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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Und dann brachte er die Frage an, ob er in Gegenwart des Herrn Sohnes sprechen dürfe ...

Aber Sophie sagte schnell in seine Frage hinein, daß es gar nichts gäbe und nichts an sie herankommen könne, was sie nicht mit ihren Söhnen teile ...

Viktor Rositz fühlte sich ein bißchen unfrei. Er dachte: man kennt ja das Terrain nicht ... Saß ihm da in diesem stattlichen Mann, mit dem offenen Gesicht und den beinahe unangenehm klugen Augen ein künftiger Schwager gegenüber? Mama hatte es bestimmt behauptet: Tulla ist offenbar in einen der Söhne von der Hellbingsdorf verliebt. Der Oberleutnant Raspe war es nicht! Das stand für Viktor fest. Der Abschied am Bahnhof war bestimmt keiner wie zwischen Verliebten und heimlich Verlobten gewesen. Also war's dann der Kaufmann? Egal, ob der Oberleutnant oder der Kaufmann. Es paßte Mama nicht. Die wollte für Tulla 'n reichen Mann, damit ihr nicht etwa 'ne Offiziersmenage beständig auf der Tasche liege; und wenn schon 'n Offizier ohne Vermögen, dann doch Garde, aber nicht Linie. Und so Kaufleute! Fabrikanten! Die brauchen Kapital. Das wußte Mama – sie kam ja aus der Großindustrie. – Mama hatte gedacht: wenn da Tulla mit den Söhnen ein bißchen flirtet – immerzu – dann langweilt sie sich nicht. Aber was Ernstes? Und das schien doch aus Tullas Brief an Fiffi – aus dem Fiffi Bezeichnendes mitgeteilt hatte – hervorzugehen. Natürlich, wenn Tulla sich schon gebunden hatte! Viktor hielt es für undenkbar, daß nicht einer der beiden Hellbingsdorf sich das Goldfischchen gefangen hätte – dann war nichts mehr zu wollen. Er hatte der Mama auch seine Meinung gesagt! Um Tulla im Moment los zu sein, machte sie sich nicht klar, daß man ein Risiko lief. Na, und da hatte Mama denn gemeint: reise hin, sondiere, und ist es zu spät, handle gleich ab und bereite darauf vor, daß ich nicht sehr freigebig zu sein denke.

Das wäre ja eine greuliche Aufgabe gewesen. Denn feindselig und knickerig mochte Viktor durchaus nicht wirken. Aber dieser unerwartete Fund in Papas Archiv erleichterte doch alles. Dies Testament – das gab ja Handhabe und Möglichkeiten – entlastete Mama im Fall einer ihr nicht zusagenden Heirat Tullas und besonders einer Heirat mit einem Hellbingsdorf ...

Viktor kam sich ungeheuer verantwortlich vor und nahm mit ernster Miene Platz.

»Wenn Sie, meine gnädige Frau, alles mit Ihren Herren Söhnen teilen, bedaure ich, daß Herr Oberleutnant nicht ebenfalls zur Stelle ist. Er war es, der mir damals in Ihrem Auftrage Papas Mappe brachte, mit dem wertvollen Inhalt – wie sehr würde es gerade ihn interessiert haben, daß ich heute komme, um einen Teil jenes damals Ueberbrachten zurückzuerstatten – nur einen kleinen Teil,« fügte er flink den feierlich langsamen Worten an.

»Mir?« fragte Sophie und schüttelte in vollem Unverständnis leise den Kopf.

»Ist es Ihnen erstaunlich? Ja, es gibt so Sachen – schließlich nicht mal wunderlich – –«

Nun hatte er die Verpflichtung zum Feierlichen überwunden und geriet zwanglos hinein in das flotte Tempo seiner gewohnten, fragenden Sprechart.

