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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
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Im Eggebeckschen Hause hatte Sophie auch den Mann kennen gelernt, dessen Freundschaft ihr arbeitsames Leben hob und mit freudigem Mut füllte. Ihre Verbindung war der Welt ein vollkommenes Geheimnis. Was sie einander gaben, war auch nicht von der Art, das Interesse der Welt zu erregen. Frieden wollten sie und das bißchen stille Glück, sich Hand in Hand von dem lauten Leben draußen auszuruhen und sich darüber auszusprechen. Es bedurfte, zumal von Sophiens Seite, gar keiner besonderen Vorsicht oder Vorsätze, ihre Neigung zu verstecken. Kein Mensch in der Weltstadt kümmerte sich darum, daß der Geheimrat Rositz Donnerstag nachmittags Frau von Hellbingsdorf besuchte. Rositz freilich war mit Bedacht behutsam. Seine Frau hätte ihm diese Erquickung mißgönnt und gestört, wäre auf den Gedanken gekommen, daß er sich Sophiens wegen scheiden lassen wollte, während er in der Tat schon lange, bevor er die Freundin kannte, um seine Freiheit rang.

Sophie schenkte ihm Tee ein und bediente ihn pflegsam und beobachtete dabei mit immer wachsender Sorge sein schlechtes Aussehen.

»Wie komme ich heute zu der Freude?« fragte sie.

»Ich hatte Geschäfte in der Nähe. Geldsachen. Und bin auf dem Wege zu meinem Bankier. Sollte ich an Deiner Wohnung vorbeifahren? Als Egoist kam ich herauf. Mir ist irgendwie nicht wohl – kann sein, daß gestern die Austern – na, das ist vorübergehend – sprechen wir nicht davon! Ein Mann, der lamentiert!«

Und er lächelte über sein schlechtes Befinden.

»Ein Brief von Allert?« fragte er dann, und sein Blick deutete auf die vielen Blätter, die noch nicht wieder zusammengefaltet worden waren.

»Ja. Und wie immer: bunt durcheinander, voll Freude und Aerger für mich. Er will nichts davon wissen, daß ich ihm meine Ersparnisse ins Geschäft gebe.«

»Das ist sehr richtig von ihm.«

»Aber«, begann sie sehr eifrig, »wozu mache ich sie denn? Du weißt es doch, Lieber: Ich begann nach meines Mannes Tod so verzweifelt zu studieren und zu arbeiten, um mein Haus nicht sinken zu lassen! Die künstlerische Freude kam ja erst hinterdrein und wuchs von Jahr zu Jahr. Wie ein Lohn war das. Aber anfangen tat ich doch nur um des Geldes willen. Ich hatte zufällig das Talent, mit ein paar Bleistiftstrichen die Menschen sprechend ähnlich abkonterfeien zu können. Und ich dachte: daraus kann ich Broterwerb machen. Wieviel darin steckte in dem Talent, wußt' ich doch damals selbst nicht: das hat sich doch im Lernen und Arbeiten erst entwickelt. Ich für meine eigene Person hätte mich mit dem bißchen Geld, das nachblieb, als wir Muschenfelde verkaufen mußten, schon durchgehungert. Aber ich sah ein: ich wollte und mußte kämpfen, um unsere Familie zu behaupten. Mein Ziel war ja erst, so viel zu erwerben, daß wir unser Gut zurückkaufen könnten. Das wünschten sich damals auch die Jungens so glühend. Na – in zwölf Jahren ändert sich mancherlei – und das Kapitalisieren durch Sparen geht nicht mit Motorgeschwindigkeit, sondern geduldig schrittweise. Allert wurde Kaufmann – erst auch nur mit dem Ziel: rasch verdienen. Und dann sah er doch – das geht nicht so flink. Und er sah, daß es sich da noch um viel wichtigere Dinge handelt als bloß ums Verdienen – um Kulturaufgaben! Nun, das kann ja keiner besser beurteilen als Du in Deiner Stellung. – Ich seh' nun nicht ein: weil doch nicht mehr für Muschenfelde gespart wird – warum Allert mein bißchen nicht in sein Geschäft nehmen will. Er muß es freier und leichter haben. Wenn einem so die Ellbogen festgehalten werden vom Schicksal – das ist doch empörend.«

»Sie werden den meisten Menschen festgehalten. Dem einen so, dem andern so.«

Tröstend streichelte sie ihm die Hand. Sie wußte doch, woran er dachte.

