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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
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Dieser Wahnsinn – diese Furcht vor der Rache eines, den sie feige gekannt, brach ihren Willen – gab ihm die neue Richtung: nur fort – fort – – um ihr Leben schien es zu gehen – nur fort. – –

Sie erhob sich. Mit ihrer letzten Kraft versuchte sie Hochmut zu heucheln.

»Geh,« sagte er.

Und sie ging.

Allert war von jener merkwürdigen Gefaßtheit wie gebunden, die so oft einem großen Schreck nachfolgt. Ganz erstaunlich kaltblütig und ruhig fühlte er sich, als er langsam die Treppen hinunterging. Er ging nach Hause. Es war weit. Das gelassene Dahinschreiten tat gut.

Er fragte sich: und jetzt?

Das nächste war klar: an Patow schreiben: Komme sofort und stehe mir in einer Ehrensache bei. Von heute auf morgen ließ die sich natürlich nicht abwickeln. Wen hatte denn Dorne? Hier keinen Menschen. Er gehörte einer schlagenden Verbindung an. Er mußte sich einen von seinen alten Korpsbrüdern herbeizitieren. Also das gab eine Verzögerung.

Und die schien zunächst das allerärgerlichste. Eine Beleidigung soll sofort abgewaschen werden – solange sie es nicht ist, brennt sie wie Feuer weiter –

Der Kerl war verrückt! dachte Allert kräftig. Nun, das sind die Sinnlosen ja immer. Aber ihre Taten ziehen die Besonnenen mit in den Wirbel und Abgrund.

Allert fühlte voll Empörung, daß er nicht die mindeste Lust habe, sich totschießen oder schwer verwunden zu lassen.

Wegen so einer Frau! Das war denn doch zu toll. Ihm fiel ein weiser Ausspruch ein, den Fritz Patow früher mal getan: Bei wirklich schuldvollen und gefährlichen Geschichten hat man viel mehr Sicherheit als bei bloßen Unvorsichtigkeiten! Schuld meidet eben den Schein, die Unbefangenen tappen oft zu dumm in was 'rein.

Und hier konnte ja nicht einmal von Unvorsichtigkeit und dummem Hineintappen die Rede sein. Auf welche Weise hätte er sich denn diesem Zusammensein entziehen sollen? Er war doch an den Mann gekettet. Da ließ es sich schwer einrichten, die Frau zu meiden.

Daß die Eifersucht des Mannes sich so jäh gegen ihn gewendet hatte, war Allert nicht sehr verwunderlich. Da hatte eine Zündschnur lange geglimmt und das Feuer des Argwohns sich allmählich herangefressen an den Sprengstoff. Dem armen Menschen konnte man aber jetzt seinen bösen Irrtum nicht klarmachen. Vor der Hand handelte es sich einzig um seine eigene verletzte Ehre und darum, die erfahrene Beschimpfung abzuwehren.

Allert schüttelte den Kopf. Es gibt wahnwitzige Sachen, dachte er. Wie lange, wie oft war dieser Ehemann wohl blind gewesen. Und nun – ausgerechnet diesmal, wo keine Ursache war ...

Es hätte nicht viel gefehlt, daß Allert auflachte. In allem ist auch immer eine verborgene Komik. Die spürte Allert stets deutlich heraus, dazu hatte er ein förmliches Talent.

Aber diese Geschichte ging ihn denn doch zu peinlich nah an, als daß er sich wohlgefällig am Grotesken darin hätte erbauen können ...

Ihm kam die Frage: wie die zwei nun wohl miteinander abrechnen? Welcher Genuß für die Frau, welche famose Chance, als unschuldig Angeklagte aufzutrumpfen! Um danach und dadurch sich desto sicherer als Herrin dieses hörigen Sklaven zu fühlen. Na, immer zu. Jeder Mann hat die Frau, die er verdient... Man kann zu einer kommen, die man nicht verdient hat – aber was man dann behält, das ist eben nicht mehr Sache des Schicksals, sondern des Charakters.

Seine Gedanken verließen das Ehepaar und begannen wieder die Regelung der Ehrenfrage zu umkreisen. Allert wußte, daß er von dem Augenblick an, wo er Patow bitten mußte: nimm das in die Hand – ordne das! eigentlich willenlos wurde. Dann hatte er sich ganz einfach in das zu fügen, was seine Sekundanten ausmachten ...