»Nicht wahr? Gibt es nicht Verhältnisse ...? Sie kennen Mama nicht? Aber – ich kann's ja wohl ohne Respektverletzung sagen? Nicht? Sehr innig war das Verhältnis zwischen Papa und Mama nicht. Das werden Sie wissen? So hatte Mama keine blasse Ahnung, daß Papa eigenes Vermögen besaß. Viel war es ja nicht ... Woher sollte es auch kommen? Es war das bißchen Erbschaft von Tante Laura Rositz ... Wir merkten es dann an den Abrechnungen und einem Depotschein im Schreibtisch – und dann kam ja Ihr Herr Sohn mit der Mappe ... Und dann gab es Zank. Wem gehörte das nu? Mama sagte: ihr. Wir sagten: uns. Ist bei so was nicht immer Zank? Und es hieß: da muß doch 'n Testament sein. Man fand nichts. Kehrte den ganzen Schreibtisch um – nee – keins zu finden. Glauben Sie wohl?«

Sophie faß ganz still. Eigentlich nicht sehr voll Spannung. Doch aufmerksam. Und auch im Gemüt bewegt, daß ihr der Verlust des Freundes durch diesen Sohn und seinen Bericht wieder so deutlich vor die Seele trat.

»Mama ist göttlich! Da, wo sie hätt' suchen müssen, suchte sie nicht. Papa hatte eine Art Schrank – inwendig lauter Fächer – Genealogisches. Die Rositz sind ja alte preußische Beamtenfamilie – standesamtliche Scheine – all solche Sachen. Er nannte das sein Archiv. Mama war mit dem Inhalt nicht bekannt. Wie sollte sie? Nicht wahr? Bei dem Wort Archiv hat sie bloß immer an den Staat und was Wissenschaftliches gedacht – na, und wir reisten denn bald nach Sankt-Moritz, und es hieß, das Geld von Papa käme denn wohl uns Dreien zu ... Aber nu kamen wir ja Palmsonntag zurück. Und Mama meinte: jetzt müsse alles fort aus den Zimmern. Mama will sie anders einrichten – als Gastlogis. Mama erwartet bald einen wichtigen Besuch – ich glaub' den Baron Legaire – der will mit Berliner Architekten den Durchbau seines alten Schlosses in der Touraine besprechen.« Viktor räusperte sich. Und fuhr dann fort:

»Mama warf die Frage auf, ob das Archiv wohl dem Ministerium auszuliefern sei, und hatte solche kindliche Vorstellung. Da sagt' ich denn, wir wollten erst mal nachsehen. Und Harald konnte doch alles beurteilen als Jurist! Und so fand es sich denn: es waren lauter Privatpapiere in dem Archiv – von größtem Interesse für unsere Familiengeschichte. Die Rositz sind mal adlig gewesen. Irgendein Vorfahr, der in Not war, hat das ›von‹ abgelegt. Harald sitzt nu und büffelt sich da 'rein und sagt, wir können es beweisen und dann wieder aufnehmen – ja, und da war denn auch das Testament an seinem ordnungsmäßigen Platz.« Er lachte.

»Wissen Sie, was Harald sagte? Harald sagte: ›Mama, Du hättst es längst jefunden, wenn's an 'ner verrückten Stelle versteckt jewesen wäre, aber an der richtgen haste natürlich nich jesucht‹ – ja so was kann bloß Mama machen.«

»Und das Testament?« fragte Allert. »Was geht es uns an.«

»Gleich, gleich,« sagte Viktor Rositz beschwichtigend, denn er nahm an, daß Mutter und Sohn vor Spannung vergingen und sich schon darauf vorbereiteten, Krösusschätze entgegenzunehmen. Da hieß es erst vorweg abwiegeln.

»Papa«, berichtete er, »hat in der Hauptsache sein kleines Vermögen Tulla vermacht. Sie soll es ausbezahlt bekommen, wenn sie heiratet. Es sind etwa hundertsechzigtausend Mark. Und Mama sagt: ›Gut – das ist dann ihre Mitgift – damit muß dann ihr Erwählter zufrieden sein – so lang ich lebe, gibt's nicht mehr‹ – sagt Mama. Na, Tulla wird Augen machen! Sie wissen, reiche Leute denken immer ganz naiv, daß andere Menschen weniger Bedürfnisse und weniger Verbrauch haben als sie, und sind flink bei der Hand mit dem Wort ›einschränken‹ für andere! Na – so is Mama eben auch. Und denn is sie eine von den Müttern, die nu mal für Opfer nich zu haben sind – und sie fügt, wo in aller Welt steht denn geschrieben, daß Mütter sich was versagen sollen, bloß damit 'n Schwiegersohn in legere Umstände kommt – So! dachte er. Nu wissen se Bescheid – –

Weder Sophie noch ihr Sohn begriffen aber im mindesten den Zweck dieser Auseinandersetzung. Doch sagte Sophie freundlich: »Tulla war ein wenig ihres Vaters Liebling, wie oft einzige Töchter« – –

Und jetzt glaubte Viktor mit diplomatischer Feinheit alle Vorreden erledigt zu haben. Er ging zu dem über, was seine Zuhörer am meisten anging.