»Wenn man sieht, daß alle Vorbedingungen zum Erfolg da sind – und nur Geld fehlt – das ist doch ein noch plumperes Festgehaltenwerden als so in anderen Lebensverhältnissen, wo auch Seelisches hineinspielt.«

Er hatte nachgedacht.

»Wieviel braucht Allert?«

»Brauchen? Am liebsten zwei, drei Hunderttausend. Aber mit hundert bis hundertfünfzig könnte er schon viel machen.«

»Annähernd in der Höhe könnte ich ihm dienen.«

Sophie wurde rot vor Schreck. »Nein. O nein – nie. Wenn Deine Frau das erführe – unmöglich.«

»Sie würde das nicht. Sie ahnt gar nicht, daß ich ein kleines Vermögen für mich allein habe. Ihre großen Einkünfte kommen ja aus fideikommissarischen Besitzen. Sie sind oft genug für ein halbes Jahr und mehr voraus verbraucht, und meine aufreibende Arbeit ist, in nächtlichen Stunden immer ausgleichende Berechnungen aufzustellen, mit Lieferanten Abzahlungen zu vereinbaren, Gelder aufzunehmen, Ordnung zu schaffen. Wenn ich meine Frau friedlich und rücksichtsvoll gestimmt finde, weiß ich im voraus: sie ist in einer Klemme, und ich soll alles einrenken.«

Er machte eine Pause. Sophie schien es, als atme er mühsam. Und wie elend er aussah! Doch fuhr er fort:

»Wenn nun Lyda wüßte, daß ich Kapital habe! Vor zehn Jahren Tante Rositz beerbte! Da sündigte sie noch toller darauf los und dächte und sagte immer: Du hast ja Geld – Du machst es wohl in Ordnung. Jeder Begriff von Zahlen und Grenzen fehlt ihr. Und Du weißt, Sophie – ich ringe um meine Freiheit ... Dafür hüte ich dies Geld ... Ich denke dabei auch an meine Tochter ... Wenn sie sich bei einer Scheidung für den Vater entschiede ... dann soll sie es doch bei ihm etwas reichlicher finden, als sein Beamtengehalt allein gestattete ... Und ich denke auch an eine teure Frau ...«

Er drückte der neben ihm Sitzenden fest die Hand.

Sie schwiegen bewegt. Sie fühlten es beide mit einer schmerzlichen Gewißheit voraus, daß es ihnen niemals beschieden sein werde, ein Bündnis des Abendfriedens zu schließen.

»Wenn ich nur einmal Deine Tochter sehen könnte,« sprach Sophie leise.

»Du würdest Freude haben – auch Sorge. – Sie wird nicht erzogen. – Und ich – ich kann mich wenig um sie kümmern, – wie viel Zeit hab' ich denn für mein Leben – mein Dasein ist des Staates. – Ja, Du sollst sie kennen lernen – den Winter, denke ich, macht es sich. Sie fängt an auszugehen. Die Mutter hat sie übermäßig lange zurückgehalten, wollte immer jung bleiben – erwachsene Söhne, die auswärts sind, scheinen für das Alter einer Frau offenbar kein solcher Gradmesser wie 'ne Tochter. Ja – sobald Du das Bild der Fürstin Siegstein ausstellst – ja, dann muß man Lyda suggerieren, daß es Mode und schick sei, sich von Dir malen zu lassen. Und vielleicht, wenn Tulla Dir sitzt ... Du wirst mit ihr sprechen – sie könnte Dich lieb gewinnen. Du könntest ihr zur Wohltäterin werden, wie Du es dem Vater geworden bist ...«

»Viktor,« sagte sie ergriffen.

Er nahm sich zusammen.

