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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
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created20081028
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Seine Mutter erkannte es rasch. Aber alles verbot ihr, davon zu ihm zu sprechen. Sie als Frau wußte ja, daß es Frauen gibt, die, ganz entgegen dem veralteten Gerede von der weiblichen Lust am Heiratsstiften, durchaus ihre Freude und ihr Interesse daran haben, Heiraten zu hindern. Vielleicht nur, weil sie fürchten, aus ihrem engsten Kreis einen angenehmen Kavalier zu verlieren. – Oft genug auch, weil sie einen Verehrer nicht entlassen wollen.

Sie spürte: Julia wollte belauern, hetzen, zerstören – mit feinen Worten, mit leisem Lächeln – wie eben eine kluge Egoistin zerstören kann, wenn sie will. Und zugleich hatte sie in Marieluis' Person ein Mittel, Allert öfters noch heranzuziehen. Wenn er ihr selbst auch vielleicht ausweichen wollte: er blieb gewiß nicht fort, wenn sie sagte: »Sie treffen Fräulein Amster.«

Und was wollte Marieluis? Vielleicht ward sie von jener unbewußten Neugier getrieben, unter deren Zwang ein liebendes und doch noch schwer mit sich kämpfendes Herz steht. – Vielleicht bildete sie sich ein: Julia kennt ihn genau. Und dann: durch die Vermittlung dieser Frau sah sie ihn ja häufiger, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Das freilich fiel aus den so bestimmten und klaren Linien von Marieluis' Wesen. Schien so sehr die Art aller verliebten Mädchen. Aber gerade deshalb bewies es wohl viel.

Und aus Herzensgrund hoffte die wartende Mutter, daß Frau Julia im Grunde fördere, was sie zu hindern sich vielleicht vorgenommen. Sie konnte übrigens auch nur sehr von fern dieser Beziehung zusehen und nicht genau nachprüfen, welcher Kitt die zusammenhielt. Denn sie war sehr in Anspruch genommen von ihrem jungen Gast, der ihrer Aufmerksamkeit in besonderem Maße bedurfte.

Wie schnell verfliegt eine Rührung – wie rasch flaut ein Enthusiasmus ab. Die junge Tulla war vierundzwanzig Stunden glückselig, daß sie bei der geliebten Frau sein durfte, bei »seiner« Mutter.

Aber nach dem ersten Freudenrausch des Wiedersehens kam ein sonderbarer Zustand. Es war keine Enttäuschung. Aber es war ein Warten! Auf irgend etwas Fröhliches, Unterhaltsames.

Sie liebte in dieser rasch eintretenden Stille der Empfindungen die teure Frau nicht weniger. Aber sie wunderte sich, wie so ganz anders doch dieses Leben sei. Einen Tag war es sehr hübsch, im Atelier beim Malen zuzusehen. Aber es war schließlich jeden Tag dasselbe. Lesen mochte Tulla nicht. Das erkannte Sophie rasch: dies junge Leben war wirklich noch ganz leer. Man hatte es nur mit Zerstreuungen und Vergnügungen angefüllt.

Tulla wurde eigentlich nur lebhaft und froh, wenn sie von Raspe sprach. Unermüdlich hätte seine Mutter von ihm sprechen dürfen. Aber da war ja eine gewisse Vorsicht geboten. Wie leicht konnte eine beredte und von ihrem Sohn entzückte Mutter zu weit gehen, Hoffnungen erwecken ... Das durfte nicht sein ... dazu war sie nicht berechtigt – mußte sich vielmehr hüten, die eigenen Wünsche zu verbergen. Wußte sie denn, zu welchem Ausgang sich des Sohnes Herzenskämpfe hindurch ringen würden? Nein, nichts wußte sie.

Aber Sophie, in ihrer Zuversicht, daß in der Tochter des teuren Verstorbenen doch gewiß viel von seiner Art verborgen sei, nahm sich vor, ihrem lieben Gast auf jede Weise zu helfen. Vor allen Dingen begann sie gleich das Bildnis, um, beim Malen plaudernd, sich rasch näher mit Tulla bekannt zu machen.

