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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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»Also nun müssen wir sehen, ob die Engländer recht haben: two are company, three are no. Zwei sind eine Gesellschaft, drei nicht! Wunderlich – dieses Wort sollte doch viel eher von den Franzosen kommen als das vom Dritten, der die Konversation macht. Zweisamkeit – das Bezauberndste zwischen zwei Menschen, die sich verstehen ...«

Und ganz jäh den leichten Plauderton verlassend, sagte sie voll bebender Leidenschaft:

»Eine Zweisamkeit mit mir ist Ihnen Last – ja, ich weiß es – Sie verstehen mich auch nicht...«

»Aber, gnädige Frau ...«

»Wie durften Sie meine armen Blumen so mißhandeln!«

Also doch! dachte Allert und unterdrückte den Seufzer starten Aergers. Nun wußte er, daß dieser ganze Abend auch nur eine genau vorherbedachte, klug angeordnete Szene gewesen war.

Er sagte kälter noch, als er selbst wußte:

»Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich. Wie kann, wie darf ich Zeichen solcher Güte von Ihnen annehmen ...«

»So – und jene Nacht – wo wir vom Feuer heimfuhren –da dacht' ich doch – da durfte ich glauben...«

»Nichts, als daß Erregung der allermenschlichsten Art, daß Weichheit, Nervosität – mich in Ihnen eine schwesterlich Mitfühlende sehen ließ.«

»Wenn Sie wüßten, wie ich oft leide ...« Und sie warf sich, plötzlich aufschluchzend, herum und versteckte ihr Gesicht in den Kissen ...


Unterdessen war schon vor einer Stunde ein blasser, reisemüder, überarbeiteter Mann aus den Wagen gestiegen, die der D-Zug von Berlin in rasender Fahrt nach Hamburg gebracht.

Es war Dornes fester Vorsatz gewesen, in Berlin noch den Abend mit seinem Studienfreund Professor Rädels allerlei Fachmännisches durchzusprechen. Auf der Nachtfahrt von Wien nach Berlin hatte er wenig geschlafen. – Sein Gehirn durchsiebte rastlos alles, was es aufgenommen hatte – verglich eigene Resultate mit den in Wien gesehenen, ging bohrend und konzentriert all diesen unerhört schwierigen Formeln und Zahlen und Zeichen der chemischen Versuche nach. – –Und dann – ganz jäh fuhr, wie ein Blitz, der Gedanke an die vergötterte Frau dazwischen. – Und sein erschöpftes Hirn hatte einen tollen Gedanken ... Wenn er wüßte – wenn es eine Wissenschaft gäbe – das geheimste Leben solcher Frau zu erforschen – auseinanderzulegen – wie eine chemische Verbindung. – – Weil es seine Frau war, und weil sie sich auch gerade vor ihm mehr verbarg als vor anderen Männern, sah er sie als etwas Geheimnisvolles. – Zuweilen – –

In Berlin gönnte er sich kaum rechte Muße zu Mahlzeiten und dachte: Heute abend werde ich mit Rädels vortrefflich essen und in Ruhe mit ihm sprechen ... So bei Tisch – das ist keine Anstrengung mehr. – Und inmitten aller Hetze kam ihm dann immer die Vorstellung: sie will morgen so früh aufstehen ... Das rührte ihn ... Das wollte er ihr ersparen ... Und plötzlich fragte er sich: was sie wohl heute abend tut? Montag hatte sie einige Gäste, daß sie sich die zusammenbitten wollte, erzählte sie noch, ehe er ging... Aber Dienstag abend? Und heute abend? – Oh, und das frühe Aufstehen ... Morgen früh halb sechs Uhr schon an die Bahn... Solch ein Unsinn... Aber sie machte manchmal solche törichte Aufopferungen – nur um ihm zu zeigen, wie teuer er ihr war ... Und ganz aus den dunkelsten Gründen seiner Erinnerungen kam so etwas herauf wie Schreck – eine Beobachtung meldete sich – – Immer fielen diese Beweise von Zärtlichkeit in Zeiten, wo er voll Unruhe war – wo es ihm schien, als stehe ein anderer Mann an seinem Wege und wollte seine Straße als Räuber kreuzen ...