»Nun – also vermittle das mit Allert – Du wirst es ihm schon plausibel machen, woher gerade ich das Vertrauen zu ihm habe ...«

»Nein,« unterbrach sie ihn mit fester Stimme. »Kein Geld von Dir. Ich weiß, ich bin Dir die Nächste auf der Welt. Aber unseres Lebens wirtschaftliche Formen teilen wir ja nicht – seelische Anrechte soll man nicht verquicken mit diesen brutalen Dingen. Allert wird Auswege finden – er schreibt von Banken – gewiß, alles wird gut werden ...«

»Sei keine unpraktische Idealistin,« schalt er.

»Ich bin es nie. Meine Existenz, bescheiden zwar, doch wohlgegründet, zeigt es. Aber in dieser Frage laß mich's sein.«

»Ueberlege! Wenn wir uns wiedersehen, komme ich darauf zurück ... Das heißt, ich meine Donnerstag – übermorgen bei den Daisters kann man dergleichen nicht behandeln.«

»Welche kindliche Freude ich habe, in eine Gesellschaft zu gehen, wenn ich weiß: Du bist da – man spricht und sieht sich doch – ist's auch manchmal nur ein kurzer Augenblick. Weißt Du wohl noch, es war auch bei den Daisters, wo ich die Freude hatte, bei einem Diner Dich als Tischherrn zu bekommen ... Denke Dir, wahrscheinlich hängt da ein Auftrag in der Luft. Eine Verwandte von Frau Daister ist bei ihr zum Besuch – die will sich malen lassen – oder hat eine Tochter, die gemalt werden soll – ich verstand nicht ganz am Telefon die dringliche Mahnung von Thea Daister, jedenfalls zu kommen ...«

Sophie lachte in sich hinein.

»Als ob man mich mahnen müßte! Wo ich Aussicht habe, Dich zu treffen. Wir haben ohnehin so wenig Häuser zusammen. Und ich weiß wohl, Du bringst mir Opfer, wenn Du ausgehst ...«

»Wenn ich nur mehr Zeit hätte! Das Amt frißt einen auf. Ja – übermorgen – ich denke – das kleine Unwohlsein wird dann überwunden sein – –

Liebe, darf Therese mir nicht ein Auto von der Ecke heranrufen – mir ist, als könnte ich nicht mal die paar Schritte gehen.

Sophie erschrak von neuem. Ihr schien, daß der Ausdruck von Elend sich auf seinem Gesicht verschärft habe.

Aber doch – er sprach ja von übermorgen – dachte in Gesellschaft zu gehen.

»Heute solltest Du Dir Ruhe gönnen,« bat sie dringend, »gleich einen Arzt fragen – wenn Du Verdacht hast, daß eine Auster« – –

»Du hast recht,« sagte er, »ich will nach Hause fahren – Geschäfte Geschäfte sein lassen. Hier, bewahr' mir das ... Ein paar Tage – morgen komm' ich keinesfalls – vormittags Konferenz, nachmittags Vortrag bei Majestät – abends habe ich die Herren meines Ressorts zu Tisch – übermorgen die Deputation rheinländischer Textilindustrieller – wegen der neuen Zölle auf Kunstseidenfäden – nachmittags treffen die Vettern meiner Frau ein – Rücksprache über die Finanzverwaltung des Familienbesitzes – abends bei den Daisters ... Ja, so wird's gerade der Donnerstag, bis ich das abhole ...«

Sie legte die Hand auf die Mappe, im schweigenden Versprechen, sorgsam das Anvertraute zu bewahren.

»Und – nicht wahr? – Du läßt sofort Czermack rufen!« beschwor sie ihn.

Da mußte er doch lächeln.

»Was Czermack wohl dazu sagte, wenn man ihn wegen eines verstimmten Magens belästigte! Ich denke, mein guter, alter Kummerfeld reicht mit seinem Wissen für den Fall.«

»Und ich bekomme morgen ein Wort. Eine Depesche ... Eine Zeile ...«

»Ganz bestimmt, wenn sich ein Unwohlsein entwickelt, das mich etwa gar übermorgen von Daisters fernhält – aber sei unbesorgt – ein kleines drastisches Mittel, und alles ist morgen vergessen.«

»Ich hoffe!« sagte sie zuversichtlich.