Eine rasende Ungeduld stieg in ihm auf. Daß man nicht gleich und ganz primitiv sich selbst seine Genugtuung nehmen konnte! – Er beneidete dem Mann aus dem Volke sein Faustrecht. – Dem Beleidiger auf der Stelle einbläuen dürfen: was unterstehst Du Dich! Wie entladend, wie herrlich entspannend mußte das sein.

Nun hieß es schwüle Tage voll qualvoller Stimmungen ertragen.

Allert dachte daran, daß sein Dasein doch gerade in diesem Augenblick sehr reich sei – Kampf um Erfolg – Kampf um ein Weib. Ja, rechtes Mannesleben war das.

Und nun?

Sollte eine Ironie des Schicksals all das enden? Sollte er, gerade er seine Brust den Schüssen darbieten, die zukömmlichere Ziele bei anderen Gelegenheiten hätten finden können?

Nein. Ein unzerstörbares Vorgefühl sagte ihm, daß er nicht an einer Albernheit scheitern würde.

Die Geschichte würde sich ordnungsgemäß abwickeln; man schösse vielleicht ein paar Löcher in die Luft – hüben und drüben – denn der zur Besinnung gekommene Dorne würde ja wohl nicht an ihm zum Mörder werden wollen, und er selbst hatte nicht die mindeste Lust, dem Gatten der lüsternen Frau Julia das Leben zu nehmen.

Also das mußte nun mit anständiger Haltung – zu der vor allem Geduld gehörte – durchgemacht werden.

Und dann Schluß –

Er kam so, in überlegener Fassung, in seine Wohnung. Die paar Zeilen an den Vetter Hauptmann waren rasch entworfen – ein Ruf, daß Fritz so schleunig als möglich sich herbeibemühen möge.

Schererei für Fritz, dachte er. Sekundant sein, ist immer lästig – freilich, es gibt auch da freudige Spezialisten – aber so einer war ja Fritz Patow nicht. Nun, er würde aber die Situation mit Würde beherrschen.

Plötzlich fiel Allert ganz etwas anderes ein. Und er blieb wie versteinert stehen – gerade vor dem Briefkasten, in den er das Schreiben an Fritz werfen wollte – die nächtliche Straße war so einsam – und durch ihre Stille kamen deutlich die Geräusche – wie sich wenige Figuren von einem leeren Hintergrunde genauer abheben als vor einem Menschengewühl – das pünktliche Stampfen irgendeiner Maschine – das rasche, puffende Ausstoßen von Dämpfen aus einem Ventil – wie aus keuchender Menschenbrust kam das. Allert hörte ein Weilchen zu, wie um den Gedanken, die ihn so schreckhaft überfallen hatten, erst noch Sammlung zu gönnen.

Ein greller Pfiff, den eine Dampfpfeife irgendwo auf dem Kanal oder in einer Fabrik hinausschrie, riß ihn dann aus dieser Pause –

Was hieß das: und dann Schluß!? –

Er konnte ja gar nicht mit dem Manne Schluß machen. Solche Teilhaberschaft löst sich nicht von heute auf morgen! Ganz abgesehen von dem schlechten Eindruck in der Geschäftswelt ... Ende November hatte man sich zusammengetan – im April lief man wieder auseinander? Nein – ganz einfach – das war unmöglich. Das hätte die Firma in einen zweifelhaften Ruf gebracht – das hieße, alles an junger Ehre, erwachendem Ansehen, aufsprießender Ernte preisgeben, was man in vier Jahren sich blutsauer erkämpft ...

Und viel mehr noch: nicht nur um des Ansehens willen, des moralischen Kredits halber konnte er sich nicht von diesem Teilhaber trennen.

Da war ja dies Geld! Dieses so bitter nötige Kapital – um dessentwillen er sich ja doch überhaupt mit Dorne zusammengetan hatte.

Und wenn sich das Unternehmen noch auf der gleichen Basis befunden hätte! Noch begrenzter und kleiner, wie vor Dornes Eintritt – wie vor dem großen Brande!