Aber welche Tollheit ... Nein! Und er zwang das nieder – wie so oft – schämte sich – bat den fernen schwarzen Augen alles ab ...

Und fünf Minuten vor fünf depeschierte er doch an Professor Rädels, daß er sogleich nach Hamburg weiterreisen müsse und am Abend nicht mit ihm zusammen sein könne ...

Während er die Depesche schrieb, quoll ihm die Güte, die weiche Sehnsucht nach der Frau als Rührung im Herzen hoch. Nein, sie sollte nicht früh in den rauhen Morgen hinaus. – Diese ersten Apriltage steigen oft mit solcher Herbheit aus der Nacht empor. Das wollte er ihr ersparen – er wollte sie überraschen.–.–

Und seltsam – als er sich jäh vorstellte: sie nimmt die Ueberraschung vielleicht unfreundlich auf – da siedete so etwas wie Haß über das weiche Gefühl hin – und ließ ihn erbeben. – –

Die Fahrt wurde fiebrische Ungeduld. Sie sank aber in feigste Unschlüssigkeit zusammen im Augenblick, wo er den Fuß auf den Asphalt des Hamburger Bahnsteigs setzte.

Wo war sie? Einsam und friedlich zu Haus? Mit den neuen Bekannten im Theater? Hatte sich jemand der Strohwitwe angenommen und sie für den Abend eingeladen? Vielleicht war Frau von Hellbingsdorf so gütig gewesen. Oder lud sie sich irgendeine Gesellschaft ein? Marieluis? Oder – oder Allert? ...

Der Mann fühlte: sein Mut versank ihm, wie Boden unter den Füßen beim Erdbeben ...

Plötzlich dachte er, daß er zunächst zu seinem Teilhaber gehen und ihm von den wichtigen Erlebnissen der Wiener Reise berichten wolle. Allert selbst war darin so aufmerksam: kam er heim von einer Geschäftstour, müde, abgespannt, so trat er doch noch oft spät bei dem Arbeitsgenossen ein und sprach von seinem Erfolg. Es erschien mit einemmal als die nächste Pflicht: zuerst zu Hellbingsdorf. Der war ja nun, seit seine Mutter hier wohnte, jeden Abend bei ihr. Außerdem: Frau von Hellbingsdorf war so gütig, nahm sich Julias an, obgleich sie sie nicht mochte – ganz seltsam hellseherisch begriff er das mit einem Male. – Ja, wahrscheinlich – Julia war dort – – Also dahin – gleich - zuerst. – – Und er schleppte, völlig wie verbohrt in seine Gedanken, seinen Handkoffer selbst mit sich ... Vom Hauptbahnhof nach »An der Alster« – wenige Minuten...

Dann treppan – treppan. – Und der schrille, zitternde Klang der elektrischen Glocke fuhr über seine Haut als Frösteln. Therese öffnete.

»Ih, Jotte doch, der Herr Doktor Dorne – nee, das wird die Herrschaft aber bedauern ... Was meine j'nä Frau is, die is mit Fräulein Rositz in de Oper ... Herr von Hellbingsdorf? Ih nee, wenn die j'nä Frau nich zu Haus sind, kommt er nich hier Abend essen...«

»Darf ich einen Augenblick eintreten,« bat er.

»Aber jewiß doch – darf ich 'n Jlas Wein dringen? Oder 'n Happen Butterbrot – Herr Doktor seh'n flau aus ...«

»Danke, danke...,« wehrte er ab.

Therese fand es ja ein bißchen wunderlich, daß er in das große Wohnzimmer vorn eintrat und ihr abwinkte, als sie das Licht aufdrehen wollte ... Aber was wollte sie machen? Wo es doch eben Herr Doktor Dorne war ...

Er trat in dem dunklen Zimmer ans Fenster. Es war matt durchhellt vom Licht, das die Räume einer Weltstadt immer füllt, das in Straßen und auf Plätzen die Nacht vertreibt und noch bis zu den höchsten Stockwerken hinauf seinen Schein sendet.

Er sah hinaus und hinüber ...

