?«

»Nun haben Sie mich doch gefunden – und so rasch?« sagte Sophie fragend.

Das junge Mädchen antwortete nicht gleich. Sie sah auf den Gobelin – der wurde an der rechten Seite gefaßt und gehoben – Raspe kam herein. Und Tullas Gesicht bekam einen ganz hellen Ausdruck.

»Oh, wir kennen uns schon!« sagte sie und reichte ihm die Hand entgegen.

Mit vollkommener Beherrschung der Situation – einer Gewandtheit, die im Gegensatz stand zu der vorhin gezeigten kindlich unreifen Art, sah sie nun Sophie lebhaft an und fragte:

»Darf ich in Gegenwart Ihres Herrn Sohnes weiter erzählen?«

»Bitte. Raspe weiß um meine Freundschaft mit Ihrem Vater. Das gnädige Fräulein bringt mir meine Briefe an ihn. Ich bin ihr sehr dankbar.«

»Heut mittag – das heißt, es war ja eigentlich noch vor Tisch – für uns – wir essen um vier – heut mittag waren Sie ja bei uns – lieferten Viktor eine Mappe aus mit Geld – davon sprachen die Brüder bei Tisch noch immerfort mit Mama – Sachen, wie in diesen Tagen endlos – das ist wohl so nach einem solchen Todesfall – Geld und die Erbschaft – aber Mama sagte, alles komme von ihr, sie sei die Besitzerin, und nun meinten die Brüder, dies andere Geld gehöre aber uns. Mama bestritt das. Sie wurden etwas heftig gegeneinander.«

Sie schwieg einige Augenblicke. Und Raspe und seine Mutter achteten dies Schweigen, das ihnen schmerzlich schien. Sie fühlten, zart war im Trauerhause mit der Stimmung dieses holden Kindes offenbar nicht umgegangen worden. Vielleicht litt sie in Erinnerungen und verlor sich eben hinein – deshalb warteten sie stumm.

Aber Tulla litt nicht eigentlich. Sie ärgerte sich nur nochmals und konnte das doch nicht erzählen – wie die Mama gesagt hatte: »Höchst eigenartige Geschichte. – Und welche Garantie hat man, daß es nicht ein paar Stück Konsols mehr waren ...« Da fuhr sogar Viktor auf und rief scharf: »Mama!« Und Harald machte sein Gesicht.

Sie seufzte aus Herzensgrund. Ach, wie war es schön, hier zu sitzen. Sie blickte mit freiem Auge Mutter und Sohn an und fuhr fort, lächelnd:

»Mama und Viktor und Harald hatten sich alle drei furchtbar um das bißchen Geld – schließlich sagte Mama nämlich, es sei nur ein bißchen – und der Justizrat sollte entscheiden, wem es zukomme. Und Mama meinte, Viktor müsse doch sofort einen Besuch bei Ihnen machen, ehe er abreise. Petzold mußte das Adreßbuch hereinbringen. Und da suchte Viktor denn herum, bis er vorlas: Sophie von Hellbingsdorf. Porträtmalerin, und die Straße und das Haus. Sophie! Ich fühlte auf der Stelle: sie muß es sein. – Und ich dachte: geh mal hin und frage.« – Nun war sie stolz und von einem glücklichen Wichtigkeitsgefühl ganz erhoben. Sie hatte den Wunsch des Sterbenden erfüllt. Und ihr achtzehnjähriges Herz war auch voll von einer jäh entstandenen Begeisterung für diese Frau, die ganz sicher der Inbegriff von allem Edlen und Hohen war. Allein schon, weil sie solchen Sohn hatte ...

Sophie schloß sie noch einmal in ihre Arme – ebenso sehr aus Mitleid wie voll Dankbarkeit.

Dann sprach Raspe davon, daß er unter gar keinen Umständen das gnädige Fräulein allein nach Hause gehen lassen, sondern sie heimfahren werde.

»Darf ich noch etwas hier bleiben – ach, darf ich?« bat Tulla.

»Wenn Ihre Mademoiselle sich nicht ängstigt?«

»Fällt ihr gewiß nicht ein – wenn Mama sie nicht mehr braucht, geht sie todsicher noch aus – ihr Bräutigam wartet abends aus sie. – Das hab' ich längst 'raus. – Und Papa ist ja nicht mehr da – wenn er irgend, irgend konnte, sah er abends noch nach mir ...«

Sophie dachte daran, wie er gesagt hatte, er hoffe, sie könne seiner Tochter Wohltäterin werden. Und sie begriff, wie sehr diesem Kind eine mütterliche Freundin nötig war.