Gern ging Tulla durch die Straßen, besah sich die Läden und kam regelmäßig mit irgendeinem höchst überflüssigen Ankauf für sich selbst oder Sophie heim. »Liebes Kind,« sagte die ihr endlich, »lassen Sie das doch. Ich muß Ihnen einmal vorrechnen, wieviel Geld Sie in einer Woche vertun. Sie werden selbst erschrecken. Davon muß die Frau eines höheren Beamten oder Offiziers ihren Hausstand bestreiten – so viel ist das.«

Tulla war betroffen. Sie konnte auch nicht gestehen, daß ihre Mama ihr befohlen hatte, sich durch Blumenspenden und elegante, kleine Aufmerksamkeiten für die Gastfreundschaft dankbar zu erweisen. Sie staunte es ehrlich und überrascht an: diese ihre kleinen Nebenausgaben kamen dem Haushaltsgeld etwa einer Offiziersdame gleich? O, wie schwer hatte es so eine Dame dann!

Sie seufzte – ins Unbestimmte.

Sie fand auch das Hauswesen rasch unbegreiflich eng und klein. Die ersten Tage war sie entzückt davon. Keine große Dienerschaft um einen herum, die lauert und frech ist und nie zur Stelle, wenn man gerade was will. Aber das, was zuerst wie ein Märchen schien, wurde ihr rasch eine Art Verlegenheit – besonders, wenn sie sich vorstellte: Fiffi von Samelsohn könne das alles hier beobachten.

Und sie grübelte sich auch allerlei zurecht – nach Mädchenart. Wenn »er« sich nichts, gar nichts aus ihr mache, würde seine Mutter sie nicht eingeladen haben. Und wenn »er« sie liebte und die große, große Glückseligkeit käme eines Tages, dann brauchte man ja auch schließlich nicht so eng und klein zu leben, wie Frau von Hellbingsdorf tat.

Unter dieser Vorstellung erschien ihr der gegenwärtige Zustand wie eine Art Prüfungszeit. Diese Einbildung gab Tulla Mut und befähigte sie, zu verbergen, daß ihr die Tage im Grunde genommen schrecklich lang wurden. Aber Sophie spürte es ja doch. Sie dachte: mit der Zeit! Und sie beschloß, für mehr Abwechslung zu sorgen.

Abends ging man dann zuweilen ins Theater. Auch gab Sophie zweimal ein kleines Abendessen. Es waren beide Male je vierzehn Personen. Obgleich Hilfskräfte angenommen wurden, erwuchs der Dame des Hauses doch mancherlei Mühe. Und Tulla dachte vergleichend daran, daß die Mama bei Festessen von viel über hundert Personen nur eine Besprechung mit der Wirtschafterin habe, und sonst nicht die geringste Mühe. Das hatte entschieden doch auch seine Bequemlichkeiten.

Aber – war nicht alles, alles egal? Wenn man liebte? Geliebt wurde? ...

In dem Umgangskreis von Frau von Hellbingsdorf konnte Tulla das Gefühl von Fremdheit durchaus nicht bezwingen. Marieluis hatte was Unnahbares. Frau Doktor Dorne war ihr zuwider. Obschon in keiner Hinsicht der Mama ähnlich, hatte Frau Julia irgendeine Art zu lächeln – manchmal – die an die Art Mamas erinnerte. Und das ärgerte, reizte, schmerzte Tulla. Und sie wußte nicht, warum ...

Mit John Vierbrinck konnte sie etwas über St. Moritz und Wintersport sprechen. Er sah aus und tat wie ein Diplomat und unterhielt sich aus einer großen Distanz.

Die Senatorin Amster war einige Minuten sehr liebenswürdig zu ihr. Programmäßig.

Der Baron Fritz Patow, der hier nun als Vetter der Familie aus und ein ging, der hätte Tulla schon am besten gefallen. In seiner Hauptmannswürde machte er sich imposant. Es war ein Gemisch von flotter Jugendlichkeit und gesetzter Reife in ihm, das einem jungen Mädchen wohl zusagen konnte. Die Uniform erinnerte Tulla auch – ach so deutlich! – an Raspe.

Aber der Baron Patow beschäftigte sich ausschließlich mit Dory Vierbrinck. Auf der ersten Abendgesellschaft schien diese kleine Dory, die so allerliebst naseweis und klug aussah, wovon möglicherweise nur der Kneifer die Ursache war, etwas zerstreut. Nahm es so, als bemerke sie es wenig. Ja, es kam Tulla so vor, als sähe Dory durch ihre Gläser mit den lebhaften Augen oft forschend zu Allert hinüber. Aber an dem zweiten Abend ließ sie sich vergnügt und schlagfertig mit Patow in endlose Neckerei ein. Und wenige Tage nachher begegnete Tulla schon beiden. Sie ritten zusammen: der Bruder John, in vollendeter Haltung, das vornehme Diplomatengesicht von einem zufriedenen Lächeln verklärt, war als dritter dabei. Hinterdrein die Reitdiener. Eine kleine Kavalkade des Vergnügens. Sie waren so mit sich beschäftigt, daß sie Tulla gar nicht bemerkten.