Vor Allerts Erinnerung stieg die hohe Flamme wieder auf, die so prachtvoll und furchtbar in die Winternacht emporloderte ...

Nach dieser großartigen Vernichtung hatte man begonnen, das Dichterwort wahr zu machen und neues Leben aus den Ruinen blühen zu lassen.

Die Neubauten – schon waren sie im Rohen und Aeußeren vollendet, und drinnen begannen die Monteure und Installateure die betriebstechnischen Einrichtungen – diese Neubauten waren für eine doppelt so große Fabrikation, für einen stark erhöhten Umsatz angelegt worden ...

Und mit dem Gelde dieses Mannes ...

Ich kann nicht von ihm los! dachte er.

Aber man kann sich doch heute nicht mit jemand schießen, der einen Lügner und Schuft genannt hat, und morgen mit diesem selben, friedlich und von den gleichen Interessen beseelt, geschäftliche Dinge beraten?

Allert fühlte einen furchtbaren Widerwillen gegen den Mann und sein still vornehmes Gesicht mit den hellen, stechenden Augen in sich emporkommen. Dieser Mann – begabt, tüchtig, fleißig – dieser Mann: feig, sklavisch, blind, unwürdig verliebt –

Und er dachte bitter: ein Mann, der ernste Pflichten hat, der mit seinem Kapital, seiner Arbeitskraft, seinem Unternehmungsgeist sich in das große volkswirtschaftliche Getriebe hineinbegab, der darf sich nicht durch ein Weib aus der Richtung werfen lassen. – Nun, das dürfte natürlich kein Mann. Aber für einen, der kämpft, ist das alles schwerer – man steht nicht allein, man steht nicht sicher – die eigene Unruhe gefährdet andere – der eigene Sturz reißt andere mit ...

Was sollte nun werden?

Konnte er sich denn überhaupt mit einem Mann schlagen, mit dem er dann gleichen Tags zusammen weiterarbeiten mußte?

Unmöglich – ganz unmöglich –

Aber wie sollte sich dies lösen? Hieß es, sich einfach gleich zufrieden geben, wenn der Beleidiger kam und um Verzeihung bat? Weil Geldinteressen zur bereitwilligen Nachsicht zwingen?

Ging es etwa in dieser Welt so zu – in dieser, für seinen Stand neuen Welt?

»Hab' ich eine andere Ehre bekommen? Eine von lockeren Linien – die sich dehnen lassen – die man gelegentlich nicht zu streng ziehen darf?«

Und er wog den Brief zweifelnd in der Hand ...

Nein – tausendmal nein – Edelmann – Kaufmann – Ehre bleibt dasselbe.

Und er schob entschlossen das Schreiben in den Kasten – die Drahtzähne des Kastenmundes klapperten – nun war es geschehen.

Allert ging heim. Das gab eine Nacht ohne Schlaf. Zwei Gewißheiten sprachen immerfort laute, deutliche Worte zu ihm. Diese: »Du kannst mit dem Mann nicht mehr zusammen arbeiten.«

Und dann dagegen, ebenso bestimmt: »Du kannst nicht ohne ihn arbeiten.«

Allerlei Geschichten fielen ihm ein, von feindlichen Teilhabern, die nie direkt ein Wort zusammen sprachen, sondern sich alles durch eine Mittelsperson sagten, und die in Haß, Gift, Groll doch zusammenblieben, weil ihr Unternehmen blühte und weil sie das Geld hereinströmen sahen.

Nein, dachte Allert, das wäre nichts für mich.

An solchen Verhältnissen würde seine Lebensenergie, sein Humor versiegen. Arbeit muß in Fröhlichkeit getan werden, dann allein ist sie eine beglückende Kraftübung. Arbeit in Groll – die verbittert – zehrt auf.

Aber woher Kapital nehmen? Die Frage stand vor einem halben Jahr erst vor ihm. Dornes Eintritt in die Fabrik löste sie – scheinbar glücklich.

Nun war diese elendeste aller Fragen abermals da ... Aber sie stellte sich mit härteren Zügen hin und sah Allert böser an ...

Dem Morgen ging er entgegen, als steige da ein Schicksalstag herauf – –

Er brachte aber viel Peinlicheres als Schlag und Krach. Er brachte unklare Stille.

