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Vor der Ehe

Ida Boy-Ed: Vor der Ehe - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleVor der Ehe
publisherVerlag Ullstein & Co
firstpub1915
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid361b4314
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»Dasselbe wie in Berlin. Da malte sie einen ganzen Teil der Hofgesellschaft – hier ist es im Handumdrehen in den ersten Kreisen Mode geworden, sich bei Frau von Hellbingsdorf malen zu lassen.«

Sie waren über den Fahrdamm gegangen und schritten jetzt auf den Quadern dahin, die die Kaistraße oberhalb der Binnenalster breit pflasterten. Die Möwen flatterten, die Sonne schien, die großartigen Häusermassen standen, von durchglänztem Duft milde überhaucht, um das fröhlich wogende Wasser. Es war schon Vorahnung des Frühlings.

»Sag mal, im Ernst: Ihr seid hier schon gut bekannt?«

»Meine Mutter fabelhaft. Ich erst wenig. Hab' rasend zu tun. Jetzt noch mehr als in den ersten drei Anfängerjahren. Vor ein paar Wochen abgebrannt! Na ja – man war versichert! Aber wie viel Schaden, Aufenthalt, Rückschlag – es heißt schuften. Vorwärts will ich, soll ich, muß ich – wegen Mutter – wegen Onkel Just, von dem ich hunderttausend Mark habe – wegen meiner eigenen, mir höchst werten Person.«

»Mensch, warum heiratest Du denn nicht reich? Hier ist doch Gelegenheit in Hülle und Fülle.«

»So?« fragte Allert naiv. »Ich hab' noch keine Zeit gehabt, mich danach umzutun.«

»Sage mal: ich hab' da so 'ne kleine Liste – von 'nem Kameraden entworfen, der hier sein Glück machte – ist zur Diplomatie übergegangen ...«

Aha! dachte Allert. Sein Vetter holte aus dem breiten Aermelaufschlag unter seinem Mantel einen Zettel hervor. Er warf einen Blick hinein und begann sein Verhör.

»Kennst Du Vierbrincks?«

»Davon gibt's viele.«

»Ja. Aber nur zwei sind so gestellt, daß se sich 'n Schwiegersohn meiner Art leisten könnten. Vierbrinck Sohn u. Kompagnie – Seniorchef Meno F. Vierbrinck mit Tochter Dory. Und Konsul F. M. Vierbrinck mit Töchtern Fanny und Mimi.«

»Alle drei entzückend!« sagte Allert, und sein Vetter wußte wieder nicht, ob es ernst oder mokant gemeint sei.

»Kennst Du Ruhlos? Tochter soll 'ne schneidige Sportsdame sein. Das paßte ja.«

»Stimmt.«

»Und Amsters?«

»Die Tochter ist doch schon verheiratet, an Herrn von Daister.«

»Weiß – weiß – Daister von der Kriegsschule her alter Kamerad, ja, Freund von mir – hat mir extra gesagt: Onkel seiner Frau, Senator, habe schöne Tochter – soll 'ne grandiose Erscheinung sein. Aber hier hör' ich nu ...«

»Was hörst Du?« fragte Allert hart dazwischen.

»Das soll so 'ne Art Hallelujahmädchen sein, bekämpft Prostitution, Mädchenhandel, Unsittlichkeit, schimpft auf den Mann als den Schuldigen, wenn wo Kinder kommen, mit denen es standesamtlich nicht propper ist – na, ganz kolossal modern. Das paßte ja nu nich. Mit Weibern, die mit allem Bescheid wissen, hat man ja genug zu tun gehabt. Wenn man heirat't, will man 'ne holde Unschuld – vom Lande braucht se nich grade zu sein, und 'ne runde Mitgift nimmt auch der holden Unschuld keinen Zauber. – Sage mal, kennst Du die Leute? Bei diesen Hanseaten ist das so komisch. Bei uns sagt der Name alles. Hier kennt man die Namen ja nich. Und in 'n Kaffeeladen möcht' ich och nich grade 'reinschliddern – das nimmst Du woll nich übel – Du hast ja keinen« –

»Frage einen Heiratsvermittler,« sagte Allert schneidend. »Und hier steig ich ein. Du kostest mich ein Auto. Sonst hätt' ich den Dampfer genommen – soll bei Mutter essen – wir haben uns gegenseitig an Pünktlichkeit gewöhnt.«

»Du – halt – wo wohnt Deine Mutter?« rief Patow.