»Papa hat auch Ihrer gedacht, meine gnädige Frau. Er hat Ihnen ein Legat von fünfzigtausend Mark vermacht. Ich habe das Testament hier.«

Sophie errötete tief. Ihr erstes Gefühl war, mit raschem Blick das Auge des Sohnes zu suchen. Der sah sie herzlich an, nickte leise. – – Sie nahm das Testament. Viktor hatte es etwas umständlich aus seiner Brusttasche geholt.

Ihre Hand war unsicher. Ein Frösteln lief ihr über die Haut. Die Schrift eines Toten! Und im Ohre wachte der Klang seiner Stimme auf. Es war Sophie, als spräche er laut, was sie nun mit tiefer Rührung las: »Meine teure, langjährige Freundin, Frau Sophie von Hellbingsdorf, geborene Freiin von Patow, bitte ich, ein bescheidenes Legat von mir anzunehmen. Durch die Summe von fünfzigtausend Mark beraube ich die Meinen nicht. Ich bin mir auch bewußt, dadurch das Vermögen von Frau von Hellbingsdorf nicht wesentlich zu vermehren. Von ganzem Herzen wünsche ich nur, ihr zu zeigen, daß ich auch in der ernsten Stunde ihrer denke, da ich meinen Nachlaß ordne.«

Und geschrieben war dies am Tage vor seinem Zusammenbruch. Vielleicht hatte das Gefühl, daß irgend etwas unheimlich und zerstörerisch heranschleiche, ihn geängstigt, das Empfinden körperlichen Elends ihn schon bedrückt.

Und die Kräfte hatten dann am anderen Tage nicht mehr gereicht; er vermochte seine Geschäfte nicht zu Ende zu führen ...

Sophie erinnerte sich, daß er in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins Geld für Allerts Unternehmen angeboten. Sie wußte auch, wie ihre Gedanken dieses Geld dann umkreisten, wie ihr Herz, ihre Phantasie dem Toten gleichsam den Vorsatz untergeschoben: es ihr für ihren Sohn zu gönnen. Es erschütterte sie, nun zu erkennen: sie habe seinen Wunsch ahnend und richtig gefühlt. Und ganz gewiß hatten alle jene Worte, die er, nicht mehr Herr einer deutlichen Sprache, der Tochter noch zuflüsterte, von diesem Testament gehandelt – waren vielleicht Grüße gewesen – und eine Bitte: sag' ihr, sie soll mir das nicht verweigern. –

Aus dem großen ewigen Dunkel her streckte er noch seine Hand zu ihr aus – so empfand sie es – gerade in der trübsten Lage wollte er ein wenig helfen...

»Kann ich das annehmen?« fragte sie mit Tränen in den Augen.

»Aber, gnädige Frau ...«

»Unbedingt, Mutter,« sagte Allert ruhig.

Viktor Rositz war doch baff, mit wie wenig Worten das abgemacht wurde. Er hatte viel erwartet: Ausrufe, schlecht verhehlten Jubel, schöne Redensarten, Lobpreisungen des Edelmutes seines Vaters.– –

Und er sah nur eine stille Würde, die sich sogar bemühte, die Ergriffenheit zu verbergen.

Es imponierte ihm. Guter Geschmack, dachte er. Und er dachte auch an seine Mama. Den Seufzer, der ihm da aufquellen wollte, unterdrückte er.

Der Abend wurde überraschend nett. Tulla kam und war aufgeregt vergnügt. Und fand ihren Bruder so wohltuend elegant. Und er brachte die ganze vertraute Atmosphäre mit, die solche Sicherheit gab. Das Leben schien leichter. Es war doch beinahe, als sprächen nicht alle Menschen die gleiche Sprache.

