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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Sein Blick hing an ihr. Die Minuten, die verrannen, ohne daß Marieluis ein Zeichen gab, hoben seine Hoffnungen.

Wenn sie seiner Bitte, nicht mitzusprechen, nachgab! Seligstes Geständnis durfte es ihm bedeuten. Sein ganzes Wesen war erschüttert von diesem Gedanken ...

Nun hörte er die klangvolle Stimme der mannhaften Frau am Rednerpult ausrufen: »Ja, große Entwicklungen sind wie ein Adlerflug ...«

Und er dachte: Aber die Adlerflügel werfen ihre Schatten auf das Gelände, über das sie wegfliegen – kann schon sein, daß manch einer sich gerade nur vom Schatten gestreift fühlt.

Wie still seine Mutter neben ihm saß. Er ahnte: benommen und zweifelnd – hin und her gerissen. Auch ihre Blicke heften sich an Marieluis und nur an sie.

Ihm schien: noch blasser war die Geliebte geworden – in ihren Augen funkelte eine fremde, seltsame Energie – die der Hingegebenheit? Die der Abkehr? Oh, wenn er es wüßte!

Würde auch sie gleich ihre Hand erheben, um sich zum Wort zu melden?

Ihm schien – ja – sie bewegte schon die Finger – wie voll Ungeduld – zögerte noch – vielleicht, weil so viel andere Hände sich erhoben ...

Würde er gleich das Schauspiel erleben, daß die geliebte, schöne Hand sich emporreckte? ...

Allert hörte nichts mehr von den Fragen und Antworten – all diese Stimmen waren leeres Geräusch geworden. Er sah nur noch. Er wartete. Er fühlte – an den nächsten Sekunden hing sein Schicksal. – –

Zögerte sie, weil sie mit sich kämpfte?

Zögerte sie, weil die Raschheit der Anmeldungen zum Wort ihr die Lücke zum Einfallen nicht ließ?

Er griff nach der Hand seiner Mutter – Sophie schrak förmlich zusammen – fühlte auf der Stelle, ihrem Sohn war das Wesen aus den Fugen. Sie ahnte seine Spannung – teilte sie – spürte: sein Geschick war in der Schwebe. Ihre Nerven waren krank vor Ungeduld. Wenn doch dies ein Ende nähme – wenn man doch diese Sitzung schlösse – ehe – ja ehe Marieluis auch ihre Stimme erhob. Warum griff Marieluis noch nicht ein? Warum ließ sie die Debatte sich weiter wälzen? Diese mißtönige, gewagte Debatte. Wartete sie, um ein besonders starkes Wort, eine ihr gewichtigste Frage noch zuallerletzt hineinzuwerfen?

Was ging in ihr vor?

Aufrecht saß sie und sah zuweilen Doktor Marya Möller an und zuweilen ihre Mutter – es schien, als miede sie Allerts Blick. Und ihre Mutter, die Senatorin, erhitzt, nervös, mit einer Haltung, die beinahe etwas gewaltsam Stolzes hatte, hing mit ihren Blicken am Gesicht der Tochter. –

Sie hatte keine Zeit gefunden, ehe sie zornig das Vorstandszimmer verließ, der Tochter zuzuraunen: Beteilige Dich um Gottes willen nicht an der Debatte! Und nun zitterte sie in Erinnerung daran, daß sie noch auf der Herfahrt ermutigt hatte: Beteilige Dich nur jedenfalls an der Debatte; es ist die beste Gelegenheit, mal zu versuchen, ob man öffentlich sprechen kann.

Wie hatte sie auch ahnen können ... Ihr war ja gerade, als sei dies alles eine Karikatur dessen, was sie gedacht und gewollt. Und wie anders hörte sich das alles in der schrecklichen Oeffentlichkeit an ... Und immer sah sie ihren vornehmen, maßvollen Gatten ... Wenn sie sich vor dem blamiert fühlen müßte! Wenn er ihr Vorwürfe machte! – –

Die Demütigung zerbräche ihr Leben. Sie wollte, sie mußte vor ihrem Manne die kluge, taktvolle, ungewöhnliche Frau bleiben. Die Atmosphäre der Hochachtung, in der sie lebten, hatte ihnen ja – unbewußt – das Glück der Herzen ersetzt. Sie fühlte: ging des Gatten Hochachtung in die Brüche, setzte sie sich seinem Tadel, seinem Lächeln aus, so würde sie aus aller Harmonie kommen. Und wie war das noch zu verhüten ... Die Oeffentlichkeit war ja plötzlich in ihr Dasein gekommen, hatte ihre Bestrebungen mit in den großen Strom der sogenannten Frauenbewegung gerissen. Wie noch vorbeugen? ...