Aber Allert schlug schon die Tür zu.

Wie beleidigt es, wenn andere uns die Karikatur unserer Empfindung zeigen, dachte er böse. Das macht sie uns nicht unsicher. Aber es dämmert einem so auf, wie schwer man die eigene Empfindung verteidigen, beweisen, klarmachen kann – – –

Er gab sich alle Mühe, bei seiner Mutter die gewohnte frohe Zuversicht zu zeigen. An der Tür bekam Therese ihr Scherzwort, das sie strahlend machte. In den Zimmern fand er alles wunderhübsch – aber, was ließe sich einer Mutter verbergen. Er erzählte von Fritz Patow, wie der offenbar mit dem festen Vorsatz umhergehe, hier eine reiche Partie zu machen.

»Ich habe noch keinen Offizier gesehen, der davon nicht als von einem feststehenden Programm gesprochen hätte. Aber ich habe sehr wenige gesehen, die sich wirklich verkauften. Herz und Ehre triumphieren über alle solche Programme. So wird es auch mit Fritz gehen.«

Allert hörte zerstreut zu. Endlich fragte die Mutter dann: »Hast Du es schwer im Geschäft?«

»Nun ja. Aber das war zu erwarten – Und dann – Wie mich die Frau da drüben aufhält –« Er trat ans Fenster, um sich nochmals zu vergewissern, daß man die Hausfront in der Häuserreihe jenseits des Wassers erkennen konnte. »Alle paar Tage kommt sie hinausgefahren und sieht nach, wie der Neubau vorschreitet. Und dann läßt sie mich holen, und ich muß erklären. Aber heut' hab' ich mal grob sagen lassen, ich sei verhindert. Es ist gerade, als sei ihr der Brand apropos gekommen ...«

Heute morgen und an allen Tagen sonst war es ihm nebensächlich oder ein bißchen zum Bespotten gewesen. Nun wurde es ihm der Haken, daran er vor den Augen der Mutter seine Verstimmung hängen konnte, damit sie nur glaube: aha, deshalb ...

Seiner Mutter wurde immer leicht ums Herz, wenn er sich kritisch über Frau Julia äußerte. Dann dachte sie: nein, sie ist ihm keine Gefahr.

Nun erzählte sie, daß Frau Dorne für Sonntagnachmittag zum Tee geladen habe, sie sähe dann auch zum erstenmal die Familie Amster bei sich. Sie habe es so klug verstanden, sich mehr und mehr anzufreunden, und man dürfe sich überzeugt halten, daß die schöne Frau nach einigen Monaten bereits so weit sein werde, eine Rolle zu spielen.

»Meinetwegen!« sagte Allert. Aber es war ihm doch aus unbestimmbaren Gründen nicht angenehm. Er mochte sich Marieluis nicht in nahem Verkehr mit Frau Julia vorstellen. Als Allert am Abend gerade dieses Tages in seine so schmucklose Junggesellenstube trat, da draußen in den häßlichen Fabrikstraßen, wo alles grau, herbe, unfroh aussah, selbst die Wohnungen in den angeschmutzten Häusern, da stand er wie versteinert. Seine Wirtin, eine brave Zollbeamtengattin, hatte ihm schon an der Tür gesagt: »Es ist etwas für Sie abgegeben.«

Und dies »Etwas« war ein wundervoller Korb voll Maiblumen. Sie dufteten durch das Zimmer und machten seine Nüchternheit ganz kraß. Auf derlei Dinge war er freilich nicht gefaßt.

Er nahm das Briefchen, das im Korbgriff hing. Die feinen, lila Buchstaben in ihrer anmutigen Regelmäßigkeit kannte er.

»Von einer, die zeigen möchte, daß sie viel zu einsichtig ist, die heute morgen erfahrene Abweisung übelzunehmen.«

Und wenn sie es übelgenommen hätte! dachte er geärgert.

