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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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Marieluis sah ihn kühl an.

»Und Sie,« fragte Allert, »Sie werden sich an den Versammlungen beteiligen?«

»Aber doch selbstverständlich. Hoffentlich auch an der Debatte.«

»Ach, Marya Müller!« sagte Patow vergnügt. »Die habe ich mal gesehen, ulkiges Weib, das heißt: mehr Mann als Weib, gänzlich maskuline Toilette, wenn man da von Toilette sprechen darf; ohne das bißchen schwarzen Kleiderrock unterm langen Paletot 'raus hätt' ich taxiert: Mann!«

»Nun,« bemerkte Marieluis, »das Uebermaß ihrer wichtigen und großartigen Tätigkeit läßt ihr keine Zeit, sich zu putzen. Sie wählt eben die bequemste Tracht. Das muß jeder machen, wie er will.«

»Ich sehe Dich im Geiste auch schon so herumlaufen,« prophezeite John.

Marieluis zuckte die Achseln.

»Es sollte mir einfallen, mit Dir über diese Fragen zu sprechen,« sagte sie.

»Nun, nun,« wehrte John ab, »bitte, nicht so von oben 'runter. So ganz ohne Einsicht bin ich ja nicht. Soziale Arbeit – richtig, wichtig, famos. Aber ich meine: laßt das, soweit es eben Weiber machen sollen, wollen, müssen; die Alten, Häßlichen, die Unverheirateten, die Kinderlosen, Enttäuschten tun, und laßt die Jungen, Schönen, Holden, Zarten, Zärtlichen nach wie vor uns beglücken, ihr einziges Ziel darin suchen, eines Mannes Weib zu sein!«

Er sagte es mit Pathos, und die Tischgenossen lachten auch, selbst Marieluis, die schon weit darüber hinaus war, sich durch Verulken ärgern zu lassen.

»Diese köstliche Teilung aller Weiblichkeit in zwei Gruppen wird Ihnen wohl nicht gelingen,« sagte Allert, und er fühlte, daß seine Stimme gereizt klang, und konnte ihr trotz des Willens zur Selbstbeherrschung keinen festen Klang geben. »Es wird wohl immer Frauen geben, die zögernd auf der Grenze zwischen beiden Gruppen stehen. Solche, die sich einbilden, ihre Pflichten gegen einen Gatten, gegen die eigenste, engste kleine Welt ihrer Familie mit den Pflichten gegen die Allgemeinheit vereinen zu können. Frauen, denen es ihrer Vorbildung und ihren geistigen Bedürfnissen nach ein Opfer wäre, wenn der Schauplatz ihres Wirkens nur die Häuslichkeit sein sollte. Das sind die Frauen, die in das Leben des Mannes, der sie liebt, der sie vor der Berührung mit dem Unreinen hüten möchte, schwere Konflikte bringen.«

Und sie sahen einander fest an, zwei stumme Kämpfer, von denen keiner die Schwachheit haben wollte, den Blick zu einer Bitte zu mildern.

»Was Konflikt!« sprach der Hauptmann. »Ein rechter Mann hat die Kraft, das Weib ganz zu sich herüberzuziehen.«

Und Dory und er lächelten sich offenherzig zu, in Erinnerung an ein Gespräch über Dorys vormalige Tätigkeit. Patow bildete sich nämlich fest ein, daß sein bloßes Erscheinen an Dorys Lebenshorizont genügt habe, sie sofort von ihrer früheren Richtung abzubringen. Und Dory war im Grunde genommen auch schon dieses Glaubens.

»Es ließe sich doch auch der Fall denken, daß es einer Frau gelänge, auf die rückständigen Ansichten des Mannes klärend einzuwirken und aus ihm ihren Mitarbeiter zu machen.« Ganz blaß war Marieluis, als sie das sagte, aber sie sah nun an Allert vorbei.