Plötzlich zuckte ein sehr kluger Gedanke durch ihr Hirn: Ja, vorbeugen, indem man bekennt, so hatte ich's nicht gewollt. Diese Geister dacht' ich nicht zu rufen. – Vorerst tat dieser kluge Gedanke noch weh. Aber er ließ sie nicht los.

Wie bleiern die Minuten schlichen! Hörten denn diese plumpen Fragen gar nicht auf? Nun schleuderte wieder eine Stimme diese Worte in den Saal:

»Könnte nicht eine Statistik versucht werden über die Zahl der Mädchen, die aus Mangel an sexueller Aufklärung fielen?«

Daran schloß sich eine weitere Debatte.

Wenn Marieluis nun doch noch das Wort nähme? Die Senatorin hatte eine jähe Erkenntnis: das ertrüge Allert nicht. Da saß er – vielleicht auch gespannt – vielleicht gar schon abgekühlt. Und sie vermochte ihre Begierde nicht zu bezwingen: rasch sah sie schräg zurück. Sie sah den Mann, sein vor Erregung scharfes und bleiches Gesicht. Die Blicke der beiden Mütter trafen sich, und beinahe – ja beinahe wäre das Ungeheuerliche geschehen: die Senatorin mußte ihre äußerste Selbstbeherrschung aufbringen, um einen nervösen Tränenausbruch niederzuzwingen.

Und Marieluis saß da oben, in der beherrschten, verschlossenen Haltung, die ihrer Art gemäß war und die Erziehung ihr gefestigt hatte von Jugend an.

Sie konnte der Mutter kein Zeichen geben – sie konnte nicht in ihre Blicke legen, was in ihr aufflammte.

Vor Hunderten von Zuschauern saß sie ja, und jede Geste wäre ihr schon wie eine Mitteilung an die Oeffentlichkeit vorgekommen; an diese furchtbare Oeffentlichkeit, die sich ihr zum erstenmal in ihrem Leben offenbarte.

Und sie begriff, wie in ihrer grellen Helligkeit, in ihrer unwillkürlichen Schamlosigkeit, in ihrer krassen Genauigkeit, in ihrem unabgetönten Lärm sich alles ganz anders darstellte, als man es in stiller Wirksamkeit gedacht. Der Unterschied zwischen dem gelesenen oder vertraut gesprochenen Wort und dem fanatisch hinausgeschrienen ging ihr auf...

Mit Erstaunen hörte sie schon vorhin, daß dieses fremde, geschmacklose Mannweib sich gegen die Bitten und Ratschläge ihrer Mutter wendete – das hatte Marieluis noch nie gehört, daß jemand sich erlaubte, einer Ansicht ihrer Mutter in dieser Art zu trotzen – die schlechte Form verletzte sie. Sie dachte: vielleicht hat Doktor Marya Möller recht, aber sie müßte Mama nicht so niederschreien.

Es war ja nur eine Aeußerlichkeit. Aber das stimmte die zitternde Erwartung auf den Vortrag so herab.

Und tief in ihrem Herzen war ein heißer Wunsch gewesen ... Der würdige, ernste, sittlich erhebende, begeisternde Verlauf dieses Abends sollte den einen bekehren, ohne den sie sich doch keine Zukunft mehr denken konnte. Diese Stunden sollten ihn zu ihrem Mitarbeiter machen.

Und aus dieser Hoffnung heraus hatte sie kein Wort auf seinen Veilchengruß und seine beschwörenden Zeilen geantwortet. Sie küßte die Veilchen, sie war glückselig mit den zarten kleinen Blumen, die von ihm kamen. Und sie hoffte.

Und als sie ihn sah, drunten, zwischen den vielen, vielen Frauen er einer der wenigen Männer, da grüßte ihn ihr Auge, und ihre Blicke glänzten. Noch hoffte sie, trotzdem dies Vorspiel so beklemmend gewirkt hatte und all ihr Taktgefühl litt, weil eine Plumpe ihre stolze Mutter niederzankte.