Sie kam sich plötzlich – obgleich ihr diese Menschen ja fast fremd waren – wie ausgeschlossen vor. Wie in der Verbannung.

Was tue ich hier eigentlich? dachte sie.

Aber dann kam es ihr zum Bewußtsein: ich warte.

Auf das Glück! Auf den einen, Ersehnten. Ja, wenn »er« nur erst käme, würde auf der Stelle das Leben wieder leicht und unterhaltend und herrlich.

Und das gab ihr dann immer von neuem eine zärtliche und fröhliche Stimmung, mit der sie im Hause seine geliebte Mutter in die Täuschung wiegte – ohne auch nur im mindesten täuschen zu wollen – daß sie sich diesem Leben anzupassen beginne.

So waren diese Wochen vor Ostern doch wie ein Idyll. Und zu Ostern hatte Raspe Urlaub genommen – zehn Tage, lange – zehn Tage – ja, die können wohl eine Ewigkeit von Glück werden.

Aber noch vor Ostern kam in das Idyll eine schwere Störung.

Doktor Dorne war für einige Tage verreist. Das geschah sehr selten. Aber er mußte zur Förderung und Nachprüfung seiner chemischen Versuche durchaus das Laboratorium eines befreundeten Fachgenossen in Wien aufsuchen. Er hatte den Reiseplan und die Zeit der Abwesenheit mit seiner Frau besprochen. Am Sonntag nachmittag fuhr er nach Berlin, um dort den Nachtzug nach Wien zu nehmen. Die Rückreise sollte ebenfalls mit möglichster Zeitersparnis ausgeführt werden. Ja, sogar die kurze Strecke von Berlin nach Hamburg wollte Dorne nachts zurücklegen, und er versprach seiner Frau bestimmt, am Donnerstag früh sechs Uhr wieder daheim zu sein. Sie sagte, sie habe eine zu große Unruhe, wenn sie nicht mit allen Gedanken einer solchen Reise folgen könne, Station für Station: deshalb möchte sie gern so genau wissen ... möchte das Kursbuch im Kopfe kontrollieren ... die Hotels wissen, wo er absteige, kurz – im Geiste mit ihm reisen. Und so entsetzlich ihr es sei, früh aufzustehen: sie werde am Donnerstag morgen an der Bahn sein. Dies scheine denn doch ihre einfachste Pflicht, als Dank für all die Arbeit, die sie bewundere, für die er sich die Strapazen dieser hastigen Reise auferlege.

Die Augen des Mannes bekamen einen Glanz von Glück. Und er reiste lächelnd ab.

Schon am Montagmorgen erhielt Allert dann ein Eilbotenbriefchen:

»Lieber Freund! Nun fühle ich mich noch einsamer als sonst. Sie müssen mir heute abend Gesellschaft leisten – nicht Sie allein – wie vielleicht Ihr männlicher Größenwahn sich gleich einbildet – ich improvisiere einen kleinen Kreis: Marieluis, Ihr Vetter Patow, der so liebenswürdig war, Karten bei uns abzugeben, Dory Vierbrinck – ich weiß noch nicht, ob mit oder ohne den vornehmen Bruder. Also bringen Sie Ihren Vetter nicht in die entsetzliche Lage, der einzige Mann zwischen drei Damen zu werden. Bitte eine Telefonnachricht! Ich habe aber nur ein Ohr für sie, wenn es ein Ja ist!«

Nun, dies war harmlos und nett und begreiflich. Es kostete Allert keine Ueberwindung, am Telefon das gewünschte »Ja« nach dem Alsterufer hinzumelden.