Gewiß konnte Tulla dableiben – es paßte vortrefflich – draußen in der Pfanne briet ja festliches Geflügel, und Therese hatte eine köstliche Speise gemacht, bezüglich deren sie an dem Wahn festhielt, es sei Raspes Lieblingscreme, während er längst gleichgültig gegen Süßigkeiten geworden war. – Das erzählte sie voll Heiterkeit. – Und Tulla, die die Traulichkeiten und Niedlichkeiten einer so stillen kleinen Wirtschaft nicht kannte, wo das bißchen umständlichere Tafeln wegen eines lieben Gastes schon Freude bedeutet, Tulla fand alles entzückend und poetisch.

Als Sophie ins Eßzimmer ging, um ein drittes Gedeck aufzulegen, und Raspe mit Tulla allein ließ, fühlte diese sich nicht befangen. Sie sagte:

»Mir ist ganz wunderbar – so, als kenne ich Ihre Mutter schon ewig lang. Und ich komm' mir hier ganz gemütlich vor...«

Raspe meinte:

»Weil Sie wissen, meine Mutter kennt Sie aus den Erzählungen Ihres Vaters.«

Tulla sagte:

»Ihre Mutter hätte mich malen sollen. Ich lasse Mama keine Ruh – Sie muß Ihrer Frau Mutter den Auftrag geben ...«

Sie stockte. Ihr fiel ein, Viktor hatte gesagt »Laß Dich bei der Frau malen, wie Papa es vorhatte – das ist denn so 'ne Art Belohnung – Porträtmalerin! – Gott, die haben's meist sehr nötig –«

Viktor war manchmal schrecklich plump.

Durch die Wendung »Auftrag geben« und das plötzliche Verstummen fühlte sich Raspe irgendwie unangenehm berührt. Ihm ahnte, daß und wie man den Fall im Hause Rositz besprochen haben mochte – denn schon waren die Wände dieses Hauses wie Glas für ihn, und er sah darin einen Geist walten, der ihm gänzlich zuwider war – –

»Meine Mutter«, sagte er kühl und mit jener etwas steifen Haltung, die er annahm, wenn er Verletzendes auch nur von fern witterte, »wäre nicht in der Lage, einen etwa dahinzielenden Wunsch jetzt zu erfüllen. Sie reist in den nächsten Tagen nach Hamburg und bleibt lange dort.«

»Sie reist weg!« rief Tulla in einem ganz naiven und offenkundigen Schreck.

Hier kam Sophie herein.

»Sie reisen weg?« wiederholte Tulla. »Und ich dachte –» weil ich Sie gefunden habe, dürft' ich Sie oft besuchen – oh, das wär' zu schön gewesen. Grade jetzt ...«

Die nächste Zeit gähnte sie ja förmlich an. Was sollte sie nur anfangen? Keinen netten, lieben Menschen wußte sie.

Es war auch Sophie leid. Mehr, als sie aussprach.

Als man dann zu dritt um den kleinen Tisch saß, fühlte Sophie geradezu Reue über ihren Hamburger Plan, der sich nun nicht mehr rückgängig machen ließ. Ihr war, als sei das nun ihre nächste, ihre Hauptpflicht, sich dieses Mädchens anzunehmen. Und sie sah ja auch – wie die dunklen Augen ihren Raspe anstrahlten – Fäden spannen sich da an – sie würden gleich wieder zerreißen, wenn nun jede Gelegenheit fehlte zum Begegnen. – Wenn ich doch wenigstens erst nach Weihnachten zu reisen brauchte, dachte sie. Weihnachten kam Raspe doch auf Urlaub. Aber Aufschub war auch undenkbar. Allert freute sich schon. Und die Senatorin Amster hatte schon Tag und Stunde der ersten Sitzung bestimmt. – Sophie spürte wohl, das war eine Dame von scharfer Pünktlichkeit, ein Programmensch; man mußte sich auf sie einstimmen, wenn man durch sie Aufträge und Verdienst erhoffte.

Und dabei verstärkte alles, was Tulla ganz offenherzig erzählte, in der mütterlichen Frau das Gefühl: sie braucht noch Anleitung, Herzlichkeit und viel Verständnis.