Dann begann der Vortrag, und die scharfen, starken Worte, in ihrem verwirrenden Durcheinander von gerechten Klagen und ungerechten Anklagen, schnitten wie Schwerter durch die Luft ...

Und was das allerrätselhafteste war: Ansichten, Sätze, Ausdrücke, die sie selbst sich erworben, nachgesprochen, unbedenklich gebraucht hatte, nahmen einen ganz andern Sinn und Klang an, nun da alles aus dem Munde der fanatischen Frau wie durch Glut gegangen und umloht kam.

Und all dies hörte auch er. Klang ihm nicht ihre Stimme aus den Reden dieser Frau?

Der Gedanke ließ Marieluis erzittern ... Sah er nicht ihr Wesen gesteigert in dem Wesen dieser Frau?

Und plötzlich sah sie sich wieder in der abendlichen Straße, die der graugelbe Nebel füllte; sie spürte die klebrige Schmutznässe wieder unter ihren Sohlen, und in ihrem Ohr die grölende Stimme des Betrunkenen. – –

Schleier zerrissen vor ihren Augen – sie verstand jetzt – erst jetzt und in diesem Augenblick klar, was sie gewagt, welchen Gefahren sie sich ausgesetzt hatte, an welchen Abgründen sie in unbefangener Mädchenwürde dahingegangen.

Und sie begriff, wie er, der geliebte Mann, um sie gebangt haben mußte! Wie tief es seine Seele verletzte, daß sie in den Schmutz hinabstieg.

Und ihre Ernten? Die ihrer Mutter? Wo waren sie? Man hatte gearbeitet, gesprochen, sich mit den widrigsten Verhältnissen und dem minderwertigsten Menschenmaterial abgegeben. Wußten sie denn gewiß, ob sie irgendwo dauernden Nutzen geschaffen? Diese Fragen tauchten in ihr auf – verwirrten sie. –

Ueber all das sie Bedrängende erhob sich die eine große Erkenntnis: es gibt für mich ja nur eine Aufgabe – eine!

Die, des teuren, starken, klugen Mannes Weib zu sein – im Glanz seiner Liebe als Frau zu wirken und ihm das Leben tragen zu helfen – in Arbeit und Glück.

Aber vielleicht war das verloren. In eigensinnigem Schweigen hatte sie sein zärtliches verstecktes und doch so deutliches Werben hingenommen. Er konnte nicht wissen, daß sie seine Veilchen geliebkost und sich in Glückseligkeit ihrer gefreut. Er sah ja nur: sie hatte keines von den Sträußchen an ihrem Kleid befestigt.

Hätt' ich das doch getan – wenigstens das, dachte sie in leidenschaftlicher Reue vergehend. Es wäre doch wie ein Zeichen gewesen. Es hätte ihn vielleicht versöhnt. –

Mußte er nicht ganz zurückgestoßen sein? Jetzt – nach diesen Stunden.

Saß sie nicht da, in Reih' und Glied mit der anmutlosen Frau, aus deren Mund die unkeuschen Worte und die grellen Anklagen kamen? Mußte er nicht denken, daß sie die Gesinnungsgenossin dieser vor Zorn schäumenden Sprecherin war, die doch tat, als spräche sie im Geist und Namen aller anwesenden Frauen?

Und wieder hörte Marieluis mit Entsetzen: Worte wurden hinausgerufen mit wildem Pathos. Worte, die sie selbst zuweilen ausgesprochen. Ansichten, für die sie gegen den Geliebten in eifriger Rede gefochten. – –

Er mußte sich doch daran erinnern – jetzt – hier. Und er mußte glauben: sie sei eins mit der Rednerin.

Anders konnte es nicht sein. Ah, mit welcher Kälte, mit welcher Feindseligkeit sich sein Herz nun füllte. Darin konnte keine Liebe weiterleben.

Sie litt. Sie fühlte: es ist aus! Er geht von dieser Stätte und meidet mich für immer – über diese Stunden kommt er nicht weg – vor seiner Erinnerung sitz' ich nun ewig neben Doktor Marya Möller – eine Kämpferin gleich ihr – aller weiblichen Zartheit entkleidet.