Vielleicht, nein gewiß: seine schroffen Worte damals nach der Blumensendung hatten ihr gezeigt, daß sie niemals Glück damit haben werde, ihn zu ihrem Ritter heranzubilden. Wie es mit dieser Ritterschaft auch gemeint sein mochte: schuldvoll oder schuldlos! Zu einem Spiel mit Ehre und Ruhe hielt er sich zu hoch: zu einem törichten Eitelkeitsdienst hatte er keine Zeit. Aber man mußte eben doch leidlich miteinander auskommen. Er hatte gedacht, sie werde sich rächen für den Abfall. So war er ihr fast dankbar, daß sie den ganz ignorierte. Und es war klug und überraschend vernünftig von der lebensgierigen Frau, daß sie sich nun einen Kreis jüngerer Menschen zu bilden suchte. Innerhalb eines solchen wollte er ihr gern jederzeit gesellige Opfer bringen.

Und dann: er sah jetzt bei ihr auch die eine – die er zu meiden wünschte und dennoch nicht meiden konnte. Er war nie mit ihr zusammen, ohne sich voll Zorn zu geloben: ich will sie niemals wiedersehen. Und er war nie drei Tage von ihr entfernt, ohne sich auf das qualvollste nach ihrem Anblick zu sehnen.

Allert ging absichtlich recht spät. Und traf trotzdem die noch nicht, um derentwillen er ja eigentlich kam. Da war Dory Vierbrinck, mit ihrem hochmütig-verbindlichen Bruder, der sich immer so benahm, als gehöre er dem englischen Oberhause an. Und da war auch Fritz Patow.

Allert machte einige merkwürdige Beobachtungen. Der etwas steifen und sehr vornehmen Haltung John Vierbrincks begegnete die Hausfrau mit einer vollkommenen Art von sicherer, aber begrenzter Freundlichkeit. Ihre Koketterie schien sie mit ihren bunten Schuhen in den Schrank geschlossen zu haben. Sie war wie immer sehr schön gekleidet, aber doch hatte sie einige der raffinierten Einzelheiten vermieden, mit denen sie sonst, in der Intimität des Hauses, ihrem Anzug etwas – ja, etwas – Einladendes zu geben wußte. Wie klug diese Zurückhaltung! Sie spürte wohl, daß ein noch so leises Herausfallen aus der strengsten Korrektheit Herrn John Vierbrinck veranlaßt hätte, seinen Eltern zu sagen: diese Frau Dorne ist kein Umgang. Sie sah das Geschwisterpaar zum erstenmal bei sich. Welche Fähigkeit, sich auf die Menschen einzustimmen! Oder vielleicht die Erkenntnis, daß hier eine würdige Zurückhaltung der einzige Weg zu gesellschaftlichen Erfolgen war? Nun – hoffentlich.

Und die andere Beobachtung war, daß Dory Vierbrinck und sein Vetter, der Baron Patow, sich auf das offenkundigste miteinander beschäftigten ... Im Januar war es doch Allert vorgekommen, als ob die lebhaften Augen hinter den Gläsern ihm mit besonderem Blick begegneten ... Und es hatte ihm manchmal geschienen, als ob das Gesicht mit den reizenden Grübchen sich ganz verklärte, wenn er sich ihr zuwandte. Das hatte ihn mit Verlegenheit, fast mit leisem Schmerz erfüllt. Und nun? So rasch war, was da keimte, schon hingewelkt? Eine Erleichterung. Gewiß. Und so lehrreich. Er wußte wohl: das ist das Herzensleben von tausend Mädchen. Sie harren, warten – ihre Seelen sind geöffnet und bereit für die Liebe – und sie wenden sich sofort dem zu, von dem sie hoffen oder sicher spüren: er ist der Bewerber! All ihr Lieben ist nur Gegenliebe. Blüte eines Triebes.

Er sah auch, wie ein Mann den andern durchschaut, daß Fritz Patow wirklich verliebt war. Die Liste auf seinem Zettel war ja lang gewesen; beim prüfenden Ueberblick über all die junge Weiblichkeit in den Ballsälen und an den Festtafeln mußte sich dann doch wohl seine innere Stimme – die man auch eine Herzensstimme nennen konnte, wenn man wollte – für Dory entschieden haben.

Daß da allerehestens eine Verlobungsanzeige gedruckt werden würde, war klar. Sonst hätte der formvolle John nicht dieses Zusammensein durch seine Gegenwart gebilligt.

Glückliche Naturen! So rasch, so unbesorgten Gemütes, so voll frohen Sinnes auf die höchste Stufe gemeinsamen Menschentums zueilen zu können.

Allert mußte sich zusammennehmen, um sich nicht in zu schwere Grübeleien zu verlieren. Er beschloß seine Neigung dazu mit dem Gedanken: Gottlob, daß auf diese Weise alle Tage noch zahllose Ehen geschlossen werden, sonst sähe es auch schlimm aus um den Staat.