Tulla klagte nicht, gar nicht, sie berichtete einfach. Man konnte denken, sie ahne nicht, wie viel ihr fehle. Zur Schule war sie nicht gegangen. Sie hatte mit Fiffi v. Samelsohn und Lille v. Parwitz zusammen Privatstunden gehabt, die Mütter der beiden waren Freundinnen von Mama, das heißt: gewesen. Wenigstens habe sich Mama mit Fiffis Mama erzürnt, und Mademoiselle sagte, es sei wegen des Barons Legaire, den die Samelsohn dem Jour der Mama abspenstig gemacht haben solle. Und Fiffi sei ihr verhaßt, denn alles wisse sie und könne alles besser, und wenn man sich mal freue, redete sie so rasend klug, warum es nicht der Mühe wert sei, sich zu freuen. Lille sei aber verboten dumm. Und dermaßen faul und eitel, und gäbe einem beständig zu verstehen, daß nur blonde Menschen das Recht hätten, schön gefunden zu werden.

Warum sie eigentlich immer noch mit beiden verkehrte? Was sollte man machen? Die Mamas hatten einen noch nicht brauchen können. Allein mopste man sich tot.

Ein Jahr waren sie auch alle drei in Pension gewesen, in einer rasend vornehmen englischen. Da habe man gelernt, sich in jeder gesellschaftlichen Lage absolut sicher zu benehmen. Nun hätte das Leben recht anfangen sollen. Aber jetzt war vorerst alles aus. Papa war dahin. Und man saß in tiefer Trauer, Da glänzten ihre Augen wieder in Tränen. Raspe sah sie durchdringend an.

»Es tut Ihnen leid, daß Sie diesen Winter nicht tanzen und in die Welt können?« fragte er langsam.

»Ach nein,« sagte sie aufrichtig und tupfte sich die Tränen ab, »für mein ganzes Leben wollt' ich wohl auf alles verzichten – wenn ich damit Papa nur lebendig machen könnte. Er fehlt mir furchtbar. Und ich weiß auch wohl: ich war sein Verzug – wenn er auch ganz verärgert war, mich ließ er's nie entgelten. Er hatte ja viel Aerger. Im Amt. Von der Presse – die wußte immer, wie er es anders hätte machen sollen, sagte er – von den Brüdern – Viktor, das ging ja noch, der hat auch so 'n strengen Oberst – aber Harald! Mit Harald kann ich mich gar nicht vertragen. Wenn Sie nur wüßten, was er für 'n ekliges Gesicht machen kann! Gerad so, als ob alles, was alle Anwesenden sagen und tun und denken, Unsinn und tief unter ihm sei. Papa wurd' immer so gereizt durch das Gesicht, bloß Mama lachte...«

Wenn die offenherzigen Erzählungen des jungen Mädchens bei dem Wort »Mama« hielten, entstand eine Stockung im Gespräch.

Sophie wußte wohl, warum sie dann stumm blieb. Sie kannte ja die Frau genau – nach und nach hatte der Mann sie ihr gezeigt. – Sophie wünschte, schonungsvoll, nicht von ihr mit der Tochter zu sprechen. Mit keiner einzigen Frage wollte sie das Kind nötigen, Ungünstiges von der Mutter zu erzählen.

Tullas Gedanken kehrten zu Raspes Frage zurück.

Mit einem Male sagte sie lächelnd und strahlend:

»Solcher Abend – wie dieser – das ist doch schöner als Bälle und Theater. – Haben Sie mich ein bißchen lieb, wegen Papa?«

Und sie beugte sich vor, sah Sophie flehend und schmeichelnd in die Augen und küßte ihr dann plötzlich die Hand.

»Gewiß. Nicht nur wegen Ihres Vaters. Um Ihrer selbst willen,« sagte Sophie gerührt. »Sehen Sie mich als Ihre mütterliche Freundin an. Wie gern will ich Ihnen helfen, das Leben zu nehmen.«

»Das Leben zu nehmen« ... wiederholte sie nachdenklich und wußte nicht, was sie aus dem Wort machen sollte.

»Könnte ich Ihnen doch eine Pflicht geben, eine Arbeit zeigen, einen Inhalt ...«

Tulla faltete die Hände an der Tischkante und schüttelte im rötlichen Schein der Hängelampe ihren Kopf. »Hoffnungslos,« sagte sie mit dem anmutigsten Ausdruck, »kein Talent! Fiffi will noch Kunstgeschichte treiben und später Kritiken schreiben und vielleicht Novellen. Lille hat 'ne Stimme, hoch wie 'ne Flöte – ich find' ja, sie singt oft falsch, aber sie weiß kolossal Bescheid, wie all die großen Sängerinnen es eigentlich machen sollten. Ich kann nichts. Ja, wissen Sie, wenn ich eine ganz kleine Schwester hätte – das wäre reizend. Nicht? Lille und Fiffi lachten sich halbtot, als ich das neulich mal sagte, und Fiffi schrie ...«

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