Er setzte sich, noch mit dem Hut auf dem Kopfe, hin und schrieb:

»Wollen Sie, hochverehrte, gnädige Frau, doch Ihre Güte, für die ich dankbar bin, nicht an mich und mein häßliches Zimmer verschwenden. Mann und Raum sind zu hilflos prosaisch, als daß man solche poetischen Sendungen an sie richten dürfte. Ich küsse Ihnen gehorsamst die Hand und bin Ihr verehrungsvoller

A. v. Hellbingsdorf.«

Es war ein wenig stark, einer schönen Frau so zu schreiben. Aber er sah im Geiste merkwürdig deutlich den Mann vor sich und den glimmenden, weißen Funken in den hellen Augen. Dieser Mann war sein Mitarbeiter. Dieser Mann litt an verborgenen Eifersuchtsqualen und Unruhen. Das mußte das Entscheidende sein. Der abenteuerlüsternen Frau konnte eine schroffe Zurückweisung nicht schaden – selbst für den Fall, daß sie gar nicht ernsthaft abenteuerlüstern war, sondern nur dies kecke Spiel mit Männern liebte, um ihre Eitelkeit zu sättigen, um sich kleine Sensationen zu machen.

An den Sonntag dachte er aber doch mit Unbehagen. Er kam sich so plump vor. Er fürchtete auch, sie würde ihm die Zurückweisung nachtragen, sich dafür rächen, indem sie ihren Mann gegen ihn einzunehmen verstehe. Ja, weiß Gott, diese Teilhaberschaft hatte auch ihre Stacheln. – –

Am Sonntag vormittag kam dann endlich Mathilde Rositz an. Die Nachtfahrt hatte sie nicht ermüdet. Glücklich hing sie an Sophiens Hals und dankte immer wieder, daß sie habe kommen dürfen. Sie brachte auch viele Grüße von Mama mit. Aber in einem merkwürdigen, stillschweigenden Verstehen gingen Sophie und das junge Mädchen jedem näheren Gespräch über diese Mama zunächst aus dem Wege. Der Vormittag verlief recht ungemütlich. Erstaunlich viel Gepäck sollte untergebracht werden, und dann war da diese allzu gewandte Jungfer, durch deren Person sich Therese auf irgendeine unerklärliche Art schwer beleidigt fühlte. Daß die Jungfer schon am Abend die Rückreise zu ihrer Dame antreten mußte, machte Therese ja aufatmen, reizte sie aber auch wieder. Ja, daß dieses flinke, glatte, sichere Wesen von ihrer »Dame« sprach, während sie selbst immer »meine jnä' Frau« sagte, erschien Theresen »affig«. Am meisten reizte sie es aber, daß die Jungfer, ohne Worte zwar, aber mit Deutlichkeit zu zeigen verstand, wie klein sie die Wohnung und besonders das Zimmer für ihr gnädiges Fräulein fände. Therese nahm sich vor, hiervon nichts zu sagen. Sie hatte ein angeborenes Zartgefühl. Aber sie zog Schlüsse und Vorurteile daraus – nahm von vornherein an, daß die junge Herrin nicht minder anspruchsvoll sein würde.

Bei Tisch konnte Allert den Gast seiner Mutter dann kennen lernen. Tulla interessierte ihn nicht wenig. Er hatte ja aus den Erzählungen seiner Mutter, trotzdem sie von delikater Vorsicht waren, genug erraten, und auch ohne die kräftigen Bemerkungen der Frau v. Daister wußte er, daß Tulla seinen Bruder liebe. Daß Raspe sehr hingenommen gewesen war und sich immer noch mit ihr beschäftige, wußte er auch. Und nun dachte er: Das verstehe ich doch nicht! Ganz wie alle Männer, die jede Art von Frauenschönheit, die nicht in den Rahmen des eigenen Ideals paßt, mit ein paar kritischen Worten abzutun pflegen.

Dies überschlanke, dunkelhaarige, braunäugige Mädchen erschien ihm so unreif, so herbe. Er fand das schwarze Kleid sehr ungünstig. Zu dieser Erscheinung hätte ein schüchternes, verschlossenes Wesen gepaßt – dachte er – so ein wenig: verstoßene Tochter, darbendes Gemüt. Vielleicht hatten auch die gelegentlichen Bemerkungen der Mutter ihn dazu gebracht, etwas Aschenbrödeltum und ein aus Mangel an Liebe verbittertes Wesen zu erwarten.

Tulla aber war lebhaft, etwas aufgeregt lebhaft sogar. Das mochte an der neuen Situation liegen. Und von St. Moritz und dem dortigen Leben erzählte sie recht vergnügt. Allert hörte unbefangen zu und hörte wohl heraus, daß von der großen Winternatur und den erhabenen Eindrücken am wenigsten die Rede war. Sehr viel hingegen von den Toiletten der Frau von Samelsohn und anderer Damen, die auch seiner Mutter von Berlin her bekannt schienen. Von den Sportsiegen, Bällen, denen man nur von der Galerie aus hatte zusehen können wegen der Trauer.