Rückständig. Da war es schon wieder, dies üble, dies nichtssagende Wort, mit dem man gar nichts machen kann, und das gerade deshalb so schwer besieglich ist. – Allert sprach, mit Mühe nur allzu hörbare Bitterkeit vermeidend:

»Sie und Ihre Mitkämpferinnen sind sehr rasch mit diesem Wort bei der Hand. Und ich fürchte, es trifft – in Ihrem Sinn – auf die meisten von uns zu! Wir haben uns eben noch nicht so ganz auf die neue Frau eingerichtet. Wir sind gewissermaßen bei diesen Entwicklungen und Uebergängen ganz vergessen worden! Niemals haben sich all diese Frauen gefragt: was sagt der Mann dazu? Berauben wir ihn nicht? Dadurch, daß wir sein Leben öder machen und ärmer an Illusionen und Poesie? Ganz einfach: der leidende Teil sind wir, jawohl, das sind wir, mag uns unser Verstand noch so viel Einsichtsvolles vorpredigen, daß das edel und groß und nötig sei, was viele von diesen rastlosen, aufopferungsfähigen Frauen tun. Aber unsere Empfindung sagt nun mal dagegen: von meiner Frau mag ich solche Arbeit nicht getan sehen. Meine Frau soll mir stillen Frieden und Glück ins Haus bringen, sie soll sich allein mit mir und ihren, meinen Kindern beschäftigen. Und wenn dies Egoismus ist, kann man vielleicht sagen, es ist der gesunde Egoismus. Der unbewußt über den Bestand der Familie wacht, deren Gründung immer schwerer wird, ja wohl auch dank der neuen Frau.«

Nur Frau Julia fühlte, wußte, daß hier zwei leidenschaftliche und starke Menschen miteinander fochten, um den Weg zueinander zu finden. Sie werden ihn nicht finden! dachte sie triumphierend. Die anderen Zuhörer dachten, es sei ein kleines Wortgefecht.

»Meine Mutter zeigt, daß man beides, soziale Arbeit und völligste Pflichterfüllung in der Familie, vereinen kann. Zum Beispiel ist es ihr doch auch ein Opfer, nicht auch öffentlich für Marya Müllers Vortrag über Stimmrecht einzutreten. Sie bringt das Opfer der Stellung ihres Mannes und begnügt sich, in der Stille ihrer Ueberzeugung förderlich zu dienen.«

Dies endete das Gespräch, schlug ihn einfach auf den Mund. Was sollte ein Mann von Takt hierauf antworten vor Zeugen?

Oh, könnte ich sie nur einmal allein sprechen, wie wollte ich die Worte finden, ihr zu sagen, daß dieser sachliche, kluge Friede im Leben ihrer Pflegeeltern etwas anderes ist als das Glück, von dem ich träume.

Aber Allert sah und sprach sie ja nie allein. Und er wagte nicht, ihr eine Möglichkeit dazu vorzuschlagen – solche in der Wohnung seiner Mutter herbeizuführen – das wäre nicht gegangen, ohne eine vorherige Verabredung mit seiner Mutter. Der bloße Gedanke an etwas derartig Inszeniertes war ihm schon zu plump. Das Feinste, Zarteste, Keuscheste auf der Welt mußte in Verschwiegenheit wachsen, wohin es wollte, der Blüte oder dem Untergange zu. –

Nicht einmal nach einem geselligen Zusammensein wie diesem konnte er den Heimweg zu ungestörtem Sprechen benutzen. In den meisten Fällen sah er Marieluis mit den Eltern zusammen, oder da war ein Auto, sie zu holen, oder, an ganz schönen Abenden, so wie heute, Lurch, der hinter seiner jungen Herrin wachsam und in Hörweite ging.

Allert fand es ja beinahe sinnlos und sah ein ganz naives Betonen einer Doppelexistenz darin, daß Marieluis sich auf ihren werktägigen Gängen allen möglichen Anrempelungen und Gefahren aussetzen durfte, ja, mußte, aber daß sie andererseits innerhalb der Formen ihrer Gesellschaftsklasse sich nicht von einem jungen Herrn allein nach Hause bringen lassen durfte.

Frau Julias fünf Gäste brachen gemeinsam auf; alle schienen in der besten Stimmung. Mit Allert hatte sie sich beinahe gar nicht beschäftigt; er fühlte es befriedigt. Vielleicht hoffte sie nun, John Vierbrinck zum Ritter heranzubilden. Mochte es ihr gelingen.

Unten vor der Haustür gab es noch einen kurzen Aufenthalt. Da stand die Vierbrincksche Equipage, und John sagte:

»Ja, Auto kann jeder reichgewordene Bäcker haben, von Pferden muß man was verstehen.«

Und es sah im hellen Straßenlicht vornehm aus, wie der imposante, bartlose Kutscher auf seinem hohen Sitz unbeweglich thronte, die Zügel in den straff vorausgestreckten Händen. Patow klopfte sehr wohlgefällig den dunkelglänzenden Tieren die Kruppe und lobte:

»'n paar famose Norfolktrotter.«

John und Dory konnten den Baron Patow einladen, mitzufahren, sie kamen, auf ihrem Wege nach der Flottbeker Chaussee, beinahe an der Wohnung des Hauptmanns vorbei.