Fritz Patow kam. Und alles bißchen Typische – diese kleinen Gewohnheiten, die an der Grenze stehen und sich so leicht bespötteln lassen, die waren wie weggewischt. Ernst, sachlich nahm er die Mitteilung entgegen ... Allert war ja Reserveoffizier – die Angelegenheit mußte dem Ehrenrat unterbreitet werden – zugleich aber auch mußte Patow sich von Doktor Dorne dessen Sekundanten nennen lassen ... Das hatte alles seinen vorgeschriebenen Gang.

Das Unfaßliche schien Allert nur, daß er in sein Büro gehen müsse ... Man würde suchen, sich zu vermeiden – aber gab nicht jeder Tag zehnmal die Gelegenheit und Notwendigkeit zu Begegnungen und Besprechungen?

Aber er hörte dann: Herr Doktor Dorne war nicht in seinem Laboratorium. Der junge Assistent, den Dorne sich vor kurzem genommen, kam mit Fragen zu Allert. Dieser riet: telefonieren Sie ...

Und bald danach kam aus der Dorneschen Wohnung die Nachricht: die gnädige Frau sei heute nacht, der Herr Doktor mit beiden Töchtern heute morgen abgereist.

Das auskunftgebende Mädchen schien zu glauben, daß eine Schwester des Herrn schwer erkrankt und daß die Familie zu ihr gereist sei. Später brachte der Bursche des Hauptmanns von Patow einen Brief, der kürzer ähnliches berichtete:

»Ganze Familie Dorne von der Bildfläche verschwunden. Soweit ich verstand: Madame allein in der Nacht; der Mann früh mit den Töchtern. Ich deponiere mein Ersuchen somit schriftlich in seiner Wohnung. Es heißt also seine Rückkehr abwarten. Fataler Zustand. Aber das ist so oft in diesen Sachen, daß die so erwünschte prestissimo Abwicklung sich nicht erzwingen läßt.«

Warten – warten. Das war in dieser Lage unerträglich.

Und dazu kam eine dumpfe Unruhe. Daß die Frau in der Nacht allein abgereist sei, ließ einfache Erklärungen zu. Es war zwischen den Gatten zum Bruch gekommen. Vielleicht hatte er ein großes, ein furchtbares Gericht gehalten. Wenn erst einmal so ein Bau zusammenstürzt, den nur Betrug und gewaltsame Selbsttäuschung so lange aufrecht erhalten! Wie aus einer Versenkung emporgekommen, mochten da vergangene Geschichten und Namen auf der Szene erschienen sein. Und freiwillig oder davongejagt – sie war gegangen.

Aber der Mann ...

Und mit den Töchtern ... Es fröstelte Allert. Die qualvolle Vorstellung von entsetzlichen Möglichkeiten beschlich ihn ... Konnte denn dieser unselige Mann überhaupt noch leben, wenn er den Glauben an das Weib hatte einbüßen müssen?

Daß diese ganze Sache sich seiner Mutter nicht verbergen lassen könne, sah er ein.

Aber da war ja Tulla Rositz. Diese junge Tulla, die er immer von neuem als etwas ganz Fremdes empfand. – Welche Störung.

Er telefonierte an seine Mutter: »Schaffe Tulla für heute abend fort, ich muß allein mit Dir sein.« Und ganz ahnungslos erwog seine Mutter laut am Telefon, ob sie Frau Doktor Dorne bitten könne, mit Tulla ins Theater zu gehen.

»Was? – Die ist verreist? So, das wußte ich nicht – ja – dann – mir scheint, so einfach Marieluis bitten, sich ihrer anzunehmen, das können wir uns nicht erlauben ... Oder meinst Du?«

Hierzu schwieg er vollkommen. Und es war gerade, als ob dies starre Schweigen durch das Telefon zur Mutter hinüberwirkte, denn sie sagte unfrei:

»Nun – ich muß mal sehen ...«

Als Allert dann am Abend kam, zeigte es sich, daß seine Mutter keinen andern Ausweg gefunden hatte als den, Tulla allein in die Oper zu schicken. Gegen den Versuch, daß man ihr Marieluis als Gesellschaft einlade, wehrte sie sich. Lieber wolle sie allein in »Aida« sitzen. Fräulein Marieluis Amster sei ihr zu ... ja, sie wisse nicht was ... zu bedeutend vielleicht ... so überlegen.