Wie seine Mutter auf alles einging! Das rührte Allert geradezu. Er verstand wohl: um des teuren Verstorbenen willen wünschte seine Mutter, daß dieses Mädchen ihre Tochter werde. Da kam zu Raspes Neigung, zum allgemeinen Wunsch der Mutter, die Söhne sich verheiraten zu sehen, noch ein tiefes Gefühl. Die Söhne wußten es ziemlich deutlich, wie die zärtliche Freundschaft zu dem bedeutenden, gütigen Mann ihrer Mutter das Leben geadelt und reich gemacht hatte.

Welch herrliches Erbe konnte diese Tulla da antreten. Ob sie dessen würdig war? Ob die Bemühungen seiner Mutter, den Gedanken des verwöhnten Weltkindes wichtigeren Inhalt zu geben, Erfolg haben würden? Allert bezweifelte es einstweilen durchaus. Umwelt kann sogar auf Reife und Gefestete noch abfärben. Einem Kind, einem jungen Geschöpf bestimmt sie, vielleicht für immer, die Richtung!

Wenn sein Bruder Raspe das bedachte, war der Konflikt nicht klein für ihn. Und er unterdrückte einen Seufzer mit vielen Nebengedanken. – –

Am Nachmittag ging man zu Fuß zu den Dornes. Die Tage waren schon viel länger, und der Weg an der Alster, über die große Lombardsbrücke, zum jenseitigen Wohnquartier, gab Gelegenheit, Tulla das große Stadt- und Wasserbild in schönster Beleuchtung zu zeigen. Sie bewunderte alles, aber es schien fast, als ob sie nur aus Gefälligkeit bewundere.

Unterdes erwartete Frau Julia ihre Gäste. Die Nerven waren ihr von einer ärgerlichen Spannung erregt. Dieses Briefchen von Allert hatte sie enttäuscht. Seit jener Autofahrt durch die Nacht glaubte sie ihn zu haben. Daß ein Mann, dem sie entgegenkam, sich ihr entzog, das hatte sie nur erlebt, wenn solch ein Mann von einer Liebe beherrscht war. So stand es für sie fest, daß Allerts Herz beschäftigt war. Womit? Dem forsche mal einer nach. Ein Männerleben ist, wenn der Mann es so will, für ein neugieriges Frauenauge undurchdringlich. Als dann Frau von Hellbingsdorf am Telefon die Erlaubnis erbat, Fräulein Mathilde Rositz mitbringen zu dürfen, und dabei erklärte, daß die junge Dame, die Tochter eines verstorbenen teuren Freundes, einige Wochen hier leben werde, da war für Julias Phantasie alles klar. Dies junge Mädchen war ihr die Ursache von Allerts spröder Haltung – vielleicht war das gar eine heimliche Braut – –

Nun sah sie ein Wesen vor sich, aus dem sie nicht recht etwas zu machen verstand. Sie bemerkte wohl, wie zärtlich und töchterlich dieses Fräulein in Trauer sich an Frau von Hellbingsdorf mit Blick und Wort wandte. Aber ihr fraulicher Instinkt sagte ihr sofort, daß das schlanke, dunkle Kind, so weltgewandt es auftrat, so herzlich frei es Allert ansah, ganz unmöglich eine Rolle in seinem Empfindungsleben spiele oder spielen werde. Und nun begriff sie vollends nicht ... Sie war in einer merkwürdig gereizten, unruhigen Stimmung. Und ihr Mann, obschon er sich sehr vertieft und respektvoll mit Sophie unterhielt, ließ manchmal einen raschen, prüfenden Blick über sie gleiten. – Sie ahnte ja selbst nicht, wie genau er jeden veränderten Klang ihrer Stimme hörte – wie er jede Geste kannte – das Flackern ihrer Augen – wie von Glas sie für ihn war – und daß er nur nicht sehen wollte.

Dann kamen Amsters. Es gab ein, zwei Minuten das allgemeine Durcheinander von Begrüßungen und Vorstellungen. Die Herren hatten sich bei Besuchen verfehlt; Tulla Rositz war der Familie völlig unbekannt. Mit ihrer lächelnden Anmut vermittelte Julia alles. In jeder Situation war ihr erstes und hauptsächlichstes Bedürfnis, bewundert zu werden. Sie betrug sich auf das reizendste, schien völlig unbefangen und nur die glückliche Hausfrau, die freudig die Ankunft sehr lieber Gäste würdigt. Und dennoch hatte sie genau gesehen: im Augenblick, wo Marieluis eintrat, stieg ein rasches Rot in Allerts Gesicht ... Und – ja – auch Marieluis errötete.

