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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Und sie wanderten in gutem Gleichmaß des Schrittes dahin unter dem wundervollen Aufbau des königlichen Stadtbildes um das flutende Wasser. Schon glühten die rötlichen und bleichen Lichtpunkte der Laternen rings an den Uferstraßen durch das friedvolle Grau. Von diesem Grau ging solche feierliche Stille aus, trotz all dem Getön des Lebens ringsum. Und hoch über den Firsten der Dächer begann die Geisterschrift elektrischer Flämmchen aufzuzucken – huschend erschienen die Namen von Firmen und Waren – liefen gleich feurigen Tierchen ihre Zeile oder ihren Kreis entlang, verloschen, begannen sogleich von neuem ihr gespenstiges Schreiben vor dem Hintergrund des Abendhimmels, hoch über dem Treiben der Straßen, auf die hinaus die vom Zwange der Geschäfte befreite Menge strömte.

Der Saal, wo der Vortrag stattfinden sollte, lag in einer der engen Straßen der Altstadt. Da keilte sich in das Gedränge von Geschäftshäusern und Speichern, von schmalen, immer mit Verkehr überlasteten Gassen ein Bau, der Festsäle und Vereinstheater und Geschäftsräume enthielt. Und im Vestibül drängte sich die Menge, trotzdem es noch früh war.

Der Saal, oben von einer Galerie mit Logen umgeben, glänzte in der gleichen festlichen Helle wie bei den Konzerten berühmter Dirigenten – aber das Publikum zeigte eine andere Färbung. Es sah gewissermaßen dunkler aus. Denn die Abendkleider und der Prunk von lichter Seide und Chiffon und Schmuck fehlten ganz – die Damen hatten sich in Straßenkleidern eingefunden. Und daß diese Scharen von Frauen, zwischen denen man nur ganz wenige Männer sah, von einer wunderlichen Unausgeglichenheit der Erscheinung waren, bemerkte Allert sofort. Viele Gesichter erkannte er – viele Frauen in der strengen und gediegenen Unauffälligkeit; in sehr kostbaren und sehr einfachen Schneiderkleidern saßen sie da oder standen in Gruppen und unterhielten sich. Und zwischen ihnen drängten sich weibliche Wesen in modischen, billigen Jacken mit flotten Hüten, darauf unechte Federn wogten ... Andere waren von bescheidener, sauberer Dürftigkeit der Kleidung, und sie saßen still und etwas duldend auf ihren Stühlen.

Seine Mutter wurde im Vorbeigehen angeredet: »Auch aus Rücksicht auf Frau Senator Amster hier, gnädige Frau?« Und: »Sind Sie nicht auch riesig gespannt? Es kann sehr pikant werden.« Oder: »Na, gottlob, endlich haben wir mal Marya Möller hier, das wird uns weiterbringen.« Dann eine, ärgerlich: »Die Geschichte ist nicht richtig organisiert – man hat zu viel Freibillette verteilt – jetzt hab' ich nur noch ganz hinten einen Platz bekommen.«

Als sie ihre Plätze gefunden hatten, fragte Sophie: »Wollen wir die Amsterschen Damen im Vorstandszimmer begrüßen?«

»Nein,« sagte er kurz.

Er hatte Marieluis schon gegrüßt – heute morgen – auf eine besondere Art – und das sollte sein eigenstes Geheimnis bleiben ...

Er hatte ihr in der Frühe Veilchen geschickt – dunkle und dicht gedrängte Sträuße in einem Binsenkorb, den eine blaßblaue Schleife schmückte – und er dachte – daß diese Blumen, diese Farben vielleicht noch beredter zu ihr sprechen sollten als seine Worte, die er dazu schrieb:

»Ich erfülle Ihren Wunsch, und heute abend bin ich in der Versammlung. Ich weiß es nicht, ob ich das Recht habe, Sie um etwas zu bitten. Hätte ich es, ich bäte Sie, mit aller Wärme und aller Kraft, deren mein Herz fähig ist: sprechen Sie nicht laut mit in der Oeffentlichkeit von diesen Dingen, die das Plakat nennt. Vielleicht sagen Sie wieder: Vorurteile! Ja, und wenn?! Es gibt Vorurteile, in denen sich die Sorge um Erhabenes verbirgt.