Marieluis lächelte in sich hinein. Es war für Allert nicht schwer, zu erraten, daß dies dem drolligen Schauspiel galt, das ein eifriger Bewerber und eine willig entgegenkommende Umworbene dem Zuschauer immer bieten.

Nun gingen sie zusammen die Uferstraße dahin, Lurch auf den Hacken. Also gebunden in jedem Wort, mit jeder Geste. Und doch, es war immer ein bißchen karges Glück, immer eine Gelegenheit, um zu versuchen.

Allert hatte sich ja längst in das ergeben, was nun nicht mehr auszulöschen war, in all ihr Wissen von den Düsterheiten des Lebens in seinen Niederungen. Er hoffte wenigstens, daß sein Gefühl das überwinden werde, vergessen könne. Wenn nur fortan – –

Die Nacht war wundervoll weich, von allerlei Düften durchhaucht, diesem starken Atem der Frühlingserde, der sich mit dem reinen und feuchten Geruch des Wassers mischte. Auf ihm schlief alles Leben. Die kleinen Dampfer rauschten nicht mehr in eiliger Fahrt hin und wieder; nichts pflügte mehr die sich schaukelnden, von blitzenden Reflexen beworfenen Wellen auf. Von den Lichtern aus den Anlagen her spannen sich Strahlen hinaus auf die bewegliche Fläche. Am Ufer die Büsche und Bäume öffneten schon ihre harten Knospen. Ostern stand ja vor der Tür, ein Ostern im April, in der raschen Werdezeit. Alle Reiser schienen voller und schmiegsamer, als sie es noch vor wenigen Tagen gewesen waren, die neuen Säfte kreisten.

Und dort, auf der kühlen Flut, wirklich noch ein einsamer Schwan; langsam glitt er dahin, schien sich nur treiben zu lassen, ein Träumer, um ihn das schwarze, überglitzerte Wasser, über ihm ein dunkler, melancholischer Himmel ohne Sterne.

Und in das feierliche Schweigen hinein, das die Vorfrühlingsnacht ihnen aufzwang, sagte Allert endlich leise, bittend – noch kein Weib, nicht einmal seine Mutter hatte aus dieses Mannes Mund solchen Ton der innigsten Bitte gehört –:

»Sie werden die Versammlung nicht besuchen, nicht an den Debatten teilnehmen?«

Sie antwortete nicht gleich. Und er wartete schweigend. Denn er fühlte in einer großen, beglückenden Gewißheit, was in ihr vorging. Daß sie mit sich kämpfte, gleich ihm.

Jeder Nerv in ihm war Spannung, sein Herz klopfte. Dieses genaue Voneinanderwissen, nur aus dem Gefühl heraus, hatte etwas Bezwingendes, schien ihnen aufzudrängen: begreift, daß ihr eins seid.

Es war dasselbe vollkommene Hinüberwirken von einem zum andern wie damals, als beim Tanz ihr gesundes, starkes Blut in gleicher Leidenschaft aufwallte.

Da sagte sie leise und flehend:

»Doch! – Aber Sie – ich möchte – ja, ich will Sie bitten – kommen Sie hin – versuchen Sie zu verstehen.«

Er antwortete nicht. Er hatte ein dumpfes Gefühl davon, daß er irgend etwas unsinnig Glückseliges getan haben würde, wenn sie ihm versprochen hätte – –

Er begriff auch: dieser flehende Ton. Das war viel von ihr. Das brach nicht ungehemmt aus den Fugen ihres stolzen, festen Wesens hervor, das hatte sie etwas gekostet.

Aber antworten, versprechen konnte er nichts.