»Adieu, Liebe!«

Er küßte ihr die Stirn.

Später bildete sie sich immer ein, er habe es in einer seltsam wehmütigen, feierlichen Art getan.

Jetzt stand sie und dachte voll Angst nach. Aber ihre mutige Natur kämpfte gegen die Angst.

Sie dachte: wir Frauen sind gleich so erschrocken, wenn großen, stattlichen Männern etwas fehlt. Es scheint wider des Mannes Wesen zu sein, daß er brüchig aussieht. Man liebt so die Ganzheit der Kraft am Manne. Und er selbst, der Mann, hat den naiven Anspruch, daß ihm nichts fehlen dürfe, daß die kleinen Leiden des Körpers unser weibliches Teil seien; das macht ihn zum unleidlichen Patienten ...

Und aus diesen Gedanken erwuchs ihr dann der Kummer, daß sie ihn nicht hegen und pflegen dürfe – ach, alle Unleidlichkeiten und alle seine Ungeduld würde sie mit Entzücken ertragen haben, um ihm wohltun zu dürfen.

Es ging ihm vielleicht schlecht. Und dann hatte er niemand um sich als diese Dienerschaft, die zahlreich, aber schlecht war, weil sie alle paar Wochen wechselte ...

Ob seine Tochter wohl die Geschicklichkeit besaß, einen Leidenden zu pflegen? Den Wunsch gewiß. Denn er sprach oft davon, daß seine Tochter ihn liebe und nur von der Mutter förmlich mit Gewalt von ihm fortgeleitet werde ...

Aber wahrscheinlich bedurfte er gar keiner Pflege – morgen war das kleine Unwohlsein vergessen.

Austern? Hm – von Austernvergiftungen hörte man ja zuweilen. Aber wo er Austern genoß – in seinem Hause – in der Gesellschaft – da kam doch nur das Kostbarste und Frischeste auf die Tafel.

Sie hatte auch wohl bemerkt – die fast gierig verlangte Tasse Tee setzte er gleich vom Mund ab, mit einer mühsam verborgenen, unwillkürlichen Miene des Widerwillens. Wie jemand, dem übel ist.

Was half das Denken und Grübeln? Es hieß, sich in das Schwerste hineinzwingen, das es für einen temperamentvollen Tätigen gibt: in geduldiges Warten.

Das gelang ihr nur für kleine Zeitspannen, die von Sorge und trüben Vorstellungen unterbrochen wurden. Dies Auf und Ab der zuversichtlichen und beunruhigten Stimmungen machte, daß sie sich selbst schließlich ganz unleidlich vorkam.

Erst als am andern Morgen die Fürstin Siegstein zur Sitzung kam, fand Sophie mehr innere Haltung.

Die ungemeine Menschenkenntnis und das gütige Wesen der greisen Durchlaucht machten die Stunden der Sitzung für Sophie zu reichem Gewinn.

»Ob ich jemals zu der Abgeklärtheit und Harmonie komme, die alle an Eurer Durchlaucht bewundern?« fragte sie klagend.

»Um Gottes willen! Nur ja nicht. Abgeklärtheit ist Alter. Gärung ist Jugend. Und Sie sind Künstlerin und müssen jung bleiben. Sie wissen wohl, ich meine nicht im Gebaren, sondern im Herzen. Denken Sie daran, wie jung unsere drei Giganten blieben! Goethe, Bismarck, Wagner. Bis zum Tod noch, dicht neben senilen Zügen: göttliche Jugend. – Aber – liebste Hellbingsdorf – ein bißchen was davon spukt auch noch in mir herum! Daß Sie nicht etwa einen steifleinenen Bonzen aus mir machen!«

»Ich hoff', Durchlaucht werden zufrieden sein,« sagte Sophie lächelnd.

Als sie nach der Sitzung in ihre Wohnung hinunterlief, fand sie keinen Brief und keine Depesche.