»Merkwürdig,« sagte Allert geärgert, »sonst sieht man junge Mädchen allzu flink dicke Freundschaften schließen. Und mit diesen beiden will es gar nicht.«

»Sie sind sehr verschieden,« begütigte Sophie. Und beinahe hätte sie gesagt: Raspe und Du – Ihr seid auch verschieden.

Nun hieß es, der Mutter, die in eigenen Sachen so tapfer, aber so völlig verängstet war, wenn es die Söhne anging, alles Vorgefallene berichten.

Natürlich klammerte sie sich mit ihren Gedanken zunächst an das Unabänderliche. »Aber wie konnte er nur. Wie durfte er glauben, daß Du ...?«

Und daß der Mann ihren Sohn eines Verrates für fähig gehalten, war ihr zunächst die Hauptsache.

Er wurde etwas ungeduldig.

»Das alles wird ja in den gegebenen Formen ausgeglichen werden.«

»Ein Duell?«

»Was denn sonst?«

»Nun ja.« Sie dachte nach. Sie stellte sich ihren großen, kraftvollen, stattlichen Sohn vor – sah den ihm so familienähnlichen Fritz Patow als Sekundanten daneben – sah auch den gebückten, stillen Mann mit den hellen Augen. Das Bild erschreckte sie nicht. Die Edelfrau in ihr hob voll Stolz den Kopf höher. Sie fürchtete nichts. Und diese Reise, fluchtartig. »Vielleicht vor einem Duell davongelaufen?«

»Nein,« sagte Allert, »er gehörte einer schlagenden Verbindung an – er trägt die Farben eines sehr angesehenen Korps – er wird niemals kneifen. Das wird sich klären mit der Reise. Der Mann ist wohl sinnlos.«

»Und weiter?«

Da sagte er es denn, daß ihm der Gedanke furchtbar, mit dem Manne weiter verbunden zu bleiben in gemeinsamer Arbeit. Aber wie auseinanderkommen? Das Lösemittel hieß: viel Geld! Wo es hernehmen? Nach dem Brande hatte man alles so groß, in bedeutend erweiterten Dimensionen angelegt. Die besten, teuersten Maschinen und Apparate waren bestellt. Die Fabrik sollte in ihrer neuen Gestalt etwas Vollkommenes, Vorbildliches werden, alle Konkurrenz übertreffend ... Ohne das Feuer befände man sich noch in bescheidenerem Rahmen. Aber nun. Fast wie eine günstige Schicksalsfügung hatte er, nach Ueberwindung der ersten Rückschläge, den Brand ansehen gelernt. Voll heißer Vorfreude war er gewesen und voll Stolz. Ja, es würde sich vorwärts arbeiten lassen ... Und jetzt? ...

Es zerriß Sophie das Herz. Sie sah, wie ihr Sohn litt, wie er sich daran erbitterte, daß ihm sein Arbeitsleben so verwirrt wurde, daß das Schicksal Hemmnisse hineinschob.

Was sollte werden?!

»Hätte ich Kapital! Ich zahlte ihn in aller Stille aus. Aber dazu gehörten, nach dem augenblicklichen Stande des Neubaues und aller Bestellung und Vorarbeiten und für den vergrößerten Betrieb, mindestens hundertfünfzigtausend Mark ... Woher sie nehmen ... Man könnte ja sagen: ich solle mich zurückziehen. Er könne mich nun auszahlen! Dann bekäm' ich das Geld heraus, was Onkel Just mir gab, und vielleicht eine Bagatelle darüber. Aber – Mutter – verstehst Du das wohl? Das zerrisse mir schlechtweg das Herz. Ich hab' das alles gegründet. Ich hab' schlaflose Nächte drum durchgemacht. Ich hab' meinen Namen der Firma gegeben – ich hab' das alles lieb – das ist ein Stück von mir – glaub nur – ein Kaufmann liebt sein Haus wie ein Edelmann seine Scholle. Oder sollen wir liquidieren? Und dann soll ich von vorn anfangen? O nein – es gibt ja doch wohl noch Gerechtigkeit in der Welt.«

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