Ihr A. v. H.«

Den ganzen Tag hatte er gewartet: vielleicht kommt ein Wort, ein Zeichen – Liebe, die trösten und beruhigen will, findet Worte und Zeichen.

Aber es war alles stumm geblieben – ein Tag war es gewesen wie alle: er rann ab im hastigen Treiben der Geschäfte.

Und nun saß er hier – mit trockenem Munde – vor Spannung wie gelähmt. Es war, als sei sein ganzes Wesen gebunden und erst der Ablauf der nächsten Stunde könne es wieder lösen.

Wenn sie seiner Bitte willfahrte! Was sagte sie ihm damit alles. Heißes Glücksgefühl wallte in ihm auf, wenn er sich das vorstellte.

Oh, das sagte ihm: Ich will dein sein, und eine Gemeinsamkeit mit dir soll mir fortan die größten Aufgaben bringen – die nächsten – die heiligsten.

Nun würde er es bald wissen, ob ihre Zartheit, ihr Geschmack, ihr keusches Empfinden, ihre Mädchenscheu vor ihm, gerade vor ihm, der sie liebte, ob dies alles stärker war als ihr kämpferischer Fanatismus.

Wenn es wäre – wenn es wäre! Auf dem Podium in der Mitte vorn an der Rampe stand ein Rednerpult. Rechts und links davon schmale, grün verhangene Tische. Hinter jedem drei Stühle. Für die Schriftführer, Stenographinnen, Vorstandsdamen, vermutete Allert und war nur gespannt, ob dort auch die Senatorin Amster Platz nehmen werde. Aber nein. Da kam sie aus der Tür, die unten, neben dem Podium, aus den Zimmern der Vortragenden in den Saal führte.

Rasch und herrisch schritt sie an der ersten Stuhlreihe entlang und nahm auf dem Stuhl an der Ecke des Mittelganges Platz. Da saß sie nun mit erhitztem Gesicht, in imperatorischer Haltung und versuchte ihre Nerven zu beruhigen. Sie hatte hinter den Kulissen mit der erst vor einer Stunde in Hamburg eingetroffenen Doktor Marya Möller einen Punkt der Uebereinkunft gesucht und nicht gefunden!

Sie sagte: »Es ist klüger, gerade für meinen Verein, maßvoll, ästhetisch in der Form und vorbereitend aufzutreten.«

Doktor Marya Möller sagte: »Ich bin es unserer Sache schuldig, energisch, wahrhaftig und rücksichtslos zu sprechen, und was im Reichstage gerade über mancherlei Hamburger Einrichtungen gesagt wurde, werde ich ja wohl auch noch vorbringen dürfen.«

Die Senatorin, durchaus gewohnt, als Befehlshaberin fast in jeder Lage und besonders in den ihren Verein angehenden Dingen aufzutreten, und von dem naiven Anspruch getragen, daß vor ihrer Ansicht Widerspruch zu verstummen habe, fühlte sich sehr gereizt.

Schließlich hatte doch der Verein diese Vorträge finanziell unterstützt! Und wenn dies Bewußtsein auch nur Nebenempfindung war: sie spielte mit.

Am meisten aber: die Senatorin hatte sich zum Gesetz gemacht, den modernen Bestrebungen mit so viel gutem Geschmack als möglich zu dienen. Und diese Marya Möller sah nicht nach »gutem Geschmack« aus. Die Senatorin dachte still entsetzt: die hat ja was Anarchistisches; obschon ihr die Sachkenntnis fehlte und sie noch nie einen lebendigen Anarchisten gesehen hatte ...

Wenn sie auf dem Podium so losdonnerte wie im Künstlerzimmer? Welcher Stoff für die Presse!

Das konnte doch fatal werden! Wenn ihr Mann davon läse! Wenn man ihn darauf anspräche! Wenn er sagte, es sei von ihr taktlos gewesen, sich Schulter an Schulter mit Doktor Marya Möller in der Öffentlichkeit zu zeigen!

Der Vorwurf der Taktlosigkeit aus dem Mund ihres Mannes! Der bloße Gedanke machte sie nervös.