Ich habe ihn verloren.–.–

Wenn nur dies alles ein Ende nähme – wenn sie nur hätte fliehen können.–.–

Aber die Stimmen erhoben sich immer neu. Marieluis empfand jede wie einen Schmerz – alles zerrte an ihren Nerven.

Sie dachte zuletzt wie gehetzt:

Ich kann nicht mehr – ich will fort...

Fassungslos war sie und hatte die Empfindung, als werde sie hier gefoltert, und alle lächelten höhnisch dazu – und am meisten er – er!

Dort saß er. Unklar sah sie das geliebte männliche Gesicht – die offenen Züge – das Gesicht eines Mannes, der immer wußte, was er wollte ...

Sie dachte, noch kaum Herrin ihrer selbst:

Und wenn Mama es mir nie verzeiht!– – –

Und zugleich erhob sie sich – ohne zu fühlen, daß sie Auffälliges täte. Sie dachte nicht an den Saal, an all diese Menschen, die sich fragen mußten: Was tut sie? – Warum steht sie auf? – Ist ihr nicht wohl? Nichts. Nur an dieses eine: Ich kann nicht mehr so dasitzen vor seinen Augen – seinem Spott – seiner Feindseligkeit. – –

Sie wußte nicht, daß sie mit unsicheren Schritten ging. Sie kam an die Tür – öffnete – da waren ein paar Stufen – sie führten hinauf in das Zimmer, wo Künstler oder Vortragende sich aufhielten, bis das Podium rief.

Nun war es leer, ganz leer. Welche Wohltat, welche Erlösung.

Sie setzte sich in einen der tiefen Lehnstühle, die einen großen runden Tisch umstanden.

In ihrem Kopf brauste Lärm – hunderttausend Marya Möllers keiften durcheinander.

Sie war nicht ohnmächtig – aber in einer Schwäche, die ein Uebermaß von tödlicher Traurigkeit – von Hoffnungslosigkeit – von grenzenloser Angst war, legte sie ihre Arme verschränkt auf den Tisch und neigte ihr Gesicht in dies Versteck hinab. –

Sie weinte nicht. Ihr war, als fragten Stimmen in ihr – lautlose und doch so furchtbar eindringliche Stimmen: Ist nun alles aus? Vorbei? Verloren?

Und andere Stimmen schienen zu rufen: Ja – verloren.

Ihr Wahn, mit ihren schwachen, reinen Mädchenhänden den Schmutz aus der menschlichen Gesellschaft hinwegräumen zu können, war verflogen. Und zugleich wußte sie: dieser Wahn hatte sie ihr Glück gekostet ... Oede war das Leben geworden. Wie sollte man es weiter tragen?

Sie horchte, matt vor Zerschlagenheit, immerfort, wie ihr Blut schwer rauschte und in den Schläfen hämmerte. Und darüber hörte sie nicht, daß eine Tür sich öffnete –

Sie schrak auf: eine Hand legte sich auf ihr Haar – eine Hand ... Sie hob, wie unter einer Last, unter einem Hindernis, ihren Kopf – scheu und doch in jäher Seligkeit. Schon fühlend, wissend – noch ehe sie sah.

Und als sie ihr Gesicht emporwandte, sah sie in seine Augen. – –

Sie sprachen nichts. Nicht ein Wort. In einem großen, ergriffenen Schweigen sahen sie sich an.

Wie viel Liebe, wie viel Güte und Mitleid war in seinen Blicken. Und nichts, gar nichts von Triumph und Spott, der Geschlagene noch verwunden will. Nichts von dem Hochgefühl des Mannes, der es als seinen Sieg empfindet, wenn dem Weibe ein schief erbaut gewesenes Stück Welt zusammenbricht. Nur heiße Liebe. Nur ganz einfach der Trost: nun bin ich Dein ...

An der Tür die beiden Mütter wagten erst nicht sich zu rühren. Aber doch: Sophie konnte ihre Glückstränen nicht mehr meistern – ihre Augen strömten ihr über, und sie preßte das Taschentuch an den Mund.

Da erhob sich Marieluis – Allert mußte ihr ein wenig helfen – und er hielt ihre Hand fest.

Sie wollte auf ihre Mutter zugehen, sich entschuldigen – etwas erklären.