Und Viktor war schon bei dem Vorgericht seiner Sache sicher: Tulla hatte mit diesem Allert ganz gewiß kein heimliches Verlöbnis angebandelt. Komische Kerls, diese beiden Hellbingsdorfe: ließen, sich 'ne brillante Partie entschlüpfen. Mama konnte mit Knapsen und Knausern drohen, aber die reiche Zukunft blieb. Na, das war Sache dieser Herren ...

Und er meinte, daß Tulla sich großartig rausgemacht habe in den Hamburger Wochen und wirklich entzückend sei.

Er bekam auch ihr Porträt zu sehen und fand es fabelhaft. Es sei geschmeichelt, sagte er, sonst ein Kunstwerk ersten Ranges. »Geschmeichelt?« fragte Sophie und sann dem Wort nach.

Sie hatte in das feine, dunkeläugige Gesicht vielleicht all ihre eigenen Gedanken und Träume hineingemalt; das junge Wesen so dargestellt, wie sie inbrünstig hoffte, daß es sich entwickle. – –

Dann bat Sophie, das Bild der Familie Rositz übersenden zu dürfen; auf Wunsch des teuren Verstorbenen sei es gemalt, als Andenken an ihn möchte sie es seiner Gattin und seinen Söhnen widmen. Und Viktor nahm es mit einer ergebenen Verbeugung an. – –

Am andern Morgen reisten die Geschwister ab. Sophie geleitete sie an den Zug. Eine tiefe Traurigkeit war in ihr. Nun erst, mit diesem Abschied verlor sie den heimgegangenen Freund ganz und verlor eine schöne Hoffnung. Auch Tulla schien ganz außer sich zu sein ...

Sie warf sich in die Arme der Frau, die sie förmlich umworben hatte, um durch die Mutter den Sohn zu erobern. Sie hatte sie auch lieb, ja, von ganzem Herzen. Mit einem Male fühlte sie: da war Wärme und Liebe für sie ... Aber sie hatte nicht hinübergekonnt zu diesen teuren Menschen. Und Tulla dachte: ich begreif es nie! ... Niemals versteh' ich, warum er schwieg! –

Von neuem kam Verzweiflung über sie. Und sie meinte: dies sei ein Unglück, das ihr das Leben zerbräche. Die Frau aber, an deren Schulter sie weinte, wußte in ihrem erfahrenen Herzen: du wirst dich trösten. Denn sie hatte gestern abend wohl gespürt, wie der Bruder sie rasch hinüberriß in die gewohnten Anschauungen, wie es gleichsam erwachend durch Tullas Wesen ging.

Und weiter dachte sie: eines Tages, zurückdenkend, wirst du ihn plötzlich verstehen und dich sehen, wie du bist – oder wenn du nie erkennst, warum er dir entsagen mußte, dann ist eben dein Leben ganz ins Flache hineingeglitten.

Der letzte Kuß – das letzte Winken. – Der Zug fuhr davon – rasch – sacht – ein langer, dunkler, beweglicher Körper im bläulichen Dunst des Frühlingsmorgens.

Sophie stand noch eine Weile sinnend unter dem Schmerzgefühl einer großen Leere.

Wenn eine Hoffnung unerfüllt abstirbt, das ist beinahe wie das Sterben eines Menschen, eine Lücke entsteht, aus ihr heraus scheint einen Entmutigung anzuwehen.

Aber da war die Arbeit – Sophie hatte halb zehn eine Sitzung – der uralte Senior der Familien aller Vierbrincks kam dann, von seinem Diener gestützt, die vielen Treppen herauf, immer stolz, dies noch leisten zu können; immer in der Erwartung, daß Sophie diesen Beweis seiner Jugendfrische mit vielen, bewundernden Worten preise. Sie versuchte vorweg, sich zu sammeln, stellte das feine, kluge, unendlich durchfältete Greisengesicht vor sich hin. – Vergebens – sie dachte zu viel zurück und voraus – Heute abend! Ja, sie ahnte: diese Stunden heute abend konnten über das Herzensleben ihres ältesten Sohnes entscheiden ... Sie kam an einer Anschlagsäule vorbei und sah ein großes Plakat ... Weiß, nur mit kräftigen, schwarzen Buchstaben bedruckt, stand es voll sachlichen Ernstes zwischen all den bunten Flächen, auf denen sich da ein überschlanker Frauenleib in grasgrünem Kleid auf rotem Grunde verrenkte, dort ein Clownkopf mit knalligen Backen und gelber Spitzmütze vor Behagen über eine neue Zigarettensorte grinste – –