Allert konnte ja nicht ahnen, was in ihr vorging. Er saß mit seiner Mutter in der dritten Reihe. Und er konnte schräg vor ihm das Gesicht der stolzen, klugen Frau im Profil sehen – es war heiß und rot – ein erstaunlicher Anblick.

Nun öffnete sich droben die Tür, die aus dem »Künstlerzimmer« auf das Podium führte.

Allerts Herz klopfte so, daß er in seinem Kopf ein Rauschen verspürte – Sturm schien ihn zu umbrausen.

Drei weibliche Gestalten kamen zuerst – unscheinbare, sachliche Wesen. Sie setzten sich links vom Rednerpult und legten sich ihre Schreibstifte zurecht.

Und dann drei andere Gestalten: die Vizepräsidentin, die Kassenführerin und die Schriftführerin des Vereins.

Allert kannte sie alle drei – in ganz einfache, dunkle Kleider hatten sie sich gehüllt – er erriet auch, weshalb die Vizepräsidentin, die alte Frau Ramsburg mit ihrem milden Großmuttergesicht, ihrer Nichte Amster den Vorsitz für heute abgenommen und sich aufgeladen hatte. Wer war Frau Ramsburg? Eine gutmütige, außerhalb ihres Familienkreises gänzlich unbekannte und neutrale Persönlichkeit. Der Sitzredakteur, dachte Allert in einem flüchtigen Blitz seines Humors.

Er erkannte auch die Schriftführerin – eine Stellung, die die schöne Frau Julia ein paar Wochen bekleidet gehabt. Nun war es das älteste, beinahe vierzigjährige Fräulein Vierbrinck, eine Großcousine Dorys. Sie trug auch einen Kneifer und hatte auch Grübchen, aber kupferige Wangen und einen scharfen, eifervollen Blick hinter den Gläsern.

Neben ihrem dunklen, glatt gescheitelten Haar sah man das blonde Haupt.

Duftig und schön geordnet lag das Haar um Stirn und Schläfen – das edle Angesicht schien ein wenig bleich – doch kühl und klar der Ausdruck wie immer.

In vielen Kleidern und Farben hatte Allert sie gesehen. Aber die behielt er nicht im Gedächtnis – die sah er nicht, wußte er nicht. Vor ihm stand sie immer in jenem blaßblauen Gewand mit den dunklen, starken Veilchensträußchen – die an der weißen, blühenden Pracht ihrer Schultern lagen.

Er suchte ihren Blick zu erzwingen.

Und nun sah sie ihn. Ihr Auge schien dunkler, größer zu werden.

Sein Blick sprach zu ihr – beredt, eindringlich, seine Nasenflügel bebten. Oh, er hätte sein ganzes Ich in seinen Ausdruck legen mögen. Und er wartete auf ein Zeichen, daß sie ihn verstehe – eine Verheißung – eine Bejahung all der brennenden Bitten, die seine Blicke zu ihr hinübersandten.

Und es war, als sei auch in ihren Augen ein besonderes Licht.

Was strahlte es ihm zu? Er verstand es nicht. War es der unbesiegbare Eigenwille, der mit stolzem Leuchten trotzte: ich tue, was mir richtig scheint?

Nun senkte sie die Lider. War es ihr unerträglich, die leidenschaftliche Bitte zu sehen, die auf seinem Gesicht geschrieben stand?

Dann eine große, allgemeine Bewegung – auch Marieluis wandte ihr Gesicht Doktor Marya Möller zu.

Die trat rasch ein. Ganz und gar vertraut mit der Oeffentlichkeit – gewohnt, mit sachlichem Blicke vielen Hunderten von Gesichtern zu begegnen.

Mittelgroß war sie, und zu einem kurzen, schwarzen Rock trug sie eine dunkle Weste, ein Flanellhemd mit Klappkragen und ein dunkles Jackett. Die Kleidung strebte offenbar männlichen Charakter an.

Allert dachte: Gegenspiel zu den bunten Schuhen und weißen Flören der Frau Julia – zwei Sorten von Grenzüberschreitungen – welche war ihm fataler? Er hatte keine Zeit, sich diese Frage eingehender vorzulegen. Denn Doktor Marya Möller erhob ihr scharfes Gesicht, das unter dem kurzverschnittenen, graumelierten Haar an einen Predigerkopf amerikanischer Art erinnerte.