Die Nacht war klar. Schwarzblank flutete da unten das Wasser, und das Verkehrsleben zog drüber hin. Erleuchtete kleine Dampfer krochen, gleich Riesenglühwürmern, hin und her – begegneten sich, zogen in geraden und geschweiften Linien aufeinander zu und wieder auseinander – ruhten an Brücken zwei Minuten aus und rauschten weiter ... Der Himmel stand schwarzblau und mit Sternen besäet über ihm. Kein Lüftchen regte sich.

Drüben, hinter den Anlagen des jenseitigen Ufers, sah er die Häuser. In ihren Fronten waren die erhellten Fenster wie längliche viereckige, unregelmäßig aufgeklebte Stückchen Glanzpapier auf dunklem Grund.

Und er sah so deutlich zwei, die rotgelb schimmerten. – Vielleicht sah er sie nicht wirklich – oder nahm irgendwelche hellen Flecke dafür. – – Ja, so deutlich sah er sie – daß er dahinter, durch die Seide und den Tüll der Vorhänge, eine Frau auf umdämmerten Kissen sich dehnen sah – und sie war nicht allein ...

Therese kam aus ihrer Küche heraus. Sehr eilends und erschreckt. Da war doch eine Tür hart ins Schloß geworfen worden? Und sie ging nach vorn. Nein – das! Weg war der Doktor, und da stand wahrhaftig sein Handkoffer ...

Der Mann lief treppab – er rannte an der Uferstraße hin und rannte Menschen an – er kam an die Lombardsbrücke – seine Füße wurden schwer – immer langsamer ging er. – Und ob er gleich endlich nur noch schlich – einmal kam er doch an ... Er ging auf und ab vor dem Hause – lange. Dann schritt er über den Straßendamm und betrat die Anlagen am Ufer, die die Straße jenseits einfaßten. Von da konnte er an der Front des Hauses emporsehen. Und nun sah er sie wirklich, diese beiden sanften, von rotgelbem Licht so warm und lockend erfüllten Fenster, und sah die dicht zusammengezogenen Vorhänge, durch die all dieser wohltuende Schimmer kam ...

Die Feigheit fiel von ihm ab wie ein gelöster Panzer – er war plötzlich kalt, entschlossen, sicher. – Dies friedlich schöne Licht war ihm wie ein Ruf. – Er ließ sich davon rufen ... Schnell ging er ins Haus – auf den Treppenstufen mit dem kleinen, stählernen Schnepper fingernd ... Und stumm – ohne daß ihm wie sonst dieser nervöse, trockene Hustenreiz kam, der wie ein Heroldsgeräusch war – stumm und rasch trat er ein ...

Da lag in der dämmerigsten Ecke des Zimmers, tief eingebettet in all diese phantastischen, farbigen Kissen ein Weib, von dünnen, weißen Stoffen war der schlanke Körper straff umspannt –

Und neben ihr saß vornübergebeugt ein Mann und schien zu der Weinenden zu sprechen ...

Allert erhob sich auf der Stelle – peinlich betroffen – jäh von dem Gefühl erschreckt, daß ein Rasender ihn beschlichen habe – daß der ihn falsch sähe – mißdeutend –

»Dorne!« sagte er; »also doch noch. Ich hoffte Sie hier zu finden. Und da Sie nicht gekommen zu sein schienen, besprachen wir schon, daß wir Sie um elf Uhr am Zug empfangen wollten.«

»Das ist Lüge,« sprach der andere Mann. »Sie sind ein Lügner und ein Schuft.«

Allert erbleichte.

»Herr«– –brauste er auf ...

»Sie wußten, daß ich erst morgen früh halb sechs ankäme. Und sie – sie wußte es auch...«

»Ich bitte Dich!« rief seine Frau dazwischen – und welche kalte, herrische Verachtung war in ihrem Ton. – »Was fällt Dir ein ... bleibe doch geschmackvoll.«

»Wir haben uns wohl in diesem Augenblick nichts mehr zu sagen,« fuhr der Mann fort – in einer furchtbaren, stillen Sammlung – ein Besessener, der nicht tobt – »ich bitte Sie, mich mit meiner Frau allein zu lassen.«