Das war beruhigend. Auch am Nachmittag nichts. Immer leichter wurde ihr ums Herz. Und sie stellte ihn sich vor, wie er, vielleicht ein wenig angegriffen, doch in gewohnter Beherrschung von Menschen und Dingen, sein übermäßig beladenes Arbeitsprogramm abwickelte.

Sie fing an, sich der Vorfreude hinzugeben auf morgen!

Wie leicht ließen sich die Stunden ertragen bis dahin. Und am Mittwoch Nachmittag kamen und gingen, wie immer, eine Menge Menschen bei ihr aus und ein. Zwischen Teeanbieten und Plaudern und all der Unruhe solcher Empfangsstunden hörte sie doch Tröstliches: zwei Damen sprachen von dem großen Ballfest, das Frau Geheimrat Rositz gäbe – die Tochter sollte offiziell eingeführt werden. Es schien aus dem Gespräch hervorzugehen, daß die Einladungen gestern erst versandt worden seien. Jemand sagte: »Na endlich – die Tochter muß mindestens achtzehn Jahre alt sein.« – Und eine Dame fragte: »Rositz wird wohl nächstens Exzellenz?« – »Ja,« hieß es, »sie kann es kaum noch erwarten, sie hat gelitten – Frau Rositz – das war ihr gräßlich – sie, eine geborene Freiin von Buschke.« – »Ach Gott,« sagte da die Gräfin Bretten mit einem impertinenten Lächeln, »so sehr kann die gute Lyda ja noch gar nicht an die sieben Zacken gewöhnt gewesen sein. Sie war ja schon beinahe erwachsen, als die Buschkes aufhörten, selber Kohlen zu schaufeln – ja, so Kohlenbergwerke – und dann mal 'ne großartige Stiftung – das ist heut der Weg ...«

Sonst war es Sophie schrecklich, wenn des teuren Mannes Frau durchgehechelt wurde. Jetzt aber horchte sie mit ganzer Seele. – Wenn man aus dem Hause Rositz gestern Balleinladungen versandt hatte, muhte es ihm gut gehen ...

Und Freude im Herzen schmückte sie sich für den Abend. Sie wählte ein Kleid, von dem er einmal flüchtig bemerkt hatte, es sei sehr schön und so vornehm einfach. Nichts putzte den weichen Stoff als eine alte Spitze.

Sophie ging zu Fuß. Von ihrer stillen Nebenstraße war der Weg nicht weit bis zum Kurfürstendamm, wo die Daisters in einem palastartigen Haus ein Stockwerk bewohnten. Der Novemberabend war trocken und nicht kalt.

Immer neu drang das Phänomen der Weltstadtstraße auf Sophie ein. Nur im Bewußtsein hatte man es: Abend und Winter. Eigentlich verschlang das stark flutende Leben auf diesen Bürgersteigen, Fahrdämmen und Mittelwegen alle Erscheinungen des Wechsels. Aus breiten Ladenfenstern brach Tageshelle; sie zitterte bläulichweiß herab aus großen Bogenlampen, sie huschte blitzend vorüber, wie jagende große Sterne, an den Autos und Wagen. Sie tötete die Nacht, die hoch droben, nicht gefühlt und nicht beachtet, als schwarzer Himmel über der durchflimmerten Unruhe stand. Und Wärmeströme hauchten aus den Türen der Restaurants und der Läden.

Zwischen dem Gewühl der aneinander vorbeidrängenden Menschen konnte sich keine Kälte, still um sich wirkend, ausbreiten. Der stetig gleiche Lärm der Straße, dieser Zusammenklang von hundert kleinen, harten, hellen und hundert starken, dunklen Tönen, wurde wie ein Strom – alles floß in ihm zu einem Geräusch durcheinander, das die Luft aufnahm, sich ganz damit anfüllend. Man fühlte sich einem Etwas dahingegeben, das stärker war als man selbst. Man verlor gleichsam sein Eigendasein und wurde zum Atom – ein Pünktchen wurde man, in einem Riesenbilde.

Das tat den Nerven manchmal wohl. Das trug einen. Alles sprach: die Welt steht ja noch – geht weiter – schiebt auch dein Teilchen Leben auf dem Wege voran.

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