Aber diese außerordentliche Frau hatte sich inzwischen ganz gefaßt. Herrin der Lage war sie geworden wie immer, und der kluge Gedanke hatte so sehr gesiegt, daß er nicht nur nicht mehr schmerzte, sondern eine neue Form von Triumph versprach.

»Mein Kind!« sagte sie und schloß die Tochter in ihre Arme, »ich verstand Dich! Nun wollen wir nach Hause fahren, und ich werde meinem Mann sagen, daß mir diese Sachen denn doch zu geschmacklos sind ...«

Allert küßte ihr die Hand.

»Und wie wäre es, wenn Sie Ihrem Gatten gleich einen Schwiegersohn mitbrächten?«

Da lachte sie hell und glücklich auf.

»O Gott ja, Kinder – wir Mütter haben schon lange genug darauf gewartet ...«

»Wollen Sie mich ein wenig liebhaben?« bat Marieluis leise.

Ach, was sollte die kleine zärtliche Mutter darauf antworten – was versprechen? Ihr ganzes Leben war ja Liebe, und seit langer Zeit hatte ihr Herz diesem Augenblick entgegengezittert. So konnte sie nichts, wie ihrem neuen Kind mit innigen Küssen sagen: Du bist nun auch mein ...

Draußen im Saal brach ein seltsames Geräusch los – ähnlich dem Knattern von Gewehrsalven. Der Beifall. –

»Fort!« sagte Allert, »rasch. Ganz einfach: Flucht ...«

Und aus der Rührung fühlten sie sich jäh hinübergerissen in jenen Uebermut, der auch die Reifsten und Nüchternsten in seltenen Stunden erfassen kann.

Auf irgendeine Weise gelang es ihnen, sich vor allen Menschen hinaus ins Freie zu retten.

Und dann gingen die beiden Frauen voran und sprachen sich gründlich und beglückt aus. Die Senatorin klar und voll Verstand alle Punkte beleuchtend, die für diesen Bund sprachen. Sophie nur ganz schlicht gerührt. Ja, der eine von ihren beiden lieben großen Jungen – der hatte die Blüte seiner Liebe hinwelken sehen. Die war dem leeren Boden des törichten Luxusdaseins entwachsen – da konnten für einen Mann wie Raspe keine Früchte reifen. Aber mit dem ernsten Willen zum Großen und Guten, den Marieluis hatte, konnte ein Mann ringen. Irrtümer gibt es, die wie Vorschulen für heilige Wahrheiten sind. Was Sophie aber der andern Mutter, die sich nur ein Kind erworben hatte, die keines von eigenem Blute besaß, nicht sagen konnte, war dies: wunderbar feierlich und beseligend, alles Glück noch übertönend, fühlte sie, als sei nun erst ihre Bestimmung als Weib und Mutter auf dem Wege der Erfüllung. Ihr Dasein sollte nichts ins Leere münden – zwischen den vergangenen Geschlechtern und den kommenden stand sie als Mittlerin. Ihr Haus sollte blühen – sie wurde nicht dieser geheimnisvollen Unsterblichkeit beraubt, die einer Mutter göttliches Teil ist, wenn sie ihr Blut, ihr Wesen in künftigen Generationen weiter wirken sieht. Ihrer Umwelt kaum bewußt, schritten sie weiter durch die laue Frühlingsnacht.

So kamen sie aus dem Gewirr der alten engen Straßen heraus. Nun war Helle und Leben um sie. Das Leben des Abends, der immer für Tausende wie ein Fest und ein Gelage scheint. Aus den Fenstern der großen Restaurants glänzten oberhalb der Scheibengardinen die Birnen der elektrischen Kronen. Drüben am Kai des Jungfernstiegs lag der Pfahlbau des Alsterpavillons über dem Wasser.

Dann gingen sie den stilleren Alten Jungfernstieg entlang, neben den knospenden Lindenbäumen, hart am Gitter, das das dunkelflutende Wasser umschützte.

Hinter den beiden emsig redenden und erregten Müttern schritten die beiden jungen Menschen Arm in Arm.

Sie schwiegen. Die grenzenlose, heilige Beglücktheit in ihnen war noch wie ein Bann – Worte durften ihn noch nicht brechen.

Und sie wußten es auch ohne Worte, wie schwer sie sich zueinander gekämpft hatten, und daß sie nun völlig eins waren in dem, was für sie Arbeit und Glück bedeutete.

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