Diese Kopfbewegung hatte die gleiche Wirkung wie das Emporheben des Dirigentenstabes in der Hand eines berühmten Kapellmeisters: vollkommene Stille trat ein.

Und dann hingen die vielen hundert Augenpaare eine Stunde lang gefesselt an diesem ausdrucksvollen Gesicht, und alle Ohren lauschten angestrengt, um nur ja keine Silbe von diesen kunstvoll vorgetragenen, hart dreinfahrenden, kühnen, auch die heikelsten Dinge offen nennenden Worten zu verlieren. Und die fanatischen, brennenden braunen Augen im Gesicht der Rednerin hatten eine hypnotische Macht – da war niemand im Saal, der nicht das Gefühl gehabt hätte: sie sieht mich an. Jedem wußte sie das Gefühl zu suggerieren, daß es schimpflich sein würde, in der Aufmerksamkeit nachzulassen. Welche Kraft war in diesem Weibe. –

Allert hörte und erfaßte alles – das ganze Bild des Elends, der Versuchungen, der moralischen Versumpfung in den Unterschichten rollte sie auf, das jedem denkenden Mann, der nicht blind und fühllos durch die sozialen Gärungen der Zeit schritt, wohlbekannt war.

Vielen weiblichen Zuhörerinnen erzählte sie damit wohl ihnen bisher unbekannt Gebliebenes.

Doktor Marya Möller kannte aber nur einen Schuldigen: den Mann!

Es gab für sie keine geschichtlichen Rückblicke, und sie schien nicht zu wissen, daß manche Krankheitserscheinungen, daß Verbrechen aus tollgewordenem Kraftüberschuß so alt waren wie das Menschengeschlecht, und so unabänderlich wie mißgeformte und abfaulende Blätter in der Fülle reich belaubter Wipfel. Sie schien auch gar nichts von wirtschaftlichen Evolutionen, vom Arbeitsmarkt, von der Einwirkung schlimmer Umwelt, vom ererbten Hang zum Liederlichen zu wissen.

Der Mann war ihr die Ursache allen Uebels.

Oder: durchaus wahrscheinlich: es lag in ihrem Vorsatz und heutigen Programm, alles nur von einer Seite zu beleuchten. Denn als unerhört zielbewußte, kluge Kämpferin wußte sie wohl, welche Gewalt solche Einseitigkeit gibt: wie hell, wie grell, wie den Blick blendend sich die Dinge ausnehmen, wenn ein Scheinwerfer sie bestreicht.

Allert hörte sachlich zu. Diese Einseitigkeit hatte etwas Imponierendes. Und diese Keulenschläge trafen oft genug auf den rechten Fleck ... Nur schade, daß gerade die Männer hier nicht zuhörten, die am meisten davon hätten betroffen sein müssen: der rohe, trunkene Kerl der abendlichen Gassen – der frühreife Bengel der Hinterhäuser – ja, diese hörten dem Vortrag von Doktor Marya Möller nicht zu.

Und die vielen vornehmen Frauen in der strengen Eleganz unauffälliger Schneiderkleider – die hörten gewiß mit einem schaurigen, brennenden Interesse – so wie Kinder den Robinson Crusoe lesen – gespannt durch die für sie selbst nie erlebbaren Gefahren und Begebenheiten. –

Und während Allert hörte, sah er zugleich. Er sah das schöne, blonde, geliebte Haupt. Für ihn trug sie kein düsteres Schwarz. Saß sie nicht da, von blaßblauer Seide umgleißt – mit dunklen lila Veilchen an den herrlichen Schultern – stolz und rein?

Ihre Augen hingen an der Rednerin – ihr Gesicht war bleich. Schien es ihm nur so? Hob sie den Kopf auf eine besondere Art – wie kritischer Hochmut tut? Oder war es die Geste der Erhabenheit – des Triumphes für diese Genossin im Kampfe? Wenn er in ihre Seele hätte hineinblicken können!

Mit einem Male sah er wieder jene häßliche Szene – sah sie in der abendlich düsteren Straße, die der klebrige Nebel füllte, und er hörte wieder die grölende Stimme des Trunkenboldes, der sie bedrängte –

Er fühlte einen bitteren Schmerz in sich aufsteigen.