Am übernächsten Morgen sah er wieder die kleinen ebenmäßigen lila Buchstaben. Und diesmal schrieb Frau Julia:

»Mein Mann kommt schon heute abend. Wie ich ihn kenne, wird ihm daran liegen, Sie gleich zu sprechen, Ihnen von den Resultaten seiner Reise erzählen zu können. Aber mit dem Abendessen werden wir nicht warten. Wenn ich das Kursbuch recht verstehe – es ist für mich Sanskrit, Hottentottisch, Tungusisch –, so kann mein Mann erst halb zehn zu Haus sein. Ich bitte Marieluis, mit uns zu essen; sie ist frei heute abend, das weiß ich gewiß. Vielleicht debattieren Sie dann mit ihr weiter. Sie ist herrlich in ihrer leidenschaftlichen Ueberzeugung für die Sache. Ich komme daneben in den Schatten. Macht nichts. Im Schatten ist es ganz bequem. Ihre Julia Dorne.«

Allert war überrascht. Dorne hatte doch vorgehabt, am Dienstag Abend Wien zu verlassen, in Berlin am Mittwoch Vormittag einzutreffen, den Tag dort noch eifrig auszunutzen und dann gegen Mitternacht den Zug nach Hamburg zu nehmen, der hier morgens sechs Uhr eintraf.

Nun, es paßte gut. Seine Mutter wollte mit Tulla in die Oper. Er pflegte jetzt an freien Abenden bei der Mutter zu essen. Indem er dann so Dornes Reise überdachte und das, was seine Mutter für den Abend vorhatte, verbarg er vor sich selber, daß seine erste, einzige Aufwallung gewesen war: ich kann sie heute sehen.

Wieder, wie am Montag, war Marieluis noch nicht anwesend; dafür fand er aber bei seinem Eintritt ein anderes, höchst überraschendes Bild. Das Zimmer schwamm in rotgelbem Licht, Frau Julia war wie immer von weißem Chiffon zart umflossen, unterm Saum schauten die Spitzen der hellila Schuhe hervor. Eher Bajadere als Mutter! dachte Allert. Denn sie hatte ihre beiden Töchter neben sich, von deren kluger, bedachter Erziehung man so viel hörte, und die man so selten zu sehen bekam. Es war ein liebliches Bild stillen Familienlebens. Die dunkeläugige Dolores hatte ein Buch auf dem Schoß und lehnte das schwarzhaarige Köpfchen an die Schulter der neben ihr sitzenden Mutter. Und Ingeborg, blond, fade von Farben, mit jenem Unglücksgefühl der Fünfzehnjährigen, zu lange und zu viele Arme und Beine zu haben, stand mit einer Wollsträhne über den Gelenken und wickelte an einem Knäuel, der ihr rund und rot zwischen den Fingern lag. Bei Allerts Herannahen fiel ihr vor Verlegenheit der Knäuel aus den Händen und rollte unter ein Schränkchen. Nun bückte man sich und lachte, und der Faden riß. Und dann sagte Frau Julia, die Kinder müßten Gutenacht sagen. Es war nun einmal ihr Prinzip: Kinder gehören nach acht Uhr nicht mehr in den Salon.

Durch dieses kleine Vorspiel bekam das Zusammensein etwas unbeschreiblich Harmloses.

Allert mochte nicht fragen. Aber Marieluis kam nicht – kam nicht ... Frau Julia bat zu Tisch ... Da war für drei gedeckt ...

»Ich hoffe, mein Mann kommt doch noch, während wir unser Hähnchen verschmausen.«

Also war das dritte Gedeck für den Gatten? Nicht für Marieluis?

»Wenn er schon um halb sechs von Berlin gefahren sein sollte ... Aber das würde mich doch sehr überraschen ... Er hat dringend dort zu tun. – Ich denke, vor elf Uhr kann er nicht eintreffen ... Mir hat er überhaupt bestimmt gesagt gehabt, daß er sich für Mittwoch Abend noch mit Professor Rädels verabredet habe.«

»So?« fragte sie, während sie von der Schüssel ein besonders gutes Stück Geflügel aussuchte und ihm auf den Teller legte, »sollte ich das so völlig falsch verstanden haben?«

Ihre Unbefangenheit war vollkommen. Und doch fühlte er so etwas wie Aerger leise in sich aufsteigen – aber nur aus dem einzigen Grund, weil sie so gar nicht das Ausbleiben von Marieluis erklärte. Er spürte darin weibliche Hinterhältigkeit – ein spöttisches kleines Rachegefühl –, denn er ahnte, daß sie erraten hatte, daß er in Aufruhr sei... Er nahm sich vor, auch seinerseits zu schweigen – der Frau nicht den Gefallen zu tun, nach der Ausgebliebenen zu fragen. So ging die Tischzeit hin, in sehr lebhaftem Gespräch. Aber sie wußten doch beide, es war ein verstecktes Gefecht. Julia hoffte, ihm die Frage nach Marieluis abzuzwingen, und er blieb entschlossen, zu tun, als denke er nicht an diesen Namen.