Das uneheliche Kind und die sexuelle Aufklärung

Vortrag von Doktor Marya Möller


Und darunter der Saal, die Zeit, der populäre Eintrittspreis. Und tief am schwarzen Rande, gleich einer Unterschrift: Frauenvereinigung zur Hebung der Sittlichkeit.

Ihre Gedanken wurden schwerer. Sie wünschte unwillkürlich, daß Allert dies Plakat nicht zu Gesicht bekäme. Aber man mußte ja darauf gefaßt sein, daß es gerade in seiner Gegend, als Ruf an alle Fabrikmädchen, vielfach angeschlagen werden würde. Und obschon kein Name darauf stand außer dem der Vortragenden, würden für Allert sich all diese Buchstaben zu dem einen Namen formen, und dies ganze Plakat würde ihm entgegenschreien:

Marieluis – – – –

Sie hörte ihn sagen, was er ihr einmal geantwortet hatte:

»Das ist alles sehr richtig, Mutter. Aber begreif' doch: mich verletzt das. Nimmt mir so viel Zauber aus dem Leben fort – Sieh mal, ich glaube, da fühl' ich mich eins mit tausend, tausend Männern: das sind zarte Dinge! Wir wollen sie nicht so laut besprochen haben. Wir wollen, daß das unberührte Weib in scheuer Ahnung, in unbewußtem, heiligem Trieb – gehorchend der ewigen Stimme der Natur, zu uns kommt. – Wissend? Nicht wissend? – Das mag verborgen bleiben. – Ja, Mutter, in diesen Dingen wird immer und allezeit die Empfindung des einzelnen gegen das sich auflehnen, was der Verstand für gewisse Schichten als richtig zugibt.« – –

Die Mutter konnte zu allen diesen Kämpfen nur bekümmert seufzen. – Das war ja eine schwächliche und unverbindliche Art, an den Strömungen teilzunehmen – Sophie wußte es wohl.

Und wie sie nun durch den frischen, nebelig leise durchdunsteten Morgen auf ihre Wohnung zuging, fühlte sie sich recht klein und unsicher. Sie wußte nicht, bei wem das Recht war ... Sicherlich auf beiden Seiten. Aber das sind ja immer die hilflosesten Fälle. Sie selbst, sie war keine Kämpferin und in nichts fanatisch als für das Glück ihrer Kinder. –

Aber sie sah nun: auch da kommt der Augenblick, wo das Schicksal einem eine abwartende und machtlose Stellung anweist. – –

Es lag in ihrer Natur das Bedürfnis, zu hoffen. Und so versuchte sie ihre Gedanken von dem Plakat abzulenken und ganz gesammelt auf die Ueberraschung des gestrigen Abends zu richten. Neue Rührung über das Vermächtnis des Freundes ergriff sie. Jetzt konnte Allert sich, mit diesem Geld und ihren Ersparnissen zusammengenommen, von dem ihm verächtlich gewordenen Teilhaber befreien. –

Dies Wissen hieß für ihn: der Geliebten unbefangen gegenüberstehen.

Aber wenn sie sich finden, dachte Sophie ganz eifrig, dann – ja dann braucht Allert mich nicht mehr, und ich kann bald – oh vielleicht schon nächstes Jahr – die Heimat wieder erwerben ... Marieluis wird es gar nicht anders wünschen. –

Und sie sah sich schon mit Enkelkindern unter den Bäumen dahinschreiten, aus deren Rauschen die Namen der Vorfahren klangen, sah ihre frauliche Bestimmung erfüllt: als Vermittlerin und Fortzeugerin von Generationen der Vergangenheit und Zukunft die Hände hinzustrecken. So ging ihr der Tag vorüber – in einem Auf und Ab der Hoffnung – dieser ewig schwingenden Schaukel der Seele. Die Dämmerung des Abends sank hernieder, als Allert kam und sie holte.

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