Man saß in einem zwanglosen Kreise, von schön verhülltem Licht sanft überhellt. Das Gespräch floß ruhevoll, aber ohne Mühseligkeit, wie zwischen höflichen Menschen, die miteinander doch vielerlei Interessen haben. Frau Julia in ihren purpurseidenen Schuhen und blaßlila, leisen Stoffalten bewegte sich voll Grazie umher und bot selbst den Tee an. Die Männer und Frau Amster sprachen über die Politik draußen und drinnen, über die wirtschaftliche Lage und den Neubau der Fabrik. Wenn die Senatorin eine Ansicht äußerte, war es sicher eine von verwegener Fortschrittlichkeit, und ihr Gatte machte eine objektive Bemerkung darüber, daß Frauen, wenn sie links ständen, dies gleich bis zum Extrem täten, und daß, falls man die Frauen zur aktiven Mitarbeit in der Politik erst zulasse, wie seine Gattin hoffe, daß es bald geschähe, man sie nur zwei Parteien bilden sehen würde: ultrakonservative und radikale; eine weibliche Mittelpartei würde man nie erleben.

Sophie und Marieluis hörten schweigend zu. Es stand zu vermuten, daß Tulla sich langweile, aber sie lächelte manchmal der von ihr vergötterten Frau zu.

Das ganze Bild sah so durchaus landläufig und friedlich aus. Aber die sacht umhergleitende, lieblichdienende Frau ließ ihre flammenden Blicke lauernd über die zwei Menschen gleiten, deren Erröten sie gesehen ... Und sie spürte, mit welcher Vorsicht, mit welcher Befangenheit Allert und Marieluis sich vermieden. Sie sprachen nicht miteinander. Aber scheu und flüchtig suchte sein Auge zuweilen das beherrschte, schöne Gesicht. – Sehr aufrecht saß Marieluis und hielt die Hände leicht im Schoß gefaltet.

Allert empfand, gleich vielen Menschen in einer großen Gefühlsfeinheit, immer bald, wenn er beobachtet ward. Und es zwang ihn förmlich etwas, dann dem Blick des Beobachters zu begegnen. So sah er nun Frau Julia an – in einer stolzen Frage. Sie lächelte ihm vielsagend, mit funkelnden Augen zu. Und da zwang ihn wieder sein Gefühl, sogleich nach dem Mann hinüberzublicken. – Wie unangenehm war es ihm, daß er das helle Auge auf die Frau gerichtet fand – und nun wandte sich dieser stechende Blick ihm zu ... Und wieder erging es Allert wie so vielen: das Mißtrauen eines anderen macht unfrei; wirkt hinüber auf den Beargwöhnten und gibt ihm ein ärgerliches Gefühl von schlechtem Gewissen ...

Kein Wort war gesprochen worden, aber nun wußte Allert es ganz gewiß, daß dieser Mann von der Angst gepeitscht war, die Frau an ihn zu verlieren.

Ich kann ihm doch nicht ins Gesicht sagen, daß er ruhig sein darf, dachte er. Er sollte mich doch zur Genüge kennen, um zu wissen, daß sein Verdacht unbegründet ist.

Von diesem Nachmittag an schien sich zwischen der schönen Frau und Marieluis ein näheres Verhältnis anzuspinnen. Sie gingen zusammen zu den Schützlingen des Vereins. Sie besuchten Allerts Mutter gemeinsam im Atelier, wo nun, neben dem unvollendeten Bild eines hamburgischen Staatsmannes, das Porträt der jungen Tulla im Werden war. Frau Julia nahm auch einige Male die neue »Freundin« mit auf den Fahrten zum Bau. Und da traf Allert die beiden Damen. Er sah es wohl, in ihrer merkwürdigen, verschlossenen Beherrschtheit war Marieluis die Umworbene, Abwartende. Aber immerhin: sie ließ sich doch umwerben, gab sich und ihre Zeit, von der es immer hieß, sie sei den ganzen Tag ausgefüllt, den Ansprüchen der Frau hin.

Was steckte dahinter?

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