Allert, mit einem vor Zorn entstellten Gesicht, versuchte sich zu sammeln. Er begriff – er mußte es sich versagen, jetzt mit diesem Mann zu streiten. Das Briefchen der Frau, das ihn hergelockt, trug er bei sich – er konnte, er durfte sich nicht auf Kosten des Weibes reinigen von Verdacht. Nach diesen Beleidigungen hatte er dem anderen den Glauben an seine Ehre mit nachdrücklicheren Mitteln einzuschärfen, als es Worte sind – –

»Ich gehe,« sprach er ruhig, »Sie verstehen von selbst, daß ich meine Antwort auf Ihre Beschimpfung zu geben wissen werde ... Die Rücksicht auf die Dame gebietet mir aber noch, Ihnen mein Ehrenwort zu geben, daß ...«

Der Mann erhob unterbrechend, abwehrend die Hand – es war eine gebieterische Geste des Schmerzes – in den hellen Augen glimmte ein gesammelter, kalter Haß. – Das gab ihm Größe, diese kurzauf züngelnde Größe, die dem Wahn die Gewalt gibt, sich über die Wahrheit zu setzen ...

Und Allert gehorchte. Er ging. Nicht ohne von der Schwelle her eine förmliche Verneigung in der Richtung zu machen, wo er die weiße Frauengestalt sah.– »Du bist toll!« sprach sie und zuckte die Achseln. »Die Szene verzeih ich Dir nie. Du hast Dich lächerlich gemacht.«

»Ich bin nicht toll. Ich habe nur endlich den Mut zu sehen ...«

»Aber mein Himmel – – Er gab Dir doch sein Ehrenwort.«

»Ehrenworte in diesen Dingen sind immer Lügen.«

»Wenn ich Dir doch schwöre – –«

»Deine Schwüre sind auch Lügen ...«

Sie sah ihn an. Sie kannte die Männer von Grund aus. Auch den ihren. Und hatte ihn tief verachtet, weil er mit sich spielen ließ ... Nun war sie betroffen, sah etwas Rätselhaftes – das sie nie – auch in ihrem ganzen künftigen Leben nicht begriff. So oft war er blind gewesen – hatte blind sein wollen – aus Hörigkeit – und diesmal – diesmal, wo er keinen Grund zur Eifersucht hatte – – Diesmal?? ... Unfaßlich war es – ganz unfaßlich. –

Wie sie so, einige Herzschläge lang, mit jagenden Gedanken, ihm in die Augen blickte, quoll leise ein neues, furchtbares Gefühl in ihr auf ... Angst vor diesem Feigling. Was ist Angst vor einem Zornigen? – Was Zittern vor der Mannhaftigkeit? – Nichts, nichts – – aber wenn die Feigen hassen! –

»Ich will Dir Beweise geben,« sprach sie langsam.

»Wie könntest Du!«

»Doch. Ich will Dir das einzige Briefchen geben, das ich von ihm habe.«

»Es kann eine Lüge sein – wie alles – –«

»Nein. Du wirst sehen – ich schickte ihm einmal Blumen – er ist so plump – sah Gott weiß was drin – wies sie zurück – –«

Sie ging an ihren Schreibtisch. Sie schloß auf. – Da hinten im Fache – wie viel Briefe – sauber in Bündeln – umbunden mit kleinen Goldlitzen. – Und vorn allerlei Papiere durcheinander – Rechnungen – dazwischen noch Allerts Zeilen im Umschlage, darauf die Adresse von seiner kräftigen Schrift. – Sie hatte nicht gleich gespürt, daß ihr Mann herankam – schleichend fast – und hinter sie trat. – Gerade hatte sie Allerts Brief in der Hand, und nun wandte sie sich rasch um, mit ihrem Körper den Blick auf das offene Schubfach zu hindern. – Ein jähes Gefühl trieb sie warnend, – sonst trat ja dieser Mann schonend hinweg, wenn sie in seiner Gegenwart einmal an ihren Schreibtisch ging – als scheue er den Blick – wolle Diskretion zeigen. – Und nun kam er so nah heran? –

Zu spät – er stieß sie fast hinweg – er umkrallte den Rand des offenen Schiebefaches ... »Was willst Du? ... Hier ist Allerts Brief ...,« schrie sie.