Mußte nicht auch sie daran denken – gerade jetzt?

Begriff sie wohl, daß dieses Mannweib da oben ganz andere Zwecke und Ziele hatte? Daß da die Arbeit zur Hebung der Sittlichkeit nur das Mittel war, die Frau in die Front und in die Politik zu bringen?

Jetzt schloß die Rednerin, und ihre letzten Worte flammten über die atemlos Lauschenden hin wie eine Fackel über Gase – und züngelnd lohte die Begeisterung und der Jubel ihr zu. Besonders vielleicht jauchzten alle die Herzen, die vom Mann Uebles oder – gar nichts erfahren hatten: und die allgemeine Schuld der Männer machte es so viel leichter, dem Mann entsagen zu müssen.

Ja, eher könnte man wohl all die vielen spinnwebfeinen Hanffäden eines armdicken Schiffstaues auseinanderwirren als das, was sich hier verflicht und wie einhellige Zustimmung aussieht, dachte Allert.

Auf dem Programm war angezeigt: Nach dem Vortrag findet eine Debatte statt; Anfragen werden erbeten und beantwortet. Deshalb blieb man sitzen.

Eine Pause ... Die Begeisterung mußte erst abschwellen und sich vom Jubel und Beifallklatschen zum leisen Flüsterton mit der Nachbarin verebben.

Das war sehr merkwürdig – gemahnte an das Zurücksinken einer künstlich aufgepeitschten Woge. Die Hüte neigten sich hin und her. Das Licht ließ Reflexe aufblitzen auf den Steinen von Hutnadeln und den Brillanten an Ohrläppchen. Dann stockte die Bewegung der vielen Köpfe. Und es wurde wieder still.

Mitten in der Versammlung stand eine Dame auf. Sie fragte mit scharfer Stimme, laut und unbefangen, ob nicht in den Volksmädchenschulen für sexuelle Aufklärung gesorgt würde.

Doktor Marya Möller gab einen kurzen Ueberblick, wie weit die bezüglichen Bemühungen Erfolg verhießen.

So ging es weiter ... Da und dort in der Versammlung erhob sich ein Arm und eine gespreizte Hand, oder ein Zeigefinger – in Schulgewohnheit – meldete, daß man zu sprechen wünsche. Und mit großer Gewandtheit wußte die Frau vom Rednerpult aus jede der sich Meldenden nach und nach zu Worte kommen zu lassen. Die Stimmen fragten hell und keck, schüchtern und heiser – Doktor Marya Möller antwortete in nie versagender Autorität.

Und Allert fühlte immerfort sein Herz pochen – rasch und hart – jeder Nerv in ihm war gespannt. Er dachte: Vieles ist vernünftig – das sind viele Wahrheiten. Ein Bruchteil von dem allem ist durchführbar und kann nützen ... Und doch? ... Bin ich die Reaktion? Es ist mir furchtbar ... Ich möchte allen diesen Frauen zurufen: Halt – besinnt Euch – geht Euch für das, was Ihr nützt, nichts anderes verloren, das vielleicht noch wichtiger ist? ... Hab' ich unrecht? – Versteh' ich die Zeit nicht? – Ich, der Edelmann, der Kaufmann ward – das moderne Leben begreifend – bin ich die Reaktion?

Und ein Gefühl war in ihm, das er nicht niederringen konnte. Der feste Glaube: So denke nicht ich allein – so empfinden tausend, aber tausend Männer. – Sind wir Männer nicht vielfach die Benachteiligten – ist dies nicht alles Uebergang – und wir die Erleidenden?

Fabelhaft, was für ein fertiges sozialpolitisches Urteil all diese Frauen hatten – wie verwegen sie Dinge beim richtigen Namen nannten, von welchen ehedem die Frauen nur flüsterten. Oder die in einer gewissen naiven Unbefangenheit genommen wurden – wie auf dem Lande, wo das Natürliche weniger verhüllt ist.

Warum verletzte es ihn hier so? Etwa, weil man sich so wissenschaftlich und sozialpolitisch gebärdete? Oder weil so viele vor aller Ohren laut davon sprachen? Er wußte es nicht. Er dachte: wenn nur sie – sie – sie nicht mitspricht.

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