Dann kehrte man in das weiche Traumlicht des Salons zurück, und Allert sprach etwas zerstreut vom Kursbuch und daß doch wohl Doktor Dorne nunmehr erst um 11 Uhr 2 Minuten käme, und daß er, am Bahnhof fast vorbeikommend, an den Zug gehen wolle. Fast klang es, als ob er Frau Julia jetzt sich selbst überlassen wolle. Sie sagte flink, das wäre sehr aufmerksam von ihm, und sie ginge vielleicht sogar mit. Sie ließ sich auf die Chaiselongue in der dämmerigsten Ecke nieder, den Ellbogen in das Kissengehäuse am Kopfende gebohrt, das interessante Haupt in die Hand gestützt.

Und immer noch hatte Allert nicht nach Marieluis gefragt. Da sah sie dann ein: er hat einen zu harten Kopf! Und ganz rasch, um wenigstens das Vergnügen zu haben, ihn zu überrumpeln, sagte sie:

»Marieluis konnte nicht, ihre Mutter hat Migräne oder so dergleichen: Marieluis muß für sie korrespondieren – ich glaube – ich verstand es nicht recht am Telefon. Telefon macht mich nervös.«

Plötzlich hatte Allert doch das Gefühl: sie hat Marieluis gar nicht eingeladen – sie wußte auch, daß der Mann nicht hier sein konnte –

Aber nein! Das reizende Bild von vorhin wirkte nach, wie sie hier mit ihren Kindern saß. Und da war doch das Gedeck für den Mann auf dem Tisch gewesen. – Die Dienstboten, die Kinder wußten demnach auch: er hätte kommen können – –

Als ob Frau Julia ihm an der Stirn ablese, daß da unbehagliche Gedanken sich zu sammeln begannen, so fing sie nun an, auf das munterste zu plaudern.

Dabei machte sie es sich auf ihrer Chaiselongue immer fauler und kuschelte sich immer weiter in all diese Kissen hinein: eigentlich lag sie mehr, als daß sie saß. Allert, auf dem Stuhl daneben, etwas vorgebeugt, die Hände zwischen den Knien gefaltet, sah aufmerksam zu ihr herab – dies Exemplar von Frau betrachtend und bedenkend: so was von versucherischer Koketterie, von unbekümmertstem Evatum hat sich doch nur durch männliche Schwachheit entwickeln können.

»Ja,« sagte sie mit einem Seufzer, der durchaus offen für gekünstelt genommen werden sollte, »nun müssen wir uns auf die Seite der Engländer schlagen.«

»Der Engländer?«

»Na ja. Als ich Marieluis einlud, dachte ich mit den Franzosen: le troisième fait la conversation und hoffte, daß sie, als die unterhaltende Dritte, uns mal allerlei aus ihrer sozialen Tätigkeit beichten solle. Ich sage Ihnen, da gibt es gewagte Situationen und die heikelsten Geschichten. – Aber das ficht Marieluis nicht an. Ich habe sie ja dabei beobachten können. Bewundernswert, sage ich Ihnen. Eine heilige Priesterin, die gewissermaßen mit vollen Händen in den Schlamm greift, um da irgendein Individuum herauszufischen und zu säubern.«

Das war für ihn gesagt. Er ahnte es. Und er konnte sich doch nicht dagegen wappnen. Es schmerzte. Sie fuhr angeregt fort:

»Das ist nun mal ihre Mission. Ich glaube schon, daß sie wahrmacht, was sie vorhat: ihr ganzes Leben sich dieser Tätigkeit zu widmen – o Gott – das könnte ich nicht – einen beglücken – ja. Aber so Volksbeglückung« – sie schüttelte sich ein bißchen. Und aus dem schmeichlerischen Dämmerlicht leuchteten die Augen heraus, mit glutvollen Blicken – sie waren wie Schauspieler, diese Augen, und führten für sich allein eine ganze Komödie der Lockung auf.

Allert schwieg. So merkwürdig versagte ihm, dieser Frau gegenüber, immer sein flinkes, fröhliches Reden.

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