Er dachte nicht mehr an Allert – oder nicht mehr an ihn allein – da waren andere Handschriften – in Bündeln, wohlgehäuft, lagen sie da – das Herz und Hirn seiner Frau spiegelten sie – hineinsehen konnte er nun – wissen, wissen, wissen – – Sie rang mit ihm. Umsonst.

Und endlich kauerte sie, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in den Händen, auf dem Rand des Ruhebettes. Nicht mehr eine Verführerin, sondern ein für den Augenblick geschlagenes Weib, das nun trachtete, sich zu sammeln, seine Hilfskräfte zu bedenken, sich klarzumachen, wie der Mann dennoch zu besiegen sei ... Dieser bettelhafte Mann. Oder war er nicht mehr der gierig Verlangende, von ihrer Gnade Lebende – vor ihrem Blick Zitternde? – Nicht mehr?

Er saß vor dem Schreibtisch – über die aufgezogene Schublade geneigt – die wie ein Stück entblößtes, aufgewühltes Dasein war. Feine Goldfäden wurden zerrissen – sauber geordnete Briefbündel glitten auseinander, als seien sie in lauter kleine Schollen aufgelöst worden – aus ihren glatten, stillen, weißen, flachen Lagern standen die Worte wieder auf, die ihr Leben nur durch die Augen haben, die sie liest – die nicht sind, wenn das Papier nicht entfaltet wird, darauf sie sich hinreihen.

Hier waren aber kalte, feste Finger, die aus dem Spaltenmund dereinst in fiebernder Wonne geöffneter Umschläge nun die zusammengelegten Bogen nahmen.

Hier waren stechende Blicke, die in furchtbarer Ruhe lasen. – –

Die Minuten liefen. Außer dem Rascheln der Papiere kein Laut. Die Frau seufzte nicht einmal – sie horchte – sie dachte – sie erwog. –

Und da stand er auf. Befreit. Ein Mann.

Er fühlte keinen Schmerz – noch nicht – in dieser Stunde noch nicht. Ganz wunderbar beschwingt und erlöst war ihm. Er hatte seine Hörigkeit zerbrochen. Nicht einmal Liebeshaß war in ihm – nur das Gefühl, daß irgend etwas Ungeheures von ihm genommen, daß Schimpfliches zu Ende sei. Eine Schmach beendet.

Er ging auf die Frau zu. Sie erhob ihr Gesicht aus den Händen und sah ihn an.

»Laß mich Dir sagen ...«

»Nichts!« unterbrach er sie; »Du wirst zu tun haben, was ich Dir befehle. Es mag jetzt halb elf – elf sein – in einer halben Stunde kannst Du das Nötige gepackt haben. Um Mitternacht gehen Züge – einerlei wohin – nach Köln, nach Frankfurt – oder Du kannst nach Altona hinüber fahren, im Hotel bleiben, morgen früh reisen – –«

»Aber laß doch mich ...«

»Nichts!« sagte er. Und er sah sie an – mit seinen hellen Augen – fest, kalt – erstaunt fast – und langsam quoll nun doch etwas in ihm auf – als Vorbote künftigen Grames: ein furchtbarer Zorn gegen die Frau, die auch Mutter war ... Er sah diese arme, junge, hochaufgeschossene Ingeborg, die immer verlegen war und sich überflüssig fühlte neben der schönen Mutter – und er sah das dunkeläugige Kind mit dem spanischen Namen und dem tollen Temperament – –

Sie erkannte einen Wechsel in seinem Auge. Daß da was aufglomm. Es wirkte furchtbar. Und eine wahnwitzige Idee zuckte durch ihr Hirn. Wenn er haßte, sich rächen, sich von ihr befreien wollte ... Er brauchte nicht Dolche und Kugel. Er beherrschte eine fürchterliche Wissenschaft – sie machte ihn, wenn er wollte, zum Herrn über Leben und Tod – leise, unentdeckbar, konnte er hinwegräumen, was seiner Rache verfallen war. Sie fror vor Angst.

Und wenn sie auch in dieser Stunde so lange rang und flehte und log und verführte, bis ihr Sieg ward. – – Er konnte morgen, in wiedererwachendem Haß, ihre Speisen mischen und ihr jeden Trunk zu einem schleichenden Todesurteil machen.

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