Das Gewöhnliche hat auch seine soziale Wichtigkeit.

»Wo in aller Welt bleibt Marieluis?« fragte John die Hausfrau.

»Wir werden ein Viertelstündchen zu warten haben mit dem Essen. Marieluis hat Abendschule und muß dann erst nach Hause, sich umzukleiden,« erklärte Frau Julia.

John machte eine leise mißbilligende Kopfbewegung.

»Tante Amster ist mir unverständlich. Nun gottlob, daß ich ihr Dory entrissen habe,« sagte er.

»Ich selbst, nun ich näher in diese Art Arbeit hineinsehe, muß gestehen, daß sie mir zu unweiblich ist.« Frau Julia sah nur John bei ihren Worten an, schien sich in keiner Weise an Allert zu richten. »Sie glauben nicht, was man alles kennen lernt. Lebensverhältnisse, Gewohnheiten, naive Sicherheit im Unmoralischen, Liederlichkeit, die aus den Wolken fällt, wenn man ihr vorstellt, daß sie Liederlichkeit ist – nein – Sie glauben gar nicht, Herr Vierbrinck! Und von diesen Dingen hat man ja gar keine Ahnung gehabt, das lernt man alles durch die Vereinstätigkeit kennen. Und ich meine auch, wenn sich Frauen so daran gewöhnen, all diese Dinge mit dem richtigen Namen zu benennen, verliert sogar die Sprache schon den feinen Zauber der Weiblichkeit. Und mit welchen Vorstellungen wird die Phantasie junger Mädchen getrübt, die sich in solche sozialen Unterschichten hinabbegeben.«

»Sehr richtig, meine gnädige Frau.«

»Ich bewundere die Opferfreudigkeit und den Verstand von Frau Senator Amster, sie ist eine der bedeutendsten Frauen, die ich kenne, nur aus unbegrenztem Respekt vor ihr mag ich mich nicht so rasch wieder von der Mitarbeit zurückziehen. Wo sie selbst mit solchem Fanatismus unermüdlich dabei ist.«

»Ja,« sagte John, »Tante und Marieluis sind wirklich fanatisch. Sie sollen mal sehen, an Marieluis erleben wir noch was.«

Allert hörte zu; jedes Wort stieß ihn in sein Herz ... Es wurde ihm aber erspart, zu vernehmen, von welcher Art das sein sollte, was John sich noch an peinlichen Ueberraschungen versprach.

Denn die Tür tat sich auf, und Marieluis trat herein. Schön und freundlich, von sicherem Wesen – sie hatte ja vorher gewußt, daß sie Allert träfe, und sich darauf gerüstet.

Man ging sogleich in das Eßzimmer, und um den kleinen runden Tisch wurde es alsbald lebhaft.

»John sagt, Du bist fanatisch,« berichtete Dory lachend.

»Das ist mir lieb zu hören. Ich möchte nicht lau sein, in gar nichts,« sagte Marieluis.

»Weshalb dauerte die Abendschule denn so lange?« fragte Julia.

»Es war nachher noch eine Sitzung. Fräulein Doktor Marya Müller will hier zweimal sprechen. Vorträge, mit sich anschließenden Debatten. Wir haben sie nicht eigentlich herberufen, aber wir stützen die Sache finanziell. Und für den einen Vortrag treten wir auch als Einberufende heraus.«

»Was für Vorträge?« fragte Allert.

Und Dory, aus ihrem hie und da noch aufflackernden Gewohnheitsinteresse heraus, das aber kein wohlwollendes mehr, sondern im Handumdrehen ein kritisches geworden war, fragte fast zugleich:

»Warum bloß für einen?«

»Der zweite Vortrag wird von den Forderungen sprechen, die das uneheliche Kind an die Gesellschaft und das Gesetz hat,« erzählte Marieluis, »das ist ja durchaus unsere Sache. Der erste soll das Stimmrecht der Frau behandeln. Mutter ist ja leidenschaftlich dafür und hofft es auch zu erleben, daß sie zur Urne gehen darf. Sie steht doch auch mit einigen englischen Führerinnen der Bewegung in lebhaftem Briefwechsel. Aber hier öffentlich dafür eintreten – das kann sie ja leider nicht. Wegen Vater, weil er doch zur Regierung gehört, es wäre nicht taktvoll.«

»Aha!« sagte John und lächelte bedeutungsvoll.

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